Ihr grauete nun vor nichts mehr auf Erden, es wäre denn die Rückkehr

nach Bonna gewesen. -- Nach und nach spannten ihre Gefühle sich ab, und

eine tonlose Stille, die keinen Anklang mehr von sich giebt, schwebte um

das zertrümmerte Saitenspiel ihrer Empfindung. Wenn alle Schmerzen der

Seele sich durch Mittheilung lindern: die Leiden gekränkter Liebe nicht.

Diese tragen sich nur allein. Wo Menschen um eine verlorene, verrathene

Liebe wissen, da wird ihr Verlust doppelt gefühlt, da ist der Schmerz

jenes Wissens größer, als der ihrer Erfahrung. Wer getröstet seyn will,

darf nur die Theilnahme der Engel ansprechen, und wirklich war ein Engel

Albanens einziger Trost: ihre kindliche Pflicht.

Graf Frankenstern war allgemach ein Greis geworden. Sein Körper schien

gesund, doch sein Geist bei zunehmenden Jahren die zerstörende

Kraft verloren zu haben, und in einen gewissen Zustand der Kindheit

zurückgegangen zu seyn. Seine Imagination war ein Spiel -- aber mit

ernsten Gegenständen. Er interessirte sich für Politik -- allein nur

in Gemäßheit seiner verworrenen Begriffe. Aus Mangel entsprechender

Mittheilung berief er oft die Monarchen und ihre Feldherrn zu sich, und

legte ihnen seine Ansichten und Plane vor. »Ach!« sagte er dann, und

deutete traurig auf die hohen Stühle, »Sie schweigen, meine Tochter! ich

hoffe wenig.« Albane schwieg auch. Sie hoffte gar nichts mehr. --

Die Gräfinn pflegte ihres Vaters treu und sanft wie eine Mutter.

Sie schmückte sich geduldig, wenn er es für solch eine Zusammenkunft

wünschte, sorgte für eine vornehme Bewirthung, die unberührt blieb, weil

nur Geister zu Gast waren -- und machte ihm allen Willen, wie man einem

kranken Kinde thut. Mit träumerischem Lächeln starrte sie in die wüste

Leere des Zimmers -- nur der Spiegel zeigte ihr ein bleiches Bild. Aber

jener Friede, welcher höher ist als alle Vernunft, fing an, bei ihr

einzukehren.

Vorzugsweise beschäftigte den Grafen _eine_ welthistorische Person: der

beseitigte Schutzgeist Napoleons, die Exkaiserinn von Frankreich. Sie

war die liebste Puppe seiner Gedanken, ihr Schicksal trug er im Herzen

-- und hätte lieber gesehen, daß Jedermann diese Erste Frau auf Händen

trüge.

»Heut kommt Josephine -- sie hat es mir geschrieben,« sagte der Graf und

blickte in einen kleinen Zettel der vor ihm lag, »binde Dir ein besseres

Halsband um, meine Tochter.«

Albane erblaßte. Dieser theure Name regte die tiefste Sehnsucht ihres

Busens auf. »Wenn das wäre,« antwortete sie mit wankender Stimme,

»dann hätte ich nur _einen_ Schmuck --: zahllose Perlen! Perlen aus dem

tiefsten Meer!« Und über ihre Wangen rollten Thränen, in denen ein Glanz

von Freude schimmerte.

Die große Tragödie des Krieges war aus, die Völker steckten das Schwerdt

in die Scheide, die Fürsten zogen ruhmgekrönt nach Haus. Gras wuchs über

den Schmerz der Welt, und wo am meisten Blut geflossen, da blühte die

segensreiche Aehre am schönsten. -- Jetzt war dem Grafen zu Muthe, als

wäre ein langer Kampf in ihm zu Ende, und er dürfe nun auch heimziehen.

Er sehnte sich nach Ruhe -- nach einer neuen oder vielmehr alten

Ordnung der Dinge. »Albane,« sagte er, »ich habe es nun satt, dies

Nomaden-Leben. Wir wollen fort, nach Bühle --« ein leiser letzter

Schauer vor Bonna rieselte über seine Nerven -- »hörst Du? meine

Tochter?« Dann setzte er hinzu: »Sanct Capella ist nicht weit von dort.«

»Die Klöster sind aufgehoben --« antwortete die Gräfinn, indem sich bei

dem Worte ihres Vaters der Schleier hob, worein sie, völlig entsagend,

alle Wünsche, ihr irdisch Leid, vor der ganzen Welt verhüllt hatte.

»Nun, das Stift steht ja noch --« versetzte Jener, als wolle er sich

nicht merken lassen, daß er daran nicht gedacht. »Nonne kannst Du nicht

werden --« fuhr der Graf wie befreit fort, »nicht Seine päbstliche

Heiligkeit, nein! der himmlische Vater selbst hat Dir Dispens davon

gegeben, und Du bist mehr als eine barmherzige Schwester, Du bist eine

wohlthätige Tochter geworden, für mich alten schwachen Mann!«

Da weinte Albane laut. Sie fühlte sich entsündigt, und daß die Liebe des

Gesetzes Erfüllung sey.

Die Zurüstungen zur Reise wurden nun getroffen. »Wie werde ich Alles

finden?« fragte die Gräfinn sich tausendmal. Das Thor der Möglichkeiten

that sich weit vor ihr auf -- doch der künftige Tag ist den Sterblichen

verschlossen.

* * * * *

Wir finden Theresen auf der Reise nach ihrem künftigen Wohnorte wieder.

Sie sitzt an der Seite des Gemahls, berührt von seinem Mantel; ihre Hand

liegt in der seinigen --; aber die Jahre ihrer Entfernung, die Länder,

welche Constanz durchreist, liegen fühlbarer noch für seine Gattinn,

zwischen ihnen. Sogar seine Stimme klingt ihr fremd -- wie von einem

dunkeln Jenseits herüber. Jener rührende Zauber, womit die geliebteste

Stimme an die Seele dringt: er war vernichtet durch eine Gegenkraft --

und Therese hörte nur, daß ihr Mann etwas heiser sey. -- Sie blickt in

den Boden seines Hutes, den sie auf ihrem Schooße hält, weil Constanz,

um besser zu ruhen, sich mit unbedecktem Haupte in die Ecke des Wagens

geschmiegt hat; doch eigentlich blickt sie in die Tiefe ihres Herzens,

das auch ohne _Hut_ und deshalb übel gefahren ist -- und ein fremder

Meister hat dort auch seine dunkle Vignette angeheftet. -- Die Fahrt

geht rasch; aber Therese kann sich von dem Gedanken an das Stift

nicht losreißen, und doch, so wie der unermeßliche Himmel sich vor ihr

ausspannt, spannt ein geheimnißvoller Aether die Flügel ihrer Sehnsucht

nach der Ferne. --

»Erzähle mir etwas Du Liebste! von Deinen Freunden --« sagte Constanz zu

seiner schweigsamen Gefährtinn, »und vergönne, daß ich Dir still zuhöre.

Es ist, als ob mir jedes Wort einen schmerzenden Reiz in der Luftröhre

verursachte. Wie es scheint, hast Du sehr glücklich in Sanct Capella

gelebt.«

»O sehr glücklich!« antwortete Therese mit einem Seufzer der Wehmuth;

und der Accent dieser Versicherung hätte ihren Mann beleidigen müssen,

wenn er innigere Ansprüche an seine Frau gemacht.

»Der Ort ist doch wirklich zauberisch schön gelegen,« fuhr Therese fort,

»und läßt nichts vermissen. Wir bildeten eine kleine Gesellschaft unter

uns, das ist denn ein ganz anderes Verhältniß, als die Verbindungen in

Mitten der Welt. Wir waren Hausgenossen -- Eine Familie gleichsam --

und mit wahrer Lust im Bann des Klosters. Die Verschiedenheit der

Charaktere, welche dazu gehört, um innig im Umgange zu seyn, gab unserm

einfachen Zusammenleben vielseitiges Interesse. -- Welch ein köstlicher

Mensch ist der Bruder! nur gesunder möchte ich ihn wünschen, obgleich

er sich in der letzteren Zeit erholt zu haben schien. Dann Fabia -- wie

eine Mutter war sie für mein Bestes bedacht. Man muß sie nur kennen.

Wer sie aber kennt, schätzt sie gewiß. Sie gleicht einem süßen Kern in

spröder Schale. Und etwas Lieberes, als die alte Nonne, die Du gesehen

hast, kannst Du Dir gar nicht denken, Constanz. Das ist wahrlich eine

heilige Jungfrau, die besser als der Papst die Sünde den Menschen

verzeihen könnte! -- Da ist nichts von der finstern Verdammniß zu

spüren, die Niemand selig werden lässet, der die Welt ein wenig lieb

hat. Schwester Veronica ist sanftmüthigen Geistes, mild gegen Jedermann

-- kein feindlicher Gedanke, kein gehässiges Gefühl fände Raum in ihrer

friedenvollen Seele. Auch hat sie selbst geliebt, und ihr Herz dieser

Liebe geopfert. Man kann diese kleine Geschichte nicht ohne die größte

Rührung hören. -- Dafür scheint ihr denn auch ewige Jugend geworden zu

seyn, und ich habe zuweilen schon gedacht, die gute Nonne stirbt wohl

gar nicht, und wird in ihrem Erdenleibe, worin sie himmlisch lebt,

einmal von Engeln emporgetragen.«

»Deine Schilderung ist begeistert, meine Therese --« fiel hier Constanz

seiner Gattinn in die Rede, »und ich hätte Dir so viel Sinn für

_klösterliche_ Vorzüge kaum zugetraut.«

Therese empfand die leise Ironie in den Worten ihres Mannes nicht. Sie

sprach: »von der Clausur merkte man nicht das Geringste an ihr. Veronica

konnte sehr heiter seyn, und sogar anmuthig scherzen. Wie oft hat

sie über die tollen Lügen Moorhausens herzlich gelacht! wo selbst der

Schwager ergrimmte, sagte sie nur: es ist ihm zur andern Natur geworden,

ich denke mir, er genießt das Vergnügen eines Fabeldichters, der aus dem

Stegreif erzählt, und gönne es ihm.«

»Und der Major?« mit diesen drei Frageworten störte hier abermals

Constanz die Charakteristik, womit seine Frau ihn unterhielt, »dem

scheinst Du ganz besonders wohl zu wollen.«

Therese erröthete; ein Widerschein von Purpur, von zarterem Anflug und

höherer Farbe als das Futter ihres Hutes, hauchte ihre Wange an, und sie

schlug die braunen Augen tief nieder. Sie sprach: »o! das ist auch ein

excellenter Mann! Den solltest Du kennen. Er war mir väterlich gut, und

ich hätte ihm zuweilen die Hand küssen mögen.«

Hier zog Constanz die seinige aus Theresens Hand, und schlang einen

Knoten in das bastseidne Schnupftuch, als wolle er sich etwas in das

Gedächtniß knüpfen. Eine Pause trat ein, dann sagte er: »dieser Major

Feldmesser --«

»_Feldmeister_,« berichtigte Therese, und ihr Mann redete weiter, »hat

mir auch sehr gefallen.« Seine Frau warf auf diesen Ausspruch ihm

einen schönen Blick zu, und erwiederte: »er ist der beste Freund Deines

Bruders, und diesen Rang wird ihm schwerlich jener Sylvius streitig

machen, der mir immer unheimlich vorgekommen ist.«

»Nun der Schatten darf Deinem Gemälde auch nicht fehlen --« versetzte

Constanz, »doch das Schönste, den Lichtpunkt, hast Du Dir bis zuletzt

aufgehoben: Josephine. Dieses liebenswürdige Geschöpf, erquicklich in

seinem Anblick und bescheiden, ist ein wahres Blümchen Augentrost.«

Es ist ein schlimmes Zeichen, wenn eine Frau, auch die beste -- das Lob

einer Andern ihres Geschlechts, ohne Eifersucht, aus dem Munde ihres

Gemahls hört. Ohne Extase entgegnete hierauf Therese: »es ist ein

seelengutes Mädchen, und gar nicht so simpel, wie man glauben könnte. --

Sie wird strenge gehalten, die arme Josephine! und ihren zarten Kräften

wird viel aufgebürdet, was nur durch diese stille Duldung zu ertragen

möglich ist.«

»Das süße Lamm!« sprach Constanz mit regem Bedauern, »doch nach dem

Sprüchwort und der Erfahrung: regieren gestrenge Herren nicht lange.«

Ein diplomatisches Lächeln spielte um seinen Mund. Und weil dieses Bild

von raschem Umschwung ihn in den Kreislauf seiner Vergangenheit zurück

versetzte, so kam er durch eine sehr natürliche Association der Ideen

auf die Frage: »wie brachtet Ihr denn sammt und sonders Eure Tage zu?«

»Du meinst, wir hätten Langeweile gehabt? nicht einen Augenblick, sage

ich Dir!« versicherte Therese mit leuchtenden Augen. Und das Quecksilber

ihres Temperaments machte ihre Seele zu einem Spiegel, der die kleinen

Freuden des Stiftes glänzend verdoppelte; ihre Rückblicke zeigten Alles

in erhöheter und reinster Potenz. »Des Abends waren wir zusammen, und

spielten Whist oder Schach --« setzte sie mit fallender Stimme hinzu,

und der Tagesbericht der muntern Kostgängerinn von Sanct Capella endete

in einem leisen, ernsten Seufzer.

»Und da schlugst Du selbst den tapfern Feldmeister aus dem Felde --

nicht wahr?« fragte Constanz, ihrer Fertigkeit sich entsinnend, und

zupfte seine Frau an einem Löckchen hinterm Ohr. Aber es war Theresen,

als ob sie am Gewissen gezupft würde.

»Nicht immer --,« antwortete sie halblaut, »ich war auch bisweilen im

Verlust.« -- War es der versteckte Sinn dieser Worte, oder der Geist der

Liebe, der in der Erinnerung an das Schachspiel ahnungsvoll sein Herz

bewegte? -- Genug, die Wage seines unpäßlichen Gleichmuths schwankte,

und der Ton war von Gewicht, als ob ein Vorwurf ihn herabzöge, womit

er sagte: »da Deine Zeit so mit Vergnügen besetzt war, wie ich zu dem

meinigen höre, -- so fandest Du wohl wenig Muße, meiner zu gedenken?--«

So hätte Constanz jedoch nicht fragen sollen! Therese ward sich bewußt,

daß ihr Gemahl beinahe drei Jahre abwesend gewesen. Sie antwortete

tiefsinnig lächelnd: »es braucht viel Zeit, bis eine Welt untergeht.« --

»Wo hast Du die Phrase her, Therese?« fragte Constanz, erstaunt über das

Wissen seiner Frau, und über die Anwendung, welche sie von jenen Worten

machte.

»Ich schlug sie jüngst in einem Buche auf, worin der Bruder las --«

sagte die schöne Frau, welcher der Verfall des ganzen römischen Reichs

übrigens sehr gleichgültig war.

»So bin ich noch Deine Welt?« fragte er seltsam heftig, und neigte sich

zu ihr, und Theresens Blick, ein Abglanz jener Sonne, die ihn einst

erwärmt, fiel wie ein Mondstrahl, kühl und geheimnißvoll, in das Düster

seiner Vorstellungen.

Während der längeren Dauer dieser Reise suchte Therese durch

freundliches Geschwätz ihren Mann zu erheitern, der sich leidend dabei

verhielt. Wenn sie beflissen schien, von Diesem und Jenem zu sprechen,

so war's vielleicht, daß er ihre Absicht merkte, was ihn verstimmte. --

Das Bedürfniß der Unterhaltung ist ein schlimmes Merkmal für die Liebe.

Wo ein Liebender die Langeweile des Andern empfindet, da ist dieser

Andere schon verkürzt. Ein Herz, ganz von seinem Gegenstande ausgefüllt,

bedarf nichts als des Glückes, bei ihm zu seyn. Liebende sind -- ist ihr

Verhältniß in der Ordnung -- Sich die Einzigen, die da leben: denn

jede junge Ehe wiederholt die Schöpfung, und der Athem Gottes hat

millionenmal das Paradies geschaffen, seit das erste verloren ging.

Wenn daher Menschen, beseelt von diesem ewigen Hauch, etwas außer

sich merken, und mit jenem Bewußtseyn, was der Liebe heiliges Glück

vernichtet, ihr Gefühl verhüllen, o! dann blitzt der feurigste Gedanke,

oder auch ein Witzfunken, nur von dem flammenden Schwerte des Engels,

der an der Gartenpforte ihres Edens steht. Sie wandeln fortan zwischen

Dornen und Disteln der Erbsünde, und das Kind der harten Erde wird mit

Schmerzen geboren, wissend, daß es sterben muß! --

Nach mehreren Tagen, in denen der neue Legationsrath sich und seiner

Gattinn nur wenige Stunden der Ruhe gegönnt, sahen sie die schöne

Stadt nun vor sich, welche der Ort seiner Bestimmung war. In äußerster

Erschöpfung freute sich Therese, endlich am Ziel zu seyn. Ihr Blut war

durch das anhaltend rasche Fahren in Wallung, das feine Geäder am Halse

hüpfte, in jeder Fingerspitze hämmerte ein Puls. Sie war zu müde, um

sich ängsten zu können, da Constanz sich unwohl klagte. »Dein Husten

pfeift ordentlich und hat einen schneidenden Ton,« sagte sie unter einem

nervenfröstelnden Rückenschauer zu ihrem Manne. »Ich denke, wenn Du

wirst ausgeschlafen haben, dann giebt es sich.«

»Ja, ich denke einen langen Schlaf zu thun --« antwortete Constanz mit

mattem Lächeln, und schloß die entzündeten Augen vor dem Häusermeer, was

der letzte Abendschein vergoldete.

»Das wolle der Himmel geben!« erwiederte Therese unschuldig auf jene

berühmten Worte.

Indessen dämmerte es tief, ehe sie die Stadt erreichten. Es war zur

Meßzeit, und trotz der abendlichen Späte ein wogendes Gewimmel in den

Straßen. Der Reisewagen, dem der blasende Postillon Respect verschaffte,

rückte jedoch nur langsam vorwärts, und hielt am Engel, einem Hotel, das

hinsichtlich seiner Vorzüglichkeit so hoch über die Adler und Sterne

der besten Gasthöfe ragte, wie der Geist seines Sinnbilds über die

menschliche Unvollkommenheit.

Therese erschrak, als die großen Laternen zu beiden Seiten des

ätherblauen Schildes, worauf der weiße Engel, mit einer Palme in den

Händen, schwebte, ihren Schein auf das Gesicht ihres Mannes fallen

ließen; es war todtenblaß, Constanz war kaum noch im Stande, die bequeme

Stiege hinanzusteigen. Im Zimmer angelangt, sank er beinahe ohnmächtig

in einen Stuhl. -- Hier, von einem erstickenden Husten, wobei ihm jede

Muskel schwoll, convulsivisch erregt, konnte er lange nicht zu Worte

kommen; doch als er eines Sylbenlautes mächtig war, forderte er einen

Arzt, weil der Schmerz im Halse von Minute zu Minute furchtbarer wurde.

Es ward bestellt. Alsbald rauschte unter den Händen eines flinken

Dienstmädchens das Bett, wonach Constanz stöhnend verlangte; der Tisch

war gedeckt, die kräftige Suppe dampfte -- aber der Kranke schüttelte

sich gegen den Genuß, und der armen Therese war aller Appetit vergangen.

Eine tödtlich lange Stunde war vorüber, und der Doctor noch immer

nicht da. Das Kommen an der Hausthüre, das unaufhörliche Gehen auf

dem Vorsaal, der Laut jeder männlichen Stimme im Flur, täuschte die

peinliche Erwartung der harrenden Frau. Constanz lag ganz still, er

seufzte nur. --

Unglücklicherweise hatte man für das Erkranken eines Herrn, der mit vier

Pferden Extrapost angekommen, nur den vornehmsten Arzt passend gefunden.

Leider aber war dieser der bequemste von Allen, der lieber seinen Leib

pflegte, als den Derer, die sich seiner Kunst anvertrauten. In solchen

Aerzten hat das Gefühl ihrer eigenen Unsterblichkeit die achtsame Sorge

für das Leben Anderer verschlungen. Sie fußen fest auf der begrabenen

Welt, die einen düstern Lorbeer für sie trägt. --

Jener Primus der Mediciner dieser Stadt saß bei einem Abendschmause,

kaum frugaler als der in Voßens Idyllen, und gehabte sich gleich seinem

Collegen aus Hamburg, den der Pächter redend darin einführt -- als der

Ruf aus dem Engel an ihn erging. Er that jedoch seiner Menschlichkeit

zuvor volle Genüge und gütlich, ehe er ihm Folge leistete.

Endlich rollte sein Wagen vor. »Der Regierungsrath kommt --« rief der

Kellner in das stille Zimmer, und ein stattlicher Mann keuchte die

Treppe herauf. Therese war eines deutlichen Berichts fast unfähig, der

Doctor verpustete inzwischen. Dann schritt er gravitätisch dem Bette zu,

nahm Platz, seine Taschenuhr in die Hand und faßte den Puls des Kranken.

Die ruhige Flamme der Kerzen zitterte im Zifferblatt, und warf einen

prunkenden Schein auf den Orden an der Brust des Arztes. Theresens Herz

schlug flüchtig; doch ihr Athem stockte. --

»Eine schlimme Halsentzündung ist im Anzuge --« war der Ausspruch, wobei

Therese ihren schönen, freien Hals wie zugeschnürt fühlte. »Ein Wundarzt

muß schleunigst herbeigerufen werden --« setzte der Doctor dictatorisch

hinzu, und betrachtete einige Momente die Gesichtszüge des Kranken, der

taub und glühend, wie in den Schmerz von Flammen eingehüllt, da lag, und

kein Zeichen der Theilnahme an seinem eignen Wohl und Weh -- von sich

gab. Man brachte das verlangte Schreibzeug, der Doctor schrieb nach

kurzem Besinnen einige Abreviaturen mit blasser Dinte, und schlang

seinen Namenszug in eine großartige Hieroglyphe. Dann schnitt er -- mit

der Scheere der Parze -- den Streifen Papier ab, und reichte ihn einem

Aufwärter, der schon darauf wartete, das Recept in die Apotheke zu

tragen.

Unterdessen kam der Wundarzt und empfing seine Instruction. Dann

entfernte sich der Regierungsrath, um an die Tafel des Wohllebens zurück

zu kehren; unbekümmert darum, ob auch wissend -- daß ein bedeutenderer

Mann hier stürbe.

»Verlassen _Sie_ mich nur nicht!« flehte Therese den Wundarzt an, der,

ein guter Mensch und viel sanfter als sein Beruf -- ihr versprach, die

Nacht über da zu bleiben. »Auch wird es nöthig sein --« sagte er, um

diese Maßregel durch mehr als sein Mitleid, durch Erkenntniß der Gefahr

zu rechtfertigen, »der Herr Gemahl haben die Bräune.«

Therese starrte den Chirurg mit ihren braunen Augen an, die auch wohl

gefährlich werden konnten, und fragte furchtsam: »die Bräune? an der

sterben doch wohl nur Kinder? --«

Der Wundarzt schwieg; ein Lächeln trüber Erfahrung, ein leises

Achselzucken nur, war seine Antwort.

Mit einem kindischen Grauen sah Therese ihn die zappelnden Blutegel

auspacken, die sich ihr wie kleine dunkle Schlangen an das Herz legten.

Welch eine Nacht! -- doch auch die Schatten der bängsten zerfließen.

Als der goldne Morgen heraufstieg, zerfloß Therese in tausend Thränen:

Constanz war gegen die dritte Stunde gestorben. Mit allen Schauern der

Natur hatte seine Frau zum erstenmale den Tod gesehn, und in den Zügen

Dessen, den sie einst geliebt. Dort lag er nun, ein starrer Leichnam!

die bleierne Stille seines Anblicks wirkte zermalmend auf Theresens

Leichtsinn -- es waren die schwersten Stunden, die sie gelebt; denn an

dem Todtenbette ihrer Mutter hatte die Liebe ihr zur Seite gestanden.

»Eine Stunde früher --« hatte der Wundarzt unbedachtsam geäussert, und

der Kranke wäre zu retten gewesen; jene Stunde der Säumniß, am Tische

des reichen Mannes, die dem armen Constanz himmlisches Manna zu kosten

gab.

Das Geräusch des Tages erwachte, der Markt füllte sich mit Menschen, die

Kaufleute legten heute bunte Waaren aus. Eine fremde, gleichgültige

Welt bewegte sich unter Theresens verweintem Blick. Die Sonne schien

frühlingsheiter -- sah denn das Auge Gottes diesen Jammer nicht? -- die

furchtbare Eile dieses Vorfalls machte den Eindruck davon auf das Gemüth

der beklagenswerthen Frau noch gewaltsamer, so daß sie zu erliegen

glaubte. Sie fühlte sich fürchterlich allein. Sie dachte an die Bewohner

des Stiftes, die ruhig träumen würden, es gehe ihr nach Wunsch. Endlich

sank sie in eine fühllose Mattigkeit.

Wie ungemein dies traurige Ereigniß nun auch war, so konnte der Wirth

zum Engel, bei dem Gedränge seines Hauses, sich nur auf flüchtige

Beweise seiner Theilnahme einlassen. Er übernahm die Meldung bei den

Behörden, die Besorgnisse der Bestattung, und hatte nun für weiteren

Beistand keine Zeit; doch destomehr, seine Gäste mit jenem interessanten

Vorfall zu unterhalten. Zum Tröster war der practische Mann ohnehin

nicht geschaffen. Man denke Theresen! sie, die, selbst für den

freudigsten Zweck, keines geschäftsmäßigen Bestellens jemals fähig

gewesen, sollte eine Auskunft geben, wie sie wünsche, daß ihr Gemahl

begraben werde, mit dem Tischler reden, der, das Maaß zum Sarge zu

nehmen, kam, und dem Schlosser Gehör geben, für den der Wirth bat, daß

er die Arbeit bekäme. -- »Ich beschwöre Dich, Füßli« --, sagte sie

mit gerungenen Händen zu dem Bedienten ihres Mannes, einer treuen,

leidtragenden Seele, »überhebe mich dieser Menschen, die härter sind als

ihr Holz und Eisen, was sie handhaben! ich halte es länger nicht aus,

ihnen Rede zu stehen.«

In einem kraftlosen Zustande lag sie auf dem Sopha; unter ihren Fenstern

summte das Gewühl. Sie glaubte, die Bewegung des Fahrens noch zu

empfinden, zuweilen schrak sie auf, im Gefühl von einem tiefen Fall. Wie

im Traume traten die Bilder vergangener Stunden zu ihr hin. Es war ihr,

als ob Fabia spräche: »Du bist nun auch eine Wittwe, wie ich!« _Eine

Wittwe!_ diesem bangen einsamen Begriff widerstrebte ihre frische

Jugend, und der harmlose Sinn, welcher sie bisher beglückt hatte. Die

Glocken hallten mit tiefen Tönen dies Wort -- die Stille flüsterte es

nach, und die Reiseuhr, die noch regelmäßig ging, da die Zeit ihres

Besitzers abgelaufen war, pickte mit sachter silberner Ruhe, daß es

wirklich wahr sey. -- Auf einmal fragte sie scheu und leise: »hörtest Du

nichts, Füßli?« »Nein,« antwortete der Bediente, »ich glaubte, gnädige

Frau wären eingeschlafen, und dankte meinem Gott dafür. Ach!« fuhr er

sein betrübtes Herz erleichternd fort, »zur Messe ankommen und sterben,

und in einem Gasthofe seyn: das ist Alles, was ein Mensch ausstehen

kann. Das Leichenbrett sogar steht auf der Rechnung.«

»Ach laß es stehen! Sey nur still, um Gotteswillen -- wenn Du nicht

willst, daß ich selbst den Tod davon habe --« sagte Therese abwehrend,

»es war mir, als hörte ich Jemand sprechen, dessen Stimme mir bekannt

ist.« Sie lauschte nach der Wandseite.

»Eine Herrschaft vom Lande, eine alte Baroninn, war eben angekommen, und

logirt daneben --« antwortete Füßli, und seine Dame nahm doch Anstand,

ihm einen Auftrag der Neugier zu geben.

»Mein Kopf ist wüst --« sagte Therese, »und in diesem Gewirre der Angst

werden Einem selbst die stillsten Gedanken laut.« Doch wie von jener

Täuschung besänftiget, schlief sie nun wirklich ein.

Die Schwägerinnen. Zweiter Theil. · 第 5 / 13 段