Dies die wichtigsten Angaben Gebauers. Einiges Neue bringt Josef

Jireček in dem Werke: ›_Rukovět k dějinám Literatury české

do konce XVIII. věku. Svazek II. v Praze 1876_; d. h. Handbuch zur

Geschichte der böhmischen Literatur bis zu Ende des XVIII. Jahrhunderts.

2. Band. Prag 1876‹. S. 289 sagt er: ›Tkadleček Ludwig, Höfling der

Kaiserin Elisabeth, die als Wittwe nach Karl IV. von 1378 bis zu ihrem

Tode 1393 mit ihrem Hofe in Königgrätz lebte. Ludwig entbrannte in Liebe

zu der Hofdame Adelheid, und als diese sich an einen Andern

verheirathete, tröstete er sich dadurch, dass er seinen Jammer

niederschrieb. Er selbst sagt von sich, dass er ein Weber aus gelehrtem

Stande sei, der ohne Holz, ohne Rahmen und ohne Eisen weben könne. Sein

Schiffchen sei aus Vogelwolle (d. h. Feder), er sei mit dem Kopfe aus

Böhmen, mit den Füssen von Allerwärts.

Daraus ist zuvörderst ersichtlich, dass der Beiname Tkadleček nur ein

angenommener ist, anderseits wieder, dass dieser Ludwig ein gelehrter

Mann war, wie auch sonst noch dies sein ganzes Werk beweist. Die

Höflinge des kaiserlichen Hofes pflegten aus höheren Geschlechtern zu

sein, und es ist kein Zweifel, dass auch Ludwig aus solchem Stande war.

Unter den damaligen Personen kennen wir nur eine, auf die diese Merkmale

passen und welche diesen Taufnamen führt, der zu jenen Zeiten in Böhmen

unter dem Herrenstande ungewöhnlich war, d. i. Ludwig Berka, der im

Herbste 1390 in Prag Baccalaureus wurde (Liber Dec. I. 269.).

Unter Adelheid ist vielleicht versteckt Adelheid, die Gemahlin Heinrich

Berkas von Dub und Jestřeb, die im Jahre 1405 Wittwe wurde (Arch.

č. III. 475.).

Gespräch zwischen dem Kläger und dem Unglücke. Hs. auf dem Strahov 1449.

Herausgegeben von W. Hanka. Prag 1824 in 2 Theilen. Die altdeutsche

Uebersetzung findet sich unter den ersten Drucken: _Hie nach volgend

etliche tzumale kluger vnd subtiler rede wissen, wie eyner, der was

genant der Ackerman von behem beschiltet den tode_ u. s. w. (Dobr. L. G.

158.)‹.

Kritik des Tkadleček.

Wie verschieden auch sonst die Ansichten der genannten Gelehrten unter

einander sind, so stimmen sie doch alle darin überein, dass das deutsche

Werk, betitelt ›der Ackermann aus Böhmen‹, aus dem tschechischen

›Tkadleček‹ entstanden sei. Ein Beweis findet sich nirgend, man

müsste denn die Worte Dobrovskýs (Gesch. der böhm. Spr. und Lit. S. 158)

›das Original ist also viel wortreicher‹ als solchen gelten lassen

wollen.

Eine Beeinflussung des einen Werkes durch das andere muss man jedenfalls

annehmen; das bestätigen die zahlreichen, stellenweise wortgetreuen

Uebereinstimmungen zur Genüge. Dass aber das Verhältnis der beiden

Gegenstücke zu einander nicht so sei, wie die tschechischen Gelehrten

es bisher darzustellen pflegten, sondern vielmehr umgekehrt, glaube ich

im Folgenden beweisen zu können.

Eine Entstehung des deutschen Werkes aus dem tschechischen ist einmal

aus zeitlichen Gründen unmöglich.

Im Tkadleček steht als Zeitangabe der Trennung beider Geliebten[92]

Folgendes I, 13: ›Und das (nämlich diese Trennung) geschah von uns in

dem Jahre vor der Verbrennung dieser Stadt (Gräz a. d. Elbe, d. i.

Königgrätz) etwa im dritten Monate, und dann von Erschaffung der Welt,

als man zählte fünf tausent Jahre und dann im einhundert und sieben und

sechzigsten‹.

Zu dieser Angabe schreibt Hanka in einer Anmerkung: ›Im Jahre 1339 im

Monate April brannte ganz Königgrätz ab. (Bienenberg in der Gesch. der

Stadt Gräz S. 113)‹. Auf diese offenbar höchst unsichere Annahme, da

Gräz nach Bienenberg öfter als einmal abbrannte, gründet er die

Zeitbestimmung und nimmt an, der Verfasser hätte in der ersten Hälfte

des XIV. Jh. gelebt, und zwar am Hofe der Königin Elisabeth. Unter

dieser kann offenbar nur Elisabeth, die Grätzer Königin, Gemahlin K.

Wenzel II., dann Rudolf I., Tochter Přemysls von Polen, gemeint sein.

Da aber diese schon 1336 starb, so konnte Tkadleček =nach= dem Jahre

1339 sein Werk natürlich nicht mehr an ihrem Hofe verfasst haben. Eben

diesen Angaben folgen Jungmann und Sabina.

Šembera beachtet die Zeitbestimmung in dem tschechischen Werke gar

nicht, sondern versetzt die Abfassung des Werkes in die Zeit, als

Elisabeth, Wittwe (von 1378 bis 1393) nach Karl IV., in Königgrätz

lebte. Derselben Ansicht ist J. Jireček.

Gebauer stützt sich auf eine offenbar interpolierte Stelle[93] und lässt

den Verfasser zur Zeit K. Karl IV. (1347-1378) leben. Dann aber sagt er

weiter: ›er lebte im Hofdienste (nach Jungmanns Auslegung an dem Hofe

der verwittweten Königin Elisabeth[94]: Literaturgesch. 1849. S. 32) in

Gräz an der Elbe (I. 13, 85.). Hier erfreute er sich seit einigen Jahren

(I. 13.) an der Liebe seiner Adelheid, bis sie das Unglück trennte im

Jahre seit Erschaffung der Welt 5167, in demselben Jahre, als Gräz

abbrannte und zwar den dritten Monat nach[95] diesem Feuer. Hanka

verlegt darnach die Trennung der Liebenden in das Jahr 1339, in welchem

nach Bienenberg Gräz abbrannte‹.

Nun lässt sich aber die Zeit der Trennung beider Geliebten genau und

hiemit annähernd die der Abfassung des Werkes feststellen. In O. J. von

B. (Bienenberg) Geschichte der Stadt Königgrätz, Prag 1780, S. 243

heisst es zu dem Jahre 1408: ›In einer alten Handschrift, die im

städtischen Archiv verworfen liegt, habe ich angetrofen, dass die Stadt

den 8. September ausgebrandt seie‹. Das Jahr vor der Verbrennung dieser

Stadt wäre mithin 1407. Dieses Jahr erhält man aber auch aus der zweiten

Zeitangabe seit Erschaffung der Welt; denn nach =jüdischer=

Zeitrechnung, nach welcher im Jahre 1 der christl. Aera 3760 gezählt

wurde, ergibt die Zahl 5167 seit Erschaffung der Welt das Jahr 1407 nach

Ch. G. Dazu stimmt auch noch der Umstand, dass um diese Zeit in Gräz

Hofhaltung der Königin Sophia war, wie dies aus einer Stelle, die

Bienenberg anführt, erhellt. S. 236 sagt nämlich dieser zum Jahre 1405:

›Den Tag nach St. Blasius d. i. am 3. Februar 1405 hatte der Kanzler

Magister Stephan und H. Mstidruch der Frauen Königin Unterkammerer

zwischen dem Richter Rath und der Stadt Grecz, dann dem Prokob Rebil

einen Vergleich wegen von ihme Rebil zurückgehaltenen Städtischen

Steuern, zu Stand gebracht, und die Zahlungsleistung ausgesprochen wie

folget: ... Hier erscheinet nun abermal der Königin Unterkammerer, der

Mstidruch geheissen, deme sonst nirgend gefunden, und giebet dieses eine

wiederholte Probe, dass die Königin Sophia der Zeit Frau des Orths

gewesen, weilen ihren eigenem Unterkammerer das Recht eingeraumet war,

in Grecz die Zwistigkeiten beizulegen und Urteil zu schöpfen‹.

Wie schon aus den Angaben der tschechischen Literarhistoriker deutlich

hervorgeht, befand sich Tkadleček, als er eben sein Werk verfasste,

an dem Hofe zu Königgrätz; es musste demnach damals ein Mitglied der

königlichen Familie in dieser Stadt seinen Sitz aufgeschlagen haben.

Gerade an eine verwittwete Königin Elisabeth zu denken, ist man durchaus

nicht genöthigt, da in dem ganzen tschechischen Werke dieser Name nicht

erwähnt wird. Ganz gut zu den früheren Zeitangaben aber stimmt es, wenn

man sich der begründeten Annahme anschliesst, Königin Sophia habe damals

die Stadt als Leibgeding besessen und dort residiert.

Auch die Anspielung auf historische Ereignisse der letzten Zeit, wie sie

sich in dem tschechischen Werke findet, lässt sich mit dem gefundenen

Jahre ganz gut in Einklang bringen. I, 24 heisst es nämlich: ›Schreibe

nur die Unfälle auf, die die Könige im Ungarlande von uns hatten, und es

wird kein Ende sein‹. Man kann in diesen Worten wol eine Anspielung auf

die schwierige Lage Sigmunds, der damals Ungarkönig war, erblicken.

Bekannt sind ja die fortwährenden Aufstände der ungarischen Grossen

gegen Sigmund, der sogar 1398 in Vyssegrad gefangen gehalten wurde. Es

mag auch nicht ganz ohne Absicht sein, dass der tschechische Verfasser

gerade die Ereignisse aus Ungarn hereinbezog, wo damals ein

=Lutzenburger= herrschte.

Wenn nun nach diesen untrüglichen Angaben als die Zeit der Trennung der

beiden Geliebten das Jahr 1407 anzusehen ist, so wird wol das Werk nicht

lange darnach, jedesfalls aber nach dem Brande im Jahre 1408 entstanden

sein. Der Verfasser befand sich damals etwa in seinem vierundzwanzigsten

Lebensjahre, wie sich dies aus dem Werke mit ziemlicher Bestimmtheit

festsetzen lässt,[96] so dass er 1384 oder 85 geboren sein möchte.

Hiemit fällt auch die Ansicht Jirečeks, Ludwig Tkadleček sei

niemand anderer als Ludwig Berka, der im Herbste 1390 in Prag

Baccalaureus wurde (s. oben S. 112); sie ist ebenso haltlos wie die

Vermuthung, die Heizerin Adelheid sei nur eine Maske für eine bestimmte

vornehme Dame. Nun entstand aber das deutsche Werk, wie oben gezeigt

wurde, im Jahre 1399, daher nur eine Beeinflussung des tschechischen

Werkes durch das deutsche möglich.

Für diese Annahme sprechen aber auch noch andere Gründe. Vorerst ist

nicht ohne Bedeutung ein ganz äusserer Grund, nämlich das Verhältnis der

in beiden Werken übereinstimmenden Stellen. Anfangs stehen die Texte

einander ziemlich nah, der Sinn ist meist derselbe, die Worte des einen

grösstentheils Uebersetzung des andern, nur dass in dem tschechischen

Werke schon von allem Anfange an der Text durch Wiederholungen und

gehaltlose Erweiterungen zerdehnt wird. Dies gilt besonders von C. I,

das in beiden Werken auch noch ziemlich gleichen Umfang hat. Die

folgenden Capitel beginnen ebenfalls mit denselben Worten;[97] doch ist

es eben nur der Anfang, der diese Uebereinstimmung zeigt, denn sonst

wird in dem tschechischen Werke der Raum durch Excurse der

verschiedensten Art, die meist nicht im entferntesten zu dem

eigentlichen Inhalte des Werkes passen, ausgefüllt. Und je weiter der

tschechische Verfasser in der Ausführung seines Werkes vorschreitet,

desto grösser und zahlreicher werden die Abschweifungen, desto

umfangreicher die Capitel[98]; denn durch die Arbeit selbst erlangte er

die Fertigkeit im Reden oder vielmehr Schwatzen. Und so kommt es denn,

dass er mit fünfzehn Capiteln schon sehr viel geschrieben hat, während

das deutsche Werk, bei dem Ebenmasse aller seiner Theile und der streng

an das Thema sich anschliessenden Behandlung des Stoffes, erst zur

Hälfte erschöpft ist. Der tschechische Verfasser schliesst daher

plötzlich sein Werk mit dem sechzehnten Capitel, ohne dass auch nur

einigermassen ein Schluss hergestellt wäre: das Werk ist

kein abgeschlossenes Ganze, wie dies auch Sabina in seiner

Literaturgeschichte anerkennt (s. o. S. 104), ganz im Gegensatz zum

deutschen Werke, das durch die Berufung beider streitenden Theile auf

Gott (C. XXXI und XXXII) durch die endgültige Entscheidung dieses

höchsten Richters (C. XXXIII) und das Gebet des Wittwers für das

Seelenheil seiner verstorbenen Gattin (C. XXXIV) einen würdigen

Abschluss findet.

Zu diesen äussern Beweisen kommen aber noch viel gewichtigere innere

Gründe.

In dem deutschen Werke finden wir eine Personificierung des Todes. Wie

gang und gäbe diese im Mittelalter war, hat Wackernagel in seiner

Abhandlung ›der Todtentanz‹ (Kl. Schr. I, 320) nachgewiesen. Im

tschechischen Werke aber wird das Unglück personificiert, wofür sich

sonst wol kaum Beispiele finden. Hier also finden wir Künstelei, dort

Natürlichkeit, hier das Seltene, dort das Alltägliche; und die

Entscheidung, ob wol dies aus jenem entstanden sein mag, oder das

Umgekehrte wahrscheinlicher ist, ist leicht zu fällen. In dem deutschen

Werke fordert ein Wittwer, ergriffen vom Schmerze über den Verlust

seiner geliebten Gattin, den Tod zur Rechtfertigung heraus, sie streiten

mit einander, der eine mit Worten, die der Schmerz ihm in den Mund legt,

der andere mit den überlegenen Waffen der Weisheit und Gelehrsamkeit.

Dem gegenüber aber klingt es wie eine Parodie, wenn im tschechischen

Werke ein verliebter junger Mann, ein Höfling aus vornehmen Stande, voll

Gram über die Untreue seiner Geliebten, einer Heizerin, mit den

schärfsten Worten das Unglück heraufbeschwört, damit es ihm Rechenschaft

gebe über diese ungerechte That. Der Verlassene jammert und klagt über

das Unglück in allen nur möglichen Worten der Verwünschung, die ihm aber

noch nicht zu genügen scheinen, so dass er in steten Wiederholungen des

schon Gesagten seinem Schmerze Luft macht.[99] Anderseits zeigt sich

wieder in den Worten, die dem Unglücke in den Mund gelegt werden,

unverkennbar das Streben des Verfassers, seine Gelehrsamkeit leuchten zu

lassen, die er allerdings mitunter grösser erscheinen lässt, als sie in

der That ist.[100]

Von entscheidender Beweiskraft sind aber jene Stellen in dem

tschechischen Werke, die ihren fremden Ursprung von selbst verrathen,

sei es, dass sie förmlich aus dem Contexte gerissen dastehen, oder dass

sie, auf geänderte Verhältnisse angewendet, durchweg unpassend, mitunter

sogar unsinnig erscheinen.

Eine parallele Anführung dieser Stellen aus dem tschechischen Werke

neben den entsprechenden aus dem deutschen wird dies Verhältnis klar

machen. I, 39 im tschechischen Werke heisst es im Munde des Unglücks:

›Wenn wir vom Anfange der Welt oder vom Anfange des ersten Menschen, der

aus Lehm zusammengeklebt ist, bis zu dieser Zeit nicht unsere Macht

gezeigt hätten und die Leute nicht wie ein Gärtner gepfropft, übersetzt

und andere mit der Wurzel aus ihrem Stande ausgerottet hätten, so hätte

schon einer den andern verzehrt, einer würde über den andern schalten,

wer von ihnen mehr Kraft hätte; denn keiner würde sich vor dem andern

fürchten; denn keiner würde von Demuth und von niederem Stande etwas

wissen, noch würde er erkennen können, was gut, was schlecht und was die

Mitte zwischen beiden sei; keiner würde etwas thun, keiner würde den

andern erhören. Diese alle wollten Herren sein, alles, was auf Erden,

was jemand erreicht, was er sich erworben hätte, das sollte, wie der

Mensch glaubt, ewig ihm gehören, und sollte er auf keine Weise darum

kommen oder es irgendwie verlieren können. Alle Fische verschiedener und

aller Art in der Tiefe des Meeres und in andern breiten, weiten,

wogenden Gewässern die würden schon nicht mehr ausreichen, alle kleinen

und grossen, wilden und nicht wilden Thiere des Waldes die wären schon

zu Grunde gegangen, die Vögel, die in der hohen Luft unter den Wolken

wohnen, die hätten schon nicht mehr ausgereicht‹.

Die entsprechende Stelle aus dem deutschen Werke findet sich C. VIII

(11, 5 ff.) im Munde des Todes: ›_hetten wir seit des ersten von leim

gelecket mans zeit leut auf erden, tiere unde würm in wüstung und in

wilden heiden, schuppentragender und schupfriger visch in dem wage

zuwachsung und merung nit auszgereutet: vor kleinen mucken mocht nu

niemant beleiben, vor wolfen torste niemant aus, es wurde gefressen ein

mensch das ander, ein tier das ander, ein ieglich lebendig beschaffung

die ander, wann narung wurde in gebrechen, die erde wurde in zu enge_‹.

Wie diese Stellen aus den beiden Gegenstücken sich zu einander

verhalten, ist leicht zu ersehen. Was der tschechische Verfasser in

seinem Werke selbst erfunden hat, das passt in den Zusammenhang; was

aber mit dem deutschen Texte übereinstimmt, ist höchst gezwungen und

schwer verständlich, während es im deutschen Werke einen sehr guten Sinn

gibt. ›Wäre ich‹, sagt hier der Tod, ›nicht gewesen, so würde jetzt ein

Mensch den andern, ein Thier das andere verzehren, da es überall an

Nahrung gebrechen würde‹: kann dies wol auch das Unglück von sich sagen?

Warum sollte denn da ein Mensch den andern verzehren? Ebenso schwer

verständlich sind auch die darauf folgenden Worte des Unglückes: ›Alle

Fische des Meeres, alle Thiere des Waldes, alle Vögel der Luft würden

nicht mehr ausreichen‹. Warum sollten diese nicht mehr ausreichen? etwa

wegen des Uebermuthes der Menschen? Zur Noth liesse sich dies noch

annehmen; die Erklärung ist aber gewiss gezwungen.

I, 43 im Tkadleček heisst es: ›Und wenn wir Jemandem etwas Schlimmes

gethan haben, so sage es uns; doch wir wissen, dass, wenn du in den

Büchern des Aristoteles gelesen hast, er im ersten Buche von der

Entstehung aller Dinge sagt, eines Dinges Ursprung sei des andern

Untergang oder Verderben. Und weisst du dies etwa nicht, was die ganze

Welt weiss, dass die Leute das, was sie vor einigen tausend Jahren

erspart, verwahrt und zusammengehäuft haben, alles nach sich andern

Leuten hinterlassen haben, die jetzt leben, während sie selbst davon

hinweggestorben sind, und das, was ihr jetzt aufhäufet, das werdet ihr

auch nicht mit euch nehmen, werdet es auch Jemandem zurücklassen, so

dass immer Einer von dem Andern lebt‹.

Erst wollen wir die aus Aristoteles citierte Stelle näher betrachten.

Sie findet sich in dem Werke: περὶ γενέσεως καὶ φθορᾶς l. I c. 3 §. 16

(In der Pariser Gesammtausgabe des Aristoteles Bd. II S. 439). Sie

lautet: ›καὶ ἔστιν ἡ θατέρου γένεσις ἀεὶ ἐπὶ τῶν οὐσιῶν ἄλλου φθορὰ καὶ

ἡ ἄλλου φθορὰ ἄλλου γένεσις‹.

Hier redet Aristoteles von wirklicher Vernichtung, von dem Untergange

des einen Dinges, wodurch die Entstehung des andern veranlasst wird; im

Munde des Unglückes geben mithin diese Worte gar keinen Sinn. Aber es

lässt sich erklären, wie diese Stelle hereinkam. C. XXXI (50, 14) im

Deutschen sagt der Wittwer: ›_So sprichet Plato und ander weissagen das

in allen sachen eines zurrüttung des andern berung sei und wie alle sach

auf ewer kunde sint gepauwet und wie des himels lauf aller und der erden

von einem in das ander verwandelt werden_‹.

Der Verfasser dachte da wol an Platons Phaedon C. XVI,[101] er wusste

aber auch, dass ähnliche Erklärungen vom Entstehen und Vergehen der

Dinge noch in andern Werken zu finden seien und sagt daher ›_Plato und

ander weissagen_‹; vielleicht schwebte ihm gerade die angeführte

Aristotelische Stelle vor. Dies ist um so wahrscheinlicher, als

Aristoteles selbst a. a. O. l. I C. 2, 42 den Plato erwähnt: ›Πλάτων μὲν

οὖν μόνον περὶ γενέσεως ἐσκέψατο καὶ φθορᾶς, ὅπως ὑπάρχει τοῖς πράγμασι,

καὶ περὶ γενέσεως οὐ πάσης ἀλλὰ τῆς τῶν στοιχείων‹. Nun mochte der

tschechische Verfasser diese Stelle gerade gekannt haben und führt nun,

um seine Gelehrsamkeit zeigen zu können, nicht die Worte, die im

deutschen Werke stehen, an, sondern die erste Hälfte der erwähnten

Aristotelischen Stelle gleichen Inhaltes. Noch einmal bringt er dieses

Citat I, 44, wo das Unglück sagt: ›Sieh, was für ein sonderbares Amt uns

übertragen ist. Aristoteles der hat gut, ganz gut gesagt: Eines Dinges

Ursprung ist des andern Untergang oder Verderben; denn das pflegt nicht

der Fall zu sein, dass ein Ding, wie immer es sei, wenn es zu Grunde

geht, nicht zu etwas oder zu irgend einem Dinge gut wäre‹.

Dem Verfasser scheint aber diese Stelle im Munde des Unglückes doch

nicht ganz passend zu sein, und so fügt er unmittelbar eine zweite

Stelle aus Aristoteles bei, die in höchst auffallender Weise ohne jeden

Zusammenhang dasteht. Das Unglück fährt nämlich fort: ›Und anderswo sagt

Aristoteles in seinen Büchern, dass das Glück doch immer auf zwei Füssen

laufe, und das Unglück auf einem; das Unglück jedoch mit einem Fusse so

viel durchläuft, wie das Glück auf zwei Füssen, und dass dort, wo das

Glück läuft, in der Nähe desselben das Unglück zu sein pflegt‹.

Einen eclatanten Beweis dafür, dass der tschechische Verfasser das

deutsche Werk benutzt habe, liefert folgende Stelle:

C. IX (12, 6) im Ackermann klagt der Wittwer mit den Worten ›_Tot ist

die henne, die do auszzog sollich hüner_‹ über den Verlust seines

Weibes. Dieses nennt er die Henne, die Kinder Hühner: ein gewiss sehr

passender Vergleich. Nun sehe man aber, was aus dieser Stelle im

Tkadleček geworden ist. I, 49 heisst es: ›Ich bin das einzige Junge

dieser überaus edlen Henne, bei der Brut verkühlt, aus mir wird schon

nichts mehr, entfernt aus diesem Neste ist die überaus edle,

unbezahlbare Henne, die mich zum Leben ausbrüten und zu einem ehrbaren

Küchlein mich erziehen und leiten sollte zu jedem Range weltlichen

Standes, wofür ich ihr Ehre und Lob gegeben hätte und ihr bis zu meinem

fernen Tode mit wahrer Treue und ohne alles Zögern hätte dienen und

ihren Willen vollbringen müssen‹. Das sind die Worte des verlassenen

Verliebten, er das Küchlein, seine Geliebte die Henne, die ihn zum Leben

ausbrüten sollte, ein Vergleich, der fast an das Lächerliche streift,

und trotz der gewaltsamsten unnatürlichsten Verdrehungen als fremdes

Eigenthum sich verräth. Oder wäre es etwa wahrscheinlicher, dass das

Verschrobene und Unpassende in dem Originale (wenn man das tschechische

Werk als solches annehmen wollte) gestanden wäre, woraus dann durch

blosse Uebertragung das Natürliche und Treffende geworden wäre?

I, 62 des tschechischen Werkes erhalten wir ein Beispiel, wie durch

Hereinziehung einer deutschen Stelle förmlich der Context unterbrochen

wird. Der Kläger spricht:

›Du hast das nicht erkannt, noch erkennst du es, noch sollst, noch

kannst du es erkennen, noch wird es dir jemals zu Theil, wie es mir zu

Theil geworden ist. Zwar habe ich nicht die Liebe, die für die Ehe

gehört, aber doch die wahre gute Treue und die Liebe zu ihr gehabt, die

ein treuer Liebhaber in aller Ehrbarkeit zu seiner geliebten Jungfrau

und seiner lieben Braut haben soll, ohne dass Eines das Andere an der

Ehre verletzt. Gewiss und ganz gewiss rede du oder wer immer, was

beliebt. Das ist ganz gewiss so, dass der, den Gott mit einer guten,

ehrbaren und edlen Frau oder ehrbaren Geliebten beschenkt, schon gut und

vollkommen beschenkt ist; und diese Gabe heisst eine ausgezeichnete

Gabe, die alle irdischen Gaben überwiegt, die man weder mit Gold, noch

Silber, noch Edelsteinen, noch Städten, noch Burgen, noch mit irgend

einem irdischen Dinge bezahlen kann; denn sie ist eine Gottesgabe und

von Gott stammend. Und es ist ganz würdig, dass ein mächtiger Herr mit

mächtigen Gaben beschenke, die Niemand bezahlen kann‹.

Die entsprechende deutsche Stelle ist in C. IX (12, 13 ff.): ›_Man rede,

was man wolle; wen gott mit einem reinen, schonen und zuchtigen weibe

begabet, die gabe heisset gabe vor aller irdischer auszwendiger gabe_‹.

Dass diese Worte in sehr gutem Zusammenhange stehen, kann man sich

leicht überzeugen; im tschechischen Werke aber treten die Worte ›Gewiss,

ganz gewiss rede du oder wer immer u. s. w.‹ urplötzlich ausser allem

Zusammenhange in den Text, es kehrt nämlich hiemit der tschechische

Verfasser wieder von seinen langen Excursen zu dem Originale zurück,

nimmt daraus ohne grosse Wahl eine Stelle, um daran neue Abschweifungen,

neue Betrachtungen zu knüpfen. Denn man beachte nur die unmittelbar an

die angeführte Stelle geknüpfte Fortsetzung: ›Du Unglück, erkenne es

selbst: es gibt verschiedene Gaben auf der Welt und viele Tugenden, mit

denen viele Jungfrauen und Frauen beschenkt sind, aber nicht mit allen

zugleich, denn wir sehen, dass manche Jungfrauen und Frauen mit

verschiedenen Geschenken beschenkt sind, aber immer nicht mit allen

zugleich‹.

Das Wort ›Gabe‹ ist also hier die Naht, an die die nun folgenden ganz

gehaltlosen Erweiterungen angeknüpft sind.

Aber auch die Vergleichung der in beiden Werken übereinstimmenden

Stellen liefert mit einen Beitrag zum Beweise, dass der tschechische

Verfasser das deutsche Original nachgeahmt habe. Im Ackermann heisst es:

›_wen gott mit einem reinen, schonen und zuchtigen weibe begabet_‹—im

tschechischen Werke: ›wen Gott beschenkt mit einem guten, ehrbaren und

edlen Weibe oder ehrbaren Geliebten‹. Weshalb liess denn da der

Verfasser nicht die ersten Worte: ›mit einem guten, ehrbaren und edlen

Weibe‹ aus? Er sah offenbar, dass der Besitz einer ›ehrbaren Geliebten‹

allein doch nicht so hoch gepriesen werden könne, wie er es im Folgenden

thut, zumal nicht der Besitz (oder vielmehr Nichtbesitz) einer solchen

Geliebten, wie die Adelheid unseres Tkadleček war. Da wäre es nun in

der That ein höchst merkwürdiger Zufall, wenn der deutsche Verfasser

schon das, was er bedurfte, in seinem Vorbilde gesammelt vorgefunden

hätte, wenn dieses gleichsam nur eine Vorarbeit zu einer Nachbildung

wäre.

Der Ackermann aus Böhmen · 第 10 / 13 段