den die Glocke dieser Nachricht anschlug, war ein Klang aus der guten
alten Zeit des Klosters. »Der hochbejahrte Herr lebt also noch! und
Comteß Albane kann auch nicht mehr jung seyn -- wenn ich mir die Gräfinn
Mutter bedenke -- diese leutselige Dame war mir ein höheres Wesen und
wie so ganz war sie für Sanct Capella eingenommen! -- In Bühle, sagten
Sie, hält die Herrschaft sich auf?«
»Ja --« antwortete Fabia schwach, und eine große Erschütterung dieser
starkmüthigen Frau ward laut in der kleinen Sylbe, »reiche mir einen
Stuhl, Josephine --« sagte sie sehr sacht, während das sichtliche
Schwanken ihres Körpers verrieth, daß Fabia mit dem Gefühl der Ohnmacht
kämpfe. --
Diese Botschaft wirkte nach, und ihr schlagender Eindruck hielt an. Die
kleinen klaren Schriftzüge, von einer Hand kommend, welche, wie Fabia
jetzt deutlich empfand -- Gram und Herzeleid über ihr unbeflecktes Leben
gebracht, verwirrten ihre Seele. Das Dunkel einer finstern That stieg
vor ihr auf, daneben der Schatten ihres Mannes, kummerkrank und dräuend,
daß seine Frau nicht vergessen möge, welch eine Last ihn ins Grab
gedrückt, und Fabia glaubte mit ihm zu versinken.
»Jesus Maria!« rief die Nonne, als sie die Todesblässe auf dem Angesicht
ihrer Freundinn sah, »was widerfährt Ihnen denn? Ein paar Tropfen
Lebensgeist -- wenn ich sie nur bei der Hand hätte -- ein Trunk frischen
Wassers --« das zitternde Mädchen flog hinab, ihn zu holen. Inzwischen
hatte Frau Fabia sich schon erholt. Sie wehrte sich mit selbständiger
Kraft gegen die Schwäche, von der sie einen Augenblick bewältigt worden
war, wie gegen die mitleidige Angst, welche über sie verfügen wollte,
und sprach, obgleich mit bebenden Lippen: »es ist schon vorüber. Seyn
Sie außer Sorgen meinetwegen, Schwester Veronica. Und Josephine --
Du siehst, mein Kind, es ist mir wieder besser. Aber trinken will ich
doch. --« Sie stärkte sich durch einen erfrischenden Zug.
»Ja, ja!« sagte die Nonne, und ihre Rede nahm wider Wissen und Willen
die Methode einer gelinden Strafpredigt an, »ein _geistlich_ Amt, das
der Tröstung und des Beistands in der letzten Noth, erfordert starken
Odem, und Wer sich stark fühlt, ist es deshalb nicht zu allen Zeiten,
und übernimmt sich wohl einmal. Sterben aber ist kein Kinderspiel, und
man sieht nicht zu, daß man sich daran ergötze.« So ist aber --
der geneigte Leser erlaube uns diese Episode -- auch eine edle und
geläuterte Seele nicht sicher, daß kleinliche und niedere Stoffe, welche
die Scheidekunst eines gereinigten Charakters für immer aussondern
müßte, sich in das Ergebniß ihrer Urtheile mischen. Wir sind uns selbst
nicht klar. In der freundschaftlichen Aeußerung der Schwester Veronica,
die wir vor Vielen ihres Gleichen heilig und selig preisen, dürfte ein
kleiner Nonnendünkel kaum zu verkennen seyn, und der Glaube, daß, um in
Todesängsten beizustehen, menschliche Theilnahme hiezu nicht genüge, und
die Kraft zu solchem Beistand nur von einem Geiste ausfließen könne, der
durch _priesterliche_ Weihen dazu befähigt worden sey.
»Denn der Bote --« so fahren wir mit den Worten der Nonne fort, »ein
Bote hat mir all mein Lebtag Schrecken eingejagt, und es war mir immer,
als ob ich das Schicksal in Person kommen sähe, was mir ein neues
Päckchen zu tragen brächte. Wer weiß auch, was der Brief enthält! -- So
viel ich mich erinnere, waren Sie in früheren Jahren in Verbindung mit
Gräfinn Albane? --«
Fabia nickte schwer und schwieg. »Wenn nur der Schwager da wäre!« sagte
sie, und ihr Auge starrte sinnend vor sich hin, »erst morgen Abend kehrt
er zurück, dann ist es zu spät.«
»Wozu?« fragte die Nonne mit einem leichten Anfluge jener Neugier ihres
Alters und Standes. Und mit aufrichtiger Liebedienstlichkeit setzte sie
hinzu: »wenn Sie in Etwas bedrängt wären, Frau Fabia, worin ich Ihnen
mit Rath und That nützlich werden könnte --«
»Das wird sich später finden --« antwortete Fabia mit einem bedeutenden
Blicke nach Josephinen hin, und drückte dankbar die zellenzarte Hand der
Nonne, wie aus Wachs gewebt, »für jetzt bedarf ich nichts als Ruhe.«
»Wie kalt Sie noch sind!« sagte Schwester Veronica besorglich, »ich
dächte, ein Krampfpulver wäre nicht übel für die Nacht; es beruhiget die
Nerven.«
Fabia lächelte seltsam bitter, als bedürfe ihre innere Aufregung ein
anderes Opium. Sie verneinte den Gebrauch des Mittels, und begab sich in
ihr Schlafgemach. Den folgenden Morgen war große Wäsche im Stift; eine
der Haupt-Stadien dieser geregelten Oekonomie. An solchen Tagen ging
Frau Fabia sonst gleich der Sommersonne früh auf, um sich mit wahrer
Hoheit im Meere dieser Waschfluth zu bespiegeln. Ja, wir dürfen kühn
behaupten, daß die Göttinn, an der wir Selbstgefälligkeit so natürlich
finden, sich vielleicht in einem minderen Grade derselben aus dem Schaum
der Wellen erhoben habe, als womit die Juno dieser häuslichen Sphäre
sich von ihrem brausenden Element benetzen ließ. -- Daß diese Wolke ihm
vorübergehe, hatte der Administrator stets und so auch jetzt eine kleine
Reise unternommen, und Therese ihm einst muthwillig gedroht, er werde
einmal aus dem Regen in die Traufe kommen. In diesem Punkte war aber
Therese gleich den Männern, und wendete am liebsten jener häuslichen
Nothwendigkeit den Rücken. Sie badete wohl eher die Füßchen im Thau, als
daß sie einen ihrer rosigen Finger zu Gunsten einer wirthschaftlichen
Bemühung naß gemacht hätte. -- Wir zweifeln daher, daß Therese selbst
der Waschfrau Chamissos die poetische Seite abgewinnen mögen, wogegen
sie gewiß den trockensten Gegenstand des versandeten Schlaraffenlandes
geeigneter gehalten haben würde, besungen zu werden. --
Heute aber schwebte kein ordnender und waltender Geist über diesen
Wässern. Fabia schien in tiefem Schlaf versunken zu seyn. Josephine
klopfte leise an die Thür der Pflegemutter, und Fabia that auf. --
Ihr Aussehen trug die Spuren einer schlummerlosen Nacht, ungewöhnlich
achtlos war ihr Anzug; doch selbst in seiner Nachlässigkeit noch keusch
und sauber. Ihr Auge, von Schatten vertieft, die sich darunter gelagert,
glühte fieberhaft, und Miene wie Gebehrde war von jener Ermattung -- der
Feindinn jeder Thätigkeit -- beschlichen, welche uns anhängt, sobald wir
herzenskränklich sind.
»Vergieb, liebe Mutter, daß ich es wagte, Dich zu stören --« sagte
Josephine, indem sie ihren betroffenen Blick in einen bittenden zu
mildern suchte. »Es befremdete uns, daß Du noch nicht aufgestanden
warst, weil es gegen Deine Weise ist.«
»Ich habe nicht viel geschlafen --« antwortete Fabia gemäßigt wie immer,
»und mich auf Wichtiges vorzubereiten. Wir müssen heute nach Bühle auf
das Schloß -- mein Kind; doch fahren wir erst nach Tische. Ziehe Dir das
neue luftblaue Kleid an, und ordne Dein Haar sorgfältig, ich will Dir
gern behülflich dabei seyn. Das goldne Kreuzchen binde um den Hals, und
wirf den gestickten Schleier über, er läßt Dir äußerst günstig.«
»_Heute?_« fragte Josephine bestürzt, und dachte, der Herold des
jüngsten Tages habe die Stimme ihrer Pflegemutter geliehen. Nie war
Frau Fabia an Tagen häuslicher Geschäftigkeit nur einen Schritt von der
Schwelle dieses Hauses und von ihrer Pflicht gewichen; nie hatte das
Mädchen ein eitles Wort aus Fabiens Munde gehört. Das Ende aller Dinge
schien gekommen, oder doch nahe zu seyn. Scheu und bekümmert setzte
daher Josephine jener einsylbigen Frage hinzu, deren Accent all ihre
Verwunderung ausdrückte: »Du scheinst sehr unwohl, meine Mutter.«
»Und wenn auch!« antwortete Diese, indem ein herbes Lächeln der
Gleichgültigkeit gegen alles Bisherige auf ihre Lippen stieg, »der Herr
mein Gott wird mich stärken.« Sie heftete dabei einen durchdringenden
Blick auf das Crucifix von Gußeisen, welches auf ihrem Nachttische
stand. Dieser Blick enthielt ein angsthaftes Gebet, und besagte,
soviel wir von dem flehenden Geflüster am Altar des innern Heiligthums
verstehen: »_Du!_ der Du uns rein gewaschen hast von unsern Sünden
mit Deinem theuren Blut, gieb, daß Albane --« hier drang ein
unaussprechlicher Seufzer durch das kalte Metall an das Herz des
höchsten Erbarmers. Und von einem Gefühl ermuthiget, was sich erhob,
sagte sie: »es muß Alles gehen. Wie wird es seyn, wenn ich nicht mehr da
bin?«
»O sprich mir davon nicht!« bat Josephine, und küßte Fabiens mütterliche
Hand.
»Eben jetzt muß ich recht sehr mit Dir davon sprechen,« erwiederte
Fabia, selbst in dieser erweichenden Minute dem Grundsatz treu, dem
Eigenwillen eines Kindes niemals nachzugeben. »Wir haben viel mit
einander zu reden. -- Doch siehe! daß Du die Thür zuvor verschließest.
So! nun schiebe den Riegel vor.«
Von dieser Vorsicht geängstet, war Josephine voll Furcht und Warten
der Dinge, die da kommen würden. Frau Fabia schien einer vorbereitenden
Pause zu bedürfen, in der sie sich fasse, dann sprach sie mit einem Ton
würdevoller Abbitte: »wenn ich Dich zuweilen hart angelassen, und Dir
zeither strenger war, als daß ich Deinen unschuldigen Neigungen und
Wünschen jemals geschmeichelt hätte -- so geschah es --« ihre Stimme
wankte.
»O geliebte Mutter!« rief Josephine, welche diese demüthige Sprache der
tugendstolzen Pflegemutter nicht aushalten konnte, »es ist nur zu meinem
Besten geschehen. Womit habe ich Dich beleidiget, daß Du Dich so fremd
gegen mich ausweisest? bin ich nicht Dein Kind? -- Ich will sie ablegen,
diese Fehler, denen mein guter Wille noch manchmal unterliegt; habe nur
ein wenig Geduld mit mir. Und wenn ich mich heute in Bühle etwa linkisch
benehmen sollte --«
Ein Lächeln, worin mehr Rechtfertigung lag, als in jedem moralischen
Beweise, flog Fabiens Miene an. Sie antwortete: »das fürchte nicht. Du
hast ein _Recht_, dort zu seyn: die Gräfinn Frankenstern, der ich Dich
zuführe, ist Deine Mutter.«
Josephine stieß einen leisen Schrei aus, als hätte ihr dies Wort einen
Dolch in die Brust gestoßen. Der Name Derer, die ihr das Leben gegeben,
schien diese Himmelsgabe zurück zu nehmen, und das liebliche Bild des
Mädchens versteinte zu weißem Marmor.
»So ist's, mein Kind!« setzte Fabia mütterlicher als je hinzu, »die
Stunde, darin das Band sich lös't, was uns so lange verknüpfte, reißt
nicht allein an meinem Herzen -- ich muß mich ernstlich zusammennehmen.«
»Mutter!« sagte Josephine furchtsam und leidenschaftlich, »ich hoffe zu
Gott, Du willst mich nicht verstoßen.«
»Du brichst mir das Herz entzwei, Mädchen!« entgegnete Fabia
schmerzlich. »Darf ich Dich denn jenen Ansprüchen vorenthalten? Es wird
Alles darauf ankommen, wie wir die Gräfinn finden. Du bist die Tochter
einer heimlichen Ehe, und dein Vater -- der Onkel wird Dir sagen --«
»Der Onkel -- ist mein Vater?« fragte Josephine mit schwacher Stimme.
»Der Onkel -- komme doch zu Dir, Kind! ist auch Dein Onkel nicht, und es
nur dem Namen nach gewesen. Dem Blute nach, gehst Du uns gar nichts an.«
Bei dieser Erklärung, welche Fabia nicht aus lossagender Kälte, sondern
der vollständigen Erklärung wegen gab, sah Josephine aus, als wären ihr
alle Adern geöffnet. Ihre Seele strömte in Liebe für die Menschen, mit
denen sie gelebt, für den Ort, der ihr die trauteste Heimath geworden
war. Sie empfand den Einfluß einer innigen Gewohnheit. Sie empfand
ihn mit schwellendem Herzen, da sie den Abschied so nahe wußte. Die
gräfliche Mutter stand wie eine verhüllte Gottheit von ferne, und scheue
Ehrfurcht, ein fremdartiges Grauen war Alles, was Josephine für ihre
Näherung hatte. Und der Administrator war nicht einmal da! es däuchte
Josephinen, als ob sie diesem gütigen Freunde hinterrücks entführt
würde. Ein Gefühl, zarter noch als Dankbarkeit, forderte in ihr, daß
sie ihm diesen schnellen und gewaltsamen Abruf selbst sagen und klagen
könnte, daß er Augenzeuge wäre der sträubenden Wehmuth, womit sie von
hinnen schied. --
Als der Nachmittag nun kam, erschien Josephine in vorschriftlichem
Anzuge. Sie war bei dem Werk der Toilette ihrer wenig bewußt gewesen, um
so eifriger hatten ihr die Grazien gedient, welche zurückweichen, wo die
Eitelkeit handreicht. Auch Fabia war ausnahmsweise festlich angethan.
Sie trug ein dunkles Kleid von tannengrüner Seide; doch indem die
verwittwete Frau bei dieser seltnen Gelegenheit ihr Licht leuchten
ließ, trug doch der Christbaum ihres Gewandes kein einziges Flämmchen
Flitterstaat zur Schau, sondern nur die Frucht bescheidener Einfalt, an
der man erkannte, weß Geistes Kind sie wäre.
Der Himmel hatte sich mit Gewölk umzogen. Frau Fabia, im Begriff, sich
in den Wagen zu setzen, schaute auf und sprach: »den guten Regenschirm
wollen wir noch mitnehmen, zur Fürsorge. Wir könnten ihn brauchen, beim
Aussteigen. Er steht, wenn ich nicht irre, in des Schwagers Zimmer, im
Winkel wo die Pfeifen lehnen --« Und hurtiger flattert der Vogel
nicht vom Zweig, als Josephine dahin flog, ehe es möglich war, ihr
zuvorzukommen. Sie drängte die Seele des Abschieds, als den Inbegriff
schmerzlicher Empfindung, in den heißen Blick, womit sie die stummen
kalten Wände grüßte, und Wer weiß, ob nicht zum letztenmal! -- Dort
stand der braune Schirm, und neben dem Saum seines geschlossenen
Zeltes, blickte der Kopf des Mustapha zu ihr hinauf, die in dem
wehenden Schleier, eher der schönsten Blume des Harems, als, des goldnen
Kreuzchens ungeachtet -- einer jungen Braut der Kirche glich. Hier stand
das Schreibpult des Administrators, und ein kleines weißes Blättchen lag
lockend auf der grünen Fläche. Josephine warf einen Blick darauf -- ein
Sonnenstrahl fiel gleichzeitig in die Werkstatt ihrer Gedanken. Eine
Feder war auf jenem Streifen Papier probirt: »Josephine,« stand in
kalligraphischer Schönheit am Rande des Blättchens, und das Urbild
dieses wohllautenden Namens stand mit schöneren Zügen davor. Sie ergriff
die Feder, und schrieb mit fliegenden Fingern:
»Ich muß fort -- verzeihe, daß ich mit Ich anfange; aber Stolz
ist nicht in mir, nur eine sehr traurige Liebe, daß ich von Sanct
Capella scheiden muß. Kannst Du etwas beitragen -- --
Deine --«
Josephine vernahm, daß ein Eilbote ihr nachgeschickt würde. Sie mußte
sich losreißen. Ein Fädchen aus dem Blondengewirk ihres Schleiers blieb
an dem Gefieder der Schreibfeder hangen, und ein kleiner Dintenfleck an
ihrem Finger.
Josephine wie ihre Pflegemutter sprachen wenig auf dem Wege nach Bühle.
Fabia saß still in sich gekehrt, trübsinnig starrte Jene in die Ferne.
Als aber jetzt der englische Garten sichtbar ward, und hinter dem
Immergrün seiner Gehölze, vermischt mit der zarten Frische lebendiger
Knospen, das graue, todte Schloß, eine verstorbene Einöde von Stein --
als sie jetzt bei dem Postamente vorüber fuhren, worunter der todte Hund
begraben liegt: da erblickte Josephine den stummen Wächter mit keinem
minderen Schauer als eine abgeschiedene Seele der Vorwelt den Cerberus,
und als sey dies festgehaltene flüchtige Bild nur allein ein Symbol
ewiger Ruhe, und dies der Eingang in das stille Reich der Schatten.
Das eintönige Geräusch des Brunnens, auch nicht um den leisesten Tonfall
eines Tropfens anders als sonst, weckte in Fabien bittere Gefühle
der Vergangenheit. Dort war die Wohnung, in der ihr Mann gelitten und
aufgehört zu leben -- es däuchte seiner Wittwe, als ob das Lüftchen,
welches die spielenden Wellen der Wasserkufe kräuselte, ihr seine
letzten Seufzer zuwehete. Blüthenbäume streuten ihren Schmuck vor die
Schwelle, über die Kummer und Gram mit ihm eingezogen waren, um nur den
Todten zu entlassen --; und diese Gleichgültigkeit der Natur, welcher
der Mensch unwillkürlich Theilnahme abverlangt, diese Wiederkehr ihrer
unschuldigen Freuden, an dieselbe Stätte, wo die Schuld, eigene
oder fremde, unsre besten hinweggenommen für immer -- schärfte die
Empfindung, womit Fabia sich jener Zeit bewußt ward, und des wichtigen
Moments, der ihr jetzt bevorstand.
Um das Schloßgebäude schwebte die Stille der Einsamkeit und der
Ehrfurcht vor dem Range, wie vor dem kranken Geiste seiner dermaligen
Bewohner. Der Zustand des Grafen war bekannt, und seine Tochter galt
kaum weniger leidend an Gemüth.
Das Unglück, wie mächtig es auch sey, hat stets eine kleine Hofhaltung.
Nur ein einziger Bedienter stand, nicht unähnlich einer Statue seines
Standes, an einer Säule des Flurs, harrend, wie es schien. Die Zeit
hatte angemessen der altväterlichen Livree seinen Scheitel mit Puder
bestreut, und mehr noch als diese greise Mode, gab ihm eine Miene
unbewußter Geringschätzung gegen diese Etiquette adeliger Größe, und
ein Zug von Schweigen in seinem erfahrungsvollen Gesicht ein ehrwürdiges
Ansehen. Auf ihre Frage erhielt Fabia zur Antwort von ihm, daß sie
erwartet würde -- und Josephinens Blick hing dabei so ängstlich an den
goldbesponnenen Knöpfen seines Rockes, als ob sie eine nahe wichtige
Entscheidung davon abzählen wolle. Noch fragte Fabia, die niemals sicher
genug gehen konnte: die Herrschaft sey doch -- allein? -- Der
Bediente, ein alter Bekannter von ihr, lächelte nur; die Tochter des
Oberverwalters von Bonna mußte fremd geworden seyn, dem Andenken der
Lebensweise des Majoratsherrn. Er sagte mit schwermüthigem Scherz: »es
ist zwar heute großer Galatag; aber diese hohen Gäste lassen Raum und
Ruhe, und die Frau Rentmeisterinn dürfen sich ganz und gar nicht irren
lassen.«
Indem Fabia die breite Treppe, mit Decken belegt, unter starkem
Herzklopfen hinan stieg, erhob sie sich zu dem Gefühl, daß _sie_ es
nicht sey, welche die nächste Minute zu scheuen brauche. Doch wie
kommt es, daß die Last auf dem Gewissen eines Andern den Athem des
Rechtschaffenen hemmt? und warum wirft ein fremdes Erröthen, noch ehe
es vor unserm Auge aufgeht, den Schein der Schuldverkündigung auf unser
eigenes Gesicht? --
Sie standen auf dem öden Vorsaal. Eine Uhr, in langem weißen Gehäuse,
nahm sich an dem dunklen Pfeiler, daran sie befestiget war, todtenhaft
aus, und das Gleichmaaß des Perpendikels bewegte sich im Einklang mit
dem Gesetz der Zeit und ihrer Schwere. Der Stundengott hatte hier
keine Flügel. -- In den Nischen der Wand entlang, erblickte man zwar
beschwingte Gestalten; doch schienen auch diese seit manchem Jahr
unregsam ihren Standpunkt einzunehmen, und nur in so fern, wenn _Ruhe_
der Begriff des Himmels ist -- dem Olymp anzugehören.
Der Bediente zog die Thür sacht auf, ein Strom von Licht und Luft aus
dem ihr gegenüber geöffneten Fenster quoll durch die Spalte. Die Meldung
geschah lautlos, und alsbald traten auf einen Wink des Alten die beiden
Damen ein.
Frau Fabia, und hinter ihr das schüchterne Mädchen, sah sich in einem
Zimmer, das füglich den Sälen des Schlosses beigezählt werden
können. Zwei Reihen Ahnenbilder in Oel gemalt und tief nachgedunkelt,
beschatteten die Seitenwände, und gaben der schweigsamen Leere dieses
Prunkgemachs eine geisterartige Geselligkeit. An dem obern Ende des
länglichen Zimmers stand ein antikes Canapee, breitgestreift, mit weiß
und seladongrünem Atlas überzogen; davor ein Tisch, köstlich besetzt.
Ein damastnes Tafeltuch, wie vom Webstuhl der kunstreichen Athene, hing
in schimmernder Weiße bis auf das bunte Gewirk des Teppichs nieder,
und um den Tisch herum standen mehrere Lehnsessel, deren jeder ein
Großvater, bequem und doch galant, wie am Tage der goldnen Hochzeit. In
einen Winkel geschmiegt saß der Graf, und dem Canapee gegenüber seine
Tochter.
Bei dem ersten Blicke auf jenen unglücklichen Mann, auf den Schnee
seines Hauptes, auf den Staatsrock, der so weit, so spottend weit
entfernt zu passen, um die abgezehrten Glieder hing, zerschmolz aller
Groll in Fabiens Herzen. Der Putz der Alten wie der Blinden hat etwas
eigenthümlich Rührendes. Jener: weil ihr hinfälliger Anblick das
Nichtige der Eitelkeit predigt; dieser: daß ihnen selbst unsichtbar,
eine Huldigung der Welt beigegeben ward, die nur am Schein hängt. Und
sind Blödsinnige nicht Blinde in geistigem Sinn? -- Zwar könnte Graf
Frankenstern für einen Seher gegolten haben, denn eben jetzt leuchtete
sein Gesicht im Abglanz einer Vision; aber es war nur ein Blendwerk, nur
das Irrlicht einer gespenstischen Imagination, daneben die Nacht seines
innern Lebens nur um so finsterer erschien.
Auch Gräfinn Albane war älter geworden, als zufolge einer Berechnung von
Jahren; doch war der Eindruck dieser ersichtlichen Veränderung durchaus
ein anderer. Man könnte von ihr sagen, ihre Schönheit sey verwelkt, um
verklärt zu werden. Ein weißes Kleid von wolkigem Mousselin
umhüllte ihre zarte Gestalt, doch, im schärfsten Contrast zu dieser
anspruchslosen Wahl, blinkte jener Schmuck, so schwer vermißt! so
grausig ersetzt! auf dem feinen Halse und der Brust der Gräfinn, und
hielt ihren schlanken Leib, ihre Arme umschlossen -- wie wenn Kinder in
eitlem Spiel sich mit dem Geschmeide ihrer Mutter zieren -- und
stach, bewaffnet mit allen Blitzen der Frühlingssonne und einer jähen
Reflexion, Fabien ins Auge und durch das Auge in das tiefste Herz. --
Ein kleines blankes Schlüsselbund an ihrer linken Seite stellte die
Gräfinn als Wirthinn des Hauses und jener unsichtbaren Gäste dar, denen
zu Ehren sie so geschmückt, und gleichsam nur dadurch verkörpert sich
zeigte. Doch der schmale zackige Reif einer goldnen Krone auf ihrem
reichen Haar, ließ phantastisch und in Zweifel, welch eine Fürstinn in
der wüsten Ideenwelt ihres Vaters, sie, fremd sich selbst, vorstelle?
-- Und über dies häusliche Theater goß die wasserziehende Sonne einen
trüben Glanz der Illusion aus. Die Blumen in dem damastnen Gedeck traten
labyrinthisch und winterweiß hervor, wie durch einen Hauch von Frost
entstanden -- und der feurige Wein auf dem Tische glühte nur zum Schein.
Das rothe Blut der Traube schwellt nur die Adern der Lebendigen; doch
diese begeisternde Kraft leiht nimmer Denen eine Seele, welche keine
Existenz haben. Der Graf fand nur Genuß in Gedanken, und schwelgte heute
mehr als je in seinem Wahn; und Albane saß da so geisterhaft gesättigt
und traumtrunken, mit einem herben verzichtenden Lächeln auf den
bleichen Lippen, als hätten diese nie die Süßigkeit des Lebens gekostet,
und jener edlen Gabe, die des Menschen Herz erfreut und stärkt! --
Als die reelle Fabia dieses Schauspiels ansichtig ward, rieselte ein
eisiger Schauer an ihrem Rücken hinab, und ihr nähernder Gang erstarrte.
Die Gräfinn zeigte bei dem Eintritte derselben einen heftigen Ruck, so,
als wenn eine Unbeweglichkeit mechanisch aufgehoben wird. Und indem sie
dabei das Gleichgewicht verlor, fiel das Diadem, nur lose aufgelegt, von
ihrem Haupte, und rollte zu Boden. Josephine bückte sich darnach. Doch
achtlos dieses ominösen Vorfalls schritt die Gräfinn den Kommenden
entgegen, und begrüßte sie mit sanfter, sehr bewegter Stimme. »Das ist
Josephine?« fragte sie; aber das Epitheton für den Laut dieser Frage
fehlt unserer Sprache und jeder. -- Darauf berührte ihr Mund die Stirn
des Mädchens, und dieser heilige Kuß, den das verleugnete, namenlose
Kind als Sacrament empfand, firmelte es.
»Josephine!« rief der Graf mit dem herzschneidenden Tone der
Ueberspannung, taumelte von seinem Sitz, und schwankte gegen die Gruppe,
um in eine Kniebeugung zu sinken; aber Josephine kam ihm zuvor. Sie
umschlang den Greis mit weichen Armen, und weinte über ihn. Gräfinn
Albane überließ ihren Vater dem Entzücken, sein kaiserliches Idol, oder
die Psyche desselben, in lieblicher Verjüngung vor sich zu sehen,
und das Mädchen dem guten Geiste der Demuth und der Wahrheit der ihm
einwohnte. Im Drange, ihr Herz zu öffnen, legte sie die zitternde Hand
an den blanken Drücker einer Tapetenthür, und zog Fabien mit sich in
ein anstoßendes Cabinet. »Wie viel Dank bin ich Ihnen schuldig, liebe
Fabia!« sagte sie hastig und herzlich, »Josephine scheint ein Engel.
Dieser Blick einer himmlischen Unschuld kann nicht lügen.«
Die fromme Fabia antwortete: »Gottlob! nicht umsonst war mein Gebet bei
des Mädchens Erziehung: hilf, Herr! hilf! laß wohl gelingen! Josephine
ist ohne Trug und Arglist; lauter und rein von Gemüth und Sinn, wie ein
Wassertropfen aus dem Weihebrunnen der göttlichen Gnade.«
Wir lassen es dahin gestellt seyn, ob dieses Bild vom Tropfen, in
welchem sich Frau Fabia zum Lobe der Tochter ergoß, ganz unvermischt
und klar von einem Vorwurf ihrer Abstammung gewesen, der die erquickende
Wirkung desselben trübte. --