Die Gräfinn war nicht da -- und als ihr Vater unverrichteter Sache in

seine Zimmer zurückkehrte, sah er auf dem Gange ein Gewölbe offen,

worin Silberzeug und kostbare Vorräthe verwahrt wurden. »Welche

Unvorsichtigkeit!« murmelte der Graf; Niemand war zu sehen. Er bewegte

die eiserne Thür nach Außen und trat hinein; sein Begleiter blieb auf

der Schwelle. Eine Truhe war geöffnet, woraus Pelzwerk, wahrscheinlich

zum Bedarf der Reise, genommen worden, denn ein feines Marderfutter

hing über dem Deckel, Büschel getrockneten Lavendels lagen verstreut

am Boden, und ein starker Geruch erfüllte den kühlen Raum. In

einer schmalen Vertiefung der Mauer stand, etwas erhöht, jenes

Schmuckkästchen, das unsre Leser kennen. Eine schöne, doch schadhafte

Statue von Alabaster, das Haupt sinnig gebeugt, den Finger auf dem Mund

-- schien als Wache neben dies Depot gestellt; in der zerbrochenen Brust

steckte eine kleine verwelkte Rose. --

Der Graf warf einen Blick in jenen Winkel und schauderte. »Freund!«

sagte er hinter sich gewandt, »Sie könnten mir einen Gefallen thun --

und Sie werden es!« setzte er mit unabweislichem Tone hinzu, »in jener

Chatoulle dort ist der Familienschmuck -- nehmen Sie ihn zu sich. Meine

Tochter hat den Platz für die Kleinodien des Hauses --« hier lächelte

der Graf düster --, »seltsam gewählt; ich muß diesen Fehler verbessern.

Mitnehmen kann ich das Kästchen nicht, und muß es daher während unserer

Abwesenheit gut aufgehoben wissen. Sie sind ein zuverlässiger Mann, ich

weiß Niemand, zu dessen Redlichkeit ich größeres Vertrauen hätte.«

Der Rentmeister verbeugte sich. Er hatte den Grafen erbleichen gesehen,

und gab dies dem Odem des Kampfers Schuld, der hier wehete, und den

die kranken Nerven desselben nicht vertrügen. Auf einen Wink hob er das

Köfferchen hinweg, und bat um den Schlüssel. »Albane wird ihn haben --«

versetzte der Graf in Scheu und Hast, »verlassen Sie Sich jedoch darauf,

ich sende ihn heut Abend noch; das Verzeichniß des Inhalts kann ich

Ihnen sogleich suchen.« Auf seinem Zimmer suchte Graf Frankenstern nach

dieser Liste, und es währte lange, ehe er sie fand.

Mittlerweilen hatte der Rentmeister sich gesetzt und hielt das Kästchen

auf seinem Schooße; die Kniee zitterten ihm unter der kostbaren

Last, denn die Stunde des schleichenden Fiebers, an dem er litt, war

herangekommen. Endlich reichte der Graf ihm das Papier und sprach, als

Jener es mit bebender Hand empfing: »das ist ein schlimmer Frost, und

Sie sind so leicht gekleidet! -- Wahrlich! ich hätte ihnen unter diesen

Umständen den Ueberrock nicht übel genommen; vielmehr verbinden Sie mich

durch Bedacht auf Ihre Gesundheit. Nehmen Sie einen Mantel von mir an!

die Abendluft könnte Ihnen schädlich werden.«

Unter dieser gnädigen Fürsorge, obgleich sie gewiß redlich gemeint war,

verbarg der Graf mit der eigenthümlichen Schlauheit Derer, die in der

Regel geistesabwesend sind, den vorsichtigen Wunsch, der Rentmeister

mögte die Chatoulle unbemerkt in seine Wohnung tragen.

Frau Fabia erschrak nicht wenig, als sie ihren Mann nun langsam

kommen sah. Er war leichenblaß, unter einem dunkeln Mantel, der in der

Dämmerung wie schwarz ließ, trug er einen zierlichen Kindersarg,

und seine Schritte schwankten wie die des Trägers einer Bahre. --

Erschrocken eilte seine Frau ihm an die klingelnde Hausthüre entgegen;

aber schweigend trat er ein, stumm ging er in die Mitte des Zimmers,

setzte das Kästchen auf den Tisch und sprach mit erschöpfter Stimme:

»ich bin krank, Fabia, recht sehr krank. Der Weg vom Schlosse bis

hierher -- nun der Himmel weiß es -- wie sauer er mir geworden! ich ging

gleich dem heiligen Christopherus wie im Wasser, und als trüge ich eine

Weltlast, die immer schwerer würde. -- Ist denn das Kästchen wirklich so

schwer? die Juwelen der gräflich Frankensternschen Familie liegen darin,

und ich wünschte wohl, ich wäre der Ehre, sie zu bewahren, überhoben

gewesen. Das Fieber scheint heftig im Anzuge -- ich kam mir wie ein

Todtengräber vor; nur die Citrone fehlte noch in meiner Hand.«

Fabia warf einen bekümmerten Blick auf ihren Mann, dann auf die

Chatoulle, welche durch ihre Form diese wüste Idee erregt haben mogte,

und um seinen Sinn auf Realien zu lenken, sagte sie: »das Kästchen

hebt sich leicht; mir deucht, Edelsteine müßten schwerer in das Gewicht

fallen.«

Nun drang Fabia darauf, daß der Kranke sich sogleich zur Ruhe begäbe;

und kaum war dies geschehen: so fing er an zu phantasiren. Er klagte,

der Oberverwalter hätte ihm die Demanten aus Christi Krone verfälscht,

sprach vom Gott des Schweigens, der ihm den Finger auf den Mund gelegt

habe -- pflückte Lavendel von der Decke, und schalt auf seine Frau, daß

sie ihm den Pelz auszuklopfen vergessen. Er sähe eine Unzahl Motten um

das Licht flirren. --

Fabia, dies Muster häuslicher Ordnung, konnte die Vorwürfe des

Fieberträumenden ungekränkt anhören. Sie lächelte beklommen, und starrte

verstört in die ruhige Nachtleuchte, in deren mattem Schimmer die

Beschläge der Chatoulle unheimlich blinkten. -- Gegen den anbrechenden

Tag hörte Fabia die herrschaftliche Reisekutsche über die Schloßbrücke

dröhnen. Sie hatte die ganze Nacht am Bette ihres Mannes verwacht, und

kein Auge geschlossen. Jetzt stand sie auf und trat ans Fenster. Da

rollte der Wagen vorüber und verschwand in der grauenden Frühe, und

Fabia sah zum Himmel auf und sprach mit der Inbrunst eines geängsteten

Herzens: »Sey mir gnädig, Gott, sey mir gnädig; denn auf Dich trauet

meine Seele! -- wende Dich zu mir, denn ich bin einsam und elend, und

Deine Güte ist tröstlich. Du meines Lebens Licht! Betet an den Herrn

im heiligen Schmuck --« Der Osten bekleidete sich mit Purpur, und der

Morgenstern ging unter in schwachem Geflimmer.

Dem Krankenbette, dieser dunkeln Stelle -- wendete Fabia die volle

Lichtseite ihres Charakters zu, und es wäre heilsam für trübe

Erfahrungen, wenn diese Eigenschaft an mancher Frau zu rühmen, die

unsern Lesern oder den Augen der Welt vielleicht besser gefällt, als

diese werkthätige Fromme. Nicht umsonst hatte die Vorsehung sie daher

als Gattinn einem Hypochondristen zugetheilt, der auch in gesunden Tagen

krank genug und voll wunderlicher Gramhaftigkeit war, um die Kraft

der Geduld seiner Frau in beständiger Uebung zu erhalten. Kein Phantom

seiner Einbildung schreckte ihren ruhigen Sinn. Ihr gelassener Muth

siegte über jede Unbill verdrüßlicher Launen ihres Mannes, ihre klare

verständige Handlungsweise lag offen da vor seinem mißtrauischem Blick;

stets achtsam auf ihre Pflicht versäumte Fabia nie, was ihr zu thun oder

zu lassen oblag, und der Glaube an die rechtliche Strenge, womit

seine Gattinn alles Mögliche von sich forderte, und nicht viel

weniger leistete, zwang ihrem Manne eine, wenn auch _widerwillige_ --

Zufriedenheit mit seinem häuslichen Glück ab.

Diesmal machte ein bösartig galligtes Fieber den Rentmeister für längere

Zeit unfähig, sein Amt zu verwalten. Auch hierin trat seine Frau helfend

ein. Fabia schrieb eine schöne, feste Hand; accurat bis ins Kleinliche,

war sie unfehlbar in jeder Art der Buchführung, und deshalb wohl

geeignet, einen Secretair ihres Mannes zu vertreten. Sie unterzog sich

auch diesem Geschäft mit willigem Eifer, und theilte ihre Zeit zwischen

seiner Pflege und seinem Beruf. Wir können uns nicht enthalten, hier zu

sagen, wie wichtig es sey, daß eine Frau den Beruf des Mannes ehre.

Wo dies geschieht, da ist in der Achtung dafür auch ein Gesetz der

Unterordnung gegeben, nach welchem weibliches Wirken und Wollen bestimmt

werden muß. -- Auch von dieser Seite hätte ihr bitterster Feind unsrer

Fabia nichts zur Last legen können. Dies, wie überhaupt den reellen

Werth seiner Frau, wußte der Rentmeister auch zu schätzen, und

vielleicht war es mehr ein Bedürfniß seiner Krankheit als seines

Herzens, daß er die Freude an einem Kinde, ihrer ermangelnd -- so gar

tief empfand. Das liebenswürdige Pflegekind füllte diese Lücke nicht

aus, die eine Wunde in Fabiens Herzen blieb; denn tief im Innersten

verletzt, kämpfte sie oft mit Thränen, wenn ihr Mann mißmüthig gegen die

Vorsicht grollte, und sich in Worten Luft machte, die eben so gut eine

Anklage für sie selbst enthalten konnten.

»Wie aus einem Stein entsprungen,« sagte er dann wohl, »wie von der

Sonne ausgebrütet, bin ich bestimmt, ohne Vater, ohne Kind zu leben

und zu sterben. Der natürlichste Trost für eine verwaisete Jugend, der

Trost, sein Daseyn fortzupflanzen, ist mir versagt. Wenn einst Deine

Thräne, gute Fabia, versiegt ist, dann gedenkt man mein nicht mehr, und

keine Blume sprießt aus der trocknen Erde meines Grabes.«

Da weinte Fabia schon jetzt. »Du schneidest mir mein Herz entzwei --«

sprach sie mit unterdrückter Stimme. »Wir wollen uns nicht versündigen,

Lieber! wenn uns nun ein Kind zu Theil geworden wäre, etwa behaftet mit

einem Fehl, oder erbärmlicher Art, dessen klägliches Geschrei Tag und

Nacht nicht zu stillen? Wie? oder wenn aber ein gesundes, das uns zu

größerem Jammer bald wieder entrissen würde?--« Auch ein stummes, auch

ein todtes Kind wäre ihm lieber als keines -- gab der Rentmeister in

eigenwilligem Trotze der besänftigenden Vorstellung seiner Frau zur

Antwort. Fabia flehete hierauf ihren Mann an, sich solcher Reden zu

enthalten, und warnte ihn mit christlichem Sinn, aber im Geiste jener

heidnischen Worte: »ihnen zur Strafe erhören die Götter der Sterblichen

Wünsche! --«

Dies war in den ersten Jahren der Verheirathung des Rentmeisters

gewesen. Später hatten sich diese Eheleute der Hoffnung begeben, daß

dies ersehnte Glück ihnen noch werden könne, und sich mit ganzer Liebe

-- so weit Fabiens Gemüth derselben fähig war, und der kränkliche

Zustand ihres Mannes sie zuließ -- der Erziehung der kleinen Josephine

gewidmet. Sobald der Rentmeister sich von jener Niederlage erholt hatte,

ging er mit den Seinen von Bonna ab. Fabien fiel das Scheiden von der

Heimath doch schwerer, als sie gedacht. Der neue Wohnort war auch schön;

aber so recht wohl wollte es ihr in Bühle nicht werden. Dazu kam, daß

ihr Mann, obgleich von amtlichen Unannehmlichkeiten frei, doch sein

verdrüßlich Wesen beibehielt, jeden erheiternden Umgang mied und

verscheuchte, und endlich durch eine gewaltsame Entdeckung für immer

verstört wurde. Jene Chatoulle deren unsre Leser gedenken -- war

unter dem Drangsal des hitzigen Fiebers, was sich unmittelbar an

ihre Uebergabe schloß, abseits gekommen. Nach dieser Zeit fand

der Rentmeister so viel Geschäfte, deren Abschluß ihm bei seiner

Ortsveränderung dringend anlag, daß es ihm genügte, dies anvertraute Gut

wohlverschlossen zu wissen. -- Einst aber sprang ihm das Kästchen

ins Auge, und er verlangte den Schlüssel dazu von seiner Frau. »Den

Schlüssel?« fragte Fabia befremdet, »ich habe keinen je gesehen. Du

brachtest das Kästchen ja selbst, wie es hier ist. O, ich weiß mich

jenes schrecklichen Abends noch ganz genau zu entsinnen.«

Der Rentmeister besann sich jetzt, daß der Graf den Schlüssel hatte

schicken wollen, und er muthmaßte, daß es in der Verwirrung der Abreise

vergessen worden wäre. Einen Schlosser kommen zu lassen, daß dieser den

innenliegenden Reichthum sähe, dazu war der Rentmeister zu furchtsam.

Ein krankhaftes Mißtrauen verursachte ihm und Andern gar manche unnütze

Qual -- und so beredete Fabia ihn, das Geschmeide und dessen Richtigkeit

einstweilen auf sich beruhen zu lassen.

Nach längerem Verlauf seitdem starb eine alte Jungfer in Bühle, die

daselbst gelebt; die Tochter des Fiscal. Dem Rentmeister, als einem

Bekannten der Wohlseligen, fiel ein kleines Legat mit dem Auftrag zu,

ihren Nachlaß zu reguliren, und somit eine Menge Schlüssel in die Hände,

darunter mehrere kleine waren. An einem Tage, wo Fabia auf die Bleiche

gegangen war und Josephine mit sich genommen hatte, ihr Mann sich

ungewohnter Weise ganz allein befand, beschlich ihn der Geist des

Unglücks in dem Gedanken, einen jener Schlüssel an dem Kästchen zu

versuchen, ob es sich öffnen ließe. Das künstliche Schloß widerstand

dieser Probe, doch erhitzt vom bösen Feind, der nicht selten in Gestalt

der Neugier den Menschen berückt, that er ihm Gewalt an. Die feine

Stahlfeder sprang entzwei, der Deckel auf -- und der Rentmeister

blieb mit entsetztem Blick starr vor dem Inhalte stehen. Statt des

verzeichneten Schmuckes funkelte ein Messer, daran Blut eingerostet

war -- und auf dem atlaßnen Kissen, wo sonst blitzende Rosetten und

Brustschleifen geruht, lag, in weißem Battist gewickelt, der Leichnam

eines Kindes, so mumienartig zusammengetrocknet, daß er kaum zu erkennen

war. Nur wie ein brauner Gedanke, so unkörperlich, so gewesen -- sah das

winzige Gesicht unter einem tiefen Häubchen hervor, dessen Form für ein

Mädchen zeugte. -- Ein schwach gewürzhafter Geruch war die erstickte

Luft dieses kleinen Grabmals.

Als Fabia mit heißen Wangen von der Bleiche heimkehrte, fand sie ihren

Mann selbst erbleicht. »Sieh hin!« sagte er mit bläulichen Lippen, »der

Hehler einer schauderhaften Mordthat bin ich gewesen, und nicht allein

um die Ruhe meiner Seele, sondern auch um all mein Gut, wenn ich den

Majoratsschmuck ersetzen muß. Wer wird mir denn glauben, daß ich dem

Worte eines Wahnsinnigen trauete? -- Darum fand sich der Schlüssel

nicht, und ich -- ich leichtgläubiger Thor! ladete mir ein fremdes

Verbrechen auf. Wie oft hast Du meine argwöhnische Vorsichtigkeit

getadelt? Du siehst nun, _wie_ vorsichtig ich war! --«

Zum erstenmale verließ Fabien ihre Fassung. Sie stieß einen leisen

Schrei aus, und stand entfärbt, Grausen im Blick, wie unbeweglich.

»Mein Herr und Heiland!« stammelte sie, »das ist ganz erschrecklich! der

Verstand steht mir still.«

»Der meinige ist hier zu Ende --« fuhr der Rentmeister fort, »Was soll

ich nun anfangen! Anzeige davon machen? stillschweigen? daß ein Zufall

diese Beweise einer Unthat bei mir entdecke, und mich zum Mörder

stemple? -- Ich habe nicht Lust, zum Lohne für Treu und Glauben auf dem

Schaffot zu beschließen.«

Fabia kannte ihres Mannes Weise, sich selbst in furchtbaren

Möglichkeiten zu überbieten. Sie sprach aus geängsteter Seele: »ach!

warum bin ich heute nicht zu Hause geblieben! Wer hieß Dich dies

Behältniß öffnen? -- Das Kind läge fein stille vor wie nach, und wir

wüßten von nichts. Das arme Würmchen! --« Und mit gewundenen Händen

niederblickend darauf, dachte sie an den Wurm im Gewissen, der die

unglückliche Albane wohl genagt haben mogte. --

»Was redest Du doch, Frau?« rief der Rentmeister erzürnt, »es hätte

längst geschehen sollen, sage ich Dir. Unverzeihlich ist meine

Saumseligkeit! ich bin wie mit Blindheit geschlagen gewesen. Deshalb

wurden die Anstalten zu jener fluchwürdigen Reise so schleunigst

getroffen, als wie auf der Flucht -- der Sohn des Forstmeisters ist

auch fort in die weite Welt; die Früchte ihres Leibes fallen Anderen zur

Last, und von ihnen heißt es: Die sind besorgt und aufgehoben, der Graf

wird seine Diener loben.«

»Du vergissest, lieber Mann,« fiel Fabia betäubt ihm in die Rede, »daß

man die Gräfinn todt sagt. Ach! ihr wäre wohl, wenn solch ein Weh auf

ihrem Leben gelastet hätte. -- Graf Frankenstern aber und der junge

Romana müssen doch einmal wieder kommen. --«

»Die werden sich hüten --« entgegnete Fabiens Gemahl. »Der Alte -- ich

meine den Grafen -- hat um dies gräuliche Geheimniß gewußt: nichts ist

gewisser. Die Hast, womit er mich nöthigte, das Kästchen anzunehmen, ist

mir deutlich im Gedächtniß. Sieh, Fabia! ich habe eine Ahnung gehabt;

denn es wollte mich erdrücken, als ich es mir nach Hause trug.«

Fabia sah diese verschwiegene Erfahrung als ein göttliches Strafgericht

an. Wie oft hatte ihr Mann gegen den Himmel gemurrt! jetzt war ihm zu

Theil geworden, was er für besser hielt, als das weise Versagen seines

Wunsches: ein todtes, ein stummes Kind! -- Sie selbst verstummte vor

dieser Betrachtung und war sehr gebeugt.

Die unglückliche Fabia! dieser heimliche Gedanke schlug Wurzel in der

Seele ihres Mannes, und wurde zum Polyp, der mit tausend Fasern seine

Lebenskräfte umklammerte. Der Rentmeister ward nicht mehr gesund.

Wir wissen, wie er nach kränklichen Jahren kurz vor seinem Ende die

Beruhigung genoß, in dem Bruder, der sich zu ihm finden mußte, den

Seinen eine Stütze hinterlassen zu können. Sterbend legte er in die

Brust des wackern Administrators das Geheimniß nieder, was ihn zu Tode

gedrückt, und die Pflicht, den ihm gespielten Betrug zu seiner Zeit

offenkundig zu machen.

Nachdem sein Bruder bestattet worden, ließ Herr Prälat bei nächtlicher

Weile den kleinen Schmucksarg unter den Altar der Capelle versenken, von

der das Stift den Namen führt. Die Maurer mogten wähnen, sie vergrüben

einen Schatz -- aber diese Stelle stand unter heiligem Schutz.

Schweigend verrichteten sie ihre Arbeit, und die dumpfen Schläge hallten

schaurig von den stillen Wänden wieder.

Die Wittwe, gesenkten Hauptes, sah ihnen zu. »Was blickst Du so düster,

Fabia?« flüsterte ihr Schwager, »verlasse Dich darauf, ich bin zwar

nicht so bibelfest wie Du, weiß aber doch, daß, wenn ein finstres Werk

zu Tage kommen soll, oder die Unschuld gerechtfertiget, die Steine reden

müssen. Darin lasse Alles sich fügen, wie es des Himmels Wille ist! --«

Als die Gräfinn, der heimischen Gegend entrückt, fremde Luft sog,

athmete sie doch etwas leichter auf, und es war, als ob hinter ihr die

leidige Welt versänke. Zwar war nicht fester Boden unter ihren Füßen,

und die Zukunft ihr nichts weniger als klar; aber der trübe Strom, worin

Albane dem Versinken nahe gewesen, rann doch abwärts, so wie die Räder

des Reisewagens entrollten. Nach einer folgerichtigen Nothwendigkeit

müssen leidenschaftliche Gemüther zuletzt vor ihrem eigenen Glücke

fliehen, und nur Ruhe suchen. Ruhe, der Friede stiller Seelen, dieser

tiefe geistige Genuß, ist ihnen das einzige Bedürfniß. Weinend wenden

sie das Auge von jenem süßen Taumel, jener Freudetrunkenheit, die nicht

dauern kann, und streben nach Selbstbewußtseyn. Sie wissen, wie bald das

schwache Herz erliegt, wie nöthig ihm eine Stütze sey. Das Glück aber

fordert Kraft zur Ausdauer -- des Himmels Seligkeit, unser höchstes

Streben, währt ewig. Die überspannte Saite springt jedoch mit einem

Wehlaut. -- Vielleicht hatte eine gewisse Uebersättigung von Geheimniß

das Verlangen in der Gräfinn erzeugt, öde zu bleiben, ohne irgend eine

andere Beziehung als auf ihren Vater; ja, sie hatte in den verflossenen

Jahren, trotz der befriedigten Leidenschaft und dem Gelingen ihrer

kühnsten Plane -- so viel gelitten und nur Gott bewußt --: daß ein

völliges Nichtseyn ihr dagegen wünschenswerth erschien. Daß sie spurlos

verschwände, sich und Andern, das hätte Albane wohl gewünscht. So war

diese Reise vorläufig als eine Gestorbenheit zu betrachten, die von

mancher Seite erlösend für sie wäre. -- Auch waren Gründe dazu vorhanden

gewesen, abgesehen von denen, die das Innnerste der Seele so zart

verhüllen, daß nur der Finger Gottes sie aufzudecken vermag. Der Arzt,

der Gräfinn vertrautester Freund, hatte ihr eröffnet, wie er von hoher

Behörde aufgefordert worden sey, über den Gesundheitszustand ihres

Vaters und sein geistiges Vermögen Zeugniß einzusenden. Der Staat trage

billiges Verlangen, unter der Befugniß, für eine bedeutende Seelenzahl

zu sorgen, deren Aufsicht unmöglich einem Geisteskranken anvertraut

bleiben könne, das schöne Majorat bei Leibesleben seines derzeitigen

Grundherrn zu ererben, und den Grafen Frankenstern anständig zu

pensioniren. Zudem wisse er von guter Hand, daß der Bischof, in Kenntniß

von dem Gelübde der Mutter Albanens, sich höchlich wundere, wie und

warum dem Himmel eine Seele und der Kirche ein Brautschatz so lange

vorenthalten werde? -- Auch von dieser Seite drohe den Verhältnissen

der Gräfinn ein Angriff. -- Sonach sey es an der Zeit, sich diesen

Anmaßungen zu entziehen.

Wie durch Inspiration jener Frage an das Gewissen seines

Leibarztes kundig, beantwortete der Graf sie selbst. Nie war er

gesammelter gewesen, als zu dieser Zeit, wo die Zerstreuung der

Reise-Angelegenheiten seine verworrenen Gedanken auf gewisse Weise

entschuldigt haben würde. Da war kein träges Säumen mehr. Gleich einem

schlafenden Funken, den ein Hauch plötzlich weckt, leuchtete er auf,

und entbrannte auch wohl im Zorn über so manchen Mißbrauch, der sich

eingeschlichen. Die Beamten erstaunten, denen er sich edelstolz als Herr

zeigte, als der gütige Schützer seiner Unterthanen gegen die Strenge der

Verwaltung. Alles trat in ein anderes Licht -- und erröthend vor Freude,

schrieb der Arzt sein Attestat an die Regierung.

Doch nur für diesen Zweck schien der Graf durch die freundliche

Ohrenbläserei desselben zu thätiger Umsicht entflammt worden zu seyn.

Er sank alsbald wieder in seine gewöhnliche Apathie zurück, und fuhr mit

geschlossenen Augen und Sinnen durch die Natur, ohne daß ihre schönsten

Wunder vermogt hätten, nur mit einem Strahl göttlicher Offenbarung an

seinen finstern Geist zu dringen.

Albane webte um ihn wie ein Schatten, und verließ ihn nie; die Pflicht

der Sorge für ihren Vater erfüllte jeden ihrer Augenblicke. Auch

bedurfte der Graf dieser Treue. Die Furcht vor dem Tode quälte ihn

abwesend minder, und war zu der fixen Idee geworden, dieser Feind seiner

Lebensruhe könne ihn nicht ereilen, so lange er von Ort zu Ort zöge, wie

man nur in der Heimath schlafen zu können meint. Ein beständiges Fliehen

trieb ihn rastlos umher, und die Geißel der Menschheit vereinigte sich

mit diesem unstäten Drange, ihm keine bleibende Stätte zu gönnen.

Der Ausbruch des Krieges hatte das Land überschwemmt -- die Güter des

Grafen waren stark mitgenommen. Albane erkannte es als eine nicht genug

zu preisende Wohlthat, dieser Usurpation entronnen zu seyn. Sie lebte in

verborgner Stille mit ihrem Vater, bald hier, bald da. Ein, dem Grafen

vormals befreundeter reicher Edelmann, der sein einsames Alter in der

Hauptstadt gesellig erheiterte, hatte Albane und ihren Vater unterweges

getroffen, und ihnen seine unbewohnten Schlösser in Auswahl zum

Aufenthalt angeboten, welche sie zu Zeiten benützten. Der Oberverwalter

sendete die verlangten Summen durch die dritte, vierte Hand gegen die

Unterschrift des Grafen, an ein Handlungshaus, und mußte in Allem für

sich selbst stehen. --

Ein Irrthum hatte die Nachricht, Albane sey todt, in Bonna verbreitet,

leicht für wahr angenommen, da ja die Gräfinn immer kränklich gewesen.

Eine authentische Bestätigung war unter jenen wüsten Umständen nicht

einzuziehen. Niemand zweifelte, auch Sylvius nicht. Wir wissen, welche

Folge dies hatte. Zweifel wäre hier Glauben gewesen -- Glaube der

Liebe! --

Als die Gräfinn daher ihren Gemahl in Tonys Arm erblickt, als sie die

Geschichte der gestorbenen Frau aus seinem Munde vernommen: da war ihr

Zustand der jener abgeschiedenen Gattinn vergleichbar, welche, wie eine

sinnige Sage uns erzählt -- nachdem sie ihren Gatten, den zu trösten sie

aus der Unterwelt herauf gestiegen, an der Seite seiner Braut gesehen,

ob auch nur einen Augenblick lang -- willig in die Hölle zurückgekehrt

sey, auf ewig. -- Albane floh vor diesem Anblick, diesen Worten,

unauslöschliche Flammen im Busen. Wie eine Verfolgte warf sie sich an

den Hals ihres Vaters, und das ungestüm klopfende Herz begehrte Zuflucht

bei ihm. Sie vergaß, daß der Graf ihr Geheimniß nicht kenne. Sie wußte

nicht, daß Sylvius sie für todt hielt. Die Gräfinn dachte endlich nicht

daran, daß sie selbst sich zuerst von ihrem Gemahl losgerissen hatte.

Aber nichts destoweniger fühlte sie unter heißen Schmerzen, wie sehr sie

ihn geliebt, und daß er sie nicht vergessen dürfen noch sollen. Jener

Moment, der sie davon überzeugte, hatte eigentlich und weit anders als

ihre Trennung, ein inniges Band zerrissen, und das Herz blutete nach.

»Dies also war die Liebe --« sagte Albane mit dem wunden Lächeln einer

frischen Kränkung, »der ich mein Seelenheil geopfert!? -- O Gott! so

lieben Menschen, -- _Männer_! O meine Mutter!«

Die Schwägerinnen. Zweiter Theil. · 第 4 / 13 段