Ein Viertelstündchen abseits vom Dorf wohnte der Großbauer Michael,
der sieben Pferde und dreiundzwanzig Rinder hatte. Riesele sah einmal
vier dieser Gäule an einem mit Steinen beladenen Wagen ziehen, zwei
Peitschen knallten über ihnen, die Siele gerrten, Funken stoben aus den
Hufeisen, und dies Spiel der Kraft mochte ihm so sehr gefallen, daß es
sich den Pferden zugesellte und mit ihnen lief in den großen Hof. Sie
konnten es gut leiden, die dicken Gäule, sie drehten allesamt die Köpfe
nach ihm, sie ließen es an ihrem Trog Wasser saufen, ja, sie schoben es
förmlich zu sich in den Stall, so daß Riesele mit ihnen fressen mußte
aus ihren hohen Krippen. Ha, wie fühlte sich das Zwergfüllchen so wohl!
Die sieben Kerle standen da in Reih und Glied nebeneinander, Knechte
putzten an ihnen herum, daß die vollen Backen zu blinken anfingen,
warme Dämpfe stiegen von den breiten Rücken in die Höhe, und die
Schweife tanzten nur so!
Riesele begann den Schweiß zu lecken, Riesele lief von dem einen zum
anderen, Riesele ließ sich von allen liebkosen und streckte den Kopf
auch den Knechten zu, die es liebreich tätschelten. Ueberallhin sprang
Riesele in dem ungeheuren Stall, schlüpfte gar durch einen schmalen
Verschlag hinüber in den Kuhstall, und die sieben Gäule drehten die
schweren Köpfe an den dicken Hälsen hinzu nach dem Verschlag, sei es,
daß sie selber gern einmal hindurchgeschlüpft wären zu den Kühen, sei
es, daß sie das Gäulchen den plumpen Milchkühen nicht gönnten. Dies
Kerlchen, -- man war selber einmal so lieblich und klein, man hätte
selbst gern solch ein Kind gezeugt, solch ein Kind sein eigen genannt
-- dies Kerlchen sprang nun zwischen den Kühen herum, und keine Magd
jagte es fort! Sie standen beisammen, die Mägde, und schwatzten.
Die Knechte gingen gar hinüber und stellten sich zu ihnen, und der
kleine Mann war nicht mehr zu sehen! Ein Hinterbein nur, ein Stück des
linken Ohres: die Gäule wurden unruhig, wieherten, rissen an ihren
Ketten, schlugen mit den Hinterhufen auf, als sei ein Bienenschwarm
über sie hergefallen.
Da auf einmal gab's ein Geschrei:
„Er wirft mir die Milch um!”
Sie stoben auseinander, die Mägde, die Knechte lachten laut auf, ein
Eimer kollerte übern Steinboden, und Riesele kam in großen Sätzen durch
den Verschlag in den Pferdestall zurück. Ha, wie freuten sich die Gäule!
Aber da stand plötzlich ein kleines Mädchen in der Tür, wagte sich
nicht näher, rief: „Riesele, Riesele,” und alle Herrlichkeit hatte
ein Ende, denn das Riesele wandte sich von den alten Gaulmännern ab
und lief zu dem Kind und lief mit dem Kind davon, ohne sich nochmals
umgeguckt zu haben.
Es kam wieder, das Milchkind! Es kam schon am nächsten Tage wieder!
Zwei der Gäule zogen hinterm Haus den Pflug, zwei zerrten die Egge
hinterdrein, zwei trabten mit dem leeren Steinwagen den Hügel hinauf,
und der siebente, der dickste, hatte eine Fuhre Mist hinter sich hängen
und stand noch im Hof, an der Mistkaute. Dieser allein sah das Riesele
an sich vorüberspringen, sah es ohne Gruß an sich vorüberspringen,
als wenn ein Gaul, der das Unglück hat, Mist ziehen zu müssen,
deshalb keiner Achtung würdig wäre! Das eingebildete Aeffchen rannte
schnurstracks in den Pferdestall, und da es niemand zu Hause fand,
legte es sich ein Weilchen auf den Platz in der Mitte und schlief in
dem großen Bette ein, wie alle Kinder es so gerne tun! Es wachte auf,
als draußen der Mistwagen den Hof hinausratterte. Eiligst hob es sich
auf die Beine, lief hinter dem Wagen drein, kehrte aber, noch bevor
es ihn erreicht hatte, um und erblickte die Pflüger und die Egger und
rannte nun, so schnell es konnte, hinters Haus, um sich den Pflügern
zugesellen zu können.
Schräggestellt wie ein Hund, tänzelte es nunmehr vor, neben und hinter
den schweißigen Ackergäulen einher über die frischen Schollen wie eine
flinke Meise, und seine aufstarrende Mähne bog sich schwer nach beiden
Seiten. Die Schimmel, die hinterdrein die Egge zogen, begannen zu
traben, der Knecht zerrte die Leine an und schrie unausgesetzt: „hü,
hü!”, aber die Schimmel ließen sich nicht halten und eilten voran,
wenn auch die Schollen nicht recht zereggt waren. Munter und stolz
mit hochaufgestreckten Ohren nickten indessen die Füchse, die vorm
Pfluge gingen, ihre Schar durch den harten Boden, wie wenn sie dem
Kinde hätten zeigen wollen, was für ehrenfeste Kräfte sie seien, oder
wie wenn sie ihm hätten ein gutes Beispiel geben wollen. Kein Blick
abseits, kein Schritt abseits, gleichmäßig zerrten die Lederriemen
an den Kummeten. Ja, der Knecht, der Soldat gewesen war und Sinn für
maschinenhafte Ordnung hatte, gewahrte, daß die Schritte der Füchse,
die sonst nach jedem fünften Tritt zum Gleichschritt kamen, eben
fortgesetzt gleichmäßig im Takte blieben, und da er diesen Takt von
der Kaserne her so sehr liebte, freute er sich über die Maßen wie beim
fertigen Parademarsch und sah selber bisweilen wie ein Kompagniechef
hinüber zum General, der heute sogar ein ganz junges Prinzlein aus
vielleicht höchstem Hause war.
Als wieder einmal die Furche zu Ende war, durften die Füchse warten,
bis die Schimmel kamen, und nun stellten sich die Schimmel in dem
Abstand, der ihnen ihrer Arbeit entsprechend zukam, seitlich von
den Füchsen auf, um gleichzeitig und gleichmäßig ans andere Ende des
Ackers die Arbeit zu ziehen. Ja, auch die Schimmel hoben nun die Köpfe
und stellten die Ohren steil auf! Und wenn ihre Hufe auch nicht den
gleichen Schlag bewahren konnten, -- vielleicht weil die Egge ein
unordentliches Gezerr verursacht, -- so blieben sie doch, von der Hand
des Knechtes gelenkt, in gleichem Abstand und in gleicher Höhe.
Riesele aber, wie es da einen einheitlichen Willen erfühlt, hüpft wie
ein abgerichteter Zirkusgaul von hinten her zwischen die vier Pferde
und marschiert nun wie an der Tete mit fröhlichem Getrippel einher und
tollt nicht mehr seitab und tänzelt nicht mehr und bockelt nicht mehr
und ist ganz Ordnung und Würde.
Jedoch gleich am Ende der Furche, als gewendet wurde, mochte ihm etwas
anderes besser gefallen haben, und es lief vom Acker der Arbeit, dem es
ein Stückchen Schönheit eigener Art verliehen hatte, davon.
Es lief in eine neue Schönheit hinein: ein Weizenfeld stand oben, wo
sich der Hügel hinabzu biegt, und Millionen von knallroten Mohnköpfen
leuchteten, wie wenn sie als Wolke am blauen Sommerhimmel einhergingen,
zwischen den steilen, kurzen Halmen dicht gedrängt, als stünde der
Acker in Feuer.
Riesele rannte drauf zu. Jedoch, wie es oben war, sah es sein Dörfchen
unten, sah alle Schornsteine rauchen, -- kerzengerade ringelten sich
feine Rauchsäulen in die heiße Luft -- und dann sah es noch am anderen
Abhang eine Schafherde grasen. Der Pferch stand weiter unten im Tal,
und die Hütte des Schäfers lehnte an einem Nußbaum.
Diese Schafherde gefiel offenbar dem Riesele am besten, es lief
deshalb zu ihr hin. Die Schafe hoben die Köpfe von der Erde auf und
drehten sie. Der Schäfer pfiff, riß, wie wenn Gott weiß welche Gefahr
gedroht hätte, die Schippe hoch, und der Hund stürzte sich heulend
Riesele entgegen, so daß dies nichts besseres tun konnte, als eiligst
umzukehren zu seinem Mohnfeld. Richtig erschreckt hatte es der garstige
Hund: es legte sich um in dem Weizen und schlief fünf Minuten.
Es erwachte wieder, blieb aber liegen, hob den schwarzen Kopf aus dem
roten Feuer und nieste einmal kräftig in den Tag hinein.
Sogleich, wie es geniest hatte, hörte es seine Mutter wiehern. Es
duckte sich wieder zwischen die Halme, guckte aber doch nach allen
Seiten um sich und sah schließlich den Kopf seiner Mutter oben am
Himmelsrande des Hügels aus dem Rot auftauchen, wie er eine Last, die
noch nicht zu sehen war, hinter sich hernickte. Die Mutter erschien
ganz, die Last erschien: es war der leichte, überdächelte Stuhlwagen,
den sie, wer weiß wohin, zu ziehen hatte, vielleicht den Pfarrer
abzuholen oder den Gerichtsvollzieher.
Riesele blieb liegen und duckte den Kopf. Als aber die Mutter wieder
wieherte und nochmals, konnte es sich nicht halten und sprang auf und
ihr entgegen.
Die Mutter aber war durchaus nicht lieb zu ihm! Sie sah mit einem
fernen Blick, der keine Liebkosung heischte, nach ihm hin, und Riesele
getraute sich deshalb gar nicht so nahe zu ihr, obwohl es Durst hatte
und gern an die Mutterbrust gestürzt wäre! Der Bauer nahm sogar die
Peitsche, die am Kummet der Trudel stak, schwang sie hoch und riß dem
Riesele die dünne Schmicke über die Ohren, daß es, obwohl die Schmicke
nicht traf, sich rasch herumwarf und heimwärts lief.
Als es einmal stehen blieb und nach der Mutter umsah, war das Fuhrwerk
verschwunden.
Im Stall des Großbauern brüllten etliche Kühe, deren Euter zu
schwer geworden waren, nach den Mägden. Allein Riesele hörte den
Peitschenknall und zog es vor, heimzutrippeln. Es sah sich nicht mehr
nach den Gäulen um, nicht mehr nach den kleinen Kindern und selbst
am Schulhof, wo gerade Pause war, raste es vorbei und mißachtete des
Brotes und der lauten Rufe.
Je näher es seinem Stalle kam, um so rascher sprang es, es hörte den
Peitschenknall an den Ohren, und vielleicht vermeinte es, die Peitsche
schwebe noch über ihm wie ein Engel über Kindern ... es rannte, rannte
und sah nicht auf, nicht um, ja, der junge Mund, der schlaff nach unten
hing, füllte sich mit schaumigem Geifer, und ein weißer Fetzen troff
herab und klatschte auf den gelben Huf.
Ein Kind stand da, sah das Riesele den Weg daherrasen; es trug in der
Hand einen irdenen Krug mit Milch und erschrak vor solcher Kindeswut
im kleinen Gäulchen und konnte nicht ausweichen und blieb stehen mitten
auf dem Weg.
Jedoch das Riesele konnte heute nicht bei dem Kind verweilen wie sonst,
konnte überhaupt nicht achthaben auf ein Kind. Es rannte das Kind an,
daß der Milchkrug fiel, daß er zerbrach und daß die Milch sich weithin
ergoß.
Der Schlag schreckte aber nun das Riesele auf aus seinen Träumen; es
drehte sich um, blieb einen Augenblick stehen, kam zaghaft näher an
das Kind und besah sich die Milch, die in Rinnseln dahinfloß. Einen
Augenblick nur, wohl bis es sich überzeugt hatte, daß es diese Milch
doch nicht trinken könne, besah es sich das Unglück; dann drehte
es sich wieder, schlug sich überaus leichtfertig mit dem lichten
Schwänzchen über die Hinterbacken und ging gemächlich weiter.
Ein blütenweißer Gänserich stand da auf einem Bein und schielte zu
den Gänsefrauen, die einen Steinwurf entfernt im Sande lagen. Im
vergangenen Winter war er der einen Liebster gewesen; offenbar konnte
er nicht so rasch vergessen, als er vergessen ward, und er stand da und
träumte, und Riesele tappte auf ihn zu, daß er ganz verschreckt die
Flügel aufriß und halb flog, halb hoppste und nun, gesammelt, heftig
dem Gäulchen nachschimpfte. Die Weiber lachten ihn aus.
Die Hühner hockten vorm Stall; sie standen auf, wie Riesele kam, und
setzten sich wieder, als hätten sie nur grüßen wollen! Sapperlott saß
auf der Schwelle und hoppste langsam zurück. Drei junge Schwalben
zwitscherten auf der nach innen aufgedrehten Tür, eifrig wie alte.
Riesele legte sich seitab von den Hühnern an das Wässerchen, leckte,
erhob sich, ging an den Trog und versuchte mit der Zunge zu lecken wie
ein Hund und trank dann regelrecht wie ein erwachsenes Pferd. Aeußerst
stolz sahen die großen Augen rings auf das Geziefer herab, das doch
meinte, Riesele sei noch ein Brustkind! Das Wasser tat ihm gut; es
hätte schier nicht mehr aufhören mögen, zu trinken!
Ein Fuhrwerk, mit zwei Kühen bespannt, schob sich in dem tiefgleisigen
Weg vorbei; Riesele, das großen Hunger hatte, begann aus irgendeinem
Grund, vielleicht aber auch ohne jeden Grund, hinter dem Wagen
herzulaufen, bis es die Entenschar daherkommen sah. Der Enterich,
dessen Gefieder schillerte, wie wenn er's frisch für einen Feiertag
geölt hätte, warf den Kopf rückwärts zur nächsten Ente, sagte: „wack
wack”, drehte den eitlen Kopf wieder vor, und eine Ente sagte der
anderen dieses Wort, das sicher eine mißliebige Bemerkung gegen Riesele
war, denn eine jede zog, nachdem sie gesprochen, den Unterschnabel
zurück und lachte auf diese Weise, wie es Enten tun, und wackelte
weiter. Riesele schien von diesem verschmitzten Lachen beleidigt zu
sein, tappte in die Schar, zerstreute sie und freute sich seiner Tat so
sehr, daß es in wilden Sätzen auch die Hühner aus ihrem trägen Brüten
aufjagte und wunder meinte, was für ein Held es sei! Denn es turnte
wieder an den Wassertrog, tunkte ungestüm den Kopf bis fast zur Hälfte
hinein und schüttelte die Wassertropfen nun über die Hühner hin, die
schon wieder beisammen saßen. Das schien in der Tat ein Heldenstück,
war aber keineswegs ein solches, war Not, nicht Tugend, sofern ein
Heldenstück dieser Art überhaupt Tugend sein kann.
Riesele war größer und kräftiger als das Federvieh zusamt den Gänsen,
aber es war auch jünger! Die Gänse und die Hühner und die Enten hatten
sich ihren Lebenskreis schon lange gezogen und waren fertige Leute!
Riesele aber fing erst an, sein Leben sich zu zimmern, und es wäre
eine schöne Sache, wenn berichtet werden könnte, daß aus diesem Grund
das Federvieh, wie es reifen Leuten zukommt, die Quertreibereien des
Gäulchens geruhsam über sich hätte ergehen lassen! Man weiß indes: sie
wichen der Gewalt!
Oft, sehr oft mußten die pflichttreuen Tiere der Gewalt dieses
Tollpatsches weichen. Ausgebreitete Hühnerflügel, flatternde Schwänze,
das Durcheinander des Entenwacks wirkten jeweils auf das Riesele
wie Disteln unter seinem Schwanz, und es geschah nicht selten, daß
die Hühner flüchten mußten, sich mühsam aufschwingen mußten auf die
Stalltür, auf die Wagenleiter, oder daß sie auf- und davongehen mußten
ins Gras, so wild gebärdete sich Riesele! Die armen Enten: sie trugen
von ihrer Stammutter her den Drang nach der Ferne im Blut, sie sahen
alltäglich ihre wild und frei gebliebenen Schwestern übers Tälchen
streichen und ins Röhricht einfallen, wo sie ihren verletzenden
Freiheitsruf immerhin lockend erschallen ließen, sie spotteten der
zahm, gesinnungstüchtig, eierlegend, aber auch schwerfällig und dick
gewordenen Hausenten, und diese, obwohl sie des Dranges nicht ledig
waren, konnten ihren plump gewordenen Körper um keinen Preis mehr in
die freien Lüfte erheben und hätten's doch so gerne getan. Hätten's
doch zu allererst deshalb so gern getan, um diesem Tunichtgut rasch
entflattern zu können und nicht mühselig und stets seines Hufs
gewärtig, aus der unbestimmten Bahn entwackeln zu müssen! Die armen
Enten! Sie haßten das Riesele sehr!
Ganz anders verhielt es sich mit den Gänsen! Sie waren neun an der
Zahl, sie trugen das Bewußtsein ihrer Stärke in sich, sie konnten
das Riesele, wenn wirklich ein Ernstfall entstehen sollte, mit ihren
Schnäbeln und mit ihren schweren Flügeln schon dermaßen verhauen,
daß es -- der graue Gänserich ist neulich einem Kalb an die Kehle
gesprungen -- daß es gerne die Flucht ergreifen würde! Auch das Riesele
wußte das! Aber was sollten die großen Gänse Händel suchen, weil
die kleinen Enten sich nicht selber verteidigen konnten, ihre Natur
ganz und gar vergessen hatten, sich also auch nicht mehr zu retten
vermochten, wenn der Feind stärkere Kräfte ins Feld führen konnte, als
ihnen zur Verfügung standen! Törichtes Entenvolk!
Die Peitsche, jeweils die Peitsche, mußte solchen Zwist schlichten, und
darnach vertrug man sich wieder, hielt Freundschaft und fraß aus einer
Schüssel.
Das Schlimmste aber an all diesen Mißhelligkeiten war, daß die Kinder
immer und immer wieder einseitig und urteilslos Partei ergriffen für
den, der Hilfe am wenigsten nötig hatte, für Riesele!
Aber es muß doch gesagt sein, daß das Geflügel auch wieder seine Freude
hatte an dem tollen Vierbein, und daß selbst die Enten sich jeweils
mehr über sich selber ärgerten, als über das Riesele! Die Enten, die
Hausenten, sind das Opfer ihrer Bequemlichkeit geworden, sie sind's nun
einmal, und wissen sich drein zu schicken!
Die Geißen im Stall trugen auf der Stirn wie gezückte Schwerter die
beiden Hörner und blieben unbehelligt, und ihre Jungen verstanden den
Kindskopf Riesele besser als alles Geziefer und tollten mit ihm, wenn
es tollen wollte, und legten sich neben es, wenn es schlafen wollte.
Es kam oft vor, daß neben, ja dicht an und auf dem tiefschwarzen
Füllenrücken ein schneeweißes Geißlein schlief oder gar zwei, und
Sapperlott, der Hasenvater, der offenbar einen besonderen Sinn für
Farben hatte oder auch für Musik, brachte kein Auge zu und sah und
hörte nicht, was um ihn vorging, wenn Schwarz und Weiß in solcher
Eintracht beisammenlagen wie ein preußisches Fähnlein.
V
Noch sprang das Riesele umher ohne Zaum, ohne Zügel, ohne Halfter,
pudelnackt, wie Gott es erschaffen hatte. Trudel, das Mädchen, konnte
ihm keine Blumen anstecken, und hätte es doch so gerne getan! Gustav
und August, wenn sie es striegeln wollten, konnten es nicht festhalten
und striegelten es doch so gerne! Die Hufe, die sich gemach vom Staub
der Erde grau färbten, sollten gelb bleiben wie Maibutter, aber wer
konnte die Hufe des Tages siebenmal bürsten? Wer könnte die Mähne, die
zusehends wuchs, des Tages siebenmal strähnen, wer den Schweif, der wie
ein Mädchenzopf baumelte, richtig durchkämmen, wie sich's gehörte?
Trudel, das Schwesterchen, setzte einmal seine Puppe auf den schmalen
Rücken des Riesele, aber das Riesele warf die Puppe von sich, indem es
mit den Vorderbeinen sich heftig gegen die Erde stemmte und den Rücken
vom Hals bis zum Schwanz wacker schüttelte. Eine Puppe freilich, eine
Puppe!
Gustav kam zuerst auf den guten Gedanken: August mußte den Kopf
Rieseles untern Arm nehmen, mußte ihn festhalten, und Gustav hob das
Trudelchen hinauf, ganz hoch hinauf auf den Rücken und probierte
vorsichtig, ob das Tierlein auch solche Last tragen könne. Es trug sie!
Es fühlte sich offenkundig wohl mit seiner Last, es drehte den Kopf aus
Augusts Arm und reckte ihn stolz in die Höhe. Dann machte es gar einen
Schritt und noch einen, und da das alles so leicht ging, schoß es ganz
plötzlich weiter, und das Trudelchen purzelte aufs Gras herab, stand
auch schon wieder und lachte und setzte dem Ausreißer nach quer über
die Wiesen, die der zweiten Mahd entgegensahen.
„Lauft mir mal schnell zum Sattler miteinander!” rief der Vater von der
Treppe herab, „und laßt mir dem Riesele ein Halfter anmessen!”
„Los, zum Sattler!” schrien die Buben, „los zum Sattler!” triumphierte
das Mädchen, „und ein Sättele, ein Sättele, Vater, darf der Sattler
auch ein Sättele machen?”
„Sättele, Sättele,” entgegnete der Vater, „was willst du mit einem
Sättele? Maidlin gehören nit aufs Sättele! Los, und nix angestellt
unterwegs!”
Als der Sattler das Maß nahm, sagte er zu Trudel:
„Heut kommt das Riesele in die Schul; mach einen Strich in den
Kalender!”
„Wie lang muß es in der Schule bleiben? Ich muß acht Jahre drin
bleiben!”
„Acht Jahre?” versetzte der Sattler, „und dann?”
„Dann geh ich in die Stadt!”
„Du hast's gut vor, Trudel, acht Jahre sind schnell herum! Aber das
Riesele muß sein ganzes Leben lang in der Schule bleiben!”
„Muß es?” fragte Trudel.
Gustav kam herbei und hielt ihr den Mund zu, denn der Polizeidiener
stand an der Straßenecke und rief etwas aus. Er rief aus, daß von
morgen ab das Betreten der Weinberge verboten sei!
Und dann kam er schnurstracks an die Treppe des Sattlers, griff dem
Riesele in die Mähne und sagte zu den Kindern:
„Höchste Eisenbahn, daß er sein Halfter ankriegt, der Tagdieb, sonst
hätt' ich ihn morgen gleich ins Wachtstübchen gesteckt!”
„Sonderbare Welt das,” dachte Trudel, und die Buben dachtens auch,
„der Sattler will Riesele nicht mehr aus der Schule lassen, der
Polizeidiener will's gar ins Kittchen stecken!”
Noch am Abend holten die vier das Halfter ab, strippten es Riesele um
den Kopf und führten es heim in den Stall, wo der Vater es neben seiner
Mutter ankettete, jedoch so kurz, daß es nicht, wie es wollte, stets an
der Mutter Zitzen saufen konnte.
Von nun an also stand Riesele gleich den Erwachsenen im Stall. Doch
jeden Tag durfte es etliche Stunden lang, an einen Pfahl gebunden, auf
der Wiese kreisen, eng umzirkt zwar, doch immerhin draußen in einer
gewissen Freiheit. Gar oft, -- ach, wer konnte dem lieben Tierlein
gegenüber so entsetzlich streng sein? -- durfte es frei umherspringen,
wohin es wollte, und durfte seine Bubenstreiche vollbringen, die ihm
jedermann schon verzieh, bevor sie begangen waren.
Es war indes doch die Zeit gekommen, daß die Hufe des Riesele breiter
wurden, sein Magen größer, seine Kraft heftiger, die Zeit, da es von
der Gasse genommen werden mußte in das Gehege des Zaunes. Als der
Bauer Klaus diesen Hag gegenüber der Wohnstube in die Wiesen schlug,
merkte Riesele sicher, was für ein Geschick sich da erfüllen wollte.
Trudel, die Mutter, die ohnedies an dem Gassenbuben zu wenig eigene
Freude hatte und um so mehr Kummer und Bangen ausstehen mußte, zog auf
dem kleinen Wagen selber die Pfähle herbei aus dem Birkenwald. Sie tat
es gerne, die Pferdemutter! Denn wenn Riesele jeweils, wie es seine Art
war und wie es überhaupt die Gewohnheit aller guten Kinder ist, gerne
zur Mutter, die in die Arbeit ging oder von der Arbeit heimkehrte,
hinsprang, sich ein paar Küsse zu holen, ein paar Küsse zu verschenken,
so konnte jedermann, der ein waches Auge hatte, wahrnehmen, daß
diese Liebkosungen nicht nur seltener, sondern, -- und dies war noch
ungeheuerlicher, -- daß sie weniger zärtlich wurden! Ja, es kam vor,
daß die getreue Mutter auf einen ganzen Tag fort in den Wald mußte,
schwer schaffen mußte, und am Morgen nicht einen lieben Blick, nicht
ein kurzes „Wiedersehen” bekommen hatte vor lauter „Gasse”, und daß
sie alsdann im Schweiße ihres Angesichtes auch nicht mit Wohlbehagen
und süßer Hoffnung, wie andere Mütter sie doch stets mit sich tragen
können, auf einen frohen Abend rechnen durfte.
Solchergestalt kann es nicht wundernehmen, daß Trudel, die Stute,
den Augenblick ersehnte, da die Birkenstämme abgeladen wurden, und
es nimmt weiterhin durchaus nicht wunder, daß der Gassenbengel
wußte, worum sich's drehte, und daß er fortlief in's Weite, recht
weit von den Balken des Zuchthauses fort! Mütter wissen ja immer die
Erziehungsmaßregeln, die nicht sie über ihre Kinder verhängen, die
sie selber seinerzeit als Zwang empfunden haben, ihren Kindern recht
eindringlich und nachdrücklich hinzustellen, und etwa zu sagen: „Wart
nur, wenn der Vater heimkommt,” oder: „Wart nur, wenn du in die Schule
kommst!” Es ist ein Glück, daß sie dabei übersehen, wie sie sich selber
vor sich selber bloßstellen ...
Da gruben Vater und Buben Löcher aus dem Wiesengrund, zwei Pfähle
ragten schon eingerammt gleich ungeheuren drohenden Gerten gegen
Riesele auf, die Gänse lachten, die jungen, frechen Hähne flogen oben
drauf und versuchten zu krähen, um das Riesele, das Reißaus nahm, zu
foppen. Riesele blieb stehen, sah sich um, schleuderte leichtsinnig die
Hufe in die Luft und lief fort! Es lief dem Dorfe zu und hörte hinten
im Armenhäuschen ein Waldhorn blasen und lief dem Waldhorn nach.
Im Armenhaus wohnte der Schweinehirt, der einzige Mensch, der mit
dem Riesele noch nicht Freundschaft hatte. Er blies das Waldhorn! Er
wohnte da ganz allein für sich, hatte nicht Weib, nicht Kind, kein
Tierlein um sich, war aber ein Musiknarr und ein Kinderfreund, wie
es nicht viele gibt. Riesele wußte das noch nicht, wußte auch nicht,
daß der Musikant der Sauhirt war, und lief dem Liede des Waldhorns
nach und streckte den Kopf nach der niedrigen Fensterbank, ohne ihn
hineinstrecken zu können. Da sah es den Hirten, den es fürchten mußte,
vor einem Spiegel stehen und blasen und sah sein eigen Antlitz in dem
Spiegel, der schräg an der kahlen Wand hing.
Der etwas verwucherte Mann legte sogleich das blankgeputzte Blasrohr
weg, zog den Schubkasten aus dem Tisch und griff hinein und hielt dem
Riesele ein Stückchen Zucker hin. Riesele nahm den Zucker vorsichtig
zwischen die Lippen und verschluckte ihn alsdann, und sogleich schob
ihm der Hirt ein neues Stück ins Maul und dann noch eins und noch eins!
Sie liebten sich, diese beiden!
Der Freund nahm sein Waldhorn wieder, setzte sich auf die Fensterbank
und schmetterte einen strammgefügten Marsch an den Ohren Rieseles
vorbei, so daß es dem Tierlein ganz seltsam zumute ward. Ab und zu
hoben sich die weißgelben Hufe, bald dieser, bald jener; ab und zu hob
sich das vernaschte Maul, ab und zu erschien eben aus dem Maul die
Zungenspitze rot wie Himbeereis und verschwand wieder.
Als aber das Gäulchen das Maul auf die Fensterbank hob und liegen ließ
und die Luft aus den kleinen Nüstern stieß, daß der Staub aufwirbelte,
da begannen die Kinder, die um es her standen, zu lachen. Der Hirt
merkte sogleich, daß dies Lachen dem Riesele peinlich war, denn er
wußte Bescheid in solchen Sachen der entzückten Seele, und er sprang
aus dem Fenster und gab dem Gäulchen wieder ein Stück Zucker, und er
griff ihm ans neue Halfter, und es folgte ihm. Die Kinder durften nicht
mit.
Die beiden schritten dem Birkenwäldchen zu, und als sie die letzten
Häuser hinter sich hatten und keine Kinder mehr zu sehen waren, da band
der Hirt sein Waldhorn dem Riesele an den Hals und sang:
Das Schwein, das muß gehütet sein!
Der Kastor kann es hüten!
Der Kastor muß gehütet sein!
Der Cornel kann ihn hüten!
Der Cornel muß gehütet sein!
Wer kann den Cornel hüten?
Ich will mein Schwein behüten fein,
Mag seins der Kaiser hüten!
Der Kaiser muß behütet sein!
Wer mag den Kaiser hüten?
Sein lieber Gott behüt ihn fein!
Mög mich der meine hüten!
Das Liedchen führte die zwei Wanderer bis ans Birkenwäldchen. Sie
legten sich nebeneinander nieder, der Hirt steckte dem Riesele
dunkelblaue Glockenblumen ins Halfter, setzte das Horn an die Lippen,
und das Riesele starrte übers Wiesentälchen hinunter an seinen
Heimatstall, wo der Bauer emsig die Balken des Gefängnisses einschlug.
Riesele hörte die Axt knallen, und der Hirt, als er das erste Lied
geendet hatte, nahm sich den zierlichen Ponykopf an die Brust,
streichelte ihn, zerrte an den Ohren, kribbelte an der Blesse herum,
strich mit den Fingern durch die Furche, die den Rücken hin die zarten
Backen teilte, und schob die Hand quer in den Pferdemund und sagte:
„Riesele, ich weiß, was es da unten gibt! Sie werden dich einsperren,
wie sie mich eingesperrt haben, und werden's aus demselben Grund tun!
Wir sind freier wie sie, wir sind fröhlicher wie sie, und das können
sie nicht vertragen! Sie laufen, seitdem sie sich selber aus dem
Paradies vertrieben haben, mit Handschellen umher wie Sträflinge, mit
Handschellen umher wie Mausfallenhändler, und wo sich die Freiheit
regt, da schnallen sie an! Die Unfreien haben das große Wort an sich
gerissen, und sie haben es im Laufe der Jahrtausende fertig gebracht,
daß alle Menschen unfrei wurden, so unfrei, daß die wahrhaft Freien
sich ihrer Freiheit wegen verdächtig vorkommen, sich ihrer schämen, an
ihrer Freiheit straucheln, sich ihrer Freiheit fluchen und schließlich
sich ihrer Freiheit entäußern! Sich freiwillig der Freiheit entäußern,
das tun oft ganz gute Christenmenschen und meinen, das sei der höchste
Grad der Freiheit! Doch sag selbst, Bruder Riesele, wenn du jetzt aus
freiem Entschluß in deinen Hag stolzierst, so magst du zwar ein guter
Christengaul werden, bist aber trotz aller Philosophie kein freies
Geschöpf mehr! Und Geschöpf sein, das heißt noch lange nicht, wie
sie meinen: unfrei sein! Auch ums Paradies haben die Unfreien, die
Umzäunten, einen Zaun erfunden, weil sie Gott nach ihrem Bilde und
Gleichnisse formen wollten. Einen Schutzmann machten sie aus ihm, einen
Zirkusdirektor, der die Taschen voller Zucker trägt und innen, unterm
Faltenrock die allmächtige Peitsche! Nein, nein, Riesele: die wahre
Freiheit haben wir in uns, oder aber wir sind schlechter als unsere
Tiere! Bleib schön liegen, Riesele, ich bin noch nicht ganz fertig!”
Der seltsame Sauhirt, der sicher von sich vermeinte, ein göttlicher
Eumäos zu sein, hielt inne mit seiner Rede über die Freiheit und zog
den Kopf des Riesele näher an sich, so daß das Tier die entblößte Kehle
seiner Hand darbieten mußte. Der Mann spielte mit den Fingern an dieser
Kehle, was dem Riesele erst gut gefiel, was es aber doch nicht lange
ertragen mochte. Es sprang auf; drei Johanniskäferchen schwirrten
grelleuchtend um es her, so dunkel stand der Abend schon vorm Wäldchen,
und die grünlichen Signale verwirrten es so sehr, daß es zu laufen
begann und nicht wußte, wohin es lief.
Dem Hirten pochte das Herz: er hatte das Riesele mitgenommen, jedermann
mußte es gesehen haben, er hatte also auch die Verantwortung über das
Kind, und schließlich, wenn der Hirte des Hirten bedurft hätte, so
hätte die Gemeinde nicht ohne Recht diesen bedürftigen Schweinehirten
jener Obhut übergeben können, die er so sehr fürchtete.
„Sie dürfen dich nicht wieder zum Verrückten machen, Cornel!” sagte er
laut in den Abend, ergriff sein Waldhorn aus dem Grase auf, setzte es
an und schmetterte seinen gradlinigen Militärmarsch übers Dorf hin,
daß sicher alles, was schon schlief, erwachte, und alles, was noch im
Stall hantierte, mit neuer Kraft sich anspornte. Er spielte ja nur,
um das Riesele wieder zu sich zu locken, aber das Riesele trabte
im Dämmerlicht weiter am Waldrand hin, fraß an den Brombeerhecken,
zauselte an herabhängenden Zweigen, und die Glühwürmchen, die aus
allen Richtungen aus dem Gras, aus den zerstreuten Heuwellen, aus den
weißdurchtupften Rosenhecken aufschossen, -- und der Heugeruch selber
und das aufdringliche Gequak der Frösche unten im Wassergraben setzten
seinem jungen Herzen so sehr zu, daß es des strammen Marsches nicht
mehr achtete und wahllos weiter lief, einerlei, wohin es kam! Ja, das
lockende Waldhorn jagte das Riesele eher weiter weg, als daß es lockte.
Cornel, der Hirt, hing das Horn um die Schulter und begann, den Weg
hinzulaufen, den das Riesele eingeschlagen hatte. Er horchte, er legte
das Ohr auf den steinigen Boden, den Huftritt zu erlauschen, er lief
wie ein Hund, der eine Spur erschnuppert, allein er sah und hörte das
Riesele nicht. Die Sichel des Mondes spitzte überm Waldrand; kleine
Wolken rasten gegen ihren Bogen, als wollten sie geschnitten sein wie
Gras.
Plötzlich erschallte vom Dorf herauf das Feuersignal! Ohne nachzusehen,
ob irgendwo eine Flamme oder ein heller Qualm sich zeige, wußte
Cornel genau, wem dieses Signal gelte! Es galt zuerst dem Riesele,
aber es galt nicht minder auch ihm, dem Cornel! dem Schweinehirten
der Gemeinde! Denn sie kannten ihn nicht, sie wollten ihn überhaupt
nicht kennen lernen, und sie begnügten sich damit, ihn einen Narren zu
nennen! Es galt also, auf dem Damm zu sein, da die Flut stieg!
Stimmen erschallten vereinzelt und abgerissen aus dem Dorf herauf, das
Signal strömte zwischen dem Wald der Obstbäume, alle Hunde heulten auf,
irgendwo in einem Stall krischen ab und zu salvenweise ein paar Gänse,
wie wenn sie auch dabei sein müßten, wenn's dem Sauhirt an den Kragen
geht!
Die Stimmen sammelten sich und verteilten sich wieder, und bald hörte
Cornel bekannte Dorfstimmen, die sich den Hohlweg heraufnäherten, und
er hatte das Riesele, das er doch verführt, noch nicht in der Hut.
Aber da stand es ja plötzlich neben ihm! Stand da wie aus dem
Sommerabend geboren, der allhin so viel Liebe gebiert! Da stand es und
hielt einen Birkenzweig im Mäulchen, wie wenn nichts geschehen sei!
„Hast deinen Hirten aber schön erschreckt, Riesele!” sprach er, „doch
gib ihn her, den Oelzweig des Friedens, daß wir uns gemeinsam für
den Augenblick unserer Freiheit begeben können, denn sie kommen, die
Unfreien! Mit Leuchtfackeln kommen sie, wie zu Jesu Gefangennahme,
die Freiheit zu suchen, um sie einzupferchen und sie bei Wasser und
Brot fasten zu lassen! Siehst du sie kommen mit den Lederhelmen?
Hörst du sie kommen mit den Feueräxten? Sie schlagen, wenn sie's für
nötig erachten, das Sommerhaus ihres Gottes in Stücke und schrecken
vor diesem ihrem Schreckgespenst auch nicht zurück. Verstummet, ihr
Frösche, daß sie euch nicht erschlagen! Verkriecht euch in die Erde,
ihr Käfer, der ihr entnommen seid! Nachtigall, schlag nicht heute
abend: die Menschen kommen mit ihren Mordgewehren der Schönheit und des
Friedens.”
Riesele schien solches Gerede gerne anzuhören; es ließ seinen Kopf auf
der entblößten Schulter Cornels liegen und ging Schritt für Schritt
weiter.
„Weißt du, wo das Wachtstübchen ist? Nein, das weißt du nicht! Aber
paß gut auf, Riesele: wenn sie deinen Freund hineinstecken werden, so
komme manchmal an die Tür! Ich will dir Brot geben von meinem Brot und
Wasser, wenn du Durst nach Freiheit hast! Ich weiß, sie sperren mich
ein paar Tage ein; aber das ist immer noch besser als das Irrenhaus!
Sie dürfen mich einsperren: ich trage das Bewußtsein eines neuen
Freundes in der Brust, der so geschickt zuhören kann und meine Lehren
versteht! Paß auf! Paß auf! Laß uns niedersetzen!”
Cornel setzte sich, und Riesele blieb bei ihm stehen.
Zwei Feuerwehrmänner kamen daher, plauderten miteinander, und der eine
sagte gerade:
„Roma heißt rückwärts gelesen Amor! Amor ist aber, das steht
ausführlich in meinem Buche, der Gott der Liebe! Oh, in den großen
Städten wird fürchterlich geliebt!”
Sie sahen vor lauter Liebe nichts und gingen vorüber.
„Fürchterlich geliebt!” rief ihnen Cornel nach, „da habt ihr aber
recht!”
Sie schreckten zusammen, die verträumten Feuerwehrleute, kamen dann
aber gleich beherzt herzu und sagten zugleich:
„Da sind sie ja!”
„Da sind wir!” erwiderte Cornel und streckte beide Hände vor, als wolle
er sie fesseln lassen.
„Los, heim! Vor uns hermarschiert!” kommandierten die Wehrleute, und
Cornel legte den Arm auf Rieseles Hals, und so traten sie den Heimweg
an.
„Fürchterlich geliebt ist gut!” fing Cornel an, aber die Wehrleute
gaben ihm keine Antwort und redeten von den Dickrüben, die von Hasen
zerfressen waren.
Der Hirt wandte sich nunmehr wieder an Riesele und sagte laut, daß die
Männer es hören konnten:
„Weder Zucker, Riesele, -- das wollte ich dir vorhin noch sagen --
weder Zucker gab uns Gott noch Peitsche, sondern Freiheit, Freiheit.
Und das ist so gut und so viel als sich selber! Sich selber gab er uns,
mitten in den Herzschlag hinein, Riesele! Uns, das will heißen: dem
Kaiser, mir, dir, meinen Schweinen und aller Kreatur!”
„Und aller Kreatur!” wiederholte der eine Feuerwehrmann.
„Und aller Kreatur!” bestärkte Cornel und fuhr fort:
„Einheit, Schönheit, Harmonie ringsum in seiner Schöpfung! Nur die
Menschen sind ihm mißraten, Riesele! Sie sind entweder zu eng oder zu
weit ausgefallen!”
„Zu eng!” rief ein Wehrmann, und Cornel antwortete:
„Hörst du's, Riesele, der ist zu weit geraten! Zu weit, und er möchte
deshalb weiter sein!”
„Zu weit!” schrie der andere, und Cornel entgegnete:
„Hörst du's, Riesele, der ist zu eng ausgefallen! Zu eng, und er
möchte deshalb enger sein! Lüge ist alles! _Eine_ Einheit in der
Mannigfaltigkeit: die Lüge; _eine_ Mannigfaltigkeit in der Einheit:
die Lüge! Sie sind aber selbst schuld, die Menschen; sie haben die
göttliche Freiheit mißverstanden, sie haben ihre natürlichen Begriffe
irgendwie verwirrt, sie sagen: deine Freiheit ist die Grenze meiner
Freiheit, und nun gehen sie aufeinander los und sagen: ‚Gewalt geht
vor Recht, und die Freiheit ist für die Narren!’ Riesele! Hörst du's,
Riesele: ich will lieber ein Narr sein, als daß ich unfrei wäre! Du
nicht auch, Riesele?”
Das große Tor der Wachtstube öffnete sich wie von selbst.
„Nun bist du unfrei,” sagte ein Feuerwehrmann, „und bist doch ein Narr!”
„Nun bin ich unfrei,” entgegnete Cornel, „und bin doch frei!”
Cornel ward hineingestoßen, indes Riesele heimtrottete.