die sie gegen Fabia wissend war, und mit einem erkenntlichen Seufzer
glitt ihr Blick, zufällig vielleicht -- auf einen Ring von großem Werth
an ihrem Finger. Fabia fing diesen Blick im Brennpunkt ihrer Seele auf.
-- Sie sprach, und jede Fiber zitterte an ihrem Körper: »ich will nicht
fürchten, Gräfinn, daß Sie mir ein Geschenk zudenken! -- Die Sucht zu
glänzen war nie mein Fehler, nie die zufriedene Eitelkeit sogar, daß
mein Thun Werth vor Gott hätte. Einer Wittwe ziemt es vollends nicht, zu
brilliren, und die da einsam ist, sorge nur, daß sie dem Herrn gefalle.
Der Frau, welcher die Brust des Mannes fehlt, zu ihrem Schilde vor den
Pfeilen der Welt, steht nichts besser an, als ein Flor der Trauer und
Zurückgezogenheit, der sie gleichsam unsichtbar mache unter Denen, die
nach dem Schein urtheilen, und spitzfindig einen Stein des Anstoßes
sehen, wo nichts zu sehen ist. -- Darum will ich ihn nicht tragen,
und wenn er alle Schätze der Erde aufwöge! ist mir das Herz doch schon
beschwert genug. O Gräfinn! diese Edelsteine hier haben meinen guten
Mann in das Grab gedrückt und mir viel tausend, tausend Thränen
gekostet!«
Der Gräfinn Gesicht erbleichte zu Schnee, eine ängstliche Verwirrung
sprach aus ihrer Miene. Sie richtete das Auge, voll eines sanften
Lichtes, forschend auf Fabien, als wolle sie ihre dunkle Rede
beleuchten. Ein krampfhaft leises Zucken regte sich nur auf
ihren Lippen, als ob ihr die Kraft gebräche zu einer Frage, deren
anschuldigende Beantwortung ihr das Herz brechen müßte.
Es lag etwas Versöhnendes in diesem stummen Hinnehmen. Gemildert sprach
Fabia: »Sie wissen wahrscheinlich, daß ihr Herr Vater meinem seligen
Manne den Tag vor ihrer Abreise von Bonna, eine Chatoulle in Verwahrung
gegeben, darin dieser Familienschmuck befindlich seyn sollte. Den
Schlüssel dazu hatten wir nicht bekommen. Mein guter Mann ward gleich
darauf so krank, daß ich fürchtete, das Grab werde sich ihm zunächst
öffnen. Doch er genas. Nach Jahren, in denen er sich, peinlich wie
dieser Redliche nun war, mit Zweifeln getragen, die ich jetzt für eine
Ahnung halten mögte, gab uns der Zufall den Aufschluß in die Hände. Wir
fanden in dem Kästchen nichts von Schmuck, nur eine todte Perle --: den
Leichnam eines Kindes, und ein blutbeflecktes Messer.« Hier hielt Frau
Fabia mit einem durchbohrenden Blicke bedeutsam inne.
Aber nicht die Farbe der Blutschuld zeigte sich auf den Wangen der
Gräfinn, nur jener zarte unschuldige Anflug, den ein schneidender
Wind etwa in dem Kelch der weißen Rose entblößt. Sie lächelte kalt und
sprach: »so hielten Sie vermuthlich davor, daß ein Zusammenhang zwischen
beiden Dingen statt fände, der -- mich schaudert, es auszudenken. Wohl
war jenes Kindlein das meine, ein zu früh Gebornes. Ich versündigte mich
durch den Wunsch, es der Erde vorenthalten zu können -- o! wie bestraft
sich doch jeder Gedanke räuberisch gegen die Natur! -- Der Arzt,
vielleicht weniger aus Mitleid mit meinem mütterlichen Schmerz, als
aus Leidenschaft für jedes Präparat, schlug mir vor, den Körper
meines Kindes zu balsamiren, so könnte ich ihn in einem kühlen Gewölbe
aufbewahren. Es geschah -- ich legte das kleine Vergißmeinnicht, was der
Tod mir vom Herzen gepflückt, in jenes sargähnliche Kästchen; darin ist
es vertrocknet. Mit jenem Messer aber hat der Arzt, der nämliche, meiner
theuren Mutter die kranke Brust abgelöst.«
Frau Fabia fühlte bei diesen erklärenden Worten einen Schnitt durch ihr
tiefstes Innere. Nach einer verstummenden Pause sagte sie: »doch werden
Sie zugeben, daß jenes Depot geeignet war, einen Geschäftsmann stutzig
zu machen; zumal wenn er wie mein Seliger, von einem unseligen Mißtrauen
heimgesucht, jeder Sache die schlimmste Seite absah.«
Die Gräfinn sah still vor sich nieder, und antwortete eine lange Weile
nicht. Dann sprach sie: »ach ich verzeihe Ihnen -- Wen man schwach
gesehn, hält man gar bald eines Verbrechens fähig.«
»Gräfinn --« stammelte die Wittwe, »ich habe viel gelitten, dieser
Geschichte wegen.«
»So wäre ich denn noch auf andere Art als ich meinte, in unabtragbarer
Schuld gegen Sie!« erwiederte die Gräfinn mit dem herben Lächeln der
Kränkung. Fabien stiegen Thränen in die Augen. Das Taschentuch entfiel
ihr -- die Gräfinn beugte sich es aufzuheben, und die Schlüssel an ihrem
Gürtel erklirrten silberhell und leise. Und wie geringfügig diese
kleine Dienstleistung auch war, so verlieh ihr doch die augenblickliche
Stellung gegen die Beleidigerinn etwas Hohes.
Wie von diesem erklingelnden Laut erinnert, sonderte Albane nicht ohne
Schwierigkeit einen kleinen Schlüssel von der Mehrzahl Derer, die der
Ringhaken an ihrem Gürtel umfaßt hielt, bis es ihr gelang, ihn davon
los zu machen; und sprach: »hätte ich diesen Schlüssel wohl so nahe
an meinem Herzen tragen können, wenn dieses Herz noch ein strafbareres
Geheimniß umschlösse, als dessen Mitwisserinn Sie sind? und wenn ich
gewußt, welchen Kummer Sie deshalb trügen? -- Nehmen Sie ihn denn hin
mit der Versicherung, daß ich unschuldig an Ihrem Gram, und Ihnen ewig,
ewig! dankbar bin! -- Nein, gute Fabia! fürchten Sie keinen andern Lohn
als dieses Wort, was bethätigen zu können, meine beste Hoffnung wäre.
Ein Edelstein, und wäre es auch der erste Solitair der Welt -- bezahlt
weder Liebe noch Leiden. -- Mit diesem Schmucke belade ich mich nur, um
meinem Vater eine Freude zu machen. Wehe mir! o es ist schrecklich, wenn
der Vater zum Kinde wird, und die Tochter zur Mutter! --«
»Wissen Sie schon,« sagte Fabia, durch eine sehr natürliche Association
der Ideen zu dieser Mittheilung gelenkt, indem sie ihre Thränen
trocknete, »daß Herr de Romana, Sylvius bei uns genannt -- sich in Sanct
Capella aufhält? Er ist der intimste Freund meines Schwagers.«
Bei dieser Nachricht ging eine Wandlung in den Zügen der Gräfinn vor.
»Um Gotteswillen!« sprach sie mit aller Dringlichkeit befürchtender
Angst, »verhindern Sie, daß er hierher kommt! ich weiß nicht, ob ich es
aushielte. Das geringe Maß meiner noch übrigen Kräfte reicht kaum zur
Erfüllung der traurigen Pflicht, die ich meinem Vater schulde. Jenes
Band ist gelöst. Wozu sollte er mich auch beunruhigen wollen? Für ihn
bin ich todt. -- Ich, _ich_ selbst habe es gehört, wie er, ein jüngeres
schönes Weib umfangend, davon sprach, daß eine gestorbene Liebe in
ihrem Grabe bleiben müsse. -- So sey es denn! und nimmer will ich ihn
wiedersehen.«
Und indem die Gräfinn so sprach, schwand ein Schatten jener Scene, deren
flüchtige Zeuginn sie gewesen, über ihr Gesicht. -- Eine Eifersucht
höherer Art offenbart sich nur im Verschwinden der verdunkelten
Erscheinung.
»Wenn ich nur kann, liebe Gräfinn!« antwortete Fabia in Bezug auf das
von ihr erflehte Verhindern, »wenn ich nur kann! -- Aber wird Sylvius --
oder Romana -- nicht nach Josephinen fragen? und ist das Recht dazu ihm
irgend verweigerlich?«
»Josephine bleibt einstweilen hier,« entschied die Gräfinn, ohne sich
auf eine nähere Bestimmung über diesen Punkt einzulassen, »auf Sie aber,
liebe Fabia, verlasse ich mich, daß Sie den Vater derselben mir entfernt
halten.«
Frau Fabia versprach dies mit größerer Willfährigkeit als sie vielleicht
früher gezeigt haben würde, eine Zusammenkunft der Liebenden zu
ermitteln. Sie hielt den Schlüssel zur Chatoulle fest empor und sprach:
»könnte ich nun -- nicht den kleinen Sarg, der ist auch versenkt --
nein! den großen Sarg meines Mannes damit öffnen und ihm sagen, wie
so ruhig er hätte seyn können bei Lebzeiten, und daß er sich und mich
unnütz abgequält. Ach! er würde so wenig auf mich hören als sonst.«
»Ja, die Todten schlafen tief --« sagte Albane mit verstörtem Lächeln.
Das Bedürfniß dieser unaufregbaren Ruhe sprach eben jetzt lauter als
jemals in ihr an.
Als die Frauen ihre geheime Unterredung hiermit beendigten, und
wieder in das Zimmer traten, fanden sie den Grafen auf dem Canapee an
Josephinens Seite, und in emsigem Gespräch mit ihr, welches anziehend
seyn mußte, denn die Augen des alten Herrn hingen innig an dem lieben
Kinde, und jener crasse Ausdruck geistiger Verworrenheit, welche seine
schlaffen Gesichtszüge charakterisirte, und unter jedem Härchen des
greisen Bartes hervorstach -- war dem klaren Durchblick des Gefühls
gewichen, womit die anmuthige Nähe eines Wesens auf ihn wirkte, was ihn
so nahe anging.
Wir überlassen diese kleine Gesellschaft des Weiteren sich selbst, und
eilen der späten Rückkehr Fabiens nach dem Stifte zuvor.
Zeitiger als er vermuthet worden, und ziemlich mißvergnügt, kam der
Administrator mit seinem Freunde nach Sanct Capella zurück. Der Zweck
dieser kleinen Reise war unerreicht geblieben, auf der ihnen einige
Fatalitäten zugestoßen, und dies war es wohl nicht allein, was ihn
verstimmte. Jenes geheimnißvolle Unbehagen, welches die Seele wie den
Körper Dessen durchschleicht, Dem ein Uebel bevorsteht, der schwüle
Schauer, der die Blitze ankündigt, die unser Herz treffen sollen, die
ganze Atmosphäre trüber Ahnung beklemmte ihn heimlich, und verdunkelte
seinem Blicke die Lieblichkeit der Natur. In solcher Stimmung gelingt
uns fast nichts. Unsere Plane vereiteln, die sicherste Berechnung
trügt -- wir finden Hindernisse bei Allem. Und von der Zukunft leise
beängstigt, wird es uns nicht deutlich, warum die gegenwärtige Minute
den gewohnten Gang unserer Weise, unserer Wünsche, also erschwere? So
wie im Gegensatz die Hoffnung ohne eine andere Gewähr als sich
selbst, zu jedem Glück verhilft, und oft unsere kühnsten Erwartungen
überflügelt.
Sylvius, der sich unpäßlich fühlte, begab sich sogleich in sein Zimmer,
um noch einen Brief von dringendem Bezug auf das mißlungene Geschäft
dieser Reise zu schreiben, und der weltliche Prälat von Sanct Capella
schritt mit bewölkter Stirn dem seinen zu. Niemand hatte ihn willkommen
geheißen -- das kam ihm seltsam vor. Etwas finster von dieser
scheinbaren Vernachlässigung fragte er eine dienende Person, die ihm
begegnete, nach Fabien, und erhielt zur Antwort, daß sie verreist wäre.
»Verreist? meine Schwägerinn?« fragte der Administrator, und hätte
nicht ungläubiger hohnlächeln können, wenn man ihm gesagt: das Stift,
in höchsteigener steinerner Figur, sey bei dem schönen Abend ein wenig
spatzieren gegangen.
Man erwarte die Frau mit jedem Augenblick zurück, setzte die
Berichterstatterin hinzu; worauf Jener flüchtig vermuthete, nur ein
wirthschaftlicher Grund von großer Erheblichkeit müsse eine so stete
Haushälterin von Ort und Stelle gerückt haben. Doch um nichts heiterer
durch diese Folgerung, trat er in die heimische Wohnung, entledigte sich
des Reisebedarfs und alsbald ward sein umherschweifender Blick von jenem
Blättchen auf seinem Schreibpult magnetisch angezogen. Er las diese
wenigen Zeilen unzähligemale, ehe er den Sinn derselben zu fassen
vermogte.
»Allmächtiger Gott!« rief er zu sich selbst, »das arme Mädchen in meiner
Abwesenheit fortzuschaffen -- gleichsam wegzustehlen! --« Ein Getümmel
aufrührischer Gedanken bestürmte ihn, und Frau Fabia, welche sich im
Laufe des verflossenen Nachmittags richterlich benommen, ahnete wohl
schwerlich, daß ihr Andenken ob jener eigenmächtigen Gewaltthat, um
wenig später vor Gericht gezogen -- wo nicht zermalmt würde. -- Aber
der kindliche Ton des kleinen Brief-Fragments entwaffnete ihn, und keine
Reihe thatsächlicher Beweise hätte ihn so vollständig überzeugen können,
wie die schulmäßige Entschuldigung der ersten Zeile: daß es nimmer ein
Wesen gegeben, so fremd jeden Egoismus, so ganz aus Liebe und Hingebung
gebildet, wie Josephine. Beitragen sollte er? Wozu? -- Er sammelte seine
ganze Kraft für diese abgebrochene Bitte. Dabei nahm er das Fädchen an
der Feder hangend wahr. Zarter sind die Fäden nicht, in denen der Sommer
in die Lüfte flattert -- doch nichts wirkt so ausnehmend fein wie
die Zuneigung zu einem persönlichen Gegenstand: und so war denn jene
Seidenfaser ein starkes Bindemittel seiner Ideen, ein Segeltau, was sein
Herz schwellen machte. »Schwester Veronica wird es wissen --« dachte der
Administrator, und eilte ohne Verzug aus dem Zimmer. Leidenschaftliche
Hast, dieses räthselhafte Dunkel aufgehellt zu sehen, trieb ihn die
öden Säle entlang, bis zur Thür der entlegenen Zelle, an welche die
Abendsonne Verklärung mahlte, so daß dieser Eingang wirklich einer
Himmelspforte glich. Hier stand er still, und Stille waltete ringsum.
Ein Gefühl, der Andacht verwandt, ließ ihn zögernd dies Altarblatt
betrachten, dahinter ein Geist wohnte, der mit dem Göttlichen vertrauten
Umgang pflog. Sein Herz, heftig klopfend vom hurtigen Gehen, vom Drange
der Erwartung, ward in dieser sanften Nähe wunderbar besänftigt. Er
richtete sich hochathmend auf, während er den gekrümmten Finger leise
und langsam an die Thür legte. Sie that sich auf. Der hereindringende
Strahl vergoldete diese anspruchlosen Wände, und warf einen Schimmer
von Glanz und Heiligkeit auf die Gestalt der Nonne, welche in frommer
Einfalt mit einem Liebeswerk beschäftiget war. Ein Myrthenbaum von
üppiger Schönheit, davon die Nonne mit wähliger Vorsicht eine Menge
Zweige abschnitt, stand vor ihr auf einem Tische und daneben lag ein
kleiner Namenszug aus altdeutschen Lettern in Perlen gereiht. Und wie
die klösterliche Jungfrau den alten schönen Kopf, um den ein Nimbus der
Gottseligkeit schwebte, an den Baum der Liebe schmiegte, der ihr nie
geblüht, der ihr nur die bittere Frucht der Entsagung bereitet: gewährte
ihr Anblick ein fast überirdisches Bild.
Wie selten hatte ein Mann diese einsame Schwelle beschritten! -- Der
aufgeregte Blick des Administrators schien den ewigen Bestand der Dinge
umher aufheben zu wollen. Kein Stäubchen dieser reinlichen Clause ruhete
noch so tief und lange, es tief empor bei seinem Eintritt, um gesellig
in der plötzlichen Erleuchtung zu schweben, und eine größere als diese
lautlose Unruhe störte nie die stete Geborgenheit dieser Wohnung, deren
Luft nur ein Odemzug des Friedens war.
»Verzeihen Sie doch ja gütigst meiner Zudringlichkeit,« sagte der
Besuchende nach ehrerbietigem Gruß, »Ihnen zu dieser Zeit vielleicht
beschwerlich zu werden.« Man findet, in abgesondertem Verhältnisse
werden die Menschen leicht eben so weitläuftig als förmlich gegen
einander, wogegen die Welt der Umgangsweise eine drängende Kürze
anschleift. Schwester Veronica ließ das Messerchen, womit sie Myrthen
schnitt, ihrer Hand entgleiten, und bezeigte eine verwunderungsvolle
Freude, den Vorstand des Hauses bei sich zu sehen, der ihr nach
herzlicher Versicherung zu jeder Zeit willkommen wäre. Zugleich bemerkte
sie still für sich, daß sein stattliches Aeußere etwas verstört sey
-- und die Stimmung der guten Nonne, seit einigen Tagen von stärkeren
Eindrücken bewegt, spannte sich für den beziehungsvollen Ton, womit er
anhob: »ich war verreist mit meinem Freunde und finde jetzt bei unserer
Rückkehr die Schwägerinn nicht daheim. Das befremdet mich. Sie hat
auch Josephine mitgenommen -- --« Der Administrator stockte. »Eine
hypochondrische Aengstlichkeit wandelte mich an -- wenn nur kein
unangenehmer Vorfall -- ich meinte nun, Sie, werthe Schwester Veronica,
würden mir des Näheren Auskunft geben können.«
»Was ich weiß, will ich ihnen sagen --« sprach die Nonne, und das
tiefsinnige Lächeln in ihren Zügen drückte eben sowohl ihre bekümmerte
Unwissenheit in dieser Sache, als eine Zuflucht der Gemüthsruhe aus, die
sie dem Frager gäbe. »Frau Fabia ist nach Bühle gefahren, mit dem
lieben Kinde. Dort ist die Gräfinn Frankenstern mit ihrem Herrn Vater
angekommen -- und trägt Verlangen, ihre gute Freundin hiesigen Orts
baldigst zu sprechen. Ein expresser Bote --«
Das Gesicht des Administrators hatte sich während dieser Nachricht
verändert. »Das ist ein großes Ereigniß!« unterbrach er die Nonne mit
gesenkter Stimme; doch nur mechanisch schien er die Sylbenlaute dieses
Wortes auszusprechen, das Muskelspiel seines Mundes schob krampfhaft der
getroffenen Wahl des Ausdrucks einen andern unter, und sagte: »das ist
ein großes Unglück!« Der Nonne ging die Ahnung auf, sie hätte ihm etwas
höchst Wichtiges mitgetheilt.
Da jedoch Niemand, am wenigsten aber ein ältliches Frauenzimmer, dem
Reiz des Bewußtseyns zu widerstehen vermag, das, was man sagen könne,
habe Werth für den, der es höre: so konnte auch Schwester Veronica nicht
umhin, den Schatz ihrer Neuigkeit in kleiner Münze auszuzählen.
Vorerst aber mußte sich der Administrator auf ihr inständiges Nöthigen
niederlassen. Er berührte kaum die Kante eines Stuhls, und saß dennoch
wie auf Nadeln. -- Schwester Veronica begann nun: »gestern Abend, da es
dämmerte -- das Schummerstündchen bringe ich gern drüben zu -- ging ich
hinüber zu den lieben Ihrigen. Es war uns Allen traurig zu Sinne: denn
Gregors kleine Julie lag im Sterben -- ich bin, wie Sie sehen daran, für
ein Todtenkränzchen zu sorgen -- die Mutter, hieß es, wäre außer sich,
und man hatte geschickt, Frau Fabia mögte kommen, und in dieser Angst
den armen Leutchen mit Rath und Zuspruch ein wenig beistehen. Sie ist,
das muß man an ihr rühmen -- von christlicher Geduld und gelassenem
Wesen --« diese Tugenden seiner Schwägerinn hätte jetzt schwerlich ein
Freund der Wahrheit dem Administrator nachsagen mögen. Er sah die Nonne
mit einem weitschauenden Blicke beschleunigender Aufmerksamkeit an, und
es däuchte ihm, seiner theilnehmenden Nächstenliebe ungeachtet, als ob
sie von einem Falle spräche, der die ersten Eltern nach Erschaffung der
Welt betroffen hätte.
»So blieb ich denn,« fuhr die geistliche Jungfrau fort, »mit Josephine
allein. Das gute Kind war aber betrübt und äußerte sonderbare Gedanken,
die ich jedoch für weiter nichts hielt, als jenen wehmüthigen Ernst, der
ein jugendlich Gemüth ergreift, wenn es den Tod in der Nähe weiß, und
gute Menschen in Schmerz und Leid um ein Liebstes und Einziges. Dann
wird der Gedanke an jede mögliche Trennung, die uns selbst bevorstehen
könnte, so natürlich. Wenn uns ein Verlust bewegt, dann scheint Alles
um uns her zu wanken, und wir umfassen, was uns vorzugsweise am Herzen
liegt, nur um so inniger. -- Also wieder auf Josephine zu kommen, so
sagte sie: wie weh es ihr thun würde, Sanct Capella zu verlassen, wo
ihr nur allein wohl wäre. Wie gern sie hier sterben mögte oder wohnen
in dieser Zelle, es ging mir nahe. Ich erwiederte ihr, daß an solch ein
Scheiden vor der Hand doch nicht zu denken sey, daß sie mein Stübchen
erben solle, mit Allem, wie es steht und liegt.«
Das Auge des Zuhörers schien dies Testament im Innersten seiner Seele
aufzunehmen. Sein Blick spähte umher, als schätzte er die lieben
Heiligen allzumal -- und der geringste Gegenstand war durch den Gebrauch
ein kleiner Heiliger geworden -- nach ihrem Nennwerthe ab, und trüge
die stummen Effecten in die Register seines Geistes ein. Dann ruhte
sein Auge auf einem umgeschlagenen Notenblatte aus, als notire er dies
Adagio, zähle die Pausen, und vergleiche den letzten hinsterbenden Ton
mit der Rede der Erblasserinn, welche mit heiterem todesvertrauten
Sinn an ihre Auflösung denken konnte. -- Ein anderer Kranz von diesem
Myrthenbaume, ein anderer Name in den Anfangsbuchstaben dieser Perlen
schwebte ihm in einer gewissen Ideenverwirrung vor. Die Wünsche des
jungen Mädchens, welche beide auf bittere Resignation deuteten, griffen
schmerzlich an sein Gefühl, und er schwieg mit einem tiefen Seufzer.
»Wie wir noch so über mein Vermächtniß sprachen,« fuhr die Nonne fort:
»kam Frau Fabia zurück. Sie trug einen Brief in ihrer Hand und begehrte
Licht, um ihn zu lesen. Und da sie ihn las -- sehen Sie um Gotteswillen!
wird uns die Frau schier ohnmächtig. Ich kann nicht leugnen, daß mir
alle Glieder zitterten. Die Frau Schwägerinn ist nicht nervenschwach,
nein! eine starkmüthige Person, häuslich erkräftiget, gesund an Leib und
Seele: so mußte ihr der Brief hart angekommen seyn. Auch jagt der Sturm
das Laub der Espe nicht geschwinder, als das Blatt in ihrer Hand flog.
Sie ging alsbald zu Bette, und ich hatte ihretwegen eine unruhige Nacht.
Am Morgen in aller Frühe wollte ich mich erkundigen, wie sie
geschlafen: das Zimmer war noch zu. Ich kam wieder und fand es
abermals verschlossen; doch vernahm ich drinnen ein leises Gespräch und
unterschied Josephinens schluchzende Stimme. Nun halte ich Einbruch kaum
so schlimm, als Eindrängen in das Geheimniß eines Andern, und habe
mich mein Lebtag davor gescheut. Das Vertrauen muß ein Geschenk der
Freundschaft seyn, nicht aber eine milde Gabe, die der Ungestüm davon
trägt, wenn er die Gutherzigkeit überrascht. -- Ich dachte, es wird wohl
an mich kommen. Auch kam Frau Fabia, um mir zu sagen: daß sie für diesen
Nachmittag nach Bühle fahren würde. Josephine stand stumm und blaß
wie ein Marienbild daneben, und sah mich nur mit einem barmherzigen
Gesichtchen an. Und da die Mutter meinte: sie denke nicht allzuspät
wieder da zu seyn, konnte sie sich nicht enthalten zu weinen, als
sollten wir uns niemals wiedersehen. Ich sprach ihr Muth ein und sagte:
nun, wir scheiden ja nicht für ewig, mein Herzenskind! was wärs denn
auch, wenn Du ein paar Tage drüben bleiben müßtest? bin ich doch in
meiner Jugend, und noch dazu als Braut, auch bei der hochseligen Gräfinn
Frankenstern gewesen, und würde heut noch Bescheid im Schlosse wissen,
und Dir das kleine Gemach zeigen können, worin ich geschlafen. -- Das
schien dem lieben Mädchen denn traut und tröstlich zu seyn, und ein
Mehreres, werther Herr Administrator, wüßte ich Ihnen nicht zu sagen.«
Es genügte jedoch. Der Administrator dankte zerstreut, wechselte in
gebundener Rede -- im Sinne der Zurückhaltung -- einige Worte; denn
es machte ihn beklommen, daß er gegen die herzliche Nonne nicht ganz
aufrichtig seyn dürfte. So war es ihm nicht unlieb, daß der Zufall ihm
über einen Moment hinweghalf, der sein Zartgefühl, das der Freundschaft
wie der Verschwiegenheit, in die Probe nahm. -- Er ward abgerufen,
weil Jemand ihn zu sprechen begehre. Doch als der Administrator in sein
Zimmer kam, fand er zu seinem Befremden keinen fremden Zuspruch, sondern
seinen Freund, den Major Feldmeister, der im Gleichmaß starker Schritte
auf und nieder ging. Es verändert seltsam unsere Stimmung, ob wir Besuch
in unserm Eigenthum empfangen, oder von Andern darin empfangen werden.
Demnach ließ eine gewisse erschrockene Verwunderung, gemischt mit einem
dumpfen Gefühl getäuschten Erwartens, den Administrator an der Schwelle
seines Zimmers zurücktreten, als er die Einquartierung desselben inne
ward. --
»Bitte nicht übel zu nehmen, Freundchen, daß ich so sans façon Eingang
gesucht --« sagte der Major, die Miene des Unmuths an Jenem bemerkend,
und ein fremdartiges Lächeln lief hurtig wie Geflügel über die Furchen
seines Angesichts, was in diesem Augenblicke einem Winterfelde glich,
matt von der Sonne beschienen.
»Den rechten Eingang finden --« fuhr er fort, »ist schwer, und mancher
folgerichtige, bei dem wahrhaftigen Gott! taugt dennoch nichts.«
Herr Prälat kannte seinen Freund und dessen Redeweise zu genau, um noch
eines einleitenden Wortes zu bedürfen. Eine böse Ahnung kroch an sein
Herz; aber er nahm sich zusammen, und sagte mit stoischer Stimme: »Sie
haben mir etwas Schlimmes anzukündigen, Major! fassen Sie Sich in der
Kürze, ich bitte! _ich_ bin gefaßt. --«