Die Geschichte also dieser sechszehn königlichen Vorfahren Athalarich’s

hat Cassiodor’s _historia Gothorum_ erzählt. Sein Schreiben, _Var.

XI._, 1, zeigt, daß er ein Bild von dem Charakter der Einzelnen

hatte: wie wäre auch sein Zweck, den römischen Unterthanen die

Herrlichkeit ihres Fürstenhauses darzuthun, durch die bloße Nomenclatur

eines Stammbaumes erreichbar gewesen? Das Glück des Einen, die

Standhaftigkeit des Andern, die Treue des Dritten mußten in den

Begebenheiten ihrer Regierung veranschaulicht werden, wenn nicht

die Namen Amala, Ostrogotha, Thorismund den Unterthanen des großen

Theoderich Schall und Rauch bleiben sollten. Den römischen Lesern

konnte in diesem Zusammenhange neben dem Ruhme der Amaler auch die

historische Trefflichkeit ihrer gothischen Mitbürger überhaupt vor

Augen geführt werden; so fügte Cassiodor der Geschichte der Amaler noch

eine Vorgeschichte des Gothenvolkes hinzu, indem er den Eroberungszug

derselben aus dem Norden an den Pontus und die Donau um ein Jahrtausend

zurückdatirte und mit scytischen und thrakisch-getischen Geschichten,

die er den Gothen aneignete, diesen Zeitraum ausfüllte. In der neuen

Heimath am Pontus ließ er dann, etwa ein halbes Jahrtausend vor

Theoderich, die Herrschaft der Amaler sich emporheben. Kein römisches

Geschlecht konnte hienach einen fürstlichen Adel wie die amalischen, ja

der Populus Romanus selbst konnte keine ruhmreiche Vergangenheit von

gleichem Umfang wie diese gothische aufweisen.

Die amalischen Könige, dürfen wir weiter schließen, haben nach

Cassiodor bis zur hunnischen Invasion über alle Stämme der gothischen

Nation geherrscht. Auch dies ist die deutliche Meinung der oben

wiederholten Varienstellen, und bestätigt wird sie durch mehrere,

ohne Zweifel aus Cassiodor geschöpfte Aussagen des Jordanes. Als

König Ostrogotha regiert, heißt es _Getica_ 17, haben sich die

Westgothen noch nicht abgesondert. Erst kurz vor dem Angriff der

Hunnen, wiederholt der Autor _c._ 24, haben sich die Westgothen aus

irgend einer Absicht getrennt. Dennoch aber behalten die Amaler

das angestammte Anrecht auf ihr Volkskönigthum über alle Gothen.

Als der Amaler Berismund, erzählt Jordanes _c._ 33, den Tod des

Westgothenkönigs Wallia erfährt, eilt er nach Tolosa, um sich die

Thronfolge zu sichern; wer denn, sagt Jordanes, wer hätte über die

Wahl gezweifelt, wenn ein Amaler auftrat? Leider findet Berismund bei

seiner Ankunft den Thron schon besetzt; er bleibt aber in Tolosa, sehr

bald wegen seiner Weisheit beim Könige hoch angesehen und einflußreich,

verbirgt jedoch streng seine erlauchte Abkunft, da er wohl weiß,

daß ein thatsächlich regierender Herrscher einen berechtigten

Prätendenten nicht liebt. Erst sein Enkel Eutharich gelangt zu der ihm

gebührenden Stellung, als der Ostgothe Theoderich seit 508 auch das

von ihm beschützte Westgothenreich beherrscht, die erlauchte Abkunft

Eutharich’s entdeckt und darauf ihm seine Tochter Amalasuntha vermählt.

Da Theoderich keine Söhne hatte, mußte es als großes Glück für die

Sicherheit der Thronfolge erscheinen, daß sich als Gemahl der Tochter

wieder ein Amaler vorfand; und auch für die festere Verbindung von

Ost- und Westgothien konnte es nur günstig wirken, daß dieser Amaler

im westgothischen Lande geboren und aufgewachsen war. So fand sich

Cassiodor veranlaßt, aus der Zeit nach 375 nicht bloß die Geschichte

der amalischen Könige, sondern auch jene des westgothischen Reiches bis

auf Theodorich’s Herrschaft in sein Werk aufzunehmen; er selbst erwähnt

_Var. XII._, 20, daß er die Einnahme Roms durch Alarich daselbst

geschildert habe.

Immer aber macht uns auch an dieser Stelle Jordanes wieder zu schaffen.

Wir vernahmen vorher seine Aussagen, daß vor 375 alle Gothen unter der

Herrschaft der Amaler gestanden. Daneben aber steht im 14. Capitel

die nicht minder bestimmte Erklärung, daß, wie der ausgezeichnete

Historiker Ablabius in seiner höchst wahrhaften Geschichte der Gothen

melde, der östlich wohnende Theil des Volkes, welchem Ostrogotha

vorstand, entweder nach dessen Namen oder nach der Lage seiner

Wohnsitze Ostgothen, der andere aber, im westlichen Lande angesiedelte

Theil, Westgothen, genannt worden sei. Hier also gibt es kein

amalisches Königthum über alle Gothen, im Gegentheil, ausdrücklich wird

die Herrschaft des Ostrogotha auf die Greutungen beschränkt. An einer

weitern Stelle, _Getica_ _c._ 4, lesen wir in gleichem Sinne, nach der

Ankunft am Pontus hätten sich die Gothen nach Familien getheilt, die

Ostgothen den erlauchten Amalern, die Westgothen aber dem Geschlechte

der Balthen, dessen Adel nur dem amalischen nachstand, gedient.

Die Widersprüche sind augenfällig. Auf der einen Seite Cassiodor’s

amalische Königsreihe durch siebzehn Generationen, gegenüber dem vollen

Jahrhundert nicht amalischer Herrscher bei Jordanes. Auf der andern

bei Jordanes selbst, das Zeugniß der amalischen Herrschaft über alle

Gothen neben dem gleich kategorischen Zeugniß der Beschränkung dieser

Herrschaft auf die Ostgothen allein. Man hat wohl daran gedacht, diese

Gegensätze durch ihre Combination in Ordnung zu bringen: die nicht

amalischen Könige des Jordanes seien Westgothen, die amalischen des

Cassiodor Ostgothen gewesen.

Die berechtigten Thronansprüche des Berismund fielen dabei freilich

über den Haufen, und noch übler ist für diese Annahme der Umstand, daß

Jordanes in der Geschichtserzählung selbst den Nichtamaler Cniva ganz

unzweideutig zum Nachfolger eben auf dem Throne des Amalers Ostrogotha

macht, und umgekehrt nach dem Tode des Nichtamalers Geberich den

Amaler Ermanarich als dessen _successor in regno_ bezeichnet, mithin

allerdings verschiedene und wechselnde Dynastien, immer aber nur

einen Thron und ein Reich kennt. Man mag alle Kunst der Harmonistik

aufbieten, um einen Thatbestand zu ersinnen, welcher all diesen mit

einander hadernden Zeugnissen gleichmäßig gerecht werde; das Ergebniß

wird immer sein, daß man, um Allen zu gefallen, schließlich mit

Allen in Widerspruch geräth, und nur eine freie Erfindung der eignen

Phantasie geliefert hat.

Die einzige wissenschaftliche Lösung wird durch die Erinnerung

ermöglicht, daß wir es hier mit einer Compilation zu thun haben, deren

Verfasser abweichende oder sich ausschließende Angaben verschiedener

Quellen mit der ganzen Gedankenlosigkeit und Unbefangenheit

mittelalterlicher Geschichtschreibung an einander reiht. Dann haben wir

solche Aussagen nicht mehr zu combiniren, sondern zu scheiden und jede

für sich auf den Werth ihrer Quelle zu prüfen.

Hieß dieser Compilator Cassiodor oder Jordanes?

Die Frage wäre von selbst entschieden, wenn meine vor vierzig Jahren

entwickelte Ansicht richtig wäre, daß Cassiodor nur die Geschichte der

Amaler geschrieben, und Jordanes den sonstigen Inhalt seines Buchs

unmittelbar aus den andern von ihm citirten Schriftstellern entnommen

hätte. Allein zuerst Schirren, und nach ihm Köpke, Gutschmidt und Rühl

haben seitdem mit guten Gründen die überwiegende Wahrscheinlichkeit

einer andern Auffassung dargethan, nach welcher Jordanes den größten

Theil seines Werkes nebst allen dazu gehörigen Citaten aus Cassiodor

abgeschrieben hätte. Immerhin bleibt auch hier die Möglichkeit offen,

daß diese oder jene einzelne Angabe ohne Vermittlung des Cassiodor

dem Jordanes angehört, wie dieser denn auch ausdrücklich erklärt, daß

er seinem Auszug aus Cassiodor’s Historia Einiges am Anfang und am

Ende, und Mehreres in der Mitte, aus lateinischen und griechischen

Schriftstellern in eigner Redeweise hinzugefügt habe. Der Anfang ist

ein Stück allgemeiner Erdbeschreibung, die mit Cassiodor’s Zwecken

sehr wenig zu thun hat; das Ende bildet eine Uebersicht der Ereignisse

von 530 bis 550, die erst nach der Herausgabe von Cassiodor’s Buch

eingetreten sind. Welche Angaben Jordanes in der Mitte eingeschoben,

steht zu untersuchen, und eben hier erhebt sich also unsere Frage, ob

er die erwähnten Widersprüche schon bei Cassiodor vorgefunden, oder sie

erst seinerseits durch Einschiebung fremder Stücke in Cassiodor’s Text

hervorgerufen hat.

Ich glaube sofort behaupten zu dürfen, daß die allgemeine

Wahrscheinlichkeit für die letztere Vermuthung ist. Alles was

wir von Jordanes wissen, läßt ein urtheilsloses Zusammenstoppeln

verschiedenartiger gelehrter Brocken bei ihm vollkommen möglich

erscheinen. Bei Cassiodor dagegen, der allerdings in seiner Chronik als

ein sehr mittelmäßiger Historiker erscheint, ist nach seiner sonstigen

wissenschaftlichen und politischen Bildung ein Verfahren wie das

angegebene doch geradezu undenkbar. Und weiter: er, der als Minister

Theodorich’s und Athalarich’s sein Buch zu dem Zwecke verfaßte, die

Herrschaft der Amaler zu empfehlen und zu befestigen, wie sollte er

seine Verherrlichung der siebzehn amalischen Könige durch die Erwähnung

eines hundertjährigen Interregnums Lüge strafen, nur um ein Bischen

weitere Belesenheit auszukramen? Jordanes aber schrieb, als die

Herrschaft der Amaler todt und dahin war; seine Tendenz – denn er hat

eine solche – ist allgemeinerer Art: er will den siegenden Römern die

besiegten Gothen empfehlen, indem er überall neben dem Kriegsmuth der

letztern auch ihre Neigung betont, mit Rom im Frieden und Freundschaft

zu leben; bei dieser Erörterung konnte es ihm gleichgültig sein, ob

vor zweihundert Jahren Amaler oder Nichtamaler die gothische Krone

getragen. So nahm er aus Cassiodor die Geschichte Ostrogotha’s und

Ermanarich’s, aus einem andern Autor die Thaten Cniva’s, Ariarich’s und

Geberich’s in seine Erzählung auf, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, wie

weit er durch ein solches Verfahren sich von dem leitenden Gedanken

Cassiodor’s entfernte.

Daß es für Jordanes in der gothischen Geschichte wichtigere Dinge

gab, als der Ruhm der Amaler, zeigt seine Darstellung gleich an der

ersten Stelle, wo des erlauchten Geschlechtes Erwähnung geschieht.

Dort, _c._ 14, werden die Ahnen desselben nicht als Könige, sondern

unter der Herrschaft eines Königs Dorpaneus als Proceres, allerdings

halbgöttlichen Stammes eingeführt. Es muß nun in hohem Maaße auffallen,

daß Jordanes mit keiner Sylbe erwähnt, wie die Amaler zur königlichen

Würde emporgestiegen sind; vielmehr reiht er an die Stammtafel

derselben eine biographische Notiz über den römischen Kaiser Maximin,

nach dem fünften Buche, wie er sagt, des Symmachus, und erzählt

dann ohne Weiteres die Thaten des Königs Ostrogotha, des sechsten

in der Reihe der Amaler. An sich ist es äußerst unwahrscheinlich,

daß Cassiodor in gleicher Weise über das Emporsteigen der Amaler

geschwiegen haben sollte; in den Varien rühmt er ausdrücklich die

_felicitas_ des Amala, und beiläufig erwähnt auch Jordanes einmal,

daß schon vor Ostrogotha, in den neuen Sitzen am Pontus, die Gothen

siegreiche Kriege mit den Markomannen, Quaden und Vandalen geführt

hätten – eine Notiz, die er sicher nur bei Cassiodor gefunden hat. Ihn

aber hat in höherem Grade die Thatsache interessirt, daß damals in der

Person des Maximin ein Gothe auf den römischen Kaiserthron gelangt ist;

diese also berichtet er ganz ausführlich – ich lasse dahin gestellt,

ob direct aus Symmachus oder nach Cassiodor’s Auszug aus demselben –

und läßt Cassiodor’s Mittheilungen über die gleichzeitigen Triumphe der

Amaler links liegen.

Was nun seine weiteren Berichte über die nichtamalischen Nachfolger

Ostrogotha’s betrifft, so hat Schirren mit großer Wahrscheinlichkeit

als deren letzte Quelle die, uns verlorenen, Bücher des Ammian

bezeichnet. Er glaubt auch hier, daß zuerst Cassiodor sie benutzt

und Jordanes ihre Angaben erst dort übernommen habe. Aber, wie

gesagt, ich halte es für schlechthin unverträglich mit Cassiodor’s

Tendenzen, daß er für hundert Jahre nichtamalische Könige anerkannt

haben sollte, während er in den Varien (_XI_, 1) einen in diese

Zeit gehörigen Amaler, den Athala, wegen seiner _mansuetudo_ preist.

Ferner fehlt es Schirren an jedem Beweise, daß Cassiodor die Schriften

Ammian’s gekannt habe; Niemand wird die Möglichkeit davon läugnen,

aber ebenso wenig läßt sich eine solche Möglichkeit für Jordanes

bestreiten. Dessen _historia Romana_ ist allerdings aus kümmerlichen

Hülfsquellen zusammengeschrieben, daraus folgt aber nicht, daß ihm

niemals ein wichtigeres Buch in die Hand gerathen sein könnte, wie

dies ja auch mit Cassiodor’s Werk geschehen war, das ohne Zweifel noch

geringere Verbreitung hatte, als Ammian’s Geschichte. Vergleicht man

den Text des Jordanes mit den noch erhaltenen Büchern Ammian’s – die

Beschreibung der Hunnen, die Mißhandlung der Gothen durch Lupicin,

die Kämpfe desselben mit Fritigern – so findet man bei Jordanes grobe

Flüchtigkeiten und Mißverständnisse, die man lieber ihm als Cassiodor

zutrauen möchte; Alles ist viel kürzer gefaßt, als im Original;

Niederlagen der Gothen sind übergangen, gothische Siege etwas stärker

betont; sonst aber ist von einer kunstvollen Ueberarbeitung, an welche

die Fähigkeit eines Jordanes nicht heranreichte, nichts zu spüren. Es

gibt also keinen Grund, der uns nöthigen könnte, eine unmittelbare

Benutzung Ammian’s durch Jordanes in Abrede zu stellen.

Nicht anders scheint es mir mit dem vorher genannten Ablabius zu

stehen. Jordanes citirt ihn als Gewährsmann für die beiden Angaben,

daß die beiden Gothenstämme sich am Pontus niedergelassen (was auch

ihre alten Lieder ebenso wie Ablabius berichtet hätten[153]), und

daß der Name der Heruler von dem griechischen Worte ἕλη abzuleiten

sei. Auch hier ist nicht abzusehen, warum er das Buch des Ablabius

nicht selbst gekannt, weshalb er diese beiden Notizen nur durch

Vermittlung Cassiodor’s hätte erlangen können. Es müßte aber eine

solche Unmöglichkeit in zwingender Weise dargethan sein, um uns

glaublich zu machen, daß Cassiodor, der Verfechter des amalischen

Thronrechts, in sein Buch die Angabe aufgenommen haben sollte, von

jeher seien die Westgothen den Amalern nicht unterworfen gewesen, eine

Angabe, deren gerades Gegentheil die auf Cassiodor zurückzuführenden

Stellen der _Getica_ nachdrücklich und wiederholt erklären. Übrigens,

wie man das Verhältniß der beiden Autoren zu einander auch betrachten

möge, an der Hauptsache wird dadurch nichts geändert. Mögen die

einander widersprechenden Berichte schon durch Cassiodor oder erst

durch Jordanes in sinnloser Compilation zusammengekoppelt worden sein,

das für uns Wesentliche steht fest, daß sie eben sich widersprechen

und sich gegenseitig ausschließen, daß wir sie also nicht durch

beiderseitiges Umdeuten und Abschleifen zu combiniren, sondern einfach

unter ihnen zu wählen haben.

Sobald man die Frage richtig gestellt hat, ist sie auch entschieden.

Es ist nicht daran zu denken, für Ereignisse des dritten Jahrhunderts

dem Autor des sechsten den Vorrang vor Ammian und Ablabius zu geben.

Die Vorstellung Cassiodor’s, daß die Amaler bis 375 ein Volkskönigthum

über alle Gothen besessen, ist den historischen Quellen gegenüber nicht

zu behaupten. Die Selbständigkeit der Thervingen wird außer durch

Ablabius auch durch Trebellius Pollio und Mamertin bezeugt, und oben

haben wir gesehen, daß in ihrem Staate während des vierten Jahrhunderts

kein Volkskönigthum, sondern die alte Verfassung der Hundertfürsten

bestanden hat. Bei den Greutungen erwähnt Ablabius den Ostrogotha,

Ammian den Ermanarich als Volkskönig, aber zwischen beiden zeigt Ammian

nichtamalische Könige aus verschiedenen Geschlechtern. Die Frage drängt

sich auf: wie ist Cassiodor zu seinen grundlosen Angaben gekommen? in

welchen Quellen hat er die zu seiner Zeit verschollene Herrlichkeit der

Amalen wieder entdeckt?

Köpke stellt hier die Meinung auf, Cassiodor habe, was die Amaler

angeht, aus der lebendigen gothischen Nationalsage schöpfen können.

Wenn er den König Athalarich erklären lasse, er, Cassiodor, habe

durch seine Gelehrsamkeit die vergessenen Könige der Gothen wieder

in das Gedächtniß zurückgerufen, so sei dies nur auf jene angeblich

gothischen, in Wahrheit aber thrakischen Priesterfürsten zu beziehen,

von denen das gothische Volk bis dahin aus guten Gründen nichts gewußt

habe. Denn der Ruhm der echten Volkskönige, sagt Köpke, habe ja in

Aller Munde gelebt, diese seien nicht _oblivione celati_ gewesen.

Ich besorge, daß der moderne Forscher hier mehr weiß, als sein alter

Gewährsmann, der so kurz und rund wie möglich sich bescheinigen läßt,

daß er die Amaler in den Ruhm ihres Geschlechtes wieder eingesetzt

habe, daß derselbe also vor ihm verloren, und nicht in Aller Munde

lebendig gewesen sei. Oder hat Köpke sonstige Angaben über amalische

Nationalsagen vor dem 6. Jahrhundert aufgefunden? Jordanes weiß darüber

nicht mehr als Cassiodor zu melden. Er erwähnt nicht selten gothische

Lieder; aber daß sie die Amaler gefeiert, sagt er nicht. Er berichtet,

die Gothen hätten ihren tapfern Proceres übermenschlichen Ursprung

und deshalb den Beinamen der Ansen oder Halbgötter beigegelegt; deren

erster, wie sie selbst in ihren Fabeln berichten, sei Gapt gewesen –

von J. Grimm bekanntlich in Gaut, also den Eponymus der Nation emendirt

– und von dessen Enkel sei Amal, der Stammvater der Amaler, erzeugt

worden. Hier bleibt die Frage offen, ob jene Fabeln etwas Anderes

als den halbgöttlichen Ursprung der edlen Geschlechter des Volkes

berichtet, ob irgend eine von ihnen die Geduld des Ostrogotha oder

die Billigkeit des Winithar gefeiert, ob sie neben den Nachkommen des

Amal nicht auch andere Geschlechter als Sprößlinge des Gaut und Augis

besungen, vollends aber, ob sie von einem Volkskönigthum der Amaler

irgend etwas gewußt haben. Denn hier werden ja die halbgöttlichen

Ansen nicht Könige, sondern Proceres genannt; bei ihrem Eintritt in

die Geschichte haben sie einen Oberherrn, den Dorpaneus, über sich;

von einer weithin herrschenden Gewalt ist bei ihnen keine Rede.

Schon vorher hat Jordanes – wie ich jetzt annehme, aus Cassiodor –

berichtet, daß zu den Gothen der weise Diceneus gekommen, sie in aller

Wissenschaft unterrichtet, und ein solches Ansehen gewonnen habe, _ut

non solum mediocribus, immo et regibus imperaret_. Die _mediocres_

sind, wie sehr oft in den Volksrechten, die Gemeinfreien; unmittelbar

über ihnen steht nicht =ein= Volkskönig, sondern stehen =die= Könige,

die Fürsten also der einzelnen Theile der Civitas, als welche wir hier

die Proceres oder Ansen der vorher erwähnten Sage kennen lernen, an

dieser Stelle in der Ehrfurcht gegen den priesterlichen Herrscher den

burgundischen Hendinen vergleichbar. Das Folgende zeigt, in welchem

Sinne sie sich als Adel, und diesen als die Grundlage der Herrschaft

betrachten, ohne daß von andern Standesvorrechten die Rede wäre:

_deinde vocitatos pileatos hos, qui inter eos generosi extabant, ex

quibus eis reges et sacerdotes ordinabantur_. Es erscheint also hier

als allgemein gothische Anschauung, was wir oben bei den Thervingen

und Athanarich aus den historischen Quellen, als Bestätigung der

Zustände der taciteischen Zeit, kennen lernten. Den Diceneus, so wie

die neben ihm genannten Zalmoxis, Buruista, Comosicus, hat Cassiodor

bei Dio Chrysostomus aufgefischt; es sind nicht gothische, sondern

getisch-thrakische Herrscher; damit steht aber nicht im Widerspruch

die Annahme, daß die hier geschilderten Zustände des Volkes nicht

getische, sondern in Wahrheit gothische gewesen, daß hier also eines

der frühesten Beispiele der germanischen Neigung vorliegt, Ursprung

und Einrichtungen des Volkes an fremde Stämme und Heroen anzuknüpfen.

Denn Jordanes versichert, daß die Satzungen, welche Diceneus den Gothen

gegeben, »noch heute« von ihnen Bellagines genannt, daß die von ihm

herstammende Bezeichnung der freien Bürger als der Lockigen »noch

jetzt« von ihnen in Liedern gefeiert werde. Daß aber diese Lieder mit

der großen Monarchie der Amaler nichts zu schaffen haben, liegt auf der

Hand.

Sodann meldet Jordanes[154] als Inhalt volksthümlicher Lieder den Zug

der Gothen und Gepiden[155] aus Scanza an die Mäotis, unter nicht

amalischen Königen; daran schließt sich die Vertreibung der Alraunen

aus dem gothischen Lager durch einen dieser Könige, Filimer[156];

ferner werden Lieder zum Preise der gewaltigen Helden Ethespamara,

Hanala, Fritigern und Widicoja angeführt, mit der ausdrücklichen

Bemerkung, daß man diese früher als die Amaler und Balthen besungen

habe[157]. Weiterhin erzählt Jordanes, freilich ohne ausdrückliche

Bezugnahme auf nationale Überlieferung, die Katastrophe Ermanarich’s

in derselben Weise, wie sie in der spätern Ausbildung der deutschen

Heldensage vorkommt, so daß wir hier den ersten und einzigen Fall vor

uns haben, in dem abgesehen von Dietrich von Bern, ein von Cassiodor

als Amaler bezeichneter Fürst durch die Sage verherrlicht wird.

Jordanes erwähnt dann noch einmal mündliche Überlieferung von der

Riesenschlacht auf den catalaunischen Feldern, und hier verbietet der

Inhalt die Annahme, daß es sich um amalische Lieder handeln könne;

denn in jener Schlacht kämpfte ja der amalische Fürst als Vasall des

besiegten Attila, während der glänzende Ruhm des Tages den siegreichen

Westgothen zufiel. Von amalischen Liedern also ist bei Jordanes nicht

die Rede. Unmöglich kann man diesen Mangel einem bösen Willen des

Autors zuschreiben, da dieser sonst den Ruhm des großen Theoderich

und seines Geschlechtes ebenso begeistert wie Cassiodor verkündet:

es ist die factische Bestätigung der Aussage Cassiodor’s, daß erst

seine Forschung das Andenken der alten Amaler wieder erweckt, sie

wie die sonstigen Gothenkönige aus der Vergessenheit hervorgezogen

habe. Und was wäre hieran befremdlich? Die gothischen Volksverbände

waren durch die hunnische Invasion zersprengt, ihre Trümmer in wildem

Gemenge auf fremden Boden geschleudert, ihre Mitglieder durch mehrere

Menschenalter in kriegerischem Vagabundiren umhergewirbelt. Was Wunder,

wenn sich jetzt die Erinnerung an ihre Vorzeit wesentlich auf die

große Katastrophe beschränkte, die sie von den frühern Wurzeln des

Daseins losgerissen – wenn sie sich erzählten, wie einst, als Gothen

und Gepiden die große Scanza verlassen, König Filimer die Alraunen

mißhandelt, wie dann Gothen und Gepiden trotz der Blutsfreundschaft

gehadert, wie die Alraunenkinder, die Hunnen, rächend über sie

hereingebrochen, wie endlich die Nachkommen der unter Fritigern

Geretteten den Uebermuth der Hunnen zu Boden geworfen. Als Cassiodor

an sein Werk ging, war er allerdings auf die Sammlung dieser »Fabeln«

angewiesen, da er in der classischen Litteratur die alten Amaler

nicht erwähnt fand: leider zeigten sich dann die Sagen, die an sich

den besten Schmuck seines Buches bildeten, für den politischen Zweck

desselben ebenfalls ganz unergiebig, und die Frage nach den Quellen

seiner amalischen Geschichte ist und bleibt für uns unlösbar.

Entstehung des Deutschen Königthums · 第 15 / 40 段