IX

Am nächsten Morgen schon um zehn Uhr begann die Hauptprobe in der

Manege, und Riesele sowohl als auch der Fuchs, der Wallenstein genannt

ward, durften einmal an den Vorhang treten, um hineinzusehen in die

Manege und mußten dann auch wirklich hinein. Sie wurden an einen

Zeltpfahl angebunden. Ein Pferd lief dauernd an einer Leine im Kreise

herum. Unten im Sand bewegte sich manchmal etwas wie eine dünne

Schlange und blieb wieder ruhig.

„~Changez!~” rief der Direktor, und der Gaul lief in entgegengesetzter

Richtung den Kreis der Manege. Eine Peitsche zuckte auf, warf in eine

entfernte Ecke einen Knall und sank wieder in den Sand: diese Schlange

war eine unendlich lange Peitsche!

„Komm zu mir, Prinz!” sagte der Direktor gutmütig, äußerst gutmütig,

und der Bruder kam in die Mitte und wurde liebreich getätschelt.

Riesele ward unruhig: es wäre auch gern im Kreise gelaufen, hierhin und

dorthin, wie der Herr Direktor es gewünscht hätten, ja, und es wäre

auch gern so geliebkost worden!

Aber nun rief der Direktor nach anderen Pferden, und sieben an der Zahl

surrten aus dem braunsamtnen Vorhang in die Manege. Sieben Pferde, groß

das erste, klein das vierte, winzig das letzte, viel, viel kleiner als

Riesele. Sie liefen im Kreise, streng der Größe nach hintereinander.

„~Changez!~”

Sie schnitten mitten im Sand an der Peitsche vorbei und liefen

wieder, -- endlos schier wechselten sie die Laufrichtung. Die kleinen

Bürschlein konnten ihren Platz nicht finden, da mußte die Peitsche

helfen! Aber die Peitsche machte mehr Lärm, als sie wirklich strafte!

Sie tippte manchmal einem der Kleinen um die Ohren, um die Füße, und

sogleich wußten sie, ihre Plätze wieder zu finden.

„Hierher, zu mir!” erschallte plötzlich die Stimme des Direktors, und

sogleich bog der Große zur Mitte, und die ganze Familie folgte ihm; da

standen alle nebeneinander, Lende an Lende.

„Miezi, Miezi, wo steckst du denn?”

Das Kleinste tat einen Schritt nach vorn, und im selben Augenblick

knallte die Stimme:

„~À genoux!~”

Alle fielen auf die Knie, mühsam zwar, doch rasch und fast gleichmäßig!

Nur Miezi kam nicht herunter. Die Peitschenspitze züngelte herbei;

trommelte an den Schienbeinen des kleinen Gäulchens umher, unausgesetzt

wie Spechtgehämmer, aber das Kleine konnte nicht herabkommen. Es sank

zur Hälfte und strauchelte und sprang wieder auf. Die Peitsche knallte

heftig. Die anderen Tiere konnten aber solange nicht auf den Knien

liegen und turnten auf. Wieder erschallte die erregte Stimme:

„~À genoux!~”

Glatt sanken die sechs Tiere, und Miezi blieb unterwegs hocken; die

Peitsche trommelte.

„~À genoux, à genoux!~” trommelte die Peitsche von weit her, wo der

Direktor stand. Sie trommelte wider die Beine, wider die Knie, sie

kletterte an Miezi empor, bis an Hals und Augen, sie tickte an seine

Ohren!

Plötzlich aber flog die Peitsche seitab in den Sand, die sechs größeren

Tiere bogen nach dem Ausgang und durften hinterm Vorhang verschwinden,

und nur Miezi blieb zurück!

Der Direktor bekam eine kurze Lederpeitsche, einen Riemen eigentlich,

und trat zu den zwei Neulingen, zu Riesele und seinem Freund, hielt

diese Peitsche steil vor deren Augen und sagte:

„Die Wünschelrute! Die Wünschelrute der Ordnunk, der Schönheit und

alles Glückes!”

Er lachte dazu, und seine Augen und sein Mund verschwanden in einem

Gemisch von tiefen Falten, die wie in Leder gezogen sein Gesicht

zergeißelten.

„~À genoux, à genoux, à genoux!~” schrie er, indes er sich

Miezi näherte, die unbeweglich stehen blieb, obwohl sie doch

lieber fortgelaufen wäre! Er faßte ihren linken Vorderfuß, ihren

Unterschenkel, bog ihn mit aller Kraft zur Erde, zog und drückte

zugleich das winzige Körperchen nach unten, das willig folgte, wenn

auch der Kopf ängstlich sich aufreckte, wie bei einem Kind, das man in

den Fluß taucht. Ganz sachte berührte schließlich das zierliche Knie

den Sand, und der Dresseur tat seine Hand weg. Jedoch sogleich federte

Miezi in die Höhe. Aeußerst in Liebe ließ er die kurze Peitsche an

seiner freien Hand herabhängen, streichelte den Unterschenkel wieder,

sagte:

„Miezerl, Miezerl, Schnuckerl!” und bog und drückte wieder sanft und

bestimmt nach unten. Wieder setzte Miezi keinen Widerstand und sank

herab, indes ihr Kopf sich aufreckte.

„Muß ich den Kadett wieder durch den Kakao schleifen!” knirschte der

Direktor.

Riesele stand an seinem Balken, straff alle Muskeln angespannt, und

rührte sich nicht. Doch als Miezi wieder aufschnellte, zuckte es heftig

zusammen wie von einem Schlag erschreckt. Der Fuchs regte sich nicht;

er zerrte bisweilen an seiner Leine, um an einer Stuhllehne, die vor

ihm stand, zu knuppern.

Der Dresseur aber nahm nun die kurze Peitsche in die andere Hand und

schlug zweimal auf Miezis Rücken. Wieder schmeichelte er, wieder bog

und drückte er den willigen Fuß zum Sande, wieder entfernte er die

helfende Hand, und Miezi sprang auf. Wieder zuckte die Peitsche auf,

aber diesmal legte sie nicht zwei Schläge auf den Rücken, sondern

klatschte an die Seiten, an die empfindlichen Seiten, und das kleine

Ding blieb stehen, ohne sich zu regen und ließ sich peitschen, und nur

die Haut zuckte erschüttert nach den Hieben.

Riesele streckte den Kopf lang vor sich aus und schüttelte ihn.

Die Qual in der Manege begann wieder. Diesmal wollte sich das Knie

nicht so bereitwillig beugen lassen, schien schon vor der umfassenden

Liebkosung der Hand sich wehren zu wollen und gab erst nach, als ein

Faustschlag es zwang. Die Augen des Dresseurs hoben sich von unten

herauf zu Miezis Augen, und Miezi erkannte vielleicht die vielen Ruten

in dem verhaßten Gesicht und streckte das halbgebeugte Knie wieder.

Da ließ sich der Dresseur auf seine beiden Knie herab, schlug mit der

kurzen Peitsche hinauf gegen Maul, Nase und Ohren, und das Tierchen

hob sich auf die Hinterbeine, und seine überaus kindlichen Vorderhufe

schwebten über des Dresseurs Schultern wie Trommelschlägel. Dieser

zuckte auf, als seien diese Hufe gefährlich für ihn und schleuderte das

Körperchen rücklings von sich, so daß es überstürzte und platt auf den

Rücken plumpste!

Er stand, der Dresseur! Er schwang die kurze Peitsche hochauf, er ließ

sie niedersausen auf den sich darbietenden Leib, holte mit dem Fuße

aus und schlug den Fuß, der mit schweren Schuhen bekleidet war, dem

kleinen Gäulchen in die Rippen, daß der leichte Körper ein Stückchen

davonrutschte im Sand. Nochmals bohrte sich dieser Fuß in die Seiten,

und der Ruck, den er verursachte, ließ das Tierchen aufspringen auf

seine vier Beine.

Schaum spritzt von dem Pferdemund gegen den Dresseur, und dieser faßt

das dünne Halfter, rafft alles Geriem zusammen in seiner großen Hand,

zerrt Miezi etwas zu sich heran, murmelt vor sich hin:

„Junk, Junk, du hast keene Ahnunk nisch!” und faßt die Peitsche fester.

Sein Mund sprudelt über, indes er zu schlagen beginnt:

„Ein Lama biste nisch! Nisch? biste Lama, das speecht? Nee! Nee!

Scheeler Minister!”

Und dann, da die Hiebe rascher niedersausen, kreischt er unausgesetzt

zur Musik der Hiebe:

„~À genoux! À genoux! À genoux!~”

Man weiß nicht, wer die Laute schreit, ob der Mund des Dresseurs sie

klatscht, ob die Peitsche den französischen Laut zischt!

Riesele streckte den Kopf steil in die Höhe und schrie. Der Direktor

kam daraufhin zu ihm her, ließ unterwegs die Peitsche fallen, holte aus

der Rocktasche ein Stück Zucker und hielt es Riesele hin, und indes

Riesele das Stück nahm, streichelte er über seinen Hals und sagte:

„Recht so, recht so, du wirst einmal besser, nisch?”

Und dann legte er seine überschweißte Wange an Rieseles Wange und sagte

liebreich:

„Dauphäng, Dauphäng!”

Miezi rührte sich nicht; Schaum stand vor ihrem Munde.

„~À genoux, À genoux!~” trällert der Direktor wieder und kommt näher zu

Miezi, hebt die Peitsche auf, bückt sich, erfaßt den Unterschenkel und

läßt sich auf ein Knie nieder.

„Rudolf herbei!” kreischt er.

Aus der Reihe von Burschen, Männern und Mädchen, die da umherstehen und

gucken, springt einer in die Manege und wirft die Zigarette von sich.

Er trägt eine kurze Peitsche mit sich und stellt sich mit gespreizten

Beinen neben seinen Direktor und neben Miezi.

„~À genoux!~” schreit dieser wieder, und Miezi hebt gefällig den Huf in

die hingehaltene Hand, gibt bereitwillig dem Druck und dem Zug dieser

Hand nach und senkt den vorderen Körper zur Erde herab. Jedoch, da das

Knie den Sand berührt, zuckt der Kopf auf, und das ganze Körperchen

zuckt mit. Rudolf, der Bursche, reißt einen Schlag über diesen Kopf,

daß Riesele zusammenzuckt und an seiner Leine zerrt. Umsonst, der Kopf

Miezis turnt weiter, aber das Knie ruht fest im Sand, fest in der Hand.

Einen Augenblick ruht auch der Kopf, und:

„Brav, brav!” ruft der Direktor, „so ist's brav, Miezi!”

Ueber des Tierchens Kopf steht ein kleiner, dreispitziger Stahl aus der

Hand Rudolfs herab. Berührt fast die Haut zwischen den Ohren!

Festgeklemmt zwischen Hände, Peitschen, Stahl und Menschenwillen, steht

Miezi und rührt sich nicht mehr.

Die Hand des Dresseurs will sich unten vom Schenkel lösen.

„Miezerl, Miezerl, liab Dingele, Zuckerle gibt's, Zuckerle! So isch's

brav, liabs, so isch es liab!”

Miezi aber wird, da die Finger sich lösen, unruhig, der Kopf stößt,

stößt in die drei Stahlspitzen, das ganze Körperchen wirft sich auf,

der Dresseur fällt um, Rudolf haut mit Fäusten drein, Miezi stürzt über

den Dresseur, wird hinweggerissen, rast, den Dreizack in der Stirn,

nach dem Ausgang, wo die Knechte stehen, und wird dort aufgefangen und

auf Armen zurückgetragen zu seinen Quälern. Rudolf reißt den Stahl aus

der Haut und steckt ihn ein, der Direktor hebt die beiden Fäuste über

sich, als schleppe er einen Felsen, und geht so auf Miezi los, und in

seinem Antlitz schwirren die Lederriemen umher.

Ein Strömlein roten Blutes sickert Miezi über die weiße Nase herab.

Der Direktor achtet nicht darauf, er streckt die Hände aus, Rudolf

reicht ihm die Peitsche, er flüstert für sich:

„Immer feste druff! Immer feste druff!” Er sagt laut zu den Umstehenden:

„Jibt man ihm seinen Hafer ~pour~ nisch?”

Die Sklaven lächeln im Chor:

„~Pas du tout!~” und:

„Nur die Ruhe kann es machen!” sagt der Dresseur und nähert sich Miezi.

Er spreizt die Beine, stößt sich die Fäuste in die Hüften, beugt den

Oberkörper gegen Miezi und spuckt ihr ins Gesicht, hebt den Zeigefinger

weit übern Kopf, wirft ihn nach dem Ausgang zu und gibt Miezi einen

Tritt, daß sie etliche Schritte machen muß, und die Sklaven holen das

Tier ab in den Stall.

Der Dresseur zieht wieder sein rotes Schnupftuch, wischt sich über die

Stirn und geht auf Riesele zu und sagt:

„Die kleine Dame, die du eben kennen jelernt hast, meint, sie habe

jetzt ihren Willen durchjesetzt, aber sie wird erst morgen erfahren,

wie sie sich täuscht! Ich sehe es dir an, du bist von anderem Schrot

und Korn. Aber da bist du jerade recht jekommen! Und du Großer: na, wir

werden uns ooch noch zu sprechen haben!”

Er wandte sich ab:

„Wo stecken die Oojuste?”

Sie sprangen vor, die Auguste, drei Stück! Der Dresseur schnalzte mit

der Zunge, sie warfen ihre leichten Körper zum salto mortale zurück und

standen auch schon wieder in Reih und Glied.

„Auf die Hände!” schrie der Dresseur. Sie schwangen sich auf die Hände

und liefen im Kreise, die lange Peitsche schleifte hinter ihnen drein.

„~Changez!~” Sie wechselten die Richtung.

„Ab, gut!”

Der Direktor wandte sich und schrie:

„Dauphäng! Hast du das gesehen? -- Kein Schlag!”

Er wandte sich.

„Tierschutzverein?” rief er dann, „wer fragt?”

Der dickste von den dreien fragte den Direktor:

„Sind Sie im Tierschutzverein?”

„Sind -- Sie -- im -- Tier -- schutz -- ver -- ein?” äffte der Direktor

nach, „wer wird so damlich fragen?”

Alle drei schrien sie nun, jeder in seiner Art und mit fröhlichen

Bewegungen der Hände, der Augen, der Beine auf ihn ein:

„Sind Sie im Tierschutzverein, Mister?”

„Aha, natürlich! Natürlich bin ich im Tierschutzverein! Wie könnt ihr

fragen? Wißt ihr nisch, daß ich ein Freund des Kronprinzen bin?”

„Laß doch den Kronprinzen beiseit!” flötete eine Frauenstimme aus dem

Hintergrund, und der Direktor starrte stumm nach der Stimme.

„Immer Reklame für den Kronprinzen, der jibt dir en Dreck dafür!”

„Iß er etwa nisch Protektor des Tierschutzvereins? -- Iß er wohl!”

„Laß ihm doch sein Pläsier!”

„Pläsier? Sein Pläsier schaut anders aus!”

„Er liebt die Jagd! ... Weißt: von wegen Tierschutzverein! Aber laß

ihn aus unsrer Manege, er hat genug mit der seinen! Und zudem: uns

Kunstbagage steht wie überhaupt armen Leuten der Patriotismus der Gasse

nicht recht zu Mund!”

„Gut, nehm ich das Warenhaus des Westens!”

„Natürlich, nimm doch das Warenhaus des Westens!”

„Also nochmal Aujust: Sind Sie ...”

„Sind Sie im Tierschutzverein, Mister?”

„Aha, natürlich! Natürlich bin ich im Tierschutzverein! Wie kannst du

fragen? Weißt du nisch, daß ich ein Freund des Kaufhauses des ...”

„Ja, verehrter Gatte, nur heraus damit: daß ich ein Freund vom

Kaufhaus ...”

„... also, daß ich ein Freund vom Kaufhaus des Westens ... nein! das

paßt nisch, Rosa! Das, das, das paßt nisch!”

„Nu, dann nimm ihn, deinen Kollegen, den Kronprinzen, voran also!

Nochmals von vorn!”

„Gut, gut, also, wir wollen nicht nochmal von vorn anfangen,

sonst machts die Madame wieder entzwei! Wenn du sagst, Oojust,

daß du Mitglied ... halt: du sagst das überhaupt nisch

vom Automobilschutzverein, du springst gleich auf deinen

Menschenschutzverein und stellst dich so hin, kuck! Diese Geste!!!”

„Gehste mir mit deiner Geste!” krisch die Frauenstimme, „du verdirbst

mir mit deiner Kronprinzenmoral das ganze Geschäft! Ab!! Los!! Hol

wieder dein Faß, alter Diogenes und deine Laterne, wenn ihr Witze

machen wollt! Witze müssen rollen wie Erbsen aus dem Faß, müssen

Knallerbsen sein und keinen Pulvergestank verbreiten! Los, ins Faß,

alte Erbse, vertrockneter Diogenes!”

Der Direktor lachte aufdringlich, als wolle er glauben machen, seine

Frau spaße, und dies Gespaß sei eher eine Liebkosung als ein Tadel, und

er begann, laut nach seinem Faß zu schreien und klatschte dabei heftig

in die Hände ... Das Faß rollte heran, der Dresseur verkroch sich!

X

Gleich am anderen Tage begannen für Riesele, das nunmehr Dauphin

genannt wurde, die Dressuren im Sande der Manege. Dauphin freute sich

darauf, war ordentlich stolz, konnte gar nicht abwarten, bis, da er

angeseilt in der Hand des Direktors seinen sicheren Halt hatte, bis die

lange Peitsche mit ihrem harmlosen Geknall den Befehl, zu marschieren,

gab! Eine Kleinigkeit, eine Leichtigkeit, ein Kinderspiel, so im Kreise

langsam und sicher zu schreiten, den Kopf ungezwungen hochzuhalten,

immer innen an den abgerundeten Bretterkasten der Barriere entlang!

Wenn er anders laufen sollte, entgegengesetzt dieser Richtung, ha, so

trat der Direktor etwas nach hinten, was man deutlich sah, und die

Peitsche, deren Riemen da irgendwo im Sande lag, zuckte leicht auf!

„~Changez!~” sprach dann immer der Direktor! Das war nicht mehr

mißzuverstehen!

Fertig, Dauphin! Abgeseilt, ein Stück Zucker in den Mund, hinaus aus

der Schule, in den Stall zurück! Das war der erste Tag!

Lang ward die Zeit bis zum nächsten Morgen, und was brachte dieser

Morgen? Nichts Neues, nichts Neues! Noch einmal und noch zum Überdrusse

oft das alte Spiel mit „~Changez!~”

Am dritten Tage sprach der Direktor:

„Ist die Kleine fertig? Bringt sie!” Wer kam da zu Dauphin? Die kleine

Miezi, die vor drei Wochen so verpeitscht worden war. Sie wurde vor

Dauphin gestellt, mußte also ihm gleichsam den Weg weisen, denn Dauphin

war schon nicht mehr angeseilt! Sie trippelte gar possierlich vor dem

doch größeren Dauphin her und sah nicht nach rechts, nicht nach links

... sie hatte sicher schon oft solch Leithammelspiel getrieben ... und

Dauphin brauchte nur hinter ihr dreinzumarschieren. Machte der Direktor

nur eine leise Bewegung, so wußte sie gleich, daß er nun „~Changez~”

sagen würde, und sie changierte auch schon! Das hätte Dauphin

unstreitig so glatt nicht fertiggebracht ohne sie! Aber sie trippelte

ihm zu langsam! Er konnte das nicht leiden: wiederholt setzte er den

Huf seitab nach vorn, um vielleicht selber an die Tete zu kommen,

um wenigstens zu zeigen, daß er hin wolle ... aber immer zuckte die

Peitsche auf, und Dauphin blieb gehorsam!

Als die Lektion zu Ende war, lief Dauphin vor Freude allein nochmals

die Runde, aber der Direktor beachtete es nicht, und als er's endlich

doch beachtete, zuckte die Peitsche, und Dauphin konnte nicht schnell

genug draußen sein: Gehorsam ist das erste!

Am vierten Tage geschah dasselbe wieder, am fünften machte Dauphin

sein Lektiönchen ganz allein und bekam zwei Stückchen Zucker. Aber

am Abend zu den Vorstellungen durfte er nicht! Zwar riß er an

seiner Kette, als er sah, wie seine Kameraden aufgeputzt wurden und

hinausgehen durften in den grellen Lichterschein, allein niemand

kümmerte sich um ihn.

Bald kamen zu den allmorgendlichen Uebungen noch andere Pferde, auch

große, ganz große selbst, und auch der Freund Fuchs trabte eines Tages

mit Dauphin in die Manege und machte sein „~Changez~” ohne jeden Tadel.

Er hieß Wallenstein! Ha, welch eine Wonne für Dauphin, so in der Schar

der Großen und Kleinen, inmitten, denn Dauphin war größer als Miezi

und kleiner als Wallenstein ... so in der Schar als Jüngster sein

Kunststück zeigen zu können, nicht aufzufallen, nicht überzutreten,

sich vor allen Dingen nicht vorzudrängen! sein „~Changez~”

rechtzeitig, nicht zu früh wie hinten die kleine Miezi und nicht zu

spät wie fast alle zu erkennen! Und durch nichts zu verraten, daß man

doch der Jüngste war!

„Wallenstein und Dauphäng!” schrie dann der Direktor, und die zwei

Freunde mußten hinaus, indes die anderen weiterüben durften!

Ach, wie bald wurden die Uebungen schwerer! Dauphin sollte erst den

linken, dann den rechten Vorderfuß auf die Barriere heben und stehen

bleiben und zu den Leuten gucken, die da saßen: Madame, Turnerinnen in

nachlässigen Lumpen, Burschen, Sklaven, Männer mit scharfen Scheiteln

und gradlinig zugeschnittenen Koteletts! Nonchalant alle mit Zigaretten

zwischen den Lippen und lächelnden Publikumsgesichtern!

Das war nicht so leicht, wie es sich ansieht! Jedoch: keine Schläge

gab's dabei! Aber dann sollten auch die Hinterbeine auf die so schmale

Barriere! Dann mußte gegangen werden, gelaufen werden! Links eine

Peitsche, rechts eine Peitsche!! Wenn die Stunde vorüber war, wußte

Dauphin nie mehr, ob diese Peitschen ihn geschlagen hatten! Wenn diese

Stunden vorüber waren, so klopfte jeweils Dauphins Herz, der Schweiß

stand ihm in den Haaren, und der Schaum fiel in Schwaden von seinem

Munde.

Nicht einmal vierzehn Tage dauerte es, da konnte Dauphin auf der

Barriere schreiten und laufen, wie die Peitsche es wünschte! Das war

aber durchaus kein großes Stück; das konnte Miezi fast im Schlaf.

Immerhin mußte es für Dauphin eine bedeutende Leistung sein, denn an

einem der nächsten Abende durfte er hinterm braunen Samtvorhang stehen

und durch den Spalt hineinsehen in die Menge der fröhlichen Menschen.

Ja, als er seinen Kopf einmal recht weit vorstreckte, als der Bursche,

der ihn hielt, ihn sogar einen Schritt vortreten ließ, da fingen

etliche Kinder, die da in der Nähe saßen, an zu jauchzen und zu toben:

„Da Mama, sieh dies kleine Kerlchen, eben kommt's!”

Nein, es kam nicht!

Am andern Tage aber geschah es, daß dem kleinen Dauphin, bevor der

Unterricht begann, ein roter Sattel aufgeschnallt wurde, ein Sättelchen

aus rotem Tuch, das von roten Bändern festgehalten wurde. So in diesem

Staat durfte es alle seine Fertigkeiten zeigen: Rundlauf mit Changez,

Beine auf Barriere und -- sich nicht vor dem Publikum fürchten,

Rundlauf auf Barriere!

Herrjeh, herrjeh! Und am Abend geschah es wirklich: Dauphin wurde mit

den anderen Gäulen geschirrt, bekam etwas auf dem Rücken angeschnallt,

das er noch nicht kannte, und mußte am Vorhang freilich recht lange

warten, bis alle Leute vom „Tableau” aus der Manege verschwunden waren.

Husch, hinaus! Auf die Barriere!

Spar' deine Peitsche, Direktorle!

„Ah, aah, aaah!” rief die Menge, und Kinder krischen: „Pause!”

Dauphin lief rundum und schlüpfte wieder hinter den Vorhang, indes die

Leute von ihren Plätzen sich erhoben.

Dieses Schild, das die Pause ankündigte, mußte Dauphin von nun an immer

hinaustragen.

Aber das blieb keineswegs seine Hauptbeschäftigung, deshalb hatte

man ihn nicht eigens angekauft, wie man Kräfte für allerhand Dienste

braucht! Nein, nein! Dauphin war zu anderen Sachen auserlesen, wußte

das offenbar und trug sein Schild so gern hinaus, wie Agnes Sorma mit

dem Staubtuch einst an der Fensterbank stand.

Es geschah, daß die kleine Miezi wieder ihren schlimmen Tag hatte!

Sie lief wie gewöhnlich am Ende der Reihe, die von einer halbgroßen

Stute namens Lore geführt wurde. Rief der Direktor: „Komm her!” so

hieß es rasch in höchster Ordnung nach der Mitte zu einschwenken und

daselbst zu Seiten des Dresseurs zu stehen, bis ein neuer Befehl kam.

Dieser neue Befehl hieß gewöhnlich -- wer wüßte das nicht schon! --

„~à genoux!~” Beim ersten Rufen klappte alles sehr gut, und die sieben

Tiere standen Schulter an Schulter nebeneinander im verjüngten Maßstab,

Dauphin in der Mitte, Miezi am äußeren Ende. „~À genoux!~” knallte der

Befehl, und die Peitschenschmicke züngelte vor den vierzehn Knien,

bereit, ein jedes und alle zugleich zu stechen.

Dauphin, der in diesem Stück fast noch ein Neuling war, fiel zuerst

auf die Knie und jubelte um sich her mit den Augen, ob er's vielleicht

nicht schon am besten mache? Nacheinander und mit großer Mühe sanken

die Genossen, aber die Miezi draußen kam nicht herunter! Die Peitsche

trommelte an ihren Unterschenkeln, die Stimme des Direktors stieß wie

aus Karnevalstrompeten an Dauphins Ohren vorbei und umher in allen

erregten Tonlagen: sie kam nicht nieder, und die Reihe ward unruhig und

konnte nicht länger unten bleiben.

„Auf! An die Plätze! Die ganze Familie!” donnerte der Dresseur, und

sogleich schoß die Führerin nach der Barriere, und die übrigen folgten.

Miezi, gänzlich verwirrt, konnte ihren Platz nicht finden, lief

neben, außer der Reihe, wollte sich erst vor Dauphin, dann hinter ihm

eindrängen, und die Peitsche knallte umher, traf Dauphin, verzögerte

seinen eiligen Schritt, und Miezi schob sich vor ihn und raste mit

voran. Die Peitsche züngelte nicht mehr, surrte vielmehr von oben herab

auf Miezis Kopf, immer heftiger, immer heftiger im rasenden Rundlauf.

Miezi feuert nach hinten aus, trifft Dauphin an den Kinnbacken. Dieser

hat nicht Zeit, an den Schmerz zu denken, rast weiter in der wirren

Runde, stößt gar den Kopf an Miezis Backen, um sie, das unglückliche

Kind, aus der Reihe zu bringen, und im selben Augenblick springt ein

Bursch herzu, packt Miezi am Halfter und zerrt sie zurück auf ihren

Platz.

Daselbst aber fängt für Miezi erst recht die Drangsal an. Der Bursche

rennt mit und haut unausgesetzt auf das Tierchen drein mit der kurzen

Peitsche.

Der Führerin vorn an der Tete knirschen die Zähne, Dauphin trägt Schaum

am Munde, die lange Peitsche knallt, die kurze klatscht.

Soll der tolle Wirbel nicht enden? Kann Miezi überhaupt noch mittollen?

Lebt sie noch? Dauphin dreht im Laufen die Augen zu ihr hin, und

sogleich schneidet die Peitschenschmicke über seine beiden Ohren. Laut

kreischt der Dresseur, was man nicht mehr verstehen kann. Oft zischt

das Wort: „So siehste aus!”

Plötzlich aber zerreißt Dauphin die Kette; die Peitschen verlassen die

arme Miezi und stürzen sich auf Dauphin. Er spitzt nach dem Ausgang,

er sieht, wie Miezi nunmehr ohne Tadel ihren Platz innehält und sucht

auch den seinen wieder.

„So, so, so ist's gut, so ischt's guat!”

Des Direktors Stimme flutet in wohligem Wellenschlag durch das Zelt,

bald hoch, bald tief, wie ein Lied, ein schmeichelnder Gesang!

„Komm her!” heißt es nun wieder.

Die Führerin biegt ein, die Schultern reihen sich aneinander:

„~À genoux!~” ertönt's jetzt wieder streng und roh.

Miezi kommt nicht herunter, und Dauphin hockt auch in halber Senkung

und kommt nicht nieder.

„Schluß!!”kreischt der Direktor, und seine Stimme zerflattert wie eine

Fahne alter Veteranen.

„Dauphin und Miezi bleiben! Die andern ab!”

Die Gasse am Ausgang öffnet sich, eiligst strömen die fünf Befreiten

hinaus. Er wirft die lange Peitsche von sich, der Herr Direktor, der

Bursch gibt ihm die kurze.

Miezi torkelt; ein Schlag hält sie aufrecht! Auf ihrer Stirn scheint

die Wunde aufgebrochen zu sein: ein Strömlein Blut rinnt über die weiße

Nase. Der Direktor wendet sich an Dauphin: „Soll ich auch dich durch

den Kakao schleifen?” kreischt er.

„Soll ich Miezi fortführen?” fragt der Bursche. Der Direktor winkt:

fort!

„Na, und du, Proletarier, was ist denn dir in den Schädel jestiegen,

he, wat?”

Dauphin scharrt mit dem linken Vorderfuß, der Lederriemen klatscht

darauf: „Hab' ich wat jesagt, he? Willst wohl zeigen, daß du's

jutmachen willst, Jünklink! Hast Angst vor Haue, wat?”

Aller Augen richten sich auf Dauphin, dem anscheinend kein gutes

Stündlein bevorsteht. Ein Bursch zieht die Kappe, nimmt zwei

Zigaretten heraus, gibt eine einer Dame und zündet beide an.

„Hast nisch ooch eene pour moi?” fragt der Direktor, und der Bursch

holt eine dritte aus der Mütze und gibt Feuer. Schweißtropfen hängen in

den Lederriemen des Direktorengesichts. Er tut ein paar Züge und wirft

die Zigarette von sich, er faßt die kurze Peitsche und spuckt nochmals

in die Hände ...

Da geschieht ein Wunder! Am Eingang erscheint eine Frau und trägt ein

halbjähriges Kind auf den Armen.

„Ah! Aaah Aaah!” schreit alles, was da ist in dem Zelt, alles bewegt

sich nach dem Kinde hin, und selbst der Direktor läßt die Peitsche

sinken, streckt, indes er zu Mutter und Kind geht, die Hand nach dem

Burschen, der ihm eine Zigarette gegeben, bekommt eine, zündet sie an

und nimmt das Kind auf seinen garstig tätowierten Arm.

Trägt's in die Manege, sagt:

„Da guck, Jochem, was eine liebes Gäulchen!”

Und zu allen rundum sagt er:

„Dieser Dauphin gehört meinem Jochem!” worauf der Vater des Kleinen

hinterher ruft:

„Ich halte Sie beim Wort, Direktor!”

„Da guck, da guck! Dauphin, verfluchtes Sauvieh, guck dir den Jochem

an!”

Er setzt Jochem auf Dauphins Rücken, und der ganze Zirkus ist im

siebenten Himmel. Dauphin trabt einher, eine kleine Tänzerin hoppst

herbei wie ein Flugzeug, das angekurbelt ist, schwingt sich auf

Dauphins schmalen Rücken, nimmt das Kindchen auf den Schoß und reitet

so dahin, wirft's in die Luft, fängt's wieder, küßt es, drückt es an

sich und jauchzt wie die Menschen hinter den Bergen vor Freiluft und

Freude. Wer jauchzt da mit? Wer schweigt da noch?

Dauphin, Dauphin, du hättest die Freude der Freiluft schon vergessen?

Ha, Dauphin streckt, indes er wacker weiterläuft, den Kopf weit nach

vorn und stößt einen Schrei aus, der seltsam klingt wie eine Schalmei

aus Weiden, wie ein Hirtenlied auf der „Zeil”.

Nur ein Viertelstündchen währt das fröhliche Zwischenspiel, die kleine

Tänzerin seilt sich an, klappst Dauphin auf den Schenkel und sagt:

„Fort, Kleinzeug, mach' morgen deine Sache besser!”

Riesele: Geschichte eines kleinen Pferdes · 第 14 / 31 题