Er stand am Ladenfenster eines Herrenschneiders und träumte in das
helle Glas. Weil er letzter Tage schon öfter dagestanden, indeß der
Balthasar drinnen im Laden weilte, sah er mehr nach den goldenen
Buchstaben des Schneidernamens als nach seiner Blesse.
Plötzlich schollern schwerste Räder übers Pflaster der Straße,
erschreckt sieht Dauphin um und sieht wuchtige Kanonen daherkommen,
von wuchtigen Pferden gezogen. Maskiert sind Pferde und Kanonen, mit
Schmutz beschmiert, mit Oelfarben aller Art, und die Kanoniere sitzen
oben, und ihre Köpfe hängen tief auf die Knie herab, und auch die
Gäule schreiten müde dahin. Wenn ganz einmal einer der Soldaten den
Kopf hochträgt und die Augen in die Zuschauer sinken läßt, sieht
man unendliche Traurigkeit in diesen Augen, und die Menschen, die da
stehen, gehen heim und verwinden die Tränen.
In der Ladentür steht Balthasar bei dem Schneidermeister und hat eine
dunkle Weste an, die mit weißen Reihfäden allerlustigst durchsprenkelt
ist, und über die gelblichen Hemdsärmel hängt das Metermaß.
Dauphin hat keine Ruhe mehr. Den Balthasar konnte er kaum erkennen,
wollte ihn vielleicht auch nicht recht erkennen, und als er wieder im
Laden verschwunden war, zog Dauphin sein Wägelchen an und zog es neben
einer gestutzten Abwehrkanone her, die mit vier Füchsen bespannt war.
Der Lärm der schweren Geschütze verschlang natürlich das Gekläpper des
Wägelchens vollauf, und Balthasar merkte nichts.
Als die versunkenen Kanoniere erst weit draußen vor der Stadt den
kleinen Abenteurer neben sich entdeckten, stiegen sie ab und banden ihn
kurzerhand, ohne zu beachten, wie sehr er widerstrebte, an den nächsten
Apfelbaum, der am Wege stand. Sie liefen eiligst ihrem Fuhrwerk, das
unterdessen nicht halten konnte, nach und sprangen auf, und Dauphin
flehte die, die unausgesetzt an ihm vorüberzogen, um Erbarmen an, daß
sie ihn doch seiner Fessel entledigen und mitnehmen sollten. Und weil
Soldaten sich auf die Pferdesprache manchmal recht gut verstehen, wenn
sie wollen, geschah es, daß einer sich von seinem Protzkasten schwang
und Dauphins Fessel löste und auch die Stränge des Wagens loskettete.
Just im selben Augenblick, als Dauphin ausreißen wollte in die
unsichere Freiheit des Nichtmehrganzjungen, da stand Balthasar hinter
ihm und kettete die Stränge wieder ein, drehte das kleine Fuhrwerk
stadtwärts, und Dauphin ließ den Kopf wieder hängen, denn er schämte
sich vor den großen Gäulen sehr.
In die Kaserne ging's!
„Noch ein Weilchen Geduld, feiner Herr!” sprach Balthasar zu Hause,
„die Hühnerleiter ist zwar schon herumgedreht: was unten war, ist
heute oben, aber wir müssen nicht tollkühn sein und uns noch einen Tag
gedulden können!”
Dieser Tag kam nach drei Tagen!
Balthasar trug einen neuen Anzug, einen schwarzen, steifen Hut und
einen Spazierstock mit Silberkrücke. Dauphin ward nicht eingespannt,
sondern durfte, nur mit dem Halfter bekleidet, an dem ein Lederriemen
hing, mitgehen. Sie machten Halt in einer Wirtschaft der Stadt, und
Dauphin ward in einen Stall geschoben, wo noch drei große Gäule
standen, die vor Hunger stampften.
Kaum war Balthasar in der Wirtschaft verschwunden, so kamen zwei
Burschen in den Stall, banden eilig den kleinen Dauphin los und
führten ihn durch ein Hintertürchen -- Dauphin verstand es wohl, sich
zu bücken -- davon.
Die drei Burschen liefen querfeldein und kamen nach einer Stunde auf
einem großen Platze an, wo anscheinend der ganze Zug, der gestern
durch die Stadt sich träg und ermattet hingeschlängelt, aufgelöst sich
ausbreitete.
Da gab's offenbar etwas Neues! Dauphin reckte den vom Joch befreiten
Hals mit glorreichem Schwunge in die Höhe, um nicht übersehen
zu werden, denn er war doch daran gewöhnt, geachtet und sogar
ausgezeichnet zu sein!
Kannte Dauphin nicht einen dieser dicken Kerle da? Hatte er nicht
mit einem dieser roten Hengste einst sogar Freundschaft? Er zerrte
an seiner Leine, und einer der Füchse legte seinen starken Hals über
Dauphins Mähne ... Dauphin wibberte, indeß er so in dieser Liebkosung
verharrte, am Heu eines Protzkastens, fraß nicht, hälmelte nur so und
war seit langer Zeit wieder einmal durchaus beglückt!
Bauern, die Dauphin schon oft neben müden Kühen durch die Stadt hatte
schlendern sehen, ergingen sich zwischen den abgeschirrten Pferden,
rieben die Hände aneinander und lachten sich an und guckten den starken
Gäulen in die aufgerissenen Mäuler. Dauphin hätte sich nicht so von
jedermann in den Mund gucken lassen!
Seine zwei Begleiter hatten's eilig! Ein Judenbübchen, kaum fünfzehn
Jahre alt, kam auf sie zu, klatschte Dauphin auf den Schenkel, trat
aber wieder rasch beiseite, als fürchte er sich vor den Zweien. Es
legte die eine Hand vorsichtig auf seine Mütze, die sonderbare Wülste
hatte, als verhülle sie einen verbeulten Kopf.
„Na, willst du nicht anbeißen?” fragte der eine von Dauphins
Begleitern, und der andere fügte gleich hinzu:
„Kannst ihn billig haben!”
„Der Fuchs hier,” antwortete das Judenbübchen, „kostet fünfundsiebzig
Mark!”
Es zog aus seiner tiefen Innentasche ein Pfund Butter und stülpte die
Mütze seines Kopfes und hielt in der Mütze den beiden zehn reinweiße
Eier vor die Nasen. Der Knabe sah sogleich, daß sie's zufrieden seien
und sagte, indem er ihnen seine Kostbarkeiten überreichte und die Leine
ergriff:
„Emma heißt sie doch, gelt?”
Der eine steckte die Butter in seine Innentasche, der andere kippte am
Wagenrad ein Ei auf, und beide sagten sie zugleich:
„Emma! Freilich, wie denn sonst!”
Auch der andere schlug ein Ei auf, und während der Judenknabe das
Gäulchen schon fortführte, flogen die Eierschalen um ihre Ohren, aber
sie beide achteten nicht darauf!
Sie entfernten sich weiter von der Stadt, überschritten die Brücke,
die Dauphin noch nie überschritten hatte, und kamen auf eine
Landstraße, die links und rechts mit alten Apfelbäumen bestellt war. An
einem Steinhaufen mußte Dauphin stehen bleiben, und der Knabe schwang
sich auf seinen Rücken.
Heisa! Heisa! Ein Kind auf Dauphins Rücken, draußen in der Freiheit,
unter Apfelbäumen, zwischen Aeckern und Wiesen! In leichtem Trab lief
er dahin über die Steinstraße, ledig der Siele, ledig der Stadt, ledig
des mürrischen Balthasar!
Ein Apfel hing allein auf einem Baum: der Knabe stieg ab, warf mit
einem Stecken in die Krone, der Stecken blieb hängen, der Apfel fiel,
und der Knabe gab den Apfel dem Gäulchen, das auf einmal wieder einen
Namen hatte!
„Will Emma auch ein Stück Brot?”
Jawohl, Emma will auch ein Stück Brot!
Aber Emma will auch den Knaben wieder auf ihrem starken Rücken tragen!
Am nächsten Steinhaufen blieb Emma wieder stehen, und der Knabe
schwang sich wieder bäuchlings auf den schmalen Pferderücken, und der
Pferderücken schwebte nur so dahin, einer ungewissen Zukunft entgegen!
Die große Glocke der Stadtkirche flutete hinterdrein, und als das
Gewoge nicht mehr zu hören war, verzögerte Emma den Schritt! Schweiß
stand auf ihrer Haut. Durchs nächste Dorf führte der Knabe sein
Tierchen an der Leine, und hinterm Dorf stieg er nicht wieder auf, und
der Schweiß verkroch sich wieder.
Ein Gebirge hob sich aus der Ebene auf, und in den Fichtenspitzen des
Bergkammes schwang sich ein leiser Wind. Die Sonne senkte sich gerade
in diese zart bewegte Ruhe, und der Knabe sprach und deutete:
„Siehst du, Emma, dort oben hinter diesem Buckel ist unsere Heimat!
Gehst du gerne mit? Du sollst es gut bei uns haben! Weißt, wir haben
noch richtigen Hafer! Bei uns kannst du dich richtig erholen, da wird
dein Wasserbauch verschwinden und die Faßreifen hier, und deine Backen
werden sich füllen und deine Augen: zeig mal deine Augen! Aha! das ist
eine Kleinigkeit für dich, die werden glänzen wie die Sonne am Berge
Garizim! Zu schaffen ist ja nicht viel bei uns: du gehörst übrigens
mir, und wenn sie dich einspannen wollen zu Dreckarbeiten, so werd ich
auch ein Wörtchen mitzureden haben! Es ist ja richtig: wir haben einen
Stall voll Kinder, und die Dienstboten bleiben nicht lang bei uns; aber
bist du etwa ein Dienstbote? Nein, Emma, du bist kein Dienstbote! Und
unter uns gesagt: Dienstboten sollte es fortan überhaupt nicht mehr
geben!”
Gänse ergingen sich, Schweine grunzten im Chausseegraben, eine
Dreschmaschine brummte irgendwo, und man sah sie nicht.
An all diesen Herrlichkeiten raste Emma vorüber, ohne verweilen zu
wollen, und der Weg führte, wie sie wünschte, den Berg hinan, der Sonne
entgegen! Die Sonne versank vollends, der Weg führte wieder talab, ein
Dörflein hockte unten beisammen wie eine Hühnerschar. Im Dorf stand ein
neues Haus neben der Kirche, beschattet von der Kirche: das Schulhaus
natürlich, und hundert Kinder rasten an die Gitterstäbe, als Emma kam.
Aber der Knabe hielt nicht an und eilte, ins Vaterhaus zu kommen, das
am Ende der Straße in Fachwerk leuchtete.
„Vater, Vater!” rief der Knabe in den Hof, „Hans im Glück ist
heimgekehrt! Komm rasch heraus und sieh, was ich dir bringe für die
Butter und für die Eier!”
Die Mutter erschien, schlug die Hände überm Kopf zusammen, drei kleine
Kinder wackelten herzu, vier größere rissen das Hoftor auf und warfen
ihre Schulbücher in die Ecke, und dann kam auch der Vater mit dem
Federhalter hinterm Ohr, und in das Gejubel der Kinder streckte sich
seine sonore, hastige Stimme:
„Uebermorgen, Sigmund, ist sie tausend Mark wert unter Brüdern!”
Emma stand sehr erregt da, sah sich nach allen Seiten um, musterte
besonders die Kinder und freute sich, daß nacheinander alle, und drei
auf einmal sich auf ihren Rücken setzten.
„Tausend Mark unter Brüdern,” entgegnete Sigmund, „aber Emma wird nicht
wieder verkauft! Emma gehört mir!”
„Und mir! Und mir!” krischen die Kleinsten durcheinander, und der Vater
sagte:
„Versteht sich, Sigmund, daß er dir gehört!”
„Und wenn du ihn verkaufen solltest: nicht unter tausend Mark, und
diese tausend Mark für mich auf die Kasse!”
„Versteht sich! Futtergeld abgerechnet!”
„Versteht sich!” erwiderte Sigmund und führte sein Gäulchen in den
Stall des Vaters. Ein altes, ausgemergeltes Kühlein drehte gar
freundlich den Kopf nach Emma und schien ihn nicht mehr wegwenden zu
wollen! Sigmund fing an zu putzen und striegelte Emma blitzblank. Diese
schüttelte sich einmal der ganzen Länge nach vom Halse bis zum Schweif
und schien über die Maßen beglückt zu sein.
Am nächsten Morgen wurde das Kühlein geholt, und am Abend kamen zwei
Kälber in den Stall. Emma, die den ganzen Tag über mit den Kindern und
mit allen Kindern des Dorfes auf den herbstlichen Wiesen umhergetollt
war, wie sie's seit ihrer Jugend nicht mehr getan, traf am Abend die
beiden Milchkälber neben sich und mußte sehen, wie die acht Kinder
sich eher mit diesen Neulingen beschäftigten als mit ihr. Denn die
Neulinge waren noch so jugendlich, daß sie ihre Milch nicht aus der
Schüssel trinken wollten, und daß sie also aus Flaschen mit Gumminapf
trinken mußten.
Sie blieben nur eine Nacht im Stall, die Milchkinder, wurden geholt,
und Emma war allein. Emma durfte ein Wägelchen ziehen, das kleiner und
leichter war als das Kasernenwägelchen. Zum nächsten Dorf gings, an
den Bahnhof! Ein Sack Grieß wurde aufgeladen, und diesen Sack zog Emma
heim. Es ging am selben Tag nochmals an diesen Bahnhof, und diesmal
gab's eine Kiste Zucker und ein Faß Marmelade.
Doch siehe! Ein Militärzug rauschte heran, und Sigmund stellte sich
an die Sperre, indes Emma an der Straße stehen mußte. Sogleich
waren Kinder um sie her. Aber die Kinder blieben nicht lange bei
ihr, denn die Straße her kamen etwa zwanzig Soldaten zu vieren im
Gleichschritt mit fliegenden Mänteln und pfiffen. Als sie an dem
Wägelchen vorüberschritten, löste sich einer aus dem Glied, blieb einen
Augenblick stehen und stürzte sich dann mit weitgeöffneten Armen auf
das Gäulchen und schrie:
„Riesele! Riesele!”
Die Kameraden hörten auf zu pfeifen, der Trupp verwirrte auseinander,
und der eine Soldat rief unausgesetzt:
„Freut euch mit mir, ich habe mein Riesele wiedergefunden, das verloren
war!”
Alle umstellten sie Riesele, alle grinsten vor fröhlichem Lachen, alle
legten die schweren Hände auf Rieseles Rücken! Etliche spannten schon
aus, das Kummet flog auf das Marmeladenfaß, und jetzt erst kam Sigmund
und schrie und tobte:
„Mein Gäulchen, mein Gäulchen! Tausend Mark ist es wert unter Brüdern!”
„Die Revolution hebt auch den Hilfsdienst auf, Gustav,” sagte ein
Feldwebel, „du nimmst dein Riesele mit heim, wohin es gehört!”
„Tausend Mark! Tausend Mark!” schrie Sigmund.
Gustav zog seinen Geldbeutel, leerte ihn in die Hand und zählte; er
hatte noch vierundzwanzig Mark und siebenzig Pfennige.
„Hier hast du die Barschaft eines geschlagenen Soldaten!”
Sigmund weinte heftig; Kinder kamen hinzu und viele Erwachsene, und
niemand hatte gegen das Wort des Soldaten etwas einzuwenden. Die
Soldaten aber zogen alle ihre Geldbeutel, und jeder gab dem Sigmund
noch einen Markschein, so daß dieser die Lippen vorwulstete, das Geld
einsteckte und sich getrost vor sein Wägelchen spannte und schließlich
zu schmunzeln begann.
Riesele aber zog mit. Es hatte den Handel still über sich ergehen
lassen und wohl dem alten, längst vergessenen, trauten Laute sich
hingegeben, ohne der süßen Dinge gedenken zu können, die sich an diesen
Namen hefteten. Da es ausgeschirrt wurde, mochten zudem allerlei
zukunftsfrohe Bilder das verträumte Herz beschlichen haben, das auch
ohne Künstlerschaft stets zu einem Abenteuer bereit war! Der alte
Name Riesele aber brauchte nicht lange in dem zerquälten Kinderherzen
umherzuirren, bis er sich selber wiederfand, denn die Jugend ist
alleweil der ewige Nährboden der Seele.
Der Soldatentrupp nahm Riesele in seine Mitte und schob sich weiter
die Landstraße hin. Man sang, man pfiff; einer trommelte geräuschvoll
ins Land hinein, und Riesele trappte inmitten einer Herrlichkeit, die
es noch nicht durchkostet hatte. In den Dörfern kamen Kinder, ritten
eine Strecke auf Rieseles Rücken und liefen wieder zurück. Junge
Mädchen kamen, hingen sich den Soldaten in die Arme, ließen sich küssen
und lachten und sangen mit, hell, wie Kinder singen, und ihre Stimmen
drangen Riesele ins Herz, als gehörten sie dorthin!
Keines ging, ohne Riesele gestreichelt zu haben, und viele schenkten
ihm etwas: ein Stück Zucker, einen Bissen Brot, eine Handvoll Gras, das
sie in der Eile neben an den Wiesen abrissen! Eines dieser Mädchen, das
besonders übermütig sein mochte, ließ sich sogar auf Rieseles Rücken
heben, als wär es selber noch ein Kind und ritt so eine gute Strecke
mit.
Ehrenpforten taten sich auf, da der Trupp weiter ins Land kam, schwarz
gekleidete Bürgermeister standen auf Balkonen und sprachen Gedichte von
Schiller, und Riesele nahm alles ruhig und ernst entgegen. Rote Bänder
flatterten wieder an seinen Schläfen, und der Hals reckte sich, und die
Ohren spitzten fast so hoch als die der Soldaten.
Eine alte Frau sah zum Fenster heraus, schlug, da sie die heimkehrenden
Soldaten sah, die Arme überm Kopf zusammen und schrie wild hinaus.
Indessen wurde noch an diesem Abend der Trupp kleiner und kleiner,
und als man sich zum Schlafen anschickte, waren nur noch sieben Mann
beisammen und Riesele. Sie schliefen in einem warmen Stall. Sie
schliefen auch am nächsten Abend wieder in einem warmen Stall. Am
folgenden Tag aber stiegen sie in die Eisenbahn; und nun gings rasch
dahin, rechts die Ebenen, links das Gebirge, über einen Fluß, über
Bäche, zu den zwiebeligen Kirchtürmen, und man stieg aus an einem
Bahnhöfchen, das Riesele schon einmal gesehen hatte. Etliche Soldaten
blieben zurück, zwei stiegen aus.
Nun wanderten die drei die Bergstraße hinan, wo Riesele alles schon
gesehen hatte. Das Birkenwäldchen hob sich in den blauen Himmel, die
Wiesen dehnten sich hin, und viele Kühe weideten den letzten Wuchs
ab. Am Eingang des Dorfes prangten wie überall grüne Fichtenkränze,
Tafeln mit Sprüchen, die noch im Kaiserreich geboren waren, und rote
Papierfetzen flatterten hin und her, durchzittert von bangen Hoffnungen
um die bessere Zukunft.
Ha, eben, wie Riesele den Weg links einbog nach dem Mutterhaus, ging
etwas in seiner Seele vor: es blieb stehen! Es hob langsam den Kopf, es
pendelte die Ohrenspitzen gegeneinander, es entblößte die Zähne, und
nun begann es zu rennen, daß Gustav nur mit Mühe ihm folgen konnte.
Auf den Steinstufen der hohen Treppe saß die Familie des Bauern Klaus:
er, der Bauer, Katherin, seine Frau, der rothaarige August und Trudel,
die ein großes Mädchen geworden war. Sie tranken aus weiten tönernen
Schalen ihre Abendmilch und aßen weißes Brot, das dick mit Butter
bestrichen war.
Als sie erkannten, wer da heimkehrte, liefen sie von der Treppe herab,
eine Schale zerklirrte in Scherben, und mitten auf dem Weg fielen
sich alle nacheinander um den Hals, und auch Riesele ward geherzt und
verstohlen geküßt. Als der Bauer sich überzeugt hatte, daß die beiden
Zurückgekehrten unverletzt und gesund vor ihm standen, nahm er seine
Frau an der Hand und führte die Seinen heim.