Als Therese am nächsten Morgen zu einer dumpfen Besonnenheit erwachte,

sagte sie: »mit Schrecken sehe ich, daß ich noch wie ein Regenbogen

gekleidet bin -- ich muß doch wohl ein wenig trauern? Mir ist ganz

schwarz vor den Augen, wenn ich nur daran denke. Gehe Füßli, und kaufe

mir einen Streifen Flor zur Binde -- eine finstre Haube könnte ich nicht

tragen, ich stürbe -- Dann hole mir ein Paar Schuhe von Serge; nimm

einen von diesen mit, sie passen mir am besten.« Sie schleuderte den

Probeschuh -- eine seidne Aurora -- von dem zierlichen Fuß, und setzte

mit einem herben Lächeln hinzu: »Wer mich so sähe, müßte glauben, ich

wandelte auf Rosen. -- Das Kleid will mir die Wirthstochter besorgen.«

Der Befehligte ging und kam lange nicht wieder. Endlich trat er ein mit

einer gewissen Hast, der Athem schien ihm entgangen, und die Zornader

stark angelaufen.

»Du warst lange, Füßli --« empfing ihn seine Dame im Klageton eines

gütigen Vorwurfs, »wohl eine Stunde, und Du glaubst nicht, wie bange mir

der Augenblick vergeht, den ich ganz allein zubringe.«

»Kann nichts dafür, gnädigste Frau,« entschuldigte sich jener, »es ist

überall ein Gedränge, man kann nirgends zu. Aus einem Viertel machen

sich die Kaufleute nichts -- es wird Alles im Ganzen abgesetzt; da

ließen sie mich stehen. Dann müssen kleine Füße bei großen Damen hier

rar seyn. Des Suchens war kein Ende, und an Kinderschuhen von diesem

Maaße kein Vorrath. Zuletzt hatte ich noch einen Auftritt auf offner

Straße. Es ist hier eine verflixte Polizei.«

»Wie so?« fragte Therese, und schickte sich an, den Einkauf zu

versuchen.

»Nun,« antwortete der Bediente mit entrüstetem Tone: »wie ich so im

besten Gehen bin, kommt Einer von der Polizei daher -- ich meine, das

müsse er gewesen seyn -- stiert auf meine Hand und ruft: Freund! wo hast

Du den Schuh her? -- Es fiel mich an. Mein Herr Offizier, gab ich ihm

zur Antwort, gestohlen habe ich den Schuh nicht, und um das Weitere

braucht sich Niemand zu kümmern. Nun legte er sich aufs Bitten, besah

sich den Schuh von allen Seiten, so daß ich daran denken mußte, was

mir, da ich noch ein kleiner Knabe war, meine Mutter seliger von einem

bezauberten Prinzen erzählte, der -- --«

»Ich weiß, ich weiß --« unterbrach ihn Therese mit einiger Heftigkeit.

-- Füßli starrte seine Dame an. Sie war wie mit Blut begossen -- er

meinte, es käme vom Bücken; nur über seinen Horizont ging es gänzlich,

daß sie wissen wolle, was er aus dem tiefsten Winkel der Beilade seiner

Mutter Goldamme hervorzusuchen im Begriff gewesen. »Wie sah denn der

Herr aus?« fragte sie.

»Es war der hübscheste Polizei-Lieutenant, den ich noch gesehen habe --«

antwortete Füßli, »lang und wohl gewachsen; aber seine Keckheit hatte

mich verdrossen, deshalb gab ich ihm nur kurzen Bescheid.« Therese ließ

sich die Uniform beschreiben. Sie hörte still zu, dann sagte sie mit

rügender Stimme: »Du hättest ihm doch höflicher Auskunft geben sollen.«

Füßli, stumm gekränkt, schüttelte leise den Kopf. Er meinte in seinem

subalternen Verstande, daß selbst die betrübteste Frau sich von der

Aufmerksamkeit eines Mannes geschmeichelt fühle, die dem kleinsten

ihrer persönlichen Reize zu Theil würde: er wußte nicht, wie viel feiner

Therese combinirte, da sie ihrem Diener den Mangel eines verbindlicheren

Benehmens vorhielt. --

Jetzt ward es laut auf dem Vorsaal. Therese öffnete die Thür, und

trat hinaus. Die Dame vom Lande, ihre Wandnachbarinn, stand im Begriff

abzureisen, von ihren Leuten und den dienstbaren Geistern des Hotels

umgeben, welche mit Schachteln, Paqueten, Flaschen, und hundert

unnennbaren Kleinigkeiten des Bedarfs zu einem behaglichen Leben,

belastet waren. Sie selbst glich einem wandelnden Pavillon, blieb

aber stehen, als die ätherische Gestalt Theresens, nur etwa wie ein

Trauermantel mit leichtem Schwarz besäumt, aus der düstern Stille ihres

Zimmers aufflatterte, und redete sie an. »Ach meine Liebe,« sagte sie

mit einer Fülle von Gutherzigkeit in dem wohlgenährten Gesicht, »Sie

sind gewiß die junge Dame, welche hier zu einer so traurigen Erfahrung

gekommen ist? -- Wie mich das gedauert hat! so jung Wittwe werden,

das ist in Wahrheit betrübt. Wie gern hätte ich Ihnen meine Theilnahme

bezeugt! aber man hat den Kopf so voll von Einkäufen, -- sieh Dörtchen!

o verzeihen Sie -- den polnischen Gries, den haben wir ja nun doch

vergessen!« Therese bedeckte mit der weißen Hand die Augen, vor all'

diesem häuslichen Wust. Sie hätte keiner Erinnerung bedurft, an den

unwirthbaren Boden ihrer Heimath. Mit leisem, verachtenden Stolz, wie

er dem Schmerz und der Liebe gegen solche Geringfügigkeiten eigen ist,

verbeugte sie sich, aber doch mit der Grazie des Kummers.

»Könnte ich Ihnen irgend womit dienen?« fragte die Baroninn im Tone

erhöheter Achtung, da sie kein Sterbenswörtchen, kaum einen Seufzer,

aus diesem schönen Munde vernommen, der ein so heiliges Recht zur Klage

hatte, deren Zurückhaltung stets am stärksten an das Herz des Mitleids

dringt. Therese dankte gerührt. Sie konnte den Wunsch, ein aufrichtiges

Mitgefühl zu äußern, nicht verkennen.

»Die Zeit --« setzte die Baroninn, wie wenig sie deren auch zu haben

schien, in der Weise einer erfahrnen Trösterinn hinzu: »die Zeit,

glauben Sie das mir, meine Beste! lindert auch den größten Schmerz. Da

mein guter Mann starb -- er ist nun schon seit zwanzig Jahren todt -- da

meinte ich auch nicht, noch einen frohen Tag zu erleben. Es giebt sich

jedoch Alles, auch das, was uns beugt. -- Werden Sie, wenn man fragen

darf -- Sich lange hier aufhalten?«

»Ich fürchte nicht, daß ich das müßte,« antwortete Therese mit einem

Blick voll Schauer: »der Boden dieses Hauses brennt unter meinen Füßen.«

Die Dame nickte, gleich einer unförmlichen Pagode auf diesem großartigen

Kamin, worin ein frisches Leben zu Asche geworden war, und sprach:

»sonst hätte ich Sie gebeten, zu mir zu kommen, auf mein Gut. Ich bin

die Baroninn Lenau.«

Dieser Name schlug mit einem bekannten Klange nicht an Theresens

Ohr, nein! an ihr Herz. Therese wußte von jenem Nicolaus, der ihn mit

dichterischen Ehren führt, und würdigte ihn wohl höher als den Kaiser,

den sie als einen Feind ihres zerstückten Vaterlandes betrachtete. Eine

poetische Verwandtschaft so wenig wie eine andere, zwischen diesem Lenau

und der Baroninn, ließ sich gleichwohl schwerlich voraussetzen, und doch

-- trotz der Prosa dieser Erscheinung, und wie versunken in sich selbst

Therese auch war, so flüsterte, da sie ihn nennen hörte, ein zartes ob

auch melancholisches Gefühl, wie das Schönste seiner Schilflieder es

erregt, in ihrem Busen auf. --

Das Wohlwollen verbindet schnell. Mit einem Zuge von Wehmuth ließ

Therese die Baroninn aus den Augen. Sie trat ans Fenster, und sah die

bepackte Landkutsche, von ihrer aristokratischen Bestimmung zu einer

anspruchslosen Victualienfuhre benützt -- langsam und schwerfällig

abfahren. Therese dachte dieser flüchtigen Begegnung nach, welche

sie doch ein wenig zerstreut hatte. Sie besaß überhaupt eine gewisse

Vorliebe für ältere Personen ihres Geschlechts, und die Gabe ihnen zu

gefallen; hingegen Frauen von mittleren Jahren konnte sie nicht leiden,

ohne sich eines Grundes dafür bewußt zu seyn. Diese Eigenheit, denen,

die mit ihr lebten, so bekannt, daß, als Therese einst ein rüstiges

Weib, welches ihr Erdbeeren feil bot, gegen ihre Gewohnheit ziemlich

unfreundlich abwies, ihr Schwager lächelnd sagte: »die Arme hat

wahrscheinlich nicht das rechte Alter, um Dir sammt ihren schönen

Früchten anzustehen? --« hielt sie vielleicht theilweise von Fabia

entfernt, während ein Verhältniß ungeheuchelter Zuneigung zwischen der

alten Nonne und der jüngsten Schwägerinn des Administrators bestand.

»Es giebt sich Alles,« hatte die Baroninn gesagt, »auch das, was uns

beugt.«

Was ist wohl starrer als der Tod? Und doch schmiegt der Gedanke an die

Verstorbenen sich allmählig unsern Vorstellungen an, hausbequem wie ein

Kleid, in dessen weiten Falten ein wenig Staub ruht, ohne daß auch das

reinste Herz davon beunruhigt würde.

Therese blickte tiefsinnig in das Gewühl, welches geräuschvoll wie ein

Strom, doch eben so unverständlich sich unter ihr bewegte. Stunde an

Stunde verrann -- gegen den Abend sollte Constanz still, doch feierlich

beerdiget werden, und seine Frau begehrte, während dieses Acts allein zu

bleiben. Füßli wagte bescheidenen Widerspruch; das Gefühl der Einsamkeit

und eines gemeinsamen Verlustes hatte dem treuen Diener Freundesrecht

dazu gegeben.

»Es ist so schön, gnädigste Frau,« sagte er beklommen, »wenn ein

Ehegatte den letzten Gang mit dem Andern nicht scheut, sey er immerhin

der schwerste. Ich mögte sagen, es sähe den Frauen so ähnlich. Die

Mutter blickt zehnmal in die Wiege, ob ihr Kindlein gut schläft, eine

Pflegerinn achtet darauf, ob die Kissen des Kranken recht liegen, und

eine Wittwe sollte das Auge abwenden und nicht sehen wollen, wie man

ihren Todten gebettet hat? -- Was mich betrifft, so würde ich meinen

Herrn begleiten, und wenn ich auf den Knieen seinem Sarge nachrutschen

müßte.«

Therese erröthete beschämt, und ein Anflug von Zorn über den Vorwurf,

der in diesen treuen Worten für sie lag, schürte die Flamme ihres

Angesichts. Sie sagte mit Selbstvertheidigung: »daß ich mein blutend

Weh vor den Augen fremder Menschen entschleiern, und der Neugier ein

Schauspiel geben sollte: dies kann ich nicht. Es wäre eine Form, die

meinem Wesen widerstünde; meinem Constanz hilft es nicht mehr, und Wem

schadet es, wenn ich lasse, was zu thun er selbst unräthlich finden

würde? -- Jeder hat seine eigene Schicklichkeit, guter Füßli.« Und dabei

lächelte sie todesängstlich, wie im Besserwissen einer höheren Stimmung.

Jener schüttelte den Kopf, und seine Miene würde ein Kundiger dieser

Sprache der Seele in die Antwort übertragen haben: »aber die Liebe ist

doch nur Eine!«

»Wäre nur der Schwager hier,« jammerte Therese, und brach in Thränen

aus, deren Thau sie dem Gras des fremden Kirchhofs vorenthielt --, »oder

ein anderer Freund, der sich meiner annähme!« Füßli schwieg gekränkt.

Seine weinende Dame sprach: »verlassener als ich, ist wohl auf Gottes

Erde Niemand -- und war ich es eigentlich nicht immer? --« In dieser

Frage, womit Therese sich gleichsam frei sprach von den zarten Pflichten

einer Verbundenen, geschah dem Anspruch des Gemahls Eintrag, den der Tod

von jedem irdischen Bande gelös't; aber die Stunde des Begräbnisses gab

ihm sein volles Recht wieder. Erschütternd in Schluchzen, aufgelös't

in Leid, saß Therese im einsamen Sopha, während Der, dem sie kraft des

ehelichen Gehorsams hierher gefolgt war, zu seiner letzten Ruhestätte

schwankte, und sie an fremder Stelle allein ließ. Jeder Glockenhall

bewegte ihre Seele in einer Schwingung stürmischen Schmerzes;

überwältigt von unbekannten aber furchtbaren Gefühlen, war sie keines

klaren Gedankens fähig. Endlich lagerte sich eine dumpfe Stille um ihren

müden Geist. Sie lehnte den Kopf hinten über, schloß die Augen, und ließ

unbewußt einzelne Tropfen unter den Wimpern hervorrinnen. -- Im Hause,

was den todten Gast entlassen, herrschte eine ungewöhnliche und bange

Stille; selten schwebte der Engel mit der Palme in solcher Ruhe.

Da eilte ein starker doch gedämpfter Schritt die Treppe herauf an

die Thür von Theresens Zimmer; es klopfte, und ohne das Wörtchen der

Erlaubniß abzuwarten, trat ein Offizier ein. Rudolph Feldmeister lag zu

Theresens Füßen, und hauchte athemlos einen ehrerbietigen Kuß auf die

schwarze Serge ihres Schuhes.

Wie von einem elektrischen Schlage geweckt schaute sie auf. Schweigend

sah sie ihn an, nur der nasse Blick, die zitternde Hand redete in einem

leisen Druck, der dennoch die gepreßte Empfindung verständlich machte,

worin sie athmete. Therese glaubte, der Himmel habe sich geöffnet, ihr

seinen sichtbaren Schutz zuzusenden. Nach einer unaussprechlichen Minute

sagte sie mit wankender Stimme: »so eben begräbt man meinen Mann -- und

ich weiß nicht, ob es sich ziemt, daß Ihr Hierseyn, lieber Freund, seine

Wittwe tröste? --«

»O Therese!« rief der Lieutnant leidenschaftlich versichernd, »wie hat

dieser Todesfall mich ergriffen, ohne daß ich wußte, Wen er träfe! und

nun sollte ein erbärmlicher Anstand mich fern halten, wohin mein Herz

mich drängt, selbst wenn es anders schlüge, als für den einzigen Wunsch

dieser geliebten Nähe?«

Therese weinte heftig, der Lieutnant stand langsam auf, und sah finster

in den Fall ihrer Thränen. »Fürchten Sie nicht, Therese,« sagte er mit

jener edelsinnigen Achtung, die einem höheren Gemüth der Anblick des

Leidens einflößt, wenn gleich sich in seinen Ton ein wenig verbitternde

Kälte der Eifersucht mischte, »daß ich die Heiligkeit dieser Stunde und

ihrer Gefühle nicht genug ehren mögte, um von dem meinigen zu schweigen.

-- Aber -- die Vorsehung scheint mich zu Ihrem Schutz berufen zu

haben, den Sie in so seltsam unglücklicher Lage in dieser fremden Stadt

bedürfen könnten. Mit unsäglicher Mühe und Eile bin ich einer zarten

Spur von Ihnen nachgegangen, hoffend, daß ich Sie fände -- -- Therese!

mein Wiedersehen so unvermuthet, freut Sie nicht?«

Therese erhob das quellende Auge zu ihm; ein warmer Strom floß in sein

Herz, und machte es schwellen. Sie schüttelte den schönen Kopf, und

diese verneinende Geberde sprach jene zuversichtliche Erwartung nicht

ab. »_Unvermuthet?_« sagte sie mit dem leisen Accent magnetischer

Ahnung, »nein mein Freund! ich wußte, Sie wären mir nahe. Wo ich

bedrängt bin, da erscheinen _Sie_! -- Habe ich doch schon ihre Stimme

vernommen. Unmöglich scheint mir nichts, nachdem, was ich erfahren.

Ach!« und bei diesem seufzenden Ausruf rang sie die zarten Hände in

ihrem Schooße, »_was_ habe ich gelitten seit unserer Trennung! ich werde

es nie -- _nie!_ vergessen.«

Diese Versicherung spaltete sich in dem Gefühl des Empfängers. Der

angegebene Zeitpunct schmeichelte, ob auch unbestimmt, seinem fordernden

Herzen; doch das Unmaß von Weh, wovon der leichte Sinn dieses harmlosen

Wesens betroffen worden, deutete wahrscheinlich nur auf einen Schlag des

Schicksals hin, der zur Zeit seine eigenen Empfindungen unterdrückte.

Seine Zunge war für einen Moment gelähmt, dann sagte er: »ich glaubte

nicht, daß der Verlust eines Mannes, den Sie eigentlich nur dem Namen

nach besaßen, Sie bis zu diesem Grade außer Fassung bringen könnte,

da es nur auf Ihre Neigung ankommen würde, jenen hohlen Besitz zu

behalten.«

Therese seufzte aus voller Brust und dachte: »am Ende nimmt er es wohl

übel, daß ich traurig bin? -- O über die Männer! ihre Eigensucht findet

sich sogar durch die Aufregung beleidigt, welche Derjenige verursacht,

der allen irrdischen Wallungen ein Ziel setzt! --« Sie antwortete:

»als Constanz zurückkehrte -- o Gott! wann kam er denn? da hätte ich

im Voraus wissen können, was mir begegnen würde. Mir war so kalt und

schauerlich zu Muthe, als ob der Tod mich in seine Arme schlösse. Nun

ging es holter, polter fort. Unerbittlich für den Wunsch der Seinen,

gönnte er mir kaum Zeit, mich zu fassen, da das Scheiden vom Stift

mir sehr schwer fiel. Dort ist mir wohl gewesen, sehr wohl! kleine

Uebelstände etwa abgerechnet, die gegen so vieles Gute nicht in Betracht

zu ziehen sind. Mit freundlicher Vernunft ließ der Schwager mich

gewähren, und mir kein Härchen krümmen. Er war mir ein Bruder,

wahrhaftig ein Bruder! und Ihren Oheim, ja den Major, habe ich wie einen

Vater geliebt!«

Sein Neffe lächelte kühl, wie mit der Indolenz eines dankbaren Vetters,

denn die Wärme, womit Therese des Administrators erwähnte, that der

Wirkung jenes kindlichen Gedankens Eintrag.

»Der Morgen, wo wir von Sanct Capella abreiseten,« fuhr sie fort, »war

mir schrecklich. Die ganze Welt kam mir verändert vor, so auch mein

Mann. Ich war wirklich ein wenig einsiedlerisch geworden -- und

der Gedanke, mich wieder in seine umherfahrende Weise einzurichten,

widerstrebte mir. Unbeschreiblich abgemüdet, mehr am Geist als am

Körper, langte ich hier an. Erlassen Sie es mir, daß ich Ihnen von der

kurzen Krankheit erzähle, die den armen Constanz binnen wenig Stunden

hinabwürgte; ich bin es nicht im Stande. Und wäre er mein Feind gewesen,

und nicht mein Mann, ich hätte gern, als es ihm an Luft gebrach, den

Athem meiner Brust ihm einhauchen mögen.« Ein langer zitternder Seufzer,

aushaltend in sprachlosem Schmerz, schloß diese Rede.

»Ich glaube Ihnen --,« sagte Rudolph bewältigt. Doch von seinem

Standpunkt aus, und nach der Behauptung jenes Kenners der menschlichen

Seele, dessen genialem Blick diese dunkle Substanz durchsichtig war, so

daß er ihre tiefsten Geheimnisse an das Licht brachte, wie zum Beispiel

eine beschattete Stelle der Theilnahme, die da lautet: _denn nichts

scheint Denen trübe, die gewinnen_ --, setzte er hinzu: »jenes Bild

des Grauens wird sich mildern, theure Therese. Wie sollte, wenn die

Vorstellung des Todes haften bliebe, der Soldat bestehen, der ihn mit

all seinen Schrecken ertragen, und in furchtbarer Masse sehen muß, ohne

daß er bei diesem Anblick zagen dürfte? Ein stärkeres Gefühl bezwingt

ihn. Mein süßes Leben! beruhige Dich! jetzt bin _ich_ da.«

Ein Blick innigster Schutzversicherung ward zwischen ihnen gewechselt.

Und mit dem schüchternen Aufschluchzen überwundner Aengste sagte

Therese: »ich bin kein Held, lieber Freund! und mich in einer so ganz

einzigen Lage zu benehmen, fehlt es mir an Umsicht, wie an Erfahrung.

Mich mit dem Nachlaß des Verstorbenen zu befassen, ist mir rein

unmöglich. Ich glaube, ich könnte die größte Erbschaft wegschenken, um

nur nicht davon reden zu hören.«

Der Lieutnant lächelte wundersam in sich hinein. Und Therese sprach

weiter: »ein feiner Mann vom Corps Diplomatique war bei mir, dem ich das

Portefeuille meines Mannes aushändigen mußte. Ich wußte nicht, ob ich

recht daran gethan, und ob nicht noch andere als staatsgeheime Papiere

darin gewesen? -- Wäre nur der Schwager hier? ich habe einen Brief an

ihn angefangen -- dort liegt er noch. Als ich mich dazu sammeln wollte,

kam ein Sammelbruder, wie denn überhaupt Störungen begehrlicher Art hier

unvermeidlich sind. -- Die Gedanken versagten mir, kein Wort wollte aus

der Feder fließen; aber Thränen sind genug auf das Papier geflossen.«

»Ich schreibe an den Major --« sagte der Lieutnant mit nachholender

Hast, »heute noch! sogleich. Wir senden eine Estafette. Der

Administrator muß her. Doch dürfte es bei der großen Entfernung eine

ziemliche Weile dauern. O Therese, Muth gefaßt, holde Freundinn! es

werden bessere Tage kommen; dann sind diese ein beklemmender Traum

gewesen. Mir war, als hätte ich auch geträumt -- aber feenhaft, und

meine Zukunft wäre verwandelt. Ich wüßte Ihnen Gutes zu erzählen; allein

es deucht mir unzart, daß ich in diesen Augenblicken von mir spräche,

und von irgend einem andern Glück als dem, zu Ihrer Beruhigung beitragen

zu können.«

Therese athmete erleichtert auf, reichte ihm herzlich die Hand und

sprach: »so wäre mir denn geholfen; zweifeln Sie nicht, daß Ihre

Gegenwart die größte Wohlthat für mich ist. Aber noch ist mein ganzes

Wesen so von Furcht und Beben eingenommen, daß ich die Hoffnung nicht

zu fassen vermag, ich würde mich wieder einmal freuen können. -- Es ist

mir, als begäbe sich der Trost, daß ich Sie sähe, nur im Fieber. Ihr

Bild wankt vor meinen Augen, eine so jähe, so erschütternde Veränderung

läßt uns fühlen, daß nichts Bestand hat. Und die Angst zuckt schreckend

durch meine Glieder, ich könnte erwachen, und Sie wären verschwunden.«

»Nein ich bleibe!« rief der junge Mann mit fester Innigkeit, und der Ton

entschiedenen Selbstvertrauens steigerte sich zur Leidenschaft, da er

hinzusetzte: »ich bleibe ewig Ihr treuester Freund! und eher mögte

ich mich wohl selbst verlassen, als von dem Platze weichen, auf den

himmlische Gunst mich gestellt hat. -- Ist es ein Zufall, daß wir uns

in Polen, im Stifte, und nun hier, in öder Weite, abgerissen von allen

vorigen Beziehungen, gefunden haben? Eine unsichtbare Hand hat uns

verknüpft, Therese! ich halte meinen Schwur, und der Himmel selbst

scheint es zu wollen.«

»Constanz --« flüsterte Therese, »wird mir auch sein Schatten zürnen?«

»Er war eine vermittelnde Macht zwischen uns --« entgegnete Rudolph,

»sein Daseyn, nun nicht mehr begrenzt, erweitert sich für unendliche

Wünsche. Ein Geist ist nicht engherzig mehr, daß er dem Liebsten, was

die Erde für ihn hatte, einen Strahl von Seligkeit, die Liebe! mißgönnen

sollte. Aber Therese -- Sie sind krank, und ein Wunder ist es nicht.

Wenn ich Sie nur besser aufgehoben wüßte, in weiblich schicklicher

Pflege. Der Gasthof ist kein Asyl für eine Leidtragende. Nun, morgen

wird es anders seyn. Ich schreibe die Nacht hindurch, und mit Anbruch

des Tages lasse ich meinen Boten fliegen.«

Jetzt trat Füßli ein. Die Schwermuth der Dienstpflicht, von der er

zurückkehrte, beugte ihn sichtbar, ein Grabeswehen düsterte um die

beflorte Gestalt, und die Citrone in seiner Hand, deren Poren im

Ausdruck starken Schmerzes lind geworden waren, hauchte einen leisen,

bangen Geruch aus.

Eine wunde Röthe floß mit der Blässe Theresens zusammen, als sie den

Diener ansichtig ward, an den sie während dieser Scene mit keiner Sylbe

gedacht hatte. Und auch das erdfahle Gesicht des ehrlichen Schweizers

überzog sich mit der Farbe der Empfindlichkeit, da er den fremden

Offizier erkannte. »Füßli!« sagte Therese mit weichem Tone, »dieser

Herr, ein naher Verwandter des Major von Feldmeister im Stift, wird so

gütig seyn, in meinem Namen nach Sanct Capella zu schreiben, und Dir das

Nöthige hierüber ertheilen.«

Der Diener verbeugte sich stumm, und indem seine Dame sich gleichsam zu

einer Entschuldigung herabließ, über dies Zusammentreffen, wie über

die Vollmacht, welche der Lieutnant von ihr empfangen, zwang eine zarte

Stimme ihres Busens sie, sich solchergestalt gegen ihn zu erklären.

-- Wenn es eine Pflicht zu trauern giebt, so ist stumme Treue der

beredteste Vorwurf. Wer sich schweigend härmt, versenkt in tiefen Gram,

erhebt sich in jeder Sphäre über Den, der Ohr und Lippe dem Troste

öffnet.

Rudolph ging bald darauf. Er beeilte sich, die Briefe zu schreiben, die

keinen längeren Verzug gestatteten. Den folgenden Nachmittag wollte er

wieder kommen, weil der Dienst ihn am Morgen nicht entließ.

Therese empfand sein Fortgehen selbst für die Frist einer kurzen

Frühlingsnacht, und bei der Gewißheit seiner Wiederkehr, doch

beängstend.

Füßli blieb stöckisch, und wartete mit finsterer Unterwürfigkeit seines

Dienstes. O! warum kann keiner sehnenden Seele Erquickung zu Theil

werden, ohne daß die Mißgunst irgend einen erbitternden Tropfen dazu

mischte? -- Vor Allem stehet der Genuß auch der schuldlosesten Liebe

unter diesem weltlichen Fluch. Sie ist das himmlische Feuer, dessen

Raub mit jener Strafe gebüßt wird, die sich täglich erneut. -- Der

Freundschaft -- und ist diese weniger ätherischen Ursprungs? -- wird

ihre schmelzende Kraft eher verziehen. Sie -- »die Freundschaft hat

Stufen, die am Throne Gottes durch alle Geister hinaufsteigen, bis zum

Unendlichen!« So hoch kann der gewöhnliche Begriff sich nicht erheben.

Aber Liebe, hienieden gefühlt, erscheint den Menschen oftmals niedrig.

-- Und nicht immer sind die Beweggründe Derer rein, die im unberufenen

Zweifel, ob ein Verhältniß lauter sey, ein Herz in Flammen läutern.

-- Hätte der Major anstatt seines Neffen sich zum Beistand Theresens

gefunden, der Diener ihres verstorbenen Gemahls würde ihn gesegnet

haben; der junge hübsche Offizier, der ihren Schuh sogar erkannt -- war

ihm ein Dorn im Auge.

Schon hatte Therese am folgenden Tage ihres Freundes geharrt, und die

Minuten, welche er zögerte, berechnet, als Rudolph kam, und wie es

schien im Drange einer willkommnen Nachricht.

»Ich habe über Sie verfügt --« sagte er mit einem offnen Blicke, und

hörbar knitterte seine Hand ein Blatt Papier in der Tasche, was er aber

stecken ließ, als bedürfe es zwischen ihnen des Beweises nicht, »werden

Sie mir das Zutrauen verleiden, daß ich es durfte?«

Therese bat ihn, mit einer Miene der Vorausbilligung, niemals ungewiß

darüber und jetzt deutlicher zu seyn.

Die Schwägerinnen. Zweiter Theil. · 第 6 / 13 段