merklicher Verwirrung antwortete er: »Schlimmes? nun ja, aber vermengt
mit Gutem, wie uns die bittersten Erfahrungen gereicht werden. Das
Schicksal ist ein Mischling, Glücklich retournirt, Freundchen? waren Sie
schon da, wie die Estafette kam? -- Sehen Sie, da habe ich mir all
mein Lebtag eingebildet, ein blasender Postillon müsse ein Glück
verlautbaren: etwa des große Loos -- die Ankunft des Königs -- oder
einen Ehrenaufzug und dergleichen. Daß eine Hiobspost mit solch
fröhlichem Gebläse kommen könne, das hätte ich nimmer gedacht. So
erinnere ich mich, daß, als ich, ein junger Offizier damals, in B--
stand, hatten wir eine Schlittenfahrt =en Masque= mit solchem Vorklang.
Der Zug war originell genug, und wir fuhren, so zu sagen, mit Furcht und
Schrecken. Der Führer der ersten Dame, ein allerliebstes Mädchen, schön
wie das Leben, war der Tod! --«
»Major!« sagte der Administrator in sichtlicher Pein, »nochmals bitte
ich Sie, sagen Sie mir ohne Bild, ohne Masque, Wessen Tod ich erfahren
soll? -- Mein Bruder --«
Es wäre nicht genau zu bestimmen, ob der alte Feldmeister hierbei
nickte, oder nur das Haupt senkte, da er alle Allegorien fallen
ließ, und einfach sagte: »ja, wozu die vorbereitende Folter und ihren
ausdehnenden Grad? Sie sind ein Mann. Ihr Bruder -- ist nicht mehr, und
nur an den Ort seiner Bestimmung gelangt, um auf das Schleunigste zu
sterben. --«
Alles Blut wich aus den Wangen des Administrators. »Großer Gott! mein
guter Constanz!« rief er mit blassen Lippen, und fühlte in diesem
herzandringenden Moment, daß Eines Vaters Blut in ihren Adern flösse.
»Nicht möglich! und an Sie, Major, ist die Nachricht gekommen?« Es war,
als ob ein leiser Zweifel in dieser Frage läge.
»An mich!« antwortete der ehrliche Alte mit dem Vollbewußtseyn eines
wahrhaften Freundes, »mein Neffe hat es mir geschrieben, da die arme
Therese sich außer Stande dazu gefühlt, und Füßli nicht Zeit gehabt hat.
_Füßli!_ der Leichtfuß vergißt zu bemerken, Wer Füßli sey, als ob mir
wie dem Allwissenden aller Menschen Namen in mein Buch geschrieben
wären.«
Der Major berührte hierauf in Kürze, wie? und wann? der Gemahl Theresens
gestorben sey.
»Ich träume wohl?« fragte sein Bruder und legte die Hand an die Stirne,
auf der noch bleiches Entsetzen schwebte, »wie aber kam der
Lieutnant Feldmeister in jene ferne Gegend, und zu einer so herben
Dienstleistung?« Es war, als ob er diese sonderbare Fügung im Namen des
Verstorbenen übel nähme.
»Sehen Sie,« erwiederte der Major, »das ist eine merkwürdige Geschichte,
und ich gäbe meine Lieblingsschmarre darum, wenn ich in meiner
Jugend Logik studirt hätte. Da könnte ich Ihnen Alles fein ordentlich
entwickeln, statt daß ich hinten anfange, vorn ein Fädchen abreiße, --
und so weiter. Der Rudolph hat ein enormes Glück gehabt, was mir bei
dieser traurigen Gelegenheit kund geworden, und mein Glaube an die Fama
der Estafette gewissermaßen doch Recht. Die Fee Fanferlüsche -- Sie
wissen schon -- hat das Zeitliche gesegnet, und ihn zum Universalerben
eingesetzt. Das hätte der Junge wohl nicht gedacht, daß, als er die alte
Dame Wischiwaschi aus einer lächerlichen Verlegenheit empor riß, und
sie vor aller Welt Augen in den Ballstuhl setzte, sie ihn dafür für
zeitlebens jeder ernsthaften Verlegenheit überheben, und so weich
setzen würde? -- Man schätzt ihren Nachlaß auf hunderttausend Thaler.
Gleichzeitig mit diesem Vermächtniß erfährt er, versetzt zu seyn, worauf
er, wie Sie Sich vielleicht erinnern, angetragen, um nicht für einen
Erbschleicher zu gelten. So spielt der Zufall. Daß der Rudolph grade an
den Ort kommen mußte, wohin Ihr Bruder, begleitet von der lieben Frau,
seiner gesandschaftlichen Ordre folgte, scheint mir jedoch nicht von
Ohngefähr. Taugt nichts! rief ich unwillkürlich aus, wie ich das las.
Nun verursacht großes Glück auch im besten Falle eine kleine Narrheit.
Und wie der Ritter Don Quixote ein Barbierbecken für Mambrins Helm
hielt, so sieht nun Rudolph einen Damenschuh in Allem, was ihm begegnet.
Ich glaube, würde die Armee auf Kriegsfuß gesetzt, er sähe sie auf
Pantoffeln von Silbermoor marschiren. Der Pantoffelheld! Der! --«
Der Administrator empfand schmerzlich, daß des alten Freundes
theilnehmendes Interesse an den gemeinsamen wichtigen Mittheilungen
diesmal zu _silbern_ sey, um mit dem seinigen in Einklang zu stehen. In
diesen Augenblicken schien ihm kein todtes Metall beglückend. Er hatte
nur Gefühl für den Verlust eines so kräftigen jungen Lebens, welches der
Welt und ihren Freuden so im Umsehen entrissen worden war.
»Ich kann es noch nicht fassen --« schob der Administrator in die Pause
jenes Ausrufs ein, und sein Ton ließ errathen, daß er von der Rede des
Freundes wenig oder nichts gehört, und während ihrer Dauer nur an den
Verstorbenen gedacht hätte. Er sah jetzt auf, in seinem erloschenen
Blicke entglomm ein Funke -- und so fragte er: »Sie meinen also, Major,
daß Ihr Neffe in Verabredung mit Theresen dort eingetroffen wäre? --«
Der Schatten, der in diesem Gedanken auf die Abwesende fiel,
verfinsterte sein Gesicht tief. Aber mit dem Eifer der Selbstentrüstung
trat der Major vor ihn hin, und sprach: »da sey Gott für! daß ich so
etwas nur gedacht, geschweige denn geäußert hätte. Oder es müßte
eine Verabredung der höheren Mächte darunter verstanden seyn, die
vorausgesehen, daß Ihr Bruder sterben, und Therese fremd und verlassen
allda, einen Freund brauchen würde, der wie mein braver Artillerist für
sie durchs Feuer liefe. -- Besinnt Euch Freundchen! es wäre ja nicht
einmal möglich gewesen; denn mein Neffe ward früher versetzt, als der
Legationsrath seine Frau von hier abholte. -- Hätten Sie Acht gegeben,
was ich gesagt: so würden Sie jetzt hören, wo ich hinaus gewollt -- mein
Schwadroniren hat mich jedoch zu weit abwärts geführt. -- Da geht der
Rudolph eines Tages über den Markt, und stößt auf einen Menschen, der
einen Schuh trägt. Jener erkennt ihn -- den Schuh nämlich -- an der
Farbe, an dem kleinen polnischen Maße; er kennt die Dame, der er gehört.
Nun läuft gleichsam dieser niedliche Wegweiser vor ihm her, und führt
ihn vor die rechte Schmiede. So ists, Freundchen. Und daß mein Neffe
nun der armen Therese beisteht, so viel er kann, ist nicht mehr als
billig. --«
Dies Letztere sagte der Major in dem Tone löblichen Gutachtens, und
mit persönlichem Accent -- als ob der Lieutnant nur bewogen von
der Rücksicht, in welchem Verhältniß sein Oheim zu der Familie des
Hingeschiedenen stände -- sich der jungen Frau angenommen. Dennoch
konnte der Administrator ein Lächeln, so bitter als traurig, nicht
unterdrücken, als er sagte: »es wäre dessenungeachtet sehr möglich, daß
mein seliger Bruder so wie die Welt, welche er verlassen, etwas gegen
diesen Curator einzuwenden hätte. --«
Der Major zog die Braunen zusammen, und klemmte die Unterlippe ein. Er
fühlte wohl, daß sein Freund recht hatte; wie hätte er aber das kleine
Unrecht, was in dieser Erwiederung gegen ihn selbst lag, nicht lieber
männlich verbeißen als rügen, und mit der Gereiztheit eines Betrübten
Geduld haben mögen? Er antwortete demnach langmüthig: »das hat der
Rudolph auch bedacht, und deshalb dafür gesorgt, daß Therese den Gasthof
verließe. Sie hält sich jetzt höchst wahrscheinlich auf dem Gute
der Baroninn Lenau, einer Schwester seiner Mutter auf. Dies war die
Intention meines Neffen, als er den Brief an mich geschrieben. Doch
die Hauptsache darin hätte ich beinahe vergessen. Therese läßt Sie
flehentlichst bitten, wenn es irgend möglich wäre, hinzukommen. Sie
wüßte sich nicht Rath und es gäbe Manches zu ordnen, was nur den
nächsten Verwandten zustände. --«
Herr Prälat sah schweigend vor sich hin. Die Forderung dieser weiten
Reise von solch traurigem Anlaß, geschah zu einer Zeit, die dem
Entschlusse günstig war. Sein Herz war erschüttert, und nicht von der
Seite allein, wo der plötzliche Schlag der eben vernommenen Nachricht
es bestürzte. Die Zukunft schwebte im Ungewissen -- und es war, als wäre
der Bestand aller bisherigen Verhältnisse aufgelöst. Dann konnte Sylvius
ihn jetzt vertreten. Wer wüßte, ob er jemals eine so lange Abwesenheit
ohne Zeitverlust für sein Amt ermöglichen könnte? -- Und wie er auf
der Wage der Gedanken alles Schwierige der fraglichen Reise erwog, und
dachte, ob er sich auch stark genug dazu fände, die kalten Geschäfte
des Verstorbenen zu besorgen, und ein warmes Bad hysterischer Thränen
hinzunehmen, die Therese etwa vergießen mögte, -- fühlte er mit einem
nervösen Schauer, daß ein Leben von so verhängnißvollem Gewicht, und
in ewiger Pendel-Schwingung wie das seines Bruders, den Todten so früh
hinab ziehen müssen. In Folge dieser Betrachtungen sagte er: »seine
Rastlosigkeit -- glauben Sie es! hat den armen Constanz aufgerieben.«
»Das sag' ich auch!« sprach der Major, »man bekam Schwindel, vom Hören
bloß. Er flog ja, wie auf Fausts Mantel --« der Hund knurrte -- »still
da! Dich meine ich nicht, mein Alterchen -- von einem Ende der Welt zum
andern. Wären wir vom Schöpfer dazu geschaffen: dann hätte er uns Flügel
gegeben wie der Schwalbe, oder uns luftig gemacht wie den Wind. So
aber sind wir Wesen mit Fleisch und Bein, und ein standhafter Prinz ist
Derjenige, der in der Tragödie dieses Erdenlebens am würdigsten aushält.
-- Wir schreiten bedächtig einher, oder fahren gemächlich mit Vieren. --
In der Schrift steht, der Herr habe nicht Gefallen an Jemandes Beinen,
noch an der Stärke des Rosses. -- Oft habe ich über diese Stelle
nachgedacht. Wenn ich die Gicht in meinem Bein spürte, da empfand ich,
daß der gütige Gott und Heiland kein Wohlgefallen daran haben könnte.«
»Und jetzt,« sprach der Administrator, der nur wie im Dunkeln der
Gedankenreihe seines alten Freundes gefolgt war, »wo er endlich festen
Fuß gefaßt haben würde, mußte mein guter Bruder sterben!«
»Ebendeswegen!« erwiederte der Major mit verstärkter Stimme,
»ebendeswegen starb er. Gebt Euch zufrieden, Freundchen! -- Mit aller
Hochachtung gegen den Legationsrath gesprochen; aber ein Mann der Ruhe
war er nicht, und so machte er sich mit der Schnellpost des Todes davon.
Vielleicht war dies der klügste Streich des Diplomaten, und jedenfalls
besser als ein späterer Rückzug aus dem neuen Hausstaate. Er mogte
die alte Urkunde der Liebe hervorgesucht und manchen Buchstaben darin
verlöscht gefunden haben. Zum Ehestande dieser seßhaften Charge paßte er
nur so wie der Vogel, der sich im Fluge vermählt, sein Weibchen dann in
irgend einem Neste sitzen läßt, wo dann der Teufel nicht selten ein Ei
in die Wirthschaft legt.« --
Hier trat Frau Fabia ein, und bei dem Anblick der frommen Domina des
weltlichen Klosterhauses erstarb das böse Princip dem alten Feldmeister
auf der soldatischen Zunge. Er grüßte, schlüpfte zur Thür hinaus, durch
ein unverständliches Murmeln andeutend, er wolle den bewußten Brief
holen -- und Herr Prälat sah sich mit seiner Schwägerin allein. Er hatte
den Wagen nicht kommen gehört, ihre Ankunft schien ihm ersehnt, obzwar
sie allein kam. Auch entsprach Fabiens Gesicht der Empfindung, welche
sie aufnahm. Der strenge Charakter desselben war einem Ausdruck von
Schwermuth und Erleichterung gewichen, der sich wechselseitig aufhob,
und ein sanftes Ineinanderfließen von Klarheit und Trübsinn über ihre
Züge verbreitete, was Zutrauen einflößte, sie werde eine schmerzliche
Erfahrung eben so wohl zu theilen fähig seyn, als zu beurtheilen wissen.
»Es ist mir lieb, Fabia, daß Du nun da bist!« sagte der Administrator
ihr entgegen tretend; aber sein Gruß klang traurig. »Denke nur, mein
guter Bruder ist todt! und Therese ist nun eine Wittwe, wie Du!«
Frau Fabia erschrak. Alles, was dieser Nachmittag für sie enthalten,
trat vor der Bedeutendheit dieser Worte in den Schatten; aber ein leises
Streiflicht zuckte auf ihren Lippen -- der Geist der Wahrsagung erschien
darin, und ein Gedankenblitz des Vergleichs: Therese werde nimmer seyn
wie sie.
»Um Gott! was Du sagst, mein Bruder!« antwortete Fabia, »und wäre diese
Nachricht mehr als ein Gerücht?«
»Diese Nachricht,« erwiederte Jener mit abgeschlossener Gewißheit in
Blick und Ton, »ist diesen Abend durch eine Estafette an den Major
gekommen. Constanz ist in der Nacht seiner Ankunft in -- an der Bräune
gestorben, und -- also erstickt!« Dies Letztere setzte der Administrator
mit erstickter Stimme hinzu. Das Wasser schoß ihm in die Augen, und
vor Fabiens Theilnahme, welche sich _mütterlich_ zu äußern pflegte,
das heißt: ob auch zartsinnig, doch überlegen -- schämte er sich der
brüderlichen Thräne nicht.
»Denke Dir das nicht gar so schwarz --« sagte Fabia leidsam, und
bemühte sich, obgleich unverhehlt der eigenen Rührung, ihren Schwager
zu trösten. Sie machte dabei zu Gunsten einer dunklen Stunde eine Kraft
geltend, welche gewiß zu den schätzbarsten dieser oft verkannten Frau
gehörte. Fabia besaß die Gabe eines wunderbar wirkenden Zuspruchs.
Vermöge solcher Erfahrungen, die, indem sie das Leben trüben, den
Blick des Geistes schärfen, war ihr eine tiefere Einsicht in die Herzen
vergönnt, als diese sonst selten gefunden werden dürfte, wo es an
Weltkenntniß fehlt, die Fabia nicht erwerben können. -- Zuweilen sogar
sprach etwas Sibyllinisches aus ihr. Um ihrer Zuverlässigkeit willen
glaubte man an sie. Und da Fabia es für eine Pflichterfüllung ihrer
Religion hielt, sich der Betrübten anzunehmen: so versäumte sie
keine Gelegenheit es zu thun; in ihrem Benehmen lag alsdann eine
schmerzvergütende Innigkeit, deren sie gänzlich ermangelte, wo es darauf
ankam, sich mit den Fröhlichen zu freuen. Gegen den Gottesdienst der
Freude war Fabia stumpf. Und da sie im Geiste der Zerknirschung
den Spruch vor Augen hatte: »ein zerschlagenes Herz wird Gott nicht
verachten« --: so war ihr nichts von größerem Werth, sich linden und
lieblichen Wesens daran zu beweisen, als -- eine Wunde. So ging ihr des
Schwagers Leid sehr nahe, und zwar um so näher, als sie bedachte, er
traure jetzt in gleichem Grade wie um ihren Mann. Und obgleich der
verstorbene Bruder desselben ihr ein Fremder gewesen: so empfand doch
auch sie seinen Tod in einem Nachgefühl ihrer eigenen Verwittwung.
»Mein Herr und Heiland! was ist doch das Leben!« sagte nun Fabia
beschaulicher Weise, als der Affect des Schmerzes besprochen schien,
»hier stand er noch vor wenig Wochen -- ich sehe ihn leiblich vor mir
stehen. Ich habe es Dir nicht sagen mögen und Keinem; aber der Bruder
kam mir übel vor. Es giebt einen gewissen Verfall des Aussehens, der
doch selten trügt; indeß wähnte ich, er wäre nur angegriffen von den
Strapatzen seiner Reisen, auch habe ich ihn früher nicht gekannt. Glaube
nur, Bester! das Zusammenleben mit Therese hätte nicht mehr gut gethan.
Sie waren einander entwöhnt, wo nicht gar fremd geworden. Und was ist
denn die Ehe, wenn sie Jahre zuläßt, in denen man vergnügt ohne einander
seyn kann, und nach dem Lebewohl vom Munde des Gatten nun wirklich
wohllebt? der Ehe Bund ist so enge, daß er alles Fremdartige
ausschließt, und wo Mann und Weib einander _viel_ zu erzählen haben: da
fühlt gewiß Eins für's Andre _wenig_.«
»Du gehst zu weit, Fabia --« entgegnete der Administrator, »Tausende von
Ehegatten werden durch Pflicht und Verhältniß getrennt, und lieben sich
dennoch.«
Darauf sprach Frau Fabia: »es mag eine Liebe geben, die in der Trennung
sogar besser besteht; aber es ist nicht die, welche ich meine. -- Was
nun Theresen anbetrifft: so dürfte ihr ehelich Gefühl schwerlich unter
den ersteren Fall zu rechnen seyn. Wer weiß, wie sehr wir Ursach hätten,
für diese Auflösung den Herrn zu preisen! -- Du weißt ja selbst, wie
verbitternd Scheidungen anderer Art --« der Faden ihrer Rede riß bei
dieser geschwisterlichen Beziehung ab, und der Administrator schaute
düster wie in eine Ferne, der Zukunft oder der Vergangenheit.
»Was soll nun aus Theresen werden?« fragte Fabia, und wendete die
Richtung ihrer Gedanken, »ohne Vermögen, ohne einen Halt, der Lust am
Fleiß, wie jeder Geschicklichkeit ermangelnd, die da Nutzen schafft --«
Der Administrator lächelte dieser unnützen Sorge. »Ich glaube, gute
Fabia,« sagte er mit jener Ironie der Duldsamkeit, die nur ganz schwach
eine Schwäche andeutet, »_wir_ dürfen deßhalb unbekümmert seyn. Das
Glück selbst scheint sich ihrer angenommen zu haben, und Wen dies sich
zu eigen macht, der braucht nichts als ein paar Flügel des Leichtsinns,
und diese hat Therese schon.« Und nun erzählte er seiner Schwägerinn
halblaut, was er vom Major erfahren. Er schloß mit den Worten: »so läßt
sich nun absehen, wie Alles kommen werde. Wenn es nun ein schöner
Zug von Dir ist, liebe Fabia, daß Du das Unglück achtest, und Dem
vorzugsweise freundlich bist, Den -- um in Deiner Sprache zu reden --
_der Herr_ _heim sucht_: so laß uns Theresen mindestens nicht zürnen,
daß sie verdienstlos eine Begünstigte scheint; daß noch vor dem Verlust
der Ersatz schon Wurzel gefaßt, wie ein neuer Kinderzahn schon glänzend
dasteht, ehe der erste fast schmerzlos gebrochen. -- Auch das Glück
kommt von Gott, und wir schmähen den Geber, wenn wir vom Glücklichen
nicht glimpflich denken.«
Mit einem bekränkten Lächeln antwortete Fabia: »o! ich will ihr alles
Gute gönnen und wünschen. Der Allwissende sieht ins Innerste, und weiß
allein, ob wir treu erfunden werden oder nicht. Daß ich mich fortan auch
der leisesten Verurtheilung enthalte: das ist gelobt. Ach mein Bruder!
welch ein erfahrungsreicher Tag der heutige! seit gestern Abend ist mein
Herz nicht aus der Presse gekommen. Ich war in Bühle -- Du weißt es.
Frankensterns sind da, und die Gräfinn hatte mir geschrieben. Sie ist
unschuldig -- und sehr unglücklich. Eine Centnerlast ist von meiner
Seele gewälzt; aber ich könnte doch nicht sagen, daß mir leicht zu Muthe
wäre; denn der Vorwurf, wie Unrecht ihr geschehen, wenn auch in Gedanken
nur, drückt mich nieder.« Und nun erzählte auch Fabia ihrem Schwager,
wie sie die Gräfinn und ihren Vater angetroffen, und wie Albane sich
erklärt, hinsichtlich jenes empörenden Verdachts. Sie endete ihren
Bericht mit den Worten: »und so hat denn mein Mann um ein Nichtiges sein
Leben verkürzt, und das meine mir verkümmert!«
»Sieh, Fabia!« sagte der Administrator nach einer ernsten Pause, »hätten
wir _die göttliche Kraft, einem Menschen zu vertrauen_: dann wäre
uns das nagende Gefühl bitterer und fruchtloser Reue erspart, und wir
hielten uns an etwas Besseres, als an Beweise. Unsere Sinne sind falsche
Zeugen -- nur das Herz spricht wahr, in dem Glauben an das ewig Gute.«
Ein Gedenken an Sylvius, an das, was in seinen eigensten Angelegenheiten
ihm einst das Licht dieser Ueberzeugung verdunkelt -- schwebte
schattenähnlich vor ihm auf. »Und Josephine?« fragte er mit verhaltener
Stimme.
»Sie grüßt Dich -- grüßt Dich tausendmal!« antwortete Fabia. »Sie wird
für einige Zeit in Bühle bleiben?« fragte der Administrator abermals,
und ein Gefühl, gemischt aus Wunsch und Zweifel, ließ ihn seiner
Schwägerinn diese Antwort in den Mund legen. Aber Fabia sagte nicht ja,
nicht nein. Sie legte die Hand an die Stirne, und sprach: »was wird nun
Romana dazu sagen? Seine Frau ist ihm so nahe -- und er hat es keinen
Gewinn; die Tochter ist ihm entrückt, und er muß es geschehen lassen.
Und wenn Albane Josephine nicht mehr von sich ließe: wer könnte es
hindern? es ist einmal Ihr Kind!«
»Wer es hindern könnte?« entgegnete Herr Prälat lebhaft und mit Wärme:
»_Du_, Fabia! unbeschadet des mütterlichen Vorrechts ist Josephine auch
Dein, durch die treue Mühe der Erziehung. Du hättest, dünkt mich, auch
ein Wort dagegen zu sagen, daß das arme Mädchen in jener unheimlichen
Umgebung verkommen sollte. Josephine ist an uns gewöhnt -- es wäre auch
hart für den armen Sylvius, wenn er ihre Nähe -- dies einzige Glück, was
er ohne Vorwurf genießt -- einbüßen sollte.«
»Wirst Du mit ihm sprechen?« fragte Fabia mit kranker, krampfhafter
Stimme, »mein Kopf glüht und hämmert; ich werde nun gehen, und mir einen
Umschlag von Kräuteressig geben lassen.«
Noch eine kleine Weile hielt ihr Schwager sie zurück und berieth, auf
welche gleichlautende Weise diese unverweigerliche Mittheilung an den
Freund beschränkt werden könnte und müßte. Dann eröffnete er ihr
den Entschluß zur Reise, was der nöthigen Gestalten wegen auch nicht
geeignet war, Fabiens tobenden Kopfschmerz zu beschwichtigen. Es giebt
jedoch einen Zustand des Leibes und der Seele, der die Welt in Trümmer
brechen sieht, ohne etwas mehr als aus Schwäche zu wanken. Mit diesem
wankenden Schritte entfernte sich Fabia, und Herr Prälat mogte seinem
Freunde die Ruhe der kommenden Nacht nicht stören. Ihm selbst kam und
verging sie schlaflos. Als aber der Morgen frühlingshell und heilig
erwachte, da ging aus dem Chaos seiner Gedanken ein neues Licht hervor,
und der Gott in seinem Busen ordnete die finstern Kräfte. --
Nachdem der Administrator nun den Brief an den Major gelesen, und sich
gleichsam mit eigenen Augen von dem Geschehenen überzeugt hatte, sah er
die darin enthaltenen Umstände wie mit andern an. Gesammelten Geistes
hatte er eine lange Unterredung mit Sylvius, und betrieb dann seine
Abreise, die in der Frühe des nächsten Tages statt haben sollte.
Die Offiziere in Corpore kamen, um dem Administrator ihr Beileid bei dem
Hintritt seines Bruders zu bezeugen; auch die Nonne, die Repräsentantinn
der schlafen gegangenen Geistlichkeit des Stiftes, fehlte nicht,
seinem Verweser ein Wort des Antheils und der Herzlichkeit über den
Entschlafenen zu sagen. Sie äußerte sich dabei in der ihr eigenthümlich
milden Gelassenheit, die auf der Höhe des Alters und eines erhobenen
Charakters mit Ruhe dem Wechsel des Lebens zusieht. -- Veronica sprach:
»besinnen Sie Sich einmal, Frau Fabia! sagte ich es nicht immer, daß die
arme Therese noch nicht überhin wäre? solch glücklicher Leichtsinn ist
oftmals zu großer Beschwerde bestimmt, und wer immer lustig und lässig
seyn will, muß sich endlich durcharbeiten. Das Leben fordert Ernst, und
selbst das Glück ist gewichtig und trägt sich schwer, wie vielmehr das
Unglück! -- Jener berühmte Maler aus Modena, derselbe, der die heilige
Nacht gemalt hat, o wunderschöne! trug sich an einem Geldsack todt.
Wollte man Therese anspannen, fleißig zu seyn, so käme es mir vor,
als sähe ich einen Schmetterling an einer dräthernen Kette sein
Futternäpfchen ziehen, wie man Vögel abzurichten pflegt. Ich gönnte es
ihr, daß sie sich von Blumen nährte.«
Ein wenig Wermuth bitterte auf Fabiens Lippen, da sie antwortete:
»wenn ich die Schwägerinn so eitlem Treiben hingegeben sah, so gänzlich
unbekümmert um das Eine, was Noth ist, dann dachte ich wohl an jene
Stelle in den Psalmen, die da heißt: es wird ein grausamer Engel über
Dich kommen --«
»Das ist denn der Gasthof zum Engel für die Aermste gewesen --«
entgegnete die Nonne mit einem stillen Seufzer. Die beiden Prophetinnen
theilten sich flüsternd mit, was sie von der Zukunft der jungen Wittwe
dächten. Veronicas Schauen war ein gläubiges im Geist der Liebe, die
allen Menschen Gutes wünscht, und das Beste gönnt. Und weil das Versagte
uns das Höchste scheint, und die Reinheit des Ideals uns für den
Nichtbesitz entschädigt: so that sich der Himmel vor ihr auf, der Himmel
auf Erden, als wofür sie eine Ehe hielt, aus gegenseitiger Neigung
geschlossen.
Der Fernblick der Frau Fabia hatte die Erfahrung für sich. Indem sie
wußte, daß eine Frau auch Tugend und Treue bedürfe, um ihren Mann auf
die Dauer zu fesseln, setzte sie das Glück in den Selbstgenuß eines
reinen Bewußtseyns, und Theresen deshalb in den Fall mancher trüben
Stunde, die sich von vergangenen Tagen herleite.
Frau Fabia mag auf ihre Weise Recht haben. Aber eben so gewiß ist es,
daß jenes schöpferische Genie des Glückes, daraus die Poesie des Lebens,
ja, das Leben selbst hervorgeht -- in etwas Unbewußtem besteht, und daß
die Erfüllung unserer Pflichten nicht hinreicht, uns selig zu machen,
hier und dort. --
Unter den Pensionairen des Klosterhauses von Sanct Capella hatte
nur Einer keine Notiz von dem traurigen Ereigniß genommen: Hauptmann
Moorhausen, und der Administrator, trotz seiner Zerstreuung, ihn doch
vermißt, da der gutmüthige Fabulist einer wahrhaften Theilnahme an
Allem, was diese Familie betraf, sonst nie zu ermangeln pflegte.
Gegen den Abend -- Sylvius de Romana war von einem einsamen Spaziergange
in die Wildniß des Waldes noch nicht zurück -- Frau Fabia für ihren
Schwager mit Einpacken beschäftiget, und Herr Prälat allein in seinem
Zimmer, um einiges Nöthige für seine Abwesenheit zu besorgen; da trat
der Hauptmann bei ihm ein.