XII

Den tollsten Abend aber, zugleich den glorreichsten und

erkenntnisreichsten, erlebte Dauphin kurz vor Ausbruch des Krieges in

jener rheinischen Stadt, die sich wie eine Braut in den liebenden Arm

des Flusses schmiegt.

Als er seine Kunst so weit beendet hatte, daß er meinte, nun müsse er

hinaus aus der feierlichen Arena, da kam der Direktor nochmals auf ihn

zu, zog ihm vor allem Volk das goldbetreßte Purpurmantelettchen aus und

nahm den weißen Husarenbüschel von seiner Stirn, so daß er schließlich

ganz nackt dastand. Vom hohen Thron herab fragte der König laut und mit

großer Handbewegung schräg nach oben, daß all seine Ringe aufblitzten:

„Was kannst du noch, Freund Dauphin?”

Dauphin schüttelte den Kopf.

„Sonst kannst du nichts?” fragte schelmisch die sanfte Königin und

lächelte und schüttelte das gekrönte Haupt, als wisse sie genau, daß

Dauphin noch etwas ganz Besonderes könne, und zu ihrem hohen Gemahl

sagte sie hinüber:

„Versprachen Sie mir nicht: Dauphin übertreffe seinen Ruf?”

Da kam zum Glück der Direktor mit seiner Leiter, und nun fiel es dem

kleinen Gäulchen ein, daß es noch etwas könne: Es stieß heftig den

Atem durch die Nüstern, sah zu den zwei Buben, die bei einem Offizier

saßen, die es schon öfter betrachtet hatte, als spiele es nur für sie,

und schritt so seinem Direktor entgegen. Dieser stützt die Leiter auf,

und Dauphin hebt den linken Vorderfuß auf die erste Sprosse der Leiter,

dann den rechten und steigt so Sprosse um Sprosse hinauf bis zur

fünften. Nun wirft er den Kopf hoch, drückt sich ab, steht frei, fest

und stabil, ohne den Schwung der Freidressur, auf den Hinterbeinen

und marschiert so im raschwechselnden Rhythmus der volldröhnenden

Musikkapelle in allen Gangarten durch die Arena hin. (Die Kinder denken

an ihr Spielzeug, das eine Feder im Bauch hat!)

Der Marsch bricht ab! Dauphin steht wieder auf den vier Beinen. Einen

Augenblick nur steht er so da und rennt nun im Kreise herum, toll

vor Glück, schießt nacheinander sieben Kanonen ab, auf denen der

kaiserliche Adler prangt, und rast durch den Vorhang hinaus.

Kommt sofort wieder, läuft schnurstracks auf die beiden Buben zu, biegt

kurz ab, als habe er sich geirrt, und kniet plötzlich vor dem Thron des

Königs und der Königin nieder.

Und nun geschieht's: Die Königin erhebt sich von ihrem Thron! Mit einem

blauen Seidentüchlein wischt sie sich über die feuchten Augen, kommt

herab zu Dauphin, beugt sich weit vor, daß ihre Gewänder steil von den

schmalen Schultern herunterfließen, daß ihre Krone fast wankt, und küßt

Dauphin auf die weiße Blesse ...

Dauphin hört und sieht nichts mehr, hält die Augen geschlossen und

spürt diesen warmen Kuß auf der Stirn. Er reckt geschlossenen Auges den

Kopf steil in die Höhe, entblößt die Zähne von den Lippen, läßt den

Kopf niedersinken, läßt ihn tief herabsinken und weiß offenbar nicht,

was er tun soll.

Zwar hört er allerlei Geklopf und Getick, aber er verharrt in seiner

Verzückung, und die Menschen klatschen ihm und lächeln sich an vor

Glück und Freude über das geküßte Kind.

Als Dauphin dann doch die Augen aufschlägt, schleppen Sklaven und

Sklavenpferde den Thronsaal, ein werktägiges Balkengerüst, fort, eine

Dame hängt am Trapez, und alle Leute sehen nach der Dame! ...

Da springt Dauphin auf und davon und schämt sich, weil er es so eilig

hat! Der Wärter empfängt ihn draußen, die Menge klatscht wieder, die

Kinder rufen nach ihm, aber der Wärter zerrt ihn an den Ohren am großen

Spiegel vorbei nach dem Stalle zu.

Vor den Ställen stehen fünfundsechzig Pferde beisammen. Mit Ehrfurcht

in den Augen sehen sie den kleinen Dauphin kommen, lassen die Köpfe

hängen, bewegen sich nicht, heben die Augen und sehen gleich wieder

weg. Wallenstein steht auch da; er knappert mit den Zähnen am Randblech

eines Wagendaches. Dauphin schiebt sich zu ihm hin. Der Große läßt den

Kopf über den Hals des Kleinen sinken, als wolle er das Wunderkind

beschützen, und dieses reibt die Stirn an den straffen Lippen

Wallensteins: der Kuß der Königin brennt ihn!

Der Direktor kommt herzu, gibt Dauphin ein Stück Zucker und sagt:

„Heut Nacht darfst du bei Wallenstein schlafen!”

Der starke Wallenstein tritt mit dem feinnervigen Künstler Dauphin in

sein Stallzelt. Sie fressen aus einer Krippe und legen sich bald zum

Schlafe nieder, und Dauphins Köpfchen ruht auf Wallensteins festem

Halse.

Dauphin kann nicht einschlafen: er spürt den Kuß der Königin auf der

Stirn und sieht auch wohl den großen Spiegel vor Augen. Dann schläft er

doch ein Weilchen: es ist ihm, als kämen tausend Kinder zu ihm in die

Arena, als streichelten sie ihn, als küßten sie ihn alle auf denselben

Fleck der Stirn.

Er erwacht wieder, schiebt den Kopf nach Wallensteins Ohren und reibt

dort hin und her, und Wallenstein schnarcht, hebt den Kopf und läßt ihn

wieder sinken und schnarcht weiter.

Steif hochauf reckt Dauphin den schlanken Kopf in die stille Nacht der

Genossen und läßt die schweren Lippen von den Zähnen weghängen und die

breiten weißen Zähnchen aufleuchten.

Am Morgen, da Dauphin, allen Schmuckes bar, zur Probe am Spiegel

vorübergeht, sieht er auf seiner Stirn sicher zum erstenmal in seinem

Leben die weiße Blesse!

In dieser Stadt überraschte den zarten Dauphin der garstige Krieg.

Riesele: Geschichte eines kleinen Pferdes · 第 16 / 31 题