von der Königinhofer Handschrift, in gebundener Rede sind glücklich
veröffentlicht. Allerdings ist das nicht zum Lesen für Jedermann, wol
aber für alle die, die ein gewichtiges Wort in der Beurtheilung der
alten und neuen böhmischen Poësie zu ihrer Zeit mitreden wollen. Nicht
umsonst sage ich auch der neuen, denn offenbar und augenscheinlich ist
der Fortschritt der Poësie in dieser kurzen Zeit, seitdem fleissige und
hoffnungsvolle Jünglinge an den Nachlässen des Geistes ihrer berühmten
Vorfahren sich ergötzend deren Geniessbarkeit und Schönheit mit Vorsicht
und Ueberlegung in ihren erfreulichen Werken zum Ausdrucke bringen.
Unser ist es! so wollen wir sprechen, und so wollen wir es zu wahren
suchen. Unser ist das, was uns Halbgelehrte nur deshalb absprechen, weil
sie selbst es in ihrem Vaterlande nicht suchen können oder wollen, indem
sie es den Russen, Polen, Kroaten und andern Blutsverwandten
zuschreiben, deren Sprache sie nicht einmal kennen. Dieses Vorurtheil
aus der Oeffentlichkeit auszurotten, erscheint mir gewiss von
Wichtigkeit, und das ist der Sporn und Hauptgrund der Ausgabe dieser
wertvollen Werke. Je mehr ihrer an das Licht wird gebracht werden
können, um so mehr vergessener, uns jetzt fehlender, gut gebildeter
Worte werden, ebenso wie Geschmeidigkeit, Anmuth und Stärke in unsere
Sprache zurückkehren und sie mit der ihnen eigenen Kraft erfrischen.
Da ich mit herzlicher Freude sehe, wie die Poësie so gedeihlich sich
erholt, so kann ich es nicht länger herausschieben, mit der alten Prosa
hervorzutreten. Ich nehme zuerst den Tkadleček, nicht deshalb, als
hätten wir keine ältern Handschriften, sondern weil er originell und
weltlichen Inhaltes ist, und er eine grosse Belesenheit in griechischen
und römischen Philosophen und Dichtern verräth. Lange schon hätte er
wegen der Frische und grossen Gewandtheit seiner Sprache verdient
gedruckt zu werden, was ihm auch, zwar nicht bei seinen Landsleuten im
Originale, wol aber in deutscher Uebersetzung unter den ersten deutschen
Drucken zu Theil wurde: _Hie nach volgend etliche tzumale kluger und
subtiler rede wissen. Wie eyner der was genant der Ackerman von behem,
dem ein schöne liebe fraw sein Gemahel gestorben was, beschicket den
tode und wie der tode im wider antwurt, vnd seczet also ye ein capitel
vmb das ander, der capitel seind XXXII vnd vahet der ackermann an also
zu klagen: Grimmer tilger aller leute Schedlicher achter aller Werlte._
Es findet sich ein Abdruck davon in der kais. Wiener Hofbibliothek in
Quart ohne Custoden und Signatur mit einem Holzschnitte.
Unser Schriftsteller Ludwig Tkadleček, so wie seine Geliebte
Adelheid, lebten in der ersten Hälfte des 14. Jahrh. als Hofleute in
Gräz an der Elbe bei der verwittweten Königin Elisabeth. Es war Adelheid
eine Schönheit ihrer Zeit, eine Zierde des königlichen Hofes, um die
Tkadleček, als sie sich mit einem andern vermählte, nicht zu
stillende Klage erhob, und so verewigte er seine Geliebte, deren
Schönheit und Tugend mit seiner Feder, die er nach seinem Namen
Weberschiffchen nannte. Der Kläger und das Unglück sind die
Hauptpersonen dieser Schrift. Handschriften sind mir nur zwei bekannt:
eine alte auf Blättern von Papier, der Trojanerkronik, dem Tristram und
Mandiwill beigebunden, befindet sich jetzt auf dem Strahove und war
einst im Besitze der Minoriten; eine neue Abschrift einer andern
Handschrift hat mir gütigst unser geehrter Dobrowský geboten. Beide habe
ich eifrig benutzt, eine aus der andern ergänzend, wobei mich in der
Anordnung Herr Anton Liška, Professor des Neuhauser Gymnasiums, sehr
thätig unterstützt hat‹.
Ueber den tschechischen Tkadleček spricht auch Jos. Dobrowský in
seiner ›_Geschichte der böhmischen Sprache und älteren Literatur
Prag 1818_‹ (in deutscher Sprache abgefasst.) S. 157. Nr. 9.:
›_Tkadleček_, der kleine Weber oder _žalobnik a nesstěstj_,[84]
ein langes Gespräch zwischen dem Kläger und dem Unglücke, in der
Handschrift _A_ ehedem bei den P. P. Minoriten, der Geschichte von Troja
beigebunden. Ich besitze auch eine neuere Abschrift nach einer andern
Handschrift. _Jat sem Tkadlecz vczenym rzadem_, so fängt das 3. Kapitel
dieses böhm. Originalwerkes an, _bez drziewce, bez ramu a bez železa
tkati vmiegi_ (für _vmjm_).[85] Sein wahrer Name sei aus 8 Buchstaben
zusammengesetzt; der erste ist der 11te des Alphabets, der 2. der 20te,
der 3te der 4te u. s. w. Nach der Enträthslung kommt nun _Luduik_ heraus
und seiner Geliebten Name _Adliczka_, mit dem Beinahmen _Pernikařka_.
Sie war auf dem fürstlichen Hofe zu Grätz an der Elbe Einheitzerin
(_topiczka_). Diese Beinahmen nimmt der Verfasser, der hier als Kläger
auftritt, in figürlicher Bedeutung, und geht zu ihrem Lobe über. Ewig
müsse er das Unglück hassen, weil es ihn von seiner Geliebten getrennt
habe. Gegen seine Anklagen sucht das Unglück sich zu vertheidigen.
Häufig werden die h. Schrift, Plato, Aristoteles, Cicero angeführt. Vor
vielen andern albernen Faseleyen hätte diese Schrift, der guten
originellen Ausdrücke wegen, wol verdient, gedruckt zu werden. Dies
geschah in Böhmen nicht, wol aber ausserhalb. Mein sel. Freund Durich
entdeckte einen alten Druck einer freyen deutschen Uebersetzung in der
k. Hofbibliothek zu Wien. Das Werk ist in 4. ohne Custos und Signatur,
mit einem Holzstiche geziert, der einen Bauer vorstellt, mit der
Ueberschrift: _Hie nach volgend_ u. s. w.[86] Dieser Anfang lautet nun
im Böhmischen: _Ach ach nastogte, Ach ach bieda, ach nasyle, Ach na tie
ukrutny a wrucy shladiteli vssech zemi, sskodlivy sskuodce vsseho swieta
smiely morderzi vssech dobrych lidij._[87] Das Original ist also viel
wortreicher. Wie und warum man in die deutsche Bearbeitung für den Weber
einen Ackersmann als Kläger aufnahm, kann ich nicht errathen‹.
Ganz dieselben Angaben über das tschechische Werk, die Hanka gegeben,
hat auch Josef Jungmann in seinem Werke: ›_Historie literatury české.
Druhé wydání. w Praze 1849_‹; d. h. Geschichte der böhmischen Literatur,
2. Aufl. Prag 1849 S. 32. N. 71 wiederholt.
Umfangreicher als die bisher erwähnten tschechischen Literarhistoriker
behandelt Karl Sabina in ›_Dějepis literatury československé staré
a střední doby od Karla Sabiny v Praze 1866_‹. D. h. Geschichte der
čechoslavischen Literatur der alten Zeit und des Mittelalters. Prag
1866. Er bespricht das vorliegende Werk an 2 Stellen.
S. 104 sagt er: ›Gewiss hat die slavische Nationalität sich besonders
dadurch (nämlich durch sittliche und geistige Stärke des Volkes)
geschützt, dass die deutsche Sprache damals nicht zugleich auch
Literatursprache in Böhmen wurde und mit ihrer äussern Macht sich
zufriedenstellte; denn die Lieder der Minnesänger fanden keinen Eingang
beim Volke, noch wurde irgend eine Gattung der Wissenschaft in deutscher
Sprache gepflegt und wir haben keine Spur von irgend einer Literatur der
in Böhmen ansässigen Deutschen, ausgenommen die Uebersetzung des
böhmischen Dalimil und des Tkadleček, nach welchen Arbeiten, wie es
scheint, die Hauptentwickelung der deutschen Literatur in Böhmen im
XIII. und XIV. Jahrh. aufhörte‹.
S. 187 ff. geht er auf den Tkadleček näher ein: ›Das Sujet der
Abhandlung war immer ein und dasselbe, nämlich die Liebe und das zarte
Verhältnis beider Geschlechter zu einander. Da wurde alles benutzt, was
sich nur in diesen Kreis einbeziehen liess, und wo schon weder Verstand
noch Einbildungskraft ausreichte, da wurde die Allegorie eingemischt
mit ihrem gewaltigen mythischen und symbolischen Apparate. Aus solchen
dialectischen Versuchen entwickelte sich sogar ein eigener Stil, eine
Art wunderbarer Beredtsamkeit von ein und derselben Sache, ja mitunter,
so zu sagen, von Nichts. Es ist uns ein Beispiel solcher Art erhalten,
ein ganz eigenes Büchlein, das man eigentlich schwer zu irgend einer
schon bestehenden Gattung der Literatur zählen kann, und das wir nur
deshalb in dem Kreis der Romane zählen, weil es eine romanhafte
Grundlage hat und der Hauptgedanke durch romanhafte Beschaffenheit sich
kennzeichnet. Dieses Büchlein ist unser böhmischer Tkadleček, bei dem
nur am meisten zu beklagen ist, dass der Verfasser sich nicht an eine
mehr objective Arbeit gewagt hat und sein hervorragendes Talent nicht
anderen Seiten zugewendet hat. Der Tkadleček ist nur eine Episode
eines Romanes, dessen Geschichte nicht niedergeschrieben wurde, sondern
gerade im Leben sich zutrug, von dem dann in dieser Schrift nur
raisonniert und Betrachtungen angestellt werden. Als originelles und
selbständiges Beispiel literarischer Production, allerdings dem
Zeitgeiste entsprechend abgefasst, aber ganz aus eigenen Kräften des
Verfassers hervorgegangen und darauf beruhend, gehört es zu den
interessantesten Erscheinungen unsrer mittelalterlichen Literatur.
Es enthält ein originelles Gespräch zwischen dem Kläger und dem Unglücke
um den Verlust der Geliebten, und lässt sich als erster uns bekannter
böhmischer Originalroman betrachten. Die Literaturgeschichte belehrt uns
nur, dass Ludwig Tkadleček und seine Geliebte Adelheid in der 1.
Hälfte des 14. Jahrhundertes am Hofe der verwittweten Königin Elisabeth
in Königgrätz lebten. Es war Adelheid eine Schönheit ihrer Zeit, und als
sie sich an einen andern verheirathete, begann Tkadleček sein nicht
zu stillendes Wehklagen, und verewigte seine Geliebte, ihre Schönheit
und Tugend mit seiner Feder, die er, seinem Namen entsprechend,
Weberschiffchen nennt. Dieses Buch ist ausgezeichnet durch die
Gewandtheit und Frische seiner Sprache. Dieses Gespräch stellt sich
eigentlich nur als Epilog eines Romanes heraus, dessen Haupthandlung in
die Vergangenheit fällt und im Hintergrunde steht; denn die Liebe des
Tkadleček und deren Geschicke erfahren wir nur aus den Klagen, die
deren unglücklicher Ausgang hervorgerufen hat, und in denen nur wie auf
eine vergangene Thatsache hingewiesen wird.
Tkadleček war unzweifelhaft ein ungeheuer verliebter Schüler! Die
Unterredung zeigt, dass er aus »gelehrtem, gebildetem Stande, von
hervorragendem Range«, und für seine Gelehrsamkeit und Verstand gibt das
Buch ein vollgültiges Zeugnis.
Inhalt und Tendenz dieses Gespräches ist folgender: Der Kläger,
Tkadleček, »klagt, jammert und ruft offen und laut über das Unglück,
schreit über dasselbe und schmäht es, und verflucht es mit manigfachen
Verwünschungen.«—Er verflucht das Unglück nicht allein seinetwegen,
sondern überhaupt, dass es viele ausgezeichnete Leute vernichtet
hat.—Das Unglück antwortet dann dem Kläger, indem es ihm zu wissen
gibt, weshalb es ihm mit einer Rede antworten will und fragt dann den
Kläger, wer er sei, und weshalb er ihm so unverschämt zurede. Es hält
ihm auch sein unmännliches Klagen vor. »Wie willst du denn mit deinem
Sinne jemanden wohin leiten, wenn du ihn selbst nicht gebrauchen
kannst!—Weshalb du lästerst, wissen wir nicht,« sagt das Unglück,
»ausser dass wir jetzt unlängst in Graz an der Elbe, in dieser umwallten
Stadt in Böhmen, mit unserer Macht und unserem Amte zwei junge Leute,
einander an Jahren fast gleich, die mit einander seit einigen Jahren gut
und ehrbar gelebt haben, getrennt und entfernt haben mit unserer Macht
und nicht blos getrennt haben, sondern wir gedenken, sie von beiden
Theilen bis zu ihrem beiderseitigen Tode nicht mehr zu vereinigen. Das
geschah vor der Verbrennung dieser Stadt etwa im dritten Monate.«[88]
Auf diese Weise wird uns bekannt der Ort und die Zeit, ja sogar schon
die ganze Begebenheit. Nach dem Anzeichen wäre dies beiläufig das Jahr
1339, im welchem im April ganz Gräz abbrannte. Der Kläger nennt sich
dann mit verstecktem Namen und bildlich, und gibt dem Unglück damit
seinen Rang und Stand an, und weshalb er es schmäht; dass er nämlich der
sei, der so unbarmherzig und so schmählich von seinem Troste getrennt
und alles weltlichen Trostes damit beraubt sei.
»Sie war es«, sagt Tkadleček, »mit der ich seit einigen Jahren lebte,
doch deucht es mir, als wäre ich mit ihr eine Stunde gewesen! Sie ist
es, die immer mit mir gewesen ist und ich mit ihr ... doch sie hat sich
von mir schon entfernt! Sie war mein Schild gegen alle weltlichen
Feinde!... Hinweg ist meines ganzen Wohles zuversichtliche
Wahrsagerin; du Unglück, du hast mich mit ihr verfeindet. Hinweg
gewendet von mir hat sie sich, sie denkt vielleicht nicht daran,
zurückzukehren, vielleicht kann sie nicht, hat sie nicht die
Absicht—will sie nicht! Allein bin ich geblieben in verwaistem Zustande
durch ein so grosses Unglück! Hinweg ist die, die zu lieben meine
Freude, mein Trost war; wenn ich mit dieser mich unterreden konnte,
verlangte ich keine andere Speise.... Hinweg ist die, bei der ein
Mensch, wenn man mit ihr hätte leben können, in Ewigkeit sich nicht
bekümmert hätte!... Hinweg ist die, die meine Jugendjahre in aller
Ehrbarkeit zur Mannbarkeit gebracht hatte, Verstand gab, den Muth
erhöhte, Kurzweil vermehrte ... Verborgen hat sich mein tägliches Licht
und hinweg begeben hat sich mein lichter Stern, nach dem ich mich mit
meinem ganzen Sinn gerichtet habe, wie der Fährmann auf dem Meere nach
dem himmlischen, umwölkten Sterne!—Hinweg ist der lichte Schein meiner
Sonne!... Schon ist sie unter den Berg gesunken, in meinen Zeiten kehrt
sie nicht wieder zu mir zurück!... Finstere Nacht hat mich in ihre
Macht genommen; wo ich gehe, da irre ich und Nebel hat mich umfangen,
schauend sehe ich nicht, ausblickend kann ich mich nicht bemerken, mich
kennend habe ich mich selbst vergessen.... Ach Unglück, du hast mir
schon meine Fahne herabgerissen, unter der ich meinen Verstand
gerichtet habe.... Verloren habe ich den Kampf, an Ehre bin ich
verringert! Wehe über den unglücklichen Tag, über die unglückliche
Stunde, über die leidvolle Weile, in der mein Diamant zerbrochen
ist!... Schon habe ich mein erstes und letztes Kleinod verloren, das
ich als Schatz in meinem ungetheilten Herzen bewahrt habe, woran ich
mich in Noth, und wann es nothwendig war, erfreute.... Hinweg ist sie,
allein bin ich geblieben, ja weniger als allein, denn ich bin ohne sie
wie ein halber Mensch—nicht mein, nicht ihr.«
Wer möchte nun—nach diesen Worten—dem Tkadleček lebendige
Einbildungskraft und entflammtes Gefühl absprechen? Klingt das nicht so,
wie wenn Abelard nach Heloise oder der modernere Werther klagen
würde?—Aber das Unglück lässt nicht lange auf Antwort warten. Man kann
sagen, dass, wie dieser ganze Roman von Allegorien überfliesst, auch das
Unglück mannigfache Aufgaben auf sich nimmt, manchmal die des schlimmen
Geschickes, manchmal des blossen Zufalles, manchmal des mahnenden und
strafenden Pflegers, manchmal endlich vertritt es die Stelle des
gesunden Verstandes. Es ist manchmal, wenn es spricht, als wenn der
überlegende Verstand der zügellosen Einbildungskraft Antwort gäbe. Es
sagt jenes selbst von sich, dass es das, was immer es gethan hat, gut
und mit Recht gethan hat, seinem Stande gemäss, und dass, was immer auf
Erden geboren wird, nicht ohne Unglück sein kann; es setzt auseinander,
dass, wenn alle Leute, die schon von Anfang der Welt auf Erden waren,
bis zu dieser Zeit ohne Unglück gewesen wären, dass alle herrschaftlich
und ohne Standesunterschied nur sich zu Willen und Belieben wohnen und
leben wollten, und dass bei solchem Laufe und Unordnung die Welt schon
zu enge wäre für den menschlichen Stolz, Hochmuth und kühnen Sinn, und
dass aus wahrem Stolze und Gewalt Einer den Andern verzehren würde!—Dem
entgegen aber soll sich der Mensch auszeichnen durch Mässigung und weise
Handlungen und thun, wie die Sonne, die der ganzen Welt leuchtet und in
sich selbst Licht ist.
Der Kläger aber auf diese Vernunftgründe nicht achtend sagt, dass es
nicht einmal möglich wäre, das Leid um die Braut fern zu halten von
sich, weil er eine so liebe, holde und edle Braut verloren hätte!—Und
er erzählt dazu von ihrer Gestalt und ihren Gewohnheiten. Sie ist »reich
an ihrer Ehre«—sagt er—»schön und fröhlich über alle ihre Gespielinnen
und Genossinnen; von ordentlichem Wuchse, anmuthiger Sprache, von liebem
Anblicke, guten Gewohnheiten, schnellem Schritte, schönem Gange,
fröhlichem und freundlichem Zureden, zarter Sprache.« »Ich bin nicht im
Stande«, sagt Tkadleček weiter, »von ihr viel zu sprechen, ich bin
nicht werth, sie zu loben, noch kann ich ihren Adel ganz beschreiben....
Ueberglückliche Welt, auf der je ein solches überaus edles Geschöpf ist.
Wer sie kennt, trennt sich ihretwegen nicht gern von der Welt.«—Und
weiter lobt dann Tkadleček auch den, der sie als sein Weib hat, und
dass der mit einem Geschenke über alle Geschenke beschenkt ist, und dass
kein anderes Geschenk auf der Welt wäre als ein gutes und vollendetes
Weib!... »Ach, du allmächtiger, gewaltiger Gott!«—ruft
Tkadleček—»was hast du mir für eine Freude gegeben und was für eine
Freude habe ich gehabt in meinem jugendlichen Herzen, als ich sie muthig
vor mir stehen sah, und ehrbar einherschreiten mit ihrem überaus
vorzüglichen Gange, ihrem schönen Wenden, ihrem sachten und ruhigen
Umblicken, ihrem lustigen Springen beim Umkehren ... gewiss ich kann
sagen, dass ich dieser guten Gewohnheiten nie satt wurde.... Freue dich,
du Mann, der du eine solche Gattin hast, ... Weisheit und ein gutes Weib
kommt nur von Gott allein!... Ach könnte ich noch vor meinem Tode ihr
liebes, anmuthiges, freundliches Wort hören, könnte ich nach Belieben
mich mit ihr ausreden, könnte ich ihr öffnen mein geheimnisvolles
trauriges und leidvolles Herz!« ...
Aber das Unglück lacht nur zu Alle dem und hält eine lange Rede von der
Ehre und Unehrbarkeit u. s. w. und endlich räth es dem Tkadleček,
weise zu sein, und wenn nicht Adelheid für ihn sei, dass er sich eine
andere, vielleicht wieder eine solche Geliebte, wie diese achtenswerthe
gewesen ist, suche. »Du hast uns früher,«—sagt das Unglück,—»gesagt,
dass du Tkadlec[89] seist, das verstehen wir; dass du mit dem Kopfe aus
dem Böhmerlande stammest, das verstehen wir auch; mit den Füssen von
Allerwärts, das verstehen wir auch, ... wohin du dich wendest, auf
welche Seite und welches Land immer, dass du dort wie zu Hause
seiest.... Auch wissen wir, dass du in manchen Königreichen und manchen
königlichen Städten gewesen bist;—aber sage uns ohne Redeschmuck und
ohne Schrift, ob du schon einen solchen Menschen gesehen, oder von ihm
gehört hast, wie du bist, Tkadleček, dessen Gutes ganz an einem
einzigen Menschen und dazu an einem so leichten Menschen gelegen sei,
wie diese deine Freude ist? Thu’ wie Thales und danke dem Glücke für die
drei grössten Geschenke, womit es dich beschenkt hat: dass du ein Mensch
bist und nicht ein Thier, so dass du weisst, was dem menschlichen
Verstande gemäss sein soll und was nicht; dann dass du ein Mann bist und
nicht ein Weib, und endlich, dass du ein literarisch Gebildeter und
nicht ein Laie und dummer Mensch bist.—Gebrauche also deinen gelehrten
Verstand. Du sagst, dass sie Hofheizerin war, du lobst ihre Ehrbarkeit
und Vollkommenheit u. s. w.« Dann gibt sich das Unglück an die
Auseinandersetzung weiblicher Tugenden und worauf sie beruhen. Es fragt,
aus welchem Grunde ein Weib ehrbar sei und ob für sich oder für einen
Anderen, und sagt, dass die Ehrbarkeit eines Weibes vierfach sei: aus
Scham, aus Ueberlegung und Anhänglichkeit, aus Gewohnheit wie bei
Hofleuten und endlich aus blosser List bei schmeichlerischen Leuten, die
sich nur so zum Lobe oder des Nutzens halber zeigen u. s. w. »Aus
welchen von diesen Ursachen war wol diese deine Heizerin vollkommen?«
ruft das Unglück weiter; »ei Literat, erinnere dich! Schüler, sei bei
Verstande! Höfling, sei nicht so dumm ... und halte das Ross deines
Verstandes am Zaume. Wir sagen dies, auf dass du die Rede lassest von
dieser Heizerin; ... du bist in den besten Jahren, ... und sie ist ja
wol nichts anderes als jeder andere gewöhnliche Mensch.... Es gibt auf
der Welt viel überaus guter und ehrenhafter, ... weit ist die Welt
weiblicher Ehre, ... deine Füsse sind überall; sei nur nicht faul zu
suchen. Solcher, wie sie, findest du, wohin du dich wendest, ... noch
vollendetere!... Vielleicht hast du selbst sie so vollkommen gemacht
durch deine Rede und deinen Verstand; ... sei fröhlich und freue dich,
dass du mit diesem Geschenke versehen, dass du der lebendige Meister
davon bist.... Mit diesem deinem Verstande und deinem Wissen wirst du
leicht eine andere gewinnen und vielleicht eine bessere, als diese deine
Heizerin gewesen ist; ... glaube nicht, dass wenn du diese deine
Heizerin, diese Backofenschürerin verloren hast, auch alle Zeit verloren
hast. Es gibt noch viele Zeiten, bevor die Welt endet; ... lass fliessen
im Wasser Eis und Schnee ... wisse, dass ein lebender Kopf einen
Hutmacher erhält.«
Aber Tkadleček hört nicht auf zu seufzen und auf das Unglück zu
schmähen; und sehr naiv sagt er von sich: »Ich bin wahrlich wie ein
kleines Kind von der Mutter getrennt ... wie ein unerwachsenes Kätzchen
von der Milch zurückgestossen! Wie ein Eselchen, das unausgebildet in
seiner Kraft vor der Zeit zur Arbeit getrieben wird, so bin ich dir,
Unglück, untergeben und in meinen jungen Jahren schon dir
überantwortet.... Leichter ist es einem Wittwer; wenn der seine Freude
verliert, so beweint er sie und weiss, dass das nicht anders sein kann,
und vergisst sie mit der Zeit. Aber wie ist es mir möglich, meine
überaus theure Heizerin zu beweinen, da sie noch lebt, noch gesund ist,
in der besten Kraft und grössten Kurzweil, zwar nicht für mich, sondern
für einen Andern!... Leute in meinen Jahren gehen von einer Freude in
die andere: aber ich stehe schon wie ein dienstbarer und dummer Esel
unter meiner Last in einem sumpfigen tiefen Thale, kann mir nicht herauf
helfen. Ich bin überall fremd, wohin ich mich wende.... Freiheit habe
ich keine, überall ist es mir eng, ich seufze und weine, ich habe nur
Gelächter von schlimmen Leuten.... Ich schweife umher, keiner zieht mich
zu sich, bald wird aus mir ein Greis.... Hohe Berge muss ich aufsuchen,
tiefe Thäler durchkriechen, in finstere Wälder, in öde, ungewohnte
Länder, zu unbekannten Leuten muss ich gehen.... Womit könntest du mir
das ersetzen, Unglück? Mit nichts Gutem bist du versehen! Nichts thust
du zur Zeit, Musse hast du nicht, nichts Gutes hast du bei dir, weder
Erbarmen noch Mitleid. Du bist wie der Falke, wie der Sperber, wie
Vögel, die vom Fange leben. Du bist wie ein Wolf, wie ein Luchs, Löwe
und Bär ... was du thust, thust du zum Schaden der Leute; ... du bist
schlimmer als der Henker, heuchlerischer als der Teufel...«. Darauf
antwortet dann das Unglück sehr witzig dem Tkadleček und erzählt ihm
von den Leiden der Menschen und legt ihm zum Schlusse die Liebe und
deren verschiedene Arten auseinander, und wie einer sich von der Liebe
befreien soll, der von ihr bemeistert ist.... »Erwäge deine Worte«,
sagt es, »die du mit deiner Zunge gar unverständig schmiedest, indem du
thust wie ein schlechter Müller, der die Mühlräder loslässt, damit sie
mahlen, er selbst aber geht fort, und achtet nicht, wie sie gehen, und
wie die Mühle mahlt.... Was klagst du, du guter, ehrbarer Tkadlec, du
weiser Schüler, du pfiffiger! Ist es nicht besser, dass wir dich von
dieser deiner Küchenkehrerin und Backofenheizerin, die durch ihre List
den Ofen mancher guter, weiser, schöner Jünglinge mit heimlicher Liebe
entzündet hat; ist es nicht besser, dass wir dich von dieser
Lebzeltnerin, dieser Stubenfegerin befreit haben, als dass du in jener
Welt ihretwegen verdammt werden sollst? Du solltest dich lieber dafür
bedanken.... Hast du etwas Widerwärtiges auf dem Herzen,—verschweige
es und bedecke dein Leid.«