Tkadleček an seine eigene Ansicht von der Liebe erinnert, die er in
irgend einem Buche niedergelegt hätte. Es scheint mithin, dass
Tkadleček vor dieser Unterredung noch irgend eine andere Schrift
verfasst, von der wir allerdings nichts Anderes wissen, als was hier
erwähnt wird. Das Unglück sagt: »Sage uns, Tkadlec, wohin ist es mit
deinem Werke und deinen Büchern gekommen, die du verfasst und
zusammengestellt hast, von der Liebe (und zwar von der Verschiedenheit
der Liebe, und du hast die Liebe in zwei Theile getheilt und sagst, dass
sie heimlich und öffentlich, innerlich und äusserlich sei,) und von
allen ihren Theilen ... darin hast du, in diesen deinen Büchern nicht
nur die Lehre niedergelegt, wie ein Liebhaber aus feindlichen Unfällen
sich ausreden soll, sondern auch noch viele andere Stücke, wovon wir
wissen, wem zu Liebe du dies ausgesagt und niedergeschrieben hast u. s.
w.... Aber, Tkadleček, weil du so klug und so viel von dieser Liebe
gesagt hast, so sage uns doch, mit welcher Liebe liebtest du diese deine
Gewisse, von der du immer schwatzest und so viele Reden machst?« Dann
begibt sich das Unglück an die Betrachtung der »Complexe« oder
»Temperamente«, von denen es ziemlich verkehrte Ansichten entwickelt.
Die Physiologie allerdings trat diesmal sehr in den Hintergrund. Die
Melancholiker wären nämlich von Allen die gröbsten und an Geist unter
allen andern Leuten auch die dümmsten und am meisten vergesslichen! Dann
verfolgt er, zwar etwas weitschweifig, aber nicht uninteressant, die
Abhandlung über die Liebe, welche endet: »Keine Liebe ist ohne schweren
Sinn und kein schwerer Sinn ohne Schmerz, und wo Schmerz, dort ist Noth,
wo Noth, dort Trauer, wo Trauer, dort Wehklagen.... Die Liebe ist nur
eine Fessel und Trauer und Leid!... So viele Beispiele haben wir dir
schon gegeben, dass du es schon gleichsam mit der Hand fühlen könntest
... wir aber müssen diese deine feindliche Rede hören, und wir können
nicht allen Hunden, wenn sie unnöthiger Weise bellen, ihren Mund
zubinden, und es kann auch nicht immer jeder Hund, der viel bellt, wie
er will, viel beissen!« ... »Wir sind ein Bote aus Gottes Hand«, sagt
dann das Unglück von sich selbst; »aller feindlichen Handlungen flinker
Vollstrecker, wir sind die biegsame Peitsche und der Stock und die Ruthe
aller Schöpfung, wir sind der Mäher aller Wiesen und Rasenplätze, der
verwelkten und jungen, mit der stumpfen und abgefeilten Sense. Unsere
Botschaft ist nicht umsonst. Wir sind die Peitsche, deren Streich heftig
geisselt, und nach dem es heftig brennt, und wir übergehen mit der Zeit
keinen!... Wir sind der Stock, der sich nie und an keinem bricht,
nicht krümmt, nicht zerknickt ... wir sind der Meister alles Handwerkes,
aller Leute.... Nicht fragen wir nach Farben: ... da entflieht vor uns
nicht die Lilie mit ihrer Schönheit und weissen Farbe, mit ihrer guten
Hoffnung, da entfaltet sich uns die rothe Rose mit ihrer Scharlachfarbe
brennender Liebe, da versteckt sich nicht vor uns weder der Klee, noch
die Wolfsmilch, noch das Immergrün, das jeder begonnenen Liebe Führer
ist. Da kann die Feldrose mit ihrer röthlichen Farbe aller Heimlichkeit
uns nicht entlaufen. Da erhebt sich die ausgedachte und gestohlene graue
Farbe, aus vielen zusammengesetzt, mit ihrem hohen Sinne nicht über uns,
da widersetzt sich uns nicht die himmelblaue Kornblume oder der Wegewart
mit seiner schlimmen Vorbedeutung, oder mit seiner Vollkommenheit u. s.
w.« So ist hier eingeführt die Bedeutung der Farben und Blumen und dem
Leser wird ihr allegorischer Sinn bekannt, wie er zu jenen Zeiten
anerkannt wurde. »Wir sind ein tiefer Schacht, ohne Luft, mit verfaulten
Säulen gestützt ... aus dem Niemand, der einmal hereinfällt, so leicht
von selbst wieder herauskommt ... und je höher ein Mensch in seiner Ehre
auf der Welt war, desto roher drücken wir ihn herunter ... was wir aber
anfangen, das vollendet der Tod!« ... Auf des Tkadleček neuerlichen
Angriff nimmt das Unglück abermals das Wort und beginnt seine Rede mit
einer Fabel.—»Der Wolf war einmal sehr schwer krank«, sagt es, »und da
er gesund werden wollte, versprach er in der Krankheit, kein Fleisch zu
essen bis zu seinem Tode. Als er heil und gesund war, konnte er sich
einst nichts zu seinem Frasse bei dem grossen Wasser erjagen und begab
sich zu einem Bache, um Fische zu suchen, und es begegnete ihm ein Esel,
der durch den Bach watete und von der Mühle einen Sack Mehl auf seinem
Rücken trug. Der Wolf sagte zu ihm: Helfe dir Gott, lieber Hausen! was
habe ich dich heute den ganzen Tag gesucht, bis ich dich getroffen habe.
Der Esel antwortet: Lieber Wolf, ich bin ein Esel, ein dummes,
dienstbares Thier und bin kein Hausen. Der Wolf antwortet: Hast du
vielleicht nicht gehört, dass der Wolf in den Wäldern, die Maus im Loche
und der Fisch gern im Wasser zu sein pflegt? Sieh, ich esse kein
Fleisch, ausser nur das, was im Wasser ist; du bist jedenfalls ein
Hausen oder ein Wels. Der Esel sagt ihm: Du irrst dich und hast dich
schlecht unterrichtet. Der Wolf sagt: Sage du diese Rede dem, der keinen
Fisch kennt, du bist immerhin Fischfleisch und ich verzehre dich; rede,
was du willst, was ich kenne, das kenne ich.... So sei du, Tkadleček,
kein Wolf und richte nicht nach deinem Vortheile.... Du thust uns, wie
einem bösen Menschen.... Wer nicht darnach trachtet, dass ein Guter ihn
liebt, der kann auch wieder keinen Guten lieben.... Viel Gutes haben wir
dir gesagt, und du widersetzest dich uns immer.... Ist es nicht besser,
dass wir dich von dieser deiner Lieben befreit haben?... Du bist auch
befreit von aller ihrer Klugheit und ihrer List, durch die du von ihr
gleichsam gebunden und ihr Gefangener warst.... Viele haben viele
Anfechtungen, aber dennoch trachten sie, dass sie frei bleiben. Du aber,
als du frei warst, hast dich freiwillig in das Gefängnis begeben, und
jetzt, da du dich befreien kannst, klagst du über das, wovon du ledig
bist. Gönne das einem Anderen und bleibe allein.... Wen gab es je, der
mehr beunruhigt wäre, als ein Liebhaber? Und wer magert jemals mehr ab
und welkt dahin durch irgend welchen Kummer und Arbeit und weltliche
Mühe und altert und geht darin auf manigfaltige Weise zu Grunde, als ein
junger, verliebter Mensch, der nicht weiss, woher die Liebe kommt, oder
was sie ist, oder was mit ihm vorgeht?.... Du klagst, Tkadleček, dass
du sie verloren hast, und klagst nicht über dich selbst, dass du
ihretwegen deinen Verstand verloren hast.... Glückliche Stunde, die dich
von ihr getrennt hat! Denn beraubt all deines Verstandes bist du
zurückgekehrt, ... du hast gesehen dein Irren, dass du der Liebe wegen
Jahre lang nicht sehen konntest. Du bist zurückgekehrt zur Freude, ...
du bist befreit von Kummer, ... leicht schläfst du, reissest dich nicht
aus dem Traume, du bist ohne Unruhe, Kummer hast du nicht. Es ist
besser, dass du sie jetzt verloren hast, als wenn der Fall eingetreten
wäre, dass du sie mit der Zeit hättest verlieren wollen und nicht
können.... Sind wir etwa Schuld daran? Haben wir dich von ihr ohne ihren
Willen oder mit demselben befreit? Wenn mit ihrem Willen—so freue dich.
Wenn sie dir treulos geworden ist, dann erinnere dich, Tkadleček, wie
viel guten und edlen Jungfrauen und Frauen du treulos geworden bist.
Daher schweig!... Du hast ja nur ein Fieber verloren, sei froh, dass du
davon befreit bist.... Die Freiheit ist nicht mit Gold zu bezahlen....
Du machst aus dir einen Thoren und Verblendeten, während du dich, je
länger, desto mehr vervollkommnen sollst.... Schweig mithin und schäme
dich! Gedenke, dass wer alte Liebe und vergangene Minne aus seinem
Herzen und Sinne nicht lassen will, der ihrer nie satt, noch von Trauer
befreit wird ... dem wird keine Speise angenehm sein, der hat schon
alles Gute und Schlimme, Gesundheit und Krankheit, Weisheit und
Unverstand, Witz und Thorheit, wovon du, Tkadleček, weisst, wie du
früher ein Buch von der Liebe verfasst hast.« Es räth ihm dann weiter,
er möchte lieber diese Liebe und Klage lassen und sich lieber auf die
Grammatik und Mathematik u. s. w., überhaupt auf Wissenschaft und Kunst
werfen. Sehr interessant sind da die Definitionen verschiedener
Wissenschaften, wie auch einige im Tkadleček angeführten Kenntnisse
überhaupt sehr wunderbarer Art sind und in die Wissenschaftslehre jener
Zeiten einen überraschenden Einblick gewähren.—»Die Philosophie ist
der Acker aller Weisheit«,—heisst es dort—»aus dem hervorgeht und
entstammt jedes Talent. Und dieses Talent theilt sich in zwei Theile, in
Weisheit angeborener Sinne, die man von Natur erkennen kann, und in die
Bereicherung vieler angeborener Sitten und Gewohnheiten« u. s. w.... Es
wird dort auch unter den Wissenschaften angeführt Geomancia, Pyromancia,
Chyromancia, Astrologia, Alchymia und eine ganze Reihe wahnwitziger
Afterwissenschaften bis »zur Kunst, deren Name ist Neroka, die mit ihren
süssen und gottesfürchtigen Gebeten, mit ihrem gewaltigen Beschwören und
verschiedenen Dingen wahres Wissen sich erwirbt« u. s. w. Das Buch
endet dann mit einer Mahnung des Unglückes, und wir erfahren nicht, ob
Tkadleček etwas darauf gibt, oder nichts und ob er sein Jammern
lässt. Diese Schrift also, die unvollendet geblieben ist, befriedigt
nicht ganz; denn nicht blos, dass keine Handlung in derselben enthalten
ist, sondern auch, dass es keine abschliessenden Gedanken am Schlusse,
noch eine Darlegung eines vollkommenen Ausganges der angeführten gibt.
Die Handlung liegt ganz im Hintergrunde, und diese Handlung ist sehr
einfach, gewöhnlich, durch Nebenumstände nicht beleuchtet. Die
Treulosigkeit der Geliebten, dass ist wahrlich ein Stoff, der alle Tage
im Leben und im Romane vorkommt, der erst irgend eine Neuheit und Reiz
erhält durch Vorführung begleitender Verhältnisse. Davon aber erfahren
wir im Tkadleček nichts. Die Gespräche bewegen sich dort fast
ausschliesslich nur auf dem Gebiete der Betrachtung, ohne
Abschweifungen. Aber der Punkt, um den sich diese Gespräche bewegen, ist
die Liebe, die Seele romanhafter Dichtung und des Romanes. Der Mangel an
Handlung und unmittelbarer Entwicklung derselben ist allerdings der
Hauptfehler dieses Werkes, der aber durch den Reichthum gehaltvoller
Reflexionen und anmuthiger Bildlichkeit reichlich aufgewogen wird. Es
zeigt sich uns gewiss in diesen Gesprächen ein genug buntes und
lebendiges Bild der Zeit, in der sie entstanden, der vorherrschenden
Meinungen in derselben, deren Vorurtheile, des Zeitgeistes und der
herschenden Sitten, was alles aus dem Privatkreise hervorgeht, aus der
einen und einzigen Hauptsituation, der freien Entwickelung, wie gerade
der Augenblick es verlangt und keineswegs aus der rein objectiven
Darstellung, worauf der Charakteristiker und Beobachter der Cultur
achtet. Für den Forscher vergangener Cultur in Böhmen wird es nöthig
sein, fleissig in dem Tkadleček nachzusehen, aus dem er gewiss
manches lernt, das er in andern gerade belehrenden Schriften von den
Sitten der Zeit des Tkadleček kaum zu lesen bekäme, auch manche
Sprichwörter findet er dort, die Tkadleček »bäuerisch« nennt, wie:
nach Geschmack Missgeschmack, nach Lachen Trauer u. a., auch schöne
Sprachformen, die wir durch fremden Einfluss schon ganz verloren haben.
Es wäre hier nicht am Platze, in alle Einzelheiten der Charakteristik
dieses Buches sich einzulassen; es lag uns nur daran, in einer kurzen
Bemerkung hinzuweisen auf die Schrift, deren Hauptgebrechen wir meist
nur der nicht gereiften Zeit zuschreiben können, deren schöne Seiten
hingegen gerade ein Verdienst des nicht gewöhnlichen Talentes des
Verfassers sind. Aber nicht blos das Talent, der Verstand und Phantasie
erregen unsere Aufmerksamkeit, sondern auch seine hohe Bildung, der
Ueberblick über die allgemeine Literatur und die bewundernswerthe
Belesenheit. Der ganze Charakter der Schrift verräth, dass Tkadleček
in der Literatur seiner Zeit ganz zu Hause war. Wunderbare Metaphern und
Hyperbeln, die er besonders in den ersten Abschnitten der Schrift
gebraucht, sind ganz eingerichtet nach der Manier, die damals an den
sogenannten Minnehöfen herschte und durch sie in die schöne Literatur
jener Zeit eingeführt wurde. Geradezu auffallend aber ist die
Bekanntschaft Tkadlečeks mit der alten griechischen und lateinischen
Literatur, des alten und neuen Testamentes und der Schriften der
Kirchenväter. Es liesse sich ein geistreiches Anecdoton von Aussprüchen
alter Weisen zusammenstellen, die in dem Buche des Tkadleček
angeführt sind, und es wäre dies eine ganz anständige Sammlung. Wir
gewinnen damit neue Beweise von der Cultur in Böhmen zur Zeit, als in
Europa ein neuer Geist erwachte, und es ist für uns um so mehr zu
beklagen, dass so wenig dichterische Denkmale in böhmischer Sprache aus
jenen Zeiten uns erhalten sind, da doch aus dem Buche des Tkadleček
ersichtlich ist, dass selbst von ihm noch eine zweite Schrift, die über
die Liebe handelt, herausgegeben wurde, von der wir allerdings nichts
anderes wissen, als was er selbst aus derselben hier anführt. Wenn aber
auch der Tkadleček den Liebhabern der Literatur, den Cultur- und
Sprachforschern ein sehr interessantes und wichtiges Buch ist, so ist es
doch nichts weniger durch übermässige Weitschweifigkeit, durch
Wiederholung ein und desselben Gedankens und weite Auseinandersetzung,
so zu sagen, Verwässerung des Planes und die schon lange todten und
begrabenen Ansichten für einen gewöhnlichen Leser, der zwar eine
belehrende, zugleich aber auch frische Unterhaltung sucht, ein nicht
eben verdauliches Buch.—Damit es ein solches werde, müsste man die
Pedanterie beseitigen und einen kurzen Auszug aus dem allzulangen Ganzen
machen, wie dies einige französische Schriftsteller z. B. J. Janin und
andere mit den alten weitschweifigen englischen Romanen, indem sie
interessante und pikante Novellen schufen. Allerdings müsste dieser
Auszug geistreicher ausgeführt sein, als die deutsche Uebersetzung des
Tkadleček und der Auszug aus demselben, der gleich unter den ersten
deutschen Drucken erschien und erneuert von Hagen herausgegeben wurde.
In Böhmen erschien der Tkadleček gar nicht im Drucke, bis erst im J.
1824 in der Ausgabe von Hanka‹.
Aus den Angaben Al. Adalbert Šemberas, die im Wesentlichen mit den schon
angeführten Daten übereinstimmen, will ich nur zwei Stellen anführen.
(›_Dějiny řeči a literatury české sepsal Alois Vojtěch
Šembera. Vydání třetí ve Vídni 1869_; d. h. Geschichte der böhm. Spr.
und Literatur von Al. Adalbert Šembera. 3. Ausgabe. Wien 1869‹.)
S. 124 sagt er: ›Tkadleček oder die Unterredung zwischen dem Kläger
und dem Unglücke über den Verlust der Geliebten. Ein originelles Werk
aus dem XIV. Jahrhunderte, verfasst in ungebundener Rede von Ludwig
zubenannt Tkadleček, der in Königgrätz lebte zur Zeit der Königin
Elisabeth, genannt der pommerischen‹; und an einer andern Stelle
ebendaselbst: ›Dieses Gespräch, das gewiss poëtischen Werth hat, wurde
schon im XV. Jahrhunderte in das Deutsche übersetzt und gedruckt mit der
Aufschrift: »Ackerman (statt: Weber) von Behem«.
Ziemlich eingehend behandelte den Gegenstand auch Dr. Gebauer a. a. O.
in der Abhandlung: ›Ludwig Tkadleček‹, aus der ich im Folgenden die
wichtigsten Angaben hervorheben will. S. 114 heisst es: ›Den Inhalt
dieses Werkes bilden die Klagen eines Verliebten über die Untreue der
Geliebten, auf die das Unglück antwortet und sich entschuldigt. Es ist
dies ein Gemisch von Gelehrsamkeit und Talent; Gelehrsamkeit zeigt sich
in den Citaten, Anspielungen und der stylistischen Form, Talent in dem
gewandten Gebrauche alles Möglichen. Der Gegenstand würde genug geeignet
gewesen sein zu einer poetischen Bearbeitung; aber unser Verfasser
wählte nach dem Geschmacke seiner Zeit lieber die dialektische
Gesprächsweise, den gelehrten Streit, deren Formen bekannt waren aus den
Schulen und man kämpft hier von beiden Seiten mit Verstandesbeweisen aus
der heil. Schrift, mit der Beweiskraft weltlicher Schriften, mit
angebornen Beweisgründen und mit verschiedenen Beispielen (II. 79.).
Seiner Zeit gefiel eine solche Lecture, uns ermüdet sie jetzt. Daher hat
auch das ganze Werk keinen dichterischen Werth und nur in sprachlicher,
rhetorischer und literarhistorischer Hinsicht kann man es beurtheilen.
Was die Sprache anbelangt, so hat sich darüber schon Dobrovský
geäussert: Vor vielen andern albernen Faseleien hätte diese Schrift der
guten originellen Ausdrücke wegen wol verdient, gedruckt zu werden
(Geschichte der B. Spr. 1818, 157), und Jungmann (Gesch. d. Literat.
1849, 32) nennt sie gleichfalls ein Buch, ausgezeichnet durch die
Frische und Gewandtheit der Sprache. Damit stimmen wir vollkommen
überein, der Verfasser war gewiss ein sehr gewandter böhmischer Stylist
und fast möchten wir ihn den Meister der altböhmischen Belletristik
nennen; nicht einmal die nachlässige und mitunter selbst unsinnige
Interpunktion Hankas verdarb den Text so, dass die Elasticität des
Styles nicht ersichtlich wäre. Aber mit alle dem wird nicht der
Hauptfehler unseres Werkes verdeckt, der geschmacklose Inhalt und die
unschöne Anlage, und wenn es trotzdem frühzeitig ins Deutsche übersetzt
wurde, so können wir uns dies nur daraus erklären, dass der damalige
Geschmack des Lesers mit Dialektik sich zufrieden stellte, wo er Poësie
hätte verlangen können‹.
Weiterhin heisst es:
›Nach diesen Angaben lebte Ludwig Tkadleček zur Zeit des guten
Kaisers Karl (I. 24), der in dieser Zeit böhmischer König war. Er war
mit dem Kopfe aus dem Böhmerlande und mit den Füssen von allerwärts (I.
10. d. h., wie das Unglück später auslegt, lebte er an verschiedenen
Orten) und lebte im Hofdienste (nach Jungmanns Auslegung an dem Hofe der
verwittweten Königin Elisabeth, Lit.-Gesch. 1849, S. 32) in Gräz an der
Elbe (I. 13. 85.). Hier erfreute er sich seit einigen Jahren (I. 13.) an
der Liebe seiner Adelheid, bis sie das Unglück trennte im Jahre seit
Erschaffung der Welt 5167, in demselben Jahre, als Gräz abbrannte und
zwar den dritten Monat nach diesem Feuer[90] (ebd.). Hanka verlegt
darnach die Trennung der Liebenden in das Jahr 1339, in welchem Jahre
nach Bienenberg Gräz abbrannte. Die Jahreszählung vom Anfange der Welt
ist entweder schlecht angegeben oder gründet sich auf eine andere
Zählung, als die war, an die man sich in Westeuropa gewöhnlich hielt.
Der Geburt nach war Tkadleček von mittlerem Stande (I. 74.), also aus
dem niederen Adel, da sich nach seiner Auslegung an einem andern Orte
(I. 23.) die Leute in drei Stände theilen: In den hohen Stand vom Kaiser
zum Grafen, in den niederen Stand, in den der Adeligen, der Edelleute,
der Ritter, Herren und Vladiken, und in den niedersten Stand, in den der
Bauer und der Bürger gezählt wird.
Tkadleček war sein Zuname. Wie er an einem andern Orte den Zunamen
seiner Geliebten in witziger Weise erklärt (I. 14.), so thut er es auch
mit seinem (I. 9.) und in dieser Interpretation gibt er sich aus als
Gelehrten und Literaten. Er sagt nämlich von sich, dass er ein Weber
gelehrten Standes sei, dass er ohne Holz, ohne Rahmen und ohne Eisen
weben könne; und an einem andern Orte (I. 12.) sagt das Unglück, dass in
diesem Schlage und diesem Weberhandwerke, zu dem sich Tkadleček
zählt, der grösste Meister Aristoteles war.
In seiner Jugend lebte er in manchen königlichen und fürstlichen Ländern
(1. 74). Liebesabenteuer erlebte er wol genug, denn das Unglück macht
ihm diesen Vorwurf: Du sprichst von ihrer (der Geliebten)
Treulosigkeit—und Tkadleček, wie viel guten und edlen Jungfrauen
und Frauen hast du dich oft treulos erwiesen! (II. 83.). Du warst auch
einer von denen, die Alles von ihrer Seite aus wie in einem
Drechselstuhle haben, aber sich selbst nicht überantworten wollten (II.
83.). Mit Adelheid traf er unzweifelhaft erst am Hofe in Gräz zusammen.
Als die Treulose ihn verliess, und er deshalb auf das Unglück klagte,
war er eben in der besten Lage und den besten Jahren (I. 92.), im
Jugendalter (ebd.). An einigen andern Stellen wird sein Alter noch
bestimmter angegeben, besonders I. 90, I. 91. und ganz besonders I. 87,
wo wir erfahren, dass er schon den Jünglingsjahren entwachsen, die bis
zu 24 Jahren reichen, dass er vor sich noch das Mannesalter habe, das
bis zu 50 Jahren reicht, ebenso das Greisenalter, und dass er sich in
der Jugend oder den jungen Jahren des Mannesalters befinde, die im
Lateinischen juventus heisse (I. 83.).
Dass die treulose Geliebte des Tkadleček Adelheid hiess, lässt sich
auch aus einem Räthsel mit dem ABC errathen (I 13.). Ihr Zuname war nun
Pernikářka[91] (I. 14.) und dieser Name wurde ihr gegeben von dem
Unglücke (oder dem Geschicke) nicht deshalb, als wäre sie eine solche,
sondern deshalb, weil sie das Wort..., wenn sie es einmal irgendwo
jemandem sagen wollte, in ihrem Sinne hin und herwälzte (d. h. wie eine
Lebzeltnerin den Teig knetet, I. 14.).
Der Geburt nach stammte sie aus mittlerem (I. 80.) oder niederem Stande;
genauer wird in dieser Hinsicht gesagt, dass sie adelig war (I. 33.),
und aus einer andern Stelle (I. 69.) erhellt, dass sie aus
Vladikengeschlechte abstamme. Ihrer Beschäftigung nach aber war sie nur
Heizerin am fürstlichen Hofe (I. 33.),—etwas Anderes kannte sie nicht,
noch hatte sie etwas Anderes gelernt, noch war sie wo anders als dort,
wo der Backofen, Ofen, Kalkofen oder Feuerherd auszubrennen oder zu
heizen war (I. 74.),—war sie etwa Hofdame deshalb, weil sie
Hofheizerin war? (I. 77.) Ausserdem gibt er ihr auch verächtliche
Namen: Backofenschürerin (I. 96., II. 13.), Küchenkehrerin (II. 13.
57.), Stubenkehrerin (II. 15.) u. dgl.
Im Folgenden geht Gebauer ein auf die Beweisführung, dass der Kläger,
der sich als Tkadleček einführt, wirklich auch der Verfasser des
vorliegenden Werkes sei, und dass er, nach einer Stelle in demselben zu
schliessen, noch ein zweites Werk von der Liebe verfasst habe.
Seite 119 fährt er dann fort: ›Von seiner reichen Schulbildung zeugt
auch der Umstand, dass er sich fast auf alle Autoren beruft, die in den
mittelalterlichen Schulen bekannt waren; so citiert er oft den _Isaias_,
_Salomon_, _Job_, _David_, _Ezechiel_, _Jeremias_, _Augustin_, _Gregor_,
_Bernhard_ u. a., aus den »Heiden« den _Cato_, _Seneca_, _Ovid_,
_Boethius_, _Virgil_, _Valerius_, _Horaz_, _Tullius_ (_Cicero_),
_Aristoteles_, _Socrates_, _Pythagoras_, _Plato_, _Diogenes_ und viele
andere. Aus sehr zahlreichen Erwähnungen sieht man dann, dass er die
altklassische Mythologie und Heroënsagen kannte (z. B. von _Jason und
Medea_ I. 11. 54. 56., von _Pyramus und Thisbe_ I, 34.), ja aus der
Anspielung auf _Veles_ und _Zmek_ zu schliessen (II. 2.), wusste er auch
etwas aus der čecho-slavischen Mythologie. Aus der biblischen
Geschichte erwähnt er _Judit_ (I. 25.), _Esther_ (I. 26.), _Samson_ (I.
28.), _Abraham_ (I. 70.), _Josias_ (II. 23.), _Josef und Pharao_ (II.
22.), _Susana_ (II. 76.), _Daniel_ (ebd.) u. a. und in der
Weltgeschichte spielt er an auf _Caesar_ (I. 24.), _Alexander_ (I. 24.
30. 42., II. 11.) und _Polykrates_ (I. 45., II. 95.) und die ungarischen
Ereignisse (I. 24.). Auch von andern Wissenschaften und mancherlei
Künsten seiner Zeit hatte er eine ziemliche Kenntnis, wie dies aus der
Darlegung erhellt, wo das Unglück behauptet, dass ein jeder sich ihm
unterwerfen müsse (II. 91.-94.).
Ausser diesen Zeugnissen von der Schulgelehrsamkeit finden wir auch in
dem Werke des Tkadleček einige Fabeln, theils ausgeführt, theils nur
angedeutet, und einige böhmische Sprichwörter und Redensarten, besonders
die Fabeln, weshalb der Affe einen verstümmelten Schweif (I. 22. 28.
32.), weshalb der Hase lange Ohren hat (I. 22. 32.), weshalb der Hund
die Katzen hasse (I. 22. 32.), von dem Wolfe, der die Gänse an dem
Pfahle liess, damit er nicht in die Grube falle, von dem Wolfe, der vor
den Leuten die Kutte anzog, damit diese ihn ehren (I. 80. 82.), von dem
Löwen, der von einer kleinen Maus aus seinem Neste vertrieben wurde (II.
44.), und von dem Wolfe, der in der Krankheit versprach zu fasten und
dann einen Esel für einen Fisch (Fastenspeise) verzehrte (II. 72.). Von
diesen Fabeln findet sich, so viel ich weiss, nur die vorletzte in dem
mittelalterlichen Aesop (z. B. in der Ausgabe Milichthalers Olm. 1584,
im I. B. Nr. 18.), die übrigen haben andern Ursprung (die dritte vom
Ende erinnert an eine Stelle des deutsch-franz. Reineke) und zwar zum
Theile gewiss heimischen tschechoslavischen Ursprung. Auf diese Weise
würde dem Verfasser Tkadleček auch das Verdienst gebühren, dass er
uns aus der alten stammeseigenen Fabelliteratur wenigstens Etwas bewahrt
hat, was an sich wirklichen Werth besitzt. Selbst die Fabel vom Wolfe,
der in einer schweren Krankheit ein Gelübde ablegte, dass, wenn er
gesund würde, er bis zu seinem Tode kein Fleisch essen wolle, und dann,
als er gesund geworden, einen Esel in einer Furth überfiel und als
Fastenspeise verzehrte, ist ein sehr wichtiges Ueberbleibsel seiner Art,
weil es sich kühnlich mit guten äsopischen Fabeln vergleichen lässt’.