»Hier können Sie nicht bleiben, mein süßes Kind!« sprach der Lieutnant,

und dieser zärtliche Zusatz sänftigte den taktischen Ton, der die

Vermuthung anschlug, dieser Feldmeister von Theresens Gegenwart werde

sich, als ehelicher Feldherr ihrer Zukunft, gar wohl zu benehmen wissen.

-- »Selbst meine Besuche,« fuhr er fort, »würden einem ärgerlichen

Aufsehen nicht entgehen, und ich -- ich leugne es nicht -- bin

empfindlich gegen die öffentliche Meinung. Lieber aber mögte ich einen

Flecken an meiner Ehre dulden, oder in der Pupille meines Auges, als daß

Ihr Ruf, theure Therese! durch mich, und wäre es um den leisesten Hauch

eines Wortes -- verdunkelt würde. Da ist mir denn guter Rath nicht über

Nacht, nein! gestern Abend schon gekommen. Eine Anverwandte von mir,

die Besitzerinn eines hübschen Landgutes in hiesiger Gegend, und eine

so wackere Frau, daß ich wohl manche weibliche Tugend neben der

harmlosesten Gutherzigkeit an ihr verehre, ist freundlich bereit, Sie

bei sich aufzunehmen. Meine Tante ist in jedem Sinne wie von Milch

genährt, und der Aufenthalt bei ihr ganz geeignet, den Affect der

Betrübniß herabzustimmen. Sie werden --,« dies setzte der Lieutnant mit

einem gutmüthigen Lächeln hinzu, »Gelegenheit finden, sich zu beruhigen;

ein Athem von pflegmatischer Behaglichkeit ist die Lebensluft dieses

Hauses, und ich werde Fug und Recht haben, oft genug darin einzukehren.«

Es hätte dieses letzteren Antriebes kaum bedurft, um Theresen dem

Vorschlag ihres Freundes geneigt zu machen. Das wilde Täubchen war

völlig zahm geworden.

Füßli -- so wurde beschlossen -- sollte im Gasthof bei den Sachen

bleiben, bis der Administrator in Person, oder doch Nachricht von ihm

käme. Auch konnte von Seiten der Behörden noch irgend eine Forderung

ergehen, zu deren Aufnahme Jemand an Ort und Stelle seyn müßte. Schon

in einer Stunde -- mit solch militairischer Kürze war dieser Aufbruch

bestimmt worden -- sollte die Equipage da seyn, worin Therese nach jenem

Landgute abgeholt werden würde. Rudolph wollte sie zu Pferde begleiten.

In fliegender Eil wurden nun die Anstalten zur Abreise getroffen.

Therese säumte keinesweges, den Engel dieses Hauses zu verlassen, um

dem zu folgen, den sie mit besserem Recht für den ihrigen, und für

einen Boten des Himmels hielt. Sie zog den schwarzen Schleier über ihr

Gesicht, und sich in den Hintergrund des Wagens zurück, so lange er

durch das lärmende Getöse der Stadt rollte. Doch als auch das Geräusch

der Vorstadt immer ländlicher wurde, bis endlich am letzten Häuschen die

sausenden Räder an dem schwirrenden Rade eines Seilers vorüberflogen,

der sein hartes Gespinnst durch die weichen Frühlingslüfte milderte, da

bewegte diese Schnur Theresens Herz, und es schlug in der grünen Stille

einsam wie eine Bilderuhr. -- Wie sanft wallten die Saaten! wie weit

vergoldete die Sonne den Gesichtskreis! in welcher erhabenen Ruhe

mischte das Blaßblau eines fernen Amphitheaters von Bergen sich mit dem

Horizont! -- Die Natur senkte ihren malerischen Vorhang über Theresens

Einbildungskraft, und den Tumult jener wüsten Scenen, denen sie

entronnen war. Kein neugierig kalter Blick traf sie mehr, und hier

und da fiel der ihrige auf ein unschuldiges Blumenauge, in der zarten

Frische erster Färbung, und es schien mit Wärme zu sagen, daß es den

Thau gar wohl kenne, der zu nächtlicher Zeit sinkt. --

Rudolph ritt nebenher, und zum erstenmale ein neues schönes Pferd,

womit er ritterlich bei dem Geleit seiner trauernden Dame paradirte, und

dessen charakteristische Uebermüthigkeiten sein Aufmerken erforderten.

Therese saß allein in tiefen Gedanken. Wie wenig glich ihre dermalige

Stimmung jener, in welcher sie einst nach dem Scheiden von ihrem Gemahl,

in Begleitung seines Bruders, dem gastfreundlichen Kloster zuflüchtete.

-- Gänzlich unbekannt war ihr der Ort und die Person, denen sie nun

eine schützende Aufnahme verdanken würde; aber sie überließ sich mit

unbedingtem Vertrauen ihrem Führer. Die Gleichgültigkeit des Kummers und

erschöpfter Kräfte, nahm dieser Hingebung auch das leiseste Bedenken.

Das Fahren erinnerte sie an die jüngste Vergangenheit. Constanz lag nun

still für immer. Welch ein kleiner bescheidener Raum genügte ihm zur

langen Rast! sein ruheloses Leben voll glänzender Entwürfe war nun aus,

wie ein fliegender Stern in Dunkelheit erlischt. Sie versetzte sich in

die Empfindungen, welche sie bei seiner Ankunft und während der Reise

gehabt hatte, und gestand sich, daß es Vorgefühle gebe. War die

tiefe sehnende Ruhe, in welcher alle Aengste, alle Wünsche schwiegen,

vielleicht Gewähr dafür, daß Furcht und Hoffnung nun erfüllt seyen? --

Nie hatte Therese mit zarteren Regungen der Reue an Constanz gedacht,

nie sein Verhängniß in so innigem Bezug auf ihr Gemüth empfunden; obzwar

jeder Faden von Eintrag in dem Gewebe ihres gegenseitigen Lebens nun

abgerissen war. Auch das Glück wird mit Buße getragen, nicht allein das

Gefühl der Schuld und der Besitz, sogar der zu hoffende, giebt uns

nicht selten erst eine vorwurfsvolle Schätzung dessen, was wir verloren

haben. --

Der Abend begann, sich auf die Landschaft zu senken. Noch schwebte der

feurige Sonnenball, jedes Lüftchen riß eine flammende Rose aus dem Kranz

von Purpurgewölk, der Himmel glich einem Garten voll brennender Liebe.

-- Das Geläut der ziehenden Heerden vom frischen Anger scholl fernher,

wie wandelnde Abendglöckchen, da der Tag sich neigte, und dieser

friedsame begnügte Ton weckte ein traumhaftes Sehnen, dem Heimweh

verwandt, in Theresens Seele. Wo war ihre Heimath auf Erden? Nirgend! --

Als nun die Sonne hinunter war, die geschäftigen Schatten einschliefen,

und ein dämmernder Duft sich über Feld und Wiese verbreitete, da

erschien ihre selige Mutter vor Theresens träumenden Augen, und ihr

überirrdisches Lächeln sagte: »mir ist recht wohl! laß mich schlafen,

Kind!« Auch Constanz richtete sich auf, und seine gestorbene Gestalt

blühete wie unter einem Veilchenschimmer, der vom violetten Schein der

Höhen mit dem röthlichen Hauch noch nicht aufgebrochner Laubknospen

zusammenfloß. Und der Abendwind flüsterte mit _seiner_ Stimme: »ich habe

nun Ruhe gefunden -- was betrübst Du Dich?« Eine namenlose Wehmuth ließ

Theresen wünschen, sie könnte auch sterben. -- »Sterben? jetzt, wo ihrer

treulosen Neigung nichts mehr im Wege steht?« frägst Du vielleicht meine

Leserinn, und Deine Hand hebt den Stein des Anstoßes. Aber lasse mich

den Zweifel Deiner Frage heben. Wisse! der Schmerz um Die, welche nicht

mehr athmen, und das Entzücken des Lebens, die Liebe! mischen ihre

tiefsten Einflüsse zu einem Quell, der verlangend strebt, sich in das

Meer der Ewigkeit zu ergießen. In Beiden fühlen wir uns unendlich. So

stirbt die Jugend leicht unter dem vollen Blüthenhang ihrer Hoffnungen;

nur das Alter klammert sich fest an den entblätterten Stamm des Daseyns,

hätte es auch nur bittere Früchte getragen. --

Bei einem Bug der Straße öffnete sich die Aussicht in ein reiches

Dorf, von Obstgärten umgeben. Das Schloß, kein Rittersitz von

architektonischem Prunk, nur ein stattlicheres Wohnhaus -- lag kaum

abgesondert und sehr freundlich.

Der Lieutenant rief in den Wagen: »Wir sind an Ort und Stelle, --«

und bei dem ersten Hinblick auf die Fenster, welche ein Abglanz der

Abendröthe in saffranfarbenem Mattgold erhellte, spürte Therese jenes

Bangen, welches uns Frauen mehr oder minder vor dem Eingehen in ein

neues Verhältniß ergreift, oder, was oft gleichbedeutend ist -- wenn wir

uns dem Ziele einer Reise nähern.

Der Spiegel eines schöngeformten Teiches dicht vor dem Schlosse, am

vorderen Rande von einer Brustwehr eingefaßt, und zu beiden Seiten mit

weißen Gartenbänken versehen, strahlte das schwache Geflimmer einzelner

Sterne zurück, und daneben den leuchtenden Vollmond des runden, rothen

Gesichts einer Dame, die über das Geländer gelehnt, Karpfen fütterte.

Die auftauchenden Fische zogen dunkle Kreise über die glatte

Wasserfläche, worin das Schloß winkte und wankte; die Dame aber wich

nicht von ihrem Platze, und war so vertieft in ihre speisende Lust, daß

sie den Wagen nicht kommen gehört hatte. Schweigend hob der Lieutnant

Theresen heraus, und sie gingen dem Teiche zu. Die Dame wendete sich um

-- erleichterten Herzens erkannte Therese die Baroninn Lenau in ihr. Und

jetzt wußte sie auch auf einmal, daß Rudolph schon im Stift ihr diese

Verwandte genannt, und von ihr erzählt hatte.

Die Baroninn schien mit dem Begriff der Nahrung völlig identisch

zu seyn. Ihre Gestalt war wie die Fülle von Gottes Segen, ein

angeschnittnes Brod lag in ihrem derben Arm, und das Messer blickte nur

wie zum Spott der ihr eigenthümlichen Milde, womit sie nie eine andere

Schärfe handhabte. -- »Sieh da!« sagte die Baroninn sichtlich erfreut,

»mein einladender Wunsch kam von Herzen, und ist deßhalb zu Herzen

gegangen -- wenn gleich auf einem kleinen Umwege --« setzte sie mit

einem Lächeln vergnügter Schlauheit hinzu.

Diese einfachen Worte, und eine begrüßende Umarmung ließen Theresen

fühlen, wie herzlich es mit dieser Aufnahme gemeint sey.

Rudolph hatte nicht nöthig, das Kleinod seiner Sorge der gütigen Tante

werth und wichtig zu machen, welche liebreich es in Gold fassen mögen.

Die Baroninn hielt in einer einfachen neidlosen Denkweise die Schönheit

für einen Empfehlungsbrief ihres Schöpfers, und das Unglück für ein

heiliges Recht. Sie benahm sich, diesem Glauben zufolge, so, daß Therese

sich wie im Himmel fühlte. Selbst ihr Aufenthalt im Stift, wie geneigt

wir auch sind, das Vergangene zu überschätzen -- war von mancher Seite

für sie und für manche kleine Blöße schonungsloser gewesen, als der

gastfreie Schirm dieses Hauses. Die Baroninn war nicht minder ein Muster

der Wirthlichkeit, als Du, häusliche Fabia! aber dies hausmütterliche

Walten war ihr ein rühriges Vergnügen, ein vorbereitender Genuß, kein

werkthätiges Verdienst, was sich geltend machte. Sie war auch fromm;

doch ohne selbstgefällige Strenge. Ihr Christenmuth war kein abtödtender

und absondernder Stolz, sondern guter Muth, und deshalb ein tägliches

Wohlleben, wie die Schrift sagt. Die fröhliche Zutraulichkeit zu

Gott, womit sie sich des Besten von ihm versah, belohnte sich durch

Zufriedenheit mit allen Menschen. Sie ließ die ganze Welt gewähren --

und Wer jemals unter intoleranten Bekehrungs-Versuchen gelitten, weiß

diese köstliche Eigenschaft zu würdigen. Allein auch Therese hatte sich

geändert, nicht nur, daß ihre Umgebung eine andere war. Wir dürfen es

zudem rühmlich voraussetzen, daß Frau Fabia sich der _verwittweten_

Schwägerinn gewissenhaft angenommen haben würde. Theilnahme an

_widrigen_ Erfahrungen ward nimmer bei ihr vergebens gesucht; nur der

_Mitfreude_ war dies verschlossene Gemüth nicht fähig. Ihre Tugenden

schmeckten alle, -- wenn dieser Ausdruck nicht profan wäre -- ein wenig

nach dem Essig vom Kreuz. So versüßte sie Niemandem das Leben, und

selbst das Gute, was sie erwies, blieb nicht ohne eine säuernde

Mischung. -- Die Baroninn dagegen war ein christlich-weiblicher Epikur;

ihre Glückseligkeitslehre lief auf unschädlichen Genuß hinaus, den keine

Verbitterung trübte. Sie schlürfte Geist des Lebens mit jedem Athemzuge,

und wandelte das reine Element in stärkenden Wein. -- Einer Therese

mußte dieses System freilich besser zusagen. Jener anmuthige Leichtsinn

zwar, der zu so vielen Mißhelligkeiten zwischen den Schwägerinnen Anlaß

gegeben, trug nunmehr einen Flor von Melancholie, der ihn niederhielt;

doch wäre ihr bewegliches Naturell auch nicht durch diesen zarten

Ueberhang von Trauer gehalten worden, das Geheimniß jener wunderbaren

Gegenwirkung Anderer auf uns, würde hier, wo im Umgange einer

frohsinnigen Matrone nichts von der jungen Frau gefordert ward, als daß

sie sich erheitern möge, Theresen zu einem soliden Ernst für Pflicht

und Nachdenken gestimmt haben. Und endlich die Hauptsache! welch eine

scharfe Ehrenwächterinn war ihr Fabia gegen den Blick eines Mannes

gewesen! wie kränkend hatte jenes wachsame Auge auf jeden Schatten

gedeutet, wenn der wohlwollende Schwager die Schwächen von Constanz

reizender Gattin in allzugünstigem Lichte zu betrachten schien! Und

welcher stummen aber richterlichen Rüge war die bemerkte Leidenschaft

Rudolphs verfallen! und wie streng war das Urtheil, was über den

aufmunternden Gegenstand seiner strafbaren Flammen erging! -- Die

Baroninn gönnte das menschliche Glück, zu gefallen, von ganzem guten

Herzen so gern, ohne deßhalb eine liebenswürdige Frau für einen

gefallnen Engel zu halten. Jeder Vorzug, den Therese besaß oder empfing,

schien ihr natürlich. Sie fand die öfteren Besuche des Lieutnants, die

Begeisterung für sein Schutzamt, ganz in der Ordnung und rechtmäßig. Sie

schalt, wenn er eine Stunde länger ausblieb, als zu erwarten gewesen,

und Therese vertheidigte lächelnd den Freund, der sich zu ihr bekennen,

und die Wirksamkeit ihrer anziehenden Kräfte beweisen durfte.

Der junge Mann war seiner Tante sehr ehrenwerth und ein Schooßkind des

Geschicks; -- den Neigungen der Günstlinge aber wird geschmeichelt, und

vielleicht war die Baroninn es sich kaum bewußt, daß sie die Güte

der Gottheit verehrte, indem ihre eigene ein Verhältniß heiligte, was

außerdem dem Bannstrahl der Welt schwerlich entgehen können.

Und da wir Theresen einstweilen so wohl aufgehoben wissen, wenden wir

uns nach Sanct Capella zurück.

* * * * *

An einem milden Abend jener Zeit, in welcher wir die abwesende Therese

begleitet haben, befand Schwester Veronica sich mit Josephinen in

demselben großen Zimmer, worin unsere Erzählung anhebt. Sie saßen

feiernd am offnen Fenster einander gegenüber. Tiefe, ernste Dämmerung

herrschte in dem bewohnten Raum, in schattigen Umrissen zeigten sich

alle Gegenstände; die Miene des Reformators war nicht mehr kenntlich,

und nur der Rahmen seines Bildes warf einen zweifelhaften Strahl in das

uranfängliche Düster.

Fabia, welche die sogenannte Dunkelstunde nicht liebte, wie man dies --

beiläufig gesagt -- meistens bei Personen von vorwaltendem Verstande und

äußerer Thätigkeit findet -- war in die Familie eines der Unterbeamten

des Stiftes berufen worden, wo eben ein Lebensfunke erlöschen wollte.

Ein liebholdes Kind, das einzige der Eltern, lag im Sterben. Man hatte

die Schwägerinn des Administrators, deren Umsicht und christliche

Gemüthsfassung geachtet war, zum Trost der Mutter herbei geholt, und

noch sollte sie aus der Wohnung des Jammers wiederkehren. Von diesem

Fenster aus war jene Wohnung in einem der klösterlichen Seitengebäude

zu übersehen, und von dem wankenden Lichte da unten schwebte der stille

Schatten des Todes herauf um die beiden Gestalten. Draußen aber pulsirte

das warme Leben der Natur, und das Firmament flimmerte frühlingskräftig.

Prachtvoller hatte die Nacht ihren Bogen nie gewölbt; die grüne Erde,

gestickt mit Thauperlen und einer Milchstraße von Blüthen, schien

dunkelblau, und nur ein tieferer Himmel.

Veronica hing mit verklärten Zügen an der überirrdischen Welt, die --

nach einem poetischen Gleichniß -- wie eine heilige Nonne verschleiert

aus dem Sprachgitter der Sterne blickte; Josephine hing das Köpfchen auf

den Busen. Beide hatten bisher geschwiegen. Jetzt sagte die Erstere,

wie in sich selbst zurücksinkend: »ich will doch warten, bis Frau Fabia

kommt, obgleich ich kaum zweifle, welche Kunde sie uns bringen wird.

-- Die arme Mutter! noch schwach und angegriffen von einer schweren

Krankheit, wäre es viel, wenn sie es ertrüge, daß ihre süße Blume

gebrochen da liegt!«

Josephine lächelte sanft und sprach: »ich, liebe Veronica, kann das

Sterben nicht so sehr bedauern. Es hebt uns leise empor über _alles_

Schwere, und stillt unsre Sehnsucht. Muß uns Jemand sterben, müssen wir

erst traurig werden, um diese Sehnsucht zu empfinden? _mir_ erregt sie

der auflebende Frühling, die Freude sogar. Ihnen, liebe Veronica, darf

ich es gestehen: es gehet mir wohl, worüber hätte ich mich zu beklagen?

und doch ist mir zuweilen so weh zu Muthe, daß ich es nicht zu

beschreiben wüßte. Aber um alles Glück der Welt mögte ich dieses

wehmüthige Gefühl nicht tauschen.«

»Mein Kind,« antwortete die Nonne, und die geistliche Jungfrau nahm

in ihrer Seelenreine keinen Anstand, ein mütterliches Bild für ihre

Erklärung anzuwenden, »das sind die jugendlichen Wehen des Herzens, aus

denen der _Mensch_ in zartester Bildung hervorgeht, und die Liebe, ein

Kind ihres Schöpfers, wird zum Licht geboren.«

Hier rauschte der Wind, wie jener Geist, von dem man nicht weiß, von

wannen er kommt -- und ein zartes Erröthen Josephinens barg sich unter

dem dunkeln Flügel der Luft. Mit einem linden langen Odemzuge sprach

das Mädchen: »ach, und der Frühling! das lichte Weiß seines ersten

Blümchens, sein Blüthenschnee, das rinnende Gewässer, kommt mir wie

der reine Glanz eines Engels vor, der am Grabe der Natur: Auferstehen!

singt, und die Erde gleichsam heiligt. Ein seliger Schmerz durchdringt

meine Seele, ich liebe Alles, was mir angehört, inniger aber

sehnsüchtig. Das Künftige zieht mich zu sich heran, und von dem

Gegenwärtigen kann ich nicht lassen.«

»Und wenn nun,« fuhr Schwester Veronica fort, »die Farben aufglühen,

und wie Töne zusammenklingen, so daß Eine Stimme der Unsterblichkeit uns

vernehmlich wird, wenn alles Leben sich erneut und verjüngt, dann feiern

wir das Gedächtniß der Todten, und die Sonne bescheint den Tag aller

Seelen, der in den Frühling gehört und nicht in den Herbst, zur trüben

Zeit, wo die letzten Blätter fallen. Nie habe ich für meine Verstorbene

inbrünstiger gebetet, und ihre versunkenen Denkmale wieder aufgerichtet

in meinem Gemüth, als wenn ich zum erstenmale den frischen Sproß des

Grases aus ihrer Asche grünen und blühen sah. -- Ich verstehe wohl Dein

Gefühl, aber das meinige kannst Du noch nicht fassen. Die Jugend reißt

der warme Strom des Lebens mit sich fort; doch das Alter steht am Ufer

der Zeit, worin so mancher Wunsch einwinterte und erstarrte. Jenseits

strecken die Vorangegangenen ihre Arme nach uns aus, und der Blick ihrer

Nähe zieht uns zu ihnen hinüber.«

»Nein, nein!« rief Josephine lebhaft und ängstlich, und faßte das Gewand

der Nonne wie ein Kind, was die davoneilende Mutter an diesem schwachen

Stoff zu halten meint, »es ist, als ob dieser Gedanke schon Sie mir

entzöge. Auch reißt mich nichts hinweg -- diese Möglichkeit könnte ich

nur fürchten, doch mich ihr willig hingeben? nie! o _nie_! -- Als ich

Sie am Sonntage auf ihrer Violine phantasiren hörte -- ich saß auf der

Bank im Klostergarten -- war es mir, als ob ein Himmel unaussprechlicher

Empfindung auf mich niederschwebte. Ich mußte weinen, und wußte doch

nicht warum? Ich dachte, wie so mancher dieser entzückenden Klänge in

den Mauern Ihrer Zelle schliefe, und daß, wenn einst ein Herz voll Liebe

darin klopft, es diese Capelle aufwecken würde, um ihrer Heiligkeit und

Ruhe theilhaft zu werden. Wer wird einst dieses Weihestübchen bewohnen?

-- O laß mich ruhn an dieser lieben Stelle -- bat ich den lieben Gott.

Wenn ich aber dennoch scheiden müßte --« ihre Stimme versagte für einen

Moment --, »so werde ich jene Töne, die mich über das Irrdische hinaus

trugen, lebenslang mit dem Athem meines Herzens tragen, und in diesem

Herzen Alles, was ich hier geliebt, und für wenig Anderes wird Raum

darin seyn.«

»Mein trautes Kind!« rief Veronica in einem Ausbruch der Rührung und

Güte, »Du sollst meine Zelle erben, ich verspreche es Dir. Und meine

Bücher, meine Blumen -- die Violine, den Ring --: Alles, was ich habe.

Es ist mein liebster Wunsch, daß _Du_ mir die Augen zudrückest. Dann

werde ich --« setzte sie leise hinzu, »wie eine Nonne sterben, von der

man sagt, daß der Engel jungfräulicher Frömmigkeit sichtbar wird, wenn

sie verscheidet -- und wie eine Mutter zugleich. Du weinst, Josephine?

es fiel ein Tropfen, und Deine Wange ist feucht. Beruhige Dich,

Herzenskind! nimm Deine Guitarre, und singe mir ein kleines Lied, es ist

lange nicht geschehen. Du fühlst sehr wahr: die Musik ist ein religiöses

Geheimniß, und nicht auf Erden geboren. Die Töne, welche aus der

innersten Fülle der Seele quellen, sind himmlische Eingebungen und

die Sprache der Geister. So soll das ganz einzige Spiel des großen

Violinisten -- ich hätte ihn hören mögen -- etwas Dämonisches gehabt

haben, und alle Schönheit seines Vortrages würde mir höchstens nur

gewesen seyn, als ob ich empfände, wie die Kunst verzweifelt. Nein!

selbst Paganini hätte meine cremoneser Geige nicht erben dürfen; sie

ist nur Dein Vermächtniß -- keines Andern. Und wenn ein Zufall den

Bogen zerbräche, und nur ein Seufzer Deines reinen Odems jemals über den

stummen Steg hinstreicht: so ist ewige Harmonie darin, und das Werkzeug

meiner innigsten Freuden kann schweigen und zerfallen, wie ich, oder wie

Das, was lieblich an mir ist.«

Die Violine war -- wie wir bemerken -- eine schwache Saite dieser

trefflichen Choristinn; eine Saite, welche leicht in nachtönende

Schwingung gerieth. Sie wollte nächstdem das geschmeichelte Gefühl

ihrer Virtuosität mit dem unerkünstelten Beifall vergelten, den sie den

einfachen Melodieen ihres Lieblings zollte.

Josephine, gehorsam dem Wunsch der Nonne, lös'te das Instrument, ein

Geschenk des Administrators, von der Wand, und griff einige Accorde.

Dann setzte sie sich nieder, hob das schöne Auge aufwärts und sang mit

jenem melancholischen Wohllaut der die tiefste Glückseligkeit anspricht:

»Kaum hat mit frischem Thau die Nacht

Des Himmels dunkle Au begossen,

So seh ich tausend Lilien sprossen,

Verklärt von wundersamer Pracht.

Sie öffnen ihre Kelche weit

Und lassen ihre Strahlen regnen,

Die schlummermüde Welt zu segnen

Durch einen Traum von Herrlichkeit!

Ihr Lilien der heil'gen Nacht!

Wie sehn ich mich nach Eurem Garten,

Wo Engel liebend Eurer warten,

Ein treuer Gärtner Euch bewacht:

Gebt ihr so fern mit mildem Schein

Schon süßen Trost der Brust hienieden,

Wie süß, wie süß wird einst der Frieden

Im Schatten Eurer Blüthen seyn!«

»Welch ein köstliches Lied, mein süßes Mädchen!« sagte die Nonne mit

schimmernden Augen, »es spricht für eine tiefe und heilige Empfindung.

Kennst Du den Dichter?«

Josephine nannte ihn --*) und sprach: »es ist auch mein liebstes. Seit

ich es habe, singe ich es fast nur allein, doch nicht oft, weil es

weder gestört noch täglich werden darf, und eine Stimmung und Stille

erheischt, die -- wie jetzt --«

*): Heinrich Wenzel.

»Ein Schlummerlied im höheren Chor --« unterbrach Schwester Veronica die

Rede des Mädchens. »Wenn das Kind etwa schon gestorben wäre: so könntest

Du den Schrei des Schmerzes aus der Brust der Eltern damit eingesungen

haben.«

Die Thür ging auf, und Fabiens dunkle Gestalt trat gespenstisch mit

müden Schritten ein. Sie hielt einen Brief uneröffnet, verhängnißvoll in

ihrer weißen Hand.

»Nun, Frau Fabia,« sagte die Nonne und erhob sich von ihrem Sessel, »was

werden wir nun erfahren?«

»Die Kleine ist dem Herrn entschlafen --« antwortete Fabia mit jener

dumpfen Ruhe christlicher Ergebung, die jedoch wachsam für ihren

Ausdruck ist. »Noch ist die Mutter betäubt, der Vater hingegen scheint

gelassen; nur fürchte ich, daß es nicht vorhalten werde. -- Noch kein

Licht, Josephine? wie kann man so gern im Finstern seyn! -- besorge

es geschwind, daß ich diesen Brief lesen kann. Ein Bote von Bühle ist

angekommen, und die einfältigen Leute schickten ihn mir nach. Es war,

als ob der Tod hörbar anklopfte, und Furcht und Schrecken kam uns Alle

an, die wir still um das kleine Sterbebett standen und beteten.«

Josephine eilte, die Lampe anzuzünden, und indem der kaum entglommene

Schein derselben auf Fabiens Gesicht fiel und ihr Auge von einer Zeile

zur andern glitt, sah Veronica, daß ihre Züge sich veränderten. »Eine

Neuigkeit, Schwester Veronica,« wendete die Pflegemutter Josephinens

im Drange der Mittheilung sich an die Nonne, »Graf Frankenstern ist mit

seiner Tochter endlich angekommen.«

Die Schwägerinnen. Zweiter Theil. · 第 7 / 13 段