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Die Schwägerinnen.
Roman
von
Henriette Hanke
geb. Arndt.
Zweiter Theil.
Ist die Natur nicht mit dem Glück im Bunde,
Dann kommt sie übel fort, wie jede Saat,
Die man gesäet auf fremdem falschen Grunde.
_Dante Alighieri._
Hannover, 1836.
Im Verlage der Hahnschen Hofbuchhandlung.
Graf Frankenstern war der letzte Sprößling eines alten fränkischen
Geschlechts. Früh verwais't, seinem Stammhaus entfremdet, hatte er den
Besitz der deutschen Standesherrschaft Bonna und Bühle, einer Spaltung
der Familie und dem Unglück seines Oheims zu danken, der vier kräftige
Söhne in der Blüthe ihrer Jugend hinsterben sah, um dies reiche Majorat
einem kränklichen Neffen zu hinterlassen, der schon im Sarge gelegen.
Graf Frankenstern war von Kindheit an zu Starrkrampf geneigt, und in
solchem Zustande einmal für todt gehalten worden. Ein rettender Zufall
gab ihn dem Leben zurück; doch den tiefen Eindruck jener entsetzlichen
Gefahr nahm die Oberfläche der Welt nicht mehr hinweg. Dem edlen
Gesichte blieben leichenhafte Züge, ein Grauen vor Allem, was an das
Grab erinnert, wurzelte tief in der Natur dieses Erstandenen, und jene
bange einsame Ruhe, welche die Todten umschwebt, wich nie von seiner
blassen Stirne. --
Von seinem Oheim mit kalter Strenge behandelt, hatte Graf Frankenstern
schon zeitig das Weh empfunden, ein aufgedrungener Erbe zu seyn. Kein
inniges Band zärtlicher Achtung knüpfte ihn an seine Verwandten, Liebe
machte seine dankbare Pflicht nicht freiwillig: das Schloß zu Bonna war
eine Oede des Hasses für seinen künftigen Herrn. Als dieser nun auf
eine ferne Ritterschule kam, fühlte er sich zum erstenmale gesellig
glücklich, und in einem Zusammenhange, der sein Herz erweiterte.
Vorzugsweise schloß er sich an einen jungen Edelmann fremder
Abkunft, und vielleicht war es weniger manches Gleiche in den äußern
Verhältnissen der beiden Jünglinge, als ihre innerste Verschiedenheit,
was diese Freundschaft begründete.
Sylvius de Romana war durch ein seltsames Geschick von den Küsten seiner
Heimath auf den Boden dieses Landes verschlagen worden. Seine Vorfahren
hatten großen Rang und Reichthum in Spanien behauptet, doch den
Umschwung ihres zeitlichen Glückes erfahren, und seitdem die schwebende
Fortuna auf andern Stellen der Erdkugel gesucht. Eine junge verwittwete
Dame jenes einst glänzenden Namens bewohnte im Gebiet von Valencia ein
verfallnes Landhaus am Meere. Sie hatte den Gemahl auf einer Seereise
verloren, und den letzten schmerzlichen Trost entbehrt, seinen Leichnam
gesehen zu haben. Sein Ebenbild, ein holder Knabe, war ihr einziges
Glück! -- Nach einer stürmischen Gewitternacht, in der ein Schiff
verunglückt war, fand Donna Romana einen Mann besinnungslos an einen
Balken geklammert, unter Trümmern am Strande. Sein Blut floß aus einer
Armwunde, die er im Kampf gegen den Untergang davon getragen haben
mogte, sacht in den glühenden Sand. Dieser traurige Anblick regte in der
Spanierinn Erinnerungen auf, die sie bestimmten, sich des Ohnmächtigen
anzunehmen. Sie glaubte noch schwache Spuren des Lebens in ihm zu
entdecken. Es war der Kaufmann, den jener Verlust betroffen; doch die
Dame dachte nur an ihren eigenen, indem sie ihm Hülfe leistete. Sie ließ
ihn in das Landhaus tragen und pflegte sein mit samaritischem Geist. Er
erkrankte schwer, das Fieber ward durch die schädlichen Einflüsse des
Climas und der Jahreszeit auflösend; doch er genas, und kaum war der
Sieg seiner rüstigen Natur entschieden, als die gute Dame ein Opfer
ihrer Menschenfreundlichkeit ward. Die Dame richtete die schwarzen
Augen, vor denen die Schatten des Todes schwebten, auf den
unglückseligen Gast, der händeringend an ihrem Lager stand -- dann
erlosch ihr Blick, dieser mütterliche Strahl, auf dem weinenden Gesicht
ihres Kindes. Der Kaufmann vergaß niemals diesen Blick. Das Lächeln,
womit die Mutter starb, als sie ihren Sohn in den Armen jenes Mannes
und sich verstanden sah, hatte ein Testament in sein redliches Herz
geschrieben, mit Zügen, die keine Zeit verwischte. Niemand that
Einspruch, als der Fremdling den kleinen Romana als sein Eigenthum
ansah, und sobald er dazu im Stande war, ihn fortführte von dieser
traurigen Küste. Der kleine Sylvius nahm nichts von dort mit sich
hinweg, als ein dämmerndes Gedenken an die Schönheit seines Vaterlandes,
eine Sprache, die in der Stimme seiner Mutter lebenslang wie
Frühlingslaut an seine Seele rührte -- und das Blut seiner Nation, das
stolz und heiß in seinen Adern floß. Im Hause des Kaufmanns kam dem
Knaben daher -- sprüchwörtlich gesagt -- Alles spanisch vor, und nichts
heimisch. Bis dahin hatte er im Garten des mütterlichen Landhauses
unter einer Dattelpalme, in deren Kern sich bekanntlich die
Seidenraupe einspinnt, den langen Tag der Kindheit verträumt, und,
ein Fischerliedchen summend, kleine Grotten von Muscheln gebaut. Jetzt
schirmte ihn zwar auch der Baum des Friedens und des Fleißes; aber der
Ernst eines geschäftsthätigen Lebens rief seine Kräfte zu nützlicher
Uebung auf. Das jüngste Töchterchen des Kaufmanns hatte sich mit Sylvius
in eine Art von Verständniß zu setzen gewußt, die andern Geschwister
nicht. Die kleine Blanka schien ihm ein Engel, und waltete schützend
um ihm wie ein solcher. Einst sagte sie bittend: »Vater! lasse doch den
kleinen Ritter --« der Kaufmann lächelte zu dieser anmuthigen Benennung,
-- »nicht mehr in die Manufactur gehen; das Getöse der Webstühle macht
ihm Kopfschmerz.« Der Vater legte seine Hand auf die blonden Flechten
seines Kindes und sprach: »das Meer, daran die Wiege Deines kleinen
Freundes gestanden, toset viel stärker, Blanka!«
Aber er sorgte dafür, daß Sylvius bald darauf in verhältnißmäßige
Aufsicht käme, und brachte ihn später in jenes adelige Institut, wo
er sich, wie wir bereits erwähnt, mit Graf Frankenstern freundlich
zusammenfand. Als die Zeit ihrer Trennung gekommen war, dachten sie
kaum, wann? und wo? ein günstiger Stern sie wieder vereinigen werde, und
eben so wenig daran, einen Briefwechsel zu verabreden. Das Band einer
jugendlichen Freundschaft hält sich so stark, daß es keiner Verknüpfung
dieser Art bedarf oder zu bedürfen glaubt.
Graf Frankenstern kehrte nach Bonna zurück, und nahm die Stellung ein,
auf die er Ansprüche hatte. Die Welt zog ihn in ihre Kreise, ohne daß er
sich ihrem Interesse hätte anschließen können; immer war und blieb der
Hang zur Einsamkeit vorherrschend in ihm.
Als er nach dem Tode seines Oheims die Güter antrat, meinte er, es
sey nun schicklich, daß er sich vermähle. Wenig zugänglich für
leidenschaftliche Gefühle der Liebe, richtete er mit ruhiger Ueberlegung
sein Augenmerk auf die Töchter edler Herkunft, und seine Wahl fiel auf
ein liebes, leutseliges Wesen, welches den Grafen durch eine Ahnung
von Stille für sich einnahm, die in diesem Gemüth wohne, und ihn ein
Uebereinstimmen ihrer Neigungen hoffen ließ. Ein so glänzendes Loos
wäre dem Fräulein nicht im Traume eingefallen. Dies liebenswerthe Kind,
elternlos und unbegütert, lebte in Mitten einer hochmüthigen Familie,
hart gedrückt, und war, ohne Aussicht auf eine andere Versorgung,
entschlossen gewesen, den Schleier zu nehmen, der damals noch manches
Mädchen durch freiwillige Entsagung vor dem Schmerz schützte, unbegehrt
von einem Manne zu bleiben. Der irdische Bräutigam kam bei dem Fräulein
dem himmlischen zuvor, und ein beinahe fürstlicher Brautschatz machte es
dem Gelübde der Armuth untreu.
Aber es schien doch, als ob jene Idee Beruf und Element dieser
jungfräulichen Seele gewesen wäre. Ein klösterlicher Hauch -- wenn wir
so sagen dürften -- schwebte um die Gestalt der jungen Gräfinn, und
die Blume ihres Glückes hatte einen Athem von Resignation. Sie verehrte
ihren Gemahl gleich einem Schutzheiligen, hütete sich sorgsam, gegen
seine Eigenheiten zu verstoßen, deren der Graf wirklich viele hatte;
doch war es nur Achtung, nicht Liebe, was die Gräfinn so zart in ihren
Pflichten machte. In ihrem Herzen blieb eine Lücke, welche der ganze
Vollbesitz ihrer Lage nicht auszufüllen vermogte. Einen verborgenen
Kummer trug sie darüber. In ihrer linken Brust war eine kleine
Verhärtung entstanden, die Gräfinn wußte nicht wie? Sie hatte lange
keine Gelegenheit, einen Sachverständigen um Rath zu fragen, und dann
eine schmerzliche Schaam zu überwinden, als es später doch geschah. Der
Graf duldete keinen Wundarzt erster Classe im Bereich seiner Herrschaft,
und der Bader des Ortes mußte sich wie ein Geächteter seinem Blick
entziehen. Als die Gräfinn ihrem Gemahl sanfte Vorstellungen zu machen
pflegte, ward er heftig und sagte: »nein, nein! meine Liebste! solch ein
Messer in der Hand des Chirurgs, was er mit Gleichgültigkeit entblößt,
während das arme Opfer zitternd sitzt und nach dem furchtbaren Stahl
zitternd hinblinzelt -- ist mir nicht viel anders, als ob ich ein
Richtschwert schwingen sähe. --« Ein jäher Krampf flog über seine Züge,
die Gräfinn erbleichte -- und es war nie mehr die Rede davon.
Nur zum Behuf des Gottesdienstes durften die Glocken in Bonna geläutet
werden; die Todten wurden ohne Sang und Klang bestattet. Der Graf
entschädigte die Geistlichkeit für den Verlust, den sie an diesen
stillen Begräbnissen erlitt, sehr freigebig. Doch, wie väterlich er
für seine Unterthanen sorgte, ihnen Krankenhäuser baute, nasse Augen
heimlich trocknete, und sich als den Schutzfreund ihrer Wittwen und
Waisen bewies, so verziehen sie es ihm doch nicht, daß er ihnen den
Genuß öffentlicher Trauer und Thränen raubte; das Gepränge mit ihren
Todten galt ihnen mehr, als die Zufriedenheit der Lebendigen. Daß ihr
gütiger Grundherr einen Grund zu diesem Verfahren haben müsse, dies
sahen sie nicht ein. Der Graf fühlte jedesmal eine Anwandlung seiner
Krankheit, so oft er einen Leichenzug erblickte. Endlich machte er
seinen Unterthanen den Vorschlag, ihre Gestorbenen zu verbrennen,
und diese classische Idee wurzelte in seiner nervösen Furcht vor der
Möglichkeit, lebendig begraben zu werden. Alle Spuren der Verwesung
wären dann vertilgt vom Boden seines Gebiets, und er war Willens, der
Erfüllung dieses Wunsches Denen, die sich ihm fügten, große Vortheile
einzuräumen. Der Aschenkrug, darin die Reste der guten Landleute von
Bonna gesammelt würden, sollte ein volles Maß von Wohlergehen über sie
ausgießen. -- Aber es gab einen Aufruhr -- und wenig fehlte, so hätten
sie das Schloß gestürmt und den Grafen gesteinigt. Nur die abgöttische
Hochachtung vor seiner Gemahlinn hielt das Volk von roher Unbill zurück.
Von dieser Zeit an ward Graf Frankenstern mit Vorurtheil gehaßt. Dies
nährte seinen tiefsinnigen Stolz, und er verschloß sich in sich
selbst; nur das Gefühl, geliebt zu seyn, macht populair. Seine Güte
war Grundsatz, deshalb erschütterte ihn der Undank nicht; aber er stand
allein, und auf einer schroffen Spitze.
»Das wollen wir erleben, _Der_ wird noch überschnappen --« sagte der
Bader, so oft er eine alte Gevatterinn zur Ader ließ, beflissen, den
Widerwillen des Grafen gegen seine Person auf eine Art zu erklären, die
nur Jenem schadete. So kam das Gerücht in Umlauf, es sey nicht richtig
mit ihm. Und da die Sage es ist, welche Verhältnisse schafft, so wie
nicht selten durch die Meinung Zustände entstehen: so schwebte auch
dieserhalb Graf Frankenstern in Gefahr, für wahnsinnig gehalten zu
werden.
Mit jener tiefen Wehmuth, die nur die Reichen dieser Welt kennen, die da
wissen, wie nichtig eitler Besitz für das Bedürfniß des Glückes sey
-- entäußerte sich die Gräfinn ihrer Vorzüge, und meinte das Beste
zu entbehren, da es nicht in ihrem Vermögen läge, ihren Gemahl zu
erheitern. Sie glaubte, seine finstere Seele werde sanften Eindrücken
sich öffnen, als sie sich Mutter fühlte, und ihr ganzes Herz hing
an diese Hoffnung. Die Gräfinn ward von einem Knaben entbunden, aber
schwer; es mußte ein Geburtshelfer geholt werden. Der Graf hielt sich
in seinen Zimmern, und kam nicht eher wieder zum Vorschein, bis man ihm
sagte, Alles wäre vorüber.
Wie duldsam die Gräfinn nun auch war, eine kleine Empfindlichkeit, so
weit ihre Schwäche sie zuließ, konnte sie doch nicht bergen. Und als das
Kind nach kurzer Zeit an Krämpfen starb, brachte der Gedanke, mit welch
einsamen Schmerzen sie es geboren, und daß die Natur des Vaters es
ihr entrissen -- die Mutter aus dem Gleichgewicht sanftmüthiger
Gelassenheit, so daß sie schwankte, zwischen Groll und Gram. Der Graf
weigerte sich, den kleinen Leichnam zu sehen, und seine Gattinn fühlte
sich verlassen wie eine Wittwe, da sie ihn mit ihren mütterlichen
Thränen salbte. »Mein Kind, mein süßes, kleines Kind!« jammerte die
Gräfinn, »so mußtest Du mir hinsterben, bewußtlos wie eine Blume
einschläft, die in tödtendem Frost erschauert! -- Und kaum habe ich das
Blinken Deines Auges gesehen, keinen Blick des Verstandes. --«
»Das Kind war weise --« sprach der Graf am Fenster eines Coridors, wo er
in der umgebenden Stille die Klage seiner Frau vernommen hatte.
»_Weiß_? sagst Du?« fragte die Gräfinn, aufhorchend, welch ein Wort
der stumme, scheinbar kalte Vater fallen ließe, und schritt mit matten
Schritten näher, »nein, da irrst Du, mein Gemahl! es hatte von Geburt an
eine blaurothe Farbe.«
»Es war _weise_, sagte ich,« betonte der Graf, »denn es sträubte sich
gegen das Licht dieser Welt, und hat sie bald wieder verlassen, weil
sich die Mühe des Lebens nicht verlohnt.«
Diese Worte schnitten mit zwiefachem Weh in die Seele der Mutter, sie
erinnerten an Stunden der Angst, und zeigten, welch eine düstere Ansicht
ihr Gemahl von einem Daseyn hätte, das Schätze über seinem Haupte
gehäuft, ohne ihm eine Freude abzugewinnen.
Die Gräfinn konnte sich nicht von dem Anblick ihres Kindes trennen, und
hätte es lieber wie ein Bild unter Glas und Rahmen gesetzt. Sie schützte
vor, es könne wohl gar in Starrsucht liegen; aber es lag im Arm des
Todes.
Der Graf hatte die ganze Zeit unbeschreiblich gelitten, und sein
bleiches, verstörtes Gesicht forderte Schonung für seinen Zustand.
Da dieser Zustand nun das Geheimniß eines Leidens war, was innig
verflochten in das wundervolle Gewebe der Nerven, nicht minder eine
Krankheit der Seele wie des Körpers genannt werden können, und die
Menschen in der Regel nur ein mitleidiges Auge für sichtbare Uebel
haben: so schonte selbst die Gräfinn bei aller natürlichen Zartheit der
Empfindung, ihren Gemahl nicht immer genug. Wir wollen bedenken, daß
der Gräfinn jenes Gefühl für ihn abging, welches allein den Geist zu
durchdringen vermag: die _Liebe_ -- das tiefste Verständniß! --
Ob wir auch Tugenden an dieser liebenswürdigen Frau rühmen müssen,
die kein Gemeingut ihres Geschlechts sind, und nur das Eigenthum der
edelsten weiblichen Seelen, so war sie doch als Evas Tochter von einer
kleinen Schwäche nicht frei. Der Reiz des Versagten wirkte auf
ihren bescheidenen Sinn. In absonderlicher Hinneigung zu Aerzten und
Wundärzten, nahm sie den geringsten Anlaß wahr, ihre Kunst anzusprechen,
selbst den Bader von Bonna grüßte sie freundlich und bedeutsam -- was
freilich zur Ehre eines vergütenden Willens erklärt werden könnte. Für
die Utensilien des Todes hatte die Gräfinn ein bemerkendes Interesse;
und so wie Jemand das, was eine Gestalt in ihm gewonnen, in jedem
Gegenstande erblickt: so prägte sich ihr Alles zu Bildern der
Sterblichkeit aus.
Im Verschluß ihres Gemahls befand sie eine Chatoulle, worin die Juwelen
der Familie aufgehoben lagen. Dies Kästchen, von einer Form, wie man
auch jetzt noch, nur im kleinsten Verhältniß, ein kompendiöses Nähzeug
für Damen kennt, war von dunklem Saffian; um die schmal abwärts laufende
Höhe zog sich eine feine stählerne Gallerie, Schloß und Handhaben waren
massiv und von Silber. Die Gräfinn, gleichgültig gegen Schmuck und Putz,
so daß sie als Braut jedes schimmernde Geschenk verschmäht hatte,
liebte von allem Geschmeide nur Perlen. Eines Tages erwähnte sie
gesprächsweise, daß die Perlen im Halsband von ihrer seligen Mutter,
worin sie sich trauen lassen, nun auch abgestorben wären. Sie sagte
dies mit so bekümmerter Miene, als wäre ein Leben von größerem Werth ihr
erblichen. »O! da sey ruhig, mein Schatz!« antwortete der Graf eilig,
weil jener bildliche Ausdruck ihn schon leise ängstete, »Perlen kannst
Du sehr schön haben, wirklich köstlich; ächte! orientalische! --« Und
mit freundlicher Gefälligkeit für den Geschmack der Gattinn, ließ er das
Kästchen aus dem Behältniß eines Schrankes heben, und reichte ihr
den Schlüssel. Die Gräfinn war doch eine Frau. Mit leuchtenden Augen
betrachtete sie das nette Köfferchen und sprach: »ist dies doch ein
förmlich kleiner Sarg! das niedlichste Modell zu einem solchen. Oben
fehlt nur noch das Crucifix, so ist er fertig.« Das Schloß, leise
erklingend, that sich auf; dieser Ton, jene Worte, berührten in dem
Grafen eine überspannte Saite -- und schaudernd wendete er sich ab.
»Und innen auch --« fuhr die Gräfinn unvorsichtig fort, »dieses duftende
Kissen von weißem Atlaß, mit kleinen Franzen besetzt, was darauf ruht,
ist doch ein wenig mehr als Staub. --« Sie nahm ein Stück nach dem
andern heraus, und der Schimmer der Edelsteine spiegelte sich in ihrem
lächelnden Blicke.
Der Graf bat seine Frau mit dumpfer Stimme, das Kästchen von nun an in
Gewahrsam zu behalten.
Eine abermalige Niederkunft der Gräfinn war nicht glücklicher als die
erste. Das Kind starb an Krämpfen. Sie fing an zu zweifeln, daß ihr
Mutterfreuden beschieden seyn würden, nur halb getröstet von dem
Gedanken, es geschehe ihr zum Wohl: denn kränklichen Geschöpfen das
Leben gegeben zu haben für langes Leiden, sey viel schmerzlicher, als
ihren frühen Tod zu beweinen.
Graf Frankenstern nahm diesen Verlust mit gewohnter düstrer Fassung hin,
und diese melancholische Unempfindlichkeit vereinsamte seine Gattinn in
ihrem Schmerz. Mit der bedenklichen Stelle in ihrer linken Brust war
es während jener Zustände schlimmer geworden, und ein erfahrener Arzt
äußerte, wenn die Gräfinn nur nicht wieder guter Hoffnung würde, so
dürfe sie schon ohne Furcht seyn. --
Eine Reihe von Jahren war hingegangen, ohne daß irgend ein Ereigniß
bedeutender Art die tiefe, eintönige Ruhe im Schloß zu Bonna
unterbrochen hätte. Es war der Gräfinn zuweilen, als hätte sie seit
ihrer Verheirathung ein Weltalter durchlebt. -- Sie brachte jeden
Sommer eine Zeitlang in Bühle zu und besuchte dann freundschaftlich die
Cisterzienserinnen von Sanct Capella. Mit einem schmerzlichen Lächeln
blickte sie in das heitere, vollblühende Gesicht mancher geistlichen
Schwester, deren Geburtstag nicht weit von dem ihrigen aus einander lag.
Sie sah an dem jungen Zuwachs der Töchter auf den Gütern ihres Gemahls,
daß sie alt würde, und nahm in trübem Verzichten auf die Freuden des
Lebens das Gefühl einer Matrone voraus. Die schweigsame Haltung
des Grafen, die goldne Wucht des Reichthums und der Druck der
Gleichmäßigkeit, beugte ihre liebliche Gestalt vor der Zeit.
Jetzt aber wurde die Gräfinn, deren zarte Gesundheit selten gestört
gewesen, sehr kränklich und verfiel sichtbar. Ein Arzt, dem die Gräfinn
ihr Zutrauen schenkte, meinte, als er ihre Klage vernahm, sie fühle sich
beengt und einen Andrang nach dem Herzen -- traurige Gedanken schwebten
ihr beständig vor, und sie sey nicht mehr im Stande, die Stimmung ihres
Gemahls auszuhalten --: es läge ihr ein wenig im Gemüth, und Zerstreuung
würde hier das Beste thun. Die Gräfinn schüttelte leise den Kopf, wobei
ein paar Thränen von ihren Wimpern tropften. Sie sprach: »habe ich jene
Schwermuth, unter der eine Frau unsäglich leidet, doch so lange mit
Freudigkeit getragen, warum sinkt mir denn jetzt der Muth?«
»Weil jede Last mit jedem Tage schwerer und zuletzt unerträglich
wird --« erwiederte ihr hierauf der Doctor. Er gab sein Gutachten dahin
ab, daß, wenn der Graf sich entschließen könnte, die Bäder von S... zu
gebrauchen, so wäre hoffentlich auch seiner Gemahlinn geholfen. -- Es
kostete einen schweren Entschluß, daß dieser Rath befolgt würde. Der
Graf war beinahe menschenscheu, die Gräfinn, durch langes Entwöhnen von
geselligem Umgang nonnenhaft blöde geworden; es grauete Beiden vor dem
Geräusch der Welt. Der Graf machte die schöne Reise wie ein Automat. Er
sprach nur, was er mußte. -- Die Gräfinn saß stumm an seiner Seite,
und ihr Blick streifte düster über die wallenden Getraidefelder hin, an
denen noch die letzte Blüthe hing -- oder tauchte unter in ein Meer von
Sorgen. Sie ließ halten, so oft ein Fußgänger, mühselig und beladen, ein
Armer am Wege mit neidendem Staunen zu der prächtigen Equipage aufsah,
und reichte ein Geldstück heraus, das ihm fröhlich weiter half. So
sammelte die gute Gräfinn tausend Segenswünsche ein, und der große
Rentirer an der Hauptcasse des Himmels zahlte richtig an Ort und Stelle
die Zinsen des Wohlthuns.
In dem pallastähnlichen Hause, worin Graf Frankenstern mit seiner
Gemahlinn Wohnung fand, hatte die nächst daran stoßenden Zimmer ein
alter freundlicher Mann, mit einer jungen blassen Frau inne.
Ein Zufall brachte die Gräfinn schon am ersten Morgen in nähernde
Beziehung zu dem alten Nachbar. Es war ein berühmter Accoucheur, der
seiner Schwiegertochter zu Liebe hierher gekommen war. Er erzählte,
die junge Frau hätte fünf todte Kinder geboren, »und _fünftausend
lebendige_,« setzte er mit summarischem Accent und einer Mischung von
Stolz und Schmerz hinzu: »habe ich mit dieser meiner Hand eingetragen,
und komme mir deshalb wie ein kleiner Herrgott vor, der seine Kinder
=nolens volens= an das Licht bringt.«
Bei diesen Worten hob er die Hand empor, die obgleich klein und hager
doch so gewaltig war; der Gräfinn Auge haftete auf einem Siegelringe
am Finger des Priesters der Lucina. Sie erröthete gleich dem schönen
Carniol, und faßte ein Herz zu diesem Manne. --
»Mein bleiches Töchterchen,« fuhr er fort, »thut mir leid; das gute Weib
grämt sich und weint oftmals im Stillen, eine Leichenmutter zu seyn.
Und ich, der Geburtshelfer! kann ihr nicht helfen, und muß meinen Ruf
verlieren am eigenen Blut. So kannte ich einen Mann, der die halbe
verkrüppelte Welt gerade gemacht hatte, und sein einziger Sohn war
ein Aesop. Dies ist ein herber Spott für die Kunst, und ein mächtiger
Schlagbaum gegen den Egoismus; aber gewiß eine weise Einrichtung von
Gott. Die Kräfte des Einzelnen gehören der Menschheit und nicht seinem
Glück.«
Die Gräfinn hörte ihm mit ersichtlicher Theilnahme zu. Sie kam sich,
im Vergleich zu jener beklagenswerthen Frau, minder unglücklich vor. So
erwähnte sie ihrer eigenen Leiden, und fragte ihn um seine Meinung, über
den Gebrauch der Bäder dieses Ortes für sie selbst. Der Alte that ein
paar Querfragen, dann mit einem practischen Lächeln den Ausspruch: die
Gräfinn würde noch vor Ablauf des Jahres einer kleinen Wanne bedürfen.
-- Sie sah ihn an mit einem Blick -- einem Blick! -- wenn, nach einem
platonischen Ausdruck, Verwunderung die Mutter des Schönen und Guten
sey: so dürfen wir, in kühner Anwendung desselben, die Gräfinn als eine
Gesegnete ihres Geschlechts betrachten.
In dieser Stunde ging der Graf einsam ins Freie; er überließ sich seinen
Gedanken, und gerieth auf einen jener geheimnißvollen Spaziergänge,
die dadurch an ihrem Reiz verlieren, daß die Menge sie weder kennt noch
sucht. Unter dem Niederhang einer Birke saß ein Mann, der einen Knaben
zwischen seinen Knieen hielt, dem er aus einem Buche etwas zu erklären
schien. Der Graf grüßte stumm und ging vorüber. »Gieb Acht, Sylvius!«
sagte der Fremde, als der Knabe zerstreut Jenem mit seinen Blicken
folgte.
»Sylvius!« wiederholte der Graf leise, und blieb stehen, um einem
Echo der Erinnerung zu lauschen. Als er aber jenen Mann mit einer
fremdartigen Aussprache weiter reden hörte, rief er, daß Berg und Thal
davon wiederhallte: »Sylvius!« Vater und Sohn dieses Namens sprangen
erschrocken auf, und Romana lag in den Armen seines Freundes.
Der Knabe stand ausgeschlossen, ja scheinbar vergessen, und schaute
mit großen Augen unter einem strohernen Hütchen hervor, dem eine kleine
rothe Feder ein phantastisches Ansehn gab; der Unbekannte hatte sich mit
all' der hinreißenden Gewalt der Freundschaft seines Vaters bemächtigt.
»Sieh hier meinen Sohn!« sagte der ältere Sylvius, und streckte seine
Hand nach dem jüngeren aus: »mein einzig Gut -- Du bist wohl reicher,
Frankenstern?«
»Ich habe gar keine Kinder --« antwortete der Graf schmerzlich.
»Aber verheirathet bist Du doch?« fragte der Freund, und es gereute ihn,
voreilig gewesen zu seyn. Der Graf nickte bloß. Wie wenig diese Antwort
auch besagte: Romana würde, sie geben zu können, sich für einen Crösus
an Glückseligkeit gehalten haben.
Seine geliebte Frau war gestorben: die kleine blonde Blanka, die groß
und schön, und sein größtes Glück geworden war. Er hatte mit ihr in
Virginien gelebt. Diese Versorgung seines jüngsten und besten Kindes
war ein Opfer gewesen, welches der edelmüthige Kaufmann seinen
Familien-Verhältnissen gebracht. Seine älteren Töchter haßten den
Sylvius, und liebten ihren Vater nicht, und lohnten ihm schlecht. Er
hatte sich aus dem Vortheil gegeben: das giebt nie ein gutes Ende -- es
wäre denn ein leichtes Sterben darunter gemeint.
»Mein Vater sehnt sich nach mir --« sagte Blanka mit thränenden Augen
zu ihrem Gemahl: »ich höre mich zuweilen ganz deutlich von ihm rufen.
Jüngst träumte mir, sein Reichthum wäre zu Wasser geworden, wir
schifften still darauf hin -- und hatten uns verirrt: denn es war das
_todte Meer_.«
Als Sylvius nun sah, daß seine Frau gemüthskrank vor Heimweh werden
könnte, machte er die Rückreise möglich. Die Fahrt war aber nicht
glücklich, und ihr Ziel traurig. Der Kaufmann lag im Grabe und konnte
nicht mehr klagen, was ihn hinein gedrückt; aber man hörte es doch, und
auch wes Geistes Kind seine Töchter wären. -- Die Folgen der Seereise,
erschütternde Gefühle wirkten schädlich auf Blankas zarte Gesundheit,
und nicht lange, so bettete man sie an ihres Vaters Seite.
Romana nahm sein Kind, nahm den Rest seiner Habe, und verließ dies
Haus für immer. Er wollte eine Anstellung suchen, wie er sie bei seiner
vielseitigen Ausbildung in diesem oder jenem Fache finden konnte, als er
den Jugendfreund wiederfand. Er erkannte den Grafen Frankenstern nur
an der alten Liebe noch: seine Gestalt war ihm unkenntlich geworden. In
tiefen Höhlen, von finstern Braunen überbuscht, lagen seine Augen, sein
Blick war verstört, und verrieth eine zerrüttete Seele. Und jenes ihm
eigenthümliche Lächeln um den geklemmten Mund, war nicht mehr
todtenhaft friedlich wie sonst, sondern krampfhaft: so daß auch dieser
weltversöhnte Zug, nur wie ein Nervenspiel innerster Angst erschien.
Auch Sylvius de Romana hatte sich sehr verändert. Er war sehr braun
geworden, sonst würde er sehr bleich gewesen seyn, wie dies in den
Schattirungen seiner Gesichtsfarbe zu bemerken. Sein stolzer Wuchs hatte
etwas Gebeugtes angenommen, tiefe Erfahrungen ruhten in seinen Zügen
-- aber sie _ruhten_. Der Klang seiner Stimme, sonst voll und laut,
der Ausdruck einer heftigen Seele, war geistig besänftiget, und etwas
langsam und leise. --
Doch, empfände wohl der Mensch eine äußere Veränderung, ob er sie auch
sähe, in einem Augenblicke unsterblicher Freude? -- Der Begriff der
Zeit verschwindet, wo wir fühlen, daß die Freundschaft _ewig_ ist. --
Virginien, das Andenken an Blanka, ihres Vaters Grab, jeder in Thränen
und Tagen verflossene Schmerz: Alles sank in der Unendlichkeit unter,
was, wie ein Weltmeer, in Sylvius Herzen aufwallte, da es an dem des
Freundes schlug, und seine Augen wurden feucht. Und im Anblick der
kleinen Narbe an Romanas Stirn, die Graf Frankenstern ihm einst in der
Fechtschule mit dem Rappier geschlagen, schloß sich für Diesen jede
Wunde des Schicksals, und seine kranke Seele blutete nicht mehr.
Entzückt führte er den Freund und dessen Sohn mit sich fort in seine
Wohnung, sein Glück mit seiner Frau zu theilen.
Die Gräfinn brannte unterdessen vor Begierde, die große Nachricht, die
sie wußte, ihrem Gemahl mitzutheilen. Er ließ lange auf sich warten,
endlich kam er, doch nicht allein. Die Fremden, die er mitbrachte, waren
als eine Störung von ihr angesehen, und leider! ist der erste Eindruck
beinahe immer entscheidend. So ist es nicht genug, daß Jemand ein Recht
zu kommen hat: er muß auch zur _rechten_ Zeit kommen, und kein Mensch --
nur ein Gott kann diese wissen.
Hier, im Beiseyn seiner Frau, schüttete der Graf das verschlossene Herz
aus, dessen eiserne Bänder die Freude sprengte. »Du bleibst nun bei mir,
Romana! denke nicht daran, mich zu verlassen --« sagte er gebietend,
und in den Ausdruck, wie sehr, wie innerlichst er dieser Nähe bedürfe,
mischte sich etwas von dem Bewußtseyn, wie viel er äußerlich zu gewähren
vermöge. »Dein Sohn --« so fuhr der Graf fort, »soll wie der meine
gehalten seyn, um so mehr, da wir keine Kinder haben.« Die Gräfinn
hustete leise, und wurde blaß vor Schrecken. Sie wäre keine Frau
gewesen, wenn diese Aeußerung ihres Gemahls gegen einen ihr fremden
Freund, sie nicht beleidiget hätte; dazu diese gesprächige Wärme, als ob
Geist des Lebens über ihn gekommen. Nie hatte sie, auch zur Brautzeit,
eine ähnliche Macht auf ihn geübt, und ganz nach Art weiblicher
Eifersucht, nahm sie dies Dem übel, der diese erheiternde Wirkung
hervorbrachte, ohne sich selbst heiter zu zeigen -- was immer
anspruchslos erscheint. Der unschuldige Knabe kränkte in der Aeußerung
des Grafen ihr neugebornes Kind -- und ein leiser Widerwille gegen diese
Fremden schlich wie eine Schlange über ihr Herz. --
Als die Gräfinn Gelegenheit hatte, ihren Gemahl mit der neuen Hoffnung
bekannt zu machen, fand sie ihn zwar erfreut; aber -- nicht im richtigen
Verhältniß zu ihrer mütterlichen Erwartung. Vielleicht fürchtete
der Graf, das Kind werde wieder sterben -- oder er schlug als ein
seelenkranker und niedergeschlagener Mann, den Werth eines Leibeserben
überhaupt nicht hoch an: genug, seine Freude war mäßig.
Die Gräfinn trug ihr Glück wie eine Buße, mit schwerem, verschwiegenem
Herzen; mancher Stich ging jetzt durch ihre leidende Brust, die sich
täglich mehr verhärtete.
Romana und sein Sohn begleiteten das Ehepaar von Frankenstern nach
Bonna. Ersterer sollte Forstmeister werden -- hatte der Graf flüchtig
hingeworfen. Den ersten Abend ihrer Ankunft daselbst, sagte die Gräfinn:
»ein Einziges bitte ich von Dir, mein lieber Mann! bleibt Romana hier:
so sey es doch nicht in unserm Hause; ich habe dazu meine guten Gründe.«
Der Graf sah seine Frau bestürzt an, nie hatte sie durch Laune oder
Eigensinn seine Handlungsweise bedingt -- er schwieg, aber er wagte
nicht, diesen befremdenden Wunsch zu verneinen.
Romana stellte die Bedingungen, unter denen er in Bonna bleiben wolle,
mit edler Selbständigkeit fest. Er sagte: »gieb mir ein Plätzchen,
Frankenstern, nach meinem Sinn, darauf ich mir ein Haus baue, und
Material dazu; dann Gelegenheit, Deinen Gütern wie Dir selbst zu nützen:
so hast Du mich.«
Sie gingen aus, einen Platz zu suchen, und der Graf dachte seufzend,
wie viel Raum in dem weiten Schlosse, und daß keine Frau, auch die beste
nicht! durchaus verträglich wäre.
Ganz in der Nähe von Bonna, kaum ein paar hundert Schritte davon
entfernt, lag ein kleines Vorwerk, Heiland genannt. Vermuthlich hatte
es diesen ehrwürdigen Namen von einem Christuskreuze erhalten, das in
ungewöhnlicher Höhe zwischen dem herrschaftlichen Hof und diesem Höfchen
stand. Ein klares Brünnlein rieselte darunter hin, und eine eingerostete
Gitterthüre schien diesen lautern Quell zu verschließen. Es waren Spuren
da, die es wahrscheinlich machten, daß der Bezirk dieser Stelle
einst Mauern getragen habe, und bewohnt gewesen sey; die Aussicht war
himmlisch. »Laß mich hier zu Jesu Füßen wohnen!« sagte Romana, indem er
mit glänzenden Augen an dem Crucifix hinauf blickte, »doch Dir zuvor
und gewiß am rechten Ort -- ein Bekenntniß ablegen, nach welchem es
sich fragt, ob ich nicht den Staub von den meinigen schütteln und weiter
ziehen muß.«
Graf Frankenstern glaubte seinen Ohren nicht zu trauen, als er vernahm,
daß Romana, dieser catholische Edelmann, unter dessen Vorfahren
vielleicht Ritter vom goldenen Vließ gewesen, seinem Glauben entsagt
habe, und der eifrige Anhänger einer frommen Gemeinde geworden sey,
die das Lamm verehrt, was der Welt Sünde trägt. So wie Menschen von
schwärmerischer Anlage der äußersten und entgegengesetzten Richtungen
ihres Wesens fähig sind: so hatte Romana in Verbindungen, darin er mit
Blanka in Virginien gelebt, diesen Umschwung seiner religiösen Ideenwelt
erfahren. Eine große Gefahr, aus der er auf beinahe übernatürliche Weise
gerettet worden, entschied, und seine angestammte Wundergläubigkeit
wechselte nur ihre Form in seinem Gemüthe. Das Gefühl seiner Abkunft
und Armuth ward christlicher Stolz: den Armen war ja vorzugsweise das
Evangelium gepredigt. --
Nachdem der Graf dies vernommen, stand er eine lange, sinnende Weile.
Der Boden dieser catholischen Gegend schien empfänglich, um die neue
Lehre darauf zu verpflanzen, und neben Klöstern, päbstlichen Kirchen und
Heiligenbildern, lebte friedsam und einmüthig ein Häufchen der Stillen
im Lande. Selbst unter den Beamten der Ortschaft waren einige derselben,
deren gewissenhafte Redlichkeit Graf Frankenstern schätzte. Und so sagte
er: »was ich höre, Romana, setzt mich in Erstaunen, wie Du siehst; aber
es ändert nichts zwischen uns. Unsere Freundschaft ist mir eine Art
Religion -- und so glaube ich an Dich, wenn ich auch nicht begreife,
wie es möglich war, daß Du -- ein Abtrünniger werden konntest. Ich halte
Dich für einen ehrenwerthen Mann, und mich an diese Ueberzeugung. --
So eben dachte ich, wie seltsam es sey, daß der Wind des Schicksals
Menschen eines Sinnes von allen Enden der Welt hierher zusammen weht.«
Von der festen Zuversicht des Freundes gerührt, antwortete Romana:
»_weht_! ja, das ist das rechte Wort. Der Herr sammelt, was verstreut
gewesen. Sein Athem ist es, das Wehen seines Geistes, was den
Blüthenstaub im Frühling, auch über Mauern, zu der verwandten Blume
trägt.«
Die Grundmauern zu dem neuen Hause wurden nun gelegt und hundert
arbeitsame Hände förderten den Bau. Es fand sich, daß ein gewölbter,
völlig gut erhaltener Gang von hier aus nach dem Schlosse führe, wovon
die eiserne Gitterthüre am Brunnen der Ausgang wäre. Dieser Fund war
für den Grafen die Entdeckung einer Goldmine. Er dachte bekümmert, seine
Frau wüßte bereits, was er ihr verhehlen mögen, und am liebsten für
immer, denn er kannte ihren Abscheu gegen Apostaten. »Sieh!« sagte er
sehr glücklich, und sich ins Geheim bewußt, sein Umgang mit dem Freunde
stände unter unsichtbarem Schutze, »so können wir ungehindert und selbst
zur Nachtzeit zu einander kommen. --« Aber der Saamen des Geheimnisses
trägt selten Früchte für das Licht.
Endlich stand das Haus fertig, mit plattem Dach, worauf Romana einen
kleinen Garten anzulegen gesonnen war. Der Herr Christus prangte als
Schutzwache davor, und leise rieselte das Wässerchen unter der marmornen
Schwelle. Hinein zog Romana mit seinem Sohn, und lebte nicht allein
in strenger Absonderung, sondern einsiedlerisch verschlossen. Wenn die
Förster und Holzschläger, die den Forstmeister zu sprechen kamen,
Einlaß suchten, so zitterte der Schall der hellen Hausglocke durch den
mäuschenstillen Flur, und selbst Verstockte meinten, der Himmel werde
ihnen einmal eher aufgethan werden.
Wie selig Graf Frankenstern sich die Nähe seines Freundes geträumt: so
empfand er doch die Beruhigung nicht davon, welche er gehofft hatte.
Er sah ein, daß die Gefühle der Jugend eine bedeutende Zuthat zu jener
innigen und beglückenden Freundschaft gewesen wären. Wirklich hatte
Romana sich sehr geändert, und war ein wenig kopfhängerisch geworden;
der Graf war ein geisteskranker Mann, der ganz eigen behandelt
seyn wollte, und eines aufrichtenden Umgangs bedurft hätte. Romanas
Uebertritt hatte eine Kluft zwischen ihnen gerissen, die der Graf in der
Fülle seines Herzens anfänglich nur für eine Linie hielt --; aber es war
ein tiefer, dunkler Spalt, der ihr innigstes allseitiges Vertrauen nicht
zuließ. Sie vermieden sorgsam jedes Gespräch, das nur von fern diesen
Punkt berührte, und wehe der Freundschaft, die, wenn auch nur _eine_
Stelle weiß, welche geschont werden muß! --
Der Hochmuth des Grafen war durch seine Verhältnisse, durch das Gefühl,
verkannt zu seyn, durch die Natur seiner Krankheit genährt worden. Auch
der Unglückseligste hat noch _einen_ Freund: den Tod! Graf
Frankenstern aber sah in diesem das Gespenst seines Lebens, und die öde
Unsterblichkeit, die er sich in der Angst seiner Seele wünschte, stellte
ihn allein unter den Menschen. Romanas ritterlicher Sinn war Stolz der
christlichen Demuth geworden. Ein leiser Hang zum Abenteuerlichen,
der ihm verblieben, ein inneres Absondern von Andern, ließ ihn von der
breiten Straße abbeugen, auf der gewöhnliche Menschen das Glück suchen.
Der Geist seiner Secte setzt etwas darin, vertraut mit dem Tode seyn
und seine düstern Farben und Symbole in den Bedarf des häuslichen Lebens
aufzunehmen; Romana schlief unter einer Decke schwarz und weiß, zu
seinen Häupten lief lautlos oder stand eine Sanduhr, weil sein Schlaf
so leise war, daß auch der sanfteste Seiger ihn verscheuchte. Er würde
lächelnd seinen Morgentrunk aus einem Schädel genommen haben, er sprach
freudig von seiner Auflösung, und diese Kraft stellte ihn hoch über
seinen Freund.
Graf Frankenstern arbeitete nichts; nur seine Phantasie war unablässig
beschäftiget. Das Bewußtseyn, durch seine eigensten Kräfte zu nützen,
hatte ihn nie gehoben. Die Leichtigkeit, womit er wohlthun konnte,
täuschte ihn über die Unterlassungs-Sünde, die Mittel dazu aus sich
selbst zu schöpfen.
Romana besaß schöne Kenntnisse, und übte sie mit Fleiß. Er war thätig
von früh bis spät, und der Kernspruch seines großen Landsmanns, daß
Arbeit des Blutes Balsam sey -- bewährte sich an ihm: er war sehr
gesund. Er trieb viel Mathematik, und flößte seinem Sohne Lust und
Eifer für diese Wissenschaft ein; indem er ihn gewöhnte, seinen Verstand
anzustrengen, unterdrückte er das frühzeitige Aufstreben von Gefühlen,
denen die Einsamkeit Nahrung giebt.
Die Gräfinn war im Spätherbst jenes Jahres, welches ihren Gemahl seinen
Freund wiederfinden ließ, schnell und sonder Gefährlichkeit von einer
Tochter entbunden worden. Ein niedliches Mädchen machte ihr das Leben
leicht. Dennoch schien die Mutter tödtlich erschöpft.
»Das Kind ist im Zeichen des Krebses geboren --« sagte die Wärterinn
nach einem Blick in den Calender, »Gott verhüte, daß ihm nicht Alles
rückgängig werde!« Die Gräfinn erschauerte bei diesen Worten in einer
andern Furcht.
Die Kleine ward Albane getauft, und gedieh wunderschön an der Brust
einer derben Amme. Keine Spur von Krämpfen zog das Herz der Mutter in
der Befürchtung zusammen, dies Engelskind werde ja doch nur wieder ein
geliehenes Gut seyn, wie die kleinen Brüder -- was sie nach kurzer Zeit
mit tausend Thränen zurück zahlen müssen. Langsam hatte sich die Gräfinn
erholt, und war auch bei wiedererlangten Kräften, und ihres Anlasses zur
Freude ungeachtet, in sich gekehrt und traurig geblieben.
Zwei Jahre waren seitdem verstrichen, als eines Tages Romana sich bei
seinem Freunde im Schloß befand. Sie unterredeten sich über die Zukunft
seines Sohnes. »Sylvius bekommt einmal Deine Stelle --« sagte Graf
Frankenstern gleichsam zusichernd. Er sprach damit die Gewißheit an, den
Vater des künftigen Forstmeisters zu überleben.
»Meinem Wunsche nach,« antwortete Jener, »geht er in die weite Welt.«
»Dein einziger Sohn?« erwiederte der Graf mit Vorwurf, »Du willst doch
nicht, daß er ein Glücksritter werde?«
»Warum nicht? bin ich doch auch Einer --« sagte Romana, und lächelte wie
ein Eremit. »Sieh lieber Frankenstern,« fuhr er fort, »die Seinen
für sich behalten und in den Kreis der angestammten Verhältnisse
einschließen wollen, wäre engherzig gedacht. Nur in der Welt wird der
Mann ein Mensch und lernt brüderlich denken. In diesem Aussenden liegt
mir etwas Göttliches --«
»Wir aber sind Menschen, Romana,« unterbrach ihn der Graf, »und es liegt
in der Natur, daß man sein Kind so nahe und so lange als möglich um sich
habe; es ohne Noth dem Zufall zu opfern, kommt mir wie Vermessenheit
vor.«
»Aber gehorsam dem Willen des Herrn? oder einer heiligen Idee?« wendete
Romana mit erhöheter Stimme ein, »ich fühle, das würde ich können.
Wäre es dem Sylvius bestimmt, in einem rechtlichen Kriege zu fallen:
so preise ich ihn selig. Zöge er übers Meer, um die Heiden dem Erlöser
zuzuführen und versänke: ich würde deshalb nicht zu Boden sinken. Im
Aufgeben, Freund, liegt das wahre _Haben_, und das Geheimniß ewigen
Gewinns. Wie ärmlich ist das Leben, wenn es keinen andern Werth hat, als
daß man athme!« der Graf seufzte schwer, und Romana verließ ihn.
Noch wirkte dieses Gespräch nach, als die Gräfinn in das Zimmer ihres
Gemahls trat. Die kleine Albane hing schlafend auf ihrem Arme, und das
volle Händchen des Kindes, wie aus rosigem Wachs mit reizenden Grübchen
geformt, lag schützend auf der linken Brust der Mutter.
Den Grafen rührte dieser Anblick. Er küßte väterlich sacht diese kleine
Hand, und das Mutterherz darunter schlug stärker. Vielleicht ward in
diesem Augenblicke der Gedanke an das, was Romana gesagt, zu einer
stillen Freude, daß dies sein einziges Kind eine _Tochter_ sey. Zum
erstenmale äußerte er, wie glücklich ihn der Besitz des Kindes mache,
und daß es so gesund sey, und die Mutter dazu, um die er vordem doch
sehr besorgt gewesen.
Die Gräfinn entfärbte sich. Mit bewegter Stimme sagte sie: »es könnte
seyn, daß ich mein Leben um einen Preis gerettet hätte, der Dir
mißfällt.«
Dem Grafen fiel diese Aeußerung auf. Er sah seine Frau forschend
an, welche ihm nunmehr gestand, wie sie seit ihrer Verheirathung ein
schadhaftes Fleckchen in der Brust verspürt, was ihr dann und
wann Schmerzen, immer aber Kummer verursacht habe. In jedesmaliger
Schwangerschaft sey es schlimmer damit geworden, bis endlich bei der
Geburt der kleinen Albane der leidende Theil sich zu Stein verhärtet und
dergestalt sich entzündet habe, daß sie (die Gräfinn) fürchten müssen,
den Krebs zu bekommen, wenn sie nicht Muth zu einem gewagten Schritt
fassen könnte. --
Der Graf legte beide Hände vor das Gesicht, schon bedeckt von der Blässe
des Grauens. Er sagte: »gut, daß ich es nicht wußte; der bloße Gedanke
macht mich schaudern. Eine Operation solcher Art brächte mich von
Sinnen. Du glaubst nicht,« setzte er mit scheuem Vertrauen hinzu, »wie
tausend Dinge, stumpf für den Verstand Anderer, in mein Gehirn bohren!
diese Vorstellung zum Beispiel -- durchdringt mich entsetzlich.« Seine
Lippen zuckten, als wühle ein Messer in seiner Seele.
Die Gräfinn hätte beinahe ihr Geständniß bereut -- gewiß hätte sie es
sollen. Sie sprach: »in dieser Noth that ich das Gelübde, hülfe mir der
Himmel und würde ich geheilt: so solle die Brust meines Kindes sich nie
für eitle Wünsche heben -- nur dem Heil der Seele. Und es dauerte nicht
lange, so genaß ich an einem simpeln Umschlage.«
»Verstehe ich Dich recht?« fragte der Graf schwach, »Albane -- eine
Klosterfrau?« Die Mutter nickte ängstlich.
»Das ist hart!« murrte der Graf, und seine Frau hatte jene Gefahr
nicht härter empfunden, als diese drei Worte. So sprach die Gräfinn
weichmüthig: »Du mein Gemahl machst Dir ja selbst nichts aus der
Welt, und ihren trüglichen Freuden. Die Güter kommen an fremde Hand --
Anverwandte haben wir nicht, Albane stünde allein. So ist sie unter den
vornehmsten Schutz gestellt, und die Kirche, eine segensreiche Mutter,
giebt ihr Schwestern.«
Der Graf lächelte kalt, und murmelte etwas von Stiefgeschwisterschaft.
»Nein,« fuhr die Gräfinn, ihren Gemahl mißverstehend, fort, »dort würde
mir Albane nicht aufgehoben gewesen seyn. -- Sage, was fehlt einer Braut
Christi?«
»Dieses Glück!« antwortete Graf Frankenstern und deutete auf
seine Kleine, »eine Brust, daran solch ein Kind erblüht, kann viel
verschmerzen. Ihr seyd zu Müttern geboren. Und -- daß ich es nur frei
gestehe -- ich mag die Klöster nicht leiden, und es wird einmal aller
Tage Abend mit ihnen werden. Warum aber soll meine Tochter darin
untergehen?«
»O mein Gott!« jammerte die Gräfinn, und hob ihre Augen thränenschwer
zur Höhe, »warum bin ich nicht gestorben?« Ihr Herz schlug so mächtig,
daß des Kindes Händchen auf dem Busen seiner Mutter erbebte. Sie selbst
wankte.
Der Graf war erschüttert; nach einer Pause sagte er: »Du wirst glauben,
daß mir Dein Leben über Alles theuer ist! nur _den_ Beweis fordere
nicht, daß ich gleichgültig dazu wäre, wenn unser einziges Kind geopfert
wird, in welchem ich Dich ja auch liebe. Uebrigens warst Du damals in
einem Zustande, der keiner Zurechnung fähig ist. -- Nöthigenfalls würde
Dispens vom Pabst zu erlangen seyn. Ich zweifle jedoch, ob das Recht,
über das Schicksal eines Menschen also zu verfügen, auch einer Mutter
zusteht, und meine, von der Sünde, es gethan zu haben, könne Jeder sich
selbst entbinden.«
»Dies sind Romanas Grundsätze,« stöhnte die Gräfinn, »es ist _sein_
Geist, der aus Dir redet, mein Gemahl. Irret Euch nicht, Gott läßt sich
nicht spotten; ich will Wort halten, wenigstens.«
Sie entfernte sich hierauf, heftig alterirt. Die Gräfinn fühlte einen
tiefen körperlichen Schmerz in ihrem Herzen, und sich wie im Innersten
zerrissen. Von Frost geschüttelt mußte sie sich alsbald zu Bett legen.
O! daß die Arme gesprochen und mit dem Laut der Rede den stillen Wächter
ihres Geheimnisses verscheucht hatte! ihre Ruhe war dahin. Seltsam
genug warf sich ein schnell entwickelter Krankheitsstoff auf ihre zuvor
genesene Brust. Es half nichts, daß die Gräfinn ihr erneuetes Unglück
siebenfach verhüllte; jede Hoffnung schien verloren, und das Leben war
ihr nichts mehr werth.
Wenn die geneigten Leser der Meinung wären, Güte und Liebe in dem
Charakter der Gräfinn Frankenstern würde nicht zugelassen haben, daß sie
in grausamer Selbstsucht das Glück ihres einzigen Kindes zum Preis ihrer
Rettung gemacht hätte, so glauben wir diesem Vorwurf zu begegnen, wenn
wir bemerken, wie grade die zärtlichsten, die weichsten Mütter es
sind, und die Natur mag diesen Widerspruch lösen -- welche oftmals das
Schwerste über ihre Kinder verhängen. Hier war es ein Schleier, und
den zu tragen hielt die Gräfinn für leicht. Sie hielt ferner, im
Gefühl _ihrer_ Ehe, _keine_ für ganz glücklich, und verwechselte
ihr unbefriedigtes Herz mit dem Sehnen nach einer Bestimmung, die
vollendender wäre. Und wie es im menschlichen Wunsche liegt, daß
Diejenigen, welche unser Daseyn fortsetzen, Alles weiter bringen, jeden
Keim unsers innersten Lebens entwickeln, und ein höheres Glück erreichen
sollen: so war der Gräfinn der Gedanke lieb geworden, ihre Tochter würde
werden, was zu seyn ihr nicht bestimmt gewesen. Von einer gewissen Stufe
der Erfahrung scheint jeder Schritt, den wir unsern Nachkommen zumuthen,
ob er auch die liebsten Freuden hinter sich lasse -- _klein_,
im Vergleich zu dem, was er anstrebt. Vielleicht war es auch die
mütterliche Ahnung, welche die Gräfinn fürchten ließ, ihre Tochter in
den Armen eines Mannes nicht sicher genug zu wissen. --
Nach einiger Zeit ward Romana heimlicher Weise zur Gräfinn
berufen. Diese einfache Bitte machte den Forstmeister stutzen, und
Schwierigkeiten, daß er sie erfülle: denn der Graf mußte umgangen
werden. -- Zur bestimmten Stunde fand sich Romana ein. Die Gräfinn war
in ihrem Schlafzimmer. Jener erschrak vor ihrem Anblick. Sie war
total entstellt, ihr Gesicht aschfarb, ihr Auge erloschen, und nur ein
schwachglimmender Lebensfunken noch darin. So krank hatte er sie nicht
geglaubt, obgleich er von ihrem Uebelbefinden wußte.