III

Natürlich stürmte es auch in den Schulhof, denn Kinder waren ja seine

besten Freunde, und es war ja selber ein Kind! Die dreiunddreißig

Schüler der kleinen Dorfschule brauchten den Freund nicht zu fürchten,

brauchten auch nicht neidisch zu sein seiner Zartheit und Sauberkeit

wegen und hegten keinerlei schlimme Absichten gegen den ausgelassenen

Gassenbuben, es sei denn, daß sie ihn für die paar Schulstunden, die

sie an Freiheit weniger hatten, doch leise beneideten. Sie hörten das

Gäulchen an den Fenstern des Schulsaales vorüberspringen und durften

nicht mit hinaus; sie sahen es am Abhang der Schulwiese grasen und

durften nicht hinaus; sie hörten aus dem Birkenwäldchen sein tolles

Wiehern, und sie durften nicht einmal „Riesele” rufen! Da mußten sie

hocken und lesen, rechnen, rechteckige Aecker zeichnen und ausrechnen,

was, wenn ein Quadratmeter eine Mark und siebenundzwanzig Pfennig

koste, was der ganze Acker wert sei! Anstatt mit dem Riesele drüber

hin zu rennen über den Acker! Da mußten sie Quadratwurzeln ausziehen,

und niemand wußte, wozu, da doch Quadratwurzeln auf keinem Acker

wuchsen, kein Unkraut waren und auch kein Kraut und was also denn

eigentlich? Da mußten sie die Preußenkönige kompagnienweise vorreiten

können und genau die Spanne Zeit abgrenzen können, die einem jeden von

ihnen und ausschließlich diesem ihre militärische Größe verdankt und

ausschließlich ihre militärische Größe, weil es offenbar eine andere

nicht gibt!

Und draußen im Sonnenschein verjubelte das Riesele seine Jugendkraft

und durfte anstellen, was es wollte!

Aber der Herr Lehrer, obgleich er ein Preußenfreund war, war doch kein

Ungerader! War doch so kein ganz Ungerader!

Es kam einmal vor, daß das Riesele in seinem Uebermut ins Schulhaus

stürmte, über die vier Treppenstufen kletterte und den Hausgang

betrappelte. Das hörten Lehrer und Schüler! Da blieb weder Lehrer

noch Schüler auf dem Platz: dies Getrommel auf den Steinplatten des

Hausganges zertrampelte alle Wissenschaft, weil es ein Stückchen

Kinderweisheit war: der Preußenkönig flog in die Ecke, die

Quadratwurzel trieb Schößlinge aus dem Acker, dessen Quadratmeter so

schrecklich teuer war, ... und der Herr Lehrer sprang vom Pulte auf,

schnitt munter, schalkhaft lächelnd mit den beiden heftig ausfahrenden

Händen die Unruhe entzwei, daß die Kinder wieder auf die Sitze

herabsanken und ging auf den Zehen an die Tür und hob leise die Klinke

aus der Nase. Und wahrlich: das Riesele stieß die Tür mit dem Maule

auf, daß sie zurückknallte wider den Schrank.

Da stand es nun, das Riesele, die buttergelben Vorderhufchen auf der

Schulschwelle, und blieb stehen! Kam nicht näher in den Saal, kam nicht

in den Saal herein! Alle Kinder standen, standen gar auf den Bänken,

hielten dem Gäulchen ihr Brot hin, riefen, kosten, -- allein, es kam

nicht näher. Es drehte einmal den Kopf zur Seite, als wolle es den

Herrn Lehrer sehen, den es offenbar fürchtete, allein, der Lehrer hielt

sich vielleicht aus sicherer Kenntnis elementar fühlender Seelen hinter

dem schwarzen Ofen verborgen! Er stieß den Zeigefinger vor, deutete auf

das Trudelchen, das Kind solle von seinem Platz aufstehen, hervortreten

und das Riesele hereinholen. Aber Trudel getraute sich nicht, und da

die Buben wild wurden und jeder das Pferdchen holen wollte, streckte

dieses seine Nase weit vor, wie wenn es niesen wolle, nieste wirklich

und nahm Reißaus! Die ganze Klasse aber stürmte hinterdrein, und für

diesen Tag war die Schule aus.

„Ganz recht, Riesele!” sagte der Lehrer, als er sein preußisches

Geschichtsbuch ins Pult einschloß, „unsere Weisheit ist keine Einfalt

mehr und deshalb keine Weisheit mehr! Wer weise werden will, der muß

uns fliehen!”

Am nächsten Morgen erzählte der Pfarrer den Kindern von dem kleinen

David und dem Riesen Goliath. Er erzählte da, wie der kleine David

als Hirtenbub auf den Bergwiesen sich umhertrieb, wie's just eben das

Riesele tue, wie er aber doch emsiger gewesen sei als das Riesele, wie

er gelernt habe, die Harfe spielen, wie er selber neue Lieder gesungen

habe aus seinem Herzen heraus: Lieder, wie sie vor ihm und nach ihm

kein Mensch mehr habe singen können, wie er sich zugleich geübt

habe, die Schleuder zu führen, um im Falle der Not das Vaterland zu

verteidigen, und wie er alsdann später seiner Lieder wegen dem kranken

König Saul habe singen dürfen! Wie der König ihn habe liebgewonnen

und wie er nicht mehr habe leben können ohne ihn, den Hirtenknaben,

wie dann auch wirklich die Feinde gekommen seien, und wie just er,

der Hirtenknabe, den mächtigsten der Feinde, ihren Riesen, den Riesen

Goliath, eben mit der Schleuder erlegt habe, indem er ihm einen spitzen

Stein mitten in die Stirn getrieben habe, so daß der ungeheure Kerl

umgefallen sei, um sich zu verbluten!

„Ihr Buben!” sprach der Pfarrer, „ich frage euch: ist das nicht eine

echte Bubengeschichte? Das ist die schönste Bubengeschichte der Welt!

Oder kennt ihr eine schönere?”

„Robinson!” rief einer; jedoch der Pfarrherr wehrte ab und antwortete:

„Sei mir still mit deinem Robinson, mit deinem unfolgsamen Engländer!”

„Joseph!” meinte ein anderer, „Joseph von Aegypten!”

„Aha!” sagte darauf der Pfarrer, „und warum denn Joseph?”

„Weil er verkauft wurde, weil er ins Gefängnis gesteckt wurde und

nachher doch König wurde!”

„Gut, er hat gelitten und wurde erhöht!”

„David wurde auch erhöht, David wurde auch König!” rief ein Großer

dazwischen.

„Wurde auch König,” wiederholte der Geistliche, „David wurde auch

König, freilich, und was für einer! Aber: welcher von den beiden

gefällt dir nun am besten, der aus Aegypten, der zuerst leiden mußte,

oder der von den Fluren Bethlehems, der niemals litt und immer siegte

und sang und Flöten blies und Harfen schlug?”

Die Kinder zischelten; aus den neun Bänken schossen die Finger wie

Pfeile gegen des Pfarrers Antlitz, und mitten in dem Gezisch schlug

plötzlich ein kleiner Mädchenkopf knallend auf die Bank: das Trudelchen

heulte laut auf und schnippste und holte den Schürzzipfel an die nassen

Augen. Der Pfarrer trat zu ihm hin, ergriff sein Händchen und sagte:

„Was ist los, Trudel? Komm, los! Sag mir's rasch?”

Das Kind erhob sich nicht, sondern rief mitten in seine Tränen hinein:

„Das Riesele soll David heißen, nein, Joseph, Joseph soll es heißen!”

„Na, wie soll's nun eigentlich heißen, Trudel?”

Das Kind begann, aus seinen Tränen zu lachen, erhob sich, sah dem

Pfarrer über die Maßen vertraut ins Gesicht und sagte:

„David!!”

„David?” antwortete der Pfarrer, „es soll König werden, ohne daß es

zuvor von seinen Brüdern wäre verkauft worden; es soll sich immer nur

freuen, ohne daß es gelitten hätte! Ihr Großen dahinten: wie ist's mit

König David gewesen: hat er schließlich nicht auch sein Bündelchen zu

tragen gehabt?”

„Aber er war doch stärker als der Riese, und ich hab's doch nicht

gewußt!” heulte Trudel.

„Gewußt, gewußt! Trudelein! Du hast's doch selbst getauft! Und getauft

ist getauft! Oder willst du dein Gäulchen dreimal taufen lassen, wie's

dem Schalk aus Braunschweig geschah, und willst du haben, daß Riesele

gleich diesem Schalk ein Taugenichts werde und ein Tagdieb? Sei stille,

sei stille!”

Trudel, von der Unabänderlichkeit zerschmettert, ließ sich niederfallen

und ihr Geschluchz hub stärker an.

Da wieherte draußen das Riesele, da knallten auch schon die kleinen

Hufe wieder im Hausgang! Die ganze Klasse begann zu schreien vor

Freude, der Gustav und der August liefen an die Tür, den kleinen

Frechdachs fernzuhalten, hinauszuführen, aber dieser schlüpfte unter

ihren Händen durch zum Saal herein und schnurstracks auf das Trudelchen

zu, das bei den Kleinsten in der vordersten Bank saß.

Diesmal, weil der Pfarrer im Saale war, zögerte das Mädchen nicht. Es

schämte sich nicht! Allein es hatte gar nicht Zeit, sich zu schämen,

sein kleines, ungestümes Herzchen hüpfte von selbst auf die Bank, nahm

das kleine, sechsjährige Körperchen mit in die Höhe, es legte die

nackten Arme um des Riesele schwarzen Hals, es küßte das Riesele auf

die weiße Blesse und riß es an der in Jugendwuchs strotzenden Mähne mit

sich fort, zur Schule hinaus und rief immerzu:

„Dävidele, Dävidele!”

Der Lehrer, der im Hofe auf- und abging und seinen Aufsatz auswendig

lernte, kam eiligst herein, aber die zwei Kleinen waren schon draußen.

„Riesele hat einen sehr gesunden Drang nach -- nach -- nach, Herr

Pfarrer, nach Weisheit in sich!” meinte der Lehrer, „gestern war es

auch hier!”

„Es weiß nicht, was es tut!” erwiderte der Pfarrer pfiffig, „ihm soll

verziehen werden! ... Uebrigens, wenn das Riesele ein Esel wäre und

nicht ein kluges Ding, ein Pferd, man könnte versucht sein, mit der

Schrift zu sagen: er kam in sein Eigentum, aber die Seinen ... Nix für

ungut, Herr Lehrer, guten Morgen!!”

Riesele: Geschichte eines kleinen Pferdes · 第 9 / 31 题