aufgezählten Summe ihrer Hoffnungen hinzu, »daß die gute Baronin uns ihr
schönes Gut vermache. Sie hat schon ein Wörtchen davon gemunkelt. Dann
lebe ich den Sommer über hier, glückselig wie eine kleine Fee in
meinem Blumenreiche. Den Winter aber bringe ich in der Stadt zu. Eine
Offiziersfrau steht immer ein wenig auf freierem Fuß, auf halbem Sold
ihres Standes gleichsam, und ist von den Philistern entlassen. -- Sieh!
so geht bei uns das Sprüchwort in Erfüllung, wo Tauben sind, fliegen
Tauben zu.«
Der Administrator hing schweigend an diesem geschwätzigen Munde, dem
er so oft ein willigeres Ohr geliehen -- und sprach jetzt wie von einem
plötzlichen Ingrimm überrascht: »nun so spanne Deine Tauben vor den
Wagen der Liebe, und sorge, daß ihrer keine der Geier hole.«
Therese sah ihren Schwager betroffen an. »Bist Du mir böse, Cölestin?«
fragte sie, scheu geworden, »und dem Rudolph bist Du wohl auch nicht
gut?«
Herr Prälat verneinte mit Hitze jede Animosität gegen den Nachfolger
seines Bruders, und sagte dann: »wie sollte ich Dir zürnen, Therese? Du
bist ein Weib! --« Er lächelte bitter. Es lag viel herbe Wirklichkeit in
diesem Lächeln, der Zauber jener kleinen einschmeichelnden Gaukeleien,
die das Urtheil eines Mannes so leicht verblenden, war verschwunden. --
Er nahm einen kühlen Abschied von der künftigen Frau von Feldmeister;
Theresen aber schossen ein paar warme Thränen in die Augen.
Die Baroninn Lenau empfand, vermöge der Sympathie ihres Geschlechts, den
Kaltsinn, der ihre Schutzbefohlne betrübte, und sagte, als diese weinte:
»das ist nun nicht anders, meine Goldtochter! wenn das Kind todt ist,
hat die Gevatterschaft ein Ende.« Theresen aber fiel der Taufstein auf
das Herz. --
Der Administrator hing, wie wir bereits erwähnt, seinen stillen
Betrachtungen nach. Wie anders erschien ihm Therese als sonst! Nicht
der Bruder ihres Mannes war in ihm gekränkt, sondern der Mann im
Allgemeinen. Er bedauerte es nun nicht mehr, daß ein mitleidiger Tod den
armen Constanz einer schlimmeren Verkältung entrissen. Er dachte an
die Worte des Majors. Dabei konnte er nicht umhin, mit inniger Achtung
Fabiens zu gedenken. Er gestand sich, daß der pflichtgetreue Sinn einer
Frau wohl die Gabe aufwöge, den Augen eines Mannes zu gefallen, und
Theresens Liebreiz sank gegen den charakteristischen Gehalt ihrer
Schwägerinn tief in der Wagschale. -- Doch man vergesse nicht, daß
Therese _abwesend_ war. --
Wenn nun Fabiens Gatte die Augen auf immer vor einem Phantom
geschlossen, und Theresens Gemahl einem Schatten nachgejagt, der ihn vor
der Zeit ins Grab stürzte: so mußte die philosophische Selbstfrage
in dem letzten der drei Brüder entstehen: von welchem Geist und Wesen
_sein_ Streben sey? Er stieg bis in die Gründe seines Herzens hinab, und
was er da gefunden, wollen wir einstweilen auf sich beruhen lassen. --
Dort lag seine Jugendliebe unter tiefem Schutt in sich selbst zerfallen;
aber der Glaube an diese göttliche Kraft stand noch fest, und die
Freundschaft unterstützte ihn, wenn gleich als Kummersäule. Die
Nachricht von der Ankunft der Gräfinn hatte seinen Freund Sylvius außer
sich gesetzt, und der Administrator ihn in dieser äußersten Aufregung
verlassen müssen. Jetzt dachte er bekümmert darüber nach, was aus
diesem ganz einzigen Verhältniß nun werden solle? -- In den zartesten
Beziehungen hing ein Theil seines eigenen Glückes davon ab -- und nicht
der kleinste.
Mit aufgehobenem Gleichgewicht seiner Empfindungen kam er in Sanct
Capella an, und das Erste was er vernahm, war: daß Graf Frankenstern
unterdessen ein stiller Bewohner des Stifts geworden sey. Der Verweser
desselben erschrak über diesen Verwesenden; denn daß Gräfinn Albane nun
wegziehen und ihre Tochter mit sich nehmen würde, war die natürlichste
Ideenfolge; aber sie führte ihn traurig ein. Er trat in das Kloster wie
in eine Einöde. Seine Wohnung däuchte ihm unsäglich weit, und so war
es ihm im Stillen lieb, daß er am Abend seiner Heimkehr mit Fabia nicht
ganz allein wäre. Der Major und Schwester Veronica kamen, den Wirth
des Hauses willkommen zu heißen. Der Administrator stattete Bericht ab,
jedoch in Kürze, und hier und da sogar abgerissen. Fragen der Frauen,
querfeldeingeschoben, konnten den Zusammenhang nicht durchaus ergänzen,
wie sehr es auch der apostolischen Fabia zuwider war, daß ihr Wissen,
wie das unser Aller, nur Stückwerk seyn solle, und wie auch Veronica,
die fromme Tochter der Kirche, ihre Abstammung nicht verleugnete, und
sich diesmal als Evens Tochter bewies. Wir sprechen die gute Nonne
selig, aber von der Erbsünde einer kleinen Neugier gar nicht frei. --
Herr Prälat lief flüchtig über die Vorgänge der Krankheit und über den
Hügel hin, darunter sein Bruder schlief, und hielt sich nur etwas länger
bei dem Glück des jungen Feldmeisters und dem Gute der Baroninn auf, was
auch zu diesem gehörte. Von Theresen sprach er vermeidlicher Weise
so wenig als möglich. Man nahm das Geschick dieser Beiden als ein
entschieden gepaartes an, und stellte unter mancherlei Bemerkungen
dieser Ehe das Prognosticon.
Der Major hob an: »der Rudolph hat Glück, und ich gönne es ihm von
Herzen, denn er verdient es auch. Er ist ein tüchtiger Mensch, ein
ehrenwerther Soldat -- doch mag er sich in Acht nehmen, daß er nicht
zu einem verrufenen Regiment komme. Der Pantoffel ist sein
Schicksalszeichen -- und die verfängliche Devise nicht immer von
Kraftmehl. Die Schleifen auf dem Schuh seiner alten Fee waren, wie mir
die Obristinn erzählte, von gesponnenem Glase. Eine gefährliche Masse,
das! man macht auch kleine Sprühteufelchen davon. Und dabei fällt mir
eine merkwürdige Geschichte ein. Als ich ein Knabe war, ließ ich einst
zur Fastnacht einen Reserve-Pfannkuchen in die Tasche schlüpfen, worin
solch ein gehörntes Ding stack. Alsbald fuhr der Grünliche durch die
geschmorte Rinde in die schwarze Hölle der gegossenen Pflaumen hinein,
und that wie zu Hause. Ich aber aß den leidigen Satanas wie zur
gesegneten Mahlzeit, und würde es bis jetzt noch nicht wissen, wenn
mir nicht ein Splitter von diesem heillosen Füllsel die Zunge geritzt
hätte.«
»Gott behüte und bewahre!« rief die Nonne mit frommen Schaudern vor
solch leiblicher und geistlicher Gefahr, und die Geberde des Entsetzens
wurde in der Mechanik ihrer Finger zu einem Kreuz, »wie war es möglich,
daß Sie ohne Schaden davon kamen?« Der Major lachte und sprach: »Was
verdaut man nicht Alles, wenn man jung und gesund ist! -- Mein Vater
tobte, daß ich den Teufel im Leibe hätte; und die Mama kochte ohne
Unterlaß Milchbrei, den sie mit mütterlichen Thränen salzte. -- Aber
um wieder auf das Vorige zu kommen: so will ich von Grund der Seele
wünschen, daß die beiden Leutchen sich vertragen, und einander das Leben
nicht versalzen mögen.«
Fabia lächelte ganz leise. Sie sprach: »Therese lässet ihre Lindigkeit
kund werden Jedermann -- und das Küchenwesen war nie ihre Sache.« Der
Administrator bemerkte still, wie seine schriftkundige Schwägerinn
sich glimpflich auszudrücken wüßte, indem sie doch verständlich genug
andeutete, daß Coquetterie und Mangel an Häuslichkeit, diese
Fehler, welche sie so oft zum Aerger gereizt hatten, der ehelichen
Glückseligkeit, von der die Rede war, schädlich werden könnten. Und wie
in unbewußter Gewohnheit, sich Theresens anzunehmen, nahm er das Wort
und sprach: »der Geist einer guten Ehe kann dessenungeachtet bestehen.
Wie manche treffliche Speisemeisterinn kocht Gift, vergällt ihrem Manne
jede Freude, und brät ihn am langsamen Feuer! --« »Ach!« entgegnete
Veronica, schauernd bei dieser Vorstellung, mit einem kühlenden Seufzer,
»Das kann ich mir schrecklich denken. Zwar in der Welt, sagt man -- soll
es da oder dort so seyn. Die Frauen, hörte ich, trachten nach eitlen
Dingen, sind fremd daheim und wissen nicht Bescheid, weder im eigenen
Hause noch in der Herzenskammer des Mannes. Sogar die Kindlein -- wenn
es nicht etwa böser Leumund redet -- sind ihren Müttern häufig eine
Nebensache, und öfterer lästig als lieb.-- Ich bin nur eine Jungfrau --
aber daß mein Geschlecht dahin entartet wäre, scheint mir kaum möglich.
So darf man sich jedoch nicht wundern, wenn heut zu Tage so viele Männer
die schönste Gelegenheit links liegen lassen, das göttliche Gestift des
Ehestands aufheben und leider Gottes! ledig bleiben. Wenn unsere
Frauen fleißiger den Himmel bauten: so würde sich seltner ein Stein des
Anstoßes für das Heirathen finden.«
Der Major ergriff die heilige Hand der Nonne, und drückte sie etwas
derb, wenn auch mit Verehrung, indem er sprach: »Hoch hinaus wollen sie
wohl; aber es wird ein Thurm zu Babel daraus, eine Sprachverwirrung
ohne Gleichen. Wo eine Frau den Mann verstände: da wäre die Loosung: Ein
Gott! Ein Herz! Eine Seele! Ein Glück und Ein Grab! -- Dem Himmel sey's
geklagt! es lautet anders -- und tiefer besehen, denken sie nur an die
Grube. -- _Sie_, Schwester Veronica, wollte ich heute noch ehelichen.
Sie würden jeden Mann nicht allein glücklich gemacht haben, sondern auch
_gut_.«
Bei dieser Erklärung in Kürze erröthete Veronica durch die blasse Tünche
des Alters so jungfräulich schön, als hätte dies rauhe Betasten ihrer
zartesten Gefühle auf der feinen Zeichnung des Gesichts eine Spätrose
abgerieben. Herr Prälat kam ihrer bescheidenen Antwort zuvor und sprach:
»an den Motiven zur Ehe mag es zumeist liegen, daß so wenige Segen
tragen. Auf welches Fundament werden sie gegründet? -- Ich erinnere
mich, daß meine Tante vermittelst einer Karte, der einzigen
französischen Leichtfertigkeit, die das plattdeutsche Pfarrhaus
aufzuweisen hatte, die innersten Herzensgedanken jedes Bräutigams in
der Gemeine heraus brachte, indem sie dabei ein Sprüchelchen im Munde
führte, wovon ich nur den Anfang noch weiß: der Eine thuts um der
Ducaten, der Andre um ein schön Gesicht -- wobei der Onkel, wenn er
guter Laune war, die Reihenfolge unterbrach, und mit poetischer Freiheit
darauf reimte: _gerathen_ -- _nicht!_ -- Zwölf Aussprüche enthielt dies
psychologische Orakel. _Zwölf?_ lieber Gott! das sind falsche Apostel.
Legion heißt ihre Zahl, und dann wäre der Einzige noch nicht darunter,
auf den sich bauen läßt: _wahre Liebe_!«
»Wahre Liebe!« wiederholte der alte Feldmeister, und es war, als ob das
leise Spottlächeln, welches ihm auf der bärtigen Lippe schwebte, jenes
Wort mit der Andacht des Gefühls ausgesprochen -- hohnneckte. »Es ist
damit,« fuhr er fort, »wie mit dem alleinseligmachenden Glauben: wie
Viele bekennen sich bloß äußerlich dazu, ohne diese göttliche Mutter des
Heils im Geist und in der Wahrheit zu verehren. Die Mehrzahl der Männer
besteht aus heimlichen Mohamedanern -- getaufte Weiber in Massen sind
dem heidnischen Götzendienste zugethan; in der Ehe aber herrscht das
Judenthum vor, und der Erlöser wird da tagtäglich gekreuziget, so daß
ihm die Lust zur Auferstehung wohl vergehen mögte.«
»Wer Sie so hörte, Herr Major,« entgegnete hierauf die Nonne, welcher es
leise beängstigte, so oft ein religiöses Bild, behuf der Rede gebraucht
ward, »der sollte glauben, Sie sprächen aus Erfahrung. Und doch weiß ich
von guter Hand, welch ein friedliches Stillleben Sie mit Ihrer lieben
seligen Frau geführt haben, wie man diese allgemein als eine
ganz vortreffliche Dame gerühmt -- der Meriten ihres Ehemannes zu
geschweigen.«
Dieser verbindliche Ausfall auf den seinigen, womit Veronica weiblichen
Sinnes sich erwiedernd zeigte, schien von niederschlagender Wirkung auf
den Major zu seyn. Die Menschen an ihre Verdienste wie an ihre Verluste
zu erinnern, erreicht fast immer den Zweck, sie aus den Vortheil des
Angriffs in jene leidsame Stellung zu versetzen, die der Geschmeichelte
wie der Gerührte unwillkürlich annimmt. -- Die buschigen Braunen des
Majors zogen sich zusammen, und seine Augen wurden feucht; das sanfte
Bild seliger Tage schwamm in seinem Blick. Mit schwankender Stimme
antwortete er: »meinen Sie, Schwester Veronica, daß, wenn jene Erfahrung
meine eigene wäre, ich sie ausgesprochen haben würde? -- Meine Frau war
gut und brav, und als sie todt war, da merkte ich erst, wie sehr sie es
gewesen. -- Doch deßhalb widerrufe ich kein Jota von dem Obigen. Gott
besser's! es ist an der Zeit.«
Es war auch an der Zeit, dies Gespräch zu enden. Fabia, verstimmt durch
die Vertheidigung des Schwagers, die er der abwesenden Therese nicht
minder als der gegenwärtigen angedeihen ließ, hatte kein Wort mehr
gesagt. Ihr däuchte, sie hätte die Kosten dazu getragen. Sein Urtheil
schien ihr eine Geringschätzung derjenigen Verdienstlichkeiten zu
enthalten, in denen sie sich auszeichnete. Sie wünschte, er mögte einmal
zu der Einsicht gelangen, wie hoch eine gute Wirthinn zu halten sey.
Sollte dies jedoch geschehen: so mußte er die treue Fabia vermissen.
Und indem der Major davon sprach, daß er die abgeschiedene Gattinn erst
vollkommen gewürdiget, regte dies den Gedanken in ihr an, zu scheiden.
Sie legte in gekränktem Geiste das Amt der Schlüssel nieder, und ahnete
nicht, daß diese Handlung in der Idee der Wirklichkeit nur um einen
leisen Schritt vorauseilte.
* * * * *
Noch immer hatte Gräfinn Albane sich entschieden geweigert, ihren Gemahl
zu sprechen, weil sie sich die Kraft dazu nicht zutraute. Sylvius, der
das Heil seiner Beruhigung daran zu knüpfen schien, daß seine Frau ihm
angehöre, ließ nicht ab mit Dringen, und setzte alle Hülfsmittel in
Bewegung. Fabiens Zureden schürte den Funken, der in der Asche glomm,
worin Albane büßte -- und Josephinens rührende Fürsprache gewann endlich
ihrem Vater die heißersehnte Gunst. Der Tod des Vaters hatte seine
Tochter dergestalt erschüttert, daß sie glauben mogte, die heftige
Bewegung, in welche die Zusammenkunft mit ihrem Gemahl sie versetzen
mußte, werde drein gehen. Und so war der Entschluß dazu gleichsam ein
Abschluß aller bisherigen Verhältnisse, und sogar erforderlich, um
Josephinens willen.
In der Stunde, worin die Gräfinn ihren Gemahl in Bühle erwartete, saß
sie am offnen Fenster und allein, von jener säuselnden und summenden
Frühlingsstille träumerisch umwebt, welche aus dem Schlaf des Herzens,
aus seinem innersten Düster herauf, Gefühle der Vergangenheit beschwört.
Als sie den Hufschlag seines Pferdes vernahm, stand der Schlag in ihrem
Busen stille, und nicht dies Herz selbst, nur ein Seufzer flog ihm
entgegen. Jetzt hörte sie seinen Schritt auf der Treppe -- sein
Näherkommen -- Zeit und Erfahrung hatten mächtige Fortschritte gemacht,
seit sie den Besuch ihres Gemahls zum letztenmale in Bonna empfangen:
dennoch drang dieser vertraute Hall wie einst an ihre Seele, und keine
Empfindung, über welche er sonst Macht geübt, konnte ihm entweichen. Er
trat langsam ein, Albane zitterte heftig, unvermögend sich aufrecht zu
erhalten. Sylvius blieb wie gefesselt und gebannt an der Thüre stehen,
und warf einen unaussprechlichen Blick nach der geliebten Gestalt,
welche sein gewesen war -- und eine weite wüste Welt lag zwischen ihnen.
»Albane!« sagte er leise, und ein paar große Thränen rollten über seine
Wangen, »bin ich Dir gar nichts mehr? --« O! welch ein Zauber liegt in
der Stimme eines Menschen, der uns theuer ist oder war! -- Solch eine
Stimme enthält den Schlüssel zu jedem Geheimniß der Harmonie, und kann,
ob sie durch tausend Mißverhältnisse hindurch klänge, nie zu einem
Mißlaut für die Seele werden, darin einmal ihr Echo wohnte. Sylvius
hatte seinen Jahren voraus gealtert, und Der, den die Morgenröthe
der Jugend einst zu den Göttern erhoben, zeigte sich gebeugt von
menschlicher Schwachheit; aber die Stimme war ihm geblieben, mit der
er die Geliebte einst bewegt, daß ihr unsterblicher Antheil der seine
würde. --
Die Gräfinn wendete sich nach ihm um, mit einem Lächeln der Verzeihung,
der Abgeschiedenheit -- wenn wir so sagen dürfen; es war das
geistigselige Lächeln eines Schattens, was auf ihren Lippen schwebte,
die so wenig eines Lautes mächtig schienen, wie ein körperloses Wesen
der Rede fähig seyn mag. Endlich entrang sie ihnen die Kraft dazu, und
sprach mit bebendem Munde: »vielleicht, Sylvius, wäre es besser gewesen,
wir hätten die _begrabene Liebe_ früherer Jahre ruhen lassen --; aber,
da es einmal Dein Wunsch war, da Du meinst, es werde zu Deinem Frieden
gereichen, daß Du mich sähest, so komm doch näher und laß uns freundlich
zusammen sprechen!«
Diese Antwort zerriß Romanas männliche Seele. Was ist das _Zürnen_ der
Liebe gegen die stille Freundlichkeit der erkalteten! -- Wir bemerken
dabei, wie es Albanen selbst in dieser Minute nicht möglich war, ihr
Geschlecht zu verleugnen, und in den ersten Worten, die sie zu ihrem
Manne sprach, seit sie ihn in den Armen einer Andern gesehen, etwas
Anderes zu fassen, als jene Erinnerung.
Sylvius verstand seine beleidigte Gattinn augenblicklich. Daß Albane
jedoch ihrer Weiblichkeit ein Genüge leistete, ermannte ihn. Gefaßt
entgegnete er nun: »ja, theure Albane! es ist die Bedingniß meines
Fortlebens, und der Ruhe, welcher ich noch irgend theilhaft werden kann,
daß ich Dir sage, auf welche Weise Du Zeuginn jener unseligen Scene
geworden bist, in der Du mich betroffen. Du wirst mich dann vielleicht
weniger schuldig finden, als Du wähntest, und mindestens -- wie Dein
Gefühl auch entscheide -- mich bedauern müssen. Höre mich gutwillig an!«
Hierauf erzählte Sylvius de Romana seine Geschichte mit Tony von Schütz,
einfach und wahr. Er verschmähete, nach edelsinniger Art, Alles und
Jedes, was jenem Verhältniß zur Beschönigung dienen können. -- Diese
Mittheilung hatte nicht den Stoff, aber seine Kraft, ihn zu bewältigen,
erschöpft; und so eilte er zum Schluß und sprach: »Du weißt nun Alles --
und doch auch _Nichts_: denn ich kann Dir nur die _äußern_ Beziehungen
nachweisen, die mich in jenes Netz verlockten. Gott aber, der es einst
auflösen wird vor Deinem Blick, sieht ins Innerste, und weiß, daß ich
Dich, das Weib meines Herzens! nur allein geliebt, und ewig lieben
werde. Wäre es Dir nicht möglich, einen flüchtigen Augenblick zu
vergessen, in welchem Du an mir zweifeltest? -- Dein Vater ist nun todt.
Was hindert Dich noch, für den Rest unseres Daseyns mein zu seyn, zu der
öffentlichen Rechtfertigung unseres geheimen Bündnisses, und -- lass'
mich es hinzufügen: zu dem Glück unseres Kindes? --«
Die Gräfinn athmete tief. Sie schüttelte leise den Kopf, lächelte
weinend und verneinend und sprach: »der Himmel sey mein Zeuge! ich
zürne Dir nicht. Auch müßte ich mich zuvor selbst anklagen, denn mein
Wegbleiben gab Dich ja frei. Doch jedes Zurückgehen ist unmöglich,
des griechischen Sängers Gattinn verschwand vor einem Rückblicke. Ein
erstorbenes Gefühl läßt sich nicht wecken -- und jenes, mit welchem ich
mich die Deinige wußte -- ist todt. Aber Deine Freundinn bin ich noch
-- Deine beste Freundinn! ja, Sylvius, die will ich immer bleiben.
Mache kein so unglückliches Gesicht, Lieber! frage Dich selbst, ob
wir verdient haben, mit einander glücklich zu seyn? -- Die Ehe ist ein
Verhältniß der Heiligkeit, nicht aber der Heimlichkeit, und Gott
ist gerecht. Nach seinem unerforschlichen Gesetz und Willen müssen
Diejenigen ein Glück verschmähen, welche es sich anzueignen wagten, ohne
höhere Befugniß, als die der Leidenschaft. -- Wir versöhnen den Himmel
durch ein freiwilliges Opfer. So werden unsere Väter uns von dorther
segnen; hier glaubten wir dieser Weihung entbehren zu können, als das
Band der Stola uns zusammenfügte. Ich werde nach Bonna ziehen, Sylvius!
in jenes Haus, worin Du gelebt hast, und mich geliebt -- mich allein.
Still, mein Freund! ich glaube Dir. -- Der Majoratserbe überläßt mir das
kleine Witthum, und diese Angelegenheit ist längst berichtiget. Gönne
es mir auch, in Frieden einsam zu seyn, und die stille Freude _meiner_
Liebe. -- Ich werde in Deinem Cabinet schlafen, an derselben Stelle, wo
Dein Bett gestanden, und die alte Einrichtung wie zu den Zeiten Deines
Vaters herzustellen suchen. So werde ich Deine Hausfrau seyn, ohne
Gemahl -- wie ich Deine Gattinn war, ohne Dein Haus zu kennen. Ein Theil
jener früheren süßen Täuschungen wird mir wiederkehren, der Traum
Deiner Nähe wird mich begleiten und beglücken, und so werden meine Tage
gleichmäßig hinrinnen, wie das Bächlein unter dem Kreuze, welches dort
die Wache hält.«
»Albane!« rief Sylvius mit heftigem, mit heißem Schmerz, »Du reißest mir
mein Herz entzwei, und ich weiß nicht, ob gütiger als grausam? Vermag
nichts, Dich zu bewegen, daß Du anderes Sinnes würdest?«
»Du solltest dies nicht einmal wünschen, viel weniger fragen --«
antwortete die Gräfinn bedeutsam. »Sieh es doch ein, mein Sylvius,
es geschieht zu Deinem Besten, daß ich mich Deinem Wunsche weigere.
Willigte ich in Dein Begehr, es thäte nimmer gut. Nur auf _jene_ Weise
können wir vereint seyn -- sonst nicht. Sänke ich in Deinen Arm: ein
Gespenst, Dir innig angeschmiegt, scheuchte mich zurück, und so oft ich
die Ebereschen Früchte tragen sehe, würde mein Herz bluten.« -- Und Wer
mögte sie zählen, die Tropfen Herzblut, welche bei dieser Erinnerung der
tiefen Wunde entträufelten, die Albane geschlossen wähnte? -- Doch nur
ihre abgehärmte Wange war geröthet, und hellblinkende Tropfen standen in
ihren Augen. Sylvius empfand, obwohl durch die Verhärtung des
Vorwurfs, etwas vom Zartgefühl dieses Wehes, und wie jene Stunde nimmer
ausgelöscht werden könne. -- Und während eine unsichtbare Feder in der
Canzlei seiner Gedanken diesen Ausspruch unterzeichnete, strebte er
mit überredenden Worten noch dagegen an. Er erinnerte seine Frau an
Josephine, und wie das Verhältniß des Mädchens sich bei dem Zwiespalt
der Eltern nun gestalten solle? --
»Sieh!« antwortete die Gräfinn mit nachsinnender Miene, »auch die Mutter
muß büßen, was sie gegen ihre Pflicht als Tochter gefehlt. Es ist als
ob das liebe Kind mir nicht angehörte. Nur was man selbst gebildet hat,
daran glaubt man ein Recht zu haben. -- Josephine scheint sich im Stift
sehr glücklich zu fühlen, so könnte sie zunächst unter Deiner Aufsicht
dort bleiben. Noch bin ich durch die verhängnißvolle letztere Zeit zu
befangen, als daß ich sogleich das Beste ausfinden könnte; aber Gott
wird Alles zum Guten leiten! --«
»Wenn Du auf diese Weise am Ende bist --« entgegnete Sylvius, »so dürfte
meines Bleibens in Sanct Capella nicht mehr lange seyn, und ich
ziehe noch einmal von hinnen. Ruhe zu erwerben, hoffe ich nicht; aber
vielleicht eine Ruhestätte. Du erwartest vom Zufall, er solle sich
Josephinens annehmen, da Du selbst das natürlichste Glück abweisest?« --
Die Gräfinn schwieg, und antwortete nur mit einem schmerzlichen Lächeln.
Dann sagte sie: »ich liebe Josephinens Glück mehr als das meine --
_darin_ fühle ich mich wenigstens als Mutter.«
Ohne daß Beide es merkten, verlängerte sich dies Gespräch bis in den
dämmernden Abend hinein. Jetzt stand Sylvius auf. Es war Albanen,
als sollte sie ihn halten, so hatten sich während ihres trauten
Zusammenseyns abgerissene Fäden aus dem Gewebe ehemaliger Beziehungen
leise wieder angeknüpft: denn der Geist der Liebe -- auch einer
abgeschiedenen -- webt geschäftig.
»Es wird mir nicht leicht, zu scheiden --« sagte Romana mit einem Ton,
der diese Versicherung beglaubigte, »meine Füße sind wie Blei, und
versagen mir ihren Dienst -- und das Herz ist mir noch schwerer. Darf
ich Dich wiedersehen, Albane?« Er sah sie dunklen Blickes an.
Das Auge der Gräfinn glänzte, ein Sonnenschein verschwundener Tage war
darin; ein Strahl von Freude drang tief in Sylvius Herz. Sie antwortete:
»wenn es Dich trösten mag --: so sollst Du mir willkommen seyn.« Darauf
faßte er ihre zarte Hand, woran kein Trauring blinkte -- er ergriff sein
einstmaliges Eigenthum so furchtsam, wenn auch innig, wie man die letzte
Hoffnung zu fassen wagt, und fühlte einen leisen Druck der seinigen.
Dieser elastische Druck hob mit überirdischer Federkraft den Stein von
seinem Herzen, von der Thür der begrabenen Liebe -- und ein Engel des
Trostes, mit Flügeln, sich zum Himmel seiner Heimath aufzuschwingen,
ging daraus hervor.
* * * * *