XV

Einmal aber geschah dies: Dauphin trottelte so auf dem Pflaster hin

durch den Schatten und hört plötzlich seinen wirklichen Namen rufen:

„Dauphin!”

Er reißt den Kopf hoch, -- spürt er nicht den Husarenschweif zwischen

den Ohren schwanken? --, stößt kümmerlich, aber voller Ungeduld die

Luft aus den Lippen und biegt den Kopf zurück und sieht um sich.

Wieder ruft jemand:

„Dauphin!”

Auf einem mit alten Schuhen hoch beladenen Wagen vorm offenen Tor der

„Kammer” steht ein Soldat, hält einen Stiefel in der Hand und ruft

„Dauphin”. Der Soldat lacht laut und ruft etwas, kommt aber nicht, und

Dauphin trottelt weiter, indeß Balthasar zu dem Soldaten zurückguckt

und auch weitergeht. Dauphin aber läßt den Kopf nicht mehr sinken und

reißt die Augen weit auf und strengt sich an, die Ohren hoch zu halten.

Er spürt, wie er mit dem Kopfe heftig nickt, den Husarenbusch wirklich

an die Ohren wedeln, er sieht nach den Rippen, die wie Faßreifen um

seinen Bauch liegen, und sieht ein goldbordiertes Purpurmantelettchen.

Das sieht er ganz gewiß! Und er hört die liebe Stimme seines ersten

Direktors. Dauphin bleibt plötzlich stehen. Balthasar guckt zurück, was

heißen soll: „Na los!”, aber Dauphin bleibt stehen und nickt mit dem

Kopfe heftig auf und ab.

„Los!” kreischt Balthasar neben der Zigarre heraus und klatscht in die

Hände, wartet einen Augenblick, kommt zurück, nimmt Dauphin am Zügel

und will ihn mit sich ziehen.

Aber Dauphin hebt keinen Fuß und läßt sich nicht so mir nichts dir

nichts fortzerren.

Der Soldat auf dem Schuhwagen lacht, sieben Bäume weit entfernt, und

wirft einen Stiefel nach Dauphin, der aber nicht trifft, und ruft:

„Ganz recht, Schwammbruder, das hast du nicht nötig!”

„Wer ist Dauphin?” fragt Balthasar den Soldaten neben der Zigarre

heraus und stützt die Fäuste in die Hüften, und der Soldat erzählt

allerhand von Dauphin, indeß Dauphin mit dem Kopfe nickt und auch schon

mit dem linken Vorderfuße krampfhaft scharrt.

„So, so, so!” sagt Balthasar, daß die Zigarre zwischen den Lippen

tanzt, und gibt ihm einen gelinden, freundlichen Handschlag auf den

Schenkel, worauf Dauphin anzieht und den Kopf sinken läßt und mit

seinem Spülicht zum Tor hinausgeht.

Balthasar sagt kein Wort und ist still wie immer und hat die Hände auf

dem Rücken liegen wie immer.

Am Horizonte des tierischen, vom Leide erregten Bewußtseins aber

schnitt weiterhin gleich einer Sternschnuppe die Erinnerung an große

Tage vorbei. Die Kinder vorm Kasernentor hatten Dauphins wirklichen

Namen noch nicht vernommen, und Balthasar schritt wortlos neben

Dauphins Kopfe. Niemand hatte seither Dauphin erkannt. Niemand wußte

oder ahnte, wen er da eigentlich vor sich hatte.

Im Fortnicken berührte Dauphin bisweilen, wie er sonst nie getan, mit

seinem Maule des Mannes schmutzigen Aermel; dauernd knapperte er an

seinem Zaum herum, der ihm viel zu groß war, den Gott weiß welcher

Klepper schon zerkaut hatte!

Sie hielten an einem Wirtshaus an, und Balthasar, der noch nie ein

Wirtshaus aufgesucht hatte, ließ Dauphin mit seinem Wagen in den

Schatten der Gartenbäume treten, die da in Reih und Glied, noch

ziemlich jung, aufwuchsen, und trat in das Haus.

Nebenan saßen an einem Tisch zwei Arbeiter und vesperten.

Dauphin sah in einem von innen verhängten Schaufenster sein Bild und

zog den Wagen sogleich hin, um sich näher zu betrachten.

Richtig, die Blesse! Die Blesse auf der Stirne leuchtete förmlich

aus der dunkeln Scheibe: der Kuß der Königin, die Erinnerung an den

glorreichen Tag Dauphins.

Und nun begann Dauphin sich wieder zu recken, ward größer, und

seine Haut umstraffte die Rippen, und seine Augen füllten sich wie

Königslogen in zwei erhabenen Halbkugeln mit jungem Glanz.

Er sah sich um: Es machte den Eindruck, als sähe er nach seinem ersten

Direktor oder nach der Königin. Er sah, wie Kinder am Zaune des

Biergartens gleich Soldaten exerzierten und sangen: „Wer will unter

die Soldaten”, und: „Büblein, wirst du ein Rekrut”.

Da streckte Dauphin den Kopf wagrecht von sich und wieherte durch die

breiten Nüstern und entblößte die Zähne, schüttelte den Kopf in der

Längsachse und stieß seinen Freudenschrei aus, den alle hören mußten.

Die Kinder hörten das auch, und Dauphin nickte heftig mit dem Kopfe und

scharrte mit dem linken Vorderfuß, daß alle Kinder zu ihm hinkamen.

Rasend nickte Dauphin mit dem Kopfe und scharrte dann so heftig mit dem

linken Vorderfuß, daß der Kies auf- und davonsprühte.

Die Kinder kamen auf den richtigen Gedanken und begannen mit Dauphin zu

plaudern.

„Hast du Hunger?” Dauphin nickte.

„Hast du Durst? Dann beiß in die Wurst! Kannst du Bier trinken?”

Dauphin konnte alles, jawohl ihr Kinder, warum etwa nicht?!

Ein Bübchen lief zu den vespernden Arbeitern, kletterte, so klein war

es noch, auf einen Stuhl, wischte mit den Händen in den Bierkringeln

herum, die von den Gläsern dalagen, und kam zurück. Es hielt sein

bierbefeuchtetes Händchen Dauphin an die Nase, und Dauphin, dem das

ungeheuer Spaß machte, -- es war so fröhlich wie früher im Zirkus --,

nieste dreimal hintereinander.

Hellauf lachten die Kinder.

Dauphin spürte deutlich den Husarenbusch zwischen den Ohren.

Er sah in den Spiegel, aber den Husarenbusch sah er nicht: der war ihm

abgenommen worden, den hatte man ihm soeben abgenommen!

Und etwas seitab sah er, als die Arbeiter gerade fortgingen, eine

Leiter stehen, die vor der Stalltür ziemlich steil zum Heuschober

hinaufgelegt war.

Da wußte Dauphin, was nun kommen müsse, denn hinter der Leiter sah

seine Seele auch seinen geliebten Direktor stehen: Nun müsse das große,

halsbrechende Kunststück kommen, das allen Zuschauern, -- wißt ihr's

noch, ihr lauten Kinder? --, den Atem nahm.

Er zog sein Wägelchen hin und trat mit dem linken Vorderfuß auf die

erste Sprosse der Leiter.

Da sahen die Kinder, daß das kluge Pferdchen von seinen Strängen sehr

beengt war, und sie spannten es aus.

Wie nun Dauphin frei aus den Sielen tritt, wird's ihm ganz leicht

zumute. Er hebt die Beine auf die erste und die zweite und dann das

linke Vorderbein gar auf die dritte Sprosse.

Und wie Dauphin sich gerade abdrücken will, um frei aufrecht zu stehen,

kommt der Balthasar aus dem Wirtshaus, und die Kinder zerstieben

zwischen den Bäumen hinaus auf die Straße.

Da läßt Dauphin die Beine langsam von der Leiter hinab und wird

eingespannt, und es geht in die Fabrik mit den hohen und niedrigen

Schornsteinen. Ganz fröhlich trottet Dauphin hinter Balthasar drein ...

Unterwegs sagt Balthasar wieder einmal etwas zu Dauphin! Er sagt:

„Ich weiß genau, was du willst, Zirkusmann: zur Leiter willst du

hinauf, zur Hühnerleiter! Willst über mich hinaus und schließlich auch

von oben auf mich herabkotzen! Aber ich will dir schon helfen, wenn's

auf mich ankommt!”

Als sie ins Kasernentor eingebogen waren, schritt Balthasar quer übern

Kies, der wie gefrorene Tränen dalag, auf die Kammer zu.

Dauphin stellte die Ohren, um vielleicht wieder seinen Namen rufen zu

hören, der Hals schweifte steil auf, am linken Vorderbein erzitterte

eine Muskel.

Gar nicht lange verweilte Balthasar in der Kammer; der Feldwebel kommt

mit ihm heraus, und trägt in der Hand eine Peitsche, die anscheinend

für schwere Artillerie bestimmt ist, gibt sie Balthasar, und sie treten

zu Dauphin her.

„Wie ist er sonst im Dienst?” fragt der Feldwebel, und Balthasar

entgegnet:

„Zirkus, Zirkus! Der Zirkus steckt ihm noch im Kopf!”

Jedoch der Feldwebel nimmt dem Alten die Peitsche wieder ab, schlägt

ihm leichthin auf die Achsel und sagt:

„Wenn's sonst nichts ist: uns allen steckt der Zirkus noch im Kopf,

Balzer, los, vertragt euch miteinander! Wir haben halt allerhand

Kostgänger!”

Sie vertrugen sich noch über zwei Jahre!

Ewig dasselbe spielte sich in Dauphins Umgebung ab: Menschen kamen,

wurden entmenscht, für den Tod uniformiert, mit dem Tode vielgestaltig

ausgestattet, gingen hell bekränzt irgendwohin, den Tod bringen, kamen

nicht mehr oder kamen, vom Tode gestreift und gezeichnet, wieder

zurück. Menschen fluchten ihres Daseins, wenn sie knirschend auf dem

Angesichte lagen und den Kies zwischen den Zähnen zerbissen, um sich

vor dem Zuchthaus zu bewahren. Männer fielen und schnellten wieder auf

wie an Schnüren aufgereiht, und das Kommando schwirrte über sie her wie

Säbelstreiche. Frauen und Kinder standen außen hinter dem Gitter und

sahen zu und weinten ob der Erniedrigung. Wenn Dauphin Kinder weinen

sah, ließ er den Hals noch tiefer sinken, so daß das weite Kummet fast

herabgleitete auf das Tränental. Schaum troff hernieder aus seinem

hungrigen Maul.

Ein Frühling kam, und die Kinder sangen nicht und spielten nicht

Ringelreihen auf den Plätzen! Die Vögel sangen in den Büschen, aber

die Platzpatronen auf den Schießständen verschlangen den Vogelruf! Die

Blumen blühten an den Rainen, aber die jungen Mädchen kamen nicht,

sie zu pflücken! Die Fleischfuhren wurden leichter, die Spülichtfuhren

schwerer. Der Gesang der Glocken verstummte, und nur ein jämmerliches

Gestammel blieb übrig! Keine Fahne flog mehr über die Dächer, und

die Straßen füllten sich mit Krüppeln. Die Schreie erregter Generale

tobten um die Stadt, und in allen Häusern weinten Frauen und Kinder!

Leichenzüge schlängelten sich in den winkeligen Straßen. Aus den

Spülichtfässern zog Balthasar Brotreste und Knochen und aß daran.

Ein Sommer kam, und die Leichenzüge begegneten sich an den Portalen der

Friedhöfe! Hauptleute schrien Siege aus, aber die Soldaten stimmten

nicht mit ein und wandten die Augen zu Boden! Immer noch lagen Männer

mit grauen Bärten vor jugendlichen Gecken im Staub und bissen an den

Kieseln des Jammertales! Der Sommer kam, und die Ernte blieb im Regen

sitzen, weil die Frauen zermürbt waren von der schrecklichen Arbeit

und weil die Kühe müde waren von der schrecklichen Arbeit! Eine Kuh

schlappte, wo früher zwei Pferde galoppierten.

Ein Herbst kam, und Soldaten wurden korporalschaftsweise in das

vergitterte Haus geführt, weil sie zu Hause ihre Ernte einbringen

wollten anstatt tagelang zu üben, wie man den Herrn Leutnant grüßt!

Kinder stürmten ans Rathaus der Stadt und schrien um Brot. Da Soldaten

Maschinengewehre herbeibrachten statt Brot, liefen die Kinder wieder

heim. Unheimlich mehrten sich die Verstümmelten! Die Soldaten standen

beisammen und redeten leise. Balthasar blieb bei ihnen stehen; sie

hefteten ihm ihre eisernen Kreuze an! Balthasar ließ sich's gefallen,

und als er auf der Brust keinen Platz mehr hatte und auf dem Rücken

auch nicht, da zog er Dauphin in die Schar der Soldaten, und sie

banden Dauphin ein eisernes Kreuz über die Stirn, daß es gerade in die

weiße Blesse hing.

Ein Offizier geht vorüber, sieht genau, was da geschieht, schwenkt

seitab und nestelt die klingenden Ehrenzeichen von seiner wattierten

Brust. Und sogleich rennen bewaffnete Kameraden herzu, umstellen die

Schar und führen sie samt Balthasar ins vergitterte Haus.

Dem kleinen Dauphin reißt man das Kreuz von der Stirn, tritt ihn in

die Seiten und stößt ihn gegen die Mitte des Hofes, wo er hinstürzt in

den scharfen Kies. Er erhebt sich wieder von selbst, Blut sickert aus

seinen Knien, er trottelt seinem Stalle zu und zieht das Wägelchen an

einem Strang hinter sich her. Ein anderer Balthasar kommt zu ihm an

den Stall, ein junger, starker Kerl, der statt des rechten Auges eine

eingefältelte Narbe in der Höhle hat.

Er trägt Balthasars Mütze: er raucht Zigaretten, er fängt gleich am

ersten Tage an, Dauphin zu striegeln, putzt die Krippe aus und mistet

und schmiert Dauphins Hufe mit Schmalz, das er aus der Küche der

Offiziere brachte. Die Herren Feldwebel beginnen auf einmal Dauphin zu

kennen, streicheln sein reinliches Fell, rufen ihn Maxel und lassen

ihre Kinder auf ihm reiten. Selbst Offiziere kommen im Stall zu Dauphin

her; wenn sie mit dem neuen Herrn irgend etwas Wichtiges geredet haben,

ziehen sie ihre Handschuhe an und tätscheln seine festlich sauberen

Backen und tätscheln auch ohne Handschuhe. Etliche sagen zu dem

einäugigen Herrn „Du” und stecken ihre Zigaretten an der seinen an.

Da zieht Dauphin eines Tages sein Wägelchen übern Hof, und tausende von

Soldaten haben sich hier versammelt, wirr durcheinander, hochgerüstet,

und auf den Dächern steigen rote Fahnen in die Höhe, die Soldaten

stürmen aufs Wägelchen zu, reißen rote Bänder heraus, rote Fetzen,

schwingen sie und stecken sich kleine Rosetten in die Knopflöcher.

Dauphin wird vielfach rot bewimpelt, und ein Rosettchen baumelt in der

Blesse und in den Zöpfen der glänzenden Mähne.

Tische werden aufgestellt, auf die Tische wird ein Tisch geschoben, und

der Einäugige steigt hinauf und beginnt mit weithin schallender Stimme,

daß zwischen den Mauern ein Echo wach wird, seine Rede zu halten.

Als er sagte, der deutsche Kronprinz müsse einem süddeutschen Schuster

in Erziehung gegeben werden, da löste sich ein Soldat, der schon oft zu

Dauphin hergesehen hatte, aus seiner Umgebung und kam zu ihm. Er legte

den Arm um den festlich geschmückten Hals des Tieres und flüsterte ihm

in die gespitzten Ohren:

„Dauphin, Dauphin! Ist's das Mißgeschick aller Dauphins, daß sie

zu Schustern in die Lehre kommen müssen? Auch du bist nach deiner

Glanzzeit in rauhe Wirklichkeit verstoßen worden, aber du hast keine

Schuld an deinem Geschick!”

Hände wurden gen Himmel ausgestreckt, Schreie wuchsen wie Bergzüge

hinan, vereinzelt krachten Schüsse gegen die kalten Wolken. Ein Wind

hub an; manche Sätze des Redners waren unverstehbar, manche deutlich zu

hören:

„Als das Bübchen vierzehn Jahre alt war, versprach ihm sein

kaiserlicher Papa: wenn du dereinst wirst dreißig sein, darfst du

an der Spitze meiner Truppen ~au milieu de mes troupes~ in Paris

einziehen!”

„Hörst du's, Dauphin? Denkst du an den Kuß der Königin, wie auch du an

der Spitze unserer, ach, so fröhlichmachenden Truppe durch die Arena

triumphiertest? Keine Menschen mußten unsertwegen sterben, und manche

vergrämte Seele hat sich an uns wieder gesund gefreut! Weißt du's

noch, Dauphin?”

Dauphin stand entzückt da, und der Geist, der aus den Soldaten

aufbegehrte, riß den seinen mit sich fort. Er streckte den Kopf

hochauf, er entblößte die Zähne, er scharrte mit dem linken Vorderfuß,

und die Kiesel schwirrten den Soldaten, die um ihn standen, ins

Gesicht. Sie wußten, daß das Gäulchen sich nicht gut anders freuen

konnte und ertrugen die Kiesel, und einer reichte ihm ein Stück Zucker

hin. Dauphin schüttelte plötzlich den Kopf und nickte mit dem Kopfe,

und der Soldat, der ihn vom Zirkus her kannte, besänftigte seine

Freude, indem er ihm sachte über die Blesse strich.

„Auf Vater und Mutter schießen!” schrie der Redner und wiederholte:

„Auf Vater und Mutter schießen!”

„Auf Vater und Mutter schießen!” tobte die ganze Versammlung, und

Dauphin, in dessen Herz unter allerlei Unrat noch mehr Natur lebte

als in vielen Menschenherzen, stellte sich plötzlich, als sei dieses

verruchte Wort der Weckruf seiner tiefsten Erlebnisse, all seiner

Freuden, all seiner Schmerzen, auf die Hinterbeine und stieß einen

klagenden Laut zum Himmel.

„Das unvernünftige Tier,” rief der Redner, „seht, seht, es bäumt sich

auf angesichts solcher Schändlichkeiten! Die Natur, die Natur bricht

über jene herein, weil wir selber jene Unnatur nicht gerichtet haben!

Und nun werden wir, weil wir's nicht getan haben, mitgerichtet werden!

Seht dem Junker, der uns peitschte, hier in Berlin, in Straßburg, in

Köln, in Regensburg und in Stuttgart, seht ihm in die Augen! Was seht

ihr da? ... Das Tier!!”

„Das Tier!!” krischen die Mannschaften, und das Echo wollte nicht enden.

„Nein!” begann der Redner wieder, „nicht das Tier! Nicht das Tier!”

„Den Teufel” schrie einer. „Den Teufel!” erwiderten etliche.

„Ja, den Teufel! Den Bösen! Das Böse! Den Feind des Guten! Den Feind

der Menschheit, den Feind alles Menschlichen! Sie kommen mit dem

Mordgewehr zur Taufe! Mit vierzehn Jahren stehen sie als Leutnant

auf dem Kasernenhof, den sie zeitlebens nicht mehr verlassen!

Menschen dressieren, Menschen schikanieren, drangsalieren, von

Kasernengeneration zu Kasernengeneration! Die Peitsche, die Peitsche

über das deutsche Volk! Sie wollen Frankreich vernichten, England

an Zeppelinen verankern, lichten und im Ozean draußen niederlassen!

Kaiser, Könige, Fürsten aller Schattierungen ließen sich von ihnen

und von ihren Hohenzollern ihren Glanz und ihre Macht garantieren und

verschrieben sich und ihre Landeskinder ihrem Blutwahn! Hohen Zoll

zahlten wir ihnen und ihren Hohenzollern! Ihre Namen kann man nicht

aussprechen, man zerbricht sich die Zunge! Die meisten endigen auf ow!

O W! O weh!! rufe ich aus, o weh!! gutes deutsches Volk! Herrliches

Volk des Gemüts, des Herzens, armes, zerschundenes Volk, gekreuzigtes

Volk! Und doch wieder: Törichtes Volk! Dummes Volk! Was gingst du nur

zu gern in ihre Schützengräben! Der dich so gleich hineinjagte, hat

von jeher das Wort verachtet! Diese Diplomaten -- das ist ein echtes

Hohenzollernwort -- verdarben uns den Braten! Uns, uns, Männern des

Schwertes! Was ließest du dich so leicht betören!”

Der Einäugige hielt inne und fuhr dann fort:

„Aber Revolution ist Tat!: Auf! Auf, zur Revolution!”

Er riß sein Seitengewehr heraus, schwang es in die Luft, deutete nach

der Fahne, die auf dem Hauptgebäude flatterte, und schrie:

„Schwarz, weiß, rot! Was daran junkerisch ist, schwarz und weiß,

das reißt ab! Was übrig bleibt, sei unsere Fahne: Das Rot der wahren

Freiheit ... Versteht mich nicht falsch: Das Rot der befreiten

Menschenliebe, die Farbe unseres Blutes, des Lebens, des heiligen

Geistes, der in Flammen über uns kommen möge! Auf zur Tat! Auf zur

befreienden Tat!”

Der Einäugige sprang von dem Tisch herab, und nun folgten ihm alle zum

Tor hinaus, und auch Dauphin lief mit.

Am Kasernentor aber sieht Dauphin Balthasar, und Balthasar zieht das

Gäulchen aus dem begeisterten Soldatenknäul und nimmt es wieder zurück

in seinen neuen Alltag.

Jedoch dieser neue Alltag blieb wie der alte. Was ging Balthasar die

Revolution an? Kehricht, Spülicht, ab und zu ein duftendes Pfuhl!

Mit Fleisch versehen, mag sich, wer will! Ganze Länder gibt's, die

sich nicht wollen revolutionieren lassen: was braucht Balthasar eine

Revolution?

Dauphin aber, dem die Revolution also nicht bessere Zeiten zu bringen

schien, hatte unverhofft Glück!

Riesele: Geschichte eines kleinen Pferdes · 第 19 / 31 题