Indessen gewöhnte sich Riesele an die Deichsel und durfte schließlich
überallhin mit. Eines Tages wollte ein Fremder an den Bahnhof gefahren
werden. Der Kutscherbock war zweisitzig; der feine Herr kam, wie er
Riesele sah, aus der überdächelten Chaise hervor und setzte sich neben
den Bauer Klaus, um das Riesele genau beobachten zu können.
Es lief erst züchtig, wie wenn es ziehen würde, neben der Mutter her
und nickte gleich ihr mit dem Kopf nach unten, als sei die Last gar
nicht so leicht, wie es scheinen mochte! Aber schon gleich auf der
Landstraße riß es an seinem Halfter, schob die Hinterbeine seitaus und
machte seiner Mutter große Beschwerden. Trudel, die Mutter, ließ sich
nicht beirren und vermochte immer wieder durch gütiges Zureden, das
den Menschen leider nicht erkennbar ist, den kleinen Burschen in Zucht
zu halten. Jedoch nie lange! Trudel selbst begann aufgeregt zu werden,
man sah ihr den Angstschaum am Maule stehen.
Als das Riesele aber wieder einmal am Halfter zerrte und gar zu bockeln
anfing, sagte der Fremde zum Bauern Klaus:
„Würden Sie mir einmal Ihre Peitsche und Ihre Leine anvertrauen? Ich
will mal meine Kunst probieren!”
Er schnalzte ein seltsames Gezisch mit der Zunge, und sogleich stellte
Trudel die Ohren aufrecht, und sogleich drehte der Student die großen
Augen einmal zurück nach dem Kutscherbock und lenkte die Hinterbeine
ein.
Die Leine straffte, die Peitschenschmicke flatterte hochauf.
„Das ist ein seltenes Feuer, Herr, woher haben Sie es?” fragte der
Fremde.
„Die Mutter brachte mir der Jude, das Kleine ist ein Gelegenheitskind:
der Vater war bei einer Seiltänzergesellschaft!”
„Aha! Passen Sie auf!”
Der Fremde sprang ab, besah sich der Stute Gebiß, griff ihr an die
Muskeln des Vorderbeines und tupfte dann mit dem Zeigefinger auf ein
Plätzchen über der Kniescheibe, worauf die Haut, wie wenn eine Mücke
dasäße, leicht erzitterte.
„Sie ist ein braver Ackergaul, nicht? Sie hat zwar Qualitäten gehabt,
ist aber in falsche Hände gekommen und hat's zu nichts gebracht! Wollen
mal beim Kleinen sehen!”
Er nahm Rieseles Kopf in die Hände, reckte ihn wie einen Rekrutenkopf
zu sich in die Höhe, schnitt mit dem Fingernagel hinter den beiden
Ohren zwei Halbkreise, und die beiden Ohren schlugen fast aneinander.
Er tupfte an den Knien herum, und die beiden Vorderbeine knickten ein,
und fast wäre Riesele hingefallen.
Der Fremde sah den Bauern lange an, nickte und sagte:
„Er ist wohl auch ein toller Bruder, was? Hören Sie, verkaufen Sie mir
den Studenten, ich bezahle ihn gut!”
„Was soll aus ihm werden, Herr?” entgegnete der Bauer, „er ist
ein einfaches Tier, das weder große Kraft noch große Arbeitslust
haben wird. Anlagen hat er, ja, aber Anlagen zum Taugenichts, zum
Guckindieluft, und da er Sternkundiger wohl nicht werden kann, muß er
in stramme Zucht genommen werden für den Wagen!”
„Es gibt außer körperlicher Arbeit und außer der hohen Wissenschaft
noch andere Dinge in der Welt, mit denen man die Menschen beglücken
kann, mit denen man schließlich auch sein Brot verdienen kann, Dinge,
die dem grauen Alltag ferne liegen!”
„Soll er etwa das lebendige Spielzeug werden verwöhnter Fürstenkinder,
soll er Kinderschlachten schlagen helfen auf den umhegten
Spielplätzen, vor denen wirkliche Soldaten Wache stehen? Soll er den
Kopf senken vor den Herrschaften dieser Erde, wie wenn er ein Sklave
wäre gleich den meisten unserer Mitmenschen?”
„Die Freiheit, Herr, steckt ihm zu sehr im Blut, als daß er sich hierzu
eigne! Er soll, in Freiheit dressiert, ein großer Künstler werden zum
Heil der Menschen!”
„Ich seh mein Gäulchen meiner Treu schon auf dem Hochseil tanzen! Nein,
nein, wollten Sie gar einen Künstler aus ihm machen, gäb ich es erst
recht nicht her. Auch in meinem Haus wird mehr gelacht als geweint.”
Riesele schritt indes züchtig einher, da die Schmicke der Peitsche über
seinen Ohren drohte und nicht verschwinden wollte!
Am Bahnhof stieg der Fremde aus, nahm Rieseles Köpfchen zwischen die
Hände und sagte zu ihm:
„Wir sehen uns wieder!” und zum Bauern sagte er:
„Glücklich sein oder glücklich machen: was dünkt Ihnen am schönsten,
Herr?”
Der Bauer sah dem Fremden in die Augen, wußte nicht, was er sagen
sollte, und wiederholte schließlich dieselbe Frage:
„Glücklich sein oder glücklich machen? Ja! Ja! Glücklich machen,
natürlich! Aber was ist Glück?”
„Hahaha!” entgegnete der Fremde, „Sie gehen mir schon wieder zu weit!
Zu tief, zu tief in die Erde, zu tief an die Wurzeln! Wir Menschen des
Kaiserreichs treiben gern oben auf dem Wasser unserer Zukunft entgegen,
leben über der Erde, wo die Blumen blühen und die Vögel singen!”
„Verstehen aber die Blumen nicht und die Vögel nicht und haben
überhaupt die Wurzeln verloren! Nicht wahr?”
„Möglich, Herr, möglich; aber wer die Wurzel nun einmal verloren
hat, wie Sie sagen, soll dem für die kurze Zeit, da seine Blüte noch
standhält, das Glück versagt sein?”
„Das Glück wird ihm versagt sein müssen, denn Glück bedeutet: Wurzel
haben! Aber den Schimmer soll man dem Schimmer lassen!”
„Den Schimmer soll man dem Schimmer lassen,” wiederholte spöttisch und
nachdenklich der staunende Fremde, und fuhr dann fort: „Doch genug der
leeren Worte: ich komme nach drei Wochen wieder und werde dann das
Riesele abholen! und wie gesagt: Sie werden keinen Schaden haben bei
der Sache!”
Als der Vater zu Hause erzählte, was ihm begegnet war, öffneten sich
die drei kleinen Mäulchen und schlossen sich schier nicht mehr an
diesem Abend. Der Vater hatte beim Militär allerhand interessante
Stückchen gesehen: der Rittmeister war ein Narr gewesen: Kerle! sagte
er oft zur Schwadron, ich bin der Teufel! Ich liebe meine Frau nicht
und meine Kinder nicht: wie soll ich etwa euch lieben? Ein vollendeter
Narr war der Rittmeister! Dazu ein Pferdenarr, der neunzehn Reitpferde
besaß und sie dressieren konnte. Im Walzertakt ritt er an zum Appell;
Schottisch auf den Hinterbeinen konnten zwei seiner Gäule flott tanzen!
Einmal erschien er mit einem Rappen, dessen Hufe vergoldet waren, zum
Appell.
„Vergoldet?” rief das Trudelchen, das in der Mutter Schoß lag, „und die
Hufeisen, waren die auch von Gold?”
„Die waren natürlich auch von Gold!” erwiderte der Vater und erzählte
weiter, wie dieser Rittmeister einmal in einem Zirkus ganz plötzlich,
ohne daß irgend jemand zuvor davon gewußt hätte, angeritten sei mit
einem schneeweißen Hengst, wie er nur einfach rundum geritten sei, und
wie die Menge vor Begeisterung geschrien hätte. Alles habe geschrien
„Bravo, bravo!” und er, der Vater, habe mit seinen Kameraden zuerst
geschrien und zuerst geklatscht, und nachher hätte jeder drei Tage
Urlaub bekommen und zwanzig Mark!
„Zirkus?” sagte die Mutter, „ja, wenn Riesele in einen Zirkus soll, da
weiß ich auch Bescheid! Doch will ich heut abend nichts mehr erzählen,
ich heb meine Sach auf bis zum Sonntag! Ja, wenn's Riesele in einen
Zirkus soll, da ging ich auch mit!”
„Ich auch, ich auch!” versetzten die Buben und knöpften schon die
Hosenträger ab, und Trudel, die schon halb geschlafen hatte, rieb sich
die Augen und flüsterte:
„Ich auch, Mutter, gelt, ich auch?”
„Freilich, freilich, wir alle gucken, wenn das Riesele Walzer tanzt,
oder auf dem Hochseil läuft, oder wenn es dem König sagt, wie lange er
noch zu leben habe!”
Nun wurden alle Tage zu Sonntagen, die Buben schnitten sich Degen aus
Holz, klebten Papierhelme, gürteten farbige Bänder um den Leib, und das
Mädchen tanzte, wo immer sie ging und stand. Die Mär, daß Riesele in
den Zirkus komme, wußte bald die ganze Jugend des Dorfes. Hüpfseile,
Springreife, goldige Schnüren, Soldatengerät aller Art tauchten auf,
und auch die Alten betrachteten das Tierchen mit den Augen ihrer
Komödiantentage, wie jeder Mensch sie mit sich durchs Leben trägt. Das
ganze Dorf begann inmitten der grauen Kartoffelernte zu leuchten im
zukünftigen Glanze des kleinen Riesele, und alle sagten:
„Er hat sein Glück gemacht!”
„Glücklich sein, ist nicht Glück,” sagte der Bauer Klaus zum Herrn
Pfarrer, „glücklich machen, das ist Glück! Oder wie denken Sie über
diesen Fall, Herr Paschtohr?”
„Da ist nicht viel zu denken, Freund Klaus: wer sein Glück darin
findet, daß er glücklich macht, der ist wahrlich ein kleiner Heiland!”
Als jedoch die drei Wochen herum waren und der Fremde wieder kam, da
wollte niemand das Riesele hergeben. Die ganze Stube war voller Kinder,
aber das Riesele stampfte ungestüm in seinem Hag, als wisse es, was
geschehen solle, und als wolle es möglichst rasch fort in den Zirkus.
Der Fremde zählte zwei lange Reihen dicker Silbermünzen auf den
eichenen Tisch, der Vater überzählte sie, indem er mit zwei Fingern auf
je zwei tupfte und sie ein bißchen höher schob, und die Mutter hielt
die Daumenspitze zwischen den Zähnen.
Die Buben liefen hinaus, wie sie das viele Geld sahen, und die Stube
leerte sich fast. Trudel trat betrübt zur Mutter, und als die Mutter
sie auf den Arm nahm, kollerten dem Kinde die Tränen aus den Augen, und
es sagte ganz laut:
„Jetzt verkaufen wir das Riesele, wie die Brüder den Joseph verkauft
haben um dreißig Silberlinge; da hätten wir das Riesele doch Joseph
nennen sollen, wie's noch ganz klein war!”
Die Mutter konnte die Tränen auch nicht verbeißen, sie sah den Vater an
und sagte:
„Dreißig Silberlinge, sind's nicht auch gerade dreißig Silberlinge,
dreißig dicke Silberstücke, und dafür hat auch Judas den Herrn
verraten!”
„Ja, willst du das Riesele behalten?” fragte der Vater.
„Die Kinder, die Kinder!” antwortete die Mutter, „da guck hinaus, die
Buben führen's fort!”
„Was die Buben tun, gilt wohl nicht!” sagte der Fremde, zog seine Börse
und legte drei Zehnmarkstückchen zu dem Geld, hob das eine wieder vom
Tisch auf, reichte es dem weinenden Trudelchen und sprach:
„Hier, Kind, ein Füchschen für dein Räppchen, und das hier gibst
du deinen Brüdern! Hier, sieh genau hin, der Mann, der da im Gold
abgebildet ist, das ist der Kaiser!”
Das Kind betrachtete die Münze und rief zum Fenster hinaus:
„Gustav, August, kommt herein, ihr habt goldene Kaiser bekommen!”
Sie kamen herein, und das Riesele ging, ohne seiner Mutter Ade gesagt
zu haben, von dannen, dem Zirkus des Lebens entgegen, den sich die
Menschen eingerichtet haben.