rührenden Wohllaut der Stimme an, der je leiser, um desto stärker
ans Herz dringt, »ich habe etwas Wichtiges mit Ihnen zu sprechen. Sie
könnten mir einen großen Gefallen erzeigen.«
»Herr mein Gott!« antwortete der Forstmeister, und das Mitleid mäßigte
diesen Ausruf bis zur zartesten Versicherung, »gebieten Sie doch über
mich!«
»Es wäre mir viel daran gelegen,« sprach hierauf die Gräfinn, »wenn
Sie morgen -- oder übermorgen,« der kranke Blick ihres matten Auges
verdunkelte sich wie die Nacht dazwischen, und ein voller Seufzer füllte
den Moment, »meinen Mann auf einen halben Tag -- besser wäre freilich
ein ganzer -- zu entfernen wüßten.«
»Das wird schwer halten,« erwog Romana, »hält doch Frankenstern kaum
mehr eine halbe Stunde bei mir aus. Verlassen Sie Sich indeß darauf, es
geschieht! ich sinne nur nach, wie ich es anzustellen habe, ihn zu einer
kleinen Reise zu bereden.«
»Dann fiele mir ein Stein vom Herzen,« erwiederte die Gräfinn, indem ein
paar Thränen über ihre abgehärmten Wangen rollten. »Wissen Sie denn,
ich werde operirt -- das heißt, ich lasse mir die Brust ablösen. So
begreifen Sie auch, daß dies meinem Manne verschwiegen bleiben muß.«
Diese Worte, mit Ruhe und Resignation gesprochen, sträubten dem
Forstmeister das Haar. »Die Brust -- ablösen?« fragte er, und sein
männliches Gesicht erröthete in Angst; die Gräfinn erbarmte ihn
unaussprechlich. »Und bleibt kein anderes Mittel?«
Ein sanftes Kopfschütteln, und: »nur dieses letzte --« war die sehr
leise Antwort.
»Sie werden eines Beistandes bedürfen, arme Gräfinn!« sagte Romana
dringend, und irrte mit seinen Gedanken hin und her, wie er zugleich den
Grafen abwehren, und hier eine Stütze in der Gefahr seyn könnte.
Die Gräfinn lächelte; es war, als hätte die Sense des Todes dies Lächeln
in ihre tiefen Züge eingeschnitten -- und dem Forstmeister blutete das
Herz. Sie sprach: »ich wäre doch allein, im Grausen Dessen, was mir
bevorsteht; allein muß Jeder seinen Weg gehen. Aber, wenn ich am Ziele
bin, verlassen Sie meinen Mann nicht! er wird den Freund dann nöthig
haben. -- Und nun das Wichtigste. Wir sind zwar nicht mehr Eines
Glaubens, Sie -- doch lassen wir das. Ich halte Sie für einen redlichen
Mann, Romana.« Nie hatte der Forstmeister ein ehrenwertheres Zeugniß
empfangen, als dies. Er würdigte es, und die Gräfinn fuhr mit bewegter
Stimme und widerstrebenden Lippen fort: »an ihre männliche und
christliche Ehre nun wende ich mich, wenn ich hoffe, daß Sie, unserer
abweichenden Meinungen ungeachtet, das Wort, was eine bedrängte Mutter
dem Himmel als Pfand eingesetzt, nicht verfallen lassen werden, gleich
einer Schuld. Versprächen Sie, Ihren Einfluß auf meinen Mann für diesen
Zweck zu benutzen: dies würde mich sterbend noch erquicken.«
Darauf erzählte die Gräfinn dem Forstmeister, was unsere Leser schon
wissen. Wie lange und wie still sie den Kummer in ihrer Brust getragen,
was die Aerzte gesagt, und so weiter. Und als sie ihr letztes Kind
geboren, habe sie es mit tiefem Erbarmen angesehen, wie vielen Schmerzen
eine Mutter unterworfen sey und was ein Weib schweigend erdulden müsse.
So sey ihr denn ein Leben in Gott als das höchste Glück erschienen, dem
sie das Neugeborene gelobt, wenn er das ihrige fristen wolle, weniger,
um sich selbst zu retten, als ihr Kind. -- Die Gräfinn eröffnete nun
dem Freunde ihres Gemahls mit reuiger Wehmuth, daß sie sich von einem
ungewöhnlichen Anfluge ehelicher und väterlicher Zärtlichkeit des Grafen
hinreißen lassen, ihm dies zu gestehen, worauf er ihr bittern Vorwurf
gemacht, und das Ansinnen, jenes Gelöbniß zu brechen. »Ich muß nun,«
setzte sie trostlos hinzu, »den Frevel dieses Gedankens mit dem Tode
büßen: denn der Himmel läßt nicht mit sich spaßen. Ich bekam sofort
Frost, die alten Schmerzen -- es ward schlimmer mit mir, wie je zuvor.
So will ich, obwohl selbst ein Opfer, doch, daß meine Tochter durch
Gehorsam sühne, was ihr Vater zu sagen sich vermaß. Werden Sie es nicht
hindern, Romana? daß Albane --« weicher läßt sich nicht bitten, als es
in diesen Worten geschah; die Stimme der Gräfinn zerschmolz in Thränen.
Der Forstmeister legte stumm seine Rechte in ihre kleine, weiße, feuchte
Hand. In seinen Augen, denen Kreuz und Leiden in aller ihrer Heiligkeit
vorschwebten, brannte ein Schwur. Sie glaubte ihm, ohne daß er eine
zusichernde Sylbe gesagt hätte.
Wie überzeugend ist das Vertrauen! Romana, seinem gewandelten Sinne
nach, ein Feind der Klöster, hätte die kleine Albane lieber heute schon
einsperren mögen. Er war der geistliche Anwalt des Wunsches ihrer Mutter
geworden, daß dies liebe Kind, einst absagend weltlichen Schimmer, der
Edelstein eines Ordens würde. Vielleicht wäre die Gräfinn dennoch zu
retten gewesen; aber das Fatum, dem selbst die Parzen dienen, hatte
ihrem Leibarzt den Lebensfaden, und somit die Gelegenheit abgeschnitten,
ihren frommen festen Glauben an göttliche Hülfe und an die seinige noch
einmal zu bewähren. Der junge Aesculap, der das Zutrauen der Gräfinn von
ihm ererbt, war ein hitziger Anatomiker, der seinen besten Freund
eben so gern secirt, als ganz glücklich gesehen haben würde -- und Wir
wissen, daß die Leidenschaft ihren Gegenstand nicht immer zeitgemäß
behandle. -- Als nun der gefürchtete Morgen kam, und mit ihm der Doctor,
begleitet von einem Wundarzt, fand er Alles bereit, sogar die Seele der
Gräfinn zum Sterben. Graf Frankenstern war durch einen Anlaß, den
die Klugheit des Forstmeisters ersonnen, geschickt entfernt worden.
Todtenstille herrschte im Schlosse. Die weiblich-vornehme Fassung der
Gräfinn entmannte den Operateur. Verstörten Auges blickte er nach der
Uhr, und seine Hand zitterte mit dem Secundenzeiger um die Wette. Nach
dem ersten Schnitte entfiel ihm das Messer, und es sank mit solcher
Schärfe in die Diele ein, daß ein kleiner blutbefleckter Spahn daneben
aufgaffte. -- Die Gräfinn verlangte mit erlöschender Stimme: man
solle das Messer nur liegen lassen. Aber dieser Zufall war von übler
Vorbedeutung: die Gräfinn verschied am dritten Tage. --
Wir wagen nicht, den Zustand ihres Gemahls beschreiben zu wollen. Er
klagte sich als den Mörder dieser unvergleichlichen Gattinn an, obgleich
er die eigentlichen Umstände ihres Todes nicht kannte, und nur wußte,
daß sie von jenem Wortwechsel an gekränkelt hatte; die Wahrheit würde
zu stark für ihn gewesen seyn. Liebe und Schauder bekämpften ihn mit
gleichen Waffen. Romanas Freundschaft stand ihm kräftig bei; aber --
wie sind jene finstern Mächte zu bezwingen, die den Menschen sich selbst
entfremden? -- Vergebens mahnte der Forstmeister ihn an die Pflicht,
sich zu zerstreuen. Er konnte ihm nicht einmal den Abgrund zeigen, der
unter dieser tiefsinnigen Langeweile gähnte, aus Furcht, der Graf könne
dann früher noch in das Elend völliger Geistesverwirrung stürzen. --
Romana bot ferner Alles auf, jedoch umsonst, ihn zu bewegen, daß er die
kleine Albane unter andere Aufsicht gäbe, als die ihrer Amme. Mit jener
Hartnäckigkeit, womit schon der Eigensinn wie viel mehr der Wahnsinn,
ob er auch unterdrückt wäre, an seinem Willen festhält, behauptete der
Graf, er könne nirgend ausdauern unter Menschen, und eben so wenig ein
weiblich Wesen in bessern Kleidern um sich sehen, als Die trüge, welche
seine Albane genährt.
»Und wozu auch?« fragte er mit düsterm Stolz, »meine Tochter kommt
einmal ins Kloster, und also nie in den Fall, der Welt und dessen, was
sie fordert, zu bedürfen. Gott hat sie wohl gebildet -- es ist nichts zu
tadeln an meinem Kind.« Dagegen ließ sich nun freilich nichts sagen, und
Romana schwieg.
Wenn man annehmen darf: daß die Freundschaft durch ein verjährtes
Zusammenleben tausendmal eher aufgehoben als befestiget wird -- so wie
durch lange Trennung verinniget -- so spricht die Erfahrung dafür
und den Beweis an: Verstand, Einsicht, Wissenschaft, Dankbarkeit,
Lebenssinn, Erinnerung -- könnten zwar als eine feste Grundlage
freundschaftlicher Verhältnisse angesehen werden, doch nicht
unerschütterlich gegen die Gewalt der Zeit und Umstände. Die einzige
Basis des Bestands ist ein tiefes Gemüth voll göttlicher Kraft der
Liebe!
Allmälig hatte Romana sich seinem unglücklichen Freunde entfremdet,
und es war so unmerklich geschehen, daß ihre Seelen sich wie aus weiter
Ferne kaum mehr verstanden, als ihr äußerer Verkehr, besonders von
Seiten des Forstmeisters -- noch ganz derselbe schien. In dem Grade, als
der Graf sich in sich selbst zurückgezogen, war ihm auch das Nächste,
sein Kind ausgenommen -- gleichgültig geworden. Er vermißte Romana
nicht, er suchte ihn nie auf. Tagelang saß er allein, und flüsterte
so anhaltend, daß die Bedienten oft lange warten mußten, ehe sie
ihn unterbrechen durften. Des Abends klagte er sich matt, von der
fortwährenden Unterhaltung. Da sahen seine Leute sich an und es
grauete ihnen: denn Niemand war bei ihm gewesen, als sein Dämon. Daß
er gestörten Geistes sey, war, wenn auch ein bewahrtes Geheimniß der
Achtung, doch Jedem klar.
Einst, an einem milden Herbsttage fand ihn Romana im Garten, seltsam
beschäftiget. Er band die Blätter einer Espe mit grüner Seide an die
Zweige fest, der Knäuel, dessen Faden eine rothe Wunde in seine Finger
eingeschnitten, lag im falben Grase und glänzte in der Sonne.
»Gott grüße Dich, lieber Frankenstern!« sagte Jener, »was machst Du denn
da?«
Der Graf lächelte und sprach: »ei! ich binde mir die Blätter ein wenig
fest, dies Zittern ängstet mich, so oft ich es sehe. Ich weiß, wie
Einem zu Muthe ist, der vor jedem Lüftchen bebt: die Furcht ist das
entsetzlichste Gefühl.« Und indem er emsig in seinem unheimlichen
Treiben fortfuhr, setzte er hinzu: »dann -- Dir will ich es wohl sagen,
Romana, wenn der Wind nun rauher weht, und die Blätter fallen, und
liegen fahl und still an der kalten Erde, wie aufgehäufte Leichen --
manche haben ordentlich Physiognomie --« Der Forstmeister sah voll
Mitleid in die seines Freundes. »Den Schmerz der Natur,« sagte er mit
dem tiefsten, »wollen wir ihrem Schöpfer überlassen. Dieser Faden, Du
Armer, schneidet mir in die Seele. Hast Du nie den Frühling gesehen,
das Bild der Auferstehung? Wer bindet denn da die Kränze von Laub und
Blumen, welche Himmel und Erde umschlingen? --« Er umschlang den Freund,
und weinte vor großer Rührung.
So wurde es immer finsterer um den Grafen, nur in dem hellen Blick
seines Töchterchens ging ihm zuweilen ein Strahl von Freude, das Licht
des Lebens auf. Er hing mit unendlicher Liebe an dem Kinde, und diese
zärtliche Empfindung wurde nur durch das Andenken an die verstorbene
Frau getheilt. -- Die kleine Albane, obwohl ohne alle Erziehung,
entwickelte sich zart und schön. Die Natur war ihre Gouvernante, und
welche Bonne bildet so gut als sie? -- Ihre Sprache hatte den reinen
Klang des Gefühls, ihr Gang war ein leichtes Schweben über gemeinen
Boden, und jenen angeborenen Adel der Sitten hätte weder die
Stiftshofmeisterinn eines Fräuleins-Instituts heben, noch die gutmüthige
Plumpheit der Amme unterdrücken können. --
Die Amme, welche mit roher Treue um ihren Pflegling sorgte und waltete,
sprach oft von seiner künftigen Bestimmung: dem Kloster; aber die
Farben, womit sie die Zukunft mahlte, waren eine Reibung für das junge
Herz, und es mischte sich in ihnen religiöse Ehrfurcht, mit dem Schein
von Hoffnung, Albane werde hinsichtlich ihres wahren Glückes zu täuschen
seyn. Sie staffirte die Zelle mit Gold aus, und bekleidete die
kleine Gräfinn mit den Würden einer Aebtissinn. Aber es giebt nur ein
Bedürfniß, ein Talent, welches die Einsamkeit vorzugsweise weckt: das
Verlangen und die Fähigkeit _zu lieben_. Während die Amme wähnte, sie
baue möglicher Abneigung vor, ward Albanen der Gedanke an das
Kloster verhaßt, und der Instinkt ihres Geschlechts stellte eine
Widersetzlichkeit dagegen auf. Dem Grafen war es zwar unumstößlich
gewiß, daß seine Tochter Profeß thun müsse --; doch den Zeitpunkt dazu
glaubte er hinaus schieben zu dürfen, wie weit? dies wußte er selbst
nicht, und es dämmerte ihm vor den Augen.
»Wie könnte ich Dich nur verlassen, mein Vater?« fragte Albane ihn in
bangen Stunden der Anfechtung, und ihr Vater fühlte dann selbst die
Unmöglichkeit, seinen einzigen Trost in ihr entbehren zu können. Mehr
als diese Frage erlaubte sich jedoch die junge Gräfinn nicht, um an
ihrem Ziel zu rücken: denn als sie einst den Versuch gewagt, ihrem Vater
recht kindlich zu sagen, daß sie doch lieber den Brautkranz wie den
Schleier trüge, wenn sich nämlich ein Mann für sie fände, der sie
nicht von ihm und ihrer Pflicht trennte -- war der Graf in einen
fürchterlichen Zustand gerathen. »Soll ich auch des Todes sterben, wie
Deine Mutter?« hatte er ihr rollenden Auges entgegnet. »Es war mein
Wunsch wie der Deine, armes Wesen, Du mögtest glücklich werden; aber
ich bin nur elend deshalb geworden. Mögte wohl ein Vater sein Kind zu
lebenslänglicher Gefangenschaft verurtheilen, wenn es nicht die Rettung
des Lebens gälte? -- Aber es giebt einen Schlüssel zur Freiheit -- --«
Geistig Gestörte sind wie Inspirirte zu betrachten. »Der Schlüssel zum
höheren Leben ist die Liebe!« und Albane trug ihn in stiller Brust. --
Wie durch ein stillschweigend Uebereinkommen der Grundsätze beider Väter
waren ihre Kinder fast gar nicht zusammen gekommen. Auch war Sylvius
ziemlich voraus; doch die Natur hob durch ihre höchste Kraft diesen
Unterschied auf, und lernte die beiden jungen Leute, wie fremd und
fern von einander gehalten, sich innigst finden. -- Jener Arzt, der
die Gräfinn operirt hatte, war dem herrschaftlichen Hause von Bonna
verpflichtet geblieben, und weil er sich vorwurfsvoll beimaß, durch
Uebereilung an dem Tode einer der trefflichsten Frauen, die er je
gekannt, Schuld zu seyn, nahm er die Gesundheit ihrer Tochter mit
vergütender Sorgfalt und um so gewissenhafter in Acht. -- Und wie das,
was wir bewahren, wäre es auch fremdes Eigenthum, allmählig eigenen
Werth für uns gewinnt, so war das Glück nicht minder als das Leben der
Comteß ihm theuer geworden. Er bedauerte, daß ein so schönes Kind dem
Kloster bestimmt seyn solle. Mit leiser Geschäftigkeit tastete er
an diesem Entschluß herum. Albane hüthete sich indeß wohl, ihm
ihr jungfräuliches Herz zu öffnen -- und der Graf zeigte bei dem
behutsamsten Versuch, ob er hierin wankend zu machen wäre, sich so
erschüttert, daß der Arzt, gegen dessen persönliches Annähern er eine
innerste ahnungsvolle Abneigung zu empfinden schien -- es nicht wagen
durfte, stärker in ihn zu dringen. So begnügte er sich, dem armen
Opfer noch einigen Genuß des Daseyns zu wünschen, ehe es seine düstere
Bestimmung erreiche. Er konnte nicht begreifen, wie die junge Gräfinn
es so ganz ohne allen Umgang aushalten könne, und erwähnte zugleich, wie
dies bei dem Sohne des Forstmeisters, einem vielversprechenden Jüngling
der nämliche Fall sey; so daß Albane ein sinnverwandtes Wesen in Sylvius
ahnete. Im Hause Romanas hingegen sprach der Arzt mit Begeisterung von
der Tochter des Grafen, bejammerte ihr Loos jetzt und künftig -- rührte
und regte ein Herz für die himmlische Schönheit, für das schuldlose
Unglück dieses Mädchens an -- ein Herz, dessen heiße Sehnsucht ein
langes stilles Glühen für ein verhangenes Bild gewesen war, das sein
Idol nun gefunden zu haben glaubte, und heftig aufflammte. -- So war
der Arzt, indem er hastig hin und her fuhr, wie der Wind, hier ein Wort
verstreuete, dort eines, gleich dem Träger des Saamens, aus dem die
Blume der Liebe erwuchs. Und wie in der Welt jedes Verhältniß, auch
das tiefste, sich verflacht, so wird in der Einsamkeit auch das
oberflächlichste bedeutend. -- Nicht leicht wird ein Mädchen dieses
Ranges einsamer erwachsen, als Albane. Ach! sie war wohl schlimmer
daran, als eine Waise. Die Mutter lag in tiefer Ruhe, und das Geheimniß
manch schwerer Sorge war mit ihr versenkt; der Vater, Herr eines beinahe
fürstlichen Besitzthums, war ein armer verstörter Mann, mit dem der
geplagteste seiner Unterthanen nicht tauschen mögen. -- Seine Tochter
hing mit kindlicher Seele an ihm, und hielt so nur allein seine
zerrissenen Gedanken in einem gewissen Zusammenhange. Sie fand sich mit
jener Sicherheit, die ein Gott uns lehrt, in seinem zerrütteten Geiste
zurecht, wie dunkel die Spur auch gewesen wäre. Wenn Albane ihren Vater
ansah, so oft er wirre Worte redete und die Begriffe durcheinander
warf, so drang mit diesem Blick ein mildes Licht in sein Inneres, und
er erkannte sich selbst wieder und sein Kind. Ihre liebe, sanfte
Stimme, vom innigsten Bezug, war wie der Laut eines Glöckleins, was den
Verirrten auf den rechten Weg ruft. Wenn der Graf seine Beamten vor sich
ließ, und Geschäfte von Wichtigkeit zu besprechen waren, so stand die
Comteß daneben, und hielt wie mit einem leisen Faden die Gedanken im
Zuge; verwickelte er sich auch einmal in einen Widerspruch, so wußte
Albane ihn leicht zu lösen. Die Bewunderung, mit der jene Männer zu ihr
aufschauten, erlaubte ihnen nicht, einen Blick des Mitleids zu wechseln.
O heilige Liebe! Du bist jener wunderbare Hauch der Allmacht, der den
Funken des Geistes nicht verglühen läßt in todter wüster Asche. Darum
ist es unser laienhaftes Urtheil, daß Kranke dieser Art unter der
verschwiegenen, liebevollen Pflege der Ihrigen am besten aufgehoben
sind. Verstand und Kunst stützen zwar die Pfeiler, auf denen das
Gleichgewicht der Seele ruht, können aber gänzlicher Zerstörung nicht
immer vorbeugen. Die Liebe in ihrem umfassendsten Sinne ersteigt nicht
allein Mauern, sie wirft auch welche auf, gegen solchen Verfall.
Doch nichtsdestoweniger war dem armen Kinde das Herz unsäglich schwer.
Albane hatte keinen Trost als sich selbst, und daß sie sich nicht selbst
genüge, ward ihr klar in Thränen, die sie heiß und heimlich weinte. --
Wenn der Graf schlief, und er schlummerte oftmals des Tages über ein,
weil er sich des Nachts gegen die Wohlthat der Ruhe sträubte, aus
Furcht, in Bewußtlosigkeit zu versinken -- so lauschte Albane, wie tief
und stöhnend er athme. Ihr Blick hing bewölkt an seinem grauenden Haar,
an der gealterten zusammengesunkenen Gestalt -- und ihr Gefühl hatte
keine Stütze. Albane durfte nur an seiner Seite sitzen, und den weichen
Wedel von Pfauenfedern schwingen, daß die summende Fliege ihren Vater
nicht belästige, so sanken vor den Augen des Argus die seinen zu,
und einschläfernde Regenbogenkreise zogen seine wache Seele in ein
träumendes Vergessen. --
Niemals kamen Gäste in das Schloß zu Bonna, niemals! Auf der breiten
steinernen Brücke, die zu seinen Thoren führte, wuchs Gras, als hätte
ein altgläubiger Fluch es hervorgerufen. Die Zimmer waren pomphaft, doch
leer und öde, nur die Zeit wohnte darin, und nützte den Glanz der Möbeln
nicht mehr ab, wie eine ruhige alte Frau von leisem Schritt und Wesen.
Losgesprochen von jeder andern Aufgabe als der: zu leiden, fand die
junge Gräfinn nie und nirgend etwas zu thun. -- Der Tag zu Bonna und
seine Glocke war ein Tonstück von ganzen Noten und großen Pausen. Tanz
und Musik, die kirchliche ausgenommen -- waren Freuden, welche Albane
nur dem Namen nach kannte, und manchmal wünschte sie wohl, die Horen
mögten ihr die Pforten des Himmels öffnen, daß Alles zu Ende wäre. Sie
thaten es, doch auf andere Weise, zu dem Anfange eines neuen Lebens. --
Die Weidenflöte, das Geläut der Heerden, der klingende Tropfenfall des
Springbrunnens, das Schwirren der Heimchen im abgesichelten Felde,
dies Alles regte eine sehnsüchtige Wehmuth in ihr an, einen wollüstigen
Schmerz, gemischt aus Grauen und Entzücken. Einst fand der Graf seine
Tochter, wie sie das bethränte Gesicht an den Blättern einer dunkeln
Laube trocknete. Erschrocken fragte er: »Du hast geweint? Was fehlt Dir,
mein liebes Kind?« Albane antwortete überrascht, »die Freiheit,
mein Vater! ich fühle mich so beengt.« -- Es war einer der lichten
Augenblicke des Grafen, worin ihm diese Klage seiner Tochter
einleuchtete. Er erlaubte ihr nun spazieren zu gehen, wann, und wie
weit sie nur irgend wolle. Von dieser Zeit an ging eine Veränderung mit
Albanen vor. Als ob tausend Seelen in ihr erwacht wären, belebte und
erhöhte sich ihr ganzes Wesen. In dem großen, kalten Schlosse war es wie
Frühling geworden. Die zarte Wange der jungen Gräfinn, sonst nur schwach
gefärbt, war eine glühende Rose, ihre sanften Augen leuchteten wie in
einem seligen Fieber, und die grauen Riesen am Steinthor schienen im
Abglanz ihres Blickes zu lächeln. Anstatt leise aufzutreten, schwebte
sie nur, kein Unfall berührte sie mehr, alle Gesichter erheiterten
sich bei ihrem Anblick, und selbst auf der finstern Stirn ihres Vaters
blühete eine kleine kümmerliche Freude an der reizenden Zufriedenheit
seines himmlischen Kindes auf.
Es ist bereits früher erwähnt worden, daß mehrere Anwohner dieser
catholischen Herrschaft zu den Stillen im Lande gerechnet wurden; dies
nicht allein, auch die ersten von den Offizianten des Grafen gehörten
jener religiösen Innung an. Darunter war der Oberverwalter, ein
schätzbarer Oekonom. Der Geschäftskreis, den er mit der besonnensten
Umsicht versah, war groß, der seines Familienlebens hingegen klein.
Er hatte seine einzige Tochter Fabia dem Cassirer des Majoratsherrn
verlobt, und konnte sicher darauf rechnen, seine Tochter werde an der
Seite dieses redlichen Mannes, den sie mit ruhiger Neigung gewählt,
eben so sicher zufriedne Tage zählen, als dieser, von dem kein Error
zu besorgen war, die ihm anvertrauten Summen. -- Die junge Gräfinn,
obgleich weder von Fabia angezogen, noch festgehalten, hatte durch
die Leitung des Zufalls, oder, um uns angemessener auszudrücken: einer
höheren Hand -- die fromme Braut kennen gelernt, und konnte ihr ein
Gefühl der Achtung nicht versagen. Fabia hatte einige Jahre früher
eine herzlichgeliebte Freundinn verloren -- unsere Leser kennen die
Geschichte jener Todten und ihrer Freundschaft -- und vielleicht war es
ein sanfter Nachhall jenes erschütternden Ereignisses, vielleicht ein
noch _innigerer_ Ton, was Anklang fand in Albanens Seele. Die stille
Weise, in der Fabia viel leistete, ihr gesetztes Betragen, der Tact der
Ruhe und Rechtmäßigkeit -- wenn wir so sagen dürfen -- womit sie sich
bewegte, und das Ruder des Hausstands lenkte, bildete eine Art
von Gegensatz zu dem leidenschaftlichen Zustande Jener, und wirkte
beschwichtigend auf sie ein. Albane empfand, daß Verlaß auf Fabia zu
setzen, und konnte sich des stillen Zugeständnisses nicht erwehren, daß,
in solch sichere Hand sein Schicksal zu legen, keinem Manne zu verargen
sey. Ein _festes_ weibliches Herz, dachte die junge Gräfinn, wäre
vielleicht ein größeres Glück als Eigenthum, wie als Geschenk -- und
dachte doch mit Schauder, mit dem Schauder der Vernichtung, sie könne
einst dieses Stillstands, dieses Gleichmuths theilhaftig werden. --
Fabia sprach gelassen von der nächsten Zukunft, in der ihre Heirath
vollzogen werden sollte; der Schritt von ihrer heimathlichen Schwelle
geschah mit so leisem Bedacht, mit so viel Rücksicht auf das Größte wie
auf das Kleinste, was dem Vater zu Gute kommen könnte, da sein Kind
ihn verlassen müsse, um dem Manne zu folgen -- daß Albane auch dies
vergleichungsweise bemerkte und fühlte. Sie galt für eine Braut der
Kirche; aber Frieden und Freudigkeit war nicht in ihr. Die Gegenwart
erfüllte ihr Herz -- eine ungeheure Kluft trennte sie von ihrer Pflicht,
und an das Künftige vermogte sie nicht zu denken. Der neue Ehestand hob
jenen Umgang auf, wenn die weite Beziehung, worin die Tochter des Grafen
zu der des Oberverwalters gestanden, nämlich so zu nennen -- man sagte
die Comteß kränklich, der Arzt kam oft nach Bonna, und Albane war
beinahe von Niemand mehr gesehen.