[D] ~El perdido~ nennen die Ecuadorianer einen ziemlich
großen braunen Vogel, der genau einen solchen Ruf hat, als ob ein Mensch
in der Wildniß verirrt wäre, und um Hülfe riefe.
Siebentes Capitel.
In Cachavi.
In Cachavi herrschte große Aufregung, und Niemand dachte heute an's
Arbeiten. Die _=Männer=_ mußten nämlich einen wichtigen Fall berathen,
über den indeß die _=Frauen=_ schon lange einig waren, und -- während
sich die Ehegatten in dem breiten Gerichtsgebäude sammelten, überall auf
den Straßen in kleinen Gruppen standen.
Die Sache betraf aber auch in der That nichts Geringeres, als die Flucht
José's von seinem weißen Herrn, und die Ermordung des Mulatten, denn Eva
wie José hatten bei ihrer Ankunft in Cachavi dem Alkalden die ganzen
Vorgänge treu und einfach erzählt, und um seinen Schutz gebeten, wenn
sie bis hierher verfolgt werden sollten.
Der Fall kam übrigens zu einer höchst ungünstigen Zeit, denn erst
gestern war ein Canoe von der Tolamündung eingetroffen, wo sie Nachricht
von Esmeraldas gehabt haben wollten, daß General Franco von Guajaquil
aufgebrochen wäre, Bodegas genommen hätte, und jetzt gegen Quito
marschire, um sich das ganze Land zu unterwerfen. Wenn er Sieger blieb
-- und die Berichte, die seine Anhänger hierher gesandt, ließen kaum
einen Zweifel darüber -- so schickte er einen Theil seiner Schwärme auch
jedenfalls in diesen entlegenen Theil des Landes, und was hatten sie
dann zu hoffen, wenn sie gegen einen seiner eigenen Offiziere Partei
genommen?
Die Frauen sind in der ganzen Welt über solche Combinationen erhaben.
Bei ihnen spricht das Herz das _=erste=_ Wort, und nur der Augenblick
entscheidet ihre Handlungen. Die Frauen deshalb waren auch fest
entschlossen, den armen jungen Burschen nicht wieder auszuliefern, und
was Eva betraf -- ei! _=den=_ hätten sie sehen wollen, der ihr in ihrer
eigenen Vaterstadt ein Leides that, und daß sie dem pockennarbigen
Mulatten einen Lanzenstich versetzt -- der hatte den _=Strick=_
verdient, zehnmal und hundertmal, und war ja schon einmal bei Nacht und
Nebel von Cachavi in einem gestohlenen Canoe geflüchtet, um der
gerechten Strafe für seine Missethaten zu entgehen.
In dem Gerichtssaal tagten indeß die Männer, und eine wunderliche
Versammlung war es, der der Alkalde präsidirte. Aber kein Mulatte fand
sich unter ihnen, lauter ächte, rabenschwarze Söhne Aethiopiens, wenn
auch wohl Alle auf diesem Grund und Boden geboren, saßen, lagen und
standen in dem Raum umher und rauchten ihre Papiercigarre. Sie Alle,
ohne Ausnahme, waren nackt bis auf den Gürtel, und selbst das dichte,
fest zusammengekräußte Wollenhaar verschmähte einen Hut.
Eva und José waren erst diesen Morgen vernommen worden, und Keiner der
hier Anwesenden zweifelte, daß sie mit jedem Wort Wahrheit gesprochen.
Der Alkalde selber hatte ja auch das Geld für Eva in Verwahrung gehabt,
und ihr es erst vor wenigen Tagen ausgehändigt. Er wußte genau, wie viel
es gewesen, und was sie damit gewollt.
Der Alkalde, eine schlanke, muskulöse Gestalt, mit schon grauem Wollkopf
und etwas Cavalièrem in seinem ganzen Wesen, wie denn überhaupt die
_=freien=_ Neger -- selbst in den Sklavenländern die Sklaven, wenn sie
sich am Sonntag ihre eigenen Herren wissen -- sehr gern die Bewegungen
und Manieren der Weißen nachahmen, hatte den Leuten jetzt eine lange
Rede gehalten, worin er beide Seiten der Frage beleuchtete, und seine
Zuhörer dadurch in völliger Ungewißheit ließ, zu welcher Seite er sich
eigentlich schlug, und welche Meinung _=sie=_ haben sollten. Es war
dabei schmählich warm geworden; die Sonne stand im Zenith, und kein
Lüftchen regte sich, das die Temperatur hätte nur in etwas abkühlen
können.
Ein kleiner dicker Neger, in Cachavi sehr geachtet, weil er die besten
und festesten Dächer flechten konnte, nahm da endlich das Wort und
sagte:
»Was zerbrechen wir uns denn den Kopf über ungelegte Eier. Das
Wettermädel hat dem schuftigen Nero eine Lanze in den Leib gerannt, weil
er den José mit der Macheta todtschlagen wollte -- soweit ist Alles in
Ordnung. Wenn wir uns hier im Walde nicht _=selber=_ helfen, wer soll es
sonst thun? und daß sie dem schurkischen Mulatten einen Denkzettel
gegeben, oder ihn auch meinetwegen todt gestochen hat, ist nur ein
Gewinn für die Colonie. -- Daß aber der José ein Recht hatte wegzugehen,
wenn sein Jahresgeld bezahlt worden, das mein' ich, ist außer aller
Frage, und wenn ihn der Señor zurückhaben will, mag er einfach herkommen
und beweisen, daß er ihm noch etwas schuldig ist. Nachher kommen wir
wieder zusammen, was sollen wir uns jetzt bei der Hitze abquälen.«
Der Vorschlag klang viel zu vernünftig, als daß ihm nicht alle Uebrigen
hätten beistimmen sollen. Der Alkalde schüttelte zwar mit dem Kopf; im
Grunde genommen war's ihm aber vielleicht auch recht, die Sache vor der
Hand auf sich beruhen zu lassen; alle diese Menschen leben ja doch nur
dem Augenblick. Die Sitzung war also damit geschlossen, und die Frauen
erfuhren wenige Minuten später zu ihrer Genugthuung, daß José und Eva
vor der Hand in Cachavi bleiben könnten. -- Wenn noch etwas in der Sache
geschehen solle, so möchten's die Herren in Concepcion anfangen. _=Sie=_
wollten weiter nichts damit zu thun haben.
So vergingen zwei Tage, ohne daß man etwas von dem unteren Strom gehört
hätte, und den Bewohnern von Cachavi lag auch jetzt eine andere Sache am
Herzen. Die schon lange von Ibarra erwarteten Indianer, welche neue
Waare bringen sollten, waren nämlich immer noch nicht eingetroffen, und
allerlei dumpfe Gerüchte und Vermuthungen durchliefen die kleine Stadt.
Waren sie verunglückt? -- böse Ströme hatten sie unterwegs zu passiren
-- oder sollte sich der Krieg schon bis dort in die entlegene Provinz
Imbaburru gezogen haben, daß sie dem Feinde in die Hände gefallen? Es
wäre ein harter Schlag für das kleine Städtchen gewesen, denn viele der
Einwohner würden unter dem Verlust gelitten haben.
Man beschloß endlich, ihnen einen Boten entgegen zu senden -- oder
vielmehr zwei, denn ein Einzelner würde nie den Wald auf irgend eine
Entfernung betreten -- um sich Gewißheit zu verschaffen, und zwei der
Männer wurden gemiethet, und noch an dem nämlichen Tage in die Wildniß
hinein gesandt, die Cachavi vom Malbucho auf reichlich vier Tagereisen
trennte.
An demselben Nachmittag langte aber eine andere Kunde an, die ihr
Interesse wieder an das Schicksal der beiden jungen Leute fesselte.
In Concepcion war nämlich der Weiße mit Nero's Leiche und dem anderen
Mulatten eingetroffen, und hatte die Auslieferung seines Dieners und der
Mörderin verlangt, und der Alkalde von Concepcion sandte jetzt einen
Boten nach Cachavi, um die beiden Verbrecher mit einer dort
beizugebenden Wache überliefert zu bekommen.
Der Bote kehrte aber unverrichteter Sache zurück. Der Alkalde hielt es
nach der neulich zusammenberufenen Versammlung nicht einmal für nöthig,
auf's Neue bei den Einwohnern anzufragen -- oder seine Frau entschied
vielmehr für ihn, denn sie fertigte den Boten, einen Gerichtsdiener von
Concepcion, gleich so energisch ab, und auf ihr Schreien sammelten sich
rasch so viele dunkle, drohende Gestalten, daß der arme Teufel froh war,
wie er wieder in seinem Canoe saß, und ungeschädigt das Negerdorf im
Rücken hatte.
Das war nun allerdings ein ganz entschiedener Akt der Widersetzlichkeit
gegen die bestehende Autorität gewesen, und der Alkalde selber hätte
vielleicht gewünscht, seine eigene Ehehälfte etwas weniger
leidenschaftlich dabei zu sehen, aber die Sache war einmal geschehen,
und ließ sich nicht mehr ändern, und da das ganze Dorf der Abfertigung
beistimmte, brauchte er auch die Verantwortung nicht allein zu tragen.
Herrschte denn überhaupt in Ecuador ein gesetzlicher Zustand? -- war das
Land nicht in Aufruhr und offenem Bürgerkrieg begriffen, und wußte denn
irgend Einer von Allen -- in Cachavi sowohl wie in Concepcion -- wer
jetzt Präsident im Lande sei -- und wenn er es sei, wie lange? War es
Franco noch, dann allerdings hatte der Alkalde von Concepcion den Schutz
desselben, um sich den Rücken zu decken, und konnte in dem Fall auch
wohl eine Rechtsverletzung in _=seinem=_ Sinne strafen, falls Franco's
Truppen in der That das Land besetzten, oder der Mulattengeneral Geld
genug schickte, um Soldaten hier für ihn anzuwerben -- war das aber
nicht der Fall, so hätte es ihm schwer werden sollen, sich von der
Negercolonie Gehorsam zu erzwingen, und _=den=_ Zeitpunkt konnten sie
eben ruhig abwarten.
Wer aber dadurch in die grimmigste Verlegenheit gerieth, war der Alkalde
von Concepcion. Dieser Señor Cerro, der hier als Franco'scher Offizier
auftrat, verlangte, wie er erklärte, nicht mehr als sein _=Recht=_, und
da er selber von Franco'schen Behörden in seine Stelle eingesetzt
worden, _=konnte=_ er das nicht gut vernachlässigen, ohne die
Franco'sche Regierung auf den Fuß zu treten. Jetzt aber weigerten ihm
die verwünschten Neger da oben ganz direkt den Gehorsam, und was blieb
ihm da anders übrig, als seinen Willen mit Gewalt durchzusetzen? Der
mußten sie sich ja dann auch fügen, oder offene Rebellion erklären, was
derartige Leute aber nicht sogleich thaten, da die Negeremancipation,
wie sie von der einen Regierung eingesetzt worden, von einer andern auch
eben so leicht wieder umgestoßen werden konnte.
Es galt also, einen raschen und entschiedenen Entschluß zu fassen, denn
dieser Señor Cerro drohte mit einem Bericht an den General Franco, und
der _=mußte=_ vermieden werden. Also überraschte denn der Alkalde die
Bewohner Concepcions am nächsten Morgen mit einem Aufruf an die
Nationalgarde, und verbreitete dabei -- um sich den Rücken zu decken --
die Kunde in dem kleinen Ort, daß General Franco Quito genommen habe,
jetzt gegen Ibarra vorrücke, und einen Theil seines Heeres über San
Pedro und Malbucho an den Bogota senden werde, um sich von der Loyalität
seiner Unterthanen zu überzeugen.
Das wirkte wie ein Donnerschlag aus heiterem Himmel für Viele, die bis
jetzt geglaubt hatten, der Revolution des übrigen Landes viel zu fern zu
sein, um je darunter leiden zu können, und deshalb auch, obgleich im
Herzen vollkommen Quitenisch gesinnt, doch General Franco's Partei
anerkannten -- nur eben der Bequemlichkeit wegen. Aber was ließ sich
thun? -- Gehorchten sie dem Aufruf nicht, und überschwemmten die
Franco'schen Banden wirklich das Land, dann durften sie sich auch fest
darauf verlassen, als Mißliebige denuncirt, und von den Freibeutern nach
Herzenslust gebrandschatzt zu werden. Wohl oder übel holten sie also
alle ihre halbverrosteten Waffen herbei, und um zehn Uhr Morgens lagen
vier Canoes mit Bewaffneten, und das fünfte mit dem Alkalden, Señor
Cerro, und sämmtlichen Dienern der Gerechtigkeit reisefertig an der
Landung, und setzten sich zusammen in Bewegung stromauf.
An ihnen vorbei aber glitt ein anderes, leichtes Canoe, von vier
stämmigen Negern gerudert, und am Steuer saß der kleine italienische
Schneider, der die Aufforderung, zur Nationalgarde zu stoßen, mit Hohn
zurückgewiesen hatte, und jetzt auf eigene Faust die Reise machte.
Als ihn der Alkalde bemerkte, schien er nicht übel Lust zu haben, den
kleinen contrairen Fremden zu arretiren, denn es ahnte ihm, daß der
Bursche, wenn er vor ihnen einträfe, da oben böses Blut machen würde.
Ehe er aber mit seinem Entschluß völlig im Reinen war, passirte das
Canoe schon das vorderste des Zuges, und an ein Einholen desselben war
nicht mehr zu denken. Daß der kleine, nichtswürdige Italiener aber nicht
warten würde, wenn er ihn anriefe, wußte er vorher, und durfte sich auch
deshalb nicht einmal mit einem solchen Versuch blamiren.
Des Alkalden Befürchtung war aber auch sehr gerechtfertigt, denn Rigoli
hatte kaum von der Anklage und dem Unternehmen der tapferen Ecuadorianer
gehört, als er auch augenblicklich beschloß, dem entgegen zu arbeiten.
Seine Neger entwickelten dabei einen wahren Feuereifer, ihn vorwärts zu
bringen, und am nächsten Morgen mit Tagesanbruch landete er schon in
Cachavi, während die schweren Canoes der Bewaffneten, obgleich sie
ebenfalls die halbe Nacht gearbeitet hatten, doch endlich beilegen, und
Tageslicht abwarten mußten.
Es mochte elf Uhr Mittags sein, als sie das Negerdorf in Sicht bekamen,
und sie sahen sich dabei eben nicht angenehm überrascht, die Landung
Mann an Mann mit den herkulischen, halbnackten Einwohnern besetzt zu
finden, die dabei noch Lanzen, Machetas, Musketen und eine Masse anderer
gefährlicher Werkzeuge in Händen hielten.
Was jetzt thun? -- der Alkalde wäre am liebsten gleich wieder
umgekehrt, und hätte sich damit begnügt, einen Bericht an die Regierung
in Guajaquil abzufassen, daß das Land im Aufstande wäre, und General
Franco eine Armee zum Schutz der beleidigten Autorität herbeisenden möge
-- aber Señor Cerro ließ ihn nicht.
»Glauben Sie doch nur nicht,« rief er ihm zu, »daß sich diese
sclavischen Hunde ernstlich widersetzen werden -- lassen Sie uns hier
unten landen, und in geschlossenen Colonnen hinaufmarschiren, und zeigen
sie den geringsten Widerstand, so schießen wir das ganze Nest in Brand.«
»Ja, Señor,« sagte der Alkalde verlegen, »aber sie haben nur schon
gezeigt, daß sie Widerstand leisten _=können=_. Ihre eigene Erfahrung
--«
Der Ecuadorianer knirschte die Zähne zusammen, wenn er an den Moment
dachte, wo er vor einem _=Mädchen=_ die Flucht ergriffen, und die
Erinnerung daran diente wahrlich nicht dazu, ihn zu besänftigen.
»Vorwärts,« rief er; »bei der geringsten Widersetzlichkeit feuert Ihr
zwischen den nackten Trupp hinein -- wir wollen ihnen die schwarzen
Felle pfeffern, und ich übernehme jede Verantwortung, die daraus für Sie
entstehen könnte.«
Der Nationalgarde von Concepcion blieb in der That weiter nichts übrig,
als wenigstens zu landen, wenn sie sich nicht auf ewige Zeiten
lächerlich machen, und dem Gespött der Neger aussetzen wollte. Die
Canoes wurden deshalb an das steinige Ufer gelenkt, und die Besatzung
derselben sprang, ohne daran im Geringsten verhindert zu werden, auf
trockenen Boden.
Etwas unterhalb der Stadt, und gerade der Kirche gegenüber befanden sie
sich hier; als sie aber das eigentliche und hohe Ufer erklommen, waren
sie auf's Aeußerste erstaunt, auch nicht einen der Feinde mehr zu sehen.
Wie in den Boden hinein schienen diese verschwunden, und Señor Cerro
rief triumphirend aus:
»Nun, Señor, habe ich es Ihnen nicht vorher gesagt? Wo sind die feigen
Canaillen jetzt geblieben? Zeigen Sie ihnen Ernst, und Keiner von Allen
wagt auch nur, Ihnen frech in's Auge zu sehen.«
»Da kommt der Alkalde.«
»Der alte Wollkopf?«
»Er wird wahrscheinlich unterhandeln wollen.«
»Fertigen Sie ihn kurz ab, das ist das Beste; keine Unterhandlungen mit
Rebellen.«
Der Alkalde dachte anders darüber; der alte Neger war aber jetzt schon
zu dicht herangekommen, um ein weiteres Gespräch zu gestatten, und wie
er sich auf etwa zehn Schritte genaht hatte, sagte er ruhig:
»Señor Alkalde, können Sie mir vielleicht erklären, weshalb die Boote
mit den Bewaffneten hier an unserer friedlichen Stadt landen? Ich hoffe
doch nicht, daß der Bürgerkrieg bis in unser stilles Asyl gedrungen
ist.«
»Señor Alkalde,« erwiderte der Ecuadorianer sehr förmlich, »die Ursache
kennen Sie wahrscheinlich. Es handelt sich hier um die Auslieferung
einer Mörderin, und die Zurückgabe eines entlaufenen und
contractbrüchigen Dieners. Machen Sie keine Schwierigkeiten, ~amigo~,
denn die Gesetze müssen in Kraft gehalten werden, und es sollte mir
wahrhaft leid thun, wenn ich gezwungen würde, von der mitgekommenen
Macht Gebrauch zu machen.«
»Señor Alkalde,« erwiderte der alte Neger da, aber vollkommen ruhig --
»ich glaube fest, daß wir noch Alles in Frieden beilegen können, wenn
Sie nicht eben zu sehr auf Ihre _=Macht=_ trotzen, und Recht und Gesetz
auch für uns gelten lassen.«
»Das versteht sich von selbst,« rief der Alkalde aus Concepcion rasch.
»Schön,« sagte der Alte, der übrigens keine Waffe in den Händen trug,
»dann können wir Ihnen den Beweis liefern, daß das arme Mädchen, welches
Sie eines Mordes anklagen, nur in einem Akt der Nothwehr handelte, als
sie jenen nichtsnutzigen Mulatten, der den Tod schon zehnmal verdient
hatte --«
»Sie stach ihn meuchelmörderisch nieder,« schrie Señor Cerro dazwischen.
--
»Ueber den Haufen stieß,« fuhr der alte Neger ruhig fort. »Und was den
weggelaufenen Diener betrifft, für den jener Herr da die Auslösungssumme
schon in der Tasche hat, und nicht wieder herausgeben wollte, so braucht
er uns nur die Beweise zu liefern, _=wofür=_ ihm José 120 Dollars
schuldet, und wenn die Belege alle richtig sind, soll ihm entweder das
noch fehlende Geld ausgezahlt werden, oder er seinen Diener
zurückbekommen. Finden Sie das nicht in der Ordnung?«
»Gegen das Letzte ließe sich allerdings nichts --«
»Und glaubt Ihr Canaillen,« schrie der Ecuadorianer in voller Wuth
heraus, »daß ich mich zwingen ließe, _=einem Neger=_ Contracte
vorzulegen? Beim ewigen Gott, es ist weit in Ecuador gekommen, aber dem
wollen wir ein Ende machen. -- Gebt Ihr die beiden Verbrecher gutwillig
heraus oder nicht?«
Der alte Neger antwortete ihm gar nicht -- er hob beide Hände
trichterförmig an den Mund, und stieß einen eigenthümlichen, aber
durchdringenden und lauten Ton damit hervor. -- Und überall umher wurde
es lebendig -- den Fluß herunter, den sie von hier aus deutlich
übersehen konnten, kamen plötzlich noch vier Canoes mit bewaffneten
Negern -- selbst den Strom herauf ruderten zwei mit Anstrengung aller
ihrer Kräfte, und aus allen Häusern quollen -- jedenfalls dem
verabredeten Zeichen gehorchend -- Massen von dunklen, drohenden
Gestalten, ohne sich jedoch im Geringsten feindlich zu gebehrden. Nur
den Platz schlossen sie in einem weiten Bogen vollständig ein, wo die
Canoes von Concepcion gelandet waren, und der dortige Alkalde bemerkte
zu seinem Entsetzen, daß ihre eigenen Fahrzeuge unten im Fluß von den
beiden stromauf kommenden Canoes vom Ufer gelöst, und an die andere
Seite hinüber geführt wurden, was ihnen natürlich jeden Rückzug
abschnitt.
Zu gleicher Zeit ertönte aber aus dem Walde des anderen Ufers ein
gellender, langgezogener Schrei, der jedoch nicht in Verbindung mit den
hier getroffenen Vorbereitungen zu stehen schien, denn die Neger selber
stutzten und horchten dort hinüber, aber nicht lange.
»Die Indianer kommen!« jubelte eine Stimme, und bald antwortete ein
wildes, tobendes Jauchzen dem Meldungsruf von da drüben. -- Das aber
brachte die tapferen Schaaren von Concepcion, die sich hier überhaupt
sehr in der Minderzahl sahen, ganz außer Fassung.
»Die Indianer kommen?« Hatten diese verzweifelten Schwarzen auch noch
die wilden Horden des Innern zu ihrer Hülfe herbeigerufen?
»Señor,« rief der Alkalde den alten Neger ängstlich an, »ich mache Sie
für jedes Blutvergießen hier verantwortlich. -- Wir sind als friedliche
Boten des Gesetzes zu Ihnen gekommen --«
»_=Der=_ ist verantwortlich,« sagte der alte Mann ruhig, »der den ersten
Schuß abfeuert, oder die erste Lanze wirft.«
»Aber Sie haben unsere Canoes wegnehmen lassen.«
»Zu Ihrer Abreise stehen Ihnen dieselben immer wieder zur Verfügung,«
lächelte der Alte -- »aber wer kommt da?« unterbrach er sich plötzlich
rasch und selber erstaunt, als sein Blick nach dem jenseitigen Ufer
hinüberflog -- »Soldaten?«
»Das sind die Truppen des General Franco!« rief der Alkalde von
Concepcion jubelnd aus -- »Viva Franco! Viva Franco!« schrie er dabei,
aber ziemlich vereinzelt, denn beide Parteien waren in diesem Augenblick
gleich gespannt, ob sie von dorten her Freund oder Feind zu erwarten
hätten.
Das Dickicht da drüben wurde in der That in diesem Augenblick lebendig,
und Gewehre blitzten in der Sonne -- und braune, aber uniformirte
Burschen sprangen die Uferbank hinab, und in das seichte Wasser hinein,
um den Fluß zu durchwaten.
»Viva Franco!« schrie der Alkalde noch einmal in einem Uebermaß von
Entzücken. -- »Das sind die Truppen des tapferen Generals!«
»Viva Flores!« donnerte aber in dem Augenblick von dort drüben der
Gegengruß herüber, daß der Magistratsperson das letzte Wort vor Angst in
der Kehle stecken blieb. -- »Franco, der schuftige Dieb, ist verjagt,
~_=Flores=_ el viva~!«
»~El viva~!« jubelten da die Neger, die sich von allen Seiten zum Ufer
drängten -- »~el viva~! -- ~el viva~!«
Und »~Flores el viva~« schallte es jetzt sogar aus den Reihen der
Concepcionsleute selber, die gar nicht daran dachten, die usurpirten
Rechte des Mulattengenerals zu vertheidigen, wo sie noch dazu die
Uebermacht auf Flores Seite sahen.
Der Alkalde war indessen rasch gefaßt. _=Was=_ konnte _=ihm=_ hier
geschehen? Huldigte das Volk der, wie es schien, siegreichen
Quitenischen Regierung, welchen Grund hätte _=er=_ dann gehabt, sich dem
nicht anzuschließen? Und wie er sich nur von seinem ersten Erstaunen
erholt hatte, Quitenische Soldaten von dieser Seite her marschiren zu
sehen, wo er jene furchtbare Wildniß wußte, stimmte er plötzlich lustig
in den Ruf mit ein.
Alles drängte indessen dem Ufer zu, das die durch das Wasser watenden
Soldaten jetzt erreicht hatten, und dabei sehr erfreut schienen, hier
_=keine=_ Feinde, sondern Bundesgenossen zu finden. Da erhob sich
plötzlich am unteren Theil des Flusses ein Lärm, der aber nur von ein
paar einzelnen Menschen ausgehen konnte.
»Caracho!« hörten sie eine Stimme in wildem Fluch -- »was haltet Ihr
mich fest? -- was habe ich mit Euch zu schaffen?«
»Du mit uns wohl nichts, mein Schatz,« lachte dagegen des kleinen
Italieners Stimme; »aber _=wir=_ dagegen so viel mehr mit _=Dir=_. Was
hast Du denn ausgefressen, daß Du auf einmal Fersengeld geben willst?«
»Was ist dort? -- Wen habt Ihr da?« frug jetzt der Quitenische
Offizier, der seine Leute rasch gesammelt hatte, weil er noch immer
nicht recht wußte, wie er mit den Bewohnern dieser Gegend stand. Das
Vivarufen allein hielt er noch für keine genügende Bürgschaft.
»Weiter Niemanden, Señor,« sagte da der kleine, herbeikommende
Schneider, während seine vier Neger den Gefangenen schon fest gefaßt,
und ihm in aller Eile die Hände auf dem Rücken zusammen geschnürt hatten
-- »als einen Herrn, der sich für einen Franco'schen Offizier ausgiebt,
und unter _=der=_ Firma einen ganzen Haufen voll Unheil angerichtet
hat.«
»Señor Cerro,« rief aber der fremde Offizier erstaunt, »das ist ja ein
eigenes Zusammentreffen. Also _=Sie=_ sind ein Franco'scher
_=Offizier=_?«
»Ich kenne Sie nicht, Señor,« sagte der Gebundene finster; »aber wenn
_=Sie=_ wirklich _=Quitenischer=_ Offizier sind, so verlange ich
wenigstens als Kriegsgefangener behandelt, und nicht in den Händen
dieser Schufte gelassen zu werden.«
»Hoho, Señor,« schrie Rigoli lebendig, »wir werden Dir gleich Deinen
Schädel weich klopfen, wenn Du Deine Zunge nicht im Zaume hältst.«
»Ich glaube, Sie sind in ganz richtiger Verwahrung, Señor,« erwiderte
aber kalt der Quitener. -- »Das ist kein Offizier, ~compañeros~,«
wandte er sich dann an die Leute, »sondern ein Schuft, der in Guajaquil,
als eine Art Kammerdiener des Mulattengenerals, einen bedeutenden
Diebstahl beging, und dann flüchtig wurde. Durchsucht ihn doch einmal,
vielleicht finden wir noch eine Anzahl Juwelen bei ihm, die damals
vermißt wurden.«
»Sieh einmal an,« lachte der Italiener -- »das Geldsäckchen der armen
Eva hatte er auch noch, das habe ich aber schon in Sicherheit gebracht
-- nun, vielleicht finden wir noch mehr.«
Cerro machte einen verzweifelten Versuch, seine Banden zu zerreißen,
aber die Neger hielten ihn wie in einem Schraubstock. Er wurde zu Boden
geworfen, und bald fand sich denn auch, daß er in einem um den Leib
geschnallten Geldgürtel eine Anzahl werthvoller Steine und Golddoublonen
versteckt trug.
Indessen hatten die Bewohner von Concepcion Kunde aus dem Innern von den
Neugekommenen, wie auch von den sie begleitenden indianischen
Lastträgern erfragt, und als sie jetzt die Bestätigung erhielten, daß
der kleine Tyrann Franco schon vor drei Wochen aus Guajaquil verjagt und
zu Schiff getrieben, das ganze Land aber in den Händen des Quitenischen
Generals Flores, und der Bürgerkrieg wirklich beendet sei, kannte der
Jubel keine Grenzen.
Natürlich war jetzt von einer Verfolgung oder Bestrafung José's keine
Rede mehr. Der »Señor Cerro« blieb gebunden in den Händen der Polizei,
um ihn in den nächsten Tagen durch den Sumpf nach Ibarra, und von da
nach Quito zu schaffen, wo er den ordentlichen Gerichten übergeben
werden sollte. Der würdige Alkalde von Concepcion aber war ebenfalls
machtlos geworden, und die Bürger der kleinen Stadt luden den Offizier
mit seinen Leuten jetzt auf das Herzlichste ein, mit ihnen nach
Concepcion hinab zu fahren, und dort den Sieg der gerechten Sache solenn
zu feiern.
Rigoli war einer der lebhaftesten bei dieser Einladung, und ruhte auch
nicht eher, bis er den Offizier, um den Zug mit ihm zu eröffnen, allein
und an der Spitze seiner Flotte in seinem Canoe hatte, das er jetzt mit
einer, in dem dortigen Laden zusammengekauften und rasch genähten
ecuadorianischen blau, roth und gelben Flagge schmückte.
Aber er vergaß in seinem Jubel auch nicht das arme, junge Paar, das so
viel Leid ausgestanden. Noch in der nämlichen Woche kehrte er nach
Cachavi zurück, und vier Wochen später bezogen José und Eva einen
kleinen, reizenden Rancho, unmittelbar unter der Stelle, wo der Cachavi
in den Bogota mündet, mit Orangenbäumen vor dem Hause, und ein paar
wehenden Cocospalmen, wie einem schon angepflanzten Platanar. Die
Hochzeit aber wurde in Cachavi ausgerichtet, und Rigoli tanzte darauf,
zum Jubel der Neger, die sich über den kleinen fidelen Burschen vor
Lachen ausschütten wollten, mit der jungen Frau die erste Marimba.
Der Tiger.
Es war an einem jener wundervollen Abende, wie wir sie wirklich nur in
den Tropen finden, daß ich auf Java mit Herrn Phlippeau zu seiner
Kaffeepflanzung nach Lembang hinauf fuhr. Lembang liegt außerdem schon
etwa 4500 Fuß über der Meeresfläche, von drei bis sechs Uhr Abends war
der gewöhnliche, fast immer von Gewittern begleitete Schauer gefallen,
der die Erde abgekühlt und die Bäume und Pflanzen mit seinem
erfrischenden Segen überschüttet hatte, und die Luft kühl und labend.
Hoch am Himmel stand das südliche Kreuz, und ein wunderbarer Blüthenduft
wehte von den Fruchtbaum-Oasen der einzelnen Kampongs oder Dörfer zu uns
herüber.
Die Theeplantage von Tjoem Boeloeit hatten wir schon lange hinter uns,
und der Weg zog sich ziemlich steil an dem Berghang empor, aber die vier
munteren Macassarhengste zogen den leichten Wagen rasch bergan, und
unsere Cigarren rauchend und im Fond zurückgelegt, genossen wir mit
voller Lust den wahrhaft wundervollen Abend.
So erreichten wir endlich die Höhe des Berges, auf dem das Wohnhaus mit
den Kaffeegebäuden, Mühlen und Trockenhäusern lag, von denen wir selber
etwa noch sechshundert Schritt entfernt sein mochten, als ich einen
eigenen dumpfen Ton zu hören glaubte, und in demselben Moment auch die
Pferde unruhig wurden und von dem Kutscher kaum konnten in der Straße
gehalten werden.
»Was ist?« fragte Herr Phlippeau, sich rasch im Wagen aufrichtend. --
»~Tau, Tuwan!~« sagte der Bursche mit seinem singenden Ton und
achselzuckend -- aber wir sollten nicht lange darüber in Zweifel
bleiben, denn kaum waren die Thiere, wenn auch noch schnaubend und
blasend, wieder dazu gebracht worden anzuziehen, als plötzlich das
laute, donnerähnliche Gebrüll eines Tigers an unser Ohr schlug und die
Pferde jetzt so wild und erschreckt zurückfuhren und in die Höh'
bäumten, daß uns nur eben Zeit blieb aus dem Wagen zu springen und ihnen
in die Zügel zu fallen.
Es gelang auch endlich sie wenigstens so weit zu beruhigen, daß sie
still standen, aber an ein Weiterfahren war vor der Hand nicht zu
denken, da sie sich alle im Geschirr verwickelt hatten, und ehe wir das
in der Dunkelheit lösen und in Ordnung bringen konnten, ertönte ein
neues Brüllen der verwünschten Bestie, worauf sie es ärger als zuvor
trieben. Der eine kleine Hengst besonders begann so furchtbar hinten
auszukeilen, daß der malayische Kutscher gar nicht mehr in seine Nähe
wollte; ebensowenig war dieser aber zu bewegen, nach dem kaum
zweihundert Schritt entfernten Kampong zurück zu laufen und Hülfe von
dort herbeizuholen, denn bis jetzt hatten wir alle Hände voll zu thun
die Pferde zu verhindern, daß sie nicht den Wagen seitwärts vom Weg
abschoben und zertrümmerten.
Herr Phlippeau redete dabei heftig und ärgerlich in malayisch auf ihn
ein; da er aber sehr rasch sprach, verstand ich nicht, was er sagte, und
halb lachend, halb fluchend wandte er sich endlich gegen mich und rief:
»Jetzt fürchtet sich der Esel vor dem Tiger, den er selber jeden Morgen
füttert.«
»Dem Tiger?« --
»Allerdings; ich habe ihn ja neben meinem eigenen Haus in einem Käfig.
Das ist aber schon das zweite Mal, daß es mir die Bestie so macht, und
ich muß sie todtschießen, denn die Pferde wollen mir Nachts gar nicht
mehr in die Nähe der Häuser und scheuen schon, wenn der Wind nur von
dort herüberweht und ihnen die Witterung zuträgt.«
Es gelang uns endlich die Pferde los und frei zu machen, daß der Wagen
wenigstens nicht mehr gefährdet war, und ich sprang jetzt selber nach
dem Kampong hinüber, um ein paar der dortigen Einwohner herbeizurufen,
damit sie die Pferde einzeln führen konnten. Wir selber wollten
natürlich viel lieber die kurze Strecke nach dem Hause zu _=gehen=_, als
daß wir uns noch einmal der Arbeit mit den scheuen Thieren unterzogen.
Der Tiger schien sich beruhigt zu haben, kaum aber hatten die herbei
gerufenen Malayen die Thiere gefaßt, als das Gebrüll von neuem begann
und die kleinen Hengste toller als je zu schnauben und auszuschlagen
begannen. Das aber war jetzt der Malayen Sache, mit ihnen fertig zu
werden, wir selber schritten rasch auf dem breiten, gut gehaltenen Weg
den Häusern zu, und erfuhren am andern Morgen, daß die Eingeborenen
wirklich gestern Abend noch mehrere Stunden gebraucht hatten, um die
erschreckten Pferde in ihre Umzäunung zu bringen.
Herr Phlippeau war aber fest entschlossen die unbequeme Bestie, die ihm
denselben Streich schon einmal gespielt hatte, als er vor einigen Tagen
mit seiner Frau zurück nach Hause wollte, abzuschaffen, was eben nicht
anders geschehen konnte, als sie todt zu schießen. Der Transport nach
Batavia hinab, wo er den Tiger hätte gut genug an eines der
heimkehrenden Schiffe verkaufen können, war zu lang und unbequem, auch
kostspielig, und ich selber wurde zum Executor bestimmt.
Am nächsten Morgen nahm ich deßhalb meine Büchse und ging zu dem Käfig,
oder Kasten, der mitten auf einem offenen Platz, etwa vierzig Schritt
von den Häusern der malayischen Diener entfernt, und zwischen diesen und
den Wohngebäuden stand. Der Kasten war gar nicht von starker Art und nur
aus etwa 4 Zoll starken Stäben von Arenpalmen-Holz gemacht. Dieses Holz
eignet sich aber vortrefflich dazu wilde, störrische Bestien zu halten,
denn erstens ist es zäh, und dann splittert es, wenn diese hineinbeißen
wollen, und sticht sie in das Zahnfleisch, so daß sie selten mehr als
einen oder zwei Versuche machen, ihr Gefängniß zu durchbrechen.
Die Malayen selber waren aber sehr froh, als sie hörten daß der Tiger
getödtet werden sollte, denn ihrer Behauptung nach hatte er die letzte
Nacht so furchtbar gewüthet und an seinem Käfig gerüttelt, daß sie
gefürchtet zu haben schienen, er würde sich wirklich frei machen, und
dann ihnen zuerst einen Besuch abstatten, ehe er sich in seinen Wald
zurückzog. -- Der Tiger mußte jetzt übrigens den Zorn und die Ungeduld,
die er die Nacht gefühlt, überwunden haben, denn er lag lang
ausgestreckt und ruhig in seinem Käfig und leckte seine Tatzen mit der
stachligen Zunge.
Es war noch ein junges, vielleicht zweijähriges Thier, schlank und
geschmeidig, mit glattem, wundervoll gezeichnetem Fell. Wie ich aber auf
ihn zu und dicht an seinen Käfig trat, hörte er mit Lecken auf, duckte
sich womöglich noch dichter auf den Boden nieder, legte die Ohren
zurück, fletschte die Zähne und knurrte leise und tief, wie ein
ärgerlicher Hund. So lag er eine lange Weile -- seine Augen waren
ordentlich grün geworden und leuchteten unheimlich, und wie ich einen
Arm nach seinem Käfig ausstreckte, als ob ich ihn berühren wollte, fuhr
er plötzlich mit einem wilden Satz und weit geöffnetem Rachen gegen die
Stäbe an. Aber er biß, von früher her wahrscheinlich gewitzigt, nicht
hinein, sondern schien sich damit zu begnügen, mir nur anzuzeigen, daß
ihm meine Gegenwart unbequem sei.
Einige zwanzig Arbeiter vom Platz hatten sich indessen ziemlich dicht um
den Käfig versammelt, und nur die Frauen wichen scheu zurück, als das
gereizte Thier empor fuhr. Der Tiger aber, wie damit zufrieden gestellt,
daß er uns seinen Muth und seine Kampfbegier gezeigt, war wieder in
seine alte Stellung zurückgefallen, und nur der tückische Blick blieb
mir seitwärts zugewandt, als ob er in mir seinen schlimmsten Feind
ahnte. Wäre er frei gewesen, so bin ich auch fest überzeugt, daß er
mich, vor allen Anderen, angenommen hätte. -- So freilich mußte er sich
das vergehen lassen; der kleine aber starke Käfig hielt ihn sicher
genug.
Der Kasten war in der That kaum breit genug, daß das so geschmeidige
Thier im Stande schien sich darin umzudrehen, und er lag jetzt mit dem
Gesicht nach vorn und den Rücken der schmalen Thür zugedreht, die mit
einem hölzernen Zapfen verschlossen gehalten wurde, vollkommen bequem zu
einem sicheren Schuß.
Da ich ihn noch abstreifen wollte, ehe es zu heiß wurde, zögerte ich
auch nicht lange, und ließ die Malayen von der anderen Seite
zurücktreten, weil ich nicht wußte, ob meine Spitzkugel, die ich damals
noch führte -- ich bin auf der Jagd aber vollkommen davon zurück
gekommen -- nicht doch vielleicht durch den Schädel schlagen und auf der
anderen Seite noch Unheil anrichten konnte. Die neugierigen Burschen
waren aber kaum fern zu halten, so wollten sie alle, ganz in der Nähe,
den Tod des Raubthiers betrachten, und wie ich nur wenigstens vor der
Kugel freien Raum hatte, trat ich dicht an den Käfig, hielt dem
Raubthier die Mündung des Büchsenlaufs vor das Ohr und drückte ab.
Der Tiger zuckte nicht einmal zusammen; der halb und tückisch nach mir
gehobene Kopf fiel auf seine Tatzen nieder, und die Malayen sprangen
jetzt zu ihm heran. Wie ich selber aber nun den Schuß gefeuert hatte,
gab ich mein Gewehr dem Nächsten zum Halten, trat hinten an den Kasten,
zog den Pflock heraus und öffnete die kleine Thür. Das aber hatten die
Malayen nicht gedacht. Auf den Tiger war allerdings ein Schuß gefallen,
aber daß er todt sei und keinem Menschen auf der Welt mehr schaden
könne, wußte ich nur allein, die Malayen schienen wenigstens von einem
so raschen und nicht von der geringsten Bewegung begleiteten Tod noch
keineswegs überzeugt, und kaum hatte ich die Klappe geöffnet, ja wie ich
nur den Pflock herauszog, stoben sie alle in wilder Flucht und mit
lautem Geschrei auseinander und ihren Hütten zu.
Es war ein höchst komischer Anblick, und vergebens mein Rufen, daß der
Tiger todt und unschädlich sei. Erst als ich mich nicht weiter um sie
kümmerte und den Tiger beim Schwanz ergriff, aus dem Käfig zog und
anfing ihn abzustreifen, kamen sie wieder schüchtern näher und lachten
nun selber, in ihrer gutmüthigen Weise, über ihre Furcht. Keiner aber
legte mit Hand an, und sie ließen mich meine Arbeit ganz allein
vollenden. Erst als ich die Haut vollkommen herunter hatte und mir nun
von Einigen dünne Bambusstäbe bringen ließ, um sie auszuspannen und dann
in der Sonne rasch zu trocknen, machten sich ein paar von ihnen daran
den Körper aufzuschlitzen.
Im Anfang wußte ich allerdings nicht, zu welchem Zweck das geschah, denn
daß sie das Fleisch des Tigers nicht essen, hatte ich schon oft
bestätigen hören. Sie nahmen aber auch nur das Herz des Raubthiers
heraus, das sie in kleine Stücke schnitten und unter einander
vertheilten. Wie ich ihnen noch erstaunt zusah, verschluckten auch ein
paar von ihnen ihren Antheil gleich roh an Ort und Stelle, und nur mein
letzter Führer auf der Rhinocerosjagd, ein Bursche, der auch nicht einen
Funken von Courage besaß und bei dem Ausreißen vorher der
Schnellfüßigste gewesen, verschwand mit seinem Stück und kehrte erst
nach einigen Minuten ohne dasselbe zurück.
Er sollte mir jetzt erklären, was dieser Gebrauch bedeute, denn zum
Sattessen hatten sie das Fleisch keinesfalls genossen, dazu waren die
Bissen zu klein gewesen. Er kam dann endlich, wenn auch etwas verschämt,
mit dem Bekenntniß heraus, daß die Javanen, wenn sie ein Stück von dem
Herzen des Tigers verzehren, auch einen Theil von dessen Muth bekämen.
Rasch setzte er aber hinzu, daß er nichts davon gegessen habe, das solle
ich nicht glauben -- und dabei saß ihm das frische Blut noch in den
Mundwinkeln.
Merkwürdiger Aberglauben, den die Leute haben, nicht wahr? -- Und machen
wir civilisirten Christen es etwa besser, haben wir nicht eine Menge von
Dingen, die andere Völkerschaften für ebenso unhaltbar und thöricht
halten, wie wir jenen Gebrauch? Es ist und bleibt dieselbe Geschichte,
und wir wollen nur nicht selber eingestehen, das wir _=Alle=_ Balken im
Auge tragen.
Thöricht ist der Gebrauch aber schon aus dem Grund, weil die Leute mit
dem Stück vom Herzen den _=Muth=_ des Tigers gewinnen wollen; es giebt
nämlich auf der Welt keine, zwar blutgierigere, aber auch feigere
Bestie, als gerade den Tiger. Er reißt Menschen nieder, ja, aber nur,
wenn er sie aus dem Hinterhalt überfallen kann, nie und nimmer offen und
Gesicht in Gesicht. Heimlich schleicht er herbei und liegt auf der
Lauer, um irgend ein Stück Wild oder auch vielleicht ein Rind zu
erbeuten, aber schon das Geräusch des nahenden Menschen schreckt ihn
empor und treibt ihn in die Flucht, und wenn man in Java wirklich von
_=Menschen=_ hört, die er überfallen hat, so sind es fast immer nur
Frauen und Kinder, an die er sich gewagt.
Schon seine ganze Jagd beweist, wie wenig Muth er besitzt, denn er muß
getrieben und umstellt werden, ehe man ihn zum Schuß bekommen kann, und
nur schwer verwundet oder in der Verzweiflung sich überlistet zu sehen,
nimmt er, wenn er nicht länger fliehen _=kann=_, den Kampf an, und dann
freilich ist er ein gefährlicher Gegner, ja vielleicht der gefährlichste
von allen wilden Bestien, weil seine Gewandtheit seiner furchtbaren
Kraft gleich kommt.
Es ist vorgekommen, daß ein Tiger eins der kleinen Javanischen Pferde
aus einer fünf Fuß hohen Umzäunung geraubt hat, ohne den Zaun zu
durchbrechen, und er muß es, wenn er nicht damit hinüber _=gesprungen=_
ist, doch wenigstens hinübergehoben haben, wozu kaum _=vier=_ Menschen
im Stande gewesen wären -- und draußen trug er es im Rachen fort. Aber
Märchen sind es auch wieder, wenn man behauptet, daß ein einziger Schlag
seiner Tatze einen Büffel betäube und zu Boden werfe. Nur wenn er ihm
auf den Nacken springen kann, ist der _=einzelne=_ Büffel verloren, und
den dortigen ~bantings~ oder wilden Rindern mit ihren spitzen Hörnern,
die sich stets in Trupps halten, soll er scheu aus dem Wege gehen, und
nur wo das ungestraft geschehen kann, auf ein Kalb fahnden.
Es giebt in Java viel Tiger, und man findet sogar in den Walddistrikten
hie und da sogenannte »todte Kampongs«, die von den Bewohnern der vielen
Tiger wegen früher verlassen und deren Stätten von der gewaltigen
Vegetation schon lange überwuchert wurden, so daß nur die früher dort
gepflanzten Cocos- und Arecapalmen die Stellen bezeichnen, auf denen sie
gestanden. Und doch wird von dem Jäger nur in höchst seltenen Fällen,
und dann selbst nur durch Zufall, ein Tiger im Wald angetroffen und
erlegt, denn der Tiger hält eben nicht Stand. Nur in Gruben wird er
gefangen, oder hie und da benutzt auch wohl ein Europäer ein von der
Bestie zerrissenes und aufgefundenes Stück, um Nachts dabei anzusitzen
und sie auf dem Anstand zu erlegen. Alle von den Eingeborenen erbeuteten
Felle _=müssen=_ dabei an die Regierung eingeliefert werden und der
Eigenthümer bekommt dafür eine vom Staat festgesetzte Prämie von früher
fünfzehn jetzt zwanzig Gulden.
Der Tiger spielt aber, trotz seiner Feigheit, bei den Javanen eine große
Rolle und besonders seinen Krallen -- außer der Wirkung, die das frisch
verzehrte Herz ausüben soll -- trauen sie noch eine besondere Kraft zu,
oft sehr zum Aerger der Europäer, die sich dort angekaufte oder sonst
gewonnene Felle gern vollständig erhalten wollen. Die Eingeborenen
stehlen nämlich diese Krallen, wo sie ihrer nur irgend habhaft werden
können, und auch an dem Fell, das ich an jenem Tag abstreifte und zum
Trocknen in die Sonne hing, fehlten sie schon an dem nämlichen Abend
sämmtlich.
Negerleben.
Die Menschen gewöhnen sich -- und es ist das eine merkwürdige Thatsache
-- mit der Zeit selbst an das Wunderbarste, so daß sie es zuletzt nicht
einmal der Mühe werth halten, mehr darüber nachzudenken. Wir sehen die
Sonne auf- und untergehen, die Pflanzen keimen und wachsen, das Meer
ebben und fluthen -- sehen Winter und Sommer kommen, den Baum aus einem
Kern, den Schmetterling aus einer Raupe, den Lieutenant aus einem
Wickelkind entstehen, und bemerken die Verwandlung nicht einmal mehr,
die für uns etwas Alltägliches geworden.
So staunen wir auch wohl anfangs neue Erfindungen an und bewundern die
Kraft des Dampfes und Elektro-Magnetismus -- aber nicht lange, dann
benutzen wir sie und können uns kaum noch denken, daß es eine Zeit
gegeben hat, in der sie nicht gekannt war.
Ebenso geht es mit althergebrachten Gewohnheiten und Sitten. Kommt ein
Europäer in ein tropisches Land, so ist er ganz erstaunt, dort auf
einmal einer Race zu begegnen, die vollkommen nackt in der Welt
herumläuft, und will sich halb todt lachen, wenn sich der König eines
fremden Volkes zu ihm auf die Erde setzt und ihn um etwas Tabak
anspricht; aber kaum lebt er vier Wochen unter den Leuten, so sieht er
weder die Nackten mehr, noch findet er etwas Außerordentliches in der
Herablassung Sr. Majestät.
Genau so geht es uns mit der Sclaverei.
Wenn sie noch nie bestanden hätte und ein Mensch sich dann erfrechen
wollte, einen zweiten, der eine andere Hautfarbe hat, als er, und nicht
ganz so »gebildet« ist, zu zwingen, für ihn umsonst zu arbeiten, während
er in der nämlichen Zeit dessen Frau und Kinder an einen Dritten
verkaufte, so wären wir außer uns und hielten das mit Recht für eine
Scheußlichkeit und Niederträchtigkeit. Jetzt aber sind wir so gewohnt,
von Negersclaven und deren Versteigerung zu hören, daß die meisten
Menschen bis vor kurzer Zeit gar nichts Absonderliches mehr in der Sache
fanden. Ja, in den Ländern, wo die Sclaverei wirklich bestand, wurde
sogar das Recht der Weißen, schwarze Sclaven zu halten, in den Schulen
gelehrt, und Geistliche entblödeten sich nicht, die heilige Schrift zu
mißbrauchen, um ein solches Verbrechen als von Gott selber eingesetzt
hinzustellen.
Daß wir die Baumwolle theurer bezahlen müssen, wenn es einmal keine
Sclaven mehr giebt, steht wohl fest, denn der Arbeiter verlangt dann
seinen verdienten Lohn, aber das Rechtlichkeitsgefühl civilisirter
Menschen hat sich endlich dahin ausgesprochen, daß ein wenn auch durch
Jahrtausende geübter Brauch doch ein Mißbrauch und eine
Niederträchtigkeit sein könne, und während in Rußland die Leibeigenen
freigegeben wurden, traten in Nordamerika Hunderttausende unter Waffen,
um ihr Vaterland von der Schmach zu befreien, zu den Sclavenstaaten
gezählt zu werden.
Es fällt mir indessen hier nicht ein, eine Abhandlung über die
Sclaverei, ihre Nichtberechtigung oder Berechtigung zu schreiben. Der
gesunde Sinn des Volkes hat längst darüber entschieden und sie für ein
Verbrechen erklärt -- wenn es auch selbst in Deutschland noch einige
Menschen giebt, die sie vertheidigen und mit schalen Phrasen ihre
Existenz als nothwendig darzustellen suchen. Ich selber möchte hier dem
Leser nur eine kurze Schilderung der Zustände geben, in denen ich Neger
in den verschiedenen Welttheilen getroffen habe, und eine solche
Zusammenstellung ist immer insofern interessant, als sie einen
Vergleich zuläßt.
Von der Heimath der Neger will ich nicht reden. Leute, die mit deren
Vaterland genau vertraut sind, haben das schon viel besser gethan, als
ich es im Stande wäre. Nach Allem aber, was man von ihnen hört und
sieht, scheint es, daß sie dort, wo sie mit den Weißen noch nicht in
nähere Berührung kamen, wie das auch bei den Indianern der übrigen
Welttheile der Fall ist, harmlos und gastfrei sind und eben nicht mehr
arbeiten, als sie zu ihrem Lebensunterhalt brauchen.
Dann kommen die Europäer zu ihnen. Portugiesische Sclavenhändler
durchziehen das Land, die Gier nach Reichthümern wird in ihnen erregt,
alle Leidenschaften werden wachgerufen und zu Verbrechen gesteigert, und
dann werfen sich die Weißen in die Brust und sagen: »Was für thierische
Völker sind das! Kann sie Gott der Herr für etwas Anderes erschaffen
haben, als den Weißen durch ihre Körperkraft zu dienen?«
Wir wollen uns diese thierischen Völker betrachten, wie sie in anderen
Ländern der Erde leben, wohin sie aber nur durch die Weißen selber
gebracht wurden.
Die eingeborenen Afrikaner sind nämlich keine seefahrende Nation, woran
auch vielleicht die ungünstige Beschaffenheit ihrer Küsten die Schuld
trägt. Nur die ihnen zunächstliegenden wenigen Inseln haben sie
bevölkert und sie entweder ganz besetzt, oder sich mit den Ureinwohnern
vermischt, wie z. B. auf der Westküste von Madagascar.
Daß die Eingeborenen Australiens eine Mischlingsrace von Aethiopiern und
Malayen sein sollten, ist nur eine Phantasie Blumenbach's. Die
australischen Schwarzen sind ein unzweifelhafter Urstamm, und nie hat
ein Aethiopier oder Neger deren Küsten, außer auf einem Schiffe der
Weißen, betreten.
Auch im ostindischen Archipel, ja selbst in dem ihnen gegenüberliegenden
Arabien finden wir keine Spur von ihnen als freien Einwanderern. Sie
sind nur als Sclaven dort hinüber geschleppt, während sie von den an
ihren Küsten landenden Abkömmlingen der kaukasischen Race weiter und
weiter in das innere Land zurückgedrängt wurden.
Wenn sie aber nicht selber zur See gehen wollten, so gab man ihnen
Passage, und die Spanier und Portugiesen, nachdem sie in Amerika die
gutmüthigen Indianer unter dem Vorwand, ihre Seelen zu retten,
erschlagen oder zu Tode geknechtet hatten, mußten schon Sclaven dort
hinüber führen, um die Arbeit zu thun, die das faule Seeräubergesindel
nicht selber verrichten mochte.
Nordamerika folgte, und wie sich der Reis-, Baumwollen- und
Zuckerrohrbau als ergiebig zeigte, schaffte man Neger dort hinüber, die
nicht allein die Felder bestellen mußten, sondern auch einen
einträglichen Handelsartikel bildeten.
Die Sclaven werden nun überall, wo man sie hält, nur in seltenen Fällen
wirklich schlecht behandelt, denn es liegt im eigenen Interesse des
Besitzers, sie gesund und bei Kräften zu erhalten. Sie dürfen deshalb
ebensowenig, wie ein Pferd oder Stier, überarbeitet werden, und die
Hauptkunst eines ordentlichen »Sclavenzüchters« besteht darin, so viel
Arbeit aus ihnen herauszubekommen, als sie leisten können, ohne sie
dabei zu schädigen.
Es giebt Ausnahmen -- ich kenne auch selbst aus den Vereinigten Staaten
Beispiele von boshafter, ausgesuchter Grausamkeit -- Geschichten, wie
sie selbst Mrs. Beecher-Stowe nicht schlimmer erdacht hat, die doch das
Mögliche darin leistete, aber es sind das doch nur Ausnahmen. Im Ganzen
hatten sie ihre bestimmte Arbeitszeit und ihre ihnen angemessene Kost,
auch die nöthige Kleidung, und die meisten Herren gaben ihnen auch noch
einen Gartenplatz, um darin für sich selber zu arbeiten. Die
Vertheidiger der Sclaverei sagen nun: »Was will so ein Neger mehr? Ist
er nicht viel besser daran, als unsere deutschen Armen, die, wenn sie
krank und elend werden, verhungern können, ohne daß sich ein Mensch um
sie bekümmert? Der Herr muß seinen Sclaven erhalten, auch wenn er nicht
arbeitet.«
Das ist wahr, und die gezwungene Arbeit bleibt das geringste Elend der
Sclaven -- das furchtbarste ist der Verkauf.
Eine Negerfamilie hat über Tag ihre Arbeit gethan, ihr Herr ist gut und
milde mit ihnen, sie werden freundlich behandelt, aber -- er liegt krank
in seinem Haus. Wenn er morgen stirbt, wird das Gut mit seinem Inventar,
zu dem die Sclaven gehören, verkauft, und was wird dann aus ihnen? Jetzt
noch sitzen Vater und Mutter mit ihren Kindern beisammen -- wie lange
noch? Die Gesetze verboten freilich, daß in den Staatsauctionen die
Familien getrennt wurden; aber wer kaufte die Neger auf den Auctionen?
Nur herumreisende Yankees, denn kein anständiger Südländer würde sich zu
dem schmutzigen Geschäft eines Sclavenhändlers hergegeben haben; nur
diese Menschenclasse, die der freie Norden und dort hauptsächlich der
kleine Complex der eigentlichen Yankeestaaten, Massachusets, Connecticut
und Vermont liefert. Die aber machten sich auch kein Gewissen daraus,
Familien zu trennen und das Weib von dem Gatten, Kinder aus dem Arme der
Eltern zu reißen. Es war einmal ihr Geschäft, für das ja auch sogar
mancher deutsche Gelehrte seine Lanze einlegte und, wenn auch unbewußt,
seine Rechtmäßigkeit vertheidigte.
Das ist das Furchtbare im Leben des Negersclaven, daß er nie und zu
keiner Stunde seiner eigenen Familie sicher ist, daß er, wenn er sein
Kind auf den Arm nimmt und es herzt und küßt, nicht weiß, ob nicht schon
morgen ein frecher, tabakkauender Weißer, von den Gesetzen beschützt,
den Arm danach ausstreckt und er es nie, nie wiedersieht. Fragt die
Aermsten unserer Armen, fragt die unglücklichen Erzgebirger, die sich in
ungünstigen Jahren von faulen Kartoffeln nähren und nicht einmal genug
von _=der=_ Nahrung haben, ob sie mit ihm tauschen möchten!
Aber sonst geht es den Negern gut.
Es ist gerade so, als ob ich von einem Menschen sage: »Er hat freilich
die Schwindsucht -- aber sonst geht es ihm gut.«
Ein glücklicher Leichtsinn half dem Volk übrigens das oft
Unerträglichste wirklich zu ertragen. Ja, man hörte wohl dann und wann
einmal von dem Selbstmord einer Mutter, der man ihr Kind geraubt und die
sich in den Strom gestürzt; auch hat dann und wann ein junger Bursch aus
thörichter Eifersucht einen Aufseher erschlagen und ist natürlich
deshalb gehangen worden. Aber war das nicht Wahnsinn, mußte er denn
nicht wissen, daß die Sclavinnen alle Eigenthum ihres Herrn sind, und
keines der Mädchen dem Aufseher oder ~nigger-driver~ eine kleine
Gefälligkeit weigern konnte, wenn sie nicht die Hölle auf Erden haben
wollte?
Wie vergnügt die jungen Leute trotzdem zur Arbeit gingen! Es lag ihnen
einmal im Blut, und wenn man sie so zusammen schwatzen und lachen hörte,
hätte man kaum glauben können, daß eine einzige Sorge ihr Leben trübe?
Der Neger hat ungemein viel Sinn für das Komische und Niemand in der
Welt kann herzlicher und lauter lachen, als ein Neger. Ihr Jaw! Jaw!
Jaw! hört man oft unglaubliche Strecken weit, und sie biegen sich dabei
zurück und zeigen ein paar Reihen von Zähnen, die an blendender Weiße
Nichts zu wünschen übrig lassen. Musik und Tanz lieben sie ebenfalls
leidenschaftlich, und das einfachste Instrument genügt, um eine ganze
Plantage auf die Füße zu bringen. Oft und oft habe ich die Arbeiter
bewundert, die an der Levée von New-Orleans die schweren
Baumwollenballen und Zucker-»~hogsheads~« an Bord der Schiffe wälzen.
Besonders das letztere Geschäft treiben sie systematisch.
Es giebt nämlich kaum eine schwerere Arbeit, als solch ein großes
Zuckerfaß zu rollen, denn es ist nie vollständig gefüllt. Der schwere
Zucker fällt dadurch fortwährend nach unten, so daß stets das ganze
Gewicht gehoben werden muß. Je schwerer die Arbeit aber, desto lauter
und lustiger geht es dabei zu, und man soll nur einmal die acht Mann,
die gewöhnlich zu einem großen Faß gebraucht werden, sehen, wie sie
dabei hüpfen und springen und im Tact ein munteres Lied singen. Wie am
Bord der Schiffe bei schweren Arbeiten, macht auch hier Einer den
Vorsänger, der irgend eines ihrer oft schwermüthigen, oft ausgelassenen
Negerlieder singt, in das dann, beim Ende eines jeden Verses, der Chor
in lauter jubelnder Lust einfällt. Aber noch nicht genug, der Vorsänger
ist auch zugleich Vortänzer, und während er jetzt mit triefender Stirn
gegen die ungefüge Last anarbeitet, springt er plötzlich zurück, tanzt,
während er die zwei letzten Strophen seines Verses singt, um die
Arbeitenden und das Faß her, und wirft dann mit dem Refrain seine
Schulter wieder gegen das riesige Hogshead.
So finden wir sie in den Sclavenstaaten, während sie in der Freiheit
ganz andere, viel gesetztere Menschen werden und ihrer Arbeit mit großem
Eifer, aber weit ruhiger obliegen, den fröhlichen leichtherzigen Sinn
aber auch da nicht verleugnen.
In den nördlichen Staaten der Union leben Tausende und Tausende von
freien »Farbigen«, wie sie sich dort selbst bezeichnen, denn sie setzen
eine Ehre darin, nicht etwa Schwarze oder gar Neger und noch schlimmer
Nigger genannt zu werden, da das Wort Nigger eins ihrer eigenen und
ärgsten Schimpfworte ist. Sie belegen ihre Race auch deshalb nur mit dem
Namen ~coloured people~ oder farbiges Volk, und der Unterschied
zwischen ihnen und den Weißen wird mit ~a white lady~ und ~a coloured
lady~ oder ~a white gentleman~ und ~a coloured gentleman~
ausgedrückt.
Nun fand man sie allerdings in vielen Gewerken vertreten; sehr selten
wird man aber einen der Race als Drechsler, Blechschmied, Uhrmacher &c.
antreffen, selbst Kaufleute und Händler wurden sie nur in
Ausnahmsfällen. Dagegen monopolisirten sie schon früher in allen
nordischen Städten Amerikas sowohl, wie selbst im Süden die sogenannten
~barbershops~ oder Barbierläden, in denen auch stets zugleich frisirt
wird. Sämmtliche Köche und Kellner in den großen Hotels, ~Oystershops~
und anderen Anstalten sind ebenfalls »~coloured men~« und keine
Musikbande besteht fast von den Canadischen Seen nieder bis zum Cap Horn
an der Südspitze des Festlandes, wo nicht ein Neger oder Mulatte die
große Trommel schlüge oder Cymbeln und Triangel bearbeitete.
Auch an Bord von Schiffen sind sie meist Köche und Stewards, seltener
Matrosen, nie aber konnten sie als Steuermann fahren und können es
wahrscheinlich noch nicht, denn kein weißer amerikanischer Matrose würde
sich von ihnen etwas befehlen lassen.
Merkwürdig ist überhaupt die grenzenlose Verachtung, mit welcher die
farbigen Leute, selbst in ihren lichtesten Abkömmlingen, von den weißen
Nordamerikanern behandelt wurden, ehe ihre Emancipation erklärt war. Sie
hatten im Theater ihre bestimmten Plätze, auf der Eisenbahn ihre
besonderen Wagen, sie mußten in den Straßen jedem Weißen ausweichen,
wenn sie sich nicht augenblicklicher Züchtigung aussetzen wollten, und
nur in neuerer Zeit scheint man den Versuch gemacht zu haben, sie in
_=Allem=_ den weißen Bürgern der Union gleichzustellen, ja ihnen sogar
das Stimmrecht zu verleihen, und es bleibt abzuwarten, wie lange das gut
thut. Es wird aber sehr schwer sein, die alten Vorurtheile so mit einem
Mal zu beseitigen, denn der Weiße _=haßte=_ nicht allein den Neger --
das hätte sich ändern lassen --, nein er _=verachtete=_ ihn auch, und
ein derartiges Gefühl ist unendlich schwer in Achtung zu verkehren.
Geschah doch sogar das Außerordentliche vor einigen Jahren in einem der
ersten Hotels Bremens, einer _=deutschen=_ Stadt, wo ein
Violinenvirtuos, ein Mulatte und ein durchaus gebildeter junger Mann,
die Tafel auf Geheiß des Wirthes verlassen mußte, weil die dort das Haus
zahlreich frequentirenden amerikanischen Schiffscapitaine drohten, das
Hotel in Verruf zu erklären, wenn der _=Nigger=_ nicht entfernt würde.
Jetzt ist die Sclaverei im Norden aufgehoben, und das einzige Land des
amerikanischen Continents, wo es noch (außer in einem kleinen Theile
Guianas) Negersclaven giebt, ist Brasilien. Dorthin wird auch noch --
trotz aller dem entgegenlaufenden Gesetze -- ein lebhafter Negerhandel
von der afrikanischen Küste getrieben. Man scheint übrigens die Sclaven
in Brasilien -- so weit ich nämlich darüber urtheilen kann, -- ziemlich
gut zu behandeln, und die Regierung thut auch ihr Möglichstes der
Verbreitung der Sclaverei entgegenzutreten. Verbietet man doch sogar
den deutschen Colonisten dort Sclaven zu halten. Die Neger verleugnen
aber auch dort ihr leichtes Blut nicht und verrichten die schwersten
Arbeiten unter Singen und Lachen. So sah ich einst vier Neger ein
Pianino in Rio-Janeiro durch die Straßen tragen, und zwar auf ganz
eigenthümliche, dort aber stets gebräuchliche Weise. Sie trugen das
ziemlich schwere Instrument an den vier Ecken auf den Köpfen, und
keuchten nicht etwa ihren Weg entlang, sondern _=tanzten=_. Einer von
ihnen hatte eine Art von Castagnetten, mit denen er den Tact angab, und
während sie mit lauter, jubelnder Stimme und außerordentlich vergnügten
Gesichtern eines ihrer tollen Lieder sangen, tanzten sie dabei im wahren
Sinn des Worts auf dem breiten Trottoir hin und verdrehten ihre Körper
in der wunderlichsten Art.
In sämmtlichen Republiken des amerikanischen Continents sind die
Negersclaven freigegeben, denn mit Recht hielten es die damaligen
Gesetzgeber einer Republik für unwürdig, alle Menschen frei und
gleichberechtigt zu erklären, und doch dabei die eine bestimmte Race in
Banden und Knechtschaft zu halten. An der ganzen Westküste Amerikas, wie
auch in den La Plata-Staaten, giebt es, dem Gesetz nach, keinen Sklaven
mehr. Wo aber wäre schon ein Gesetz gegeben worden, das nicht der
Eigennutz und die Habgier der Menschen zu umgehen und kraftlos zu machen
gewußt!
Das Gesetz in Ecuador und Peru sagt ausdrücklich, daß dort kein Neger
mehr als Sclave gehalten und verkauft werden darf, und doch geschieht
Beides noch bis zu dieser Stunde, wenn auch in beschränktem Maße, aber
noch dazu vor Gericht und von den Gesetzen unterstützt. Das Wie? ist
leicht erklärt. Die Neger sind Alle frei, aber -- Contracte haben,
zwischen Arbeitgeber und Arbeiter, volle Gültigkeit. Die Neger sind,
wenn nicht zur Arbeit gezwungen, ziemlich faul, und Viele von ihnen auch
dem Trunk ergeben. Haben sie gar kein Geld mehr, so arbeiten sie, und
Weiße finden sich überall, die ihnen Vorschuß geben. Hat der Neger aber
von einem Weißen erst einmal Vorschuß bis zu einer Höhe von vierzig
Dollars erhalten, dann kommt der Gläubiger zu den Schwarzen und sagt:
»Hör' einmal, lieber Freund, das geht nicht mehr. Was Du mir schuldig
bist, kannst Du allerdings nach und nach abarbeiten, aber Du mußt mir
jetzt hier diesen Schein unterschreiben, daß ich vierzig Dollars an Dich
zu fordern habe und Du mir dafür ein Jahr dienen willst. Was Du indessen
brauchst, geb' ich Dir.« Der Schwarze unterschreibt nun den Schein und
tritt in den Dienst des Weißen, dessen Sclave er von dem Augenblick ist,
denn in nur sehr seltenen Fällen wird er wieder frei. Was er nämlich
indessen an Kleidern und Schuhwerk braucht, oder an Branntwein haben
will, giebt ihm sein neuer Herr bereitwillig, zu von ihm selbst
festgestellten Preisen, und sorgt dadurch schon dafür, daß er bis zum
Ende des Jahres wieder die alten vierzig Dollars Schulden hat.
Auch ein förmlicher Verkauf ist dabei nicht ausgeschlossen, wenn dieser
auch unter einem anderen Namen stattfindet. Ein Anderer zahlt nämlich
dem Gläubiger die Schuldsumme vor Gericht, und eine Kleinigkeit mehr
privatim, wenn verlangt, und der Sclave -- wechselt seinen Herrn.
In Ecuador haben sich die befreiten Sclaven meist in das niedere Land
gezogen und dort ganze Districte besiedelt. In den mächtigen
Niederungen, besonders an den Ufern der verschiedenen Ströme, sind
förmliche Niederlassungen von ihnen gegründet, und man kann dort
tagelang reisen ohne einen anderen Menschen als einen Neger oder
Mulatten zu treffen. So fand ich am Cachavi (einem kleinen Strom, der
sich in den Santiago ergießt und durch diesen mit dem Pailon in
Verbindung steht) eine völlige kleine Negerrepublik. Sie hatten dort
einen schwarzen Alcalden und schwarze Beamte und nur ein einziger weißer
Händler, ein Italiener, lebte zwischen ihnen.
So war es an der ganzen Westküste aufwärts, während auch im Süden die
Ufer des Guajaquilstroms meistens von Schwarzen besetzt und bebaut
waren, die dort Platanare- und Cacaopflanzungen angelegt hatten, während
die Weißen den Handel zwischen ihnen vermittelten.
Anders stellte sich das Verhältniß in Peru, wo es kein niederes
sumpfiges Land giebt, das ihnen, wie in den nördlicheren Staaten, allein
überlassen blieb. Dort halten sich die Schwarzen in der Nähe von Lima,
oder selbst in der Stadt auf -- eben nicht zum Nutzen der öffentlichen
Sicherheit -- und es giebt kaum ein frecheres, vorlauteres Volk in der
weiten Welt, als diese freigesprochenen Neger Perus. Ganze Vorstädte
bevölkern sie dort, und während die Regierung die jungen Leute meist
unter die Soldaten steckte, sind doch noch genug übrig geblieben, um die
Straßen unsicher zu machen. Nicht mit Unrecht legte man nämlich den
Schwarzen einen großen Theil jener Straßenräubereien zur Last, die in
der unmittelbaren Nähe Limas verübt wurden und ihren Höhepunkt
erreichten, als die Todesstrafe aufgehoben wurde. Die Gefängnisse waren
nämlich so beengt, daß man die Verbrecher gar nicht alle darin
unterbringen konnte, und es ist wohl nicht blos eine Fabel, wenn die
Peruaner behaupten, daß man damals, wenn die Zellen gefüllt waren und
neue Sträflinge eingeliefert wurden, die hinausließ, die am längsten
gesessen hatten. Erst als Präsident Castilla im Jahre 1860 die
Todesstrafe nothgedrungen wieder einführte und zugleich ein riesiges
Zellengefängniß mit furchtbaren Behältern im Bau begann, nahmen die
Verbrechen etwas ab, wenn sie auch nicht ganz aufhörten.
Und tragen die Schwarzen allein an diesen Verbrechen die Schuld? Ich
glaube kaum. Befreite Sclaven nur waren es, die das gewonnene Gut, ihre
Freiheit, misbrauchten, weil sie nie gelernt hatten es zu schätzen, und
wahr ist das Wort:
Vor dem Sclaven, wenn er die Kette bricht --
Vor dem freien Menschen erzittere nicht.
Wir dürfen uns deshalb auch nicht wundern, wenn wir noch von manchem
Misbrauch hören sollten, den die Neger in Nordamerika von ihrer Freiheit
machen. Es ist leicht, aus einem Sclaven einen freien Menschen, aber
entsetzlich schwer, aus einer rohen arbeitenden Kraft plötzlich und mit
einem Schlag einen civilisirten und vernunftbegabten Staatsbürger zu
machen.
Unverhältnißmäßig wenig Neger giebt es, zum großen Glück für die dortige
Bevölkerung, in Australien, was aber nur zufälligen Umständen zu
verdanken ist.
In Nordamerika waren die kriegerischen Eingeborenen nicht zur Arbeit zu
zwingen, und zogen sich, durch ihr Terrain begünstigt, weiter und weiter
in ihre Wälder zurück; ebenso in Brasilien. In den übrigen spanischen
Colonien, wo jene Piraten, die auf ihren verschiedenen Raubzügen die
Länder nach und nach entdeckten, von fanatischen Priestern angestachelt,
Millionen unschuldige Menschen unter dem Vorgeben erschlugen, ihre
Seelen zu retten, rotteten sie die Bevölkerung aus. In allen diesen
Ländern mußte der Sclavenhandel die fehlenden Arbeiter ersetzen. Nicht
so in Australien, das von England aus nur als Verbrechercolonie in
Besitz genommen, und durch hinübergesandte Sträflinge zuerst colonisirt
wurde. Dort brauchte man keine Sclaven, denn die Kettengänge der
verurtheilten Verbrecher verrichteten so lange die Arbeit, bis
freiwillige Einwanderer, durch den Reichthum des Landes angelockt, ihre
Plätze einnahmen. So kommt es denn, daß sich dort nur sehr wenig Neger
aufhalten, und es sind das fast nur einzelne, von Schiffen entlaufene
Matrosen. Ja selbst diese hielten sich in den Städten auf und mieden,
nach einigen verunglückten Versuchen, das innere Land, wo sie bald
fanden, daß selbst ihr Aufenthalt dort mit Lebensgefahr für sie
verknüpft sei, da ihnen die Australischen Schwarzen erbittert
nachstellten.
Merkwürdig ist der Haß der Mulatten und Quadronen gegen die Neger, deren
Stamm sie doch entsprossen. Wie der Wolf keinen grimmigeren Feind in der
Welt hat, als den Wolfshund, wie der Renegat kein Volk so hart bedrückt,
als seinen eigenen Stamm, so haßt der Mulatte selbst den Weißen, der ihn
unter die Füße tritt, nicht so bitter, wie seine eigene schwarze
Verwandtschaft, und die grausamsten und unerbittlichsten Sclavenaufseher
oder ~nigger-driver~ der ganzen Welt sind überall die Mulatten selber.
Besonders hat sich das auch in dem Befreiungskrieg von Haiti gezeigt, wo
die Mulatten die entsetzlichsten Grausamkeiten gegen die eigentlichen
Neger begingen, und wieder ihrerseits von diesen auf das Bitterste
verfolgt und, wo es anging, vernichtet wurden.
Der Charakter der Negerrace ist im ganzen gutmüthig, denn bei nur
einigermaßen freundlicher Behandlung sind sie leicht bei guter Laune
und willig zu jeder Arbeit zu erhalten. Viel religiöser Sinn liegt nicht
in ihnen, wo sie sich aber einmal in diese Richtung werfen, da werden
sie auch leicht fanatisch, besonders die Frauen, und neigen dann meist
zu den Secten, deren Religionsübungen in den lautesten Ausbrüchen
stattfinden, wie z. B. die Methodisten in Amerika. Diese haben in der
That die meisten Anhänger unter den Schwarzen, und einer solchen Andacht
beizuwohnen, wenn der »Geist« über die Betenden kommt und sie zu rasen
anfangen, wenn sie stampfen, springen, schreien und ihre eigene scharfe
Ausdünstung dabei den geschlossenen Raum erfüllt, ist das
Haarsträubendste, was man sich auf der Welt denken kann.
Dabei lieben sie Putz und helle Farben. Die Frauen besonders kleiden
sich am liebsten in Weiß und Hellgelb und es steckt wirklich etwas vom
Affen in ihrer Natur, wenn man sieht, wie gewissenhaft der freie
Schwarze die Moden der Weißen nachahmt, und wie komisch er sich darin
bewegt.
Nehmen wir ein Bild aus der Zeit vor Aufhebung der Sclaverei, Ein alter,
würdiger gelbbrauner Gentleman mit vollkommen weißwolligem Haar, der in
seiner Jugend vielleicht auf irgend einer südstaatlichen Pflanzung
Baumwolle pflückte, später als Steward auf einem Dampfboot mit furchtbar
gescheiteltem Haar eine Serviette unter dem Arme herumtrug, um sich im
reiferen Mannesalter hinter den gestreiften Barbierpfahl der schönen
Kunst zurückzuziehen, hat sich endlich zur Ruhe gesetzt und ordentlich
rührend ist die steife Ehrbarkeit, mit der er jetzt seinen schwarzen
Frack, weiße Hosen, ein großes, schneeweißes Jabot, riesige Vatermörder
und eine vergoldete Dose trägt.
Dort kommen zwei schwarze Damen Broadway herunter. Es ist Sonntag
Nachmittag, die eine Dicke -- mit einer Statur, mit der sie auf jeder
deutschen Messe als »Kolossdame« ihr Glück machen könnte, -- ist in ein
weißes, ausgeschnittenes Mousselinkleid gehüllt, das ihre Reize mehr
verräth, als verbirgt -- Sie trägt dabei eine goldene Kette, riesige
Ohrringe, Broche, Gürtelschnalle, Armbänder, Ringe, kurz einen wahren
Juwelierladen von Offenbacher Arbeit, einen weißen Seidenhut mit
sämmtlichen Landesfarben der Welt, und einen orangegelben chinesischen
Shawl. Die junge Dame aber, die sie bei sich hat, ein junges Ding von
noch kaum siebenzehn Jahren, voll und schlank gebaut, nur von
Rabenschwärze und mit etwas zu sehr aufgeworfenen Lippen, aber
prachtvollen Zähnen und ein paar wahren Gluthaugen, geht ebenfalls weiß
gekleidet und noch dazu höchst kokett mit weißen Rosen in dem wulstigen
Wollhaar, das in unzählige kleine Zöpfe geflochten ist.
Ihnen begegnet ein junger Stutzer -- ebenfalls »couleurt.« Er war
Steward in einem der ersten Hôtels Philadelphias und ist jetzt nach
New-York gekommen, um hier ein »Engagement« zu suchen. Er geht ~à
quatre épingles~ gekleidet, ordentlich carrikirt modern, mit
hellblauer, kaum fingerbreiter Cravatte, veilchenblauen
Glacéhandschuhen, Glanzstiefeln, großcarrirten, sehr engen Pantalons,
hellblauem Frack mit gelben Knöpfen, weißer, gestickter Weste,
Tuchnadel, Hemdknöpfen, Uhrkette und Berloques, kurz mit Schmuck
behangen, wie ihn bei uns nur ein jüdischer Weinreisender trägt. Ein
kleines Rohrstöckchen mit Elfenbeingriff, ein gekrümmtes Knie
vorstellend, hält er an die dicken Lippen und betrachtet musternd die
ihm Begegnenden. Da fällt sein Blick auf das ungleiche Paar.
»~By Golly!~« ruft er entzückt aus, »~Missus Nelson and the lovely
blossom Miss Sarah Mary!~« (Madame Nelson und die liebliche Blüthe
Fräulein Sarah Mary.)
»~Oh, Looord a Massy,~« sagte die alte würdige Dame mit einem tiefen
Grundbaß, indem sie erstaunt mitten im Weg stehen bleibt und beide Hände
-- von denen die eine den Sonnenschirm, die andere den »Strickbeutel«
hält, erstaunt emporhebt, »Mr. Brown in New-York.« Die junge Dame
lächelt verschämt und zeigt zwei Reihen wundervoller Zähne und ein paar
verführerische Grübchen in den Backen. Mr. Brown ist ganz befangen von
der aufgeblühten Knospe, die er seit Jahren nicht gesehen. Er behält den
Hut in der Hand.
»Bitte, bedecken Sie sich, Mr. Brown,« sagte die Dame, »~Gemmen always
do~.« (Die Herren thuen das immer.)
Mr. Brown gehorcht, aber noch immer wie in einem Traum. Dabei vergißt er
die für Einen seiner Race stets nöthige Aufmerksamkeit in der Straße.
Ein junger Patricier kommt des Weges; er ist elegant, aber nachlässig
gekleidet, sein Gesicht sieht verlebt und unzufrieden aus. Er scheint
nicht besonders guter Laune; seine Stirn ist in Falten gezogen:
plötzlich stößt er gegen den ent- und verzückten Mr. Brown aus
Philadelphia an.
»Kannst Du nicht aus dem Weg gehen, verdammter Nigger!« und ein
Faustschlag schleudert den Unglücklichen aus seinem Himmel und von dem
Trottoir hinab, daß ihm der Hut vom Kopf und der Stock mit dem
Elfenbeinknie aus der Hand fällt.
»~Loooord a Massy!~« haucht die alte würdige Dame wieder in tiefer
Entrüstung, aber mit nur halblauter Stimme, und der unglückliche Mr.
Brown wagt gar keine Entgegnung und hebt nur bestürzt seine
Habseligkeiten wieder auf. Er weiß recht gut, daß alle Weißen in Sicht
bei der geringsten Widersetzlichkeit über ihn herfallen und ihn mit
Händen und Füßen mißhandeln würden. Klagen? bei wem?
»~No dammage done~« (kein Schaden verursacht), lacht ein Irländer, der
gerade sehr vergnügt mit seiner »~dray~« oder seinem Karren
vorüberfährt.
Es waren das tägliche Scenen in New-York und sind es vielleicht noch,
denn das Volk, was auch die Regierung für Gesetze erläßt, wird sich
schwer daran gewöhnen können, dem »Nigger« eine Gleichberechtigung mit
sich selber zuzugestehen.
Dadurch bleiben sie auf sich selber angewiesen -- eine verachtete Classe
in einer ihnen fremden Welt, selbst wenn sie sich, wie das gar nicht
etwa selten geschieht, zu Wohlstand und selbst Reichthum hinaufarbeiten.
So besuchte ich einst das Haus eines alten, sehr reichen Mulatten, der
am False River in Louisiana eine große Plantage und selbst viele
Sclaven hatte. Ich wollte einen von diesen von ihm miethen und wurde von
der ~chamber maid~ oder dem »Kammermädchen«, das mir die Thüre
öffnete, in das untere, hohe und luftige »Parlour« gewiesen.
Welch ein Unterschied: die Stammesgenossen des alten Herrn wohnten da
draußen in kleinen, dürftigen Negerhütten, ihre Kleidung war ein
weißbaumwollener Kittel, ihre Nahrung die gewöhnliche Negerkost: Speck
und Syrup -- und hier?
Das Zimmer war mit einer rothen, geschmackvollen Tapete ausgeschlagen.
Gepolsterte Divans und Fauteuils standen darin umher und
Mahagonymeubles. An den Wänden hingen -- allerdings nicht gerade von den
ersten Künstlern gemalte -- Bilder alter, würdiger Herren und Damen aus
der Familie, mit schwarzbraunen Gesichtern und Wulstlippen, aber in
höchstem Staat und Glanz -- es schien der Ahnensaal zu sein -- und auf
dem einen Divan und in dem einen Fauteuil lehnten zwei gelbbraune Damen
von etwa zwei- und sechsundzwanzig Jahren in einem sehr losen, aber sehr
sauberen Morgenanzug -- die erhitzten Gesichter komischer Weise dicht
mit weißem Puder bestreut, um die transpirirte Feuchtigkeit
abzutrocknen. Sie empfingen mich aber mit Grazie, und der alte Herr,
der bald darauf eintrat, machte das Geschäft mit mir in wenigen Minuten
ab.
Es war ein Mann von -- wie man ihn dort taxirte -- etwa hunderttausend
Dollars Vermögen, aber dennoch durfte er nicht wagen, sich in irgend
einem Hôtel mit an den Tisch zu setzen, oder -- wenn er einmal das
Dampfboot nach New-Orleans benutzen wollte -- auf diesem in der Cajüte
zu fahren. Er mußte im Zwischendeck bleiben, wohin die »Niggers«
gehörten.
Wie wunderbar ist überhaupt die ganze Race über den Erdboden zerstreut!
In der Heimath, unter ihren kleinen Fürsten, deren Geldgier die Weißen
erregt haben, geknechtet, gehetzt, eingefangen und an die Fremden
verkauft, arbeiten sie in einigen Ländern unter der Peitsche ihres
Aufsehers, während sie in anderen, der eigenen Heimath entfremdet, als
unabhängige Menschen leben dürfen -- und wie benutzen sie diese
Freiheit?
Der Stamm Israels, auf ganz ähnliche Weise in der Welt zerstreut, macht
einen anderen Gebrauch davon. Die Mehrzahl weiß, daß sie, nicht zu der
bevorzugten Kaste gehörend, nie durch sich selbst, nur durch den Erwerb
herrschen kann, und wirft ihre ganze Fähigkeit auf diesen Zweig. Der
Neger nicht. Er hat keinen Sinn für Wissenschaften, kein Geschick für
den Handel, und was er sich verdient, geschieht mit schwerer Arbeit oder
eisernem Fleiß. Allerdings haben wir einige Ausnahmen, wie z. B. Ira
Aldridge und einige Wenige, die sich wirklich der Kunst gewidmet, aber
sie stehen viel zu vereinzelt da, um auch nur zu zählen.
Wo wir in Europa Neger oder ihre Abkömmlinge zu sehen bekommen, sind es
entweder in Livrée gesteckte herrschaftliche Diener, Kunstreiter, oder
Gesindel, das sich auf den Messen und Märkten herumtreibt, um dort
entweder die große Trommel zu schlagen oder sich als Indianer in den
Buden für Geld sehen zu lassen.
Der Neger lernt dabei leicht eine fremde Sprache, aber nie rein, und
besonders scheint ihn der Buchstabe R darin zu stören, während dagegen
die Indianerstämme, z. B. die australischen Schwarzen, ein ganz
merkwürdiges Gehör für einen fremden Klang haben und vorgesprochene
Sätze auf das Genaueste nachsprechen.
Vollkommen ungerecht wäre es aber, dem Stamm der Neger, wenn sie bis
jetzt auch noch nicht gerade viel darin geleistet haben, alle geistigen
Fähigkeiten abzusprechen, denn wenn wir gerecht sein wollen, müssen wir
immer annehmen, wie wenig Gelegenheit ihnen bis jetzt geboten wurde,
sich zu entwickeln. Selbst wo man sie freigegeben hat, hörten sie nie
auf, einen untergeordneten Stamm zu bilden, und wo man ihnen wirklich
ein eigenes und freies Terrain anwies, um einen eigenen und
selbstständigen Staat dort zu bilden, oder wo sie sich das selber
nahmen, wie in der Negercolonie in Liberia oder auf Haiti, war es immer
nur wieder ein heißes, tropisches Land, das sie bewohnten und das nun
einmal einer jeden geistigen Entwicklung hinderlich ist und Geist und
Körper erschlafft. Selbst der Europäer, so lange er nicht seinen, in
einer gemäßigten Zone gestärkten Körper, mit in ein heißes Land bringt,
fühlt sich dort am wenigsten zu geistigen Arbeiten angeregt, wie können
wir es da von dem Neger verlangen?
Freieren Spielraum bekommen sie jetzt allerdings in den
nordamerikanischen Staaten, aber sie werden immer und ewig ein
verachteter Stamm bleiben, unbequem durch ihre Masse, aber deshalb nur
noch mehr gehaßt, und wenn man nicht ein Mittel findet sie zu
Hunderttausenden aus dem Land zu schaffen, so kann gerade das Anwachsen
des Negerstammes, inmitten der weißen Bevölkerung, später noch einmal zu
schweren und blutigen Conflicten führen.
_=Leipzig=_,
Druck von Giesecke & Devrient.
Anmerkungen des Bearbeiters:
gesperrt ersetzt durch _= ... =_
Fraktur ersetzt durch ~ ... ~
Inhaltsverzeichnis um Einzelkapitel erweitert.
Unterschiedliche Schreibweisen deutscher und englischer Wörter wurden
überwiegend beibehalten.