Der Fremde also führte das Riesele fort aus dem Paradies, am
Buchenwäldchen vorbei in das nahe Städtchen an den Bahnhof, wo Riesele
mit seiner Mutter schon einmal gewesen war. Die Kinder kamen wieder
gelaufen, weil gerade die Schule aus war, und sie stellten sich ans
Gitter des Güterbahnhofes, wo das schwarze Gäulchen auf den Zug warten
mußte, und sie winkten ihm, da es in den Bahnwagen trat, und riefen
seinen Namen, da sie es nicht mehr sehen konnten! Riesele blieb lange
Stunden im Bahnwagen, und als es heraustreten durfte, hing vor seinen
Augen ein ungeheures Licht, das langsam an einem Pfahl in die Höhe
geleiert wurde. Nun pendelte es hoch oben, und ringsum zuckten kleinere
Lichter auf, die Sperre schnurrte zurück, und Riesele schritt hinaus
in den Abend und stapfte neben dem Manne her über eine große, flache
Wiese, einem unheimlichen Hage zu, zwischen dessen Gebälk unabsehbar
Gäule weideten, schwere Kerle, deren Köpfe sich nicht vom Grasboden
erhoben.
Riesele brauchte nicht in einen dieser Hage; es wurde in einen Stall
geführt, der ganz weiß getüncht war. Hier verbrachte es die erste Nacht
in der Fremde.
Gleich am Morgen kam ein Mann in einem langen, weißen Kittel, der
streichelte an dem jungen Körper herum, und dann kamen zwei andere
Männer, die legten Riesele aufs Stroh nieder, und dann spürte es einen
heftigen Stich in der linken Flanke, daß es ausgeschlagen hätte, wenn's
ihm möglich gewesen wäre. Es konnte mit keinem Muskel zucken, so fest
hielten die Männer das Riesele, und als sie es freigaben, wollte es
sich nicht bewegen, so müde war es geworden. Es lag da, eine weiße
Schnur war um seinen Leib gewickelt, und vor seinem Munde stand ein
Napf mit Milch, den es aber nicht berührte.
Es trank indes gegen Abend doch die Milch, und am nächsten Morgen hatte
es sogar Lust, sich auf die Beine zu stellen, stellte sich auch und
fraß frischen Klee, und schon am andern Tag kam der Mann im weißen
Kittel wieder und wickelte den Verband ab. Riesele war also wieder
gesundet von einer Krankheit, die ihm zu Hause hinter seinen Bergen
sicher erspart geblieben wäre.
Es durfte aus dem Stalle laufen, es durfte die großen Gäule besuchen
an deren Hag, es durfte den Kopf hineinstrecken zu den Großen und ward
geliebkost wie von seiner Mutter.
Eines Tages entdeckte es in einem der letzten Hage ein Füllen, das an
der Brust seiner Mutter trank. Dieses Füllen trank noch an der Brust
seiner Mutter, obgleich es viel größer war als Riesele. Riesele wollte
durchaus nicht etwa mit ihm trinken: es hatte nur seine Freude an dem
großen Säufer und dünkte sich sehr erwachsen. Jeden Tag trieb es sich
bei Mutter und Kind umher, bis ein Wärter ihm gar die Tür aufmachte und
es hineinlaufen ließ.
Hier im Schatten einer Mutterliebe verbrachte Riesele die nächsten
Wochen seines Lebens, bis der Winter kam. Die Mutter hatte genug Liebe
und verschenkte davon an das Riesele, soviel sie konnte, und Riesele
wuchs mächtig heran! So sehr es sich aber im Wachsen beeilte: das
kleine Mutterkind blieb größer! Es konnte seinen Kopf auf die dritte
Querstange des Hages legen, aber Riesele konnte das nicht! Riesele war
klein, Riesele war ein Zwerg gegen dieses Füllen, Riesele konnte sich
strecken, soviel es wollte, aber es blieb klein. Trotzdem, wenn es auch
kleiner war als der Säugling, so war es doch stärker als dieser, und
sein Benehmen glich viel eher dem eines gesetzten Burschen.
Von Tag zu Tag glänzte Rieseles Haut mehr, seine Haare stellten sich
dichter, da der Winter weiß auf den nahen Bergen hockte, die Blesse
leuchtete etwas über den Augen, und in den Augen erschien ein seltener
Glanz, der alle, die kamen, über die Maßen entzückte. Zugleich schossen
die Haare des Schweifes tief hernieder und berührten fast die Hufe, die
Mähne zottelte sich in weichen Kräuselwellen am Halse herab und fiel
über die Schulterblätter, und die Stirnhaare wuchsen bis zur Blesse und
hörten auf zu wachsen!
Rieseles Rücken blieb schmal, seine Brust wollte sich nicht breit
auseinandertun, entfaltete sich zwar, blieb aber trotzdem schmal und
zierlich. Seine Schenkel wulsteten sich nur kaum merklich hervor.
Dennoch, obwohl die Muskelstärke nicht so sehr zutage trat wie bei
Füllen, die für den Strang geboren sind, machte sich in diesem kleinen
Körper ein reges Spiel der zarten Kräfte bemerkbar, das den Kenner und
noch mehr den Menschen, der in dem Spiel der Muskeln das Leben sieht
und die Schönheit und, was alles dahinter sich versteckt, höchlich
entzücken mußte. Wenn die beiden Kinder miteinander spielten, so
tolpatschte das größere, das jüngere, hierhin und dahin, ungelenk und
steif und stieß bald an den Stangen an und rannte gegen die Mutter, und
einmal warf es sogar das Riesele um auf den Grasboden, daß dem Riesele
fast die Tränen kamen.
Dieses aber bewegte sich ganz anders! Die geringe Last seines Körpers
schnellte, von den Vorderbeinen aufgewippt, überaus leicht und
zierlich und anmutig den Rücken hernieder in die Hinterbeine, so daß
die Vorderbeine sich fröhlich in der Luft ergingen, so daß die lange
Zottelmähne umherwirbelte, der Kopf sich aufreckte, sich vor Uebermut
schüttelte, so daß die Zähne hervorblitzten und die Ohren in der
Luft herumstachen, wie wenn sie Fliegen schlagen wollten! Die geringe
Last des Körperchens turnte in die Vorderbeine, daß die Hinterbeine
befreit waren, daß die Hinterbeine nach allen Seiten ausfeuern konnten,
als seien sie die schlimmsten Pferdebeine der Welt, daß sie aber nur
fortgesetzt und immer wieder Löcher in die kalte Herbstluft schlugen.
Die Kraft, die sich in dem kleinen Körper regte, war durchaus nicht
klein und wollte vertobt sein! Ein Spatz, der sich aufs Geländer des
Hages setzte, eine Mücke, die heranflog, das Riesele zu stechen und von
seinem Blut zu trinken, ein verspäteter Schmetterling, der irgendwohin
flatterte und an Riesele zufällig vorbeikam, sie alle reizten des
Riesele junge Kraft wie echte Feinde, und jeweils stürzte sich der
kleine Mann auf das harmlose Tierchen los, der große Säugling tat dann
auch mit, und wenn der Spatz endlich den Hag verlassen, wenn der
Schmetterling sich weiter in die Höhe geschwungen, wenn das Bienlein
das Weite gesucht hatte vor solcher Turnierwut, so gerieten die zwei
Kleinen sich an die Köpfe und bissen sich gegenseitig in die Hälse,
in die Kinnbacken, gar in die Ohren, und sie feuerten aus, trafen
sich aber niemals! Der Säugling war ungelenk; sein Körper wartete
noch auf größeren Kräftenachschub, war aber schon für diese größeren
Kräfte einstweilen eingerichtet und stand oft breitbeinig da wie das
hölzerne Pferd der Trojaner, das auch auf allerhand Kraft warten mußte.
Riesele dagegen wußte mit sich umzugehen! Es konnte, wenn eine Fliege
an seiner Brust saß, den Brustmuskel erzittern lassen und brauchte
vor dieser Fliege nicht fortzulaufen wie sein Milchbruder! Es konnte,
wenn der Bauch juckte, den Schweif herschwingen, oder es konnte den
Kopf so weit zurückbiegen, daß es sich am Bauche schaben konnte, mit
den Zähnen beißen konnte, daß es den Vorderhuf oder auch den Hinterhuf
heben konnte und dabei nicht achtzugeben brauchte, ob es umfalle, wie
der große Kleine! Er war wirklich einmal umgefallen, der Säugling: er
wollte es dem Riesele gleichtun, wie es sich am Hinterschenkel biß, er
drehte sich da oftmals im Kreise, und der Schenkel drehte sich auch
und entlief dem Maule immer wieder im Kreise herum. Blieb endlich
das Hintergestell an seinem Platze, so reichte der Hals nicht, d. h.
gereicht hätte der Hals schon, aber er war zu steif, als daß er sich
genügend gebogen hätte. Da nun in dem zukünftigen Ackergaul offenbar
ein Stück Ehrgeiz rumorte, überspannte er den Bogen seines Halses und
knackte um. Da lag er nun!
Diese Umbiegung, daß der Kopf sich dem Schweife näherte, war seitdem
Rieseles liebstes Spiel, und dies Spiel sah sich köstlich an: die
dünnen Rippen preßten sich am schwarzen Bäuchlein hervor wie mit
dem Silberstift getönt, der Hals erglänzte längs der Rundung, die
Mähnenspitzen ergossen sich über den gestreckten Kopf, und der ganze
Körper ruhte gefestigt in dieser Stellung wie in Erz gegossen. Da
mochte denn der braune Ehrgeiz nicht mehr von den Stangen des Hages
weggehen und schabte, ob nicht bald die ersten Zähne kommen wollten!
Indessen: es wurde kalt, das ganze Gestüt ward abgebrochen, und Riesele
kam in einen Stall.
Schon am zweiten Tage erschienen etliche Männer in dem Stall. Sie
besahen sich die schweren Gäule, und plötzlich kommt einer der Männer
auf Riesele zu und sagt zu den übrigen:
„Hier, staunt: brauchen wir denn nicht auch einen Dauphin? Er ist zwar
von Haus aus ein Mädchen, aber was verschlägt's?” Er sagte das etwa
so, wie ein Theatermann einen jugendlichen Liebhaber sucht oder eine
Heldenmutter oder eine komische Alte!
Alle kamen zu Riesele her; alle besahen, befühlten, betätschelten
Riesele, und Riesele stand da inmitten ihrer Lobpreisungen und
spielte mit den Nüstern und spürte die vielen eingehenden Blicke wie
Liebkosungen an sich umhergleiten. Seine Blesse ward gestreichelt,
seine Ohren wurden gezerrt, seine Augen wurden mit einem kleinen
Kerzenlicht beleuchtet, ob sie gesund seien, seine Lippen wurden
wiederholt auseinandergenommen, seine Zunge herausgeholt, seine Zähne
betickt mit einem blanken Schlüssel!
Riesele und mit ihm ein überaus starker Hengst, der auffällig rot
gesprenkelt war, diese zwei mußten aus dem Stalle treten und wurden am
selben Tage fortgeführt ans Bahnhöfchen.
Während der langen Fahrt freundeten sich die beiden Pferde an, und
der große Hengst, der seine Nüstern oben am Viehwagen hinausstrecken
konnte, was dem kleinen Riesele versagt war, schurfte mit seiner Nase
oftmals an Rieseles Hals herum, als wolle er dessen Kopf hinaufziehen
an das breite Luftloch. Aber Riesele war doch zu klein! Es legte sich
auch einmal nieder, streckte die vier Beine von sich und streckte die
Beine unendlich weit aus und wuchs zusehends. Auch den Kopf reckte es
von sich, und wenn das garstige Halsband nicht gewesen wäre, das an der
Eisenstruktur festgebunden war, so hätte Riesele ein Stündchen oder ein
Viertelstündchen geschlafen.
Der Fuchs konnte sich nicht legen: er hatte Hufeisen an, die schon
recht glatt abgelaufen waren, und so oft er's auch versuchte, glutschte
er und schnellte vor Aufregung, vor Angst immer wieder in die Höhe.
Ungeheure Schenkel hatte dieser Gaul! Ueber den Knien wulsteten
die Muskeln hervor wie Halbkugeln, und dann begann eine Fülle von
gestrafftem Fleisch sich hinaufzubiegen, die in ihrer Fuchsröte den
dunklern Schweif, der sehr kurz und zerfranst war, fast völlig in
sich einbettete. Beinahe etwas zu wenig dick zog der Bauch nach den
Vorderbeinen hin, gleichmäßig rund wie eine Walze, und vom rechten
Vorderbein her ästelte eine Ader, dick wie ein Bauerndaumen nach
oben und unterm Bauche her. Unten erhöhte sich das Rot zu einem
überschmutzten Weiß, das sich gegen die Brust ergoß und zwischen den
Beinen auf den stets federnden Brustmuskeln sich wieder verlor. Gerade
wie Don Quichotes Beinschienen strafften die Muskeln dieser Vorderbeine
nach unten, mehr Sehne als Muskel, von keinerlei Fettansatz verhunzt,
von keinem warzigen Auswuchs verunstaltet, und die Hufe breiteten sich
unter dem schmalen Zehengelenk, das scheinbar schwach aussah wie ein
Brückenbogenaufsatz, kurz, straff, gepackt und fast rechtwinkelig zur
Erde. Ueberaus zierlich standen diese Hufe da, kaum größer als die des
Riesele.
Riesele aber hatte seine Freude an des Fuchses Hals! Es konnte und
durfte mit seinen Lippen über die blanke Glätte hintasten, es konnte
und durfte längshin die Rinne beschnuppern, die sich von der Brust
bis an die Backen des Kopfes erstreckte, es konnte und durfte an
der kurzen Mähne, die bald nach links, bald nach rechts äußerst
zerzauselt herabhing, mit den Lippen, mit den Zähnen, mit der Zunge gar
herumschmecken.
Riesele merkte bald, wie der große Freund Freude hatte an den
kindlichen Schmeicheleien! Es schmarotzte auch an seinem Kopf herum:
es biß mit seinen Milchzähnchen an den festen Nüstern, es leckte
gar an die Zähne hinein, es schabte mit der Nase seitlich an die
sehnigen Backen, wo Aederchen zitterten aus Zorn über die harten
Halfterriemen, die da angeschnürt waren. Ha, wenn der Große den Kopf
herniederbog, wenn der Hals hinter den Kinnbacken sich einfältelte
wie ein Kinderkleid, ha, da boten sich dem Kleinen zwei Lichter dar,
links eins, rechts eins, zwei Börnchen lebendigen Wassers, zwei
wogende Schalen, in denen Kraft und Uebermut und Liebe und Schönheit
fluteten, daß es dem Kinde angst und bange ward und warm ums junge Herz
und bockelig vor Freude. Von der Stirn her quirlte ein angeknäulter
Haarschopf gegen die Augen, die er aber nicht verdecken konnte, und die
aufgespitzten Ohren hatten Mühe, sich aus diesem Quirle zu erheben.
Was für eine seltsame Freude war das doch in Rieseles Herz!
Aneinandergekoppelt schritten die zwei ungleichen Gesellen quer durch
eine große Stadt und beschlossen ihre Wanderung an einem grauen Zelt,
das neben anderen größeren Zelten auf einer Wiese stand. Kinder liefen
an gelbgestrichenen Wagen umher, lüfteten die Zelttücher und sahen
hinein, und Hunde bellten an ihnen herum, bissen aber nicht!
Die beiden Freunde mußten ein Weilchen warten, bis sie hinein durften
ins Zelt. Sie standen vor einer Reklametafel, die ganz bedeckt war mit
buntigen Tieren, mit Pferden, Tigern, Löwen, Elefanten und mit drei
ganz kleinen Gäulchen, die Ball miteinander spielten. Sie besahen beide
diese Herrlichkeiten! Der Fuchs regte sich nicht; selbst die vielen
Kinder, die sich um sie herstellten, ließen ihn nicht aufmerken!
Ein kleines Mädchen scheuchte mit seinem dicken Muff nach des Fuchses
Kopf, aber der Fuchs verzog keine Miene. Starr hafteten seine Augen an
den grellen Farben der Holztafel.
Riesele aber konnte die Ruhe nicht bewahren! Sei es, daß die Kinder
das kleine Gäulchen verwirrten, da sie ohne jede Scheu seinen Hals
streichelten und seinen Rücken, sei es, daß das Kerlchen von dem, was
auf der Tafel dargestellt war, ein Ahnen hatte, eine Lust, mit den
drei Kleinen zu spielen, eine Ungeduld, hier angekoppelt sich begaffen
lassen zu müssen!
Eine Sacktür öffnete sich! Riesele ward hineingezogen, der Fuchs kam
hinter ihm drein. Warm war's hier, es roch nach Pferden, aber auch nach
anderen Tieren! Löwen lagen hinter starken Gittern, ließen die Pranken
heraushängen und blinzelten mit den Augen. Ein alter Affe lauste sein
Junges. Und weiter hinten erst standen die Pferde! Ein Junges soff an
seiner Mutter, etliche ganz kleine Gäulchen lagen wie Geschwister auf
einem Häufchen und pflegten der Ruhe. Das Allerkleinste, viel kleiner
als Riesele, war weiß und hatte hellrote Flecken am ganzen Körper. Die
drei auf dem Häufchen sahen, ohne die Köpfe zu erheben, den Ankömmling
an. Dieser verspürte Lust, mit ihnen zu spielen, und strebte nach
ihrem Verschlag, mußte aber etwas weiter zurück in dem Stall. Der Fuchs
hatte schon seinen Platz bei vielen Gäulen gleicher Größe, doch schien
er stärker als alle.
Es dauerte nicht lange, so gab's reges Treiben im Stall. Eine Dame
brachte den Löwen Fleisch und streichelte sie und nannte den einen
Mäuschen, den anderen Herzblatt, den dritten Rapunzel, den vierten
Kasimir Edschmid. Burschen kamen, sattelten, äußerst bunt, etliche
der großen und alle die kleinen Pferde, und eine Mannsstimme rief
irgendwoher:
„Dahinten liegt ein Paar Schuhe; wem gehören die denn?”
„Sind's weiße?” rief eine blecherne Frauenstimme dazwischen, und die
Mannsstimme entgegnete:
„Nein, rote!”
„Die sind mir!” krischen etliche Weiber, und zwei liefen durch den
Stall, die eine mit nackten Beinen, die andere ohne Bluse überm grünen
Seidenhemd.
„Entree!” ertönte es, eine Peitsche knallte. Die Burschen, die alle
schmutzig gekleidet waren, schoben fast alle Pferde nach dem Eingang.
Die kleinen hatten grüne Lappen auf den Rücken liegen, die von
gelbglänzendem Lederzeug festgehalten wurden. Schellen rasselten an dem
Lederzeug!
Riesele stand! Riesele streckte den Kopf vor und scharrte mit dem Huf
im Mist und riß an seiner Kette. Der Hengst lag und schnaufte.
„Entree!” rief eine dunkle, aber hellgestellte Stimme wieder.
Man schwang sich in die Sättel! Männer, als Empiresoldaten verkleidet,
Frauen als Empiresoldatenmädchen verkleidet, schwangen sich in die
Sättel. Lanzen ragten auf, Helme blinkten, Fähnlein hingen züchtig an
den bunten Stangen. Zwei rotgefärbte Reiherfedern schnitten quer durch
die Lanzenstangen; ganz hinten trippelte das winzige Schimmelchen,
nicht größer als solch eine Feder.
Nein! Riesele durfte nicht mit!
Ein Vorhang hob sich, Trompeten erschollen, der Zug schob ab ins
Entree! ... Was zurückkam, jubelte, wieherte, knirschte mit den Zähnen
vor Lust; was zurückkam, stand begierig, wieder fort zu dürfen, hinaus,
in die Manege, in die Herrlichkeit des großen Lebens, die Herren
Menschen zu ergötzen!
„Tableau!” schrie hell die dunkle Stimme; die Pferde reckten sich schon.
Riesele, der Fuchs, das Füllen und seine Mutter blieben zurück, sonst
niemand! Nicht einmal nach dem Vorhang durfte Riesele gehen! Was mochte
sich da draußen abspielen?! Auch der Fuchs schlief nicht, sondern sah
nach dem Vorhang.
Sie kamen schon wieder, die Pferde; sie wurden umtätschelt von den
überaus lustig gekleideten Menschen, und eine Dame turnte auf den
Rücken ihres Gaules und legte die Wange an den Hals des Tieres und
sagte:
„Dat war aber mal eine leckere Chose, Schatz!”
Sie küßte das Pferd, dessen Augen rundum frohlockten. Riesele sah dies
genau.
Ein Bursch schlug einem anderen Burschen, der eine dünne, lange Röhre
schräg vom Kopf abragen hatte, ins Genick: er purzelte. Auch der erste
purzelte, und so kamen sie auseinander, jeder zu dem Pferd, das er
zu bedienen hatte! Die Löwen wurden in ihrem Käfig hereingezogen,
die Dame, die bei ihnen am Gitter stand, trug einen Lorbeerkranz im
Haar. Sie schillerte von glänzenden Steinen wie ein Heckenrosenstrauch
im Juniregen. Ganz zuletzt erschien ein niedriggebautes arabisches
Vollblut, das trug gesenkten Kopfes einen mächtigen Eichenkranz, der
mit goldenen Schleifen durchwirkt war, um den Hals. Ein Mann im Trikot
schritt neben ihm, nahm von einem Nagel im Pfosten drei schwere,
silberne oder bleierne Ringe und streifte sie sich an die Finger.
Ein jeder sang, pfiff oder trillerte vor sich hin; alle Tiere, die
draußen waren, sangen, pfiffen, oder trillerten vor sich hin. Was, um
des Himmels willen, mochte draußen alles geschehen sein!
Riesele sah auf einmal dauernd zu dem Freunde hin, und auch dieser
spitzte die Ohren und starrte zu Riesele her, als wünsche auch er
Auskunft!
Mit einem Schlage jedoch verlöschten die Lichter, Riesele legte sich
nieder und schlief ein, in Erwartung der Dinge, die seiner harrten.