Von nun an also sah man das Riesele nicht mehr auf den Gassen
umhertollen. Es ward eingesperrt! Der Zaun, im Geviert vor der
Wohnstube des Bauern errichtet, war aber stets lebendig: Buben hockten
drauf, Mädchen selbst erkletterten ihn und ließen die bloßen Füße
herabbaumeln, und da er sehr fest aus dicken Balken gezimmert war,
konnte manchmal die ganze Dorfjugend auf den Balken Platz finden. Die
Buben liefen mit weitausgestreckten Armen sicher wie Seiltänzer drüber
hin, und die Erwachsenen lehnten sich an, um wie vertraute Nachbarn das
Gäulchen zu beobachten.
Es lief da innen am Zaun entlang, biß an den Birkenrinden sich die
Lippen blutig und hälmelte spärlich an dem zertretenen Gras des
Bodens. Rundum, den Zaun entlang, war bald ein Pfad festgetrampelt, und
an den Balken nach der Wohnung zu wuchs auf einen Meter breit kein Halm
mehr.
Die Unfreiheit schmerzte. Zwar kam niemand vorüber, der nicht dem
Riesele ein Stückchen Brot schenkte, ein Klümpchen Zucker, eine
Handvoll Klee, aber es gab doch so viele Stunden, da mußte es allein
sein und wußte nichts zu tun, als an der Rinde knuppern, als mit den
Hufen scharren. Oft legte es sich mitten in sein enges Reich und
schlief oder träumte mit offenen Augen in den blauen Himmel.
Die Augen, die unendlich groß und unendlich dunkel und unergründlich
waren, spiegelten alsdann den Hag, die Wiesenhalme, das ferne Wäldchen
wider, als ergingen sich diese Schönheiten in der jungen Tierseele, und
Trudel konnte sich an diesem Glanze gar nicht satt sehen. Ach, so oft
schlüpfte sie durch das Gehege hinein und legte sich neben den Freund
und half ihm träumen und scharren und knuppern, wenn's nötig war. Es
geschah aber auch, daß andere Kinder ins Bereich schlüpften, um mit
Riesele im Gefängnis herumzutollen, und diese Stunden des Spiels waren
dann die wenigen Feststunden, da Riesele sein Elend vergessen konnte.
Die Mutter Trudel mochte in sich fühlen, daß ihr Kind schon Verständnis
habe für die Arbeit, oder doch, daß nun die Zeit gekommen sei, ihm
dieses Verständnis beizubringen, und immer, wenn sie angespannt wurde,
zerrte sie an ihren Strängen nach dem Kinde hin, das freilich, seit
es eingesperrt war, mehr nach der Mutter umsah als ehedem. Ja, die
Mutter wollte sogar nicht mehr ziehen, blieb stehen und ließ sich mit
der Peitsche schlagen und stieß klagende Schreie aus und ward bei der
erzwungenen Arbeit unruhig und wirr. Der Bauer wußte ja gleich, was sie
wollte; aber er vermeinte, das Zwerggäulchen noch ein Weilchen wachsen
lassen zu sollen, bevor ihm der Ernst des Lebens könne gezeigt werden.
Wahrscheinlich aber ist, daß die Mutterstute -- man weiß, wie Mütter
sind -- ihr Kind nicht deshalb bei sich haben wollte, daß es lerne, den
Wagen und auch den Pflug zu ziehen, sondern daß sie es nur deshalb bei
sich haben wollte, um es eben bei sich zu haben! Der Bauer Klaus ließ
also das Gäulchen vorerst noch ein Weilchen in seinem Hag und achtete
der flehentlichen Muttersorgen nicht. Der Raps war zudem reif und mußte
heimgefahren werden, im Rindenwald, gegenüber vom Birkenwäldchen,
kläpperten Eichenschäler seit drei Tagen die jungfrischen Rinden
von den Stecken, und: eine Fuhre Rinden nach dem Bahnhof im
Nachbarstädtchen bringen, das trug schon etwas ein! Da konnte man einen
Schüler nicht ohne weiteres nebenher laufen lassen!
Riesele blieb also in seinem Gefängnis und hatte nichts zu tun als auf
die Kinder warten, bis die Schule aus war, als an der Rinde zu nagen
wie eine Maus, als den Boden zu zertrampeln wie ein Töpferlehrling.
Die Leute des Dorfes beachteten Riesele von Tag zu Tag weniger, sei
es, daß sie ihm aus irgendeinem Grund feindlich gesinnt waren, sei es,
daß sie seiner überdrüssig wurden! Wer brachte noch ein Stück Brot?
Wer ein Klümpchen Zucker? Selbst die Kinder des Hauses kamen seltener
und liefen lieber den Seifenblasen nach, die sie doch nicht erreichen
konnten, denn Seifenblasen schweben in den Himmel!
Der Pfarrer, wenn er vorüberging, rieb wie die Kinder mit dem
Zeigefinger auf dem Daumen und ging vorüber! Der Lehrer, wenn der
vorüberging, blieb wenigstens einen Augenblick stehen, griff herein
ins Gefängnis, holte sich den willigen, ach, den der Liebe so sehr
bedürftigen Kopf des Riesele, streichelte über die Blesse, streichelte
über die warmen Augen, hob mit beiden Händen des Gäulchens volle Lippen
auseinander und befühlte die Zähne! Der Bürgermeister, der offenbar
eifersüchtig war, weil das Riesele nicht ihm gehörte, guckte immer,
wenn er in die Nähe des Hauses geriet, in irgendein Schriftstück, als
könne er nur ganz langsam lesen, und ging vorüber ohne Gruß, ohne
Blick! Vom Polizeidiener nicht zu reden! Dieser Mensch hatte Humor in
sich, hatte wiederholt mit seiner Schelle am Hag ein kleines Konzert
zusammengeläutet, hatte wiederholt mit dem Stiel seiner Schelle das
Riesele am Bauch gekitzelt: dieser Mensch wollte oder durfte, sicher,
weil der Bürgermeister eifersüchtig war, mit Riesele sich nicht mehr
abgeben!
Nur ein Freund blieb treu, und das war Cornel, der Schweinehirt!
Er trieb, seit er aus dem Wachtstübchen wieder entlassen war,
allmorgendlich seine Schar Schweine auf einem großen Umweg an Rieseles
Hag vorüber, er kam heran, erzählte etwas, was ihn gerade erfüllte,
und das Riesele tat sich die Musik seiner Worte, deren tiefen Inhalt
es ja nicht erfassen konnte, ins Herz und bewahrte sie getreulich auf
für die leeren Stunden des Tages, da es allein sein mußte mit seiner
Armut. Oft, wenn es den Freund nicht sah, hörte es die Lieder seines
Waldhornes aus den Häusern hinter der Kirche schweben und hatte genug
der Freude für ein paar Stunden.
Eines Morgens aber sieht der Bauer den Cornel mit seinen Schweinen vorm
Haus halten und wird über die Maßen wütend.
„Was hältst du hier mit deinen Säuen!” fährt er ihn an, „ist mein Hof
etwa ein Weidplatz für deine Säue? Willst du machen, daß du fortkommst,
du Faulenzer! Willst du mir auch das Riesele versauen?”
Cornel sagte nichts dagegen und trieb seine Herde, die gar nicht groß
war, den Weg hinunter, indes Riesele traurig ihm nachsah und seinen
Säuen.
Die Gänse kamen herein, schritten überaus stolz am Gäulchen vorbei, als
wollten sie sagen: jag uns doch fort, wenn du den Mut dazu hast! und
sie schlüpften wieder hinaus in die Wiese. Die Enten kamen herein und
schritten schnurgerade auf der anderen Seite wieder hinaus. Sie hatten
nicht Eile, denn sie brauchten keine Angst zu haben vor dem Riesele,
das seine Hörner, wie man so sagt, für Enten schon genügend abgestoßen
hatte. Oft, sehr oft, wenn Riesele dalag und träumte, kamen sie
unversehens herein, setzten sich zu ihm und steckten die Schnäbel in
die Flügel zurück. Auch die Hühner kamen alsdann, die jungen, die schon
von ihren Hähnen umworben wurden, scheuten sich nicht, dem Riesele die
Haferkörner vor der Nase wegzupicken, und in ihrem Uebermut hüpften
sie sogar auf seinen immerhin breit gewordenen Rücken und streckten die
Flügel von sich. Aber der alte Hahn ging nicht mit in den Verschlag;
war seine Schar drinnen, so flog er auf den obersten Querbalken und
blieb wie ein Wächter da sitzen.
Trudel, die Mutter, die zwischen Pflicht und Neigung anscheinend nicht
recht unterscheiden konnte wie viele Mütter und nicht wußte, was für
ihren Liebling gut war, hatte schwere Stunden auszuhalten, weil sie
sich bei der Arbeit in ihrer Sehnsucht verzehrte, sich ablenken ließ
und obendrein manchen Peitschenhieb verspüren mußte. Das eingesperrte
Riesele war doch ihr Kind! Wenn es auch ein Gassenbub gewesen, wenn es
auch noch so viel Liebe seiner Mutter verschmäht hatte: es war doch ihr
Kind! Jeden Peitschenhieb ertrug Trudel mit einem bestimmten Gefühl,
das dem Schmerz ein bißchen Süßigkeit verlieh.
Aber diese Tage waren gezählt; Riesele durfte, als die Körnerfrüchte
in der Scheune saßen, mit hinaus! Das Wägelchen steht leer vorm Stall,
der Bauer spannt die Trudel ein, Trudel, das Mädchen, riegelt das
Gefängnis auf, die beiden Buben bringen Halfter und Leine, und nun, da
die Mutterstute so zappelig nach dem Riesele hinstarrt, streifen die
Buben das Halfter an den kleinen Kopf, schleift der Bauer die Leine ans
Halfter, klatscht Trudelchen in die Hände, und wahrhaftig, Riesele wird
seiner Mutter an den Zügel geledert! Links an den Ring des eisernen
Zaumes wird der Lederriemen eingeschlauft, und -- o Herrlichkeit! --
sonst nichts, sonst bekommt das Kind keine Fessel und keinen Strang
und darf also nebenherlaufen wie Menschenkinder an Mutterschürzen.
Steil standen die Ohren der Stute, fromm unbeweglich ruhten die Hufe im
Sand der Geleise, züchtig hing der überaus lange Schweif nach unten,
obgleich die Mücken an den Lenden saßen und soffen.
Aufgestiegen, ihr Buben! Trudelchen, voran, neben den Vater gehockt und
die Peitsche hinten liegen gelassen! Die Bäuerin stand oben auf der
Treppe, stützte die Fäuste in die breiten Hüften und konnte den Mund
nicht zusammenhalten vor Freude. Nicht anders als ihr erging es den
dreißig Hühnern und dem Herrn Hahn, erging es den Gänsen, den Enten
und gar dem Hasenvater, der ausnahmsweise heute Häsinnen um sich herum
hatte, unter denen sicherlich etliche seine eigenen Kinder waren. Alle
Hühner saßen auf den Balken des Hages und hielten die Köpfe zur Seite
geneigt, um besser sehen zu können. Alle Gänse standen am Gartenzaun
beisammen, und wenn sie unter sich über ein ganz fernliegendes Thema zu
diskutieren schienen, so war das eine bewußte Täuschung: ihre kurzen
Blicke zum Gespann, gerade diese ablenkenden Blicke verrieten nur
zu deutlich, was in den reduzierten Gänsehirnen vorging! Gänserich,
es gilt nicht, wenn du in deinen Federn zu picken vorgibst! Alte
Stammutter, es gilt nicht, wenn du dich mit dem Fuß am Halse kratzest,
als hättest du einen Wasserfloh! Sie kratzt sich nämlich, -- das muß
gesagt sein -- nur, um unauffällig einen Blick zum Riesele werfen
zu können! Offen neugierig und ehrlich wie immer glotzten die Enten
mit beiden Augen hinter den breiten, biederen Schnäbeln hervor, und
ihr Enterich stand ganz nahe bei Rieseles linkem Hinterbein. Überaus
zierlich lag von diesem Beinchen weg ein Schatten überm zertretenen
Weggras, aber er verkroch sich alsbald in den größeren Schatten, den
der Leib der Mutter warf, und dieser große Fleck verschlang den ganzen
Schatten Rieseles, so daß nur ein Ohr noch daraus hervorragte.
Seht es euch an, das Riesele! Ganz Ordnung, ganz straffes Bewußtsein
von Würde und Kraft, steht es da in Erwartung der Dinge, die kommen
sollen! Keiner von den kleinen, erdgrauen Hufen, die sonst so unruhig
sind, getraut sich, zu mucken, keins der Muskelchen, die sonst in
fröhlichem Gezwitscher an ihren Knochen umherzitterten, als hätten
sie einen Kitzel im Blut, wagt sich, zu wippen, obgleich sie eben, da
die Schnaken kitzelten, doch schon einmal tanzen dürften! Kein Haar
an Mähne oder Schweif, kein Ohr, keine Lippe, nicht einmal ein Auge
untersteht sich, sich zu bewegen! Ganz Ordnung, ganz Kraft, ganz Würde,
ganz Wille zur Wohlerzogenheit und Vollendung!
Das Riesele, dessen seelische Regungen verträumt irgendwo
umherschweiften, so, als sei dieses Stillestehen schon eine große Tat,
schrak heftig zusammen, als der Bauer hinten aus dem Wagen rief:
„Hü, voran!”
Es war sogleich schon einen Schritt zurück und mußte schon laufen.
Es lief, und die Mutter nahm ihren Schritt kürzer; das Riesele aber
schoß voraus. Unsanft zerrte die Leine am Halfter. Nach drei Schritten
war Riesele wieder zurück, nach drei weiteren wieder voraus. Seine
Hinterbeine blieben nicht bei der Mutter; sie wandten seitab, und der
Kopf drückte gegen den Kopf der Mutter, die gewaltsam an sich hielt.
Ja, es geschah, daß das Riesele an seiner Leine riß, die Hinterbeine
nach vorn rennen ließ, so daß die beiden Pferdeköpfe fest aneinander
standen, und die Deichsel das Riesele arg bedrohte.
Es wäre gern wieder zurückgeturnt an seinen Platz, aber es konnte
nicht! Die Mutter durfte nicht ausweichen, weil die Leine dies nicht
zuließ (sie selber hätte in diesem Fall fünf gerade sein lassen, wie
man so sagt, und wäre dem Drängen des Kindes auf den Kleeacker gefolgt,
diese Mutter!) und so blieb sie stehen, und Mutter und Kind sahen sich
hilflos an!
Der Weg bog auf die breite Landstraße, und das war ein Glück!
Es darf nicht verschwiegen werden, daß Riesele zur Seite der Mutter,
als nun die breite Landstraße verführerisch genug auch noch in den
Schatten des Waldes einbog, allzusehr geneigt war, Bocksprünge zu
machen, daß der Bauer Klaus, in der Meinung, diese Tollheiten würden
schon bei der zweiten Reise aufhören, allzu nachsichtig war (Gustav
dachte ein übers andere Mal für sich: bei seinen Kindern war er nicht
so gutmütig!) und daß auch die Mutter, eingedenk der eigenen Jugend dem
Gäulchen Freiheiten gestattete, die sie (und der Bauer Klaus und noch
viele Kläuse und wohl fast alle) vom Standpunkt ihrer Wohlerzogenheit
durchaus nicht mehr Freiheit nennen konnte!
Eichenschälholz sollte geholt werden! Es saß in einer Schneise rechtsab
von der Straße im frischentblößten Schälwald. Die Schneise war
aufgeweicht, und schmutziggelbes Wasser stand in Lachen beisammen, und
Wasserschneider, Libellen und Stechmücken umschwirrten den Schmutz.
Vereinzelt warfen alte Tannen, riesige Eichen etwas Schatten über'n
Weg, und das Riesele scheute vor den Lachen, scheute vor den Libellen,
vor den gigantischen Bäumen, selbst vor den Schatten! Die Peitsche
schwirrte auf, aber die Peitsche machte die Unruhe noch größer und
verschwand wieder. Die Mutterstute begann schließlich auch zu bockeln
und kam nicht mehr von der Stelle.
„Wart, Bürschele!” sagte der Vater, „du kommst mir wieder einmal mit,
Holz holen, bevor du übern Zaun gucken kannst!”
Er stieg ab; auch die Kinder stiegen ab, das Riesele ward von der Seite
seiner Mutter genommen und neben im Wald an einen Pfahl, der zwei Meter
Schälholz hielt, angebunden. Allein mußte es hier zurückbleiben, ganz
allein, so sehr die kleine und die große Trudel auch flennen mochten.
Das Fuhrwerk schob sich tiefer in den Wald hinein und blieb an der
langen, leuchtenden Schälholzreihe halten.
Riesele sah und hörte, wie die gelben Prügel aufgeladen wurden, wie
selbst das Mädchen eifrig bei der Arbeit war und sich nicht um seinen
Freund kümmerte. Es riß an seiner Leine: sie war stark! Sie war stärker
als das Riesele, aber der eingerammte Pfahl erbarmte sich und gab nach
und fiel schließlich um, so daß der Holzstoß zusammenrutschte. Niemand
hörte den Schall!
Riesele sieht sich noch einmal um, weiß nicht recht, soll es zu der
Mutter laufen und zu ihren Peinigern -- oder soll es heimzu rennen? Es
rennt schließlich heimzu und schleift den Eichenprügel, der an seiner
Leine hängt, hinter sich her, den Prügel, der sich seiner erbarmt und
ihm die Freiheit gegeben hatte.
Es lief nicht die Landstraße, die es hergekommen; querfeldein lief
es wieder wie ehedem, denn der ausgetretene Weg der Ackergäule und
der Ackerkühe widerte sein ursprüngliches Gefühl an, das eigene, wenn
möglich: verbotene Wege zu gehen wünschte!
Da lag im Schatten eines alleinstehenden Buchengesträuchs Cornel, der
Hirt, und seine Schweine grunzten weitaufgelöst im warmen Schlamm, der
von blühenden Ginsterbüschen grell durchtupft war. Cornel hatte hinterm
Ohr eine Kuckuckslichtnelke stecken und las im Buch der Droste. Wie er
das Riesele kommen sieht, stützt er sich auf und sagt:
„Na, Riesele, heute merkst du's noch, wie dir der Knüppel zwischen
den Beinen herumfällt! Morgen schon wirst du's nicht mehr merken, und
übermorgen, -- solltest du ohne deinen Knüppel laufen, wirst du schon
schreien: ‚Wo ist mein Knüppel, wo ist mein Knüppel?’ Ade, Riesele,
ade! Wenn ich dich von dieser Freiheit befreien könnte, gern tät
ich's, Riesele, ach so gern!”
Das Riesele trat dicht vor seinen Freund hin; er löste die Leine von
dem Eichenholz, band sie fürsorglich am Halfter oben fest und sprach
tiefernst:
„Was nutzt es dir, Riesele, daß ich dich jetzt ganz fragwürdig frei
mache? Deinem Schicksal kannst du nicht entgehen, es sei denn, daß du
gleich am Anfang deiner Laufbahn über deinen Knüppel stolperst, das
Bein brichst und stirbst! Riesele, Riesele, soll ich dir von deinen
Voreltern erzählen, wie die einst so glücklich waren?”
Riesele mißachtete der Worte des Freundes und lief, des Prügels ledig,
davon.
„Will halt nicht wissen, wie seine Voreltern glücklich waren,” sagte
Cornel für sich, und zu seinen Schweinen sagte er:
„Seht ihn euch an, er läuft dahin im Segen seiner Freiheit!”
Als Riesele heimkam, war der Hag verschlossen, die Stalltür zugeklappt,
die Scheune verriegelt. Es wußte nicht, was es tun sollte, und da es
am liebsten in seinen Hag gegangen wäre, streckte es den Kopf zwischen
den Balken hindurch und hob das Bein, konnte aber durchaus nicht
hineingelangen in sein Gefängnis. Schließlich starrte es den Weg hin,
den es gekommen, und da auch die Gänse nicht zu Hause waren und die
Enten nicht, und nur einige Hühner im Sand badelten, lief es unter
den Schuppen, wo die kleine, überdächelte Kutsche stand, und legte
sich zwischen die Deichseln der Schere, zu dieser auf den Boden. Es
ist nicht ausgeschlossen, daß es sich hier als ein erwachsenes Pferd
fühlte, dem man die Kutsche anvertrauen kann, daß es kühne Träume
hegte! Träume, wie sie Kindern eigen, die so gerne groß wären und so
gerne einen Beruf erfüllten!
Die Mücken umschwärmten zwar das Riesele, setzten sich aber nicht auf
sein schwarzes Fell, und als die Holzfuhrleute heimkamen, sahen sie das
Riesele also liegen und freuten sich sehr.