Einmal aber geschah dies: Dauphin trottelte so auf dem Pflaster hin
durch den Schatten und hört plötzlich seinen wirklichen Namen rufen:
„Dauphin!”
Er reißt den Kopf hoch, -- spürt er nicht den Husarenschweif zwischen
den Ohren schwanken? --, stößt kümmerlich, aber voller Ungeduld die
Luft aus den Lippen und biegt den Kopf zurück und sieht um sich.
Wieder ruft jemand:
„Dauphin!”
Auf einem mit alten Schuhen hoch beladenen Wagen vorm offenen Tor der
„Kammer” steht ein Soldat, hält einen Stiefel in der Hand und ruft
„Dauphin”. Der Soldat lacht laut und ruft etwas, kommt aber nicht, und
Dauphin trottelt weiter, indeß Balthasar zu dem Soldaten zurückguckt
und auch weitergeht. Dauphin aber läßt den Kopf nicht mehr sinken und
reißt die Augen weit auf und strengt sich an, die Ohren hoch zu halten.
Er spürt, wie er mit dem Kopfe heftig nickt, den Husarenbusch wirklich
an die Ohren wedeln, er sieht nach den Rippen, die wie Faßreifen um
seinen Bauch liegen, und sieht ein goldbordiertes Purpurmantelettchen.
Das sieht er ganz gewiß! Und er hört die liebe Stimme seines ersten
Direktors. Dauphin bleibt plötzlich stehen. Balthasar guckt zurück, was
heißen soll: „Na los!”, aber Dauphin bleibt stehen und nickt mit dem
Kopfe heftig auf und ab.
„Los!” kreischt Balthasar neben der Zigarre heraus und klatscht in die
Hände, wartet einen Augenblick, kommt zurück, nimmt Dauphin am Zügel
und will ihn mit sich ziehen.
Aber Dauphin hebt keinen Fuß und läßt sich nicht so mir nichts dir
nichts fortzerren.
Der Soldat auf dem Schuhwagen lacht, sieben Bäume weit entfernt, und
wirft einen Stiefel nach Dauphin, der aber nicht trifft, und ruft:
„Ganz recht, Schwammbruder, das hast du nicht nötig!”
„Wer ist Dauphin?” fragt Balthasar den Soldaten neben der Zigarre
heraus und stützt die Fäuste in die Hüften, und der Soldat erzählt
allerhand von Dauphin, indeß Dauphin mit dem Kopfe nickt und auch schon
mit dem linken Vorderfuße krampfhaft scharrt.
„So, so, so!” sagt Balthasar, daß die Zigarre zwischen den Lippen
tanzt, und gibt ihm einen gelinden, freundlichen Handschlag auf den
Schenkel, worauf Dauphin anzieht und den Kopf sinken läßt und mit
seinem Spülicht zum Tor hinausgeht.
Balthasar sagt kein Wort und ist still wie immer und hat die Hände auf
dem Rücken liegen wie immer.
Am Horizonte des tierischen, vom Leide erregten Bewußtseins aber
schnitt weiterhin gleich einer Sternschnuppe die Erinnerung an große
Tage vorbei. Die Kinder vorm Kasernentor hatten Dauphins wirklichen
Namen noch nicht vernommen, und Balthasar schritt wortlos neben
Dauphins Kopfe. Niemand hatte seither Dauphin erkannt. Niemand wußte
oder ahnte, wen er da eigentlich vor sich hatte.
Im Fortnicken berührte Dauphin bisweilen, wie er sonst nie getan, mit
seinem Maule des Mannes schmutzigen Aermel; dauernd knapperte er an
seinem Zaum herum, der ihm viel zu groß war, den Gott weiß welcher
Klepper schon zerkaut hatte!
Sie hielten an einem Wirtshaus an, und Balthasar, der noch nie ein
Wirtshaus aufgesucht hatte, ließ Dauphin mit seinem Wagen in den
Schatten der Gartenbäume treten, die da in Reih und Glied, noch
ziemlich jung, aufwuchsen, und trat in das Haus.
Nebenan saßen an einem Tisch zwei Arbeiter und vesperten.
Dauphin sah in einem von innen verhängten Schaufenster sein Bild und
zog den Wagen sogleich hin, um sich näher zu betrachten.
Richtig, die Blesse! Die Blesse auf der Stirne leuchtete förmlich
aus der dunkeln Scheibe: der Kuß der Königin, die Erinnerung an den
glorreichen Tag Dauphins.
Und nun begann Dauphin sich wieder zu recken, ward größer, und
seine Haut umstraffte die Rippen, und seine Augen füllten sich wie
Königslogen in zwei erhabenen Halbkugeln mit jungem Glanz.
Er sah sich um: Es machte den Eindruck, als sähe er nach seinem ersten
Direktor oder nach der Königin. Er sah, wie Kinder am Zaune des
Biergartens gleich Soldaten exerzierten und sangen: „Wer will unter
die Soldaten”, und: „Büblein, wirst du ein Rekrut”.
Da streckte Dauphin den Kopf wagrecht von sich und wieherte durch die
breiten Nüstern und entblößte die Zähne, schüttelte den Kopf in der
Längsachse und stieß seinen Freudenschrei aus, den alle hören mußten.
Die Kinder hörten das auch, und Dauphin nickte heftig mit dem Kopfe und
scharrte mit dem linken Vorderfuß, daß alle Kinder zu ihm hinkamen.
Rasend nickte Dauphin mit dem Kopfe und scharrte dann so heftig mit dem
linken Vorderfuß, daß der Kies auf- und davonsprühte.
Die Kinder kamen auf den richtigen Gedanken und begannen mit Dauphin zu
plaudern.
„Hast du Hunger?” Dauphin nickte.
„Hast du Durst? Dann beiß in die Wurst! Kannst du Bier trinken?”
Dauphin konnte alles, jawohl ihr Kinder, warum etwa nicht?!
Ein Bübchen lief zu den vespernden Arbeitern, kletterte, so klein war
es noch, auf einen Stuhl, wischte mit den Händen in den Bierkringeln
herum, die von den Gläsern dalagen, und kam zurück. Es hielt sein
bierbefeuchtetes Händchen Dauphin an die Nase, und Dauphin, dem das
ungeheuer Spaß machte, -- es war so fröhlich wie früher im Zirkus --,
nieste dreimal hintereinander.
Hellauf lachten die Kinder.
Dauphin spürte deutlich den Husarenbusch zwischen den Ohren.
Er sah in den Spiegel, aber den Husarenbusch sah er nicht: der war ihm
abgenommen worden, den hatte man ihm soeben abgenommen!
Und etwas seitab sah er, als die Arbeiter gerade fortgingen, eine
Leiter stehen, die vor der Stalltür ziemlich steil zum Heuschober
hinaufgelegt war.
Da wußte Dauphin, was nun kommen müsse, denn hinter der Leiter sah
seine Seele auch seinen geliebten Direktor stehen: Nun müsse das große,
halsbrechende Kunststück kommen, das allen Zuschauern, -- wißt ihr's
noch, ihr lauten Kinder? --, den Atem nahm.
Er zog sein Wägelchen hin und trat mit dem linken Vorderfuß auf die
erste Sprosse der Leiter.
Da sahen die Kinder, daß das kluge Pferdchen von seinen Strängen sehr
beengt war, und sie spannten es aus.
Wie nun Dauphin frei aus den Sielen tritt, wird's ihm ganz leicht
zumute. Er hebt die Beine auf die erste und die zweite und dann das
linke Vorderbein gar auf die dritte Sprosse.
Und wie Dauphin sich gerade abdrücken will, um frei aufrecht zu stehen,
kommt der Balthasar aus dem Wirtshaus, und die Kinder zerstieben
zwischen den Bäumen hinaus auf die Straße.
Da läßt Dauphin die Beine langsam von der Leiter hinab und wird
eingespannt, und es geht in die Fabrik mit den hohen und niedrigen
Schornsteinen. Ganz fröhlich trottet Dauphin hinter Balthasar drein ...
Unterwegs sagt Balthasar wieder einmal etwas zu Dauphin! Er sagt:
„Ich weiß genau, was du willst, Zirkusmann: zur Leiter willst du
hinauf, zur Hühnerleiter! Willst über mich hinaus und schließlich auch
von oben auf mich herabkotzen! Aber ich will dir schon helfen, wenn's
auf mich ankommt!”
Als sie ins Kasernentor eingebogen waren, schritt Balthasar quer übern
Kies, der wie gefrorene Tränen dalag, auf die Kammer zu.
Dauphin stellte die Ohren, um vielleicht wieder seinen Namen rufen zu
hören, der Hals schweifte steil auf, am linken Vorderbein erzitterte
eine Muskel.
Gar nicht lange verweilte Balthasar in der Kammer; der Feldwebel kommt
mit ihm heraus, und trägt in der Hand eine Peitsche, die anscheinend
für schwere Artillerie bestimmt ist, gibt sie Balthasar, und sie treten
zu Dauphin her.
„Wie ist er sonst im Dienst?” fragt der Feldwebel, und Balthasar
entgegnet:
„Zirkus, Zirkus! Der Zirkus steckt ihm noch im Kopf!”
Jedoch der Feldwebel nimmt dem Alten die Peitsche wieder ab, schlägt
ihm leichthin auf die Achsel und sagt:
„Wenn's sonst nichts ist: uns allen steckt der Zirkus noch im Kopf,
Balzer, los, vertragt euch miteinander! Wir haben halt allerhand
Kostgänger!”
Sie vertrugen sich noch über zwei Jahre!
Ewig dasselbe spielte sich in Dauphins Umgebung ab: Menschen kamen,
wurden entmenscht, für den Tod uniformiert, mit dem Tode vielgestaltig
ausgestattet, gingen hell bekränzt irgendwohin, den Tod bringen, kamen
nicht mehr oder kamen, vom Tode gestreift und gezeichnet, wieder
zurück. Menschen fluchten ihres Daseins, wenn sie knirschend auf dem
Angesichte lagen und den Kies zwischen den Zähnen zerbissen, um sich
vor dem Zuchthaus zu bewahren. Männer fielen und schnellten wieder auf
wie an Schnüren aufgereiht, und das Kommando schwirrte über sie her wie
Säbelstreiche. Frauen und Kinder standen außen hinter dem Gitter und
sahen zu und weinten ob der Erniedrigung. Wenn Dauphin Kinder weinen
sah, ließ er den Hals noch tiefer sinken, so daß das weite Kummet fast
herabgleitete auf das Tränental. Schaum troff hernieder aus seinem
hungrigen Maul.
Ein Frühling kam, und die Kinder sangen nicht und spielten nicht
Ringelreihen auf den Plätzen! Die Vögel sangen in den Büschen, aber
die Platzpatronen auf den Schießständen verschlangen den Vogelruf! Die
Blumen blühten an den Rainen, aber die jungen Mädchen kamen nicht,
sie zu pflücken! Die Fleischfuhren wurden leichter, die Spülichtfuhren
schwerer. Der Gesang der Glocken verstummte, und nur ein jämmerliches
Gestammel blieb übrig! Keine Fahne flog mehr über die Dächer, und
die Straßen füllten sich mit Krüppeln. Die Schreie erregter Generale
tobten um die Stadt, und in allen Häusern weinten Frauen und Kinder!
Leichenzüge schlängelten sich in den winkeligen Straßen. Aus den
Spülichtfässern zog Balthasar Brotreste und Knochen und aß daran.
Ein Sommer kam, und die Leichenzüge begegneten sich an den Portalen der
Friedhöfe! Hauptleute schrien Siege aus, aber die Soldaten stimmten
nicht mit ein und wandten die Augen zu Boden! Immer noch lagen Männer
mit grauen Bärten vor jugendlichen Gecken im Staub und bissen an den
Kieseln des Jammertales! Der Sommer kam, und die Ernte blieb im Regen
sitzen, weil die Frauen zermürbt waren von der schrecklichen Arbeit
und weil die Kühe müde waren von der schrecklichen Arbeit! Eine Kuh
schlappte, wo früher zwei Pferde galoppierten.
Ein Herbst kam, und Soldaten wurden korporalschaftsweise in das
vergitterte Haus geführt, weil sie zu Hause ihre Ernte einbringen
wollten anstatt tagelang zu üben, wie man den Herrn Leutnant grüßt!
Kinder stürmten ans Rathaus der Stadt und schrien um Brot. Da Soldaten
Maschinengewehre herbeibrachten statt Brot, liefen die Kinder wieder
heim. Unheimlich mehrten sich die Verstümmelten! Die Soldaten standen
beisammen und redeten leise. Balthasar blieb bei ihnen stehen; sie
hefteten ihm ihre eisernen Kreuze an! Balthasar ließ sich's gefallen,
und als er auf der Brust keinen Platz mehr hatte und auf dem Rücken
auch nicht, da zog er Dauphin in die Schar der Soldaten, und sie
banden Dauphin ein eisernes Kreuz über die Stirn, daß es gerade in die
weiße Blesse hing.
Ein Offizier geht vorüber, sieht genau, was da geschieht, schwenkt
seitab und nestelt die klingenden Ehrenzeichen von seiner wattierten
Brust. Und sogleich rennen bewaffnete Kameraden herzu, umstellen die
Schar und führen sie samt Balthasar ins vergitterte Haus.
Dem kleinen Dauphin reißt man das Kreuz von der Stirn, tritt ihn in
die Seiten und stößt ihn gegen die Mitte des Hofes, wo er hinstürzt in
den scharfen Kies. Er erhebt sich wieder von selbst, Blut sickert aus
seinen Knien, er trottelt seinem Stalle zu und zieht das Wägelchen an
einem Strang hinter sich her. Ein anderer Balthasar kommt zu ihm an
den Stall, ein junger, starker Kerl, der statt des rechten Auges eine
eingefältelte Narbe in der Höhle hat.
Er trägt Balthasars Mütze: er raucht Zigaretten, er fängt gleich am
ersten Tage an, Dauphin zu striegeln, putzt die Krippe aus und mistet
und schmiert Dauphins Hufe mit Schmalz, das er aus der Küche der
Offiziere brachte. Die Herren Feldwebel beginnen auf einmal Dauphin zu
kennen, streicheln sein reinliches Fell, rufen ihn Maxel und lassen
ihre Kinder auf ihm reiten. Selbst Offiziere kommen im Stall zu Dauphin
her; wenn sie mit dem neuen Herrn irgend etwas Wichtiges geredet haben,
ziehen sie ihre Handschuhe an und tätscheln seine festlich sauberen
Backen und tätscheln auch ohne Handschuhe. Etliche sagen zu dem
einäugigen Herrn „Du” und stecken ihre Zigaretten an der seinen an.
Da zieht Dauphin eines Tages sein Wägelchen übern Hof, und tausende von
Soldaten haben sich hier versammelt, wirr durcheinander, hochgerüstet,
und auf den Dächern steigen rote Fahnen in die Höhe, die Soldaten
stürmen aufs Wägelchen zu, reißen rote Bänder heraus, rote Fetzen,
schwingen sie und stecken sich kleine Rosetten in die Knopflöcher.
Dauphin wird vielfach rot bewimpelt, und ein Rosettchen baumelt in der
Blesse und in den Zöpfen der glänzenden Mähne.
Tische werden aufgestellt, auf die Tische wird ein Tisch geschoben, und
der Einäugige steigt hinauf und beginnt mit weithin schallender Stimme,
daß zwischen den Mauern ein Echo wach wird, seine Rede zu halten.
Als er sagte, der deutsche Kronprinz müsse einem süddeutschen Schuster
in Erziehung gegeben werden, da löste sich ein Soldat, der schon oft zu
Dauphin hergesehen hatte, aus seiner Umgebung und kam zu ihm. Er legte
den Arm um den festlich geschmückten Hals des Tieres und flüsterte ihm
in die gespitzten Ohren:
„Dauphin, Dauphin! Ist's das Mißgeschick aller Dauphins, daß sie
zu Schustern in die Lehre kommen müssen? Auch du bist nach deiner
Glanzzeit in rauhe Wirklichkeit verstoßen worden, aber du hast keine
Schuld an deinem Geschick!”
Hände wurden gen Himmel ausgestreckt, Schreie wuchsen wie Bergzüge
hinan, vereinzelt krachten Schüsse gegen die kalten Wolken. Ein Wind
hub an; manche Sätze des Redners waren unverstehbar, manche deutlich zu
hören:
„Als das Bübchen vierzehn Jahre alt war, versprach ihm sein
kaiserlicher Papa: wenn du dereinst wirst dreißig sein, darfst du
an der Spitze meiner Truppen ~au milieu de mes troupes~ in Paris
einziehen!”
„Hörst du's, Dauphin? Denkst du an den Kuß der Königin, wie auch du an
der Spitze unserer, ach, so fröhlichmachenden Truppe durch die Arena
triumphiertest? Keine Menschen mußten unsertwegen sterben, und manche
vergrämte Seele hat sich an uns wieder gesund gefreut! Weißt du's
noch, Dauphin?”
Dauphin stand entzückt da, und der Geist, der aus den Soldaten
aufbegehrte, riß den seinen mit sich fort. Er streckte den Kopf
hochauf, er entblößte die Zähne, er scharrte mit dem linken Vorderfuß,
und die Kiesel schwirrten den Soldaten, die um ihn standen, ins
Gesicht. Sie wußten, daß das Gäulchen sich nicht gut anders freuen
konnte und ertrugen die Kiesel, und einer reichte ihm ein Stück Zucker
hin. Dauphin schüttelte plötzlich den Kopf und nickte mit dem Kopfe,
und der Soldat, der ihn vom Zirkus her kannte, besänftigte seine
Freude, indem er ihm sachte über die Blesse strich.
„Auf Vater und Mutter schießen!” schrie der Redner und wiederholte:
„Auf Vater und Mutter schießen!”
„Auf Vater und Mutter schießen!” tobte die ganze Versammlung, und
Dauphin, in dessen Herz unter allerlei Unrat noch mehr Natur lebte
als in vielen Menschenherzen, stellte sich plötzlich, als sei dieses
verruchte Wort der Weckruf seiner tiefsten Erlebnisse, all seiner
Freuden, all seiner Schmerzen, auf die Hinterbeine und stieß einen
klagenden Laut zum Himmel.
„Das unvernünftige Tier,” rief der Redner, „seht, seht, es bäumt sich
auf angesichts solcher Schändlichkeiten! Die Natur, die Natur bricht
über jene herein, weil wir selber jene Unnatur nicht gerichtet haben!
Und nun werden wir, weil wir's nicht getan haben, mitgerichtet werden!
Seht dem Junker, der uns peitschte, hier in Berlin, in Straßburg, in
Köln, in Regensburg und in Stuttgart, seht ihm in die Augen! Was seht
ihr da? ... Das Tier!!”
„Das Tier!!” krischen die Mannschaften, und das Echo wollte nicht enden.
„Nein!” begann der Redner wieder, „nicht das Tier! Nicht das Tier!”
„Den Teufel” schrie einer. „Den Teufel!” erwiderten etliche.
„Ja, den Teufel! Den Bösen! Das Böse! Den Feind des Guten! Den Feind
der Menschheit, den Feind alles Menschlichen! Sie kommen mit dem
Mordgewehr zur Taufe! Mit vierzehn Jahren stehen sie als Leutnant
auf dem Kasernenhof, den sie zeitlebens nicht mehr verlassen!
Menschen dressieren, Menschen schikanieren, drangsalieren, von
Kasernengeneration zu Kasernengeneration! Die Peitsche, die Peitsche
über das deutsche Volk! Sie wollen Frankreich vernichten, England
an Zeppelinen verankern, lichten und im Ozean draußen niederlassen!
Kaiser, Könige, Fürsten aller Schattierungen ließen sich von ihnen
und von ihren Hohenzollern ihren Glanz und ihre Macht garantieren und
verschrieben sich und ihre Landeskinder ihrem Blutwahn! Hohen Zoll
zahlten wir ihnen und ihren Hohenzollern! Ihre Namen kann man nicht
aussprechen, man zerbricht sich die Zunge! Die meisten endigen auf ow!
O W! O weh!! rufe ich aus, o weh!! gutes deutsches Volk! Herrliches
Volk des Gemüts, des Herzens, armes, zerschundenes Volk, gekreuzigtes
Volk! Und doch wieder: Törichtes Volk! Dummes Volk! Was gingst du nur
zu gern in ihre Schützengräben! Der dich so gleich hineinjagte, hat
von jeher das Wort verachtet! Diese Diplomaten -- das ist ein echtes
Hohenzollernwort -- verdarben uns den Braten! Uns, uns, Männern des
Schwertes! Was ließest du dich so leicht betören!”
Der Einäugige hielt inne und fuhr dann fort:
„Aber Revolution ist Tat!: Auf! Auf, zur Revolution!”
Er riß sein Seitengewehr heraus, schwang es in die Luft, deutete nach
der Fahne, die auf dem Hauptgebäude flatterte, und schrie:
„Schwarz, weiß, rot! Was daran junkerisch ist, schwarz und weiß,
das reißt ab! Was übrig bleibt, sei unsere Fahne: Das Rot der wahren
Freiheit ... Versteht mich nicht falsch: Das Rot der befreiten
Menschenliebe, die Farbe unseres Blutes, des Lebens, des heiligen
Geistes, der in Flammen über uns kommen möge! Auf zur Tat! Auf zur
befreienden Tat!”
Der Einäugige sprang von dem Tisch herab, und nun folgten ihm alle zum
Tor hinaus, und auch Dauphin lief mit.
Am Kasernentor aber sieht Dauphin Balthasar, und Balthasar zieht das
Gäulchen aus dem begeisterten Soldatenknäul und nimmt es wieder zurück
in seinen neuen Alltag.
Jedoch dieser neue Alltag blieb wie der alte. Was ging Balthasar die
Revolution an? Kehricht, Spülicht, ab und zu ein duftendes Pfuhl!
Mit Fleisch versehen, mag sich, wer will! Ganze Länder gibt's, die
sich nicht wollen revolutionieren lassen: was braucht Balthasar eine
Revolution?
Dauphin aber, dem die Revolution also nicht bessere Zeiten zu bringen
schien, hatte unverhofft Glück!