XI

Dauphin machte am nächsten Tage seine Sache wieder besser, wie er

überhaupt ein gelehriger Schüler war! Allein trotz aller Gelehrigkeit,

trotz alles besten Willens geschah es sehr oft, daß Dauphin die große

und die kleine Peitsche zu verspüren hatte, und wenn die Menschen,

da er seine Errungenschaften ihnen darbot, Freude empfanden an ihm,

wenn die Kinder ihn bejubelten mit ihren kleinen Händen, so dachten

sie nur selten daran, daß hinter dieser Stellung vielleicht hundert

Geißelhiebe staken, daß dieser so überaus lustige Sprung vielleicht

tausend Geißelhiebe beansprucht hatte! „Mit Wunden ganz bedecket”,

zerschlagen, zerschunden an Leib und Seele kam Dauphin oftmals in

die fröhliche Arena, aus den Händen der Häscher, aus dem verruchten

Lederriemengesicht des Direktors in die überzuckerte freundliche Miene

des Abends angesichts der Menschen, die ergötzt sein wollten! Hundert

Stunden höchste Qual für ein Viertelstündchen Menschenbelustigung!

Hundert Stunden Erniedrigung für ein Viertelstündchen kleinfrohe

Menschenlaune!

Trotz aller Qual behielt Dauphin doch den inneren Frieden, die Freude:

den Menschen Freude zu bereiten, sei es, daß durch eine überaus

glückliche Veranlagung seine Seele all ihre Leiden, die zur Freude der

Menschen führen sollten, leicht ertrug und leicht verwand, sei es,

daß die göttliche Meinung des Bauern Klaus: glücklich machen heiße

glücklich sein! in dieser Seele Dauphins heilsam wirkte!

Untrüglich und jedem zugänglich, der Sinn für Seele hat, lebte ein

großes Mitleid in Dauphin, eine Lust, Leiden tragen zu helfen, Leiden

mindern zu helfen, und es muß gesagt sein, daß die meisten Schläge,

die er erhielt, freiwillige Schläge waren, indem er oft und immer

wieder die entfesselte Wut des Dresseurs von seinen Kameraden auf sich

ablenkte.

Es fiel dem Direktor bald auf, daß alle Dressuren, die er mit Dauphin

allein vornahm, rasch und bestens sich erledigten, während die

Korporationsdressuren, anstatt durch Dauphins Mitwirkung sich zu

erleichtern, keineswegs einen Vorteil von ihm hatten.

So kam es, daß, als Dauphin die elementarsten Begriffe der Kunst besaß,

daß er an einen Zirkus verkauft wurde, der sich einen Solisten seiner

Art eher leisten konnte.

Als Dauphin abgeholt wurde, lag Frühlingsschnee auf den Zelten,

und Burschen gingen mit langen Stangen, an die oben quer ein Brett

genagelt war, umher und schüttelten die Schneemassen von den tief

hereinhängenden Dachzelten. Dauphin mußte, bevor er abgeführt wurde,

sein gesamtes Können vor den Augen des neuen Herrn entfalten, und vor

Eifer und Freude brach ihm der Schweiß aus allen Poren. Die Burschen,

die ihn liebgewonnen hatten, rieben ihm den Schweiß aus den Haaren, und

der neue Herr wunderte sich und fragte, ob Dauphin überhaupt so leicht

schwitze?

„Keineswegs!” entgegnete der alte Herr, „der Eifer steckt in ihm,

es rumort überhaupt allerlei Gutes in dem Kind; er eignet sich zum

Steiger, er hat Musike im Bauch, und wenn es gut geht, bringt er's zu

was ordentlichem!”

Auch Wallenstein, der die Elementarschule erledigt hatte, zog mit

Dauphin zusammengekoppelt fort in den größeren Zirkus, der in

der Nachbarstadt weilte. Sie fuhren nicht mit der Eisenbahn, sie

marschierten zu Fuß der Stadt entgegen, die kaum drei Stunden entfernt

lag.

An einem Abhang pflügte ein Bauer mit zwei dicken Ackergäulen.

Wallenstein ward unruhig, drehte oft den Kopf nach der Feldarbeit und

zog leise aber stets an der Koppel, so daß Dauphin gar nicht leicht zu

gehen hatte. Was wollte er nur? Er wieherte, daß dem kleinen Dauphin

der Speichel an die Nüstern spritzte, er peitschte mit dem Schweif, er

trug die Ohren hochgestellt, und endlich geschah etwas: Wallenstein

riß so heftig an der Koppel, daß Dauphin nicht widerstehen konnte,

vielleicht auch nicht widerstehen wollte, und im Nu feuern die beiden

Freunde seitab und rasen über die Aecker den Abhang hinan in hellem

Galopp querfeldein. Der zierliche, weißgebleßte Dauphin spürte zwar

Schmerzen am Munde, aber was sind denn Schmerzen gegen Freude? eine

Wonne, mit dem starken Wallenstein auf- und davonzugehen! Er möchte

größer sein, stärker sein, hurra, er möchte den starken Wallenstein

selber noch fortreißen können, irgendwohin fort, er möchte Führer

sein, Verführer, er möchte den großen Kerl verführen zu allerlei losen

Streichen!

Die Häscher kamen natürlich! Wallenstein wurde gepeitscht, Dauphin

nicht! Dauphin sah großäugig und neidisch zu, wie Wallenstein

angesichts der Ackergäule gepeitscht wurde, und blieb verschont!

Ordentlich mitleidig sahen die schweren Kerle aus den Augenwinkeln auf

Dauphin herab, als sei er der Verführte, als sei er nur mitgezerrt

worden und sei schuldlos wie ein Kind.

In diesem neuen Leben gefiel es Dauphin besser als früher. Nur selten

brauchte er mit den übrigen Pferden zu exerzieren, um so öfter aber und

um so länger mußte er vor dem neuen Direktor seine Uebungen machen.

Mit großer Leichtigkeit erlernte er alles, was man von ihm verlangte:

er stellte sich auf die Hinterbeine, und es dauerte nicht lange, so

entwöhnten sich die herabhängenden Vorderbeine, lästig zu zucken, zu

schlagen und überängstlich zu tasten nach einer Stütze! Musik begann

oft zu erschallen, wenn er so stand, der Direktor fuchtelte graziös mit

den Händen in der Luft herum und summte die Melodie mit und sang dazu:

„~L'amour est l'enfant du bohême,~

~Elle n'a jamais, jamais connu de loi!~”

Heisa, wenn auch noch die Peitschenspitze an Dauphins Hinterhufen

herumzutrommeln anfing, so konnten sich diese Füße nicht mehr halten

und trippelten dahin und dorthin und erhaschten bald den Taktschlag

der Weise! Da konnte der Herr Direktor getrost seine Peitsche beiseite

werfen und näherkommen! Konnte ganz nahekommen, konnte seinen linken

Arm über Dauphins rechtes Bein, den rechten unters linke Bein schieben,

so daß seine Brust des Pferdchens Brust berührte, und: Kinder! Kinder!

habt ihr schon so etwas gesehen? Sie tanzen miteinander, sie tanzen

miteinander, der Direktor tanzt mit eurem kleinen Freunde Dauphin!

Das vollbrachte Dauphin! Er vollbrachte, was man von ihm verlangte: er

zählte die Jahre seines jungen Lebens, und wenn er dabei sieben angab

und also log, so war das seine Lüge nicht! Er zählte die Stunden des

Tages, die Lebensjahre eines jeden Menschen, der sein Alter nicht mehr

zu wissen schien, er holte aus dem Publikum jenen Kerl heraus, der

seinen Namen „Dauphin” norddeutsch ausgesprochen hatte „Dauphäng!” Er

fand den versteckten Gänsedieb, wo immer auch er sich versteckt haben

mochte, er schoß mit dem linken Vorderfuß eine Kanone ab und mehr, er

verbeugt sich höchst manierlich vor seiner Königin!

Kinder, Kinder, so etwas habt ihr noch nirgends gesehen! Euer Spielzeug

daheim hat eine Feder im Bauch, aber Dauphin hat eine Seele! Kein

Wunder, daß die Kinder das kleine Gäulchen mit der weißen Blesse

so gern hatten! Die Kinder des ganzen Reiches kannten ihn, liebten

ihn, träumten von ihm wie vom Weihnachtsbaum! In den Zeitungen lasen

sie über ihn, wenn er kam, wenn er gastierte, wenn er ging. An den

Plakatsäulen sahen sie ihn in hellen, fröhlichen Farben, und vergaßen

ihre Schule und ihren Mittagstisch. Wenn sie mit ihren Eltern im Zirkus

saßen, wollten sie nichts anderes sehen als Dauphin. Wenn sie die

Ställe besuchen durften, wollten sie nichts anderes sehen als Dauphin.

Väter photographierten Dauphin. Ein ganz kleines Kind kam einmal im

Stall auf Dauphin zu und sagte: „Ich heiße Tarl Tnöpfle!”

So also sprang Dauphin Abend für Abend im Lichte der Arena umher durch

den Beifall der von ihm beglückten Menschen, bald in dieser, bald in

jener Stadt.

Riesele: Geschichte eines kleinen Pferdes · 第 15 / 31 题