Negerleben 273

Das Klima der Tropen.

Daß es in jenen Ländern, welche innerhalb der heißen Zone liegen und die

wir kurzweg »die Tropen« nennen, auch sehr heiß sein muß, gilt als eine

völlig feststehende Thatsache, und man hört gar nicht etwa so selten,

daß Leute an einem recht warmen Sommertag bei uns die armen Menschen

bemitleiden, die »bei _=der=_ Hitze« auch noch unter dem Aequator sitzen

müssen. Zehn gegen eins läßt sich aber wetten, daß in sehr vielen heißen

Ländern jene armen bemitleideten Menschen in der nämlichen Zeit sich

viel kühler und behaglicher befinden, als wir selber.

Es giebt allerdings Landstriche, wo die Hitze außerordentlich drückend

sein und durch verschiedene Umstände noch vermehrt werden kann. So z. B.

in den afrikanischen, asiatischen und auch australischen Wüsten, wo der

trockene Sand den ganzen Tag über von der Sonne gebrannt wird und noch

lange nach Sonnenuntergang die eingesogene Brutwärme wieder aushaucht.

Weit anders dagegen ist es in allen übrigen Tropenländern der Erde.

Vor allen Dingen dürfen wir annehmen, daß es dort -- so sonderbar das

auch klingen mag -- doch in der That nie heißer wird, als es bei uns an

recht heißen Sommertagen ebenfalls werden kann, keinenfalls heißer. Ich

weiß mich nicht zu erinnern, daß ich in irgend einem Lande der Welt --

und selbst das nur an einzelnen sehr heißen Tagen -- mehr als

neunundzwanzig und einen halben oder dreißig Grad Réaumur im Schatten

gehabt habe, und das blos in Afrika; in Indien dagegen, in Australien,

in der Südsee und in allen Tropenländern Amerika's habe ich nie mehr als

achtundzwanzig und einen halben bis neunundzwanzig Grad im Schatten

erlebt, und glaube auch nicht, daß es je dort heißer wird.

Was diesen Ländern den Namen der _=heißen=_ giebt, ist also nicht die

_=größere=_ Hitze, sondern die das ganze Jahr ununterbrochen währende,

aber dafür hat man dort wieder andere Vortheile, welche die Hitze lange

nicht so empfinden lassen, wie sie bei uns empfunden wird.

Wir in Europa sind nämlich nur auf ein _=kaltes=_ Klima eingerichtet,

und erwischt uns einmal hier eine so heiße Zeit, wie im letzten Sommer,

so haben wir keinen Schlupfwinkel, wohin wir flüchten können, und

meinen gleich, daß wir schmelzen müßten. In den heißen Ländern dagegen

ist man vollständig darauf vorbereitet. Die Häuser sind danach gebaut

mit hohen, luftigen Zimmern, durch welche die Luft überall frei aus und

ein kann, ohne durch enge Fensterhöhlen einen schädlichen Zug zu

erregen; Badehäuser stehen überall, die Kleidung ist ebenfalls dem Klima

angemessen und alle Beschäftigungen und Arbeiten sind so eingetheilt,

daß sich besonders die Europäer den Sonnenstrahlen nie in den heißesten

Tagesstunden aussetzen.

Ein anderer Vortheil, den man dort hat, liegt in den kurzen Tagen. In

den Tropen geht die Sonne, mit geringem Unterschied, durch das ganze

Jahr jeden Tag um sechs Uhr auf und um sechs Uhr unter. Bei uns, wo sie

sich in den längsten Tagen schon gleich nach drei Uhr Morgens zeigt,

erhitzt sie um sieben Uhr schon den Boden mehr, als dort um neun Uhr;

auch hat sie dort um vier Uhr Abends schon wieder ihre Kraft verloren.

Noch angenehmer aber ist das Klima, z. B. in Indien, in der Regenzeit,

wo fast jeden Nachmittag um drei Uhr ein kleiner Wolkenbruch, den die

Leute dort scherzhaft Regen nennen, vom Himmel herunterfällt und die

Erde kühlt und erfrischt. Die Abende in dieser Jahreszeit sind dann

wahrhaft wundervoll und von drückender Hitze von der Zeit an keine Rede

mehr. Aber trotzdem, daß die Hitze dort eigentlich nie lästig wird,

erschlafft sie doch mit den Jahren den Körper, denn nicht allein die

_=kalten Nächte=_ fehlen, sondern überhaupt der _=Winter=_, in dem sich

Menschen wie Pflanzen wieder ausruhen und frische Kräfte sammeln können.

Es ist mit einem Wort nicht _=heißer=_ dort, als bei uns im Sommer, ja

die Hitze wird dort in einzelnen Fällen vielleicht nicht einmal als so

drückend verspürt, aber es ist _=ewig=_ Sommer und das reibt zuletzt die

stärkste und kräftigste Constitution auf.

Aber nicht alle Tropenländer sind etwa so heiß; an der Westküste von

Amerika z. B. kennt man, selbst unter den niedrigsten Breiten, eine

andauernde Hitze nur an wenigen Stellen. Die Ursache davon erklärt ein

Blick auf die Karte -- das niedere Land ist dort zu schmal und im Osten

von den schneebedeckten Cordilleren begrenzt, im Westen vom Meer

bespühlt und den Seewinden offen, darum kann es da nie sehr heiß werden,

wenigstens hat man immer kühle Nächte.

Es ist eine sonderbare Thatsache, daß ein ganz bedeutender Handel,

gerade von Deutschland aus, nach Peru mit den allerschwersten und

dicksten Tuchen getrieben wird, und nicht etwa für das innere,

hochgelegene Land werden diese allein verwandt, sondern selbst in dem

an der Küste und im flachen Lande liegenden Lima (12 Grad südl. Breite)

getragen. Sowie aber die Sonne im Meere versinkt und die Luft von den

Schneeriesen der Cordilleren herüberweht, wird es auch ordentlich frisch

an der Küste, und man kann einen warmen Rock recht gut vertragen. Selbst

unter dem Aequator sind die Nächte frisch und angenehm, und da über den

ungeheuern Waldungen von Ecuador und Neu-Granada der Himmel fast stets

bedeckt ist, die Sonne also auch nie ordentliche Kraft gewinnt, so

steigt die Hitze dort über Tag selten höher als 26° -- nie aber über 28

-- und selbst das nur auf wenige Stunden.

Die Linie des ewigen Schnees wird in den Tropen auf 16,000 Fuß gerechnet

und fällt, jemehr sie sich der kalten Zone nähert, bis sie etwa unter

80° nördlicher wie südlicher Breite die Meeresfläche erreicht. Ganz

genau trifft das aber auf die Grade nicht zu. Besonders in den

Cordilleren Südamerikas liegt die Schneelinie unter 15-17° südl. Breite

fast höher oder wenigstens eben so hoch, wie unter der Linie selber. Die

Ursache davon sind eine Masse kalter Hochebenen in der Nachbarschaft und

eine große Menge schneebedeckter Berge, welche näher zum Aequator

liegen und dadurch die Luft unnatürlich kälter machen, als es unter

gewöhnlichen Umständen der Fall sein dürfte.

Als ein Beispiel, in wie großer Höhe unter den Tropen noch Menschen

wohnen können, während in Europa, z. B. in der Schweiz, die Gletscher an

manchen Stellen bis zu 5000 Fuß und tiefer herabreichen, mag die Stadt

Cerro de Pasco in Peru dienen. Cerro de Pasco, eine Stadt, die in den

Cordilleren unmittelbar an den reichen Silberminen jener Berge entstand,

liegt etwa unter 11° südl. Breite, aber 14,500 Fuß hoch über der

Meeresfläche -- also noch etwas unter der Linie des ewigen Schnees --

aber es fällt dort schon ewiger Schnee, wenn er auch nicht immer liegen

bleibt, denn fast kein Tag vergeht im ganzen Jahr, an dem es nicht ein

wenig schneit. Nur ein dürftiges Gras wächst dort an den Bergen, das

immer gelb aussieht, weil die Spitzen stets erfroren sind. Das Futter

für die Lastthiere müssen diese selber aus den tiefer gelegenen Thälern

heraufholen -- Bohnen und Hülsenfrüchte sind dort tropische Gewächse und

werden eingeführt, mit ihnen aber auch Ananas und Bananen, denn die

Thiere brauchen nur ein Paar Meilen weiter hinabgeschickt zu werden, um

die Region des Zuckerrohrs zu erreichen.

Der Aufenthalt in solcher Höhe ist aber trotzdem nicht unerträglich,

wenn auch der Neuankömmling im Anfang viel an Kopfschmerzen zu leiden

hat und besonders lange einen leisen Druck auf den Schläfen fühlt. Man

gewöhnt sich zuletzt daran, und der Beweis liegt schon darin, daß die

Stadt Cerro de Pasco nahe an 14,000 Einwohner zählt. Nur sehr viel

kleine Kinder sollen dort sterben, und wie ich hörte, vergeht kein Tag,

an dem nicht wenigstens eine Kinderleiche beerdigt wird. Cerro de Pasco

ist, soviel ich weiß, die höchstgelegene Stadt der ganzen Erde.

El Comisario.

Erstes Capitel.

Tomaco.

Die Grenze zwischen den beiden Republiken Neugranada und Ecuador an der

Westküste Süd-Amerikas bildet der aus den Cordilleren mit wildem

Ungestüm niederstürzende Fluß Mira -- und auch wirklich nichts weiter,

als die _=Grenze=_, denn erst ganz nahe der See, im flachen Land, ist es

möglich, ihn mit Booten zu befahren. Weiter oben hat er einen viel zu

steilen Fall, und riesige Felsblöcke, die er überall aus seinem Bett und

von seinen Ufern losgerissen, machen die Passage selbst für Canoes

gefährlich.

Durch die Gewalt, mit welcher er aus den Bergen kommt, und bei einer

außerordentlich kräftigen Strömung durchriß er aber das niedere

fruchtbare Land an verschiedenen Stellen, und bildete so einige kleine

Inseln, von denen Tomaco die wichtigste, und ein wirkliches

Miniaturparadies ist. Ein Paradies nämlich, was Scenerie und Vegetation

betrifft, denn sonst sorgen die Bewohner dieser Republiken schon dafür,

daß die paradiesischen Zustände in ihrem Lande nicht zu sehr an die alte

Sagenheimath unserer Vorältern erinnern.

Ein vielleicht hundert oder hundertzwanzig Fuß hoher Felsen scheint den

Kern der Insel zu bilden, an dem sich die Macht des Stromes in früheren

Jahrhunderten brach, so daß dieser gezwungen wurde, sich rechts und

links daran hin seine Bahn, dem Meere zu, zu suchen. Aber der

fruchtbarste Boden deckt das alte Gestein und, ganz unähnlich ihren

Nachbarn an der Küste, die zu faul sind, einen Fruchtkern in den Boden

zu stecken, haben die Leute, die sich dort auf der kleinen Insel

niederließen, einen wahren Garten aus ihr geschaffen, dessen Producte

jetzt Käufer an der ganzen Küste finden.

Fortwährend legen dort kleine Schooner an, die von Guajaquil besonders

Waaren und leider auch Getränke bringen, und, dafür mit Cocosnüssen,

Bananen, Cherimoyen, Alligatorpears (~aguacarta~), Ananas und andern

kostbaren Früchten beladen, wieder dorthin zurückkehren, oder ihre

Fracht auch an den Zwischendörfern absetzen, und dafür Gummi oder Cacao

einnehmen.

Im Anfang bestand die kleine Ansiedelung, die sich auf der Insel

gegründet, nur aus wenigen Personen, die sich theils mit dem sehr

bedeutenden Fischfang, theils mit dem Gartenbau beschäftigten. -- Nach

und nach siedelten sich mehr dort an, Kaufläden entstanden und

Branntweinschenken; eine Brennerei wurde sogar auf der Insel selber

angelegt, um das dort gezogene Zuckerrohr gleich an Ort und Stelle zu

verwerthen, und der Verkehr wuchs so bedeutend, daß es sogar der kleine

englische Dampfer, der seine regelmäßigen Fahrten zwischen Panama und

Guajaquil macht, für vortheilhaft fand, dort anzulegen und so eine

Postverbindung zwischen Tomaco und der übrigen Welt herzustellen.

Einen Alkalde wählten sich die Leute zwar noch immer selber und aus

ihrer Mitte, und sie hatten bis dahin von den gar nicht seltenen

Revolutionen Neugranadas eigentlich nur dann erst Kunde bekommen, wenn

die Sache vorbei und für eine oder die andere Partei entschieden war.

Wie sich der Wohlstand der Insel aber mehr und mehr hob, lenkte sie auch

-- keinen Falls zu ihrem Vortheil -- die Aufmerksamkeit der Regierung

auf sich, und die Wichtigkeit ihres Besitzes stellte sich mehr und mehr

heraus, als auch das unmittelbar daran stoßende Ecuador

Oberhoheitsrechte über Tomaco beanspruchte.

Trotzdem hatte man in der letzten Revolution, die Mosquera gegen die

bestehende Regierung anzettelte, noch sehr wenig von den Lasten des

Krieges gefühlt, und einzelne Familien zogen sich sogar aus dem, den

ewigen Streifcorps beider Parteien preisgegebenen Bogota hierher zurück.

Aber dieser Friede sollte nicht lange dauern, denn während südlich von

ihnen in Ecuador der Mulattengeneral Franco die Fackel der Empörung in

ein ruhiges Land schleuderte und seine Macht mit gemietheten Banden eine

kurze Zeit aufrecht hielt, rüstete Mosquera im Norden ein paar kleine

Schiffe aus, um auch die Küstenplätze des Reiches zu besetzen, während

er mit seinen Truppen das Innere durchzog und mit wechselndem Glück bald

Bogota, die Hauptstadt, einnahm, bald wieder daraus vertrieben wurde. An

eine _=Vertheidigung=_ derselben dachte man nie. -- Welche Partei gerade

die stärksten Banden hatte, rückte ein, und die andere zog indessen ab,

um größere Verstärkung zu bekommen.

Ob Mosquera siegte oder besiegt wurde, unruhige und beunruhigende

Gerüchte zuckten überall an der Küste auf und ab, und ließen die

Eingeborenen, die nicht das geringste Interesse an dem endlichen Ausgang

des Kampfes hatten, ihres Lebens sich nie freuen. Was lag ihnen daran,

ob ihr Präsident Mosquera oder sonst wie hieß? Sie bekamen ihn auf

Tomaco doch nie zu sehen, und selbst zu Ecuador hätten sie sich mit der

größten Gleichmüthigkeit schlagen lassen, wenn sie weiter keinen

Nachtheil hatten.

Aber es ist eine alte Geschichte, daß weder in Republiken noch

Monarchien das eigentliche Volk selber eine Revolution macht, sondern im

Gegentheil dazu überredet werden muß. Der materielle Druck einer

Regierung wirkt nie so unerträglich, treibt nie so rasch zum Aeußersten,

wie der geistige, den das eigentliche Volk nicht so leicht fühlt.

Auch Mosquera's Regierung würden sich die Einwohner von Tomaco mit

Vergnügen unterworfen haben, so weit es nämlich die unteren Classen, die

Fischer und Ackerbauer betraf, denn sollten sie sich etwa, eines Namens

wegen, widersetzen und ihre Netze und Boote, ihre Anpflanzungen und

Gärten preisgeben? -- Aber in Tomaco befand sich ein unter der alten

Regierung gewählter Alkalde, ein Postmeister, ein Steuereinnehmer --

lauter Leute, die allerdings in bloßen Füßen und Kattunhemden in der

Welt herumliefen, aber trotzdem eine Stellung zu verlieren hatten. Sie

stützten mit ihrem Anhang das alte Regime, während die hierher

geflüchteten Neu-Granadienser Alles thaten, was in ihren Kräften stand,

um gegen Mosquera und die Umsturzpartei zu wirken. Es wurde ihnen das

um so leichter, als Mosquera in dem Verdacht stand, eine

Militärherrschaft gründen zu wollen, und das war die verhaßteste von

Allen, denn die jungen Leute fürchteten, nicht mit Unrecht, ausgehoben

und in das innere, ungesunde Land geschleppt zu werden.

Kurz, Mosquera schien in Tomaco, wenn man die Bevölkerung hätte wollen

über ihn abstimmen lassen, wenig Aussicht auf Erfolg zu haben. Desto

größer war die Beunruhigung der Leute, als der kleine Dampfer, die

»Anna«, eines Tages die Kunde mit nach Tomaco brachte, daß Mosquera

Buenaventura besetzt habe, und zwei »Kriegsschiffe« schon von dort

ausgelaufen seien, um die südlicher liegenden Küstenstädte ebenfalls dem

»neuen Präsidenten« zu unterwerfen. Sie hatten wenigstens Buenaventura

schon verlassen, als die Anna dort anlief, wenn es auch noch eine Weile

dauern konnte, bis sie hierherzu aufkreuzten, da ihnen Wind, wie

Strömung an der Küste fortwährend entgegen waren.

Wie ein Lauffeuer zuckte diese Schreckenskunde über die Insel und die

Bewohner schienen gar nicht an Widerstand zu denken, bis ein Franzose,

der dort eine Art von Hôtel oder Branntweinwirthschaft mit einem

Kaufladen hielt und außerdem noch herüber und hinüber speculirte, der

Unschlüssigkeit ein Ende machte, und von seinem Ladentisch aus den

Einwohnern auseinander setzte, daß sie sich _=vertheidigen=_ und ihre

Freiheit bewahren müßten.

Der Mann sprach jedenfalls als Fremder unparteiisch, denn daß er ein

Dutzend alte Musketen und ordinäre, schon halb verrostete Flinten auf

Lager hatte, und außerdem Pulver und Munition führte, wovon er in

ruhigen Zeiten außerordentlich wenig absetzte, konnte ihn kaum dazu

bewogen haben, seinen Mitbürgern einen solchen Rath zu geben.

Nichtsdestoweniger versäumte er keine Zeit, um die genannten

Kriegsinstrumente, so rasch es anging, wenigstens von außen, wieder

etwas in Stand zu setzen und den Rost zu entfernen. Was er an sonstigen

Waffen: Pistolen und Messern, besaß, wurde ebenfalls vorgesucht, um zur

Schau auf seinem Ladentische auszuliegen.

Unterdessen wirkte das ausgestreute Gift. In seinem Laden sammelten sich

vorzugsweise die Müßiggänger der Stadt, um bei einem Glase Aguaardiente

oder süßen Liqueurs, den sie sehr gern tranken und den Monsieur Renard

so schlecht als theuer führte, ihre zukünftige Haltung zu besprechen.

Sie wollten sich zu einem Entschluß hinaufarbeiten, der aber -- wie die

Meisten recht gut wußten -- im letzten und entscheidenden Augenblick

doch unausführbar war.

Welchen Widerstand hätten sie einer bewaffneten Macht bieten wollen? Ein

einziger Raketenschuß würde ihre ganze aus Bambus und Schilfdächern

erbaute kleine Stadt in Brand gesteckt haben. Befestigungen gab es gar

nicht -- die Straßen lagen sämmtlich offen, feindliche Boote konnten in

der Fluthzeit fast an jedem Theile der Insel landen. Dazu war die

Bevölkerung fast waffenlos und, wenn sie auch Waffen gehabt hätte,

ungeübt in dem Gebrauch derselben. Alle Vernunftgründe sprachen deshalb

dafür, etwas, das man doch nun einmal nicht ändern konnte, ruhig über

sich ergehen zu lassen, noch dazu, da es ihnen nicht einmal Nachtheil

bringen konnte. -- Aber der Branntwein! Sobald die Köpfe erregt waren,

fingen die Leute an, welche ihre _=jetzige=_ Regierung ebenfalls nur dem

Namen nach kannten, patriotisch zu werden, und eines Tages, ehe es

dunkel wurde, hatte Louis Renard seine sämmtlichen alten Musketen an den

Mann gebracht, sogar seine eigene und letzte, ziemlich gute Doppelflinte

verkauft und mit seiner Munition so weit aufgeräumt, daß ein neuer

Auftrag nach Guajaquil oder Panama nöthig wurde.

Am nächsten Morgen waren die Bewohner von Tomaco auch schon mit

Tagesanbruch munter, und Kundschafter erkletterten den Felsen, um von

dort aus einen besseren Ueberblick über die See zu gewinnen, und etwa

ansegelnde Fahrzeuge augenblicklich signalisiren zu können. Ueberhaupt

befand sich die Stadt in einer ziemlichen Aufregung, da sich zu gleicher

Zeit eine Art von Miliz gebildet hatte, die freilich nur in der einen

Hinsicht uniform war, daß sämmtliche »Soldaten« _=ohne=_ Uniform

erschienen. Auch zwei kleine Kanonen wurden vorgesucht, die der

Postmeister einmal von der »Anna« erstanden hatte, wo man sie gebraucht,

um Signalschüsse zu geben. Natürlich fehlte es an Kugeln dazu, die sich

aber durch kleine Stücke gehackten Bleies ersetzen ließen, und es sah in

der That so aus, als ob die Stadt entschlossen wäre, ihre »heiligen

Rechte« bis auf den letzten Blutstropfen zu vertheidigen -- aber es sah

auch nur so aus.

Die Leute exercirten allerdings den ganzen Vormittag und als die

Seebrise mit dem nahenden Abend das Land bestrich, begannen sie noch

einmal, und die Meisten hatten sich schon gemerkt, was Links und Rechts

war. Als indeß der ganze Tag verlief, ohne daß sich ein feindliches

Segel blicken ließ, und am nächsten und nächstfolgenden Mosquera's

Flotte immer noch auf sich warten ließ, erkaltete der Eifer, und man

fing an, seinen gewohnten Beschäftigungen wieder nachzugehen. Sie mußten

das ja auch, wenn sie überhaupt leben wollten, denn wer denkt in diesem

Klima daran, sich Vorräthe von dem anzulegen, was er gerade braucht! An

der Insel lagen ein kleiner Schooner und zwei Wallfischboote, die

angelaufen waren, um Früchte zu kaufen; diese mußten ihre Ladung

bekommen, und die Fischer durften ebenfalls nicht länger müßig liegen,

denn Alles murrte, daß kein einziger frischer Fisch im ganzen Orte zu

finden war.

Man tröstete sich sogar damit, daß die ganze Flottengeschichte nicht

wahr sei. Der liebe Gott wüßte, welches Märchen man den Leuten von der

Anna in Buenaventura aufgebunden hatte. Mosquera dachte wahrscheinlich

gar nicht daran, sie in ihrem abgelegenen Fischerdorf zu belästigen, und

ihre Vorsichtsmaßregeln waren unnütz gewesen -- hatten aber freilich nur

jenen leichtsinnigen Menschen Schaden gethan, die sich verleiten ließen,

so Hals über Kopf Schießwaffen und Munition zu kaufen. Was sollten sie

jetzt mit den alten Schießeisen anfangen?

In einem neugebauten Haus, das sich durch die noch nicht

wettergebräunten Tragestämme und das helle, frische Dach deutlich von

den anderen unterschied, auch auffallend sauberer gehalten war und oben,

statt der sonst gewöhnlich halb oder ganz fehlenden Seitenwände, neue

Bambusseiten zeigte, deren regelmäßig eingeschnittene Fenster mit einer

dort gebräuchlichen Art von Bambusjalousien verhangen waren, wohnte ein

Señor Ramos mit seiner Familie, der vor etwa drei Monaten mit seiner

Frau, einem Kinde und zwei schwarzen Dienstleuten hierher übersiedelte,

gleich nach seiner Ankunft den Platz kaufte und das Haus darauf baute.

In jenen glücklichen Ländern nämlich braucht man zu einem Hausbau keine

Maurer, Zimmerleute, Tischler, Dachdecker, Tüncher, Glaser, Schlosser,

Tapezierer und wie die schrecklichen Menschen alle heißen, die einem

Bauherrn das Leben bis in das innerste Herzblut hinein vergiften, so daß

er tagtäglich das Bauen auf ewige Zeiten verschwört. Wer sich ein »Haus«

bauen will, accordirt dasselbe mit einem Eingeborenen, der sich entweder

von seiner eigenen Familie helfen läßt, oder ein paar Nachbarn zur

Arbeit nimmt, dann werden die dazu nöthigen Stämme im Walde frisch

gefällt, Einer spaltet die jungen Palmen, die zu Boden oder Wänden

benutzt werden sollen, indem man sie einhackt und ausbreitet, ein

Anderer holt das Schilf oder die Palmenblätter zum Dach und schnürt sie

mit Bast in Büschel zusammen. Wenn einmal die Löcher gegraben sind, in

welche die Pfähle zu stehen kommen, die den oberen und einzigen Stock

tragen sollen, so ist auch das Haus in einer einzigen Woche fertig, und

kann bezogen werden. Die Häuser stehen dort alle auf Pfählen. Es ist das

viel gesünder und luftiger und auch des vielen Ungeziefers wegen nöthig,

das sich unten auf dem Boden weit zahlreicher einfinden würde. Nur in

den kleinen Städten haben die _=Kaufleute=_ ihre Läden unten, indem sie

einen Palmen- oder Bambusverschlag um die unteren Stämme machen, aber

auch sie _=wohnen=_ oben. Ueberhaupt würde es Niemandem einfallen, auf

der feuchten Erde zu schlafen, wenn er sich nicht gerade draußen im Wald

befindet, und dazu gezwungen ist.

Señor Ramos muthete das nicht einmal seinen Dienstleuten zu, sondern

setzte noch ein kleines Nebenhaus für diese an, das zwar seine besondere

Leiter hatte, mit dem Hauptgebäude aber im ersten Stock durch einen

schmalen und schwanken Bambussteg verbunden war, der Abends durch eine

vorgebundene und mit einer Matte bedeckte Gitterthür von dem nämlichen

Material abgesperrt wurde.

Señor Ramos mußte -- wenn die Vermuthung der Leute von Tomaco richtig

war -- ein sehr reicher Mann sein, denn er arbeitete nicht allein Nichts

-- das thaten sehr Viele in Tomaco -- er verkaufte auch Nichts, und

bezahlte Alles, was er brauchte -- wenn das auch nicht viel war -- baar

und in blankem Silber. Er verließ auch sein Haus nur sehr selten,

schrieb aber dort fleißig, und nur, wenn der englische Dampfer kam, fuhr

er mit dem Capitän an Bord zurück, blieb dort, bis das kleine Fahrzeug

wieder zu arbeiten anfing, und kehrte nachher in seinem eigenen Canoe,

das sein Neger ruderte, an Land und in sein Haus zurück.

Er war, wie man recht gut wußte, ein Feind Mosquera's und ein getreuer

Anhänger der Regierung von Panama, denn er hatte, als er hierher zog,

kein Hehl daraus gemacht. Trotzdem kaufte er sich weder bei Señor Renard

eine von dessen alten Musketen, noch exercirte er mit in der Sonne am

Strand, und als ihn der Postmeister direct dazu aufforderte, sich an der

Nationalvertheidigung zu betheiligen, meinte er, er könne schon

exerciren, und wenn es wirklich zum Kampf käme, würde er neben dem

Postmeister fechten, -- eine Sache, die der Postmeister -- allerdings

aber nur im Stillen -- für sehr unwahrscheinlich fand, denn er selber

war noch gar nicht mit sich einig, ob er es soweit würde kommen lassen.

Zweites Capitel.

Die erste Crinoline.

Jetzt herrschte wieder Ruhe auf Tomaco. Fünf Tage waren vergangen, seit

Capitän King von der Anna die Nachricht gebracht hatte, daß die

Mosqueraflotte unterwegs sei. Sie fand aber durch Nichts eine

Bestätigung, im Gegentheil war sogar eben ein Canoe von Irapiche

eingelaufen, das Gummi geladen hatte, und dafür Aguaardiente mitnehmen

wollte, und dessen Leute aussagten, an der ganzen nördlichen Küste wisse

man Nichts von einem Einbruch der Mosquera-Truppen. Bonaventura sollten

sie allerdings besetzt haben, von dort aber seien die Schiffe wieder

nach Norden gegangen, um zuerst Panama zu nehmen, und dadurch die

Regierung des ganzen Landes in die Hand zu bekommen.

Der leichte, sorglose Sinn der Bevölkerung verlangte nicht mehr, denn

schon die gehabte Aufregung war ihnen unbequem gewesen. Die Fischer

schaukelten schon lange wieder draußen in ihren Canoes, während die

Landeigenthümer hinaus in ihre Platanare gingen, um die schweren

Fruchttrauben derselben an den Strand zu tragen, oder hinauf in die

Cocospalmen zu steigen, um die erst halbreifen, aber mit erquickendem

Wasser gefüllten Früchte abzupflücken und mit einer geschickten

Schwingung der Hand so hinabzuwerfen, daß sie sich in der Luft drehten

und dann mit ihrer Spitze in den Sand fielen. Schlugen sie breit auf, so

platzten sie leicht durch ihr Gewicht, denn die Nuß ist so mit Milch

angefüllt, daß diese herausspritzt, sowie man nur mit einem Messer

hineinsticht.

In dem kleinen Städtchen herrschte wieder ganz das alte Leben. Nur die

Frauen waren in einer etwas ungewöhnlichen Bewegung, denn »Señor Renard«

hatte mit dem Dampfer von Panama einen Gegenstand bekommen und eben

ausgepackt, der ihr Interesse wunderbar fesselte, und zu den

lebhaftesten Debatten Veranlassung gab.

Der Gegenstand war in der That von großer Wichtigkeit, nämlich nichts

Geringeres als -- eine _=Crinoline=_, und zwar die erste, die in diesem

entlegenen Theil der Welt je gesehen worden.

In einem Ort, wo es so viel müßige Leute gab, wie in Tomaco, verstand es

sich von selbst, daß die wenigen Kaufleute beim Auspacken ihrer eben

angekommenen Waaren immer eine Menge von Zuschauern hatten. Es lag das

ja auch mit in ihrem eigenen Interesse, denn es machte eine Ankündigung

derselben unnöthig, sobald das schöne Geschlecht Stück für Stück

derselben in Augenschein nahm, und dann sicherlich schon an dem

nämlichen Abend Stück für Stück einzeln besprach und kritisirte. Selbst

schon beim Auspacken wurde manches Stück verkauft, denn darin bleiben

sich die Menschen überall in der ganzen Welt gleich, ob sie nun in einer

braunen oder weißen Haut herumgehen: daß sie nämlich gern das Neueste

haben und sich besonders bei der Auswahl solcher Dinge zu dem hingezogen

fühlen, was ihnen aus fremden Ländern gebracht wird.

Auch diesmal hatte sich ein Theil Neugieriger eingefunden, als Renard

seine neuen Waaren öffentlich -- wie er es stets that -- auspackte, und

allerdings wäre es nicht leicht gewesen, etwas Derartiges in diesen

offenen Häusern heimlich zu thun. Renard kam freilich selbst in

Verlegenheit, als er diese erste und einzige Crinoline aus ihrem

Versteck hervorzog und entfaltete, denn wenn ihm auch der Verkäufer in

Panama angezeigt hatte, daß er ihm in Kiste so und so, einen aus

_=Paris=_ erhaltenen Artikel neuer Damenmoden mitschicke, so war der

Franzose, der früher Kellner, dann Matrose auf einem Walfischfänger

gewesen und später in Chile desertirt war, doch keineswegs in die

Toilettengeheimnisse der Damen soweit eingeweiht, um selbständig gleich

an Ort und Stelle beurtheilen zu können, wie dieser höchst

durchsichtige Gegenstand zu einer Damengarderobe verwandt werden könne.

Den _=Nutzen=_ begriff er nicht, und als Zierrath oder Schmuck schienen

ihm die Drahtreifen nicht elegant genug, um gerade aus _=Paris=_ zu

kommen.

»~Que es esta?~« (Was ist das?) riefen die Damen wie aus einem Munde,

als er das wunderliche Ding entpuppte. -- »~'donde viene~, (wo kommt

es her?) ~Señor?~«

»~No se~,« (Ich weiß nicht) sagte Monsieur Renard achselzuckend, indem

er den fraglichen Gegenstand selbst mißtrauisch betrachtete, »~alguna

cosa por las Señoritas~« (Etwas für die Damen).

»~Por las Señoritas? Impossible! Que barbaridad!~« stöhnte eine dicke

Negerin entrüstet, als ihr vielleicht einfiel, wie sie in einem solchen

_=Kleidungsstück=_ aussehen würde.

Das wunderbare Fabrikat ging nun von Hand zu Hand; während aber die

jungen Mädchen errötheten und unter einander kicherten, die älteren

Damen mißbilligend den Kopf schüttelten, sammelten sich immer mehr Leute

vor dem Hause des Herrn Renard, und mit _=wenigen=_ Ausnahmen fehlte,

kaum eine Viertelstunde später, keine von Evas Töchtern -- hoch oder

gering -- um den neuen Putz in Augenschein zu nehmen.

Aber zu einem Resultat kamen sie nicht. Selbst das Wort Crinolina blieb

ihnen ein Räthsel, denn Niemand wußte, was es bedeuten solle, obgleich

es spanisch klang. Es waren nämlich weder Pferdehaare, noch Leinwand

daran, was es allenfalls hätte bedeuten _=können=_, sondern nur

Baumwolle und Eisendraht.

Endlich machte Señora Ramos' Schwarze, die bei der Versammlung nicht

fehlen durfte, den Vorschlag, ihre Herrin zu fragen. Diese hatte sich in

Bogota -- wenn sie auch hier außerordentlich einfach ging, stets nach

der neuesten Mode gekleidet, und ihr Herr bekam immer Zeitungen, in

denen lauter Neues stand. Vielleicht wußten die es.

Das war ein Vorschlag zur Güte, und Renard's Frau -- eine Eingeborene --

wurde augenblicklich abgesandt, um eine Aufklärung, wenn irgend möglich,

zu erbitten, indessen die Damen in äußerster Spannung auf dem Posten

blieben. Sie _=mußten=_ doch erfahren, wie dieses neue Kleidungsstück

_=getragen=_ würde.

Nach einer Viertelstunde endlich -- und wie lang ihnen diese wurde! --

kehrte sie zurück und das Räthsel war gelöst. Dies Drahtgeflecht stellte

nur einen _=Unterrock=_ vor -- die anderen Kleider wurden _=darüber=_

gezogen, um recht hübsch und weit auszublähen. -- Das war das ganze

Geheimniß, aber die Lösung befriedigte die Damen noch nicht, denn nun

wollten sie auch einmal sehen, wie das wunderliche Ding _=getragen=_

würde, und ob es _=praktisch=_ wäre -- das heißt, ob es vornehm aussähe.

Hier aber fand sich eine andere Schwierigkeit, denn Niemand wollte es

anfangs anprobiren -- selbst Señora Renard weigerte sich hartnäckig.

Eine alte Negerin erbot sich endlich -- gegen angemessene Vergütung

natürlich -- die Probe an _=sich=_ machen zu lassen. Sie trotzte allen

Schrecken. Renard aber war klug genug, darauf nicht einzugehen, denn er

wollte die neue Mode, von der er später einen erklecklichen Profit

hoffte, nicht gleich von vornherein lächerlich und dadurch unmöglich

machen. Endlich bewog er ein junges allerliebstes Mädchen von Halbblut

durch das Opfer eines buntseidenen Tuches, die Crinoline unter ihr Kleid

zu ziehen. Die Toilette wurde im Laden selber, unter der Beihülfe von

Renard's Frau, gemacht, die Thüre indeß verhangen, und die rings

versammelten Frauen hielten schon unberufene Neugierige ab, daß sich

nicht ein oder der andere junge Bursche gelüsten ließ, durch die

allerdings zahlreichen Ritzen des Hauses zu schauen, denn im Stande

wären die es gewesen.

Es war ein großer Moment im Leben dieses einfachen Naturvolkes, als

Juanna, wie das junge Mädchen hieß, endlich im vollen Staat und Glanz

aus der Mattenthür des Ladens trat, denn da sich ihr Kleid als zu kurz

und eng erwiesen, hatte ihr Madame Renard für die Probe ihr bestes

Sonntagskleid geborgt, das mit seinen rothen und grünen Blumen

ordentlich glänzte und funkelte. Verschämt und kichernd ging die junge

Dame ein paar Mal vor dem Laden auf und ab, immer dann und wann selbst

staunend auf die Pracht niederzuschauen, die sie umgab. Wen störte es,

daß sie bloße Füße hatte, und daß ihr das volle lockige schwarze Haar

wild und ungeordnet um die Schläfe hing?

Die Damen fingen wirklich schon an, Geschmack an der Sache zu finden.

Wie viel schöner sah man das _=Muster=_ auf einem Kleid, wenn man es so

ausgespannt tragen konnte, und wie vornehm schaute das arme einfache

Ding, das Mädchen, in dem Gestell aus -- und wie viel Zeug brauchte man

für einen einzigen Rock.

Juanna selbst wünschte sich in ihrem ungewohnten Staat auch der kranken

Schwester zeigen, die daheim lag und Nichts von all den Herrlichkeiten

zu sehen bekam. Leichtsinniger Weise erlaubte es ihr Renard -- wohnte

sie doch nur schräg gegenüber -- und Juanita flog der eigenen Wohnung

zu, an der -- wie bei allen übrigen Häusern, nur eine schmale Leiter --

oft nur ein eingekerbter Baumstamm -- lehnte, um an diesem auf und ab zu

steigen.

Die Meisten der Neugierigen folgten ihr, kaum aber war sie drei oder

vier Stufen hinauf gestiegen, als die Zuschauer unten in ein schallendes

Gelächter ausbrachen. Das arme Kind merkte jetzt, daß ihr Kleid, das ihr

sonst glatt am Körper niederhing, weit auf der Leiter ausblähte.

Aengstlich drückte sie es zusammen, aber die elastischen Reifen wichen

aus -- was sie auf der einen Seite niederdrückte, stand auf der anderen

um so viel weiter ab. Vor Scham tief erröthend, sprang sie endlich von

der Leiter mit _=einem=_ Satz hinab, um die häßlichen Reifen so rasch

als möglich los zu werden.

Das gab der Crinoline den Todesstoß, denn daran hatte bis jetzt noch

Niemand gedacht. Welche Frau oder welches Mädchen hätte mit einem

solchen Putz ihr Haus je verlassen oder wieder dahin zurückkehren

können? Es war rein unmöglich, denn an _=allen=_ Häusern lehnten diese

Leitern, und Monsieur Renard that das Einzige, was er mit der Crinoline

überhaupt thun konnte -- denn kaufen wollte sie jetzt Niemand -- er

hing sie in seinen Laden unter Siebe, eiserne Töpfe, Besen und andere

dergleichen im Handel vorkommende Dinge, an der Decke auf, und nahm sich

vor, mit dem nächsten Dampfer nach Panama an seinen Correspondenten zu

schreiben, ihm doch um Gottes Willen keine weitere Nachsendung

_=derartiger=_ Moden zu machen.

Juanna hieß aber von dem Tag an nur La Crinolita in der ganzen Stadt,

und lange noch standen die Leute vor dem Hause und lachten und

plauderten mit einander, bis endlich ein tüchtiger Regenschauer sie in

ihre Häuser trieb, und sie von dort aus, über die Straße hinüber und

unter einander, aber doch unter Dach, das höchst interessante Gespräch

über die merkwürdige Neuigkeit fortsetzen konnten. An Mosquera's Flotte

dachte Niemand mehr.

Drittes Capitel.

Der Alarm.

So rückte der Abend heran. Der Regen hatte aufgehört und am westlichen

Horizont wurde eben noch ein rother Gluthstreifen sichtbar, den die

untergehende Sonne auf ihrer Bahn nach sich zog, als plötzlich ein Canoe

um die nördliche Landzunge bog und, von den Rudern der darin Sitzenden

getrieben, wie ein Pfeil über das Wasser dahin und der Landung zuschoß.

»_=Mosquera!=_« hieß der Schreckensruf, der gleich darauf durch die

kleine, noch ebenso ruhige Stadt zuckte -- »_=Mosquera!=_ -- Draußen

segeln die Schiffe an und Tomaco ist vom Feinde bedroht.«

Das war ein Durcheinanderlaufen, und wie sich Alles noch vor wenigen

Stunden lachend und jubelnd um Renard's Laden gedrängt hatte, so rannten

die Leute jetzt nach dem Strande, um von den eingelaufenen Fischern das

Nähere über die beunruhigende Kunde zu hören. Selbst Señor Ramos befand

sich diesmal unter den Neugierigen. Aber der Bericht, den die Seeleute

geben konnten, lautete immer noch unbestimmt, wenn er auch das

Schlimmste fürchten ließ.

Sie hatten draußen an der Punta Mariana gefischt, und befanden sich

schon wieder auf dem Heimweg, als sie zwei Fahrzeuge bemerkten, die

gegen den Wind aufkreuzten und augenscheinlich auf Tomaco zuhielten. Das

eine war ein Schooner gewesen, das andere eine Galeotte. Wie sie näher

kamen, hatten sie auf dem Schooner eine Flagge aufgezogen, da sie aber

von ihnen fortwehte, konnten sie die Farben nicht erkennen, und

wahrscheinlich sollte das ein Zeichen sein, daß man sie an Bord

verlangte, um dort vielleicht als ~practicos~ oder Lootsen zu dienen.

Aus Furcht davor hatten sie sich in die Ruder gelegt und waren geflohen,

während das kleinere Fahrzeug, die Galeotte, sobald sie das an Bord

merkte, versuchte, ihnen den Weg abzuschneiden. Aber das ging freilich

nicht; sie selbst hielten sich in seichtem Wasser, wohin ihnen das

tiefer gehende Segelschiff nicht folgen durfte, wenn es nicht auf den

Grund gerathen wollte, und als es wenden mußte, trieb es der ungünstige

Wind viel mehr zurück, als daß es Fortgang gemacht hätte.

»Und wann könnten sie hier sein?«

Keinen Falls vor morgen früh, denn von der letzten Punta aus hatten sie

die beiden Kriegsfahrzeuge nur noch in weiter Ferne gesehen, und ohne

Lootsen an Bord durften sie nicht wagen, in dunkler Nacht hier

einzulaufen.

Das war der einzige Trost, den sie mitbrachten, aber am nächsten Morgen

konnten die Bewohner von Tomaco darauf rechnen, den unwillkommnen Besuch

der Feinde da zu haben.

Was nun thun? Ihr erster Nationalitätseifer war schon merklich

abgekühlt, und sollten sie wirklich all' ihr Hab' und Gut daran wagen,

um der Regierung in Panama, die bis dahin _=noch gar Nichts für sie=_

gethan, die Insel in treuer Botmäßigkeit zu erhalten? Wer vergütete

ihnen den Schaden, wenn die Stadt in Brand geschossen wurde? -- Aller

Wahrscheinlichkeit nach Niemand, und die Stimmung der Bevölkerung fing

an, eine entschieden friedliche zu werden. Selbst Renard, der keine

verkäuflichen Waffen mehr an der Hand hatte, hütete sich, ein einziges

aufregendes Wort fallen zu lassen, ja er wußte sogar einige Beispiele

von andern Städten Neu-Granadas zu erzählen, wo Mosquera -- weil er

keinen Widerstand gefunden -- vollkommen friedlich eingezogen war und

Niemanden belästigt hatte.

Nur der Postmeister blieb Feuer und Flammen und war wieder emsig

beschäftigt, die Landwehr zu organisiren, die er am liebsten die ganze

Nacht durch hätte exerciren lassen. Dazu brachte er die Leute nun

allerdings nicht, aber sein Beispiel diente doch dazu, sie wenigstens in

etwas aufzuregen. -- Schämten sie sich doch, so gar kalt zu bleiben, wo

es die Vertheidigung des Vaterlandes und des eigenen Heerdes galt. Sie

verstanden sich also dazu, am nächsten Morgen, noch vor Tag, den Strand

zu besetzen, die Kanonen zu richten und -- wie es der Postmeister

verlangte -- »mit Gut und Blut ihre Ehre und ihre Rechte zu

vertheidigen.«

Der Postmeister sorgte auch dafür, daß sie nicht zu lange schliefen,

denn kaum tauchte der Morgenstern über den Baumwipfeln des festen Landes

auf, so rasselte, von ihm selber bearbeitet, eine alte Trommel durch die

stillen Straßen der Stadt, um in einer Art von verzweifeltem

Generalmarsch die Bevölkerung zu wecken, die jungen Männer herauszurufen

und die Frauen und Kinder durch den ungewohnten Lärm fast zu Tod zu

ängstigen.

Er unterließ auch keine Vorsichtsmaßregeln. Ein Canoe wurde, als noch

tiefe Nacht auf dem Meere lag, an die nördliche Punta hinaufgeschickt,

um dort auf Wacht zu liegen, bis der Tag anbreche, und dann ungesäumt

genaue Kunde zu bringen. Ebenso wurden auf den Felsen hinauf Posten

geschickt, und ihnen eine kleine Fahne mitgegeben, durch welche sie

bestimmte Botschaften auf eine vorher bestimmte Art herabwinken sollten

-- was sie aber natürlich vergaßen, ehe sie nur oben waren.

Unterdessen ließ er die beiden Kanonen an die äußerste Spitze der Insel

schaffen, von wo er aus beide Canäle -- wenn auch nicht gerade

beschießen, doch jedenfalls bedrohen konnte, und ebenso mußten die

Leute mit Spitzhacken und Schaufeln arbeiten, um eine Art Schanze

aufzuwerfen, hinter der sie gedeckt gegen das Feuer der Schiffe stehen

konnten. In dem lockeren Sande war leicht zu arbeiten und sie hatten

bald eine Brustwehr ausgegraben, die hinreichend schien, sie zu

verbergen, wenn sie auch einer wirklichen Kanonenkugel kaum einen

Widerstand geboten hätte.

Bis Tagesanbruch waren sie richtig damit fertig. Der Postmeister blickte

mit Stolz auf das vollendete Werk, und als der Tag graute, hingen Aller

Blicke mit Spannung an dem westlichen Horizonte, den noch ein duftiger

Nebel deckte. Kaum aber hob sich die Sonne, so preßte sie auch diese

leichten Schwaden auf die Oberfläche der See nieder, von der sie rasch

aufgesogen wurden, und »dort sind sie! dort sind sie!« lief der Ruf von

Mund zu Mund und fand bald sein Echo in der Stadt, der die geängstigten

Frauen und Kinder entströmten, um den Feind mit eigenen Augen zu

schauen.

Zu gleicher Zeit winkten die Posten auch auf den Hügeln mit ihren

Fahnen, und kam das nach der Punta ausgesandte Canoe in voller Eile

zurück. -- Sie Alle hatten den Feind zu gleicher Zeit bemerkt, und die

Richtung, welche die kleinen Fahrzeuge mit der schwachen Morgenbrise

nahmen, ließ keinen Zweifel mehr, daß Tomaco wirklich ihr Ziel sei. --

Aber waren es auch wirklich Kriegsschiffe?

In dem breiten weißen Streifen, der um den Rumpf herum lief, zeigten

sich allerdings die schwarzen viereckigen Portlöcher -- aber ob es

gemalte oder wirkliche Porte waren, ließ sich in der Entfernung noch

nicht erkennen, und solche _=gemalte=_ Porte führten fast alle

Kauffartheischiffe, während die wahren Kriegsschiffe gewöhnlich ganz

schwarz angestrichen waren und nicht die geringste Abzeichnung trugen.

Der Postmeister selber, der eine Art von Telescop besaß, das er einmal

einem Walfischfänger um ein Billiges abgekauft, bemühte sich vergebens,

etwas Genaueres zu erkennen -- das verwünschte Glas hatte so viel

gekratzte Risse! -- Nicht einmal eine Flagge zeigten sie, und suchten

nur mit sämmtlichen beigesetzten Segeln den schwachen Wind zu fassen und

dadurch vorwärts und auf Ankergrund zu kommen. Mit der Seebrise, die den

Nachmittag etwa um drei Uhr einsetzte, durften sie sicher darauf

rechnen, die Einfahrt des Hafens in ihrer Gewalt zu haben.

Es war jetzt in der That nichts weiter zu thun als diesen Zeitpunct eben

abzuwarten, denn ein verzweifelter Plan, den der Postmeister entwarf,

mit Canoes und Booten nämlich in die offene See hinauszufahren, und die

Kriegsschiffe zu entern und zu nehmen fand auch nicht den geringsten

Anklang. Die Leute meinten ganz vernünftig: wenn sie _=das=_ wollten,

könnten sie ja nur ruhig warten, bis die beiden Fahrzeuge zu ihnen

hereinkämen; dann hätten sie es doch jedenfalls weit bequemer.

Indessen ging der Alkalde, dem nicht wohl bei der Sache wurde, zu Señor

Ramos hinüber, um dessen Meinung zu hören; er staunte aber nicht wenig,

als ihm dieser ganz ruhig sagte, _=er=_ würde an seiner Stelle nicht den

geringsten Widerstand leisten, denn einem ordentlichen Angriff hielten

seine Leute doch nicht Stand, und Widersetzlichkeit würde den Feind nur

erbittern, aber nie etwas an der Sache -- der Besetzung Tomacos durch

Mosquera's Truppen -- ändern.

»Wenn Sie das nur dem Postmeister gesagt hätten!« entgegnete, etwas

bestürzt, der Alkalde. »Der ist ganz Feuer und Flamme.«

»Der Postmeister ist ein Bramarbas,« sagte Señor Ramos ruhig. -- »Lassen

Sie den da draußen maneuvriren, er wird nicht den geringsten Schaden

thun.«

Dabei blieb es, und die Einwohner von Tomaco beobachteten mit

ängstlicher Spannung das zwar langsame, aber doch unverkennbare

Näherrücken der »Flotte«.

Den stolzen Namen _=Flotte=_ verdienten die beiden kleinen Fahrzeuge

allerdings nicht. Es waren ein paar ganz gewöhnliche Schooner, wie sie

überhaupt an der Küste kreuzten, um Tauschhandel zu treiben und selten

größere Reisen als nach Panama und wieder zurück zu machen. Noch dazu

wurden zu diesen Fahrten gewöhnlich die ältesten und schlechtesten

Schiffe benutzt, da sie in dieser Breite nie eine schwere See oder gar

einen Sturm zu fürchten hatten. Das Schlimmste, womit sie kämpfen

mußten, waren Windstillen, die ihre Reise oft um das Dreifache

verlängerten. Uebrigens fanden sie überall an der Küste kleine Häfen, wo

sie einlaufen und frische Provisionen kaufen konnten -- Wassermangel

fand in einer Gegend nie statt, wo wenigstens einmal an _=jedem=_ Tag

ein kleiner Wolkenbruch fiel, so daß man an Deck, mit einem

ausgespannten Segeltuch, leicht auffangen konnte, was man über Tag

brauchte.

Die beiden kleinen Fahrzeuge schienen nun auch nicht um einen Grad

besser zu sein, als alle anderen derartigen gleichen Gelichters, und

möglich, daß der Postmeister, der lange Jahre seines Lebens an der Küste

zugebracht, auch der festen Ueberzeugung war, er hätte es nur mit

friedlichen Küstenfahrern zu thun und könne, in sehr billiger und

gefahrloser Weise, seinen Muth zeigen und seinen Landsleuten imponiren.

Mosquera, noch nicht im Besitz Panamas oder irgend eines anderen

bedeutenden Hafens, war aber in der That genöthigt gewesen, ein paar

ganz gewöhnliche Schooner, wie er sie an der Küste genommen oder

aufgekauft hatte, zu bemannen und zu armiren, und da die Bewohner dieser

kleinen Hafenplätze auch wohl noch nie ein wirkliches Kriegsschiff

gesehen hatten, so konnten sie, seiner Meinung nach, recht gut Alles

erfüllen, zu was er sie brauchte -- und erfüllten es auch in vielen

Fällen.

Die Spannung am Lande hatte ihren Höhepunct erreicht, als beide

Schooner, etwa Mittags um 12 Uhr, draußen vor dem Eingange des Canals,

neben einander ankerten, und gleich darauf ein kleines Boot in See

gelassen wurde -- was man mit bloßen Augen deutlich erkennen konnte --

in das einige Mann hineinstiegen und dann dem Lande zuruderten. Hinten

im Heck des Bootes stand ein Offizier, und als er näher kam, hob er eine

kleine weiße Fahne empor -- es war richtig ein Parlamentairboot, und da

die Leute recht gut wußten, daß sie von den paar Mann keinen Ueberfall

zu fürchten hatten, drängten sie mehr und mehr der Landung zu, um dort

gleich an Ort und Stelle das Schlimmste zu erfahren.

Selbst der Postmeister, der aber seinen Leuten streng anbefahl, auf

ihren Posten zu bleiben, den sie bis auf den letzten Mann vertheidigen

wollten, näherte sich der Stelle, um bei dem Kriegsrath zugezogen zu

werden.

Still und schweigend ruderte indeß das Boot heran, und die vier Leute an

den Riemen -- ruppig genug aussehende Burschen, wenn sie wirklich zu

einem Kriegsschiff gehörten -- warfen bei ihrer Arbeit etwas scheu den

Kopf zurück nach den Leuten am Strande, und schienen keineswegs eines

ganz freundlichen Empfanges gewiß zu sein.

Vollkommene Ruhe bewahrte indeß der Offizier selber, der, als das Boot

den Sand scheuerte, von seinem Sitze aufstand und die weiße Fahne

emporhob. Da aber gerade Ebbe war, lag das Boot, wenn auch schon

festgefahren, noch immer wohl zehn oder zwölf Schritte von dem seichten

Strande ab, und Einer der Leute sprang ohne Weiteres hinaus und in's

Wasser, um ihn auf seinen Schultern auf trockenen Boden zu tragen, denn

er hatte Stiefeln an, die er nicht naß machen durfte.

Der Offizier nahm das auch an, und zwar als eine Sache, die sich von

selbst verstand, wenn es ihm auch in der Würde seiner Stellung und

europäischen Augen gegenüber vielleicht Eintrag gethan hätte, so

huckepack und nichts weniger als graziös, an's Land geritten zu kommen.

Hier aber war man etwas Aehnliches schon so gewöhnt, daß Niemand nur

eine Miene deshalb verzog und der Alkalde, in etwas steifer und

gezwungener Haltung ihm entgegentrat, um zu erfragen, was er wünsche und

was die Schiffe da draußen beabsichtigten.

Der Offizier grüßte freundlich, ohne sich dann aber bei weiteren

Höflichkeiten aufzuhalten, sagte er ruhig:

»Señores, ich komme hierher im Namen meines Capitäns und Admirals, des

ehrenwerthen Don Juan Salcantra, um Sie aufzufordern, Sr. Excellenz, dem

geliebten und tapferen Präsidenten Mosquera, den Huldigungseid zu

leisten und zu schwören, daß Sie diesen Platz gegen alle Feinde Sr.

Excellenz vertheidigen und ihm überhaupt treue Unterthanen sein wollen.«

Todtenstille folgte dieser Aufforderung, und selbst der Alkalde war in

Verlegenheit, was er darauf erwidern solle. Mit der Schlauheit und

Geschmeidigkeit der ganzen spanischen Race ließ er aber doch nicht lange

auf eine Antwort warten und erwiderte freundlich:

»Señor, wir sind ruhige und friedliebende Bürger auf Tomaco, die mit

treuer Anhänglichkeit an ihrer Regierung hängen und erst vor ein paar

Tagen erfahren haben, daß eine Revolution im Lande ausgebrochen sei. Daß

der neue Präsident in Panama Mosquera heißt, wußten wir noch gar nicht,

und wenn Sie uns von dort den schriftlichen Befehl zu dem eben

Verlangten bringen, sind wir mit Vergnügen bereit, Ihrem Wunsche zu

willfahren.«

»Die Regierung in Panama,« sagte nun der Offizier finster, »ist gestürzt

-- General Mosquera regiert jetzt allein im Lande, und deshalb haben die

verschiedenen Hafenplätze auch von ihm allein Befehle entgegen zu

nehmen, die er aber nie schriftlich, sondern nur mündlich giebt.«

»Bitte um Entschuldigung, Señor,« nahm der Postmeister das Wort. »Die

Regierung von Panama ist _=nicht=_ gestürzt, wenigstens nicht, daß

_=Sie=_ etwas davon wissen könnten, denn der englische Dampfer, der

direct von Panama kam, hat erst _=nach=_ Ihnen Buenaventura verlassen,

und uns noch Depeschen _=unserer=_ Regierung mitgebracht.«

»Señor,« erwiderte der Offizier kalt, »die Regierung von Panama ist im

_=ganzen Lande=_ gestürzt, und in Panama eingeschlossen, Sie können

dieselbe also nicht mehr Regierung nennen. Aber ich bin nicht hier, um

mich mit Ihnen in einen Wortstreit einzulassen. Meine Aufforderung an

Sie ergeht nur dahin, ob Sie sich den _=rechtmäßigen=_ Behörden

unterwerfen wollen, wo nicht, werden wir mit unseren Schiffen Ihren

Gehorsam zu _=erzwingen=_ wissen, und die Folgen -- haben Sie sich dann

selber zuzuschreiben. -- Ich bitte um Antwort.«

»Und die soll Ihnen werden,« rief der enragirte Postmeister, ehe der

Alkalde selber das Wort ergreifen konnte. -- »Kommen Sie nur so nahe,

daß wir Sie mit unseren Kanonen erreichen können, so wollen wir Ihnen

eine Antwort hinüberschicken, daß Ihnen die Köpfe brummen.«

»Ist das Ihr letztes Wort?« frug der Offizier finster.

Der Alkalde wollte etwas erwidern, aber die Umstehenden, denen die kecke

Rede ihres Postmeisters imponirte, brachen in ein donnerndes Hurrah aus,

und die Leute im Boote griffen erschreckt nach ihren Rudern, weil sie

sich nicht sicher fühlten, daß die übermüthigen Burschen am Ende über

sie herfallen könnten. -- Was wußten sie von Völkerrecht oder

Parlamentairflagge!

Der Offizier mochte etwas Aehnliches fürchten, denn er trat dicht zum

Rand des Wassers zurück und sah sich nach seinen Leuten um. Dadurch

gewannen die Bewohner von Tomaco nur neuen Muth. Der Alkalde wollte

etwas sprechen, aber er kam nicht zu Worte -- wieder gaben die

Hurrahschreier eine volle Salve, und der Offizier, mit gänzlicher

Mißachtung seiner blanken Stiefeln und trockenen Beinkleider, trat in

das Seewasser hinein, war mit wenigen Schritten bei seinem Boote,

schwang sich hinein, und während sich die Ruderer mit aller Macht in die

Riemen legten, glitt die etwas plumpe Jolle wieder in tiefes Wasser

zurück und dem Schiffe zu.

Viertes Capitel.

Die Einnahme von Tomaco.

Draußen in See hatte indeß die Mannschaft mit großer Spannung dem Erfolg

des Parlamentairs entgegengesehen, denn dieser gab ja die Entscheidung,

ob sie die vor ihnen liegende Insel ruhig besetzen oder sie erst nach

einem vielleicht harten und blutigen Kampfe erobern sollten.

Und eine wunderliche Mannschaft war es in der That, welche die Decks der

kleinen Fahrzeuge füllte. Besonders der Schooner, eigentlich das

stärkere Schiff von den beiden, zeichnete sich darin aus, denn

zusammengeleseneres Volk ließ sich kaum auf der Welt denken. Nicht ein

Mann sah aus wie der andere oder hatte auch nur das geringste

Seemännische in seinem Wesen. Schmutzig, abgerissen, nicht einmal in

ihrer Hautfarbe gleich, die vom tiefen Schwarz des Negers bis zu der

braunen Haut des Halbindianers alle verschiedenen Schattirungen zeigte,

räkelten sie sich und lagen über Deck, und die drei oder vier Europäer

dazwischen schienen einer ganz anderen Welt anzugehören.

Besonders der Steuermann, ein Engländer, und wie alle englischen

Seeleute sauber und adrett gekleidet, sah mit unbeschreiblicher

Verachtung auf den Troß hinab, als er jetzt oben auf dem Quarterdeck,

sein Telescop in der Hand, die Befehle des Capitäns, eines

Neu-Granadiensers, erwartete.

Aber die Schiffe wenigstens paßten zu der Mannschaft, denn wenn man

ihnen von _=außen=_ auch erst kürzlich einen frischen Ueberzug von

Oelfarbe gegeben hatte, so konnte das doch den Augen eines Kundigen die

alten Schäden nicht verbergen, die sich nicht übertünchen ließen. Selbst

der Hauptmast war geflickt und die Segel schienen nur aus einzelnen

Lappen zusammengesetzt zu sein -- die meisten Taue bestanden aus

zusammengedrehter roher Haut und aus dem Deck selber hatte Alter oder

lange Benutzung schon ganze Spähne herausgefressen, daß es gar nicht

mehr ordentlich gescheuert werden konnte. Ueberhaupt sah das ganze

Fahrzeug genau so aus, als ob es eine einzige tüchtige See rettungslos

in den Grund waschen müsse, während der untere Raum, in dem die

Besatzung schlief und aß, gar keine Beschreibung zuließ.

Allerdings _=hatte=_ der Steuermann versucht, in diese Wirthschaft

Ordnung oder doch wenigstens Reinlichkeit zu bringen, aber vergebens.

Die ganze Mannschaft trat gegen ihn auf, und da ihn der Capitän in

seinen Bemühungen nicht im Geringsten unterstützte, ja seinem

Cajütenjungen sogar gestattete, daß er die Cajüte in einem ähnlichen

Zustande hielt, so ließ er es endlich gehen; was sollte er sich auch mit

den Land-Lubbern die Schwindsucht an den Hals ärgern?

Jetzt kam das Boot zurück.

»Wie die Kerle nur rudern!« brummte er leise vor sich hin. »Ein

Heidenglück, daß hier kein Mensch einen Begriff davon hat, wir müßten

uns zu Tode schämen mit unserer Bande. Hol' sie der Henker!«

Und er spuckte dabei seinen Tabacksaft mit einem wahren Ingrimm in's

Meer hinein.

Das Boot kam indeß näher und der Capitän -- oder Almirante, wie er sich

stolz nennen ließ -- hatte schon ungeduldig mit seinem Fernrohre hinüber

gesehen. Der Offizier, der jetzt im Boot aufgerichtet stand, schüttelte

die emporgehobene Hand zum Zeichen der Verneinung, und leise vor sich

hinfluchend rief der Neu-Granadienser:

»Nun, Señores, wenn Ihr es denn nicht anders haben wollt, so kann ich

Euch nicht helfen! -- Señor Culpepper,« wandte er sich dann an den

Engländer, »geben Sie den Befehl, daß die Kanonen scharf geladen werden,

wir wollen den Herren da am Ufer, sowie wir etwas näher hinan kommen

können, die in Buenaventura aufgetragenen Grüße bringen.«

Señor Culpepper zerbiß eine Verwünschung zwischen den Zähnen und ging

nach vorn, denn was auf einem wirklichen Kriegsschiffe nur durch den

Befehl und die Pfeife des Bootsmannes beordert wird, mußte er selber

überwachen, und vielleicht auch mit Hand anlegen, wenn er es gethan

haben wollte.

Indem stieg eine schmächtige hagere Gestalt in einem blauen Rock mit

blanken Knöpfen und straff anliegenden schwarzen Haaren, einen kleinen

Panamahut auf dem Kopf, an Deck, wo ein paar Matrosen eben beschäftigt

waren, das Sonnenzelt aufzuspannen. Der Neuheraufgekommene aber, wenn er

auch selbst vom »Almirante« mit großer Achtung behandelt wurde, hatte

kein angenehmes Aeußere. Die gelbe Hautfarbe seines Gesichts trug eine

Menge bläulicher Flecke, beinahe als ob er einmal einen Schrotschuß auf

den Kopf bekommen hätte, und wenn er auch nicht gerade schielte, hatte

das eine Auge doch -- was man im gewöhnlichen Leben so nennt -- einen

falschen Blick. Dabei ging der Mann immer ein wenig gebückt und sah wie

lauernd und mißtrauisch um sich her.

An Bord unter den Leuten hieß er gleich vom ersten Tage an »die Ratte«,

wenn er auch einen ziemlich hohen Posten zu bekleiden schien und von den

Officieren gewöhnlich Señor Comisario genannt wurde -- was kümmerte das

die Mannschaft? -- an Bord hatte er ihnen doch Nichts zu befehlen.

»Nun, wie ist es?« fragte er, sowie er das Deck betrat und den lauernden

Blick umherwarf. -- »Das Boot noch nicht zurück?«

»Dort kommt es eben langseit,« sagte der Seemann. »Wir müssen, wie ich

merke, Gewalt brauchen.«

»Dann lassen Sie das Nest in Grund und Boden zusammen schießen, Señor

Almirante!« rief der Commissair, während seine Augen ein unheimliches

Feuer annahmen. »Die Canaillen haben es nicht besser verdient, und wenn

wir an der Küste _=einmal=_ ein solches Exempel statuiren, so erspart

uns das eine Menge Mühe vielleicht für andere Plätze.«

»Wenn es nicht sein _=muß=_,« sagte der Seemann kopfschüttelnd, »so

möchte ich es gerade bei Tomaco nicht gern thun. Es ist einer der

betriebsamsten Orte Neu-Granadas.«

»Rebellisches Gesindel!« rief der Commissair im Eifer. »Ich kenne sie

von früher her und besser als Sie glauben. Verrätherisches Pack die

ganze Bande, und seien Sie versichert, daß ich jede Maßregel vertrete,

die Sie gegen _=dies=_ Volk in Anwendung bringen.«

Der Seemann erwiderte nichts darauf, denn der ausgesandte Parlementair

stieg eben an Bord und machte seine Meldung.

»Und haben Sie erfahren, ob ein Señor José Ramos hier in Tomaco lebt?«

unterbrach ihn der Commissair, ehe er seinen Bericht ganz vollendet

hatte.

»Señor,« sagte dieser, »ich hatte an Land mehr zu thun, als mich nach

einzelnen Persönlichkeiten zu erkundigen. Der Zeitpunkt war gerade nicht

besonders passend.«

»Aber Sie haben doch wenigstens Jemanden von dort mitgebracht, der uns

nähere Auskunft geben könnte!« rief der Commissair, indem er einen

giftigen Blick nach dem jungen Mann schoß.

»Wir waren froh, daß wir uns selber wieder fortbrachten,« erwiderte

dieser, »denn die Stimmung schien eine sehr aufgeregte zu sein.

Uebrigens haben sie dort drüben im Sande Schanzen aufgeworfen und

dieselben auch wahrscheinlich mit Kanonen armirt, wenn ich das von dort,

wo ich mich befand, auch nicht ganz deutlich erkennen konnte.«

»Was für Kanonen werden sie hier am Lande haben!« sagte der Capitain

verächtlich. -- »Unsere Zwanzigpfünder sollen da schon ganz anders mit

ihnen sprechen. Wie steht es mit der Fluth, Señor Culpepper?«

»Fängt eben an zu steigen, Señor,« lautete die Antwort -- »vor drei

Stunden dürfen wir aber nicht daran denken, die Anker zu lichten, denn

wenn wir hier auf dem Sande festfahren, und sie haben wirklich so ein

Ding wie ein Geschütz am Land, so können sie mit uns machen was sie

wollen.«

Der Capitain erwiderte nichts, sondern ließ sein Boot bemannen und

ruderte nach der Galeotte hinüber, während der Commissair, seine Nägel

beißend, an Deck auf und ab ging und nur manchmal das Telescop aufnahm,

um zu beobachten, was da drüben am Lande vorging.

Indessen schlenderte der Steuermann wieder über Deck, damit dort --

soweit das möglich war -- Alles in Ordnung gebracht würde, wenn es

wirklich zu einem Kampf kommen sollte. Vorn am Gangspill lehnte ein

anderer Europäer -- ein junger Franzose, der den Posten eines ~master

at arms~ bekleidete. Er hatte beide Arme auf das Gangspill gelehnt,

stützte sein Kinn darauf und blickte in tiefem Sinnen nach dem Lande

hinüber.

»Nun Bill,« sagte Mr. Culpepper zu ihm, indem er neben ihm stehen blieb

und ihm auf die Schulter klopfte, »worüber denkt Ihr nach?«

»Ich, Sir?« sagte der Franzose, der ziemlich gut englisch sprach, denn

er hatte lange in Canada gelebt, und schien auf der See daheim zu sein.

Er war reinlich und ganz matrosenartig gekleidet, was man von der

übrigen Gesellschaft _=nicht=_ sagen konnte -- »ich überlege mir eben,

daß es eine verdammt viel bessere Beschäftigung wäre, da drüben auf dem

Rücken unter einer Cocospalme zu liegen, als hier mit einer

nichtswürdigen Bande von Land-Lubbern sich zu Schanden zu ärgern. Ich

habe das Leben hier bis an den Hals satt.«

»Ich wohl nicht, Camerad?« lachte der Engländer mit einem leisen Fluch.

-- »Aber was kann's helfen? Heute bekommen wir wenigstens einmal

Abwechselung in die Wirthschaft und ich kann Euch sagen, daß ich

neugierig bin, wie sich unsere tapferen Neu-Granadienser im Feuer

benehmen werden.«

»Im Feuer?« sagte der Franzose verächtlich. -- »So lange sie nicht

fortlaufen _=können=_, werden sie natürlich Stand halten. Uebrigens geb'

ich Euch mein Wort, daß es hier an Bord gefährlicher ist, _=hinter=_

einer von unseren alten Kanonen zu stehen, wie davor, denn _=ich=_

möchte nicht dabei sein, wenn sie abgefeuert werden.«

Der Engländer lachte laut auf.

»Und habt Ihr sie nicht selber heute zu dem Zwecke geladen?«

»Bah!« sagte der Franzose. -- »Die sind schon oft geladen, aber noch nie

abgeschossen worden -- so lange ich wenigstens an Bord bin -- und so

lange ich an Bord bin, werd' ich es auch zu vermeiden suchen, darauf

könnt Ihr Euch verlassen.«

»Wird aber diesmal nicht gehen,« schmunzelte der Engländer, »denn die

_=Ratte=_ scheint eine ganz besondere Wuth auf das Nest da drüben zu

haben, und kann die Zeit nicht erwarten, wo der Befehl zum Feuern

gegeben wird.«

»Die Ratte soll -- zu Grase gehen,« brummte Bill durch die Zähne. »Ich

möchte nur wissen, was _=der=_ hier schon einmal ausgeheckt hat, daß er

so wüthend auf den Ort ist. Habt Ihr je ein freundlicheres Plätzchen in

der Welt gesehen, Mate?« fuhr er fort und deutete mit dem Arm nach der

reizenden Insel hinüber. -- »Kann es etwas Pittoreskeres geben, als

jenen alten grauen Felsen mit den Palmen am Fuße, seiner hellgrünen

Zuckerrohr-Mantille und den prachtvollen, breitblätterigen Bananen oben

auf dem Gipfel? Wie friedlich könnten die Menschen hier leben -- und

leben auch so, wahrscheinlich -- wenn wir sie mit unserer verwünschten

Politik in Ruhe ließen und die »Ratte«, statt sie hier an's Land zu

setzen, einfach im Canal ersäuften.«

Der Engländer lachte leise vor sich hin und ging wieder nach hinten, wo

er jetzt, da die Fluth schon scharf einsetzte und der Bug vom Land

abgedreht lag, einen besseren Ueberblick über die Insel hatte. Der

Capitain kam ebenfalls zurück und die Mannschaft wurde zum Essen

gerufen, um völlig bereit zu sein. So rückte etwa drei Uhr heran -- das

Wasser war bedeutend gestiegen, und da der Commissair ebenfalls

unablässig drängte, um an Land zu kommen, gab der »Admiral« endlich den

Befehl, die Anker wieder zu lichten und aufzusegeln.

»Fertig zum Feuern!« lautete dabei der Befehl. Es schien wirklich Ernst

zu werden, und der ~master at arms~ wurde auf das Quarterdeck

befohlen.

»Lassen Sie Ihre Leute bei den Kanonen stehen, Sir,« redete ihn hier der

Capitain an, »und beim ersten Schuß, der vom Lande her fällt, geben Sie

eine Salve -- eine ganze Breitseite (es waren drei Kanonen an jeder

Seite) und zielen Sie gut.«

»Sehr wohl, Señor Almirante,« sagte der Franzose, mit der Hand an der

Mütze, »aber -- wollen Sie mir eine Bemerkung erlauben?«

»Was ist da noch zu bemerken?« fragte der Capitain scharf.

»Weiter nichts,« bemerkte der Franzose, »als daß der Schooner das

Abfeuern der Kanonen nicht aushält. Sie sind zu schwer für uns.«

»Mit dem Bedenken kommen Sie _=jetzt=_, im entscheidenden Augenblick?«

fuhr der Capitain auf.

»Señor,« erwiderte der Mann ruhig, »als ich in Buenaventura der kleinen

Prügelei wegen von den Behörden eingesteckt wurde und die Wahl bekam,

zwei Monate in einer wahren Pesthöhle von Gefängniß zu sitzen, oder an

Bord dieses Kriegsschiffes zu gehen, hatte ich mit der Armirung

desselben nichts zu thun. Jetzt haben Sie mich zum Geschützmeister

gemacht und es ist meine Schuldigkeit, Sie vor der Gefahr zu warnen.«

»Sie wollen mir doch nicht sagen,« rief der Admiral, »daß wir nicht

wagen dürften, einen Schuß zu thun!«

»Allerdings,« erwiderte mit unzerstörbarer Ruhe der Franzose. »Ich habe

den Schooner genau untersucht -- die Planken und Rippen sind so morsch,

daß Sie in keinem anderen Wasser damit fahren könnten, wie gerade hier

-- sie halten nur noch bei ruhiger Fahrt aus reiner Gefälligkeit

zusammen. Ich weigere mich übrigens nicht, zu feuern. Geben Sie den

Befehl, und Sie sollen sehen, daß Ihre Geschützstücke ordentlich bedient

werden. -- Ich kann schwimmen und wenn der alte Kasten auseinander geht

und die Kanonen nicht platzen, so hoffe ich an Land zu kommen. Daß wir

aber heute Abend, wenn wir nur eine einzige Breitseite abfeuern, die

Wand bersten, und eine Stunde später voll Wasser laufen, darauf gebe ich

Ihnen mein Ehrenwort« -- und seine Mütze lüftend drehte er sich ab und

ging wieder ruhig auf seinen Posten.

Der Capitain blieb in einer höchst unbehaglichen Stimmung zurück und

auch der Commissair war ein sehr bestürzter Zuhörer der Unterredung

gewesen, denn er hatte bis jetzt einen ganz anderen Begriff von ihrer

Marine gehabt. Sank das Schiff wirklich, so war _=er=_ verloren, denn

_=er=_ konnte _=nicht=_ schwimmen, und ob sie in einem Boot freundlich

an der Küste empfangen würden, bezweifelte er sehr.

Der Engländer wurde jetzt gerufen, um seine Meinung über die Sache zu

hören, aber er zuckte die Achseln. Der Franzose war, wie er bestätigte,

gelernter Schiffszimmermann, und hatte ihn schon ein paar Mal auf den

wahrhaft traurigen Zustand der Schiffshölzer aufmerksam gemacht. Er

traute selber nicht und wenn sie _=seinem=_ Rath folgen wollten, so

hielten sie mit Schießen wenigstens so lange als möglich zurück. Der

Schooner macht jetzt schon so viel Wasser, daß sie auf jeder Wacht eine

volle Stunde pumpen müßten, und ihn dann noch nicht einmal frei bekämen.

-- Wenn sich durch Erschütterung des Feuerns die Hölzer noch mehr

lösten, stünde er für nichts. -- Uebrigens könne _=er=_ auch schwimmen.

Und damit spuckte er sein Priemchen über Bord und schnitt sich ein

frisches ab, während der Schooner, von der Galeotte dicht gefolgt, mit

der jetzt einsetzenden Seebrise rasch seinem Ziele entgegenlief und

einem Kampfe, sobald er vom Lande aus begonnen wurde, nun schon gar

nicht mehr ausweichen _=konnte=_. _=Gegen=_ diese Brise und die starke

Strömung der einsetzenden Fluth wären die erbärmlich segelnden Fahrzeuge

gar nicht im Stande gewesen, die offene See wieder zu erreichen.

Der »Almirante« befand sich in Verlegenheit, denn es kann ja nichts

Fataleres für den Befehlshaber eines Kriegsschiffes geben, als zu hören,

daß die Kanonen, die zu dem besonderen Zwecke an Bord geschafft wurden,

um damit zu schießen, nicht abgefeuert werden dürften, wenn man nicht

befürchten wolle, nicht etwa Schaden nach außen anzurichten, sondern das

eigene Fahrzeug zu ruiniren. Wer weiß auch, was er gethan hätte, wenn

gerade Ebbe gewesen wäre und ein günstiger Wind ihm irgend eine andere

Bewegung erlaubt hätte, als die, vorwärts zu segeln. So aber befand er

sich genau in der Lage eines Cavalleristen, dessen Pferd mit ihm,

angesichts der feindlichen Reihen, durchgeht, und zwar gerade auf die

Feinde zu. Es blieb ihm nichts Anderes übrig, als zu thun, als ob er das

Pferd noch selber regiere und lenke, und nur aus rasender Tapferkeit zu

diesem tollkühnen Angriff getrieben werde. Er war auch mit sich einig,

denn wenn wir zu einem Entschluß _=gezwungen=_ werden, ist es nicht

schwer, ihn zu fassen.

Jetzt befand man sich der im Sande eingegrabenen Batterie gegenüber.

Deutlich konnte man schon die dort am Ufer durcheinander laufenden

Soldaten erkennen und der Capitän bemerkte mit seinem Glas, daß sie

wirklich mit einem Gegenstande, der einer Kanone ähnlich sah,

beschäftigt waren. Es dauerte auch nicht lange, so folgte ein Blitz,

dann eine kleine weiße Rauchwolke und während der Schuß zu ihnen

herüberdröhnte, sprangen die Leute alle nach dieser Seite des Fahrzeugs,

um zu sehen, welche Richtung die Kugel nehmen würde. -- Aber keine Kugel

kam. Dicht am Ufer spritzte das Wasser allerdings an ein paar Stellen

auf, das war aber wenigstens hundert Schritt vom Schiff selber entfernt

und nicht einmal in der Richtung, sondern viel weiter nach hinten.

Uebrigens erfolgte kein Befehl einer Erwiderung an Bord. Die Leute

standen mit brennenden Lunden neben ihren Kanonen, aber sie schossen

nicht, und mit wahrhaft majestätischer Ruhe glitten die beiden

Fahrzeuge, die zu wenig Tiefgang hatten, um bei steigender Fluth ein

Auflaufen zu fürchten, an den so mühsam aufgeworfenen Schanzen vorüber

und gerade auf die Stadt zu, bis sie, dieser gegenüber, plötzlich auf

ein gegebenes Signal die Segel lösten und die Anker niederrollen ließen.

Kaum zwei Minuten später schwang ihr Bug mit der Strömung herum und

beide zeigten jetzt der Stadt die drohenden Seiten, mit denen sie jeden

Moment den Angriff beginnen konnten.

»Und was wollen Sie thun?« fragte der Commissair ängstlich, als der

Capitän sein Boot beorderte, um selber an das Land zu fahren.

»Uebereilen Sie um Gotteswillen nichts, daß Sie Ihre Schiffe nicht

gefährden.«

»Haben Sie keine Angst,« sagte der Seemann mit einem verächtlichen

Lächeln. -- »Es wäre ja Schade um das Material. Uebrigens kenne ich

meine Landsleute und hoffe das _=ohne Blutvergießen=_ durchzusetzen was

wir durch unsere Kanonen erreichen wollten. Dann werden Sie mir

erlauben, nach Buenaventura zurückzukehren und dort diese kostbaren

Fahrzeuge der Obhut Sr. Excellenz wieder zu überliefern.«

»Von Herzen gern, von Herzen gern, Almirante,« rief der Commissair

rasch. »Auch hoffe ich, Ihnen dann einige wichtige Gefangene mitzugeben.

Meine Kundschafter, die mir meldeten, daß Señor Ramos mit seiner Familie

nach Tomaco geflüchtet sei, und jetzt hier gegen Mosquera agitire,

_=können=_ sich nicht geirrt haben und dann war unsere Reise nicht

umsonst, denn ich gebe Ihnen mein Wort, daß dieser Ramos der

gefährlichste und schlimmste Agitator in ganz Neu-Granada ist.«

»~Veremos!~« erwiderte der Capitän trocken und stieg in sein Boot

hinab, mit dem die Leute schon seiner warteten. Er nahm nicht einmal

eine weiße Fahne mit, sondern steuerte das Boot direct auf eine sich am

Strand sammelnde Menschengruppe zu, weil er an der Stelle ziemlich

richtig den besten Landungsplatz vermuthete. Zu gleicher Zeit sah er,

wie die an den Sandschanzen aufgestellte Mannschaft im Sturmschritt mit

ihren beiden kleinen Kanonen herbeieilte, um -- wenn nöthig --

vielleicht den Landungsplatz zu vertheidigen, denn daß sie gegen die

Schiffe selber mit ihren Geschützen nichts ausrichten konnten, hatten

sie wohl bei dem ersten Mal Feuern bemerkt.

Der Alkalde erwartete ihn schon, und diesmal fest entschlossen, sich

durch den Postmeister nicht wieder das Wort vor dem Mund wegnehmen zu

lassen. Er trat auch dem Capitain, sowie dieser an's Land sprang,

entgegen und sagte, indem er ihm die Hand reichte und schüttelte:

»Buenos Dias, Señor! -- Sehr angenehm, Ihre Bekanntschaft zu machen.

Können _=Sie=_ uns vielleicht Aufklärung geben, zu welchen Zweck Sie

hier Ihre beiden Schiffe vor unserer Stadt geankert haben?«

Ein leises Lächeln flog über die Züge des Seemannes, als er antwortete:

»Mit weit größerem Rechte, mein verehrter Señor, könnte ich _=Sie=_

fragen, weshalb Sie auf ein paar Schiffe Ihres eigenen Landes, die einen

Hafen ihres eigenen Territoriums besuchen, feuern lassen. -- Bitte,

unterbrechen Sie mich nicht. Wäre ich Ihnen wirklich feindlich gesinnt,

was hinderte mich, furchtbare Rache für die Beleidigung zu nehmen, denn

Sie werden mir zugeben, daß eine einzige in diese Bambushäuser gefeuerte

Kanone entsetzliche Verwirrung anrichten und viele Menschenleben

gefährden würde. Um aber kein Blut treuer Unterthanen unseres theueren

Vaterlandes zu vergießen, um den Bürgerkrieg nicht auf dies friedliche

Eiland zu tragen, komme ich noch einmal zu Ihnen, um Sie aufzufordern,

das zu thun, was Sie doch nicht mehr ändern können: Sr. Excellenz den

jetzigen Präsidenten der Republik, Señor Mosquera, anzuerkennen und ihm

Treue zu schwören. Ich selber komme nur als der Feind derer, die den

Huldigungseid verweigern -- im anderen Fall sind wir Freunde und

Bundesgenossen, und ich stehe mit meiner Person dafür, daß Sie weder an

Ihrer Stadt, noch irgend einem derselben angehörenden loyalen Bürger

geschädigt werden sollen.«

»Aber bester Herr,« sagte der Alkalde, durch die freundliche und

vernünftige Anrede schon halb gewonnen und nur noch in Verlegenheit, wie

er vor den Umstehenden eine vielleicht etwas zu rasche Sinnesänderung

beschönigen sollte, »wir -- wir wissen hier eigentlich noch gar nichts

von Sr. Excellenz, dem neuen Präsidenten. Wir sind friedliebende

Menschen, die mit keinem Lande einen Krieg wollen -- am allerwenigsten

mit dem eigenen, aber wie -- wie bekommen wir denn eine Garantie, daß

nicht -- ohne jedoch das Geringste gegen Ihre eigene Person andeuten zu

wollen -- daß nicht irgend ein Schiff bei uns anlegen könnte, welches

irgend einen neuen Namen als Präsident und Regierung aufstellt und

Besitz von der Insel ergreift?«

»Darüber beruhigen Sie sich,« sagte der Seemann; »ich handele nicht nach

eigener Machtvollkommenheit, sondern habe einen Regierungs-Commissair an

Bord, der, von Buenaventura aus mit allen nöthigen Papieren und

Schriftstücken beglaubigt, das Weitere mit Ihnen auf vollkommen

gesetzlichem Wege in Ordnung bringen wird. Der Herr ist Ihnen auch,

soweit ich erfahren habe, nicht einmal ein Fremder, sondern war früher

selber, wie er mich versicherte, ein Einwohner oder wohl gar ein Beamter

dieser Insel --«

»In der That? Und sein Name?«

»Señor Fosca.«

»Fosca? Alle Teufel!« platzte der Alkalde etwas erstaunt heraus; »Señor

Fosca ist Regierungs-Commissair geworden?« Aber es blieb ihm keine Zeit

mehr zum Ueberlegen, denn der Postmeister kam gerade mit einem

_=Theil=_ seiner Leute wenigstens herbei, da ihm keineswegs alle

folgten. Die Meisten, indem sie eine Beschießung der Stadt fürchteten,

liefen nach ihren Häusern, um dort zu retten, was sie retten konnten.

Der Alkalde war aber fest entschlossen, diesmal ohne den Postmeister zu

handeln, und sagte deshalb rasch und bestimmt:

»Wenn Sie mir Ihr Wort geben, Señor, daß der Stadt kein Schaden

geschehen soll, so glaube ich in Uebereinstimmung mit meinen Mitbürgern

zu handeln, wenn ich Ihnen erkläre, daß wir den Präsidenten Mosquera

anerkennen wollen.«

»Ja wohl! Gewiß! ~En verdad -- con gusto!~« tönte es von allen Seiten,

denn das entschlossene Aufsegeln der Kriegsschiffe hatte seine Wirkung

auf die Gemüther nicht verfehlt.

»Und das Versprechen gebe ich Ihnen,« sagte der Seemann, dem damit eine

wahre Centnerlast von der Seele fiel, denn eine Weigerung hätte ihn in

die größte Verlegenheit gebracht.

»Und wissen Sie, welche Verantwortung Sie da auf sich nehmen, Señor

Alkalde?« schrie der Postmeister, der eben zur rechten Zeit erschien, um

zu spät zu kommen. »Wir sind hier freie Bürger, und wenn irgend ein

Präsident --«

»Fosca ist Regierungs-Commissair und an Bord,« flüsterte ihm der Alkalde

zu, indem er seinen Arm faßte; »halten Sie das Maul.«

Der Postmeister sah ihn verdutzt an. Es war augenscheinlich, daß er den

Sinn der Worte nicht so rasch begriff, aber der Alkalde warf ihm einen

warnenden Blick zu, und sich auf dem Absatz herumdrehend nahm er den Hut

ab, schwenkte ihn in der Luft und rief mit seiner weit hinaus dröhnenden

Stimme:

»~Compañeros el viva! Viva Sa Excellencia el praesidente Señor

Mosquera! -- El viva!~«

»~El viva! El viva!~« jubelten ihm die Leute nach, die ebenfalls ihre

Hüte schwenkten, und wie ein Lauffeuer pflanzte sich der Schrei durch

die Stadt fort. Galt er ja doch als Friedenszeichen und war den Leuten

eine Bürgschaft, daß sie von den Schrecken und Gefahren des Krieges

verschont bleiben sollten. Mit _=der=_ Gewißheit hätten sie irgend einen

lebenden oder auch todten Menschen -- wer er immer gewesen -- leben

lassen.

Es war in der That ein Jubel auf der Insel, als ob man diesem Augenblick

schon seit Jahren mit der größten Spannung entgegengesehen hätte, und

daß der Postmeister gerade, der noch vor wenigen Stunden da unten am

Strande Sandschanzen aufgeworfen und selbst eine Kanone auf die

nahenden Schiffe abgefeuert, in den Ruf mit einstimmte, fiel keiner

Seele mehr auf.

Fünftes Capitel.

Baptista.

Der Capitän hatte seine Schuldigkeit gethan und sein Ziel viel rascher

und vollkommener erreicht, als er je gehofft. Es drängte ihn deshalb

wieder an Bord zurück. Aber so bald kam er noch nicht los, denn von

allen Seiten strömten Menschen herbei, um ihm die Hand zu drücken und

ihm zu erklären, daß sie gute Freunde bleiben und keinen Krieg

miteinander haben wollten. Und nicht allein die Männer thaten das,

sondern ganz besondere Energie entwickelten die Negerweiber, von denen

die Insel ein außerordentlich starkes Contingent stellte, und wo solch

eine alte würdige Dame einmal die Hand des Seemannes erwischte, ließ sie

nicht sogleich wieder los. Sie versicherten ihm dabei stets mit ihrer

gewöhnlich tiefen Baßstimme, daß sie sich unendlich glücklich schätzen

würden, wenn er zu ihnen in das Haus kommen und eine Tasse Chocolade

trinken wolle.

Er hatte Mühe sich ihrer zu erwehren, und sein Boot endlich wieder

gewinnend, sprang er hinein und ließ sich an Bord zurückrudern.

Still vor sich hin mußte er freilich unterwegs lachen, wenn er sich

überlegte, daß Tomaco eigentlich nur dadurch friedlich erobert und

Mosquera eine neue Stadt gewonnen sei, daß sich beide Theile vor

einander gefürchtet hätten, denn wie die Sachen standen, konnten sie

sich gegenseitig keinen großen Schaden thun. Die List _=war=_ aber

gelungen; die Bewohner von Tomaco hatten sich durch eine völlig

unausführbare Drohung: die Beschießung der Stadt, einschüchtern lassen,

und es lag jetzt an Señor Fosca, das Weitere in Frieden und Freundschaft

zu arrangiren und sich mit den Behörden zu verständigen.

Als der Capitän sein kleines Fahrzeug erreicht und den Befehl gegeben

hatte, Munition und Kugeln wieder fortzuräumen und die »Geschützstücke«

auf's Neue zu befestigen -- ein sicheres Zeichen also, daß von einem

Kampf nicht weiter die Rede war -- trat plötzlich der Franzose zu seinem

Admiral heran, und seinen kleinen Wachshut abnehmend, wollte er ihn eben

anreden, als Señor Fosca mit triumphirendem Blick auf diesen zukam und

rief:

»Ich weiß Alles! Schon ehe Sie zurückkamen war ein Fruchtboot hier. --

Meine alten Freunde sind noch dieselben -- der nämliche Eifer, Einer

dem Andern einen Verdienst vor der Nase wegzuschnappen. -- Aber ich habe

auch Ihren Erfolg erfahren und -- daß Señor Ramos wirklich hier mit

seiner ganzen Familie lebt. Er kann uns jetzt nicht mehr entgehen und

ich bitte Sie also, Almirante, mir nachher sechs Mann von Ihren Leuten

zur Verfügung zu stellen, um den Verräther zu verhaften.«

»Mein bester Señor,« sagte der Seemann, dem die Sache augenscheinlich

fatal war, -- »ich habe den guten Leuten da drüben versprochen, sie

nicht weiter zu schädigen.«

»Aber der Verräther war ausgenommen,« rief Fosca rasch, -- »gehört er

doch auch gar nicht nach Tomaco und geht der Stadt nicht das Geringste

an. Señor Almirante, ich habe den _=strengen=_ Auftrag von Sr.

Excellenz, auf diesen gefährlichsten aller Staatsverräther zu fahnden

und ihn nach Buenaventura zu liefern. Ich möchte nicht in des Mannes

Haut stecken, der ihm Zeit und Gelegenheit ließe, zu entkommen.«

»Ach was!« brummte der Seemann verdrießlich vor sich hin, »so gefährlich

wird die Sache nicht sein, Señor. Aber meinetwegen thun Sie, was Sie

nicht lassen können und nehmen Sie sich von Leuten was Sie brauchen. Ich

mache _=Sie=_ aber dafür auch für alle Folgen verantwortlich, wenn Sie

die jetzt beruhigten Einwohner wieder aufreizen und unser Aller

Sicherheit dadurch gefährden.«

»_=Die=_ Verantwortung übernehme ich,« sagte der Commissair, und ein

boshaftes Lächeln zuckte über sein fahles Gesicht, als er sich umdrehte

und wieder in die Cajüte hinunter stieg.

»Was wollen Sie?« wandte sich der Capitän nun, eben nicht in bester

Laune, an den jungen Franzosen, der indessen zurückgetreten war, um sein

Anliegen später vorzubringen.

»Señor Almirante,« sagte der Franzose, »wie ich zu meiner Freude sehe,

ist kein Krieg mehr nöthig. Unter diesen Verhältnissen brauchen Sie aber

auch keinen ~master at arms~ mehr, und da ich jetzt ein unnützes Möbel

an Bord bin, so wollte ich Sie ersuchen, mir meine Entlassung zu geben.

Ich möchte gern in mein eigenes Vaterland zurückkehren.«

»Thut mir leid,« sagte der Seemann barsch, »Ihre Zeit ist noch nicht um

und außerdem brauche ich Sie nothwendig. Sie sind Schiffszimmermann,

nicht wahr?«

»Ein sehr mittelmäßiger,« bestätigte achselzuckend der Gefragte.

»Thut nichts! Wahrscheinlich immer noch besser als unsere

_=carpinteros=_ in Buenaventura. -- Sie müssen mit helfen, den Schooner

wieder in Stand zu setzen, wenn wir zurückkommen.«

»Den Schooner?« lächelte der Franzose. -- »Ach ja, es geht, wenn er

einen neuen Rumpf und andere Masten bekommt und nachher frisch

aufgetakelt werden kann. An _=den=_ alten Kasten werden Sie aber doch

keine Reparaturkosten mehr wegwerfen wollen?«

»Das ist Sache der Regierung,« brach der Capitain kurz ab. »Sie gehen

jedenfalls mit zurück und dort findet sich das Weitere. Sehen Sie

indessen zu, daß mir das Volk kein Unglück mit dem Pulver anrichtet --

daß sie besonders da unten nicht rauchen. Haben Sie mich verstanden?«

»Vollkommen gut, Señor,« sagte der Franzose mit einer Verbeugung, als

der Seemann an ihm vorüberschritt und dem Commissair in die Cajüte

folgte.

»Abgeblitzt!« lachte der Engländer, der, als er auf das Quarterdeck kam

die Unterredung gehört hatte. -- »Hätte ich Euch auch vorher sagen

wollen, Camerad, denn wenn der Alte uns paar Europäer von Bord ließe,

wen behielt er denn da zurück als die Buschläufer, die ein Fallreep

nicht von der Besanschote zu unterscheiden wissen. Nein, damit ist's

nichts! Ich hätte selber Einsprache dagegen erhoben, also schlagt Euch

die Phantasien aus dem Kopfe.«

»Wird wohl nicht anders werden, Mr. Culpepper,« stimmte der Franzose

bei, indem er leise vor sich hinpfeifend, nach vorn ging.

Der Nachmittag war indessen schon ziemlich weit vorgerückt; die Sonne

stand kaum noch eine halbe Stunde hoch am westlichen Himmel und die

Wolken begannen schon die den Tropen eigene, violette Färbung

anzunehmen, als Señor Fosca mit seinem Boot an Land fuhr. Statt der

erbetenen sechs Mann Wache hatte er sich aber zwölf ausgesucht, die

vollständig bewaffnet ihn begleiten sollten, und der Capitain that da

auch keinen Einspruch. Er wollte augenscheinlich mit der ganzen Sache

nichts zu thun haben.

Am Land wurde er von den Spitzen der Behörden empfangen, der Alkalde,

der Postmeister und der Steuerbeamte -- dessen Posten er selber früher

einmal auf Tomaco bekleidet hatte -- standen an der Landung und die

Begrüßung -- wenn man überhaupt auf äußere Anzeichen schließen konnte --

war eine herzliche.

Am liebsten hätte Señor Fosca nun allerdings das vorgenommen, was ihm am

meisten am Herzen zu liegen schien: die Verhaftung des Hochverräthers --

aber das ging doch nicht -- der wichtigere Act und zwar die Uebernahme

der Insel und die Huldigung des neuen Präsidenten mußte vorausgehen, und

die _=Spitzen=_ der Bevölkerung, von den meisten dort Ansässigen

begleitet, begaben sich demnach in das »Regierungsgebäude« (ein Haus,

das sich vor den übrigen nur durch einen etwas größeren Umfang

auszeichnete), um den feierlichen Act dort vorzunehmen.

Vorher hatte der Postmeister, der jetzt die Geschmeidigkeit selber zu

sein schien und gar nicht so that, als ob er je den geringsten

Widerstand gegen Mosquera's Ansprüche geleistet, eine längere und

geheime Unterredung mit Señor Fosca, und dann erfolgte in ziemlich

summarischer Weise die Uebergabe der Stadt und Insel an den neuen

Herrscher, mit der Bestätigung der jetzigen Beamten in ihrem Dienst.

Es war unterdessen vollkommen dunkel geworden und die beiden

»Kriegsfahrzeuge« in dem Canal hatten jedes an ihrem Vormast eine rothe

Laterne aufgezogen. Wachen brauchte es nicht an Deck, denn die ganze

Mannschaft lag zerstreut darauf herum oder saß plaudernd vorn auf der

Back oder auf den Railings. Hinten auf dem Quarterdeck ging der Franzose

mit verschränkten Armen auf und ab; der englische Steuermann lag bequem

auf einer Bank ausgestreckt und rauchte seine Cigarre.

Der Franzose hatte seine Jacke neben sich auf dem Steuerrad hängen,

jetzt ging er hin und zog sie wieder an.

»Nun, Bill,« lachte Mr. Culpepper. »Ihr friert doch nicht in _=der=_

Temperatur?«

»Das nicht, Sir,« sagte der Mann gleichgiltig, »aber der Thau fängt an

zu fallen, und da drüben zieht auch wieder ein Wetter herauf. Wir

bekommen eine böse Nacht.«

»Ob es in dem verbrannten Lande nicht auch alle Tage vom Himmel

herunterschüttet!« brummte der Engländer und rauchte ruhig weiter. --

Der Franzose beschäftigte sich damit, einen Theil der noch unordentlich

umherliegenden Brassen aufzurollen. Eine davon aber, ohne daß es Mr.

Culpepper sehen konnte, nahm er und hing sie über Bord, dann stieg er

langsam und gleichmüthig über die Railing, ließ sich an dem Tau

geräuschlos hinab und verschwand im nächsten Augenblick unter Wasser.

»Heh, Bill!« rief der Engländer nach einer Weile, ohne jedoch den Kopf

zu wenden. -- »Wohin wolltet Ihr denn eigentlich, wenn Euch der Alte

losgelassen hätte?«

Unter Palmen und Buchen. Zweiter Band. Unter Palmen. Gesammelte Erzählungen. · 第 4 / 8 题