Stammtafel der Amaler zu geben, wie der erste historisch beglaubigte
Amaler kein Anderer als der von Priscus erwähnte Walamer ist. Dieser
theilt sich nun nach Jordanes mit seinen beiden Brüdern in die
Regierung Pannoniens, und weist, obwohl mit kleiner Schaar, einen
Angriff der Hunnen ab. Damals wird der große Theoderich geboren. Bald
nachher entzieht Kaiser Marcian den Gothen die gewohnten Jahrgelder,
während er sie dem Sohne des Triarius bezahlt; darüber entrüstet,
verheeren die Gothen ganz Illyrien, und der Kaiser beeilt sich, den
Frieden unter Bewilligung der Jahrgelder herzustellen; die Gothen
senden dafür dem Kaiser Leo den Knaben Theoderich als Geißel. Bald
finden übrigens die Ostgothen, genau so wie die Westgothen unter
Alarich, nicht etwa, daß ihre Stellung der Ehre der Nation nicht
entspreche, sondern daß das römische Geld zu ihrer Ernährung nicht
ausreiche und daß sie Proben ihrer alten Tapferkeit ablegen müssen,
und so beginnen sie eine Reihe gewaltiger und immer siegreicher Kriege
gegen alle ihre Nachbarn, Scyren, Satagen, Sarmaten, Hunnen, Rugen,
Sueven und Alamannen. Sie verfahren ebenso gründlich wie glorreich;
die Scyren werden beinahe sämmtlich vertilgt; dann bilden alle die
genannten Völker eine große Coalition gegen die Gothen, ein Bündniß
also sämmtlicher Nationen des Donaugebietes von der Quelle bis zur
Mündung des Stromes. Aber die Recken der Amaler sind ihnen Allen
gewachsen; das Schlachtfeld ist mit zehntausend feindlichen Leichen
bedeckt und sieht aus wie ein blutrothes Meer. Dann gehen sie über die
gefrorene Donau und fallen vom Rücken her das Land der Suaven an, das
im Osten die Baiern, im Süden die Burgunder, im Westen die Franken, im
Norden die Thüringer zu Nachbarn hat[241] – offenbar also hat der Autor
das Schwabenland im Sinn. Mit den Suaven vereinigt sind damals die
Alamannen; König Theodemer aber hat sie beide besiegt, verwüstet, ja
beinahe unterjocht. Als er nach Pannonien zurückkommt, tritt ihm sein
Sohn Theoderich, aus Byzanz entlassen, nach zehnjähriger Abwesenheit
entgegen; und kaum angelangt, rafft der heldenkühne Jüngling auf
eigene Faust ein kriegerisches Gefolge zusammen, überfällt damit den
hochfahrenden Sarmatenkönig Babai, tödtet ihn und erobert Singidunum.
Als jetzt, bemerkt Jordanes, bei diesen Völkern keine Beute mehr zu
hoffen ist, da fehlt den Gothen Kleidung und Nahrung; der Friede wird
ihnen lästig und sie fordern weitere Kriegszüge von ihren Königen. Man
sieht, es ist stets derselbe »leitende Volksgedanke, auf den Alles
ankommt«, Rauflust und Beutelust. König Theodemer sendet darauf seinen
Bruder Widemer gegen Italien und rückt seinerseits gegen Ostrom in das
Feld. Widemer stirbt in Italien und sein gleichnamiger Sohn wendet sich
unter Zustimmung und im Auftrage des Kaisers Glycerius nach Gallien, wo
er sich mit den stammverwandten Westgothen verbindet, und so zu einer
Einheit verwachsen, behaupten sie Gallien und Spanien zu eignem Rechte,
so daß kein Andrer dort Macht hatte. Theodemer aber überschwemmt
mit zahlreichem Heer Illyrien, erobert Naissus, so wie Larissa in
Thessalien, belagert Thessalonike, und nimmt dann, gegen Landanweisung
rings um diese Stadt, das römische Födus an. Als nach seinem Tode
sein Sohn Theoderich König geworden, ladet Kaiser Zeno diesen nach
Constantinopel, überhäuft ihn mit Ehren, macht ihn zum Consul, adoptirt
ihn, setzt ihm eine Reiterstatue. Theoderich aber, der während seiner
hauptstädtischen Genüsse erfährt, daß sein Volk in Illyrien nicht im
Überflusse lebt, will lieber, »nach der gewohnten Sitte der Gothen,
durch Kriegsarbeit Nahrung gewinnen, als müßig in der Herrlichkeit
des römischen Reiches schwelgen«: noch einmal wörtlich der »leitende
Volksgedanke«, wie bei Alarich. So tritt er den Kaiser an, und schlägt
ihm den Krieg gegen Odoachar vor. »Warum soll dieser Tyrann Italien
beherrschen? fragt er. Wenn ich ihn besiege, so möge ich, dein Diener
und dein Sohn, jenes Reich besitzen, nach deiner Gnade und Schenkung;
in jedem Falle ersparst du die Kosten unseres hiesigen Aufenthalts«.
Zeno ist zwar betrübt, ihn zu verlieren, will ihm aber keinen Kummer
machen, und entläßt ihn, indem er ihm Senat und Volk von Rom empfiehlt.
Die Gothen erklären dem Könige ihr Einverständniß und so zieht das
ganze Volk hinaus zur Eroberung Italiens.
Absichtlich habe ich diese Darstellung ohne jede kritische
Zwischenbemerkung wiederholt, um ihre völlige Unvereinbarkeit mit
der Ansicht der geschichtlichen Quellen in möglichst helles Licht zu
setzen. Beiden gemeinsam ist nur die eine Anschauung, daß die Gothen,
unfähig im Frieden sich zu ernähren, stets durch den Drang nach Beute,
und sicher nicht aus irgend einem Nationalbewußtsein oder einer
nationalen Idee zu den Waffen greifen[242]. In allem Übrigen steht
Jordanes zu den Quellen in einem Gegensatze, der nicht stärker gedacht
werden kann. Bei Malchus sind die aus Dacien auf römischen Boden
übergetretenen Gothen in drei[243] kleine von einander unabhängige und
einander feindselige Haufen zerfallen: nach Jordanes bilden sie eine
kriegerische Großmacht, die einem gewaltigen Völkerbunde überlegen
ist. Nach den römischen Autoren ist es Theoderich, der Jahre lang
mit schlechtem Erfolge gegen Strabo zu kämpfen hat und endlich nur
durch dessen Tod zu einigem Ansehen gelangt: nach Jordanes wird die
Rivalität gegen Strabo ein Menschenalter früher durch die Amaler mit
glänzendem Siege ausgefochten. Nach Eugippius sind zwischen 470 und 480
die Alamannen die gefährlichen und gefürchteten Bedränger Noricums, wo
sie Jahr für Jahr den Strom hinab weiter vordringen: nach Jordanes
werden sie in eben dieser Zeit von den Gothen in ihrer eignen Heimath
besiegt und unterworfen. Nach den römischen Quellen zwingt Theoderich
dem Kaiser Zeno durch wiederholte Angriffe und die endliche Drohung,
Constantinopel zu belagern, die Vollmacht zum italienischen Zuge ab:
nach Jordanes ist er seit dem Beginn seiner Herrschaft der liebe Gast
und Adoptivsohn des Kaisers. Nach den römischen Quellen sendet ihn Zeno
hinaus mit dem Auftrage das befreite Italien im Namen des Kaisers zu
verwalten: nach Jordanes stimmt er dem Vorschlage Theoderich’s zu, ihm,
wenn er den Odoachar besiege, als seinem Diener und Freunde Italien zu
schenken. Mit einem Worte, der Widerspruch klafft durch alle Theile der
Darstellung hindurch; unmöglich können beide neben einander bestehen,
unmöglich ihre Einzelheiten in organische Verbindung gebracht werden.
Auch ist es nicht schwer, den Grundgedanken zu erkennen, aus welchem
alle diese Fictionen des Jordanes oder Cassiodor herausgewachsen sind.
Überall handelt es sich darum, die Rechtmäßigkeit der Herrschaft
des großen Theoderich durch die Aufstellung eines entsprechenden
historischen Hintergrundes zu veranschaulichen. Nun hat Theoderich
die Scyren des Odoachar ausgerottet: Jordanes also zeigt die ererbte
Feindschaft, denn nach ihm fällt des Königs Oheim gegen die Scyren,
und zu deren Beistand bildet sich der Völkerbund, welcher die Existenz
der Ostgothen bedroht. Theoderich hat Rugen in seinem Heer und
beherrscht Noricum, das frühere Rugiland: Jordanes also gibt auch
dazu die Vorbereitung; eben in jener Völkerschlacht werden auch die
Rugen von Theoderich’s Vater besiegt. Theoderich schiebt die Ostgrenze
seines Reichs im Kampfe mit Hunnen, Bulgaren und Byzantinern bis
Sirmium und Singidunum vor[244]: nun wohl, die frühere Einnahme von
Singidunum war die erste Siegesthat seines jugendlichen Armes, und
ausdrücklich bemerkt Jordanes, daß er die gewonnene Stadt nicht den
Römern zurückgegeben, sondern für sich behalten habe. Theoderich
beherrscht ferner einen Theil der Alamannen als ihr Beschützer gegen
die fränkische Übermacht: natürlich genug nach Jordanes, denn die
Alamannen waren schon einmal durch Theodemer gothische Vasallen
geworden. Theoderich führt die Vormundschaft über den minderjährigen
Westgothenkönig und läßt durch seine Feldherrn den bedrängten
Staat beschirmen und zusammenhalten: es ist nur die Fortsetzung
der Verdienste, welche nach Jordanes die Amaler sich vorlängst um
Westgothien gerade in den entscheidendsten Momenten erworben haben,
Berimund durch weise Berathung des ersten Theoderich zur Zeit Attila’s,
Widemer der Jüngere durch die herangeführte Verstärkung, die es Eurich
möglich macht, Gallien _suo jure_ zu beherrschen. Über Italien endlich
regiert Theoderich in voller Souveränität, nur daß er in pietätvoller
Erinnerung an das alte Freundesverhältniß dem Kaiser allerlei
Höflichkeit erweist: wie sollte es anders sein, denn wie der Vater dem
Sohne, so hat nach Jordanes Zeno dem Könige Italien als freies Geschenk
überlassen. Gothen und Römer sind zu ewigem Födus bestimmt, nur
versteht es sich, daß für die Amaler, die seit siebzehn Generationen
ein königlicher Stamm sind, das _foedus aequi iuris_ sein muß.
Wie wir sehen, haben wir hier wie bei der amalischen Stammtafel
es nicht mit unbewußt schaffender Sage, sondern mit sehr bewußter
tendenziöser Erfindung zu thun. Man mag einzelne Daten derselben,
wo sie mit den Angaben der Quellen übereinstimmen, zur Erweiterung
unserer Kenntniß benutzen; für ihre Gesammtauffassung aber der Dinge
ist auf historischem Boden kein Raum. Dies Verhältniß setzt sich
fort bei jedem weiteren Momente der Geschichte Theoderich’s. Nach
Jordanes wird Odoachar in jeder Schlacht besiegt, dann durch Hunger
zur Unterwerfung genöthigt, endlich wegen verrätherischer Umtriebe
gegen Theoderich von diesem umgebracht. Dagegen erfahren wir durch
den Valesischen Chronisten, daß erst die Ankunft eines westgothischen
Hülfsheeres den Theoderich aus schwerer Bedrängniß errettet; Prokop
und Johann von Antiochien aber berichten, wie Odoachar durch das
Angebot einer gemeinsamen Regierung zum Friedensschluß verführt und
dann durch Meuchelmord aus dem Wege geräumt wird. Nicht weniger
unvereinbar mit den historischen Quellen sind die Angaben des Jordanes
über die Königswürde des Theoderich. In der römischen Chronik meldet
er, Theoderich sei nach Italien ausgezogen als _rex gentium_ und
_consul Romanus_; dann nach der Besiegung des Odoachar (_Getica_ 57)
habe er, _consulto Zenone imperatore_, die gothische Tracht und die
private Kleidung abgelegt und sich, jetzt als König der Gothen und
Römer, mit dem königlichen Gewande geschmückt. Jordanes also sieht
hier wie immer in ihm den Nachfolger der alten Amaler; König der
Gothen ist er durch seine Geburt; jetzt wird er durch Rathschluß des
Kaisers nicht bloß _consul_, sondern _rex Romanorum_. Es ist stets
derselbe Gedanke: amalische Souveränität in ewigem Bündniß mit Rom.
Sehr verschieden aber lautet der Bericht des Valesischen Chronisten.
Der Patricier Theoderich, heißt es hier, zieht aus mit dem gothischen
Volke, ausgesandt vom Kaiser Zeno, um ihm Italien zu bewahren. Wie die
Truppen des Odoachar ist demnach auch sein Heer römisch organisirt
und befehligt: er selbst hat die oberste Leitung als Patricius oder
Stellvertreter des Kaisers; unter ihm führt eine Zeit lang ein hohes
militärisches Commando ein Magister Militum, an der Spitze der
einzelnen Abtheilungen stehen Comites[245]. Als dann Odoachar nach
drei verlorenen Schlachten in Ravenna hoffnungslos eingeschlossen ist,
sendet, wie der Anonymus weiter meldet, der Patricius Theoderich einen
Botschafter nach Constantinopel, in der Hoffnung, jetzt von Zeno das
königliche Gewand zu erhalten. Unterdessen aber stirbt Zeno, und als
nach Odoachar’s Sturz und Ermordung keine Antwort des neuen Kaisers
Anastasius einläuft, da setzen die Gothen sich den Theoderich zum
Könige, ohne einen Befehl des Kaisers abzuwarten. _Sibi confirmaverunt
regem Gothorum_, sagte der Autor sehr ausdrücklich; sie rufen nicht
etwa, wie es Dahn als selbstverständlich annimmt, den seit langen
Jahren herrschenden Volkskönig der Ostgothen jetzt auch als König
von Italien aus, sondern sie machen den Patricius Theoderich jetzt
auch zum König der Gothen. Nach unsern frühern Erläuterungen ist der
Hergang sehr einfach und begreiflich. Theoderich mochte früher als
Phylarch den Titel _kindins_ oder _reiks_ geführt haben. Als solcher
aber war er das geborene Oberhaupt nicht des greutungischen Volkes,
nicht der Gothen des Sidimund, nicht jener des Strabo, nicht der
_Gothi minores_, sondern nur seiner Hundertschaft und derer, die sich
ihm bei der Räumung Daciens oder nach dem Tode des Strabo freiwillig
anschlossen; wir haben gesehen, daß dies noch um das Jahr 480 ein
kleiner Haufe von vielleicht 10,000 Kriegern war. Als die Rüstung
für den italienischen Zug erfolgte, hatte er über alle andern Theile
seiner Armada keinen Herrschertitel als die kaiserliche Vollmacht,
die römische Amtsstellung des Patricius. Erst nach der Vollendung
des Sieges, als aus Constantinopel keine Willensmeinung des Kaisers
einläuft, proclamirt ihn das gesammte Heer als König, als ihrer Aller
König, als König der Gothen. Dem Kaiser gegenüber war es ein Act,
wenn nicht der offenen Unbotmäßigkeit, so doch einer unberechtigten
Eigenwilligkeit. Bis dahin war der Kaiser unbestritten der höchste und
unmittelbare Kriegsherr über jeden einzelnen Officier und Soldaten
des Heeres, abgesehen etwa von den Genossen der amalischen Phyle;
wenn er den Feldherrn gewechselt, dem Heere oder einzelnen Theilen
desselben eine andere Bestimmung gegeben, so hätten die Germanen
dagegen vielleicht, wie hundert Male früher auch römische Legionen,
Empörung erhoben, aber es wäre eben Empörung gegen Fahneneid und
Soldatenpflicht gewesen. Durch die Königswahl war diese Rechtslage
völlig verändert. Sie enthielt die Erklärung des Heeres, ein für alle
Male dem Theoderich untrennbar verbunden zu sein; so weit dieser
dem Kaiser gewärtig bliebe, würde auch das Heer den kaiserlichen
Intentionen nachleben; aus dem General in kaiserlichem Kriegsdienst war
ein regierender Lehnsfürst geworden. Die Königswahl bedeutete mithin
die Constituirung nicht bloß eines italienischen, sondern auch des
ostgothischen Staates, ja des ostgothischen Volkes. Der Kaiser hatte
zu erwägen, in wie weit er das hiedurch von Grund aus umgestaltete
Verhältniß noch als ein Födus im bisherigen Sinne betrachten konnte.
Anastasius besann sich fünf Jahre lang; endlich kam auf eine erneuerte
Botschaft Theoderich’s die Vereinbarung zu Stande, _pace facta_, wie der
Anonymus sagt, _de praesumptione regni_. Anastasius sandte dem Könige
als Zeichen seiner Anerkennung die von Odoachar nach Constantinopel
eingelieferten Zierrathen des kaiserlichen Palastes: daß Theoderich
dafür die kaiserliche Oberhoheit in irgend welchen Formen anerkannte
und Frieden und Bundeshülfe versprach, geht aus zahlreichen Handlungen
und Documenten seiner Regierung unzweifelhaft hervor. Ebenso deutlich
ist es allerdings auf der andern Seite, daß er thatsächlich nach Innen
und Außen mit unbedingter Selbstherrlichkeit verfuhr, mit Anastasius
Krieg führte, die kirchlichen Ordnungen Justin’s und Justinian’s
mißachtete und in ihr Gegentheil verkehrte und dadurch den Byzantinern
den Rechtsgrund für die spätere Kriegserklärung lieferte.
Es ist von Interesse, die Stellung und Politik Theoderich’s mit
jener seines Vorgängers Odoachar zu vergleichen. Wie Theoderich
Gothen, Gepiden, Breonen, Rugen in seinen kaiserlichen Heerschaaren
versammelt, so vereinigt Odoachar mit einer Hauptmasse von Scyren
verschiedene Haufen herulischer, turcilingischer, rugischer Föderaten.
Jenen nennt Jordanes, wie wir sahen, einen _rex gentium_, diesen mit
näherer Bestimmung einen _rex gentium habens secum Scyros, Herulos,
diversarumque gentium auxiliarios_. Jordanes und Malchus, fanden wir,
stimmen in einem Punkte, in »dem leitenden Volksgedanken« Walamer’s
und Theoderich’s überein, nach welchem sie zu den Waffen greifen, weil
ihr Volk bessere Verpflegung begehrt: ganz so erheben sich Odoachar’s
Föderaten gegen Orest, weil sie neben ihrer Armee auch Äcker haben
wollen und Orest diese Forderung abweist. Beide Machthaber beginnen
ihre Regierung indem sie sich von ihren Heergenossen als Könige auf den
Schild heben lassen; beide knüpfen unmittelbar daran eine Gesandtschaft
nach Byzanz, mit dem Antrag auf kaiserliche Anerkennung, nur daß
Odoachar sich mit dem Amte eines Patricius begnügen will, Theoderich
aber die Genehmigung seiner Königswürde begehrt. Dem Odoachar gibt Zeno
den Titel des Patricius, erklärt ihm aber, daß nur der (vertriebene)
Kaiser Nepos das Amt ihm rechtmäßig verleihen könne; wie unsicher und
zweideutig Theoderich’s Stellung zu dem legitimen Oberherrn blieb,
haben wir eben gesehen. Die innern Einrichtungen beider Fürsten werden
wir später noch zu erörtern haben: hier genügt die Bemerkung, daß Beide
im Wesentlichen ein römisches Staatswesen begründeten, die römischen
Ämter fortbestehen ließen, die römischen Steuern weiter erhoben, und
dennoch, oder zum Theile eben deßhalb, am Schlusse ihrer Herrschaft
gerade der römischen Bevölkerung in hohem Maaße verhaßt waren. Was
die eigene Truppe betraf, so erlebte Odoachar bei Theoderich’s
Anrücken keinen Abfall – denn sein zuerst treuloser Heermeister
trat bald nachher wieder auf seine Seite zurück – und die Masse der
Soldaten war ihm so ergeben, daß Theoderich sie nach der Unterwerfung,
ohne Hoffnung, sie an seine Person zu fesseln, fast sämmtlich
niedermetzeln ließ. Als später das ostgothische Reich seinerseits die
Feuerprobe bestehen sollte, zeigte sich sein Material ungleich weniger
zuverlässig. Während der ganzen Dauer des byzantinischen Krieges folgte
Abfall auf Abfall, Verrath auf Verrath. Die gothischen Parteihäupter
wetteiferten, dem Kaiser ihre Dienste entgegen zu tragen; die Könige
selbst waren bereit, gegen gute Belohnung ihm ihre Souveränität
zu verkaufen; von einem deutschen Nationalgefühl war so wenig die
Rede, daß Regierung und Volk sich wiederholt bereit erklärten, den
Belisar als ihren Herrn anzuerkennen, wenn er sich als Kaiser des
weströmischen Reiches ausrufen ließe. Fassen wir Alles zusammen, so
erhellt deutlich, daß die treibenden Kräfte im Reiche des Odoachar
wie in jenem Theoderich’s überall dieselben gewesen sind. Günstige
Conjunctur, zahlreichere Heeresmacht und persönliche Genialität haben
dem letztern eine etwas längere Dauer als dem ersteren verschafft, die
Institutionen aber und ihre Voraussetzungen sind auf beiden Seiten die
gleichen. Von der moralischen Kraft volksthümlicher Zusammengehörigkeit
ist bei Theoderich’s Schaaren noch weniger als bei Odoachar’s Truppen
zu spüren; weder der Eine noch der Andere vermag ein innerlich gesundes
und dauerndes Staatswesen zu gründen. Die Ostgothen sind ebenso wie
ihre Vorgänger ein aus mannichfaltigen Völkertrümmern militärisch
zusammengesetztes Conglomerat; so wenig wie jene kennen sie das
Bewußtsein, die Fortsetzer eines altnationalen Staates zu sein; von dem
historischen Königthum der Amaler reden zwar Theoderich und Cassiodor,
aber an keiner Stelle bemerkt man eine Wirkung davon im Volke. Nicht
auf germanische Überlieferungen also ist Theoderich’s Reich gegründet.
Wie die Herrschaft Odoachar’s ist es das Erzeugniß siegreicher Waffen
in römischer Umgebung. Die Ansicht, daß Theoderich ganz etwas Anderes
als Odoachar, daß dieser ein glücklicher Abenteurer, jener ein »echter
Volkskönig« gewesen, widerspricht allen Thatsachen.
Fußnoten:
[236] Dahn, der es rügt, daß Sidonius »das Hauptvolk, die Gothen« nicht
nennt, vergißt uns zu sagen, nach welchen Quellen er die Gothen für das
Hauptvolk hält.
[237] Letzteres bestätigt durch die _Vita S. Severini_.
[238] Nicht gerade, daß er Amaler, wohl aber, daß er Greutunge ist.
[239] Daß dieser weder Cassiodor’s _historia Gothorum_, noch den
Jordanes benutzt, hat Waitz, Göttinger Nachrichten, 1865, S. 99 ff.,
nachgewiesen.
[240] Nach Prokop’s Zeugniß. Es ist ein Mißverständniß Köpke’s, wenn er
aus Jordanes das Gegentheil herausliest.
[241] Baumann’s Vermuthung (Deutsche Forschungen 16, 239), diese
geographische Angabe sei eine spätere Interpolation, steht mit allen
Codices im Widerspruch, streicht dem Autor die beste Pointe seines
Berichts, und ist nicht einmal nöthig für die Sicherung der weiteren
von Baumann verfochtenen Ansichten. Frühere Forscher haben sich oft
den Kopf zerbrochen, wie bei Jordanes die Schwaben an die Save kommen,
und scharfsinnige Conjecturen zur Lösung des Räthsels ersonnen. Es ist
nichts der Art nöthig. Jordanes bringt die Schwaben nach Pannonien, um
den Rachezug der Gothen nach Schwaben zu motiviren.
[242] Köpke S. 161. »Diese Gothen trugen nicht allein die physische,
sondern auch die moralische Kraft in sich, welche in dem Gedanken
volksthümlicher Zusammengehörigkeit und Einheit liegt«.
[243] Wenn nicht mehrere, falls die Nachricht des Jordanes über die
_Gothi minores_ begründet sein sollte.
[244] _Var. VIII_, 9. 10. _XI_, 1.
[245] Völlig ohne Beweis sieht Dahn in diesen Comites altgermanische
Principes.
§ 4. Fortsetzung. – Franken.
Wir haben in dem vorigen Abschnitte die Entwicklung der fränkischen
Zustände bis ungefähr in die Mitte des 5. Jahrhunderts begleitet.
Obgleich die Salier damals schon seit mehreren Menschenaltern auf
römischem Boden unter der Hoheit der Imperatoren angesiedelt waren,
finden wir kein Anzeichen einer erheblichen Veränderung in ihren
Staatsverhältnissen. Die Nachrichten zeigen sich allerdings in hohem
Grade dürftig; so weit aber die Zeugnisse reichen, melden sie innerhalb
der salischen Civitas eine Mehrheit von Gaukönigen oder Hundertfürsten,
einen entscheidenden Einfluß der nationalen Volksgemeinde auf die
Gesetzgebung, mit einem Worte die Fortdauer des alten demokratischen,
schwach centralisirten Gemeinwesens. Von einem Volkskönigthum, welches
die Angelegenheiten der ganzen Civitas herrschend gelenkt hätte,
ist keine Spur zu entdecken. Ganz neue Wendungen mußten auch hier
eintreten, um eine große und starke Monarchie in das Leben zu rufen.
Allerdings es kam hier nicht zu einer plötzlichen Zertrümmerung der
alten Volksverbände, wie bei den Gothen, Vandalen und Burgundern,
deren zersprengte und aus der Heimath verjagte Elemente sich dann
ohne jeglichen Zusammenhang mit ihrer politischen Vergangenheit um
kühne Führer zuerst zu einem Heere und allmählich zu einem Staate
zusammenschlossen. Vielmehr war bei den Saliern der Verlauf der Art,
daß ihre kleinen Gaugemeinden in der belgischen Heimath ungeändert
fortbestanden, bei der wachsenden Auflösung aber im römischen Gallien
Einzelne ihrer Häuptlinge, ebenso wie Alarich und Theoderich nach
Kampf und Ruhm und Beute trachtend, sich keck in das uferlose Meer
der römischen Wirren hineinstürzten, gleichgesinnte Genossen jeder
Farbe um sich sammelten, und mit fränkischen Streitkräften und
römischen Staatsmitteln draußen die Macht gewannen, zuletzt auch bei
den heimischen Gauen die Anerkennung ihrer Hoheit durchzusetzen. Das
Ergebniß war, nicht eine völlige Romanisirung der Franken, sondern
eine höchst eigenartige Mischung beider Nationen und ihrer politischen
Einrichtungen. Der Mann, welcher sich und den Seinen diese Laufbahn
eröffnete, war Childerich, der Vater des großen Chlodovech.
Childerich beherrscht als fränkischer Hundertfürst die Umgegend von
Tournay, in welcher Stadt bekanntlich sein Grab gefunden wurde. Cambray
und die Sommegegenden, Chlojo’s Eroberungen, besitzt er nicht, da
diese sein Sohn Chlodovech nicht einem Bruder, sondern einem »Parens«
Ragnachar abnimmt, er besitzt nicht Tungern, da dieses erst in der
folgenden Generation der merovingischen Herrschaft unterworfen wird.
Ueber Disparg und die nördlicheren Gegenden fehlen alle Nachrichten,
jedenfalls ist es natürlicher sie im Besitze der Erben Chlojo’s als in
dem der Herren von Tournay zu vermuthen – wenn man nicht auch hier, was
mir wahrscheinlicher ist, selbstständige Gauherrschaften annehmen will.
Aus diesen beschränkten Verhältnissen begann Childerich eine weitere
Laufbahn durch sein vielbesprochenes Verhältniß zu Aegidius. Seine
Genossen verjagten ihn und traten in den Dienst des berühmten römischen
Heermeisters; als die Neigung des Volkes sich Childerich wieder
zuwandte, mischte sich Aegidius nicht ein, und ließ die Wiedererhebung
des Fürsten zu, der ihm dafür in den gothischen Kriegen von 463 gute
Dienste leistete[246]. Damit war Childerich auf den Boden verpflanzt,
auf welchem damals jeder Kriegsgewandte des Gedeihns sicher war; hier
legte er den Grund zu der Größe seines Hauses, abgetrennt von den
heimischen durch Überfülle einengenden Umgebungen; hier kam er empor,
ein römischer Parteigänger, weil er in den Trümmern des römischen
Gemeinwesens sich einzuwohnen verstand. Die ersten Schritte that er
gleich nach dem Tode des Aegidius, als Eurich die gothische Politik
gegen Rom richtete; wie die Burgunder hielt auch er an dem römischen
Födus, kämpfte neben einem römischen Comes gegen die Gothen und deren
sächsische Verbündete, und eroberte Angers und sächsische Inseln, deren
Lage ungewiß, jedenfalls aber an der gallischen Küste zu suchen ist.
_Civitatem obtinuit_, sagt Gregor in Bezug auf Angers, ohne irgend wie
anzudeuten, daß Childerich die Stadt späterhin wieder aufgegeben. Ehe
ich näher widerlege, was seit Dubos für die letzte Meinung angeführt
worden ist, nehme ich Folgendes hinzu. Die _Vita S. Genovefae_ meldet:
_Cum esset insignis Hildericus rex Francorum, venerationem qua eam
dilexit, effari nequeo, adeo ut vice quadam, ne vinctos quos interemere
cogitabat, Genovefa abriperet, egrediens urbem Parisiorum, portam
claudi praeceperat etc._ Hier hat man zunächst an dem Einflusse der
Christin auf den heidnischen König gezweifelt: ich erinnere dagegen an
Attila’s Verhalten gegen mehrere Geistliche, an Chlodovech’s Stellung
zu Remigius vor seiner Taufe. Man hat ferner die vereinzelte Gewaltthat
eines durchziehenden Heerführers in der Stelle finden wollen; es
scheint aber die Gewaltsamkeit klar, mit welcher man dann den Anfang
der Erzählung aufzufassen genöthigt ist. Als Childerich König der
Franken war, widmete er der Heiligen unaussprechliche Verehrung,
bei einem Anlasse ließ er sogar – eine solche Erzählung setzt doch
unmittelbar neben dieser einen auch noch anderweitige, wenn auch nicht
so schlagende Aeußerungen jener Ehrfurcht voraus. Der Schluß, daß
Childerich ebenso wohl der Machthaber über Paris als fränkischer König
gewesen, eben weil die Vita seine Thätigkeit dort nur mit den trocknen
Worten einführt, _cum esset rex Francorum_, dieser erscheint mir, wenn
nicht nothwendig, doch natürlicher als jede andere Interpretation[247].