Inzwischen waren ein paar Jahre vergangen. Man hatte wenig oder nichts

von dem jungen Ehepaare gehört, ein Beweis, daß es glücklich lebte. Da

ward die Gattinn des Cassirers eines Tages der Gräfinn Albane gemeldet,

und alsbald stand jene bekannte Gestalt vor ihr. -- Ein wenig fraulich

hatte Fabia sich doch verändert. Sie war hagerer als sonst -- die

frischen Wangenrosen waren verweht und etwas eingefallen, und um den

Mund hatte sich ein matronenhafter Zug von kleinen Falten gebildet,

der um so schärfer hervortrat, als sie sich zu lächeln bemühte. -- Doch

ungleich deutlicher noch machte Fabia ihrerseits die Bemerkung, daß

Albane kaum mehr zu kennen wäre. -- Sie saß an dem einzigen Fenster

eines Gemachs, das wie eine Laube gemalt, und deshalb düster war.

Seltsam stachen die unbeweglichen Schatten der Malerei gegen das

lebendige Farbenspiel der Tuberosen und grünen duftenden Stauden ab, die

in einem kleinen reizenden Gartenflor an dieser sonnigen Stelle blühten.

Der Wind strich leise durch die Zweige, und ihre Umrisse spielten warm

auf dem Gesicht der Gräfinn, die, verbleicht, krankhaft zu frösteln

schien, denn sie trug in dieser Jahreszeit -- es war im August -- einen

weiten Mantel von Seide. -- Dieser Anblick brachte Fabien um die

ihr eigenthümliche Gegenwart des Geistes. Ihre Seele forschte in dem

bestürzten Blicke nach der Ursache dieser Veränderung. Wie war diese

unvergleichliche Schönheit zerstört! welches verwahrlosende Geschick

hatte das Feuer dieser herrlichen Augen ausgelöscht? -- Zwar hatte

man lange schon von einer bedeutenden Unpäßlichkeit der jungen Gräfinn

gesprochen, und wie diese selbst für die Diener des Hauses unsichtbar

würde -- die Amme war sichtlich geängstet, doch schweigsam wie das Grab,

das sie für ihren Liebling fürchtete --: aber diese matte Blässe, diese

kranke Stimme, aus Seufzern zusammengehaucht, deutete eben so sehr auf

ein beladenes Gemüth, als auf unterdrückte Kraft des Körpers hin.

Mit Fabien stand der Gräfinn die Vergangenheit vor Augen. Das klare

Ansehen der jungen Frau und ihrer reinen Verhältnisse bewegte das Herz

im Busen der unglücklichen Albane. Ein tiefer Seufzer schwebte auf ihren

Lippen, da sie nach dem Anlaß dieses lieben Zuspruchs fragte. -- Darauf

trug Frau Fabia bescheidentlich die Bitte vor, ihr gütigst eine blaue

Camelia abzulassen, womit sie ihrem Manne, der ein großer Blumenfreund

sey, eine Freude zu seinem Geburtstage zu machen wünsche. Die Gräfinn

gewährte dies und mehr, jede schöne seltne Pflanze, die sich innerhalb

der Glashäuser, oder im Bereich des Gartens überhaupt befinde, solle

zu ihrer Auswahl stehn. Fabia bezeigte ein lebhaftes Vergnügen. Albane

erkundigte sich nun nach dem Ergehen der jungen Frau, und kam der

zögernden Antwort zuvor, indem sie schmerzlich lächelnd sagte: »doch

diese Frage ist wohl vom Ueberfluß. Sie haben aus Neigung geheirathet.

Sie sind die Gattin Dessen, den Sie lieben, vor der Welt die Seine, und

begünstiget durch ein Stillleben, was ich mir über alle Maaßen traut und

glücklich denke. Sie dürfen ihren Ehemann mit jeder Blume beschenken,

mit _jeder_ -- selbst wenn sie unter Ihrem Herzen blüht --« hier

stockte die Gräfinn. Fabia senkte tief das Auge, und es bedeckte eine

aufquellende Thräne. Diese Seligsprechung einer Vermählten im Munde der

gräflichen Jungfrau, die eine geistliche zu werden bestimmt war, mußte

die Frau des Cassirers befremden, und jene höchste Blüthe der Liebe,

worin Albane das, was sie dachte, verblümte, auf der schaamhaften Lippe

eines Mädchens die züchtige Fabia allerdings Wunder nehmen. Sie sprach

erröthend: »ich darf mein Loos nicht beklagen; doch auch die günstigste

Lage läßt wohl etwas zu wünschen übrig. Mein Mann ist brav, und hat

mich noch mit keiner Miene beleidiget; aber er ist peinlichen

Gemüths, besonders was seine Geschäfte betrifft. Freilich ist sein Amt

verantwortlich, da der gnädige Herr Graf --« Albane nickte, und Fabia

fuhr fort: »dann mag die Erziehung meines guten Mannes hier und da

verfehlt gewesen seyn -- damit hat eine Frau auch zu kämpfen. Er

verbittert sich manchen Lebensgenuß, mein Vater spricht, es komme von

einer krankhaften Galle her. Schreckt er doch selbst mich nicht selten

mit einer gewissen mißtrauischen Kälte ab -- und der Himmel ist mein

Zeuge! daß ich ihm gern die Sonne zuneigen mögte. Endlich wünscht er

sich so sehnlich ein Kind -- und es wäre hart für mich, wenn dieser

Segen uns versagt bleiben sollte.«

Nichts lockt so sicher Aeußerungen des Vertrauens auch aus der

verschlossensten Brust, als wenn der Schatz, den sie besitzt,

überschätzt wird. In diesem Falle dürfte sich selbst der vorsichtigste

Geizhals in einer ohngefähren Angabe seines Vermögens errathen.

Die weiße Albane ward wie mit Rosenblut begossen. Sie brach eine Knospe

ab und zerpflückte sie in ihrem Schooße. Das Gespräch ward noch eine

Weile mit Wärme fortgesetzt -- dann ging Fabia. Später hörte man von ihr

und ihrem Manne, sie hätten ein Pflegekind angenommen.

Wieder eine geraume Zeit war seitdem verflossen. Da ging Albane an

einem milden Sommerabend spazieren, und wie gewöhnlich allein. Sie war

kürzlich abermals sehr krank gewesen, und als sie zum Vorschein kam, sah

man wohl, wie viel sie gelitten. Man beklagte die arme junge Gräfinn,

die schwerlich zu völliger Gesundheit und Kräften kommen könne, in ihrer

herzpressenden Lage, und der, allem Vermuthen nach -- sich die Thüren

der Gruft eher öffnen würden, als die Pforten des Klosters. --

Ein Hirtenknabe durchkreuzte ihren Weg, der weinte. Die Gräfinn fragte

nach der Ursache dieser Betrübniß: ein junges Lamm war ihm von der

Heerde abhanden gekommen. Albane bot ihm Geld, der kleine traurige

Schäfer aber in Angst und Eile des Suchens schlug es aus und sprach:

»wenn ich das Verlorene nur wieder hätte! das wäre mir lieber als

Alles.« Dieser kleine Vorfall rührte wunderbar an Albanens Gemüth. Dort

flog er hin, der kindliche Hirt! Albane sah ihn hinter dem blühenden

Klee verschwinden; am Hügel tauchte er wieder auf, und hielt das

gefundene Lämmlein mit beiden Armen umschlungen, und fest an seine Brust

gedrückt. Er winkte aus der Ferne der Dame zu, daß es nun da sey, seine

Miene lachte entzückt und der schlichte blonde Scheitel des Knaben

glänzte im Schein der sinkenden Sonne.

Die Gräfinn sah thränenden Blickes und versenkt in tiefe Gedanken

nach ihm hin; tiefer noch war die Quelle, die in ihren schönen Augen

überfloß. -- Sie setzte sich auf einen Feldstein, neigte das Haupt und

starrte zu Boden. Da stand der alte Romana vor ihr, der unbemerkt heran

gekommen war. Er hatte die Tochter seines Freundes lange nicht gesehen,

und konnte seine Betroffenheit über ihren Anblick an dieser einsamen

Stelle nicht bergen. Albane fühlte ihre Wange erkalten, und stammelte,

daß sie von einer jähen Schwäche angewandelt worden sey, die ihr von

der letzten Krankheit anhänge. Der Forstmeister betrachtete dies holde,

tödtlich erblaßte Gesicht wie mit väterlichem Mitleid. Er bat, die

Gräfinn wolle ihm erlauben, sie in seine Wohnung zu führen, die in der

Nähe sey, auf daß sie sich daselbst erholen und eine kleine Stärkung

zu sich nehmen könne. Er bat so herzlich, daß Albane seine Güte nicht

ablehnen konnte. Während des Gehens unterstützte er die zarte Gestalt,

deren biegsamer Wuchs wie bewegt von einem innern Sturme an seinem Arme

schwankte. Er machte ihr sanfte Vorwürfe, sich als eine kaum Genesene,

unbegleitet solch einer Anwandlung ausgesetzt zu haben. »Ihr Vater,

liebe Comteß,« redete er treumüthig weiter, »dem die nächste Sorge für

die theure Gesundheit seines Kindes zustünde, ist leider! dieser Obhut

nicht fähig; vergeben Sie es mir daher, wenn ich Sie aufmerksam mache,

auf die Pflicht sich zu schonen. Lassen Sie mich in dieser Mahnung

Vaterstelle an Ihnen vertreten! -- Was sollte aus meinem armen Freunde

werden, wenn seine einzige Stütze vor ihm sänke in das Grab? -- Und wenn

das so fortgeht -- --« Sie standen an dem Hause, Albane drückte die

Hand des liebreichen Mannes, als wolle sie damit ein stummes Versprechen

leisten. Sie sah empor; ihr Blick hing an dem südlichen Dach, das

getragen von der heitersten Wohnung, einem der hängenden Gärten der

Semiramis zu gleichen schien.

Der Forstmeister fragte: ob die Gräfinn sich wohl zu erschöpft fühle, um

diese mäßige Höhe zu ersteigen? und als sie es als Wunsch äußerte, ließ

er Brod und Wein hinauf bringen, den werthen Gast zu erquicken.

Es war ein himmlisches Plätzchen, und Albane genoß zum erstenmale den

Reiz dieser Aussicht weitschauenden Blickes. »Wie schön ist es hier!

eine wahre Augenweide!« sagte sie tiefathmend, und ihr Gedanke streifte

in diesem Ausdruck noch leise an der Heerde hin, welche die wallenden

Wolkenschäfchen ätherisch versinnlichten.

»Ja,« antwortete Romana innigst begnügt, »ich danke dieser Anlage manche

Stunde, die ich mit einem goldnen Platz nicht tauschen mögte. Und an

Gold mangelt es hier auch nicht.« Die Sonne goß eben ihren letzten Glanz

blendend aus, der Himmel flammte und das Blut der Traube perlte im Glase

wie ein flüssiger Rubin. »Wie Viele mögten in erträumter Größe mich

beklagen,« setzte er mit heiterm Lächeln hinzu, »während ich mein Glück

hoch genug zum Preise des Herrn anschlage. Wer die Einsamkeit liebt und

mit sich selbst umzugehen weiß, entbehrt nie eines tröstenden Freundes.

Wäre mein Sohn fortzubringen von hier, oder anders -- er ist so wenig

froh -- so würde ich von keinem Kummer wissen, als an den ich mich

aus vergangener Zeit erinnere. Im Revier des Waldes bin ich in meinem

Element, und kenne jeden Baum. Wenn der frische Morgenhauch die grüne

Haide durchschauert, dann athme ich wie ein Jüngling; und wenn ich des

Abends hier sitze: welcher Odem des ewigen Lebens weht mich von _diesem_

Holze da an?« Er deutete auf das Kreuz.

»Gräfinn!« fuhr Romana begeistert fort, und vergaß zu Wem er rede, »wie

mag es doch Menschen geben, die ihr Heil in andern Dingen suchen, als

bei dem Einen: dem Heiland? -- Wie still ist die Seele, die Ihn liebt!

Sie geht geführt von seiner Hand auf den Wogen des Lebens, wo

Andere untersinken. Einst war es nicht so mit mir. Ich war ein

leidenschaftlicher Mensch, ungestüm in meinen Wünschen, meinem Begehren;

ich fürchtete das Geliebte zu verlieren, obgleich ich es noch hatte,

ohne daß ich es eigentlich besaß. Die Leidenschaft betäubt, sie ist der

Sturm in unsrer Brust, der unsre beste Habe verschlingt, der unser

Glück zertrümmert, nur beschwichtiget von Dem, welchem Wind und Willen

gehorchen.«

Diese Worte schlugen an Albanens Herz. Sie wagte jedoch hierauf zu

entgegnen: diese Ruhe des Gemüths, diese Stille der Seele mögte wohl

eine Frucht gereifter Jahre seyn.

Der Forstmeister schüttelte sein ehrwürdiges Haupt und sprach: »das wäre

traurig, liebe Comteß. Dann wäre die Jugend ein ausgeschlossenes Kind,

und das Alter ruhete der Liebe im Schooße. Nein! wir sind nur blind,

bis wir sehend werden. Wer sich auch in der Verblendung gefällt: er wird

früh oder spät merken, welcher Sinn ihm abgeht. Wage Jemand, ein Glück

behaupten zu wollen, was Gott nicht billigt! ja, der Mensch ist so

wundersam beschaffen, daß, wo Niemand ihm streitig macht, was er

besitzt, er, _er selbst_ es ins tiefste Meer würfe, zur Sühne für den

Himmel! Schon die Gesetze der Welt müssen das Juwel unserer Freuden

fassen, sollen wir es tragen können.«

Mit diesen Worten hatte der ehrenwerthe Mann das Innerste Albanens

ausgesprochen. Sie schwieg, tief erschüttert, und als er ihr das Brod

und den Wein wohlmeinend aufdrang, war ihr nicht viel anders, als

genösse sie das heilige Abendmahl.

Die Unterredung nahm nun die Wendung auf Sylvius. Sein Vater klagte, und

ahnete nicht, daß er die Seele der Gräfinn zerriß -- wie vielen Kummer

ihm dieser so treffliche Sohn verursache, durch stillen Trübsinn, durch

sein eigensinniges Beharren, nicht weichen zu wollen von der heimischen

Scholle, da ihm doch die weite Erde offen stände. »Es ist,« fuhr der

Alte mit sorgenschwerer Stimme fort, »als ob ein Bann ihn hier gefangen

hielte, den der Herr lösen wolle! -- Was ihn hält und härmt: ich weiß

es nicht, denn er hat kein Vertrauen zu mir, seinem einzigen und besten

Freunde! --« Ein gekränkter Seufzer stieg aus dieser väterlichen Brust

-- Albane stand auf. »Aber was ist Ihnen, liebe Gräfinn?« fragte Romana

bestürzt, »Sie weinen? Sie zittern?« Albane konnte den hervorbrechenden

Thränen nicht wehren; das Herz wollte ihr zerspringen, und sie

machte eine Bewegung, als wolle sie dem Forstmeister zu Füßen sinken.

»Entlassen Sie mich --,« bat Albane sehr leise, »ich fühle mich krank.«

Sogleich wollte Romana einen Wagen kommen lassen; die Gräfinn lehnte

dies ab, und sich auf seinen Arm. Er führte sie sacht und sanft nach dem

Schlosse, unwissend, daß er seine Schwiegertochter leite.

Ach! die arme Gräfinn war seit mehreren Jahren Sylvius heimlich

angetraute Gattinn, und binnen dieser Zeit zweimal Mutter geworden. --

Sie hatte den heißen Bitten des Geliebten nicht widerstehen können,

sich mit ihm zu verbinden, und ihrer Bestimmung also zu entziehen.

Nimmermehr, das wußte Albane, würde ihr Vater seine Einwilligung dazu

gegeben haben, und auch der junge Romana hatte Ursache zu glauben, der

seinige werde nicht minder entschieden dagegen seyn, wenn gleich der

Grund diesseitiger Abneigung ihm verborgen war. Der Arzt und die Amme

waren im Geheimniß dieser Ehe, und ihrer vereinten List gelang es, unter

dem Schutz der Umstände eine Täuschung der Art zu ermöglichen, und bis

dahin dauernd zu erhalten.

Tief in der weiblichen Natur begründet, liegt etwas Widerstrebendes, ein

geheimnißvoller Wille, nicht zu wollen, was ein höheres Gesetz als sein

Geschlecht von ihm fordert, während der Mann, wo er im Kampf begriffen

scheint, mit der Welt und dem, was sie ihm weigert, nur seiner innersten

Ueberzeugung gehorcht.

Der Gedanke an das Kloster war der Gräfinn stets furchtbar gewesen,

und das Gefühl ihres Menschenrechts hatte sich gegen diese Bestimmung

gesträubt. -- Jetzt galt es, aus freier Wahl diese Nothwendigkeit

aufzuheben. Der Vater wurde nicht davon berührt -- er wußte nichts.

Und wie mag ein weiblich Ohr, erfüllt von den Stimmen der Liebe, und in

nervöser Scheu vor jenem Glöcklein der Kirche, das über der absterbenden

Novize geläutet wird -- auf das Flüstern religiösen Zartgefühls hören?

-- Dieser verschwiegene Bund, sein verstohlnes Verhältniß, ja selbst

der Reiz einer gewissen Gefahr erhöhete die heimlichen Entzückungen

desselben, da des Vaters Ruhe, wo nicht sein Leben daran hing, daß es

unentdeckt bliebe, seine Tochter wäre vermählt. Diese Gattinn, das freie

Eigenthum der Liebe, würde dem Sylvius der öffentlichen Stimme nach,

nur ein kirchenräuberischer Besitz gewesen seyn; aber er trank von ihren

Lippen Weihe und Wonne. -- Als hätte eine schützende Gottheit einen

Schleier über diese Ehe geworfen, so blieb sie jedem Auge verhüllt.

Albane galt für eine Himmelsbraut, kein schnöder Verdacht schlich ihren

Schritten nach; ihr kindlicher Ruf war über jeden Argwohn erhaben;

wie hätte man denken können, sie wolle sich einer heiligen Pflicht des

Glaubens entziehen, für den ihre Mutter gestorben? -- Das Bedauern

für die junge Gräfinn war so allgemein und innig, daß man ihr jede

Seltsamkeit nachgesehen haben würde -- und nachsah. Die Natur gab diesem

Bündniß Unauflöslichkeit, und jetzt fühlte Albane zum erstenmale, daß

das Einsseyn zweier Herzen, ob auch vereiniget durch Priesters Hand,

unter den Schutz der Oeffentlichkeit gehört; denn schon die Gestalt

einer werdenden Mutter heischt eine rechtliche Meinung, und macht

es unmöglich, ohne Sünde oder Sorge den höchsten Segen des Weibes zu

verheimlichen. Nur die Lage der Gräfinn, so gänzlich abgesondert von der

Welt, und in diesem Vorzug -- dieser Begriff gelte für jene Umstände --

fast einzig und allein in ihrer Art, der blöde Geist ihres Vaters, das

blinde Vertrauen dessen sie genoß, das vorsichtige Verfahren des Arztes

und die erfinderische Klugheit der Amme halfen über jenen schwierigen

Zeitpunct wiederholentlich hinweg. -- So waren Jahre verflossen. Das

Band dieser ehelichen Liebe schien an Stützen gebunden, die tiefer

begründet waren, als für ein sterbliches Auge einzusehen möglich, es

war so innig mit beruhigendem Schweigen verwebt, daß die furchtsame

Besorgniß Albanens, es könne zur Kenntniß ihres Vaters kommen, allmählig

nachließ. Sie ward endlich sicher.

Aber _die_ Stimme in der menschlichen Brust, ein schwacher Vorklang

jener, die einst schlafende Welten wecken wird, welche in den leisesten

Bebungen des sittlichen Sinnes an ein betäubtes Herz dringt --

ward laut. Die Gräfinn war längst nicht mehr glücklich, wenn sie es

eigentlich jemals gewesen. Ihr Glück däuchte ihr nur ein entzückender

Traum, unhaltbar zerronnen, aus dem sie schwerblütig erwacht wäre. Ihr

ganzes Wesen, vom Sitz des Herzens aus, durchdrang ein traurig Sehnen,

was sich selbst in Sylvius Armen nicht stillte; das Bewußtseyn ihrer,

seiner Liebe genügte ihr nicht mehr. -- Ein kränklicher Gram zehrte an

ihrer Gestalt, und ein Gefühl unsäglicher Wehmuth, von trübem Grund der

Seele, bedrängte ihren Busen. Sah sie ein junges Ehepaar neben einander

sitzen oder gehen: so dachte sie mit einem alten Liede: »manches Herz

geht _ganz alleine_ seinem stillen Kummer nach --« Albane verkannte, daß

der Liebe Geist, der treueste von allen Freunden, ihr zur Seite wäre. --

Geschah es, daß sie Fabien von oder zu ihrem Mann reden hörte: so fühlte

sie sich schmerzlich fremd, wie eine Taubstumme, Angesichts Solcher,

denen das Vorrecht und die geistige Beziehung der Sprache gegeben ist.

Ein weinendes Kind, geschmiegt an den Hals seiner Mutter, lockte bittre

Tropfen in ihr Auge, und die arme Gräfinn hätte all ihr Blut verströmen

mögen, wenn sie eine Thräne ihres Kindes, _eine_ nur -- tröstend hätte

wegküssen dürfen. --

In dieser Stimmung dachte Albane oft an ihre Mutter, auf die sie sich

wenig zu besinnen wußte. Zwar bebte ihr Gedanke vor diesem beleidigten

Bilde zurück; aber es zog allmählig immer trauter und versöhnender

ihr Denken und Sinnen an sich. Einst führte das Bedürfniß innerster

Ansprache sie an die Familiengruft, deren Thür sie sich öffnen ließ.

Auch den Deckel des Sarges ihrer Mutter ließ sie abheben, und diesem

Willen der jungen Gebieterinn ward, wenn auch widerstrebend, doch Folge

geleistet. Der Leichnam lag unversehrt, nur das weiße Kleid war in

der linken Brustgegend hochroth gefärbt, als hätte der Todten das Herz

geblutet; das rechte Auge war nicht ganz geschlossen: wie drang dieser

erstorbene Blick in die Seele ihrer Tochter! -- Um den eingefallenen

Mund schwebte noch der Schatten eines Lächelns, womit die edle Frau die

Welt gesegnet hatte. Albane stand in heiliger Rührung an dieser Stätte

der Ruhe. Ein ganzes Leben voll Vorwürfe hätte nicht so dringend an

ihr Herz reden können, als dieser stille Anblick, der den Frieden der

Gottseligkeit schweigend offenbarte. Und hier war es, wo Albane den

Schmerz der Leidenschaft als sündlich empfand. -- Fuhr die Gräfinn des

Sonntags nach der Kirche, so trat sie mit einem Schauer der Buße in

die vergitterte Loge. Das Erbrausen der Orgel schwellte ihre Brust, ihr

Gefühl war ein frommes Heimweh. Sie wünschte sterben zu können an diesen

Tönen des Himmels. Und wenn die Sonne zu den hohen Fenstern herein

schien, und in der Stola des Priesters flimmerte: dann leuchtete dieser

Strahl auch in ihr Innerstes, und um den dunkeln Altar des Gemüths ward

es helle. -- Doch ein Blick der Liebe ihres Vaters, der kleinste Beweis

seiner Zuversicht zu ihr, die sein Ein und Alles war, spaltete Albanen

das Herz. -- Wenn schon eine zarte Scheu sich in Acht nimmt, einem

Blinden auf irgend eine Weise Anstoß zu geben: so wird ein zarterer Sinn

Anstand nehmen, den geistig Blöden zu hintergehen. So war Albane sich

nach und nach einer Schuld gegen ihren Vater bewußt worden, die sie in

heißer Reue mit keinem Opfer der Liebe, auch dem größten nicht, sühnen

zu können glaubte. -- Die Unterredung mit dem Forstmeister, welche das

Herz der Gräfinn erschütterte, fand daher den Tag der Reife, und lösete

die Frucht der Selbsterkenntniß ab, in einem Gedanken, den sie lange

getragen.

Auch Sylvius war unbefriediget, und konnte es nicht immer verhehlen. Er

vergaß in der Heftigkeit seiner strebsamen Wünsche, daß Albane, indem

sie ihnen nachgegeben, ihm das Ziel derselben als ein unabänderliches

gezeigt. Das süße Geheimniß, der unsichtbare Trauring, war ihm eine

Fessel, die er in männlichem Trotz abstreifen mögen -- er fühlte

sich beschränkt, und die Geliebte war es, die ihn hinderte, seine

jugendlichen Kräfte an den Schranken der Welt zu versuchen.

»Ich las heute,« sagte die Gräfinn in der Späte jenes Abends, an dem sie

seinen Vater gesprochen, zu ihrem Gemahl, »die entstehende Liebe ist in

einem Nichts reich, die wachsende ist in den Wünschen bescheiden, nur

die glückliche Liebe hat nie genug -- da dachte ich an Dich.«

»Ach, Albane!« lautete seine Antwort, »wie könnte meine Liebe glücklich

seyn, da Du es nicht bist? Umsonst verbirgst Du mir einen Kummer, als

dessen Ursache ich mich ansehen muß -- ich bin nicht im Stande, Dein

Herz ganz auszufüllen. Lebten wir nicht in dieser unseligen lichtscheuen

Vereinzelung: kein finstrer Gedanke würde Raum finden zwischen Dir und

mir.«

»Wie Du mich quälst, Romana!« seufzte seine Frau, »gönne mir den Trost,

das Leben meines Vaters zu schonen; an diesem schwachen Faden laß mich

vorsichtig halten, das Gewebe der Verhängnisse ist zart. -- Und damit

Du das Wenige schätzen lernst, was Du an mir besitzest: so dürfte es gut

seyn, wenn Du mich eine Zeitlang ganz entbehrtest. Der Arzt dringt in

mich, den Vater zu einer Reise von längerer Dauer zu bereden, und auch

Dir, mein Sylvius, dürfte eine weite Ausflucht eben einmal nöthig seyn.«

Albane stellte nun dem Gemahl diese Reise aus den verschiedensten

Gesichtspunkten als eine allseitige Nothwendigkeit dar. Der jüngere

Romana glaubte jedoch nicht, daß es dazu kommen würde; aber der Graf

zeigte sich viel leichter entschlossen, als zu erwarten gewesen, ja,

es war, als ob dieser Entschluß seine Kräfte aus ihrem lethargischen

Zustande aufgerufen hätte. Er war zum Staunen der Seinen der

besonnensten Maßregeln fähig, und Albane, welche diesen Lichtblick

benützten zu müssen glaubte, förderte die Anstalten in drängender Eile.

Es gab mehr Leute, welche diesen günstigen Zeitpunkt zur Erreichung

ihrer Zwecke absahen. Der Oberverwalter, Fabiens Vater, war vor Jahr

und Tagen gestorben, und ein Mann an seine Stelle gekommen, der obgleich

tüchtig für sein Fach, doch nicht als vertragsam gerühmt werden

konnte, am wenigsten von dem Schwiegersohn seines Vorgängers.

Dieser, ärgerlicher Art, that nur seine Pflicht, doch nichts, um ein

freundlicheres Verhältniß einzuleiten; bei solcher Unfügsamkeit in nahem

Verkehr waren Reibungen unvermeidlich, und es kam so weit, daß Fabia

einsah, ihrem Manne würde nicht nur sein Amt, sondern das Leben

verleidet. So redete sie ihm zu, den Grafen um Versetzung anzugehen. --

Aber dieser Gutsherr war so wenig zugänglich, wie ein Fels im Meer, und

einmal abgeschlagen, konnte jener Wunsch nicht wiederholt werden.

Als nun Graf Frankenstern den Cassirer rufen ließ, und ihn dieser

gesammelten Geistes und überaus gütig fand, erschrak er fast vor Freude,

daß der Blüthenmoment für seine Angelegenheit so plötzlich gekommen

wäre. Er trug seine Bitte vor, zugleich mit der Beschwerde über den

Oberverwalter, und der Graf verfügte ohne Weiteres, daß der Antagonist

desselben als Rentmeister nach Bühle versetzt würde. -- Er hob

bedeutende Summen aus, und fand das Rechnungswesen in musterhafter

Ordnung; es ergab ein Facit gegenseitiger Zufriedenheit. Frau Fabia

hatte, als ihr Mann vom Schlosse nach Hause kam, eine langentbehrte

heitre Stunde; aber diese war auch für längere Zeit die letzte. Nachdem

die Spannung nachgelassen, worin er sich zeither befunden, fühlte er

sich krank, in Folge verhaltnen Aergers. Als der Graf nun Tages vor

seiner Abreise den Rentmeister noch einmal zu sich rufen ließ, ihm

Papiere von Wichtigkeit zu übergeben, raffte Dieser sich mühsam auf, die

Befehle des Gutsherrn zu empfangen, und besorgt sah seine Frau ihm nach.

Graf Frankenstern war heute nicht völlig so klar, als er ihn das

letztemal gesehen; er konnte sich auf Einiges durchaus nicht besinnen,

und schritt nach dem Flügel, den seine Tochter bewohnte, Aufschluß von

ihr zu fordern.

Die Schwägerinnen. Zweiter Theil. · 第 3 / 13 段