Den tollsten Abend aber, zugleich den glorreichsten und
erkenntnisreichsten, erlebte Dauphin kurz vor Ausbruch des Krieges in
jener rheinischen Stadt, die sich wie eine Braut in den liebenden Arm
des Flusses schmiegt.
Als er seine Kunst so weit beendet hatte, daß er meinte, nun müsse er
hinaus aus der feierlichen Arena, da kam der Direktor nochmals auf ihn
zu, zog ihm vor allem Volk das goldbetreßte Purpurmantelettchen aus und
nahm den weißen Husarenbüschel von seiner Stirn, so daß er schließlich
ganz nackt dastand. Vom hohen Thron herab fragte der König laut und mit
großer Handbewegung schräg nach oben, daß all seine Ringe aufblitzten:
„Was kannst du noch, Freund Dauphin?”
Dauphin schüttelte den Kopf.
„Sonst kannst du nichts?” fragte schelmisch die sanfte Königin und
lächelte und schüttelte das gekrönte Haupt, als wisse sie genau, daß
Dauphin noch etwas ganz Besonderes könne, und zu ihrem hohen Gemahl
sagte sie hinüber:
„Versprachen Sie mir nicht: Dauphin übertreffe seinen Ruf?”
Da kam zum Glück der Direktor mit seiner Leiter, und nun fiel es dem
kleinen Gäulchen ein, daß es noch etwas könne: Es stieß heftig den
Atem durch die Nüstern, sah zu den zwei Buben, die bei einem Offizier
saßen, die es schon öfter betrachtet hatte, als spiele es nur für sie,
und schritt so seinem Direktor entgegen. Dieser stützt die Leiter auf,
und Dauphin hebt den linken Vorderfuß auf die erste Sprosse der Leiter,
dann den rechten und steigt so Sprosse um Sprosse hinauf bis zur
fünften. Nun wirft er den Kopf hoch, drückt sich ab, steht frei, fest
und stabil, ohne den Schwung der Freidressur, auf den Hinterbeinen
und marschiert so im raschwechselnden Rhythmus der volldröhnenden
Musikkapelle in allen Gangarten durch die Arena hin. (Die Kinder denken
an ihr Spielzeug, das eine Feder im Bauch hat!)
Der Marsch bricht ab! Dauphin steht wieder auf den vier Beinen. Einen
Augenblick nur steht er so da und rennt nun im Kreise herum, toll
vor Glück, schießt nacheinander sieben Kanonen ab, auf denen der
kaiserliche Adler prangt, und rast durch den Vorhang hinaus.
Kommt sofort wieder, läuft schnurstracks auf die beiden Buben zu, biegt
kurz ab, als habe er sich geirrt, und kniet plötzlich vor dem Thron des
Königs und der Königin nieder.
Und nun geschieht's: Die Königin erhebt sich von ihrem Thron! Mit einem
blauen Seidentüchlein wischt sie sich über die feuchten Augen, kommt
herab zu Dauphin, beugt sich weit vor, daß ihre Gewänder steil von den
schmalen Schultern herunterfließen, daß ihre Krone fast wankt, und küßt
Dauphin auf die weiße Blesse ...
Dauphin hört und sieht nichts mehr, hält die Augen geschlossen und
spürt diesen warmen Kuß auf der Stirn. Er reckt geschlossenen Auges den
Kopf steil in die Höhe, entblößt die Zähne von den Lippen, läßt den
Kopf niedersinken, läßt ihn tief herabsinken und weiß offenbar nicht,
was er tun soll.
Zwar hört er allerlei Geklopf und Getick, aber er verharrt in seiner
Verzückung, und die Menschen klatschen ihm und lächeln sich an vor
Glück und Freude über das geküßte Kind.
Als Dauphin dann doch die Augen aufschlägt, schleppen Sklaven und
Sklavenpferde den Thronsaal, ein werktägiges Balkengerüst, fort, eine
Dame hängt am Trapez, und alle Leute sehen nach der Dame! ...
Da springt Dauphin auf und davon und schämt sich, weil er es so eilig
hat! Der Wärter empfängt ihn draußen, die Menge klatscht wieder, die
Kinder rufen nach ihm, aber der Wärter zerrt ihn an den Ohren am großen
Spiegel vorbei nach dem Stalle zu.
Vor den Ställen stehen fünfundsechzig Pferde beisammen. Mit Ehrfurcht
in den Augen sehen sie den kleinen Dauphin kommen, lassen die Köpfe
hängen, bewegen sich nicht, heben die Augen und sehen gleich wieder
weg. Wallenstein steht auch da; er knappert mit den Zähnen am Randblech
eines Wagendaches. Dauphin schiebt sich zu ihm hin. Der Große läßt den
Kopf über den Hals des Kleinen sinken, als wolle er das Wunderkind
beschützen, und dieses reibt die Stirn an den straffen Lippen
Wallensteins: der Kuß der Königin brennt ihn!
Der Direktor kommt herzu, gibt Dauphin ein Stück Zucker und sagt:
„Heut Nacht darfst du bei Wallenstein schlafen!”
Der starke Wallenstein tritt mit dem feinnervigen Künstler Dauphin in
sein Stallzelt. Sie fressen aus einer Krippe und legen sich bald zum
Schlafe nieder, und Dauphins Köpfchen ruht auf Wallensteins festem
Halse.
Dauphin kann nicht einschlafen: er spürt den Kuß der Königin auf der
Stirn und sieht auch wohl den großen Spiegel vor Augen. Dann schläft er
doch ein Weilchen: es ist ihm, als kämen tausend Kinder zu ihm in die
Arena, als streichelten sie ihn, als küßten sie ihn alle auf denselben
Fleck der Stirn.
Er erwacht wieder, schiebt den Kopf nach Wallensteins Ohren und reibt
dort hin und her, und Wallenstein schnarcht, hebt den Kopf und läßt ihn
wieder sinken und schnarcht weiter.
Steif hochauf reckt Dauphin den schlanken Kopf in die stille Nacht der
Genossen und läßt die schweren Lippen von den Zähnen weghängen und die
breiten weißen Zähnchen aufleuchten.
Am Morgen, da Dauphin, allen Schmuckes bar, zur Probe am Spiegel
vorübergeht, sieht er auf seiner Stirn sicher zum erstenmal in seinem
Leben die weiße Blesse!
In dieser Stadt überraschte den zarten Dauphin der garstige Krieg.