Obgleich Jener verdüsterten Blickes von seinem Schreibpult aufsah, als

ob der Flor um seinem Arm ihm vor den Augen läge, so bemerkte er doch,

er sähe den Hauptmann in der Staatsuniform. Die weißen Glaçee-Handschuh,

blendend neu, doch mit einem gelblichen Schein vom langen Liegen --

glänzten leichenförmlich mit gekreuzten Fingern auf dem Invalidenstocke,

und deuteten trauerfeierlich auf den Tact der Condolenz, da von

festlicher Eleganz anderer Art hier nicht die Rede seyn konnte. Seine

Miene drückte den Anstand des Bedauerns, und einen Hinterhalt von

Selbstgefälligkeit und Absicht aus. Er versicherte seine Theilnahme,

und gemahnte in dem allegorischen Schwunge, den er dabei nahm, an die

Sprache eines altmodischen Neujahrswunsches, der unter seiner Vignette,

gepreßt mit den Insignien der Zeitlichkeit, einen Amor mit flammendem

Herzen verbirgt, das im Verhältniß seiner Größe zu dem kleinen Gott

jenes zwanzigpfündige anschaulich machte, wovon er einst erzählt.

Der Administrator dankte in Kürze und lächelnd. Er erkundigte sich nach

des Hauptmanns Befinden und sagte, daß, da er ihn diesen Morgen unter

den andern Offizieren nicht bei sich gesehen, er beinahe gefürchtet,

Jener, welcher bisweilen an krampfhaften Zufällen litt, hätte sein

Zittern wieder bekommen.

Der Veteran erröthete, faßte unter die straffe Halsbinde, räusperte sich

und sprach: »=au contraire=, Werthester! ich war nie gesünder, und fühle

mich wie verjüngt. Meine Natur --« »ist vortrefflich; ich weiß es --«

unterbrach ihn der Administrator, der sich heute nicht stark genug

fühlte, den Kampf mit dem Riesen dieser Imagination zu bestehen.

»Von Zittern keine Spur --« setzte der Hauptmann die Ruhmrede seiner

Gesundheit fort, »und nur aus einem festen Grundsatze kam ich nicht

früher. Mir widersteht die übliche, oder vielmehr _üble_ Sitte, daß

man mit seiner Theilnahme zudringlich werde, und =en Masse= über Einen

herfalle, dem ein Trauerfall begegnet ist. Leidtragende mögten auf diese

Weise unterliegen -- und Delicatesse in der Freundschaft geht mir über

Alles.«

»Sie ist die Grazie des Gefühls --« entgegnete der Administrator wie mit

trübem Spott; doch konnte er nicht umhin, in dem, was Moorhausen gesagt,

zum erstenmale etwas Wahres zu finden.

»Grazie! ja, auf Ehre!« antwortete jener, »das ist das rechte Wort.«

Und das fletschende Lächeln, womit er es aussprach, gab den

Inbegriff weiblicher Anmuth in die widrige Gewalt eines Fauns. »Diese

Eigenschaft,« setzte er mit Grimasse hinzu, »ist jedoch nicht Jedermanns

Sache, und ich glaube, ihr verdanke ich es allein, daß mir alle Leute

gut sind. Ich muß etwas Anziehendes an mir haben -- wo aber steckt es?

dachte ich oft. Mir selbst unerklärbar. Als ich ein Knabe war, schenkte

mir eine alte Pathe einen Magnet, in Gestalt einer Seejungfer -- wir

können nicht ableugnen, in manchem Sinnbild wirkt Magie. Mein Glück bei

dem schönen Geschlecht war enorm -- ich könnte Ihnen zum Erstaunen davon

erzählen.«

Herr Prälat entsetzte sich vor dieser Möglichkeit und sprach hastig

in jener flüchtigen Tonweise, die nicht zweifeln läßt, man wünsche

verschont zu bleiben: »zu besserer Zeit, Capitain! ein andermal wird mir

das viel Vergnügen gewähren.«

Doch nichtsdestoweniger verfolgte dieser Unabweisliche den Lauf der Rede

wie folgt: »die Weiber -- ich sage Ihnen --«

»liefen davon?« fiel der Administrator mit verzweifelndem Humor ein.

Der Hauptmann stutzte betroffen, und jener setzte vergütend hinzu, »ich

meine, aus Furcht vor dem Sieger.«

»Ah so!« antwortete der Cäsar des Invalidencorps, zufriedengestellt,

»diese kleinen Feinde wissen sich in ihren Waffen zu behaupten. Doch

Wer sich stark fühlt, der hüte sich nur vor einer Delila, die ihn an die

Philister verräth. Auch dem niedlichsten Satan hätte ich mich nicht bei

einem Haare fassen lassen. -- So oft ich sogar auf eine Dame im Spiel

pointirte, Tausend gegen Eins: ich gewann. Aber ein Mann von Ehre

benimmt sich auch discret, wo er gewiß ist, sein Fortüne nicht zu

verfehlen.«

Der Administrator warf einen vielsagenden Blick auf den kahlen Scheitel

dieses Simsons, und rief mit einem stillen Seufzer das Glück an, statt

seiner ein Thor der Erlösung zu erschüttern, daß er frei würde. Es

verließ sofort seinen Prahler, der den Stuhl heran schob, als wolle er

dem Zwecke seines Besuchs näher kommen -- und entrückte ihm das Ziel.

»Jetzt freilich,« sprach der Hauptmann, »habe ich manchen bedenklichen

Augenblick, daß ich die Gunst der Gelegenheit mir entfliehen ließ. --

Was nützt mir all' mein aufgespartes Vermögen? mein schönes Geldchen,

und mein Gut? ich genieße es allein. Das macht grämlich vor der Zeit.

Ich bedürfte Jemandes, der mich erheiterte.«

Der Administrator lächelte ein wenig skoptisch, indem er erwiederte:

»Wer so Viel in sich trägt, wie Sie, dächte ich, kann kaum in den Fall

kommen, durch Gesellschaft zu gewinnen.«

»Den Teufel auch, mein Freund!« antwortete der martialische Moorhausen,

durch den leisen Stich, der ihm schmeichelnd versetzt worden,

empfindlich gereizt. »Ein Mann von so ungeheuern Erfahrungen wie

ich, ist nur um so mehr einsam, und bedarf seines Gegensatzes, eines

kindlichen Wesens, dem er imponirt, das er glücklich macht, und welches

ihn ergötzt -- und so habe ich denn längst reiflich überlegt und erwogen

-- Hm! Hm! es wäre das Zuträglichste für mich, ich heirathete. Nur

schwankte das Schiff meiner Gedanken, nach allen Richtungen der

Windrose; ich wußte nicht recht, wohin mich wenden? bis ich denn endlich

wie durch einen plötzlichen Ruck fest in meiner Wahl geworden bin.«

Der Administrator starrte den Hauptmann an. Er dachte an eine

Windsbraut, und wie das Schifflein, dem darnach gelüstete, vermuthlich

auf eine Sandbank gerathen wäre. So sprach er nicht ohne einen Blick

mitleidigen Ernstes auf den kühnen Segler: »Heirathen? Sie scherzen,

Capitain.«

»Nicht daß ich wüßte --« antwortete Dieser, und zog die Stirn kraus.

»Mir ist wahrhaftig in Gott! nicht spaßerlich zu Muthe. Auch wäre das

zur Unzeit, Freund! weil aber die rechte Zeit treffen, ein Punkt ist,

den ich stets im Auge gehabt -- weshalb man mich auch beim Regiment _den

glücklichen Zieler_ zu nennen pflegte: so zog ich mich diesen Morgen

in mein Zimmer zurück, und wartete bis jetzt. Ist das Gemüth einmal

afficirt: so wird auch der beste Mensch leicht in Harnisch gebracht

gegen eines Andern Anliegen. Man sagt: Weilen bringt Gefahr; aber die

Eile thut es nicht minder. So erinnere ich mich, daß als meine Mutter im

Sterben lag -- es dauerte lange, und es ist schrecklich, daß auch Leute

von Rang so ringen müssen -- kamen Schlösser, Schreiner, und so weiter

-- um die Arbeit für die Leiche, die es noch nicht war, zu erbitten.

Darob ergrimmte mein Vater dergestalt, daß er einen jener armen

Handwerker, die um das liebe Leben zu fristen, dem Tode vorausgeeilt

waren, beinahe gemißhandelt hätte. -- An diese Scene mußte ich

unwillkürlich denken, da ich Anstand nahm, früher als in diesem

Augenblick mich Ihrer gütigen Fürsprache bei der Wittwe Ihres Herrn

Bruders zu versichern. Uf! nun war's heraus. --«

Der Administrator zweifelte jetzt nicht mehr, daß Moorhausen den

Verstand verloren hätte. Er meisterte daher sein sprachloses Staunen,

und indem er in diese fixe Idee einzugehen schien, sagte er so

vernünftig als möglich: »in der That, Sie fühlen fein; es wäre wirklich

ein Stückchen Arbeit, was Sie in Theresens Hand ansprächen. --«

Ein Lächeln der Selbstzuversicht verklärte den alten

Ehestandscandidaten. »Sie meinen,« sprach er, »die schöne Frau würde mir

den Kopf warm machen? thut nichts. Die kleine Hexe hat mir's angethan --

werde schon mit ihr fertig werden. Eine Gardinenpredigt hält Die nicht,

dafür stehe ich Ihnen. Und diese fatale Theologie macht nur verstockte

Sünder und Langeweile. Wir liefern kleine Gefechte, allerliebste

Scharmützel. Sie giebt mir Eins drauf -- ich aber liebe das.« »Capitain

Moorhausen,« versetzte Herr Prälat, dessen Stimmung nicht darnach war,

diesen Unsinn länger auszuhalten, »Sie sind ein eben so einsichtsvoller

als expediter Mann. Wie zeitig Sie auch in dieser Angelegenheit kommen,

ich habe dennoch Grund zu glauben, es geschähe in jedem Sinne _zu spät_.

Sollte meine Schwägerinn sich wieder verehelichen: so steht ihr der

Mann, den sie wählt, zweifelsohne schon zur Seite. --«

Dem Hauptmann entfiel der Stock, sein Gesicht verlängerte sich

zusehends. Der Administrator bückte sich nach dem Bambus, und legte

ihn in die Hände, an denen jenes erwähnte Zittern sichtlich zu werden

anfing. Und mit unverkennbarer Redlichkeit redete er sofort: »sehen Sie

diese zutrauliche Erklärung meiner Seits nicht für einen Korb an;

auch reiche ich Ihnen hiermit nicht den Stab zum Weitergehen in dieser

Absicht. Nein! nur einen Stützpunkt auf dem einsamen Gange, der unter

manchen Umständen, und in gewissen Jahren auch sein Gutes hat. Zuweilen

borgt der Geist der Lüge die göttliche Stimme, welche einst sprach: es

ist nicht gut, daß der Mensch allein sey.«

Der Hauptmann verstummte. Er bat nur noch, daß sein Vertrauter auch

schweigen möge. Die Glaçeehandschuh platzten bei dem Händedrucke

des Abschieds, den er bald darauf nahm. Der Krampf zog ihm die Brust

zusammen, das Herz schlug Chamade. Er ließ die Flügel tief hängen --

und selbst der kleinste Querpfeifer bei seinem ehemaligen Regiment würde

diesen Preiswürdigen jetzt nicht »den glücklichen Zieler« genannt haben.

Josephine war nur ein paar Wochen in Bühle. Obgleich -- nach der

Zeitrechnung des Geistes -- fast kein Augenblick verging, in welchem

ihre Gedanken nicht hinüber schwebten nach St. Capella und weiter

noch, da sie ihren Schutzfreund auf Reisen wußte --: so machte doch ihr

jetziger Aufenthalt sein Recht auf dies empfängliche Gemüth geltend.

Die traumhafte Stille des Schlosses, der melancholische Reiz seiner

Umgebungen, die einsiedlerische Schwermuth der Gräfinn, die selbst

der Umgang ihres liebenswürdigen Kindes nicht zerstreuen konnte -- die

unheimliche Welt ihres Vaters, welche schweigsam die magischen Kreise

zog, wirkte, vereint mit der Stimme der Natur, auf das junge Mädchen,

dessen Herz jedem tiefen Eindruck offen war. Der Frühling hatte sich

indeß entfaltet, und prangte in völlig aufgeschlossener Schönheit. Auch

in die dumpfen Zimmer und Säle des herrschaftlichen Hauses von

Bühle drang sein milder Hauch, und die warmen Sonnenschatten von den

aufknospenden Blättern der Linde spielten an den kalten Wänden, und

mischten ihren lebendigen Schein mit dem todten Ernst der Ahnenbilder.

Der Brunnenstrahl blitzte vielfarbig, wie ein Ueberfluß von Diamanten,

und sein eintöniges Rauschen weckte eine Quelle der Ahnung in dem Herzen

seiner düstern Anwohner, und floß mit dem Strom von Lust, Leid und Leben

zusammen, der die verjüngte Schöpfung schwellte. An einem der schönsten

Abende hob Graf Frankenstern den Blick vom Boden auf, über den die Sonne

lange goldene Brücken schlug, so daß die Möglichkeit ihm einleuchtete,

sie zu passiren. -- Er hatte den lieben langen Tag mit so tief gesenktem

Auge vor sich hin gesehen, als wolle er das Räthsel des Daseyns

ergründen; doch als jetzt das himmlische Licht über diesen Abgrund

schien, verlangte er, Josephine solle ihn in den Garten führen. Dies war

unerhört. Seit Jahren hatte der Graf keinen Spaziergang gemacht, und

nur den Sitz im Sessel mit dem Polster der Kutsche vertauscht. Freudig

gehorchte das Mädchen, und reichte schnell, ehe der Vorsatz ihn gereue,

Hut und Stock dar, und schlang ein kleines Tuch von Persischer Seide zur

Fürsorge um seinen Hals. Die Gräfinn wollte nachkommen.

Vorsichtig leitete Josephine den schwachen Greis die Treppe hinab, und

unterstützte ihn zart, doch jugendkräftig. Seine gleitenden Schritte,

das fühlbare Wanken des verfallnen Körpers bewegten ihr das Herz im

Busen, und ihr elastischer Fuß ging so langsam als möglich. Der

Bediente öffnete das eiserne Gitterthor und geleitete seinen Herrn mit

theilnehmenden Blicken von ferne. Sie traten in den grünen Bezirk. Alles

stand hier noch unverändert; nur die jungen Bäume waren groß und stark

geworden, seit der Graf sie zum letzten Male gesehen, einige hingen voll

Blüthen, und schimmerten mit weißröthlichen Büscheln lieblich zwischen

dem finstern Gehölz.

Josephine athmete tief -- und ein leiser Seufzer, ein Odem von langem

Weh, schwebte auf den stummen Lippen des Grafen, und vermischte sich mit

der Wonne der süßen, ambrosischen Luft. Beinahe taumelnd vor Schwäche,

strebte der Graf doch weiter und weiter, obgleich Josephine ihn

bescheiden aufmerksam machte, es mögte ihm für's Erste wohl zu viel

werden. So waren sie an einen Platz gekommen, der eine schöne Aussicht

bot. -- Unter einer breitästigen Esche winkte ein weißer Gartenstuhl, so

hart und kunstlos, als hätte ihn ein Eremit geflochten -- zur Ruhe. Der

Graf ließ sich mit Hülfe seiner Führerinn darin nieder, und Josephine

setzte sich schmeichelnd zu seinen Füßen. Es war eine kleine Anhöhe. Der

Wind kräuselte sanft das grüne Meer der Saat, ein lindes Säuseln,

wie von Geisterflügeln, regte sich in den Wipfeln des Baumes. Eine

ahnungsvolle Stille rings umher! -- Der Graf senkte das Gesicht, um sein

Auge an dem frischen Anblick zu stärken. Er sah die Ernte im Geist

-- und die dünnen Halme seines Haupthaars weheten silberweiß auf und

nieder, als wäre das Feld nun reif und der Schnitter in der Nähe.

»Die Welt ist doch schön!« sagte er nach einer beschaulichen Pause,

»wenn das Leben so hervorgeht, und Alles wach wird: _wach_!« Und mit

fallender Stimme setzte er scheu und furchtsam hinzu: »gehst Du gern

schlafen, mein Kind?« --

Josephine fuhr aus träumerischem Sinnen empor. Sie antwortete: »ich?

wenn ich müde bin, sehr gern. Der Schlaf, die Ruhe der Wesen, ist etwas

recht Holdes. In sanfter Betäubung stärkt sein Labsal. Wer mögte ihn

nicht lieben, diesen Wohlthäter? -- Auch beunruhigt mich nie ein böser

Traum -- höchstens träume ich seltsam. In der verwichenen Nacht wärmte

ich einen Schneekönig an meiner Brust -- der war erstarrt; plötzlich

flatterte er auf, und verschwand in den Wolken -- und traurig sah ich

ihm nach.«

»Schneekönig?« erwiederte der Graf, »das ist ein kleiner Vogel, nicht

wahr?« Und wie aus einem Geklüft seines Gedächtnisses tönte ein

Echo jener Stelle: »der Mensch wird geboren zu leiden, wie die Vögel

schweben, emporzufliegen.« -- In vergleichendem Sinne sagte er: »die

Vögel des Waldes sind glücklicher daran als wir; sie steigen aufwärts

mit fröhlichem Gesange -- die Tiefe nur ist still und schrecklich. Wer

aber schläft, ist allein, ist in Gefahr, und schließt sich sein Auge,

dann --« Josephine sah mit offenem blauen Auge zu dem Greise auf, der

unter einem Schauer verstummte, ehe er noch ausgeredet hatte. Sie sprach

mit leidsamem Widerspruch: »das will mir nicht so vorkommen, lieber Herr

Graf. Die Menschen sind einsam, und daß sie es _wissen_, ist ihr größter

Schmerz. Wer aber schläft -- und wäre es auch im Grabe -- genießt

unbewußt Frieden, und Gott schützt den Schlummer des Gerechten! --«

Graf Frankenstern schien sichtlich erschüttert durch diese Rede des

Mädchens. Mit zitternder Lippe wagte er etwas auszusprechen, was ein

halbes Säculum nicht laut in ihm geworden war: das Bannwort seines

Dämons. Er sah Josephine dunkeln Blickes an, und sagte: »so fürchtest Du

Dich nicht vor dem -- Tode -- mein Kind?«

Ein unsterbliches Lächeln verklärte mit der Abendsonne zugleich

Josephinens reine Züge. »Nein! gewiß nicht!« versicherte sie mit

Innigkeit. »Ich halte dafür, der Tod sey ein verkannter Engel; kein Bote

der Schrecken. Er kommt ja auch nur auf Gottes Geheiß: wie sollte er

einer kindlichen Seele nicht willkommen seyn -- früh oder spät! -- Das

kleinste Blümchen zerstiebt, und wenn seine Zeit da ist, erblühet es

auf's neue; die Sonne geht unter und schöner wieder auf, und das

Herz, welches selbst im Traume den kleinen Schneekönig erwärmt, sollte

erstarren -- und nicht für den Himmel schlagen? -- Könnte ich glücklich

machen, Alle, die ich liebe, ich gäbe gern die kleine Blume meines

Lebens hin.« Ein paar Thränen rollten, als Josephine dies sprach, von

ihren Wangen, und der Thau auf einer jungen Rose glänzt nicht schöner.

Dies war der wunderbare Moment, der eine gequälte Seele erlösete. Der

Graf athmete auf mit leisem Stöhnen, wie Einer der erwacht, und sprach:

»ich sehe ein, daß Du recht hast, mein Kind, und wie bleiern meine Augen

geschlossen gewesen. Mir ist, als ob ein Gespenst verschwände -- als ob

es Morgen würde. Mir ist recht klar. Nun will ich erst noch einmal zu

leben anfangen. Sieh! was dort so golden funkelt, ist das nicht Sanct

Capella? vorhin erkannte ich es deutlich. Wir wollen nun nächstens

einmal hinüber fahren.« Josephine lächelte wehmüthig, und das Herz war

ihr unsäglich schwer. »Und glaubst Du wohl,« fragte der Greis abermals

nach einer stillen Weile, »daß ich die Abendglocke höre?« Dem Mädchen

kam ein Grauen an: es war fast unmöglich in dieser Entfernung. »Ich bin

doch müde von dem kurzen Gange,« sagte er mit matter Stimme, »laß mich

ein wenig an Dich lehnen -- oder ist Deine Brust auch krank? --«

Josephine umschlang mit weichem Arm seine Schulter, und drückte das

sinkende Haupt sanft an sich. Sie schwieg bange, und schaute geängstet

aus, wo die Gräfinn nur bleiben möge? Da kam Albane. Das leichte

Rauschen ihrer Schritte, den Gang, der ihm so treu durch die Wüste des

Daseyns gefolgt, vernahm ihr Vater noch einmal. »Mir däucht, ich sähe

meine Frau --« stammelte er kaum verständlich, »warum sprichst Du

so leise? -- --« Und jetzt sprach der Graf nicht mehr, und athmete

schwächer und schwächer. Die Gräfinn knieete in's Gras und faltete die

Hände; ihr Gebet war ein unaussprechlicher Seufzer. Josephine glühte

wie eine Fackel. Angst und Abendschein gaben ihr die flammendes Gestalt

eines Cherubs. Sie glich dem Genius des Todes, wenn er sich des müden

Menschen erbarmt: dem Sinnbild ihrer eigenen Vorstellung. Mit bebender

Hand streichelte sie den kühlen Scheitel, den der Gedanke verließ, und

dessen Sinne schon geschlossen waren. Sie legte den Finger prüfend an

den Puls der Schläfe, und fand ihn stockend -- nun stand er stille.

»Er ist gestorben --« sagte Josephine mit der allerleisesten Stimme, als

könnte ein Laut ihn wecken.

Albane schwieg noch immer und weinte nur heftig. So blieb die Gruppe

lange in heiligem Verstummen.

Jetzt schlief Josephinen der Arm ein; denn der Todte ward starr und

schwer. Sie lehnte ihn zurück in den Sessel, und die Seinen schauten nun

in sein erblaßtes Angesicht.

»O mein Vater!« sagte die Gräfinn mit heißen Thränen, »kann man leichter

und schöner sterben, als Du? Dein ganzes Leben war nur eine Flucht vor

Dir selbst, eine Furcht vor dem Tode, und freundlich erschien er Dir,

und ereilte Dich zu lieblicher Stunde.« In zerrinnenden Bildern sah

Albane sein hartes Geschick und was sie mit ihm ertragen. Und so ergoß

ihr gepreßtes Herz sich in den bekannten Strophen: »schlummre wohl

indeß, du träge Bürde seines Erdengangs! ihren Mantel deckt auf Dich die

Nacht, und ihre Lampen brennen über Dir im heil'gen Zelte. -- «

Es schien der Gräfinn bedeutsam, daß ihr Vater unter einer Esche

verschieden wäre, welchem Holze dieses Baumes man eine wundstillende und

schmerzheilende Kraft zuschreibt. --

Die Sterne brannten schon am Himmel, und ihr feierliches Licht fand jene

Gruppe noch unverändert. Jetzt fing die Abendluft an kühl zu werden; die

Gräfinn erschauerte in jenem Frösteln, welches man nur in der Nähe des

Todes empfindet, und auch Josephinens blühende Wange war sehr blaß.

-- Auf einen Wink der Ersteren ward der weiße Gartensessel mit seinem

stillen Inhaber sacht und sanft aufgehoben, und nach dem Schlosse

getragen. Hier ließ man die Vorhänge tief herab, und die entseelte Hülle

auf ein Lager nieder. Viele Kerzen wurden angezündet, auf daß es hell

würde um den allerdunkelsten Schlaf. Albane und ihre Tochter setzten

sich zu beiden Seiten des Verstorbenen, und blieben die Nacht hindurch

bei ihm, weil sie fürchteten, er könne im Starrkrampf liegen. Hätte der

Graf dies vorausgesehen: der traute Anblick dieser ersten Nachtwache

würde ihn sein Lebelang beruhiget haben. An der Kerze, welche ihren

geheimnißvollen Schein auf seine schweigsamen Züge warf, blühete ein

glimmender Brief -- dies Auge aber war geschlossen, und las keinen

mehr. Es hatte sich für jenen Freibrief geöffnet, der nicht mit Dinte

geschrieben ist, oder Funken, oder in den rinnenden Sand der Zeit,

sondern mit dem Geiste des lebendigen Gottes.

Draußen erwachte der Gesang der Lerche, und vor der goldnen Leuchte des

Tages erbleichte das nächtliche Licht. Ein purpurner Schimmer breitete

sich mählig über den Leichnam aus -- da verließ ihn die Gräfinn unter

den Flügeln der Morgenröthe, und begab sich zur Ruhe, deren ihre

erschöpften Kräfte bedurften. Auch Josephine wankte von hinnen, zu

versuchen, ob sie ein wenig schlummern könne? doch ihre Pulse klopften

wie im Fieber, und das Herz schlug hoch und ängstlich unter dem weichen

Sterbepfühl ihres Großvaters.

Wie Albane es sich im Stillen gelobt: so geschah es. Die Section des

Grafen ward, nachdem der Arzt die Auflösung desselben dargethan, ohne

Geräusch vollbracht, und dann -- da kein eigentliches Familienbegräbniß

in Bühle vorhanden war, sein sterblich Theil in Sanct Capella

beigesetzt. Das Herz ihres Vaters aber blieb, in einer Urne verwahrt,

ihr Eigenthum. -- Um jedes Aufsehen zu vermeiden, ging die Bestattung

zu später Zeit vor sich, und nur das Heer der Sterne gab dem düstern

Leichenzuge Glanz und Geleit. Still, wie der Thau der Nächte sinkt,

fielen Albanens Thränen, und Josephine dachte mit Wehmuth daran, wie

der Graf wenige Augenblicke vor seinem Abscheiden von der Fahrt nach dem

Stifte gesprochen. --

* * * * *

Nachdem der Administrator seiner brüderlichen Pflicht vollkommen und

nach bester Einsicht genügt, kehrte er, zufrieden mit dem Abschluß

dessen, was ihn hierher gefordert, nach seiner Heimath zurück. Auf

der langen Reise hatte er Muße, über dies Fragment seines Lebens

nachzudenken, und auch die tiefsinnige Neigung dazu. Seine Brüder

waren nun beide todt. Die Beschäftigung mit den Papieren des

Jüngstverstorbenen hatte ihn dem Constanz inniger verschwistert, als

das Vermächtniß der mütterlichen Natur ihn jemals fühlen lassen, daß sie

ihnen Einen Vater gegeben. Er nahm ein besonderes Gefühl von Einsamkeit

mit hinweg -- er stand nun allein. Wunderbar genug war Therese, welche

länger als zwei Jahre in häuslicher Verbindung mit ihm gelebt, ihm fast

entfremdet worden, im Gegensatz zu der Erfahrung, nach welcher eine

Auflösung durch den Tod Familienbande selten erschlafft, sondern sie

vielmehr enger zieht. Auch hätte die Weite den Verknüpfungspunkten ihrer

gegenseitigen Anhänglichkeit wohl am wenigsten geschadet. Ein anderer

Schutzfreund nahm sich ihrer innigst an, und solch ein Edelstein

für weibliche Fassung ist immer ein Solitair. Diese Regel ist ohne

Plural. --

Es lag nicht in Theresens Wesen, Schmerz zu heucheln, mit Thränen Prunk

zu treiben, oder sich in der Rolle einer Artemisia zu gefallen. Mit

bewundernswürdiger Gewandtheit veränderte sie den Faltenwurf des

Trauerflors, und verhüllte nur ganz leicht die Brust, voll von dem

Wunsche, das Leben möglichst zu genießen, und kaum die Blöße der

flatterhaften Schultern, welche keinen Kummer tragen könnten. So hatte

die schöne leichtsinnige Frau es ihrem Schwager keinen Hehl, daß sie,

sobald der Anstand es nur irgend erlaube, den Lieutenant Feldmeister

heirathen werde, und sich von diesem Bündniß des Glückes Fülle

verspreche. Mit jenem entziffernden Instinkt der Schlauheit, welche

unser Geschlecht in den geheimsten Zügen eines Männerherzens lesen läßt,

verschwieg sie ihm die Leidenschaft, welche diese Bürgschaft leistete,

und sprach nur von den soliden Eigenschaften des künftigen Gatten, von

seinem Erbvermögen, was sie über jeden Mangel hinwegsetze und sicher

stelle; als ob sie darin die Gewähr fände, welche zunächst auf dem Grade

ihrer eigenen Zuverlässigkeit beruhete.

Die Schwägerinnen. Zweiter Theil. · 第 11 / 13 段