Als das Räppchen zum ersten Mal aus dem Stall gehen durfte, rannte
es unter den Händen der drei Kinder davon, feuerte aus, wie wenn es
toll wäre, und die Hühner stoben auseinander, die Gluck sträubte das
Gefieder, die Enten ordneten sich schräg hintereinander und guckten in
die Höhe, und nur die Gänse gingen vorgestreckten Halses beherzt auf
den Fremdling los, ihn mit ihren sägig bewehrten Schnäbeln zu beißen
und zu vertreiben. Jedoch das Räppchen achtete nicht ihrer Waffen,
hüpfte weiter und blieb erst stehen, wo kein Huhn und keine Gans mehr
stand, und turnte da einmal recht kräftig auf seine Vorderbeine, um mit
den dickknochigen Hinterbeinen gehörig auszufeuern und gleichsam die
ganze Flatterschar keck zum Kampf herauszufordern.
Da es eine Pause machte und um sich guckte, ob vielleicht Gegner auf
die Walstatt gefolgt seien, drehte sich der Hahn seitab und krähte
einmal ins Birkenwäldchen, als ginge ihn dieser Bramarbas herzlich
wenig an. Die Gänse streckten die Schnäbel zusammen und schnatterten,
was sie gesehen, und machten sich lustig über den Tollpatsch, und nur
die Enten kamen gutmütig, wie sie sind, seitlich am Rande der Wiese
entlang auf das Räppchen zugewackelt, sagten aber nichts.
Auch die drei Kinder kamen, schnalzten mit den Zungen, hielten die
Hände vor und rieben die Daumen auf den Zeigefingern. Das Räppchen
blieb stehen, bis die Kinder nur noch einen Schritt entfernt waren,
dann warf es sich behend herum und raste davon. Die kleine Trudel
begann zu weinen, und aus dem Stall erscholl das klagende Wiehern der
anderen Trudel, aber das Räppchen achtete auf nichts und lief immer
weiter, ins Dorf hinein.
Die Bauern traten in die Türen und sahen ihm nach, die Bäuerinnen kamen
mit ihren Kochlöffeln gelaufen, alle Kinder eilten herzu, das Füllen
einzufangen.
Er, der Säugling, konnte der Meute der Jugend nicht weiter entfliehen
und ergab sich schließlich, wieherte und streckte den zahnlosen Mund in
die Luft und schweifte das dünne Schwänzchen hin und her, bis es von
einer kleinen Hand festgehalten wurde. Die Mähne, die wie ein Besen in
die Höhe starrte, ward von Kinderhänden überstreichelt bis tief in den
Rücken. Auch die beiden Ohren wurden festgehalten und die zierlichen
Hufe, die Lippen, die Mähne, und schier wäre das ganze Kerlchen von
Kinderhänden überdeckt worden, hätte das Räppchen nicht durch einen
heftigen Ruck sich selber befreien können. Da stand gerade die kleine
Trudel vor ihm, und diese Trudel durfte ihm über die Augen fahren und
an die weiße Stirn. Mit ihr ging das Räppchen auch wieder heimzu, und
die Kinder des Dorfes strömten mit an den Stall und drangen bis in
den Stall hinein, und Katherin, die Bäuerin, hatte ihre liebe Not mit
ihnen, sie wieder hinaus zu bringen.
Als der Bauer mit Bärbel, der Kuh, die den kleinen Pferdewagen an der
Stirn hängen hatte, gemächlich, wie es einem Kuhfuhrwerk zukommt,
den Weg herauftrottete, saßen noch einige auf der Stallschwelle und
betrachteten das kleine Füllen mit seiner Mutter, denn junge Pferde
gab's nicht alle Tage, und zudem solch ein kleines war noch nicht
gesehen worden im Dorf und nicht im Tal.
Der Bauer war beinah böse: er wollte den kleinen Mann so früh nicht auf
die Gasse schicken, nun er seinen ersten Ausflug doch gemacht hatte,
mäßigte er seinen Groll, da er wußte, wie die gute Mutter dem Drängen
der Buben nicht hatte widerstehen können ... Er holte sich das Tierlein
heraus in die Sonne, hob zärtlich den einen der zierlichen Hufe und so
auch die anderen, und da er nicht erkennen konnte, daß das junge Horn
sich allzu sehr abgenutzt hatte, gab er dem Räppchen einen gelinden
Stoß auf die schmalen Backen und jagte es in den Stall zur Mutter.
Sofort stürzte sich der kleine Ausreißer gegen den Leib der Alten, soff
sich voll und ließ sich hinplumpsen, um sogleich einzuschlafen.
Sapperlott, der Hasenvater, kam ganz nahe an seinen Hinterhuf
herangehopst, als wolle er jetzt schon einmal prüfen, welch tückische
Macht ihm den Aufenthalt in dem ruhigen, viel zu ruhigen Stall
vielleicht verleiden könne! Er wagte sich sehr nahe an den kleinen,
kindlich harmlosen Huf heran, er zog sogar die Oberlippe faltig in die
Höhe, er streckte selbst das Zünglein zwischen den spitzen Zähnen
hervor, ließ die langen Schnurrhaare über das Horn gleiten und drehte
sich schließlich ohne jeden Grund davon weg, um eiligst nach seinem
Drahtgitter zu hüpfen. Daselbst, so mochte es scheinen, erzählte er das
Ergebnis der Untersuchung seiner Häsin und seiner Jungmannschaft, denn
alle krabbelten plötzlich ans Gitter und staunten nach dem winzigen
Pferdehuf, der gelb wie ein Fetzen Maibutter neben der dunklen Lende
lag. „Keine Gefahr, keine Gefahr!” Die Schwalben flogen eifrig aus und
ein; plötzlich erschallte aus dem Nest ein heftiges Gezwitscher und
verstummte. Der Hasenvater schien auch jetzt den Seinen etwas zu sagen,
denn alle hoben wie auf seinen Wink die Augen von dem harmlosen Hufe
weg und hinauf an den Querbalken, wo das Nest klebte. Auch das Räppchen
regte den Kopf, als störe ihn das Gezwitscher der jungen Schwalben,
oder aber als errege es seine besondere Freude.
Am Nachmittag kam Trudel, das Mädchen, aus der Schule und hatte an
der Stirn einen großen Kreidefleck, den es wie ein Aschermittwochmal
ängstlich hütete. Es stellte sich vor sein Räppchen und sagte:
„Guck, das hat mir mein Lehrer gemacht!”
Sie trug aber ein Stückchen Kreide in der Hand und machte nun dem
Mutterpferd auch eine Blesse, dann Sapperlott, dem Hasenvater, der
in der Reife seiner Jahre geduldig standhielt, dann den jungen
Geislein, die noch keine Hörner hatten, dann der Stalltür und den
zwölf Steinstufen der hohen Treppe, der Haustür, dem Küchentisch
und schließlich gar den eisernen Kochhäfen, die in Reih und Glied
hochangefüllt mit Kartoffeln auf dem kalten Herde standen. Und über
jeden Fleck malte Trudel ein großes R.
Als die Mutter aus dem Garten, der hinterm Hause lag, hervorkam, um
den Herd zu heizen, sah sie, was ihr Mädchen gemacht hatte, und da sie
eine rechte Kindsmutter war, lachte sie über den sinnigen Unsinn und
ließ sich selber eine Blesse auf die Stirn malen. Bald qualmten die
Kartoffelhäfen, und der Schwarm des Dampfes stieg überm Herde auf, an
der dunklen Decke hin, vorüber an der Mückenleimampel, die da pendelte,
und hinaus durchs offene Fenster.
Es geschah, daß die Buben und alle Buben des Dörfchens mit dem Namen
Räppchen nicht mehr zufrieden waren und sich auf einen anderen Namen
besannen. Während der Pausen auf dem Schulhof, während man im Badloch
zu schwimmen versuchte, plätscherte man eifrig die schönsten Namen
übers Wasser hin, und Trudel, das Kind, hatte seine liebe Not! Es
wollte sein Gäulchen „Richard” nennen, „Richardele”, aber die Buben
spotteten und hörten sie nicht einmal an!
Da standen sie wieder beisammen, die Herrn Buben, standen mit ihren
Reifen im Stall und waren keine Minute mehr zurückzuhalten, die
Gassenbuben!
„Na Trudelein,” sagte der eine, „solls Räppchen immer noch Richardele
heißen?” und er lachte, und alle Buben lachten mit ihm.
„Weißt,” sprach August, „ein schwarzer Gaul kann nicht Richard heißen!”
„Warum denn nicht?” fragte sie dagegen, „warum denn nicht?” Und sie
nahm ihr Däumchen in den Mund und schmollte.
„Und dann, Trudel, das mußt du verstehen, das verstehst du aber noch
nicht,” so sagte ein anderer, der an einer gelben Rübe kaute, „Richard
ist doch ein Bubenname!”
Alle lachten sie frech, und Trudel weinte laut heraus.
„Besinn dich halt auf etwas Besseres!”
„Wir können das Räppchen doch auch nicht Riese Goliath nennen!” meinte
August, und Gustav entgegnete:
„Auch Siegfried sollen wir's nicht nennen, da kann sie den großen S
nicht machen und kommt wieder gelaufen!”
„Doch, ich weiß!” warf Trudel jetzt hin, „Riese Goliath heißen wir's!”
„Das sind ja zwei Namen, einer genügt!”
„Gut!” entschied Gustav, „nennen wir's Riese!”
Sie lachten schon wieder, aber Trudel griff den Namen herzhaft auf und
rief ein übers andere Mal:
„Riese heißt es, Riesele, Riesele!”
„Riesele!” schrien die Buben, „Rieselein, der kleine Gernegroß!” und
sie trieben ihre Reifen an und rasten mit dem Namen davon, die Wegspur
hinunter. Trudel aber holte am Brunnen eine Handvoll Wasser, trug sie
fürsorglich in den Stall, goß sie dem Gäulchen übern Kopf und sagte
immerzu: „Riesele, Riesele!”
Alle Welt war mit dem Namen einverstanden, und das Füllchen Riesele
ward der Freund und Genosse der ganzen Dorfjugend und die stille Freude
aller Erwachsenen.
Es lief im Dorf umher, auf den Straßen, in den Bauernhöfen, über die
Wiesen, selbst über die Felder durfte es laufen, und niemand verwehrte
es ihm. Junge Rinder und Kälber, die des Morgens in großen Scharen
auf die gemeinsame Weide getrieben wurden, ließen stillschweigend
geschehen, daß das Gäulchen sich ihnen anschloß und mitlief, ließen
geschehen, daß das Gäulchen, das freilich viel wilder war als die
Kälber, die großen Rinder, die schon fast ausgewachsen waren und schon
fast eingespannt werden konnten, anrannte und seinen Kopf in ihre
Lenden stieß, als wenn es saufen wollte!
Die Gänse, die auch allmorgendlich gemeinsam auf die Weide auszogen,
die Gänse mußten stets gewärtig sein, daß ihre Unterhaltungen während
des Ausmarsches oder während der Heimkehr plötzlich aus einem Hof
heraus von dem Riesele gestört wurden. Zwar fürchteten sich die
Gänse keineswegs, rannten auch nicht davon, wenn der Wildfang
angetrippelt kam, aber da es doch unliebsam war, mitten im Gespräch
auseinandergerupft zu werden, so haßten die Gänse das Riesele heimlich,
und immer wieder konnte man wahrnehmen, wie einige ihrer beherztesten
die Schnäbel hoben, schnatterten, sogar laut krischen und dem
Störenfried an die Beine wollten.
Auch die Schweine grunzten des Morgens, wenn Rinder und Gänse fort
waren auf ihrem gemeinsamen Weideplatz, und der Hirt, ein verlorener
Sohn aus Nirgendwo, war ein guter Mensch von Anbeginn und konnte das
Riesele recht leiden, weil es ein so sauberes, freundliches Kerlchen
war. Zwar die Schweine gewöhnten sich nicht an die Freiheit des
Gäulchens, verstanden sie nicht und verziehen sie deshalb auch nicht
und stoben immer wieder verscheucht auseinander, wenn sie es nur von
ferne trappeln hörten.