Bühle hinüber fahren, und der Gräfinn seine Aufwartung machen, deren
Schicksal mit dem der Seinen in wundersamer Verbindung zu stehen schien.
Vielleicht hätte das Interesse für diese Bekanntschaft ihm dennoch Zeit
gegönnt; aber das Verlangen drängte ihn, Josephine wieder zu sehen. Das
Zimmer war voll Sonnenglanz -- Herr Prälat aber blickte auf keine Weise
verblendet, die schöne männliche Gestalt musternd an, welche auch ein
mäßiger Grad von Selbstgefälligkeit tadellos gefunden haben würde.
Er schaute vielmehr über aller Welt Eitelkeit hinaus, sich selbst so
forschend ins Auge, als sollte ihm in diesem Spiegel der Seele die
Wahrheit eine Gestalt gewinnen -- und seine Finger knitterten noch an
den Fältchen der feinen Halsbinde, während er gleichgültig dazu aussah,
und gleichsam unbewußt der verbessernden Mühe, die er sich gab, nur an
die Falten seines Herzens dachte. Er stand so ernst dabei wie auf dem
Katheder. -- Doch plötzlich schien unser Professor der Psychologie sein
Studium zu wechseln, daran zu erkennen, daß er die Farbe wechselte, und
daß ein so entzücktes Lächeln in seinem Gesicht aufging, als ob er einen
Stern aufgehen sähe. Und wirklich war dem so. Die Thüre ging auf, und im
Hintergrunde des Spiegels -- als hätte, Der hinein sah, eben eine Frage
an den Himmel gerichtet -- erschien ein zauberhaftes Bild. Vor diesem
Glanz jugendlicher Schönheit, erhöht durch einen Schimmer überirdischer
Freude, den die Trauer nur wie ein Wölkchen umdüsterte -- verschwand
Alles.
»Josephine! mein einzig Mädchen!« rief der Administrator mit dem hellen
Laut wonniger Ueberraschung, »wo kommst Du her? eben wollte ich nach
Bühle.«
Sie lag in seinen umschlingenden Armen, ihr Herz schlug an dem seinen
-- und onkelhaft dreist küßte er die süßen Lippen. -- Dieser Kuß -- die
glückselige Innigkeit dieses Moments, beraubte das Mädchen der Sprache.
»Ach! könnte ich Dir doch nur meine Freude aussagen, daß ich wieder hier
bin!« sagte sie mit einer Stimme, die diesem Wunsche entsprach, »Seit
ich wußte, daß Du da bist, Onkelchen, hatte ich keine Ruhe mehr. Ich
quälte die Mutter -- sie sagte, es schicke sich nicht. Dies Wort wollte
mir nicht zu Sinne. Ich bin ja das Kind des Hauses -- sagte ich -- da
mußte sie endlich meinen Bitten nachgeben.«
Herr Prälat lächelte begeistert. »Du Herzenskind!« sagte er gerührt.
»Also hält die Gräfinn doch so viel auf Anstand?« Man glaube nicht, daß
in dieser Frage der mindeste Vorwurf für die arme Albane lag. Nein! nur
eine leise Verwunderung, daß bei dem einsamsten Unglück noch dieser Sinn
für das Schickliche gefunden würde.
»Nun, so ist es mir lieb,« setzte er schnell hinzu, »daß ich nicht
zögern wollen, mich ihr vorzustellen. Du siehst, ich bin darnach
angethan -- nur mit der Halsbinde konnte ich wie gewöhnlich nicht
zurecht kommen.«
»Das sehe ich!« sagte Josephine lachend, und schickte sich an,
nachzuhelfen. »Es ist nicht allzuschön gerathen. Dieser Zipfel hier,
nimm es mir nicht übel! sieht so pedantisch aus, wie die Schlafmütze des
ehrwürdigen Ludimagister in Leidthal. -- Ist es denn so schwer, solch
ein Knötchen zu knüpfen?«
Aurorens Rosenfinger verbreiteten keine lieblichere Helle, als das
Licht, welches dem Administrator während dieser verfänglichen Minute
aufging. Sie standen wie ein trautes Ehepaar. Er hatte seine Hände an
Josephinens schlanken Leib gelegt, die schwarzen Bänder ihres Hutes
bewegten sich unter _seinen_ tiefen Odemzügen -- _ihr_ Athem spielte
fühlbar wie ein laues Lüftchen, und immer wärmer wurde ihm ums Herz. Er
ließ sie zierlich gewähren, und verhielt sich schweigsam und lauschend.
Die magische Schleife war nun geschürzt -- legen die Grazien jemals eine
Cravatten-Fabrik an: so wird man das Modell dazu finden. --
»Auf _bindende_ Künste --« äußerte Herr Prälat etwas gepreßt, »versteht
Dein Geschlecht sich schon am Besten. Josephine!« er hob das Mädchen zu
sich empor, »überhebe mich künftig dieser Mühe -- heirathe mich, liebe,
theure Seele! --«
»Onkel!« rief Josephine, und machte sich von ihm los. Ihre jungfräuliche
Wange glühte zwischen Schaam und Zürnen. Sie hielt diese Sprache für
einen Scherz.
»Ich bin Dein Onkel nicht!« entgegnete Jener heftig, »diesen
Titular-Verwandten hat Dir Fabia aufgedrungen, um den Unterschied
unserer Jahre durch gehörigen Respekt hervorzuheben. Aber Dein Mann kann
ich werden, wenn ich Dir anstehe, Du mein Liebstes! -- Ich dachte immer,
Du wärst mir gut -- so könnten wir zusammen bleiben, lebenslang -- und
Alles bliebe beim Alten.«
Da lag das Mädchen an seiner Brust und stammelte: »wenn es wahr wäre --
o Gott im Himmel!«
»Es ist wahr!« wiederholte der Administrator im gefühltesten Entzücken
dieser Versicherung, und drückte das holde hingebende Wesen innigst an
sich, »ich liebe Dich redlich, Josephine! und will Dein bester Freund
auf Erden seyn. Doch frage Dein Herz! ich möchte es nicht räuberisch an
mich reißen, aus freier Wahl sollst Du es mir schenken -- oder versagen.
Wer weiß, ob ich Dir nicht zu ernst bin, zu kränklich -- oder was Du
sonst an mir etwa auszusetzen hättest. Mir hast Du nur Einen Fehler,
meine süße Kleine! -- Du bist noch sehr jung -- aber ich finde Dich
gewachsen. --« Er lächelte wie ein Liebender, indem er den schlanken
Wuchs des Mädchens mit einem langen Blicke maß -- »nicht nur wirklich
ein Stückchen, seit ich Dich nicht gesehen, sondern überhaupt allen
Forderungen und Wünschen an meine künftige Frau völlig gewachsen.«
In reizender Verwirrung antwortete Josephine: »es mag vielleicht
geziemend seyn, daß ein Mädchen an sich hält: ich gebe Dir mein Ja
ohne Weiteres. Wen könnte ich lieber haben? -- Alle meine Wünsche sind
erfüllt. In diesem Augenblicke weiß ich es erst ganz, wie unglücklich
ich geworden wäre, wenn ich Dich und dieses geliebte Haus auf immer
verlassen müssen! Jetzt bin ich Dein! --« Sie warf sich mit dem Ausdruck
der liebevollsten Hingebung in seine Arme. -- Er umpfing sie jauchzend,
und der Spiegel verdoppelte ein Bündniß, magisch geschlungen, in dem
einfachen Glück der Herzenseinigung, dem einzigen, was es auf Erden wie
im Himmel giebt. --
Beide hatten in diesen seligen Minuten weder an die Gräfinn, noch an
Fabia, oder Sylvius gedacht, die doch auch ein Wörtchen dazu sagen
könnten. Es giebt einen Instinkt der Ahnung für unser Geschlecht,
welcher uns einem unwillkommnen Vertrauen entrinnen läßt, wenn es unser
Herz etwa wie ein Pfeil treffen könnte. -- Auch Frau Fabia entrann auf
leiser aber sicherer Spur Dem, was ihr Schwager ihr zu sagen hatte.
Josephine flüchtete mit ihrem Glück in das Betstübchen der Nonne, und
legte das Bekenntniß desselben auf diesem jungfräulichen Hausaltare
nieder. -- Sylvius war nicht daheim. Zeitiger, als es nöthig gewesen,
brach Josephine auf, und der Administrator begleitete sie. »Hätte ich
doch nicht geglaubt,« sagte das Mädchen mit jener Traulichkeit, in
welcher auch die schüchternste Verlobte sich dem ausschließendsten
Vertrauen annähert, woran der Geliebte ein Recht hat, »daß ich einmal
Gott danken würde, von Sanct Capella weg zu kommen, und heute ist mir
so. Ich konnte kein Auge aufschlagen -- Fabia hat mir die heimliche
Braut ansehen müssen. Lieber! versäume doch ja nicht, sobald als möglich
mit ihr zu sprechen. Ich thue es bei der Mutter, und davor bangt mir
weniger.«
»Meinst Du,« fragte Herr Prälat, »der bürgerliche Eidam werde der
Gräfinn genehm seyn? -- wenn diese Hoffnung nur nicht allzukindlich ist,
Josephine! --«
Das Mädchen kopfschüttelte zu diesem Zweifel und sprach: »Du kennst
die Mutter nicht, mein Freund! -- Sie ist so gänzlich ohne Anspruch und
Eigensucht -- Fabia hingegen --« Josephine flüsterte diese Worte, »neigt
ein wenig zur _Eifersucht_, und es ist eine ganz andere Zuversicht, die
ich zu Jener habe als zu dieser. Ewig werde ich Fabien dankbar seyn:
denn sie hat mich treu erzogen, und ohne sie wäre ich nimmer nach Sanct
Capella gekommen; aber das Blut aus meinen Adern wollte ich verströmen,
daß ich die theure Albane nur einmal lächeln sähe.«
Der Administrator entdeckte noch an demselben Abend auf einem einsamen
Spaziergange dem Freunde sein Herz. Sylvius nannte sich seinen größten
Schuldner, und gab ihm damit das gelegene Wort zur Hand.
»Wir könnten sehr bald mehr als quitt werden --« gab ihm jener zur
Antwort, »Du nahmst mir einmal die Braut -- gieb mir Deine Tochter
zur Frau: so bin ich nicht mehr Dein Gläubiger, sondern schulde Dir
zwiefach.«
»Wenn dies Dein Ernst ist --« entgegnete Herr de Romana, »so nimmst Du
einen Kummer von meinem Herzen, und Niemand kann bei diesem Interesse
des Deinigen froher betheiliget seyn, als ich. Es ist mir eine Sorge
gewesen, das Mädchen werde die Jugend hinkümmern, bei der traurigen
Mutter, und mit all seiner Liebenswürdigkeit der Bestimmung des
Geschlechts verloren gehen. Was wird aber Albane dazu sagen? und bist Du
Josephinens Neigung auch gewiß?«
»Ich denke doch!« antwortete der Bräutigam lächelnd, »so gewiß man
irgend einer weiblichen Neigung seyn kann. --« Ein leiser Seufzer
verwebte sich dieser bedingten Voraussetzung.
»Auch hoffe ich,« setzte er hinzu, »das Kloster werde mich schützen, das
Invalidencorps -- und endlich die fromme Veronica. Wisse! ein Engel der
Treue wohnt in der Nonne, und wird, wenn diese seine kleine Herberge
einst zusammenbricht, den Ort nicht verlassen, den er so lange heimlich
gesegnet. -- Sieh, Freund! ich habe Zeit gehabt, reiflich darüber
nachzudenken, welche Eigenschaften der Frau einen Mann vor allen
glücklich machen können, und da ist denn bei meinem Denken und Sinnen
nur jener Satz heraus gekommen, den ich mir gemerkt: daß sich auf der
Erde in jedem Beisammenleben der Kopf erschöpft, Witz und Phantasie und
Verstand, nur aber nie ein gutes Herz, das eine ewige Quelle ist.«
Romana schwieg, und sein Freund fuhr nach einer Weile fort: »aus welchen
wunderbaren Stoffen besteht eine einzige Mischung, die wir Liebe
nennen! glaubst Du wohl, Sylvius, daß jene sympathetische Regungen
der Freundschaft für Dich, nur zarter -- mich zuerst an das Mädchen
knüpften? die magnetische Kette der Gefühle, wie weit auch angelegt,
läßt uns empfinden, wo unser Herz stark berührt war. Was mich ferner
mit zärtlicher Innigkeit für das Mädchen erfüllt, ist nicht die holde
Bildung allein, sondern auch der Einfluß ihrer Bildnerinnen. Darunter
dürfte Fabiens der bedeutendste gewesen seyn, und Fabia ist mir doch
sehr achtungswerth.«
»Und das mit Recht --« erwiederte Sylvius. »Sie gehört meines Erachtens
zu den unerkannten Größen. Ihr Charakter, nur etwas zu schroff für eine
Frau, ist ein Fels für das Vertrauen. Ich schätze Fabia sehr hoch.«
Der folgende Morgen war schon weit vorgerückt, ohne daß Herr Prälat
einen Augenblick finden können, in welchem seine Schwägerinn zu sprechen
wäre. Frau Fabia schien von kleinen geschäftigen Sorgen umringt, so daß
sein Vertrauen nicht Raum gewann; eine finstere Zerstreuung in ihrer
Miene ließ ihn den heitern Muth nicht sammeln, mit ihr über eine Sache
zu reden, die ihm mehr am Herzen lag, als was zu Nutz und Frommen seiner
Häuslichkeit geschehen mögte. Ihr Blick sogar war vermeidend -- und wich
ihm aus. Endlich haschte er den günstigen Moment und sprach: »gönne mir
ein paar Minuten, Fabia! ich habe Dir etwas Dringendes zu sagen.«
Fabia machte ihre Hand, welche er sanft gefaßt hatte, leise los, setzte
sich nieder, jedoch mit jener Art, die es deutlich macht, daß man sich
nur auf flüchtiges Verweilen einlassen könne und wolle, und sagte: »nun,
so lasse doch hören, wie _dringend_ das sey, was ich vernehmen soll.«
Der Administrator war um seine Fassung zu dem Vortrage, er wußte nicht
wie? -- Er antwortete mit merklicher Verlegenheit: »Deine Stimmung
Fabia, ist meinem Wunsch nicht freundlich, und wirkt auf mich zurück.
Ich wollte Dir eben eröffnen, daß ich -- daß Josephine --« Fabia
lächelte, ihre Gesichtsfarbe war blässer als gewöhnlich. Sie sprach:
»das käme zu spät, Freund -- die Gräfinn hat mir diesen Morgen
geschrieben, daß Du ihrer Tochter den Antrag zur Heirath gemacht. Sie
giebt Dir ihre Einwilligung; ich aber habe nichts zu geben, als den
Wunsch, daß der Herr Alles wohl gelingen lasse!« Und während Fabia
diese Worte sagte, zerrann ihre Stimme und das Lächeln ihres Mundes in
Wehmuth, in _Wermuth_ -- und ihr Schwager, erstaunt über die Taubenpost
der weiblichen Mittheilung, fühlte ein heißes bitteres Aufwallen in
seinem Herzen, über das er nicht ganz klar werden konnte. Er nahm
noch einmal ihre Hand in die seinige und sagte mit ergreifenderem
Ton: »Fabia, es scheint, Du zürnest mir. Glaube nicht, daß ich Dir
zurückhaltend eine Absicht verschwiegen -- ich bin mir keiner bewußt
gewesen. Der Gedanke war nur ein Blitz, in welchem mir einleuchtete,
Josephine werde als mein Weib mich glücklich machen. Und wenn diese
Hoffnung wirklich wird, Wem werde ich es verdanken als Dir? Du hast das
Mädchen erzogen. Dein frommer, fester Geist wird fortwirken zu meinem
Glück. Ich denke, wir wollen freundlich zusammen leben -- nicht? --«
Fabia sah ihn verdunkelten Auges an. »Nein, Bruder!« antwortete sie mit
jener Besänftigung und Ruhe, die nur der Selbstgewißheit angehört: »das
würde nimmer gut thun. Das taugt nichts -- würde der Major sagen --«
Fabia lächelte bei diesen Worten noch einmal, und zwar sehr schmerzlich.
»Darum entlasse mich, Lieber! ich lasse Dir dafür meinen besten Segen.
-- Jenes Geheimniß, was mich unter Deinen Schutz stellte, ist gelös't --
Was sollte Dich hinfort noch an mich binden? -- Dein Herz hat an Einer
Pflicht genug, und diese umfaßt der Trauring. Ich werde mit der Gräfinn
ziehen. Die arme Albane wäre ja sonst ganz verlassen, und es ist billig,
daß ein treues Gemüth ihr vergelte, was sie an dem Vater gethan. Der
Herr hat den Willen dazu mir in den Sinn gegeben.«
Der Administrator stand stumm und sah zu Boden.
Fabia fuhr nach einer kleinen Pause mit steigender Bewegung fort: »wir
wollen nach Bonna. Dort hat die Gräfinn einen Wittwensitz, den sie
schwerlich tauschen mögte um einen Thron, das Vaterhaus ihres Gemahls,
Heiland genannt. Dort ist mein Platz. _Hier_ würde ich überflüssig seyn,
das macht alt vor der Zeit. Die Heimath aber giebt auch in späten Tagen
einen Theil der Jugend zurück. Ich werde die Wohnung meiner guten Eltern
wiedersehen, und jener harmlosen Zeit gedenken, wo ich darin glücklich
war. Ich werde in der Nähe ihrer Gräber leben -- und den Garten des
südlichen Daches pflegen, den der selige Oberförster Romana angelegt
-- die Sonne mag jetzt wohl eine Wüste darauf bescheinen. -- Ich bin
alsdann -- Du weißt es -- an geeigneter Stelle, und gleichsam wie auf
meines Zions Zinnen.«
»Fabia!« antwortete ihr Schwager von einer seltsamen Rührung bewältiget,
»besinne Dich anders -- bleibe bei mir! es wird sich für die Gräfinn ein
Ausweg treffen lassen. Du bist mir nothwendig geworden, Du gehörst zu
meinem Glück. Auch ist Josephine noch so jung und unerfahren, als daß
sie Deines Rathes nicht wohl entbehren könnte.«
»Sie hat _Dich_!« entgegnete Fabia mit einem Nachdruck, der alles
Weitere behob, »und also den Rath und den Helfer dazu. Und was
wirthschaftliche Leistungen anbelangt, darauf legst Du ja so wenig.«
Auch Fabia, meine Leserinnen, war eine _Frau_, und nur ein weiblicher
Engel würde es verschmäht haben, ein verkanntes Verdienst geltend zu
machen. Es ist eine göttliche Sphäre, allwo der Ruhm verschwindet, den
wir vor den Menschen haben und vor uns selbst. Wir aber leben auf
der mängelvollen Erde, niedergehalten von dem Bedürfniß menschlicher
Schwachheit. Das alte Lied des Lebens singt uns in _getragenen_ Tönen
ein. Es war nur ein Aufschwung unterdrückten Gefühls, in welchem Fabia
sich im Geist ihrer Sinnesweise zu erheben glaubte.
Der Administrator dachte beklommen dem Entschluß seiner Schwägerinn
nach, denn es fiel ihm in Wahrheit schwer, sie künftig zu vermissen.
Seine brüderliche Freundschaft für die getreue Fabia ließ ihn nicht
ergründen, aus welchen Ursachen sie so fest auf dem Abschied beharre.
Es giebt nur Einen Dietrich, dem kein Aufschluß widersteht, der sich
ohne Schwierigkeit in den Besitz der geheimsten Gedanken setzt. -- Die
Geheimnisse der Seele liegen unter magischem Schutz, und nur durch ihn
selbst können sie beschworen werden. --
Freilich sah Herr Prälat ein, daß Fabia, im Ganzen genommen, Recht
hätte, daß ihre häusliche Unfehlbarkeit, Josephinens schüchternen
Versuchen, als Hausfrau für sich allein zu stehen, hinderlich seyn
würde; daß die Gräfinn Jemandes bedürfe, der mit zarter achtsamer Sorge
um sie sey -- und wie es in der religiösen Bußfertigkeit von Fabiens
Character liege, sich selbst zur Sühne zu geben, für das Unrecht, was
Dieser geschehen; -- aber dennoch gestaltete sich dies Verhältniß nicht
nach seinem Wunsch, und es war ein Zwiespalt in seinem Herzen, als ob
eine Flamme sich trenne. --
Frau Fabia nahm sich zusammen, auf daß sie ein achtungsvolles Gedenken
mit hinweg nähme. Sie ordnete alles mit Umsicht, und stimmte nicht
dafür, daß die Hochzeit weithin aufgeschoben würde. -- Aus der Ferne
kamen Briefe, welche den Zeitpunkt von Theresens zweiter Verbindung um
nicht viel später anberaumten. Dann wollten die Neuvermählten im Herbst
zum Besuch nach Sanct Capella kommen. Major Feldmeister verjüngte sich
vor Vergnügen. Er hätte sich beinahe von seinem Sprichwort entwöhnt,
denn er fand gut, wie das Schicksal seiner Freunde sich gewendet hatte,
und -- Alles taugte ihm. --
Hauptmann Moorhausen sprach von einem Urlaub über Winter. Vielleicht
wollte er im gigantischen Eise seines Gutes die Schaamröthe abkühlen,
womit er der Ehewerbung gedachte, und in diesem zersprungenen
Weltspiegel nur ein Bild schauen, wie der Krystallpallast seines
Wunsches, aus dem Frost des Alters erbaut, zu Wasser geworden wäre. --
Den Tag vor der Hochzeit brachte Fabia ihr Haushaltungsbuch ihrem
Schwager, ihm Rechnung abzulegen; zu gleicher Zeit entledigte sie sich
des Amtes der Schlüssel. Die Redlichkeit, womit sie beides geführt, gab
diesem kleinen Act etwas Feierliches.
»Fabia!« sagte der Administrator gerührt, »wollte Gott! mein Facit wäre
einst dem Deinen gleich, und wir Alle könnten in der Rechnung bestehen,
wie Du! -- Wie treu hat Deine liebe Hand auf meinem Nutzen gesehen!
der Himmel möge Dich dafür belohnen!« Er küßte die nützliche Rechte mit
einer größeren Wärme als der Dankbarkeit -- und diese zuverlässige Hand
zitterte ein wenig. --
Am Morgen der Trauung -- Josephine war nur wenige Tage vorher von
Bühle nach dem Stift zurückgekehrt -- brachte Schwester Veronica ihrem
Liebling den Brautkranz. Sie waren allein. Mit zitternder Stimme sagte
sie: »Josephine! mein theures Kind! hier bringe ich Dir den Kranz, von
_meinen_ Händen sollst Du ihn empfangen.« Das zarteste jungfräuliche
Bewußtseyn lag in diesen Worten. »Und indem ich Dir ihn aufsetze --«
die Nonne that es mit leisem Beben, »ist es mir, als würde mein liebes
Kloster mir wieder eingesetzt. Liebe und Treue sind doch Altäre, die
der Himmel aufrecht hält! -- Als ich im Frühling die Zweiglein von der
Myrthe schnitt, zu dem Todtenkränzchen für die kleine Julie, und Perlen
dazu fädelte: wenn mir das der Baum damals gesagt hätte! -- Auch in
diesen habe ich Perlen geflochten, Freudenperlen! Segensthränen! trage
ihn zu lebenslänglichem Glück! die Krone der Unschuld, die Dir Dein
Engel reicht, _die_ trägst Du ewig! -- Heute fühle ich wieder wie groß
Gott ist! wie gut! -- Ich bin Jungfrau, und Dein bräutlicher Anblick
läßt mich das Entzücken einer Mutter empfinden. Ich werde nun nicht
einsam sterben; Du, geliebtes Kind, wirst mir meine Augen schließen --
und dann den Ring erben.«
Josephine umschlang die Nonne, und drückte schon jetzt, sanft küssend,
die weinenden zu, das heilige Vermächtniß zu besiegeln. Sie war eine
Erbinn dieses Herzens und seines Friedens.
[ Hinweise zur Transkription
Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser
Transkription werden _gesperrt_ gesetzte Schrift sowie Textanteile in
=Antiqua-Schrift= hervorgehoben.
Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten,
einschließlich uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise
"irdisch" -- "irrdisch", "ist's" -- "ists", "Lieutenant" -- "Lieutnant",
"Obristin" -- "Obristinn",
mit folgenden Ausnahmen,
Seite 6:
"Aufsicht" geändert in "Aussicht"
(ohne Aussicht auf eine andere Versorgung)
Seite 18:
"nnd" geändert in "und"
(und fragte ihn um seine Meinung)
Seite 19:
"«" hinter "Freundes." entfernt
(und Romana lag in den Armen seines Freundes.)
Seite 26:
"Gemeine" geändert in "Gemeinde"
(Anhänger einer frommen Gemeinde geworden sey)
Seite 26:
"geretttet" geändert in "gerettet"
(auf beinahe übernatürliche Weise gerettet worden)
Seite 59:
"»" eingefügt
(»doch diese Frage ist wohl vom Ueberfluß)
Seite 64:
"erinnnere" geändert in "erinnere"
(an den ich mich aus vergangener Zeit erinnere)
Seite 66:
"«," geändert in ",«"
(»Entlassen Sie mich --,« bat Albane)
Seite 79:
"Famile" geändert in "Familie"
(Juwelen der gräflich Frankensternschen Familie liegen darin)
Seite 84:
"entsinnnen" geändert in "entsinnen"
(jenes schrecklichen Abends noch ganz genau zu entsinnen)
Seite 86:
"«" eingefügt
(Mein Herr und Heiland!«)
Seite 90:
"Übersättigung" geändert in "Uebersättigung"
(Vielleicht hatte eine gewisse Uebersättigung)
Seite 103:
"»" vor "regieren" entfernt
(regieren gestrenge Herren nicht lange)
Seite 103:
"»" eingefügt
(»Des Abends waren wir zusammen)
Seite 104:
"«," geändert in ",«"
(»Nicht immer --,« antwortete sie halblaut)
Seite 112:
"»" eingefügt
(»Du bist nun auch eine Wittwe)
Seite 126:
"«," geändert in ",«"
(»Ich glaube Ihnen --,« sagte Rudolph bewältigt)
Seite 128:
"»" eingefügt
(»heute noch! sogleich)
Seite 133:
"«," geändert in ",«"
(Sie werden --,« dies setzte der Lieutnant)
Seite 134:
"." eingefügt
(dem Vorschlag ihres Freundes geneigt zu machen.)
Seite 135:
"Blaßbau" geändert in "Blaßblau"
(mischte das Blaßblau eines fernen Amphitheaters von Bergen)
Seite 138:
"Vei" geändert in "Bei"
(Bei einem Bug der Straße öffnete sich die Aussicht)
Seite 142:
"gefordet" geändert in "gefordert"
(nichts von der jungen Frau gefordert ward)
Seite 151:
"»" eingefügt
(»Noch ist die Mutter betäubt)
Seite 163:
"«" eingefügt
(Deine --«)
Seite 170:
"," geändert in "."
(Josephine scheint ein Engel.)
Seite 171:
"anwortete" geändert in "antwortete"
(Die fromme Fabia antwortete)
Seite 172:
"Borna" geändert in "Bonna"
(den Tag vor ihrer Abreise von Bonna)
Seite 174:
"sie" geändert in "Sie"
(doch werden Sie zugeben, daß jenes Depot geeignet war)
Seite 175:
"»" eingefügt
(»hätte ich diesen Schlüssel wohl so nahe)
Seite 196:
"Batrachtungen" geändert in "Betrachtungen"
(In Folge dieser Betrachtungen sagte er)
Seite 202:
"geschwisterliche" geändert in "geschwisterlichen"
(riß bei dieser geschwisterlichen Beziehung ab)
Seite 202:
"Thereseu" geändert in "Theresen"
(Was soll nun aus Theresen werden?)
Seite 202:
"«" eingefügt
(Ich glaube, gute Fabia,«)
Seite 202:
"dem" geändert in "den"
(Er schloß mit den Worten)
Seite 205:
"des" eingefügt
(giebt jedoch einen Zustand des Leibes und der Seele)
Seite 206:
"Offfziere" geändert in "Offiziere"
(Die Offiziere in Corpore kamen, um dem Administrator)
Seite 208:
"das" geändert in "daß"
(Aber eben so gewiß ist es, daß jenes schöpferische Genie)
Seite 213:
"»" eingefügt
(»Mir ist wahrhaftig in Gott)
Seite 242:
"öffentlilichen" geändert in "öffentlichen"
(zu der öffentlichen Rechtfertigung unseres geheimen Bündnisses)]