leer.
»Hm!« brummte Mr. Culpepper vor sich hin. »Habe ihn doch gar nicht
fortgehen hören --«
»Du, Juan, da schwimmt ein Fisch!« sagte einer der Leute vorn an Bord.
»Wetter! Das muß ein großer Kerl sein. Ich mache meine Angel zurecht,
vielleicht fangen wir ihn.«
Es hatte sich für einen Moment ein dunkler Gegenstand über Wasser
gezeigt, verschwand aber sogleich wieder und einige der Leute holten ihr
Angelgeräth vor. Es gab wirklich viel Fische dort in der Nähe des Landes
und das aufsteigende Gewitter begünstigte den Fang.
Bill, wie ihn Mr. Culpepper alter Gewohnheit wegen nannte, hieß
eigentlich weder Bill, noch Guillaume, sondern Baptiste Lecomb, und
hatte unterdeß seine Flucht so keck und rasch ausgeführt, daß er als ein
ganz vortrefflicher Schwimmer das Land erreichte und längst zwischen den
dunklen Häusern verschwunden war, ehe er an Bord vermißt wurde. Am Land
zog er sich vor allen Dingen aus, und rang seine Kleider soweit als
möglich trocken, daß er sich nirgends durch die übergroße Nässe verrieth
-- eine Erkältung brauchte er in dem heißen Clima nicht zu besorgen --
und erkundigte sich dann bei dem ersten Eingeborenen, den er antraf, ob
kein Europäer, besonders ob kein Franzose in dem Orte wohne. Er befand
sich nicht weit von Renard's Haus und als er zu diesem hingewiesen war,
machte er keine weitern Umstände einzutreten.
Monsieur Renard war eben nach Hause zurückgekommen und bei der Uebergabe
der Stadt an Mosquera gegenwärtig gewesen. Er stand in seinem Laden und
war gerade im Begriff, seine beiden Lampen anzuzünden, da er an diesem
Abend unter den obwaltenden Verhältnissen nicht ohne Grund zahlreiche
Gäste erwartete, und die jetzt aufflackernde einzelne Oelflamme nur ein
sehr ungewisses Licht verbreitete. Wie in aller Welt hätte man auch eine
_=solche=_ Festlichkeit in einem _=solchen=_ Ort anders feiern wollen
als durch Trinken, und Renard wußte, daß er die besten Getränke in der
Stadt hielt. -- Es waren wenigstens die theuersten.
Eben nicht angenehm überrascht wurde er da durch den etwas unerwarteten
Besuch, der sich ihm ohne Weiteres als Deserteur von einem der
neugranadiensischen Kriegsschiffe vorstellte.
Baptiste war in der That nicht der Mann, große Umstände zu machen, und
nach seiner ersten Einführung setzte er nur hinzu, indem er sich im
Laden umsah:
»Zuerst, Landsmann, sehe ich, Sie haben hier Getränke, also bitte ich,
geben Sie mir einen tüchtigen Cognac, denn heißes Wasser zu einem Grog,
der mir besser thun würde, ist gewiß nicht fertig -- es ist wenigstens
nie fertig, wenn es am nöthigsten gebraucht wird, und dann verschaffen
Sie mir ein Canoe, damit ich nach Ecuador entkommen kann.«
»Und brauchen Sie sonst Nichts?« fragte Renard, über diese
Zwanglosigkeit erstaunt.
»Ein paar Dutzend Franken baar Geld wären allerdings erwünscht, denn das
Einzige, was ich von landesüblicher Münze besitze,« fuhr der junge
Franzose fort, »sind zwei schlechte ecuadorische Reale, sogenannte
Dimesstücke, die ich Ihnen hier nicht einmal für Ihren Cognac anbieten
mag. Ich darf doch einen Landsmann nicht beleidigen.«
»Alle Wetter!« lachte Renard, den diese ganz eigene Keckheit -- und er
selber war sonst nicht gerade blöde -- zu amüsiren anfing, »Sie trotzen
nicht schlecht auf unsere Landsmannschaft, Kamerad, denn wissen _=Sie=_
wohl, daß Sie mich hier -- mit dem neuen Regime im Lande -- durch Ihre
Flucht in die furchtbarste Verlegenheit bringen können, sobald man
erfährt, daß ich das Geringste damit zu thun hätte!«
»Bah!« sagte Baptiste gleichgültig. »Sie wissen recht gut, daß jeder
Franzose, unter ähnlichen Umständen, das Nämliche für _=Sie=_ thun
würde, also ist es nicht der Mühe werth, nur ein Wort weiter deshalb zu
verlieren. Oder wollten Sie mich etwa an die Bestien wieder ausliefern?«
»Aber, bester Freund,« sagte Renard, wirklich in Verlegenheit, »was
hilft Ihnen selbst ein Canoe? Der Weg von hier nach dem Pailon -- dem
nächsten Platz in Ecuador -- ist gar nicht so leicht zu finden und Sie
brauchen --«
»Machen Sie sich deshalb keine Sorgen,« lachte Baptiste. -- »Ich bin
nicht zum ersten Male in Tomaco und kenne den Weg sowohl durch die
Lagune wie um die Punta Manglares.«
»Dann, bester Freund,« sagte Renard rasch, indem er ihm ein tüchtiges
Glas Cognac einschenkte, das Baptiste mit einem vergnügten »~à votre
santé~! Apropos, haben Sie nicht ein paar Cigarren?« leerte -- »kann
ich Ihnen keinen bessern Rath geben als -- und hier haben Sie auch
einige vortreffliche Esmeralda-Cigarren -- als sich das erste beste
Canoe von der Landung zu nehmen und zu machen, daß Sie fortkommen, denn
wenn man Sie an Bord vermißt, werden Sie auch augenblicklich verfolgt
werden, und wo soll man Sie an einem Ort verbergen der nicht einmal
Wände, viel weniger heimliche Verstecke hat? Nur so viel Rücksicht bitte
ich Sie auf einen Landsmann zu nehmen, daß Sie _=mein=_ Canoe liegen
lassen. Es hat vorn am Bug einen kleinen Messingknopf mit einem Hufeisen
darunter genagelt. Ein Ruder gebe ich Ihnen mit.«
»Sehr schön,« sagte Baptiste. »Ihr Canoe ist sicher, aber vorher
beantworten Sie mir noch eine Frage. Lebt hier im Ort ein Señor Ramos?
Apropos, haben Sie hier eine Hinterthüre, wenn Jemand vorn in den Laden
kommen sollte?«
»Allerdings, aber je länger Sie zögern, desto schwieriger wird Ihre
Flucht sein. Ein Señor Ramos lebt allerdings hier; kennen Sie ihn?«
»Ist er derselbe Ramos, der vor drei Jahren in Buenaventura wohnte?«
»Er zog glaube ich von dort nach Bogota.«
»Er hat Familie?«
»Eine sehr hübsche junge Frau und ein Kind, ein kleines Mädchen von etwa
sechs oder sieben Jahren.«
»~Peste!~« rief Baptista, indem er mit dem Fuße aufstampfte, »dann
kann ich noch nicht fort.«
»Und was haben Sie mit _=dem=_ zu thun?« fragte der Franzose. »Er hält
mit keinem Menschen Verkehr, und von ihm dürfen Sie keine Hülfe
erwarten.«
»Aber _=er=_ braucht sie!« rief Baptiste rasch. »Vor drei Jahren, als
ich in Buenaventura todtkrank und verlassen lag, hat _=er=_ mich in sein
Haus aufgenommen und wie ein eigenes Kind gepflegt. -- Seine Frau ist
ein Engel und die kleine Adriana ein Cherub. Meine Hand soll verdorren,
wenn ich die braven Leute im Stich lasse!«
»Das ist nicht übel!« rief Renard ärgerlich werdend. »Erstlich braucht
Señor Ramos weder Ihre noch eines andern Menschen Hülfe, und verlangt
sie auch wahrscheinlich gar nicht, und dann möchte ich wissen, was
_=Sie=_ ihm nützen wollten, da Sie sich selber nicht einmal auf offener
Straße dürfen blicken lassen.«
»So haben Sie nichts davon gehört?« fragte Baptiste, »daß ihn der neue
Commissair -- diese schieläugige Canaille mit dem Körper einer Katze und
der Seele eines Schakals -- gefangen nach Buenaventura schleppen will,
ihn und die junge Frau und den Engel von einem Kind in jene Hölle von
Gefängniß, das mich, einen starken, kräftigen Mann, fast zum Selbstmord
trieb?«
»Alle Wetter!« sagte Monsieur Renard halblaut und erstaunt. -- »Also
darauf liefen die Anfragen des Señor Fosca hinaus? -- Aber wie können
Sie ihm helfen?« fuhr er dann laut und kopfschüttelnd fort. »In der
Stadt hat Señor Ramos wenig oder gar keine Freunde, denn er hielt mit
keinem Menschen Verkehr und war immer stolz und aufgeblasen. -- Gegen
mich auch,« setzte er etwas gereizt hinzu, »denn ich kam ihm ganz
freundlich entgegen und meine Frau hat den Leuten sogar einen Besuch
gemacht, obgleich wir sie gar nicht kannten, aber nicht ein Fuß von
ihnen ist über unsere Schwelle gekommen, außer den, welchen die
Dienstleute darüber setzten, wenn sie Waaren holten, die sie aber schon
hier holen _=mußten=_, weil sie sie sonst nirgends so gut und billig
bekommen.«
»Hat er seinen Neger bei sich?« fragte Baptista rasch, und ohne auf das,
was Renard sagte, zu hören, »einen flinken Mulattenjungen, der Antonio
heißt?«
»Einer des Namens ist allerdings bei ihm, ein Bursche von vielleicht
vierundzwanzig Jahren.«
»Wenn ich nur _=den=_ wenigstens sprechen könnte, daß man ihn warnte --«
»Alle Teufel!« rief Renard schnell. -- »Jetzt kommen Leute.«
»Wo ist das Ruder?« rief Baptista rasch.
»Da hier in der Ecke lehnen zehn oder zwölf.«
Der Franzose griff ohne Weiteres eins davon heraus.
»Dort hinaus! Da ist die Thüre in den Hof. -- Machen Sie, daß Sie
hinüber nach Ecuador kommen.«
Baptista sprang der Thüre zu, als dort ebenfalls Stimmen laut wurden.
»Caramba!« murmelte er leise vor sich hin. -- »Das war zu spät.« Den
Blick umherwerfend erspähte er ein leeres Brodfaß, das dicht neben der
Ausgangsthüre und in einer Art von Gang stand, der aber nur durch
Kisten, Nagelfässer und sonstige Waaren gebildet wurde. Ohne Renard ein
Wort weiter zu sagen, oder ihn um Erlaubniß zu fragen, legte er die Hand
auf den Rand desselben, stützte sich mit der Rechten auf das Ruder und
sprang hinein. Das Ruder lehnte er dann daneben und hatte eben noch Zeit
sich unterzuducken, als die Thüre auch schon aufging und ein paar
Einwohner von Tomaco, unter ihnen der Postmeister, den Laden auf diesem
ihrem Hause näher liegenden Wege betraten. Gleichzeitig kam auch, laut
und leidenschaftlich mitsammen redend, ein Schwarm von Menschen von der
anderen Seite und Renard, der, ehe er nur einen Entschluß fassen konnte,
seinen verzweifelten Landsmann schon in seinem Versteck und dessen
Flucht für jetzt wenigstens völlig abgeschnitten sah, warf nur rasch und
fast unwillkürlich eine gerade dort liegende alte Matte über das Faß,
und machte sich dann bereit, seine -- jedenfalls in _=diesem=_
Augenblick unwillkommenen -- Gäste zu empfangen.
Señor Ramos hatte sich an diesem bewegten Tage, wie immer, streng
abgeschlossen in der Räumlichkeit seines eigenen Hauses und inmitten
seiner kleinen Familie gehalten, denn er suchte absichtlich Alles zu
vermeiden, was ihn mit dem politischen Treiben Tomacos hätte in
Berührung bringen können. Was half es auch, welche politische Richtung
diese äußerste, vollkommen abgeschiedene Ecke des Staates verfolgte? Sie
stand mit dem übrigen Lande in gar keiner Verbindung, und hatte sich dem
zu fügen, was an den Hauptplätzen und im Herzen der Republik erkämpft
und ausgefochten wurde.
Welchen Theil er früher an diesen Kämpfen genommen hatte -- Niemand
wußte es in Tomaco; Niemand kümmerte sich darum. Hier schien er nur
darauf bedacht, seine Häuslichkeit so freundlich als möglich
herzurichten, was ihm denn auch mit den wenigen ihm hier zu Gebote
stehenden Mitteln sicher gelungen war.
Das Haus zeichnete sich vor den übrigen, wie schon früher erwähnt,
allerdings nur durch seine etwas größere Sauberkeit, und die zierlich
gearbeiteten Bambusjalousien, vielleicht auch dadurch aus, daß es
vollkommen _=geschlossen=_ stand, und nur dann einen Einblick in das
Innere gewährte, sobald die Fenster in der Abendkühle weit geöffnet
wurden. Im Innern aber konnte es mit keinem der übrigen verglichen
werden, denn Señor Ramos hatte keine Kosten gescheut, ein kleines
neu-granadiensisches Paradies daraus zu schaffen.
Den Boden deckte vollständig eine chinesische roth- und gelbgestreifte
Strohmatte, ein Luxus, der sich in keinem einzigen der andern Häuser
fand. Die Betten, die in einem kleinen Bambusverschlag standen, waren
reinlich _=überzogen=_ und mit schneeweißen Mosquitonetzen versehen, und
selbst die Wände waren nicht leer und ein Spiegel hing über einem
kleinen sauber polirten Tisch von inländischem Mahagoniholz, während
zwei Oelgemälde in vortrefflicher Ausführung Ansichten des wunderbar
schönen Innern von Neu-Granada darstellten.
Der Tisch war gerade zum Abendbrod gedeckt und die Chocolade dampfte in
Tassen von feinem Porcellan, während auf den Schüsseln gebratene Bananen
und Fische, frische Eier, feiner Schiffszwieback und eine dampfende
Schüssel mit Reis und gekochten Austern verriethen, daß es sich die
Bewohner auch in leiblichen Genüssen an nichts fehlen ließen. Auf dem
Tische brannten zwei Stearinlichter in Porcellanleuchtern. Dazu standen
in einem besonderen silbernen Gestell zwei junge angeschnittene
Cocosnüsse auf dem Tisch, deren süßes Wasser oder Milch als kühlendes
Getränk dienen sollte, und die Frau, eine reizende liebe Gestalt, mit
rabenschwarzen Locken und feurigen Augen, hatte gerade der Kleinen die
Serviette umgebunden und sie auf ihrem Stühlchen näher zum Tisch
gerückt, als unten vor dem Hause Stimmen laut wurden, ohne daß sie
jedoch Geschrei oder Toben gehört hätten. Es war als ob eine Menge von
Leuten mit einander flüstere oder leise spreche.
»Was ist das?« sagte die Frau, erschreckt aufhorchend. »Hörst Du nichts,
José?«
»Was wird es sein, mein Kind!« erwiderte freundlich der Mann. »Müßiges
Volk, das sich noch in der Straße herumtummelt, bis es von dem Gewitter
in die Häuser getrieben wird. Setz' Dich, Schatz! Die Chocolade wird
sonst kalt.«
»Sie kommen die Leiter herauf!« rief die Frau ängstlich. »Was können sie
in _=der=_ Zeit noch von uns wollen? Es ist so viel fremdes Volk im
Ort.«
»Gott weiß es!« erwiderte der Mann, jetzt ebenfalls aufstehend, denn die
Frau hatte Recht. »Bleib' sitzen, Adriana, mein Kind. Laß _=Du=_ Dich
wenigstens nicht stören. Bleibe Du auch hier, mein Herz, ich werde
selber nachsehen.«
»Ave Maria!« sagte plötzlich eine Stimme draußen an der kleinen
Bambusthür, die ebenfalls nur dieses eine Haus verschloß -- denn Niemand
wird in einem der südamerikanischen Länder ein fremdes Haus ohne diese
fromme Anrede betreten, wenn auch der Sinn derselben oft nicht mehr
bedeutet als der profane Anruf bei uns, ob Jemand daheim sei.
»Purisima!« erwiderte Don Jose und öffnete die Thür, aber ein kaltes,
eisiges Gefühl durchzuckte sein Herz als der Lichter Schein auf das
bleiche tückische Gesicht des Commissairs fiel, der mit einem
spöttischen Lächeln das kleine freundliche Gemach rasch mit den Augen
überflog und dann höhnisch sagte:
»Ungemein erfreut, Don José, Euch nach _=langem=_ Suchen _=endlich=_ in
Euerm stillen Asyl aufgefunden zu haben. Die Señorita doch wohl, hoffe
ich? Bedauere, wenn ich vielleicht stören sollte, aber Geschäfte, wie
Ihr wißt, Don José, dulden nun einmal keinen Aufschub.«
»Señor Fosca!« sagte Ramos fast tonlos -- und er mußte sich zusammen
nehmen, um seine Fassung zu bewahren. »Ich hatte nicht erwartet,
_=Euch=_ hier zu sehen, denn ich glaubte, daß --«
»Ich noch ruhig hinter den eisernen Gittern säße, hinter die _=Ihr=_ die
Güte gehabt, mich zu setzen, wie?« lächelte der Mann und eine fast
teuflische Bosheit zuckte über sein außerdem nicht schönes Gesicht.
»Ich that nur meine Pflicht, Señor,« erwiderte Ramos.
»Natürlich, Don José, natürlich! -- _=Mehr=_ thun wir Alle nicht. Aber
wollen Sie mich wirklich heute Abend hier an der Thüre stehen lassen?
Señorita, bitte, setzen Sie sich, Sie zittern ja, als ob Sie einen Geist
gesehen hätten.«
Ohne ein Wort zu erwidern schob ihm Don José einen Stuhl hin, auf den er
aber, mit einer höflich dankenden Verbeugung, nur zuschritt und mit der
Hand dessen Lehne ergriff, sich aber nicht niedersetzte.
»Es wird mir nicht so viel Zeit bleiben,« sagte er endlich, während er
mit tückischer Schadenfreude das Entsetzen beobachtete, das sein
Erscheinen unter den glücklichen Menschen angerichtet, »denn ich muß
heute Abend noch an Bord zurückkehren, aber die _=Pflicht=_ wird eine
angenehme, da ich die Fahrt in so liebenswürdiger Gesellschaft mache.
Señorita, ich möchte Sie bitten, etwas Wäsche zusammen zu packen, denn
Sie werden uns begleiten.«
»Ich!« rief die Frau erbebend, und ihre Wangen überzog Todenblässe. --
»Was, um der Jungfrau Willen, haben Sie vor?«
»Señor,« sagte aber Ramos, der sich die größte Gewalt anthun mußte, um
ruhig zu bleiben, -- »führt Sie eine Botschaft hierher, die Sie für
_=mich=_ haben, so bitte ich, sich direct an _=mich=_ deshalb zu wenden
-- einen unpassenden Scherz, den Sie sich mit meiner Frau erlauben,
dürfte ich nicht in der Stimmung sein, ruhig zu ertragen. Sie wissen
doch, daß Sie hier in _=meinem=_ Hause sind?«
»Señor Ramos,« erwiderte der Commissair mit seiner ewig lächelnden Ruhe,
die dem Gegner das Blut wie Feuer durch die Adern strömen machte,
»behalten Sie Ihr kaltes Blut! -- Uebrigenes kann ich Ihnen die
Versicherung geben, daß ich in diesem Augenblick zu nichts weniger als
zum Scherzen aufgelegt bin. Als ich Ihrer Frau Gemahlin sagte, sie würde
uns begleiten, sprach ich im vollen Ernst, denn ich bin hierhergekommen,
Señor Ramos, um Sie und Ihre Familie im Namen Sr. Excellenz unseres
hohen und berühmten Präsidenten Mosquera als _=Hochverräther=_ zu
verhaften und nach Buenaventura hinüber zu führen.«
»Meine Familie?« schrie Don José fast außer sich. -- »Und wenn ich
wirklich ein Hochverräther wäre, was hätte mein Weib -- mein Kind dabei
zu thun?«
»Das Kind allerdings nichts,« lächelte der Commissair, »aber die Anklage
lautet gegen Sie und Ihre Frau Gemahlin, und so leid es mir thut --«
»Hund, verruchter!« stöhnte da Ramos, der seine Wuth nicht länger
mäßigen konnte, indem er eins der auf dem Tisch liegenden Messer
aufgriff und damit auf den Buben lossprang. Fosca aber, der mit der
entschiedenen Absicht hierher gekommen war, seinen Todfeind bis zum
Aeußersten zu reizen und dann erst zu vernichten, war darauf vollkommen
vorbereitet und hatte nichts versäumt.
Bei der ersten Bewegung, die der Wüthende machte, stieß er die Thüre auf
und in dem Moment sprangen die indessen heraufgeschlichenen Soldaten --
Gesindel, das er sich selber zu dem Zweck an Bord ausgesucht -- über die
Schwelle und legten ihre Gewehre an. Die Frau fuhr in jähem Entsetzen
nach ihrem Kind, das schreiend die Aermchen nach ihr ausstreckte, aber
ihre Kräfte vermochten nicht sie länger aufrecht zu halten; sie brach
ohnmächtig zusammen und ihr Mann, alles Uebrige in der Angst um die
Gattin vergessend, ließ das Messer fallen und sprang zu, um sie zu
unterstützen.
»Bindet den Verräther!« sagte Fosca ruhig, und ehe Ramos, mit der
Ohnmächtigen beschäftigt, nur den Sinn der Worte begriff, hatten sich
ein Paar der halbwilden Burschen schon auf ihn geworfen. Während ihn der
Eine mit dem Kolben vor die Stirn stieß, daß er zur Seite stürzte,
faßten die Andern seine Arme, zwangen sie zurück und schnürten sie fest.
Für einen Augenblick herrschte jetzt eine Scene der gräßlichsten
Verwirrung in dem kleinen Gemach. Der Gefangene, der nur für einen
Augenblick betäubt gewesen war, fuhr empor und suchte sich von seinen
Banden zu befreien. In dem Ringen stürzte der Tisch um und das Kind
kreischte so laut, daß es die Mutter damit wieder zum Leben zurückrief.
-- Aber auf der Straße unten sammelten sich ebenfalls Leute, und zwar
Bewohner der Stadt, die den Señor Ramos immer nur als einen braven,
ruhigen Mann gekannt, und jetzt nicht halb zufrieden waren, ihn so
behandelt zu sehen, aber auch keinen entscheidenden Schritt gegen das
bewaffnete wilde Gesindel wagen wollten.
»Nichtswürdiger Bube!« rief da Ramos, sobald er nur wieder Athem und
Besinnung erlangte, das ganze Furchtbare seiner jetzigen Lage zu
übersehen. -- »Diebische, schuftige Canaille, aus dem Gefängniß
entsprungen, um hier Deine boshafte Rache an Unschuldigen zu üben....!«
Ein Soldat kam heraufgesprungen und flüsterte Fosca einige Worte zu. --
Die Stimmung unten wurde eine immer drohendere, und so gern sich der
Commissair vielleicht noch eine Weile länger an den Qualen der
Unglücklichen geweidet hätte, durfte er es doch nicht wagen. Er wußte
genau, wie weit er gehen konnte und daß er in der Furcht der Bevölkerung
vor einem Conflict seine beste Stütze hatte, war aber einmal der Damm
durchbrochen, so ließen sich die Folgen nicht absehn. So lag ihm denn
nur daran, der Scene so rasch als möglich ein Ende zu machen.
»Knebelt den Burschen!« sagte er finster. »Wir dürfen uns nicht länger
mit ihm aufhalten -- und dann an Bord.«
Den Soldaten selber war das ein erwünschter Befehl, denn sie fürchteten
nicht mit Unrecht, daß er ihnen das Volk über den Hals schreien könne.
Im Nu war das Knebeln geschehen, denn darin besaßen sie eine
anerkennungswerthe Fertigkeit.
Ramos befand sich wenige Secunden später machtlos in der Gewalt seiner
Feinde.
»Señor, um der heiligen Jungfrau Willen, was habt Ihr mit uns vor?« rief
die Frau. -- »Was ist geschehen, daß so Entsetzliches nöthig wurde?«
»Señorita,« sagte Fosca, dem jetzt nur daran lag, fort und an Bord zu
kommen, und der deshalb vor allen Dingen die Frau beruhigen mußte, »wenn
Ihr Herr Gemahl nicht nach einer Waffe gegriffen hätte, wäre das Alles
unnöthig gewesen. Ertragen Sie für jetzt, was sich nicht ändern läßt,
mit Geduld. Die Anklage ist allerdings erhoben und da die Regierung den
Befehl zu Ihrer Verhaftung erließ, so muß derselbe auch ausgeführt
werden. An Ort und Stelle finden Sie aber vielleicht Mittel und Wege,
sich wirksam zu vertheidigen und Ihrer Rückreise -- wenn Sie
freigesprochen werden -- steht dann nicht das Mindeste im Wege; jetzt
fort mit ihm, Ihr Leute! -- Macht rasch! Das Boot wartet. Señorita, wenn
Sie noch etwas von Ihren Sachen mitzunehmen wünschen, was Sie auf der
_=Reise=_ brauchen, so habe ich nicht das Geringste dawider. -- Alles
Andere ist Staatseigenthum und wird Ihnen erst bei Ihrer Freisprechung
in Buenaventura wieder eingehändigt.«
»Staatseigenthum?«
»Bitte, beeilen Sie sich ein wenig, denn so leid es mir thut, kann ich
Ihnen doch nur noch fünf Minuten Zeit geben.«
So völlig machtlos die Frau bei dem ersten Begreifen dessen, was sie
bedrohte, in sich zusammen gebrochen war, so vollkommen klar stand jetzt
Alles vor ihrer Seele, und das Entsetzliche, anstatt sie zu beugen,
hielt sie aufrecht. Sie sah den Gatten widerstandslos in der Gewalt der
Feinde, sah sich und ihr Kind von einem gleichen Schicksal bedroht und
fühlte, daß sie für Alle denken mußte. Mit zitternder Hand strich sie
sich die herabgefallenen Locken aus der Stirn, aber ihr Blick schweifte
fest und suchend in dem kleinen Gemach umher und haftete im nächsten
Augenblick auf der angstvollen Gestalt Antonio's, der neben dem
furchtsam zusammengekauerten Mulattenmädchen in der kleinen Hinterthüre
stand.
»Ah, Teresa,« rief sie diese an, »mach ein wenig rasch! Muchacha, wir
haben Eile. Gieb mir etwas Kinderwäsche für meine Adriana heraus -- und
für mich auch. -- Wir gehen auf Reisen. Das Mädchen darf mich doch
begleiten, Señor?«
»Bedaure sehr, Ihnen das abschlagen zu müssen, Señorita,« sagte Fosca
kalt. -- »Es ist nicht Sitte, daß Gefangene Dienerschaft mitnehmen, und
der Raum auf dem Schooner ist ohnedieß außerordentlich beschränkt.«
»Die Reise wird nicht lange dauern?«
»Höchstens zwei Tage. Wir laufen vor dem Wind nach Buenaventura hinauf.«
»Gut denn! Wie Gott will! Hier, Teresa -- still, mein Herz, weine nicht
-- die Mama bleibt bei Dir -- hier, Teresa, diese Sachen packe in die
kleine chinesische Kiste -- dies auch noch -- hier ist noch ein
Kleidchen für Adriana --«
Sie war an den Schreibtisch ihres Mannes getreten und hatte dort aus
einer der Schiebladen ein kleines Kästchen genommen, das sie mit ihrem
Körper so verdeckte, um es vor den Blicken des Commissairs zu verbergen.
Ihr Auge suchte dabei Antonio und der schlaue Schwarze begriff
augenblicklich, was sie wollte. Als sie an ihm vorüberging, hatte sie es
ihm gereicht und er es auch schon mit einer raschen Bewegung hinter sich
und hinaus in das Dunkle geschafft.
»Madame erlauben mir vielleicht, daß ich Ihnen behülflich bin,« sagte da
vortretend Fosca, -- »es versteht sich von selbst, daß Sie alle
_=Werthsachen=_ ausliefern, um den _=Staat=_ für etwaige entstehende
Unkosten zu decken.«
»Ich verstehe,« sagte die Señora kalt. -- »Sie haben volle Freiheit
hier, Señor --«
»Wo ist der Mulatte, der da noch eben in der Thüre stand?«
»Haben Sie Auftrag, auch _=ihn=_ wegen Hochverrathes zu verhaften?«
fragte die junge Frau mit einem bitteren Lächeln.
Fosca schritt rasch der kleinen Hinterthüre zu, aber der Mulatte war
verschwunden und über die schwanken Bambusstäbe, die da draußen die
Brücke zu dem Hintergebäude bildeten, wagte er nicht, ihm zu folgen.
Ohne Weiteres machte er sich dagegen über die wenigen Schränke her. Von
dem Bette riß er ein Tuch herunter und breitete es auf den Boden, dann
warf er darauf, was ihn des Mitnehmens werth dünkte, band es zusammen
und gab es einem der Soldaten zum Tragen. Aber er schien noch nicht
befriedigt, denn er hatte bis jetzt kein baares Geld gefunden und wandte
sich deshalb an die Frau.
»Nehmen Sie, was Sie finden,« sagte diese verächtlich, »und verlangen
Sie nur nicht, daß ich Ihnen suchen helfe. -- Ich wüßte übrigens nicht,
daß der Staat seine Beamten zum _=Plündern=_ in die Häuser schickt.«
Fosca durchwühlte noch eine Zeitlang alle Fächer, aber die Zeit mochte
ihm selber dabei zu lang währen. Vor Allem mußte er seine Gefangenen an
Bord und in Sicherheit schaffen -- nachher konnte er ja noch immer
hierher zurückkehren. Indessen beorderte er zwei von den Soldaten, auf
Wacht zu bleiben und Niemanden hinauf zu lassen. Zwei Andere trugen
indessen den Gefangenen zur Treppe, wo andere standen, sie zu
unterstützen. Aber Ramos richtete sich hier auf und stieg selber die
Stufen hinab. Widersetzlichkeit hätte auch nichts geholfen und ihn
selber nur den Mißhandlungen der Buben ausgesetzt.
Vor dem Hause hatten sich indeß eine Menge von Menschen versammelt, und
untereinander flüsterten die Leute und bedauerten die arme Frau und das
Kind, aber Niemand wagte ihnen thätlich beizustehen. Wer konnte auch
wissen, welches furchtbare Verbrechen die Beiden begangen hatten!
Sechstes Capitel.
Der Succurs.
»Hallo, Renard! Noch dunkel hier?« riefen die erst Eintretenden den
Franzosen an. -- »Was, zum Teufel! treibt Ihr? Ist das Oel ausgegangen?«
»Einen Augenblick, Señores, einen Moment nur!« rief Renard, geschäftig
um seinen Ladentisch herumeilend, um Licht zu machen, denn die eine
düster brennende Lampe erhellte den Raum nicht zum dritten Theil. »Bin
ja selber erst jetzt nach Hause gekommen. Alle Wetter! An solchen Tagen
kann man doch nicht daheim sitzen und die Welt eben treiben lassen was
sie will.«
»Unseren Alkalden begreife ich nicht, daß er diesen -- Señor hier nach
Herzenslust wirthschaften läßt,« riefen die Vordersten, als sie von der
Frontthüre aus das Haus betraten. -- »Es ist schändlich, die arme Frau
so zu behandeln. _=Die=_ hat doch wahrhaftig keinen Hochverrath
begangen.«
»~Quien sabe, compañero~« sagte ein Anderer. »Es passiren wunderliche
Dinge in der Welt, und was hätten wir machen wollen? Uns der neuen
Regierung widersetzen? -- Eine hübsche Bande von Soldaten haben sie
mitgebracht und was für ein Gewissen hätten sich _=die=_ Kerle daraus
gemacht, unter uns hinein zu schießen. Renard, ein Glas von Eurem besten
Cognac. Mir ist die Geschichte in den Magen gefahren, und ich muß sie
hinunterspühlen.«
»Was ist denn vorgefallen, Señores?« fragte Renard neugierig gemacht,
indem er die beiden Oellampen rasch angezündet hatte und die
Cognacflasche mit Gläsern auf den Ladentisch stellte.
»Ach was? Nichts!« sagte der Postmeister, der von der andern Seite kam.
-- »Mir auch die Flasche! Nichts, als daß sie diesen Señor Ramos endlich
abgefaßt haben und ihn nun mit nach Buenaventura nehmen. Ich habe dem
Burschen nie getraut, denn er that immer viel zu geheimnißvoll und
wollte mit Keinem von uns Umgang haben.«
»Aber was hat die Frau damit zu thun, Don Gaspar?« redete ein anderer
den Postmeister an. »Die und das arme Kind auf ihren schmierigen
Schooner und zwischen all' das Gesindel zu schleppen, ist doch mehr als
grausam und der Präsident weiß sicher nichts davon.«
»Was geht's uns an? Das ist _=ihre=_ Sache!« brummte der noch vor
wenigen Stunden so wüthende Nationalitätsvertheidiger. -- »_=Wir=_ haben
genug mit unseren eigenen Angelegenheiten zu thun.«
»Hülfe, Señores! Hülfe um des Himmels Erbarmen Willen!« rief ein junger
Mulattenbursche, der in die Thüre gestürzt kam und sich verstört in dem
Raume umsah. -- »Meinen armen Herrn, meine arme Señora und das kleine
liebe Kind haben sie fortgeschleppt und wollen sie in's Gefängniß
stecken! O, helfen Sie, helfen Sie! Señor Ramos so ein guter, braver
Mann -- so eine gute, brave und schöne Dame! Es ist ja schrecklich!«
»Ach was! Mache daß Du fortkommst, Braunfell!« schrie ihn der
Postmeister an, der übrigens nicht _=viel=_ lichter war wie Jener
selber. »Wenn Deine Herrschaft nichts verbrochen hat, wird ihr auch
nichts geschehen, und _=hat=_ sie sich etwas eingebrockt, nun gut, dann
bekommt sie jetzt Gelegenheit es auszuessen.«
»Es ist eigentlich eine wunderbare Geschichte, Don Gaspar,« sagte ein
Mann, der einen kleinen Schooner hatte und mit diesem gewöhnlich Fahrten
zwischen der Insel und den übrigen Küstenstrichen machte, »daß man den
Ramos einsteckt, der beim Ansegeln der Fahrzeuge ruhig in seinem Hause
saß, und _=Euch=_ frei laufen ließ, der Ihr die Mannschaft nicht allein
gegen den Usurpator -- wie Ihr ihn nanntet -- aufgeboten, nein, sogar
Eure furchtbare Kanone auf die _=Feinde=_ abgefeuert habt und jetzt seid
Ihr auf einmal ein Herz und eine Seele mit der Gesellschaft --«
»Kümmert Euch um Euch selber!« rief Don Gaspar, dem das Gespräch nicht
angenehm zu sein schien. -- »So lange wir noch nicht wußten, daß wir es
mit einer rechtmäßigen Regierung zu thun hatten, waren es unsere Feinde,
und ich glaube, ich habe bewiesen, daß ich mein Leben und Blut für mein
Vaterland wagen kann. Wie aber die Sache jetzt steht, mit einem
wirklichen Regierungs-Commissair an Bord, der ordentliche Vollmacht vom
Präsidenten hat --«
»Die aber noch Keiner von uns zu sehen bekommen,« unterbrach ihn der
Andere wieder.
»Er braucht sie auch nicht _=Jedem=_ unter die Nase zu reiben!« rief der
kleine Mann ärgerlich, »und wir sollten froh sein, daß wir endlich
geregelte Verhältnisse bekommen, denn diese ewigen Revolutionen bringen
uns nur hier Gefahr und können uns nie etwas nützen.«
»Schöne geregelte Verhältnisse das,« sagte der Erste wieder, »wenn man
friedliche Familien Nachts aus ihren Häusern holt und auf das erste
beste Schiff schleppt!«
»Verbrecher müssen auch wie Verbrecher behandelt werden,« rief Don
Gaspar, sein ausgetrunkenes Glas auf den Tisch stoßend. »Ehrliche Leute
haben sich weder davor zu fürchten, noch sich darum zu kümmern.« Und
seinen Hut auf das eine Ohr schiebend verließ er rasch das Haus.
»_=Ehrliche=_ Leute!« lachte der Schoonermann hinter ihm her. --
»Prachtvolle ehrliche Leute, die, alle Beide! -- Weil der eine Lump
Steuerdefraudationen begangen hat, mußte er bei Nacht und Nebel fort von
hier, und weil er den Anderen nicht verrathen, muß der jetzt durch Dick
und Dünn mit ihm, wenn er sich nicht selber an den Pranger stellen
will.«
»~Oh por amor de Dios~, helft meiner armen Herrschaft!« bat der
Mulatte noch einmal. -- »Hat mein armer Herr jemals einen Menschen
gekränkt? -- Hat die gute liebe Dame nicht vielen, vielen Armen
Wohlthaten erzeigt, und war sie nicht immer _=lieb=_ und freundlich
gegen Jeden, Jeden?«
»Ja, mein braver Bursche,« sagte der Schoonermann, »das ist Alles recht
schön und gut, aber so viel ich weiß, haben sie sie schon an Bord des
Schiffes und was können _=wir=_ da machen?«
»Ach nein, Señor,« rief der Mulatte rasch, -- »das Boot war abgefahren
-- Señor Fosca konnte nicht fort -- er war sehr böse und hat sie jetzt
so lange unter das Haus des Alkalden gethan -- einen Platz, wo sich
sonst die Kühe und Schweine aufhalten. -- Meine arme, arme Señora!«
Stimmen wurden laut draußen und sechs oder acht der Schiffssoldaten
drangen in den Raum.
»Hallo, Señores!« sagte Monsieur Renard. -- »Was wünschen Sie? Auf der
Jagd nach Hochverräthern, wie?«
»Ein Officier ist von unserem Schiff entflohen,« sagte der Eine der
Leute barsch, »ein Franzose, einer von Euren Landsleuten und wir sollen
hier nachsuchen, ob er sich nicht in Eurer Wohnung aufhält. Ist er da,
so gebt ihn heraus, denn er kann nicht fort. Unsere beiden Boote
kreuzen an der anderen Seite und wir müssen ihn wieder haben. Almirante
hat 50 Dollar geboten, wer ihn wiederbringt.«
»~Peste!~« murmelte Monsieur Renard leise zwischen den Zähnen, während
die übrigen Gäste den Laden verließen, um mit dem braunen wilden Volk in
keine Berührung zu kommen. -- »Aber, Señores, hier ist er nicht, so viel
sehen Sie, er müßte sich denn während meiner Abwesenheit _=oben=_
versteckt haben. Bitte, gehen Sie hinauf und durchsuchen Sie das ganze
Haus. Ich würde nie einen Deserteur beherbergen.«
»O du lieber Himmel!« stöhnte der arme Mulatte und stützte sich mit dem
Ellenbogen an das nämliche Faß, in dem Baptiste versteckt lag, »wer wird
meiner armen Herrschaft helfen?«
»Kommen Sie nur, Señores,« sagte Renard, dem jetzt nur daran lag, die
Leute aus dem Laden zu bringen, weil er sich ziemlich sicher wußte, daß
sein Landsmann die ihm vergönnte Zeit zur Flucht benutzen würde. Die
Soldaten, in der Hoffnung, den Entsprungenen zu finden, folgten ihm auch
rasch; kaum hatten sie aber den unteren Raum verlassen, als Antonio, wie
von einer Schlange gestochen, zurückschrak, denn aus dem Fasse heraus
ergriff eine Hand seinen Arm -- aber eine Stimme flüsterte gleich
darauf:
»_=Ich=_ helfe Dir, Camerad! Komm!« Mit _=einem=_ Satze war der Franzose
aus seinem Verstecke heraus, ergriff das Ruder, nahm, ohne besonders
wählerisch zu sein, noch ein anderes von den dort lehnenden, das er dem
Mulatten in die Hand drückte und zog den armen Teufel, der gar nicht
wußte, was er von dem Allem denken sollte, mit sich und durch die
Hinterthüre in's Freie hinaus.
Er bedurfte keiner langen Zeit, um sich mit dem Mulatten zu
verständigen.
»Kennst Du mich nicht mehr, Tonio?«
»No, Señor! -- Es ist dunkel --«
»Hast Du Baptiste vergessen?«
»O Señor Batista -- unsere arme Señora --«
»Komm, mein Bursche! So lange Leben da ist, so lange ist Hoffnung, und
wenn wir nicht zu helfen vermögen, so können wir dem schurkischen Fosca
wenigstens ein Messer in den Giftbalg rennen. Ich bin heute Abend gerade
bei Laune. Hast Du ein Canoe?«
»Ein gutes, großes Canoe -- läuft wie der Wind.«
»Können wir damit in See gehen?«
»In See? -- Ich weiß nicht -- große Wellen in See.«
»Bah! Besser ersoffen als nach Buenaventura,« sagte Baptiste. -- »Wo
liegt Dein Canoe?«
»Gleich dort drüben an dem Sandbluff.«
»Wenn wir nur Jemanden hätten, der bereit stände.«
»Teresa!« sagte der Mulatte rasch.
»Gut -- und noch ein Ruder soll sie mitnehmen. Fort mit Dir! Ich bleibe
hier so lange unter dem Hause, bis Du zurückkommst.«
Der Mulatte flog mehr als er ging die Straße hinab und Baptiste drückte
sich in den Schatten des nächsten Ueberbaues, wo er auch eine Entdeckung
nicht zu fürchten hatte, denn um alle _=die=_ Plätze abzusuchen, würden
die Soldaten eine ganze Nacht gebraucht haben. Antonio blieb aber auch
nur wenige Minuten.
»Was nun, Master? -- Was können wir zwei gegen alle die Soldaten
ausrichten? -- Sie werden _=uns=_ todtschießen und die arme Señora doch
mit fortschleppen.«
»_=Was=_ wir machen können, Camerad, weiß ich selber noch nicht,« lachte
Baptiste in tollem Uebermuth. »Das muß der Augenblick geben. Ich fühle
mich aber aufgelegt, mit einer ganzen Rotte der feigen Schufte
anzubinden, und kann ich die Unglücklichen nicht befreien, so liefere
ich mich selber wieder an den Schooner aus, denn sie sollen _=die=_
Reise nicht ohne einen Freund an Bord machen.«
»_=Sie=_ sind von dem Schiffe entflohen?«
»Bst, Camerad! Jetzt ist keine Zeit zum Geschichten erzählen. Wo ist des
Alkalden Haus?«
»Gleich dort drüben. Sowie wir um diese Ecke biegen, liegt es vor uns.«
»So komm!« flüsterte Baptiste. -- »Wenn ich erkannt werden sollte und
fliehen müßte, findest Du mich gleich nachher unter dem nämlichen Hause
wieder, wo ich eben auf Dich gewartet habe. Die Schufte werden auch das
ganze Haus geplündert haben.«
»Das Beste hat die Señora gerettet,« rief Antonio rasch, »ein Kästchen,
das sie mir zum Aufheben gegeben.«
»Und wo ist das?«
»Teresa nimmt es mit zum Canoe.«
»Bravo, mein Junge! Das war gescheit und nun vorwärts.«
In der Straße, in welche sie einbogen, war Alles todtenstill und
Baptiste blieb zögernd stehen. -- Die Gefangenen mußten schon
fortgebracht sein, denn sie hätten sonst wenigstens Soldaten sehen
müssen. Antonio ergriff seinen Arm und drückte ihn leise.
»Bleibt hier einen Augenblick,« flüsterte er, »ich bin gleich zurück!«
und wie ein Pfeil glitt er über die dunkle Straße hinüber und dann dicht
an der anderen Seite hin, bis zu des Alkalden Haus. Aber schon nach
wenigen Secunden kehrte er zurück. Kein Mensch war mehr dort zu sehen,
die Gefangenen mußten schon an Bord geschafft sein.
»Dann sei Gott uns gnädig!« flüsterte Baptiste zwischen den
zusammengebissenen Zähnen durch. »Ich habe mein Wort gegeben, und beim
Himmel, ich will es halten.«
»Was wollt Ihr thun, Señor?«
»Ich kehre an Bord zurück. Allein und freudlos sollen die armen Menschen
ihren Feinden nicht überantwortet werden. Wo liegt Dein Canoe?«
»Gleich dort drüben, Señor, etwas oberhalb der Schiffe. O meine arme,
arme Señora!«
»Wo stand ihr Haus früher?«
»Wenn wir durch diese Gasse gehen, kommen wir daran vorbei. -- O so
schön war es dort! So lieb und freundlich, bis die bösen, bösen Menschen
kamen.«
»Fort! fort! Wir dürfen hier nicht länger zögern. -- Komm dort vorbei,
vielleicht hören wir noch etwas von ihnen. Was liegt auch daran, ob ich
der Patrouille begegne.« Und mit raschen Schritten, fast in einem halben
Lauf, rannte er die Gasse hinab, mit Antonio an seiner Seite.
»Dort liegt das Haus.«
»Da ist noch Licht darin,« rief Baptiste überrascht.
»Sie werden es völlig plündern. Señor Fosca läßt nichts zurück, denn
seit ihn mein Herr in Bogota wegen Unterschlagung und Betrug in's
Gefängniß werfen ließ, hat er eine furchtbare Wuth auf ihn bekommen.«
»Also deshalb? Wahrhaftig, sie tragen Sachen herunter. Komm, Antonio,
wir wollen ihnen helfen.« Und rasch entschlossen, wie er immer war,
schritt er, von dem Mulattenburschen aber nur scheu gefolgt, gerade über
die Straße hinüber, wo er einen Soldaten mit einem Pack traf, während
der andere gerade wieder die Leiter hinaufstieg.
»Aber Muchachos,« redete er den Burschen wie ärgerlich an, -- »was
vertrödelt Ihr die Zeit hier auf eine so nichtswürdige Weise? Wißt Ihr
nicht, daß sie an Bord auf Euch warten?«
»Pero Señor!« sagte der Bursche ganz erstaunt seinen Offizier ansehend.
-- »Sind Sie denn nicht fortgelaufen? Caracho! Sie werden doch in der
ganzen Stadt gesucht!«
»Du faselst wohl?« rief Baptiste. »Marsch mit Euch! Der Commissair wird
wüthend werden.«
»Aber der Commissair hat uns ja eben erst noch einmal heraufgeschickt.
Er will Alles mitnehmen, ehe er die Gefangenen an Bord schafft.«
»Hat er die _=noch=_ nicht drüben?« rief der Franzose wie ärgerlich,
»das ist ja rein zum rasend werden mit der Langweiligkeit. Wer ist noch
bei ihm?«
»Weiter Niemand als sechs von unseren Leuten, zum Rudern und zur
Bewachung.«
»Aber ein Boot hat er doch?«
»Ja, von der Galeotte ist eins herübergeschickt. Das ist eben die
Mannschaft, denn die Anderen sind den Fluß hinauf, weil sie glaubten,
daß _=Sie=_ nach Ecuador hinüber wollten.«
»Ich nach Ecuador? Unsinn!« rief Baptiste, mit wenigen Schritten die
Stufen hinauffliegend. Dort überraschte er den zweiten nicht minder als
seinen Cameraden, durch sein Erscheinen, aber er ließ ihn gar nicht zu
Worte kommen.
»Fort mit Dir, Bursche!« rief er. »Die Zeit vergeht! Wir müssen zum
Boot!« Ohne Weiteres das Bettzeug von einem der Gestelle nehmend, trug
er es an die Treppe und warf es hinunter. -- »Hier, Antonio, trage das!«
-- Dann griff er das andere auf, hob es sich auf den Kopf, und folgte
damit ebenfalls.
Der Soldat wagte natürlich keinen Einspruch. Wie konnte er auch? Daß
sein Vorgesetzter den Befehl in die Hand nahm, verstand sich von selbst,
und daß es geheißen hatte, er sei desertirt -- lieber Gott! an Bord der
Schiffe herrschte überhaupt so viel Confusion, daß ein solcher kleiner
Mißgriff nicht einmal zu den Unwahrscheinlichkeiten gehörte. Daß aber
der Offizier solche Eile hatte, beunruhigte ihn, denn die Soldaten
trauten noch immer dem Frieden nicht in der Stadt. War etwas
vorgefallen? Wenn sie hier abgeschnitten und beim Plündern eines Hauses
gefaßt wurden, konnte es ihnen schlecht gehen. In aller Hast griff er
auf, was ihm gerade unter die Hände kam, und folgte den Vorangegangenen,
die schon unterwegs nach dem Boote waren.
Siebentes Capitel.
Der Commissair in der Falle.
In einer entsetzlichen Lage waren indessen die unglücklichen Gefangenen,
die, ganz der Willkür ihres Henkers anheim gegeben, den rohen Scherzen
und dem Spott der Soldaten zur Zielscheibe dienen mußten, damit diese
sich die müßige Zeit am Ufer vertreiben konnten. Fosca hinderte sie auch
nicht daran und Señor Ramos knirschte machtlos seine Zähne zusammen. Er
konnte nichts dagegen thun. Mit auf den Rücken gebundenen Händen lag er
hinten im Boot, während neben ihm im Heck, die Steuerreeps in der Hand,
der Commissair Platz genommen hatte. Die Frau kauerte mit dem Kinde in
der Mitte des Bootes, neben ihren dort aufgehäuften Habseligkeiten, und
ihre stillen Thränen netzten die Wangen der Kleinen, während sie ihr
liebe Worte gab, sie zu beruhigen suchte und ihr Trost zusprach --
Trost, der ihr selber fehlte.
Der Commissair war schon fast ungeduldig geworden, denn wenn auch seine
eigene Habgier die Leute noch einmal hinauf geschickt hatte, um so viel
als möglich mit fortzuführen, fing die Zeit ihm doch an lang zu werden.
Die Soldaten schlenderten indessen am Ufer auf und ab, als einer von
ihnen die Ankunft der Erwarteten meldete.
»Nun endlich!« rief ihnen Fosca schon von weitem entgegen. »Das hat
lange gedauert. Macht, daß Ihr herein kommt. Aber wozu schleppt Ihr den
ganzen Plunder mit herunter? Wer hat Euch gesagt, daß Ihr die Betten
mitnehmen sollt? Wir haben ja nicht einmal im Boote Platz. Werft die
Lumpen dort auf den Sand und legt nur das Andere herein.«
»Bitte um Entschuldigung, Señor Comisario,« lachte Baptiste, indem er
seine Ladung, _=gegen=_ den Befehl, in das Boot warf und dann Antonio's
ebenfalls abnahm und den ersten folgen ließ; »es ist eine alte Regel,
beim Ausräumen nichts zurückzulassen, und da die Gefangenen doch
unterwegs wahrscheinlich auch schlafen wollen, brachte ich mit, was mir
unter die Hände kam.«
»Caramba!« rief der Commissair erstaunt. »Señor Batista? Ich meinte, die
ganze Mannschaft sei hinter Ihnen her, um Sie wieder einzufangen!«
»Das ist prächtig,« lachte der Franzose. »Dasselbe haben mir schon die
Burschen gesagt. Wenn ich also auf speciellen Befehl des Admirals in der
Stadt herumlaufe, um einige Aufträge auszuführen, hetzt der Steuermann
die Soldaten hinter mir drein, um mich wieder einzufangen. Kostbare Idee
das! -- Aber rasch, Jungens, das Wasser fällt schnell, die Ebbe muß bald
ausgelaufen sein und wir bleiben auf trockenem Sande sitzen. Holzköpfe,
Ihr, seht Ihr nicht daß das Boot schon aufsitzt? Angefaßt da! Rasch,
damit wir es wieder flott bekommen!«
Die Thatsache ließ sich nicht leugnen und die Soldaten, völlig beruhigt
darüber, daß ihr Officier _=nicht=_ hatte weglaufen wollen -- er wäre
sonst doch wahrhaftig nicht freiwillig wieder gekommen -- sprangen in
das Wasser und schoben das Boot zurück, bis es wieder flott wurde.
»Wir haben hier nicht alle Platz!« rief der Commissair.
»Das ist richtig. Dann bleiben die Soldaten zurück, bis wir das Boot
wieder herüber schicken können.«
»Das geht nicht,« beharrte Fosca. »Ich muß Wache bei dem Gefangenen
haben.«
»Dann wird doch wohl noch ein Canoe aufzutreiben sein,« sagte Baptiste.
-- »He, Bursche, hast Du kein Canoe in der Nähe?«
»Gleich hier oben, Señor,« rief Antonio, an den die Frage gerichtet war.
»Dann hole es, schnell!«
Der Mulatte verschwand wie ein Schatten in der Nacht.
»Wer war der?« fragte der Commissair.
»Ein Bursche, der uns heute Abend noch frisches Fleisch herüber liefern
soll. Er muß mit an Bord, um den Auftrag zu erhalten.«
Ein eigener wilder Plan zuckte durch des Franzosen Hirn. Noch war es
vielleicht möglich die Unglücklichen zu retten, wenn er den größten
Theil der Soldaten beseitigen konnte. Aber wie? Gewohnt jedoch, Alles
dem Augenblick zu überlassen, sprang er jetzt ebenfalls in das Boot,
angeblich um das Gepäck zu ordnen, in Wirklichkeit, um es so zu
vertheilen, daß so wenig als möglich Menschen darin sitzen konnten.
Die Gefangenen hatten ihn gar nicht beachtet und noch viel weniger in
der Dunkelheit erkannt. Waren doch auch Jahre verflossen, daß sie seine
Stimme gehört, die damals, von Krankheit geschwächt, auch matt und hohl
genug geklungen hatte. Und wie konnten sie ihn an Bord hier und unter
denen vermuthen, die im Begriff waren, ihr ganzes Lebensglück zu
zerstören!?
Von oben den Canal herunter kam jetzt das Canoe gerudert und lief im
nächsten Augenblick etwa zehn Schritt von dem anderen auf den Sand.
»Hallo! Was ist das für ein Frauenzimmer da drin?« rief der Commissair.
»Die Wäscherin, Señor, die an Bord soll und die ich dort oben fand,«
erwiderte Antonio rasch gefaßt, und Ramos zuckte unwillkürlich zusammen,
denn _=jetzt=_ hatte er seines treuen Burschen Stimme erkannt. Aber
Baptiste rief, auf die Idee eingehend:
»Zum Henker und wegen der bin ich eine volle Stunde in dem dunklen Nest
und drüben an der Punta herumgehetzt! Ich glaubte schon, der Admiral
würde mir alle Wetter auf den Hals fluchen, wenn ich sie nicht
mitbrächte. Aber hinein hier mit ihr in das Boot! Die darf ich nicht
drüben bei den Soldaten lassen.«
»Hier in das Boot geht sie nicht mehr,« rief der Commissair dazwischen.
»Caramba! Mann, wen und was wollt Ihr denn nicht _=noch=_ hereinpacken?«
Baptiste war nicht gesonnen, seinen einmal gewonnenen Vortheil
aufzugeben. _=Jetzt=_ mußte er mit dem _=Boote=_ fliehen -- das war die
letzte Möglichkeit eines Erfolges, und da er mit dem Canoe nie hätte
wagen dürfen, schwer geladen in die offene See hinauszusteuern, so bot
das Boot, so mittelmäßig es auch sonst sein mochte, doch unendlich mehr
Sicherheit. Ohne deshalb auch weiter den Befehl des Commissairs zu
beachten und das Mulattenmädchen, das schnell an Land gesprungen war,
selber in den Bug des Bootes hebend, sagte er:
»Ueberlassen Sie das Alles mir, verehrter Herr! _=Ich=_ bringe Sie
sicher hinüber, denn mir liegt selbst daran, von der Sache abzukommen.
Auf einem Kriegsschiff macht man nicht gern den Polizeidiener und
Büttel. -- He, kannst Du rudern, Bursche?«
»Gewiß, Señor,« erwiderte Antonio.
»Dann marsch hinein mit Dir und stoß ab! Halt, für das Canoe sind zu
viel Leute! Zwei können noch mit hier herein.«
»Wenn Sie nicht den ganzen Platz verpackt hätten,« rief der Commissair
unwillig. »Werft doch den Plunder über Bord.«
»Gut, dann legt Eure Gewehre hier herein. Gebt sie her! Herr Commissair,
bitte um ein wenig Raum.« Und die Gewehre der Leute nehmend, trug er sie
selber, das Wasser nicht achtend, hinter nach den Steuerreeps.
»Und wie soll ich jetzt steuern?« fragte Fosca ärgerlich.
»Das besorge ich selber. Jetzt vorwärts! Einer von Euch noch herein. Du
hier, Pedro!« sagte er, einen kleinen schwächlichen Burschen aus dem
Trupp ergreifend. »Setze Dich da vorn hin und rudere aus Leibeskräften.
Nun ab! Kommt mit dem Canoe nach, so rasch Ihr könnt.«
Die Soldaten waren ganz verdutzt. Wenn ihnen aber das hastige,
fremdartige Benehmen ihres Officiers auch auffiel, konnten sie doch
nichts dagegen thun, denn er war einmal ihr Vorgesetzter, und so lange
es sich der Commissair gefallen ließ, durfte es _=ihnen=_ auch recht
sein.
»Caracho, Señor!« lachte der Eine. »Die Señorita hätten Sie uns
ebensogut im Canoe lassen können. -- Sie haben ja schon eine an Bord.«
»Nichts für uns Beide, Camerad!« rief ihm der Franzose zu, während er,
von Antonio kräftig unterstützt, das Boot mit dem Ruder hinaus in tiefes
Wasser stieß. Dort wirkte schon die Strömung und sie mußten zu den
Rudern greifen.
»Bitte, Señor,« sagte dann Baptiste, indem er ziemlich rücksichtslos
über die Gefangenen hin nach hinten stieg und sich zu dem gebundenen
Ramos niederbog, »der Señor hier liegt mir im Wege. Steuern _=Sie=_
einmal einen Augenblick.«
»Ja steuern!« brummte der Commissair. »Alle Gewehre liegen auf den
Reepen.«
»Fassen Sie nur das Ruder mit der Hand an. Sie wissen sich doch sonst
immer so vortrefflich zu helfen, Señor.«
Der Ton, mit dem dieses gesagt wurde, frappirte den Neu-Granadienser,
aber er mußte in der That das Steuer etwas aufdrehen, wenn das Boot
nicht mit der Strömung zu weit hinabgetrieben werden sollte. Er erhob
sich zu dem Zweck, kniete auf den Sitzbord und richtete das Ruder.
»Muth!« flüsterte in demselben Moment Baptiste dem Gefangenen zu und
Ramos fühlte, wie ein scharfes Messer seine Bande durchschnitt. Seine
Arme wurden frei.
»Und nun legt Euch in die Ruder, Burschen!« rief der Franzose, sich
wieder aufrichtend, den beiden Leuten zu, indem er selber zum
Steuerruder ging und die Gewehre so zurückschob, daß er zwischen sie und
den Commissair zu sitzen kam.
»~Guarda se, Señor~,« sagte der Soldat, »sie sind alle geladen.«
»Ich weiß es. Nehmt Euch nur beim Aussteigen damit in Acht, daß Keiner
an dem Hahn hängen bleibt. So, Señor Comisario, jetzt werde ich Sie
ablösen. Haben Sie die Güte und rücken Sie noch ein klein wenig
hinüber.«
»Halten Sie nicht zu tief! Die Strömung ist hier sehr stark und wir
treiben sonst vorbei,« sagte Fosca, als er sah, daß der Franzose den Bug
mehr abfallen ließ.
»Nur keine Angst, Señor,« lachte dieser in der Erregung des Augenblickes
und das Herz klopfte ihm, als ob es ihm die Brust zersprengen wollte.
»Ich verfehle mein Ziel nicht, und passen Sie auf, was für eine
angenehme Fahrt wir haben.«
»Sie treiben wahrhaftig zu weit nach unten! Caracho, Señor! Können Sie
nicht steuern? Sehen Sie doch, wie das Canoe hält.«
»Ja, mein bester Señor,« lachte Baptiste -- sie waren dem Canoe
wenigstens hundert Schritte voraus. »Die Leute da drüben wollen auch an
_=Bord=_, wir aber sind im Begriff, eine kleine _=Seefahrt=_ zu machen.«
»Eine Seefahrt?« rief der Commissair, erschreckt von seinem Sitze
aufspringend. -- »Verrath!«
Er hatte das Wort noch nicht ganz heraus, als ihm Baptiste's Finger den
Hals wie in einem Schraubstock zusammenpreßten.
»Señor Ramos,« rief er dabei, »auf und an Ihr Ruder! Du, Pedro, nach
vorn! Die geringste Bewegung die Du machst, und ich jage Dir eine von
den Kugeln durch den Leib -- oder halt! Willst Du rudern, so rudere, was
Du rudern kannst, und es soll nachher Dein Schade nicht sein, aber bei
dem geringsten Zeichen von Verrath bist Du eine Leiche!«
»Ja, Señor, gewiß -- wenn ich muß.«
»Du mußt! Antonio, bei der ersten falschen Bewegung, die er macht,
rennst Du ihm Dein Messer in den Leib und wirfst ihn über Bord. Rudere
jetzt! Stärker! Caramba, es ist für Dein Leben, Patron, denn wenn wir
eingeholt werden, massakrire ich Dich selber.«
»Hallo!« schrien jetzt die im Canoe befindlichen Soldaten hinter ihnen
her. »Weiter hinauf! Ihr verfehlt das Schiff.«
»Bube!« zischte der gefangene Commissair unter dem furchtbaren Griff
seines Nachbars durch die Zähne, und sich dann mit äußerster
Kraftanstrengung frei machend, schrie er in einem wahren Aufkreisch um
Hülfe. Aber es war nur ein einziger Ruf, den er ausstoßen konnte, denn
Baptiste, der das Steuer nicht loslassen konnte, hatte nur einen Moment
in seinem Griffe nachgelassen. _=Der=_ Gefahr durften sie sich nicht
aussetzen und ehe der Ueberlistete einen zweiten Schrei ausstoßen
konnte, traf ihn die geballte Faust des kräftigen Franzosen so
eisenstark gegen die Schläfe, daß er, wie von einer Kugel getroffen,
zusammenknickte.
»Jetzt binden und knebeln Sie ihn, Señor!« rief er Ramos zu. »Rasch! Um
unser aller Leben, denn wirkliche Gefahr erwartet uns erst, wenn sie auf
den Schiffen mißtrauisch werden.«
Es bedurfte keiner Worte weiter. Ramos begriff ihre Lage besser als
irgend ein Anderer, wenn er sich auch noch nicht denken konnte, wer sein
Befreier sei. Es war auch keine Zeit zu fragen, und mit einem Stück des
Seils, mit dem er selber gebunden gewesen, schnürte er dem noch
Bewußtlosen die Glieder zusammen und zwang ihm dann das Halstuch seines
Kindes zwischen die Zähne in den Mund.
Sie trieben jetzt, ungefähr noch 120 Schritte von dem nächsten Schiff
entfernt, an diesem vorbei.
»~Ahoy the boat!~« schrie Mr. Culpepper's Stimme von dort herüber. --
»Was für ein Boot ist das? Wohin wollt Ihr?«
Keine Antwort erfolgte. Baptiste wußte nicht gleich, was er erwidern
sollte, oder fürchtete, sich durch seine Stimme zu verrathen.
»Boot hinab! Rasch! Hinunter mit Euch, Ihr Jungen! Die besten Ruderer
hinein und vier Mann mit Gewehren, hinter dem Boot dort her! Gebt Feuer,
wenn sie nicht halten und dann rasch wieder geladen!«
Die Worte hallten deutlich von dort herüber.
»~Diable!~« murmelte Baptiste vor sich hin. -- »Mit zwei Rudern kommen
wir nicht aus der Stelle. Señor, Sie müssen mit helfen. Rasch, greifen
Sie ein Ruder auf, um Ihr Leben. Oder können Sie steuern? Ich habe mehr
Kraft.«
»_=Ich=_ kann steuern,« sagte da die junge Frau, die vor Aufregung
zitternd die letzten Vorgänge beobachtet, aber noch nicht gewagt hatte,
eine Frage zu thun, ein Wort laut werden zu lassen. Wie ein Traum kam
ihr das Ganze vor, und der Uebergang von dem furchtbarsten erdenkbaren
Elend und Jammer zu Freiheit und Leben war ihr so überraschend schnell,
so unerwartet, nie mehr gehofft gekommen, daß sie noch immer nicht
daran glauben mochte. Jetzt aber, wo ihre eigene Kraft und
Geschicklichkeit ihnen nützlich werden konnte, brach sie das Schweigen.
»Brav, Señora, brav!« rief Baptiste jubelnd aus. »Das giebt uns ein
Ruder mehr. Und jetzt, Teresa, hierher! Weiter zurück, mein Schatz! Der
Bug drückt vorn zu viel nieder und wir gehen deshalb zu schwer. Du
kannst das Kind nehmen.«
»Teresa?« fragte die Frau erstaunt, aber Freudenthränen weinend und doch
in zitternder Angst kroch das arme Mädchen über die aufgethürmten Betten
hinweg zu ihrer Herrin, vor der sie niederfiel und ihre Knie umfaßte.
»Weg mit den Thränen, Schatz! Weg mit den Thränen!« rief Baptiste
lachend. »Dazu ist nachher Zeit. Wir werden da draußen Salzwasser genug
in's Boot kriegen. -- So recht, Pedro, lege Dich tüchtig hinein! Es soll
Dein Schaden nicht sein und wir wollen doch sehen, ob wir in Ecuador
nicht noch etwas Besseres aus Dir machen können als einen lumpigen
Soldaten. _=Wir=_ sind jetzt Kameraden, und ich lasse Dich nicht im
Stich.«
Dadurch, daß das Mädchen zurückkommen mußte, hatte das Boot viel an
leichterer Fahrt gewonnen, denn der Bug hob sich. Des Seemanns scharfes
Ohr hatte aber auch bereits das Einsetzen der Ruder vom Schiffe her
gehört, wenn sie den Schooner selber auch schon nicht mehr auf dem
dunklen Hintergrunde des Manglarenwaldes erkennen konnten. Nur die
rothen Lichter leuchteten noch herüber.
»Nun für unser Leben!« rief er, sein eigenes Ruder aufgreifend, während
die Señora das Steuer genommen und nicht zu viel versprochen hatte, als
sie versicherte, sie könne es regieren. »Halten Sie den Bug jetzt noch
immer auf jenen hellleuchtenden Stern zu -- es ist die Venus, und mag er
uns Glück bedeuten heute Abend.«
Von jetzt an wurde kein Wort mehr gesprochen. Die vier Männer ruderten
schweigend, aber aus Leibeskräften, denn sie wußten, daß nur größere
Schnelligkeit sie retten konnte.
Da fielen rasch hinter einander drei Schüsse von dem verfolgenden Boot.
»Großer Gott, sie schießen!« rief die Frau. »Lege das Kind auf den Boden
des Bootes, Teresa.«
»Nicht hierher,« beruhigte sie Baptiste, da er, mit dem Rücken nach vorn
im Boot sitzend, das Abblitzen der Gewehre hatte sehen können. »Es ist
unmöglich, daß sie uns hier schon erkennen, wenn nicht die hellen Betten
zu sehr leuchten.«
»Werft sie über Bord!« bat Ramos.
»Bewahre!« lachte der Franzose, »lieber den Comisario. Erst müssen wir
finden, daß sie uns zu schwer sind. Decke jenen dunklen Poncho darüber,
der auf dem Sitzbrett liegt, Teresa. Er gehört freilich dem Herrn
Commissair, aber zu dem Zweck wird er ihn uns wohl leihen.«
»Aber was bedeuten die Schüsse?«
»Nichts Gutes,« sagte Baptiste finster. »Es sind Signale für das Boot an
der anderen Seite der Insel, um dasselbe herbeizurufen, und wenn es
wirklich in der Nähe ist, kann es uns den Weg abschneiden. Aber
caramba!« setzte er mit fest zusammengebissenen Zähnen hinzu. -- »Wir
haben auch Gewehre im Boot und im schlimmsten Falle können wir ihnen
einen wärmeren Empfang bereiten als sie jetzt wohl denken.«
»Aber keine Munition.«
»Pedro hat doch gewiß seine Patronentasche mit. Wie viel Patronen sind
darin?«
»Zwanzig, Señor.«
»Bravo, und sechs geladene Gewehre, die Festung ist armirt.«
»Und mit dem Boot hinter uns?«
»Ah bah!« sagte Baptiste, sich in sein Ruder legend. -- »Die Sache ist
allerdings fast zu interessant, um angenehm zu sein, aber hol's der
Teufel! -- Entschuldigen Sie, Señora, auf See lernt man ein rohes
Sprechen, ohne manchmal etwas dabei zu denken -- ich hoffe doch noch,
daß wir die hohe See gewinnen sollen und wenn sie uns da hinaus folgen,
nun, dann formiren wir mit den Matratzen eine kleine Festung um den
schwachen Theil der Besatzung und wehren uns eben unserer Haut. Vorwärts
jetzt! -- Mit dem Reden geht Kraft verloren.«
Wieder wurden hinter ihnen drei Schüsse abgefeuert und Baptiste sah zu
seinem Schrecken, daß sie diesmal nicht in die Luft schossen, sondern
hinter ihnen her. Aber die Entfernung war noch zu groß, nur wenn sie
hoch gehalten hätten, wäre vielleicht eine oder die andere Kugel bis zu
ihnen geschlagen. So fielen sie alle zu kurz und er hütete sich wohl ein
Wort darüber zu sagen, um die Frauen nicht unnützer Weise zu
beunruhigen.
Das Boot flog rasch durch das Wasser und eine Zeit lang wurde kein Wort
weiter gewechselt. Der Commissair war wieder zur Besinnung gekommen und
wand sich krampfhaft am Boden des Bootes, aber er konnte keinen Schaden
thun und Baptiste, neben dem er lag, behielt ihn auch scharf im Auge.
»Wenn wir uns ein klein wenig mehr rechts hielten,« sagte Ramos
endlich, -- »die Gefahr wäre dort geringer, einem der anderen Boote zu
begegnen.«
»Wir dürfen nicht,« erwiderte Baptiste, -- »wenn sie uns nachher den Paß
zwischen der Punta Manglares und der Insel verlegen, so treiben sie uns
weit in See hinaus und dort steht jetzt ein tüchtiger Südwind, von dem
wir hier nur noch nichts fühlen, weil wir durch das südliche Land
gedeckt sind. Vorwärts! Hier ist die Spitze der Insel! In wenigen
Minuten muß es sich entscheiden! Bis jetzt war Gott mit uns, er wird uns
nun auch nicht verlassen.«
Das hinter ihnen folgende Boot hatte jedenfalls etwas an sie gewonnen,
man konnte die Ruderschläge desselben deutlicher hören, aber _=ihre=_
Ruder knarrten und machten dadurch zu viel Geräusch.
»Teresa,« sagte Baptiste, »nimm Lappen oder Tücher, was Du gerade hast,
Schatz, tauche sie in's Wasser und lege sie uns unter die Ruder,
verstehst Du? So! Ich habe mir schon geholfen,« fuhr er fort, indem er
sein Taschentuch in die Ruderdolle brachte, -- »nur für die Anderen.«
Das war bald geschehen und sie hatten nun den Vortheil, wenigstens
geräuschlos zu fliehen.
Auf Baptiste's Wunsch ließ die junge Frau das Boot jetzt noch ein wenig
dem Land zu abfallen. So nahe befanden sie sich jetzt am Ufer, daß die
auf der Backbord-Seite Rudernden mit ihren Riemen schon den Sand fühlen
konnten. Sie durften nicht wagen, näher hinan zu halten. Da hörten sie
plötzlich laute Stimmen und Fluchen, dicht an ihrer Linken.
Fast unwillkürlich hielten Alle mit Rudern ein und wie ein dunkler
Schatten glitt das Boot, von der Ebbe und Strömung des Mira begünstigt,
über die Oberfläche.
»Seco!« sagte da eine deutliche Stimme. »Caracho, Basilio! Ich sagte Dir
es gleich, daß wir hier auf den Grund rennen würden. Nun sitzen wir
fest. Hinaus mit Euch, daß wir den faulen Kasten wieder flott bekommen.«
»Sie sitzen fest! Vorwärts!« jubelte Baptiste mit vorsichtig gedämpfter
Stimme -- und wieder trafen die Ruder in's Wasser, immer noch die
vorherige Richtung haltend, um wenigstens aus dem Bereich der
Schußwaffen zu kommen. Die in dem anderen Boot hatten wirklich in dem
Augenblick zu viel mit ihrer eigenen Lage zu thun, um nach etwas Anderem
auszuschauen. Sie waren jedenfalls über Bord gesprungen, um das dadurch
erleichterte Boot vom Sand abzuheben und wieder in tieferes Wasser zu
schieben. Deutlich konnten die Flüchtigen das Plätschern und Fluchen
der Leute hören. Aber so dicht mit den Köpfen über dem Wasserspiegel
mochte doch wohl einer oder der andere der Leute das vorbeigleitende
Boot bemerkt haben. Plötzlich war Alles ruhig und eine Stimme rief
gleich nachher:
»He da! Ist das nicht ein Boot?«
Keine Antwort folgte.
»Caracho! Warum antwortet Ihr nicht? -- Schieß, Pablo!«
»Vorwärts um der heiligen Jungfrau willen!« drängte Baptiste. -- »Sie
sind noch nicht flott. Jeder Ruderschlag bringt uns weiter aus dem
Bereich ihrer verdammten Flinten.«
Es dauerte wohl zwei Minuten, bis sie den scharfen Blitz eines
abgefeuerten Gewehres sahen, aber gute Schützen sind diese spanischen
Abkömmlinge nicht, schlechte Gewehre hatten sie ebenfalls und im Dunkeln
auf den Schatten eines Bootes zu halten ist ein schwieriges Ding. Die
Kugel schlug wenigstens vier oder fünf Ellen rechts von den Fliehenden
auf das Wasser. Und kein zweiter Schuß folgte. Die Mannschaft wollte
sich wahrscheinlich nicht auf das unsichere Feuern verlassen und lieber
ihr Boot rasch wieder flott bekommen.
Dann antworteten wieder einige Schüsse von dem verfolgenden Boot, und
die Burschen des gestrandeten schrien als Antwort so laut sie konnten.
»Jetzt links hinüber, Señora!« rief da Baptiste. -- »Immer an den
Manglaren hin! Dort ist tiefes Wasser, bis wir an die nächste Punta
kommen. Sie ist nicht mehr weit, und haben wir erst die zweite Mündung
des Mira hinter uns, dann sind wir gerettet.«
Die Leute arbeiteten mit Anspannung aller ihrer Kräfte und selbst Pedro
leistete Außerordentliches, denn es schien ihm selber nicht viel daran
zu liegen, in den eben erst verlassenen Kriegsdienst zurückzukehren.
Deutlich konnten sie jetzt noch einmal die Zurufe von den verschiedenen
Booten unterscheiden; auch die Ruder hörten sie wieder knarren, aber die
Verfolger, mit dem Terrain kaum genau bekannt, schienen unsicher
geworden zu sein, welche Richtung das flüchtige Boot genommen habe.
Vielleicht fürchteten sie auch mit der Ebbe hinaus in See genommen zu
werden.
Eine Viertelstunde später herrschte Todtenstille auf dem Wasser, die nur
durch das leise Plätschern der Ruder unterbrochen wurde. Sie waren
gerettet.
Letztes Capitel.
Im Pailon.
Sie waren gerettet, immer aber noch arbeiteten die Ruderer wacker
vorwärts, und das Boot glitt an dem dunklen Ufer rasch dahin. Jetzt
hatten sie die Mündung des Mira erreicht, und in der Dunkelheit war es
fast, als ob es das offene Meer sei. Don José hielt auch wirklich mit
Rudern inne und frug, ob sie sich nicht jetzt links am Lande halten
müßten.
»Wenn wir Fluth hätten, oder in einem Canoe säßen, ja, Señor,« sagte
Baptiste, immer noch mit unterdrückter Stimme, obgleich schon lange mehr
kein Laut der Verfolger zu ihnen gedrungen war. »Mit dem Boote hier
dürfen wir aber getrost wagen um die Punta Manglares zu fahren, denn
gegen den Mira hätten wir sonst ein tüchtiges und schweres Stück
anzurudern. Vorwärts, Señorita! Gerade hindurch, bis wir den Wald wieder
erreichen, den Sie dort wie einen dunklen Streifen vor sich sehen. Nur
ein kleines Stück dann noch weiter, und wir kommen in die offene See.«
»Und kennen Sie den Weg?«
»Wie meine Tasche.« --
Wieder ruderten sie schweigend weiter, denn unter dem Schatten der
Manglaren wollte sie Alle noch nicht das unruhige Gefühl verlassen, als
ob an jeder Ecke ein anderes Boot der Verfolger auftauchen, und ihnen
den Weg zur Rettung abschneiden könnte. Aber sie hatten Nichts mehr zu
fürchten, und kaum eine halbe Stunde später trug sie die rasch
abströmende Ebbe zwischen einer mit Manglaren bewachsenen langen Insel
und der dort vorspringenden Landzunge hindurch, und wenige Minuten noch
und ihr Boot schaukelte auf den langen getragenen Wogen des stillen
Oceans.
Glücklicher Weise trafen sie hier nicht mehr den scharfen Süder, den
Baptiste gefürchtet, und der sie gezwungen hätte die Fluth abzuwarten
und wieder zurück in den letzten Mira-Arm einzulaufen, um von dort aus
den Canal zu suchen. Der Wind hatte sich vollständig gelegt, und nur die
See wogte noch und hob sich und sank mit dem darüber hingleitenden Boot.
Zur Linken öffnete sich ihnen ein wunderbarer Anblick, so daß Aller
Blicke unwillkürlich dorthin flogen, denn dort schäumte bei fast
niedrigstem Wasserstand die Brandung über und gegen die freigelegten
Sandbänke an, und warf ihre phosphorglühenden Wogen, deren weiße Kämme
wie flüssiges Gold schimmerten und leuchteten, donnernd gegen den
Strand. -- Und immer und immer erneute sich das Bild! sowie die eine
Sturzsee in tausend blitzende Funken zerfloß, bildete sich weiter zu
ihnen eine neue, die mehr und mehr anschwoll und von glitzernden
Gluthenstreifen durchzogen zu sein schien, bis sie sich hob und brach
und dann einen wahren Feuerregen umhersprühte.
»Wie furchtbar schön ist das!« hauchte die Frau, das großartige
Schauspiel aber doch mit scheuen Blicken betrachtend, denn wenn sich
eine neue Woge hob, war es, als ob sie näher und näher zu ihnen kam, und
sie unmerklich aber sicher, wie in einer gewaltigen Strömung dort
hinüber reißen müßte. »Werden wir dort nicht hinein treiben?«
»Nein, Señora,« sagte Baptiste freundlich. »Haben Sie keine Angst! Die
Elemente sind gnädiger mit uns als die Menschen. Ich fürchtete einen
scharfen Süder, bei dem wir allerdings Schwierigkeiten gehabt haben
würden hier vorbei zu laufen, aber statt dessen erhebt sich, wie ich
eben fühle eine leichte Seebrise, und mit der können wir es uns bequemer
machen, als wir es bis jetzt gehabt haben. Bitte führen Sie nur noch
kurze Zeit das Steuer -- nur nicht weiter in die See hinaus, nur immer
in der nämlichen Entfernung von den Brandungswellen, wie wir uns bis
jetzt gehalten, ich werde jetzt das Boot ein wenig behaglicher
herrichten.« Er legte sein Ruder nieder, stieg über die Sachen hinweg,
die er in der Mitte so eng als möglich zusammenpackte, und eine der
Matratzen vorn im Boote ausbreitete, daß sie eine Art von Mulde bildete.
»So Señora,« sagte er dann freundlich, indem er zurück stieg und ihr die
Hand reichte, »jetzt klettern Sie hier vorn herüber. -- Haben Sie keine
Angst, ich halte Sie. Das Kind gebe ich Ihnen dann nach, und legen Sie
sich da vorn ganz unbesorgt zum Schlafen nieder. Sie bedürfen der Ruhe
und die arme kleine Adriana auch.«
»Aber wer sind Sie,« sagte die Frau jetzt, indem sie seinen Anordnungen
folgte, »daß Sie Ihr Leben für uns wagten und jetzt auch noch so
freundlich Sorge tragen?«
»Wenn wir Tageslicht bekommen, erkennen Sie mich vielleicht wieder,«
lächelte Baptiste. »Jetzt überlassen Sie uns nur die Sorge um das Boot.«
Aus seinem Ruder richtete er nun einen kleinen Mast her, aus einem der
Betttücher machte er ein Segel, ein anderes Ruder gebrauchte er zum
Ausholer, und als er die Schote befestigt hatte und anzog, fühlten sie
bald, daß der Wind in die Leinwand schlug und anzog. Ziemlich so rasch
wie vorher mit den Rudern, aber völlig geräuschlos, und sanft wie von
einer Schaukel gehoben und fortgeführt, glitt das Boot über die Fluth
und die junge Frau, ihr schlummerndes Kind im Arm, war, von den
Aufregungen der letzten Nacht zum Aeußersten erschöpft, bald in einen
sanften Schlaf gefallen.
Pedro, der arme Teufel, der für sein Leben gerudert hatte, fühlte sich
ebenfalls so todesmatt, daß er, als ihm Baptiste den Befehl gab sein
Ruder einzunehmen, zurück mit dem Kopf gegen die Matratze sank und
augenblicklich einschlief.
Und immer weiter, jetzt gerade nach Süden, dann ein wenig zum Osten
zurückhaltend, steuerte Baptiste das Boot. Neben ihm wand sich aber der
unglückselige Commissair in solchen augenscheinlichen Schmerzen, daß
Ramos endlich selber Mitleiden mit dem Verräther fühlte und leise sagte:
»Dürfen wir ihm nicht jetzt wenigstens den Knebel aus dem Munde nehmen?
ich fürchte, er erstickt.« --
»Schade wär's nicht um ihn,« sagte Baptiste trocken, »aber meinetwegen.
Er wird ja ohnedieß klug sein und das Maul halten, oder wir machen
kurzen Proceß mit ihm und werfen ihn über Bord. Es wäre überhaupt das
Beste, ihn hier an einer oder der anderen Manglarenspitze auszusetzen,
dort könnte er sich amüsiren und die zahllosen Mosquitos füttern.« Aber
er bog sich doch, noch während er sprach, zu dem Gefangenen über und
nahm ihm das Tuch aus dem Mund. Fosca athmete tief und schwer auf, aber
er gab keinen Laut von sich. Die Drohung hatte gewirkt, denn ein
Aussetzen in den Manglaren[A] wäre ein sicherer und furchtbarer Tod für
ihn gewesen.
So fuhren sie langsam weiter. Die Brise blieb schwach, aber doch immer
stark genug, um das Boot, das sie von der Seite fing, vorwärts zu
treiben, bis endlich am östlichen Horizont, den der niedere Laubgürtel
des flachen Landes bildete, die Wolken anfingen sich zu lichten. Der Tag
brach an, aber die Atmosphäre ist in diesem Himmelsstrich fast nie rein
und ungetrübt, wenigstens nur in sehr seltenen Fällen Morgens.
Ein leiser Duft ruhte auf dem Walde, durch die feuchten Schwaden
erzeugt, die ihm unausgesetzt entstiegen. Aber vor ihnen lag die Mündung
des Pailon, die erste und nördlichste Ansiedlung in Ecuador -- an der
linken Landspitze (eigentlich einer Insel); bald konnten sie die
einzelnen Häuser der dort wohnenden Fischer erkennen. Die Fluth stieg
dabei wieder, und von ihr geführt liefen sie mit dem ersten Morgengrauen
in den breiten herrlichen Canal ein, der an beiden Seiten von, ihre
Zweige bis zum Wasser niederhängenden Manglaren dicht begrenzt, gerade
nach Süden hinab dem kleinen Fischerdorf San Lorenzo zuführte.
Die Frau war erwacht und mit dem stillen Frieden um sich, mit dem
Gefühle vollkommener Sicherheit hob sich ihr Herz zu Gott, und ihr Kind,
ihre liebe Adriana an sich pressend, betete sie leise aber brünstig zu
dem Allerbarmer --
Aber welch ein wunderbarer Ton um sie her? Wie ferner Orgelklang traf er
ihr Ohr, leise summend in vollen melodischen Akkorden! Und als sie
erstaunt den eigenthümlichen Klängen horchte, war es ihr fast, als ob
sie aus der Meerestiefe zu ihr heraufdrangen. -- Es konnte keine
Täuschung sein! Dicht unter dem Boot klang es vor, jetzt rechts ein
wenig, jetzt links, und als sie sich über den Rand des Bootes bog, wurde
der Laut voller und deutlicher. Da ging dort drüben, über dem grünen
Laubmeer, die Sonne auf und goß ihr Licht über die funkelnde,
spiegelglatte Bai.
»Hören Sie den Orgelklang, Señora?« frug Baptiste.
»Was, um Gottes Willen, ist das?«
»Das sind die singenden Fische des Pailon,« lachte der junge Franzose,
»die gerade ihr Morgenconcert zu halten scheinen.«
Als er sich aufrichtete, fiel der Sonne Licht voll auf seine
freundlichen edlen Züge, und der Blick der Frau heftete fragend an
ihnen.
»Und kennen Sie mich _=noch=_ nicht, Señorita?« fragte der junge Mann
herzlich. »Auch _=Sie=_ nicht, Señor Ramos? Hab ich mich so entsetzlich
verändert, oder ist die Erinnerung an den armen kranken Matrosen, den
Sie in Ihrem Haus in Buenaventura so treulich pflegten, ganz Ihrem
Gedächtniß entschwunden?«
»Don Batista!« rief Ramos, seine Hand ergreifend und herzlich
schüttelnd. »Wie sollen wir Ihnen das je danken?«
»Danken?« entgegnete der junge Mann. »Ich bin lange genug _=Ihr=_
Schuldner geblieben. Jetzt wollen wir vor allen Dingen dieses
unglückselige Menschenkind losbinden,« fuhr er lachend fort, um den Dank
von sich abzuwenden. -- »Allmächtiger Gott, wie sieht dieser
Neu-Granadiensische Commissair aus! Hier ist seine Macht aber vorbei.
Wir sind innerhalb der Grenzen von Ecuador, und der Platz, dem wir uns
nähern, soviel ich gehört habe, in den Händen einer englischen
Compagnie. Was fangen wir mit dem elenden Patron an?«
Noch während er sprach, hatte er die Leine gelöst, die des Gefangenen
Hände und Arme zusammenschnürte und Fosca richtete sich mühsam empor. Er
sah in der That entsetzlich aus. Sein Gesicht war, von dem Schlag der
ihn betäubte, mit geronnenem Blut und dem Schmutz des Bootes bedeckt,
sein Rock und Hemd zerrissen, und der boshafte Blick des Buben flog
scheu und tückisch von Einem zum Andern.
»Beim Himmel,« lachte Baptiste, »ich weiß, was ich thue. Mir fehlt
gerade ein Erwerbszweig und ich werde die Jammergestalt hier in San
Lorenzo für Geld sehen lassen. Entrée ein halbes Pfund Cacaobohnen
oder ein Dutzend Esmeraldas-Cigarren.«
»Ihr habt jetzt die Macht,« knirschte der Gefangene zwischen den Zähnen
durch, »aber es wird eine Zeit kommen, wo Ihr mir Rechenschaft für diese
Behandlung geben sollt. Ich bin Neu-Granadiensischer Beamter und
Präsident Franco in Ecuador wird nicht dulden, daß ich so behandelt
werde.«
»Präsident Franco wird in nächster Zeit noch viel mehr dulden müssen,«
lachte Baptiste verächtlich, »wenn sie ihn nicht etwa jetzt schon aus
dem Land hinausgejagt haben. Aber Frieden, Kamerad. Du hast uns an Bord
genug geärgert, um diese Züchtigung zu verdienen, hättest Du nicht auch
wie ein Verräther und Schuft an diesen braven Leuten gehandelt.... Von
jetzt an -- und das ist die mildeste Strafe, die Dir werden konnte --
keine Gemeinschaft mehr zwischen uns! Hier setze ich Dich an das Land,
und dann sorge dafür, mein Bursche, daß Du so rasch als möglich in Dein
gesegnetes Neu-Granada hinüber kommst, denn erfahren sie _=hier=_ Deine
Geschichte, so stehe ich Dir für Nichts. _=Dort=_ liegt San Lorenzo,«
fuhr er fort, als sie eben eine Biegung der Bai erreichten, die sich
nach Osten in das innere Land hineinzog. »Dort liegen die friedlichen
Fischerwohnungen eines braven Volkes. Dort, Señor Ramos, können Sie,
wenn Sie nicht in das Innere gehen wollen, die Entwickelung der Wirren
Ihres Vaterlandes ruhig abwarten, denn unter diesen Leuten lebt kein
Verräther.«
»Aber _=Sie=_ bleiben bei uns,« fiel die Señora rasch ein -- »Sie müssen
uns Gelegenheit geben Ihnen zu beweisen, wie tief wir uns Ihnen
verpflichtet fühlen.«
»Vorerst,« lachte Baptiste, »werde ich hier meine mitgebrachte
Waffensammlung verkaufen, die wenigstens einen Theil des Lohns
einbringen kann, den mir die Regierung des braven Mannes da für
erzwungene Dienste schuldig ist und dann -- ~Quien sabe~ -- das
Uebrige findet sich.«
Das Boot glitt, fast nur durch die Fluth vorwärts getragen, in eine
kleine Bucht ein, die im Westen das Fischerdorf begrenzte; gleich an der
äußersten Spitze, an einem dort vorspringenden Felsen landete Baptiste
und sagte zu Fosca:
»So Señor, hinaus mit Ihnen und das zur Warnung: Haben wir die Sachen
hier an Land geschafft und begegnet die Señora beim Aussteigen noch
einmal Ihrer nichtswürdigen Physiognomie, dann seien Sie versichert, daß
ich Sie eigenhändig anpacke und hier von dem Felsen hinunterwerfe. Ein
Bad könnte Ihnen überhaupt Nichts schaden. Sie haben also etwa zehn
Minuten Vorsprung. Marsch!«
Fosca ließ sich das nicht zweimal sagen. Mit Händen und Füßen kletterte
er an dem rauhen Steinblock empor, und im nächsten Augenblick war er am
Land verschwunden. Als die Señora das Ufer betrat, war keine Spur mehr
von ihm zu sehen, und erst Nachmittags erfuhren sie, daß er ein Canoe
gemiethet habe und mit der nächsten Ebbe nach Tomaco zurückgegangen
sei.