"Wenn wir uns", sagte er einmal, "als möglich denken können, daß der
Schöpfer der Welt selbst die Gestalt seiner Kreatur angenommen und auf
ihre Art und Weise sich eine Zeitlang auf der Welt befunden habe, so
muß uns dieses Geschöpf schon unendlich vollkommen erscheinen, weil
sich der Schöpfer so innig damit vereinigen konnte. Es muß also in
dem Begriff des Menschen kein Widerspruch mit dem Begriff der Gottheit
liegen; und wenn wir auch oft eine gewisse Unähnlichkeit und
Entfernung von ihr empfinden, so ist es doch um desto mehr unsere
Schuldigkeit, nicht immer wie der Advokat des bösen Geistes nur auf
die Blößen und Schwächen unserer Natur zu sehen, sondern eher alle
Vollkommenheiten aufzusuchen, wodurch wir die Ansprüche unsrer
Gottähnlichkeit bestätigen können."
Ich lächelte und versetzte: "Beschämen Sie mich nicht zu sehr, lieber
Oheim, durch die Gefälligkeit, in meiner Sprache zu reden! Das, was
Sie mir zu sagen haben, ist für mich von so großer Wichtigkeit, daß
ich es in Ihrer eigensten Sprache zu hören wünschte, und ich will
alsdann, was ich mir davon nicht ganz zueignen kann, schon zu
übersetzen suchen."
"Ich werde", sagte er darauf, "auch auf meine eigenste Weise ohne
Veränderung des Tons fortfahren können. Des Menschen größtes
Verdienst bleibt wohl, wenn er die Umstände soviel als möglich
bestimmt und sich sowenig als möglich von ihnen bestimmen läßt. Das
ganze Weltwesen liegt vor uns wie ein großer Steinbruch vor dem
Baumeister, der nur dann den Namen verdient, wenn er aus diesen
zufälligen Naturmassen ein in seinem Geiste entsprungenes Urbild mit
der größten ökonomie, Zweckmäßigkeit und Festigkeit zusammenstellt.
Alles außer uns ist nur Element, ja ich darf wohl sagen, auch alles an
uns; aber tief in uns liegt diese schöpferische Kraft, die das zu
erschaffen vermag, was sein soll, und uns nicht ruhen und rasten läßt,
bis wir es außer uns oder an uns, auf eine oder die andere Weise,
dargestellt haben. Sie, liebe Nichte, haben vielleicht das beste Teil
erwählt; Sie haben Ihr sittliches Wesen, Ihre tiefe, liebevolle Natur
mit sich selbst und mit dem höchsten Wesen übereinstimmend zu machen
gesucht, indes wir andern wohl auch nicht zu tadeln sind, wenn wir den
sinnlichen Menschen in seinem Umfange zu kennen und tätig in Einheit
zu bringen suchen."
Durch solche Gespräche wurden wir nach und nach vertrauter, und ich
erlangte von ihm, daß er mit mir ohne Kondeszendenz wie mit sich
selbst sprach. "Glauben Sie nicht", sagte der Oheim zu mir, "daß ich
Ihnen schmeichle, wenn ich Ihre Art zu denken und zu handeln lobe.
Ich verehre den Menschen, der deutlich weiß, was er will, unablässig
vorschreitet, die Mittel zu seinem Zwecke kennt und sie zu ergreifen
und zu brauchen weiß; inwiefern sein Zweck groß oder klein sei, Lob
oder Tadel verdiene, das kommt bei mir erst nachher in Betrachtung.
Glauben Sie mir, meine Liebe, der größte Teil des Unheils und dessen,
was man bös in der Welt nennt, entsteht bloß, weil die Menschen zu
nachlässig sind, ihre Zwecke recht kennenzulernen und, wenn sie solche
kennen, ernsthaft darauf loszuarbeiten. Sie kommen mir vor wie Leute,
die den Begriff haben, es könne und müsse ein Turm gebauet werden, und
die doch an den Grund nicht mehr Steine und Arbeit verwenden, als man
allenfalls einer Hütte unterschlüge. Hätten Sie, meine Freundin,
deren höchstes Bedürfnis war, mit Ihrer innern sittlichen Natur ins
reine zu kommen, anstatt der großen und kühnen Aufopferungen sich
zwischen Ihrer Familie, einem Bräutigam, vielleicht einem Gemahl nur
so hin beholfen, Sie würden, in einem ewigen Widerspruch mit sich
selbst, niemals einen zufriedenen Augenblick genossen haben."
"Sie brauchen", versetzte ich hier, "das Wort Aufopferung, und ich
habe manchmal gedacht, wie wir einer höhern Absicht gleichsam wie
einer Gottheit das Geringere zum Opfer darbringen, ob es uns schon am
Herzen liegt, wie man ein geliebtes Schaf für die Gesundheit eines
verehrten Vaters gern und willig zum Altar führen würde."
"Was es auch sei", versetzte er, "der Verstand oder die Empfindung,
das uns eins für das andere hingeben, eins vor dem andern wählen heißt,
so ist Entschiedenheit und Folge nach meiner Meinung das
Verehrungswürdigste am Menschen. Man kann die Ware und das Geld nicht
zugleich haben; und der ist ebenso übel daran, dem es immer nach der
Ware gelüstet, ohne daß er das Herz hat, das Geld hinzugeben, als der,
den der Kauf reut, wenn er die Ware in Händen hat. Aber ich bin weit
entfernt, die Menschen deshalb zu tadeln; denn sie sind eigentlich
nicht schuld, sondern die verwickelte Lage, in der sie sich befinden
und in der sie sich nicht zu regieren wissen. So werden Sie zum
Beispiel im Durchschnitt weniger üble Wirte auf dem Lande als in den
Städten finden und wieder in kleinen Städten weniger als in großen;
und warum? Der Mensch ist zu einer beschränkten Lage geboren;
einfache, nahe, bestimmte Zwecke vermag er einzusehen, und er gewöhnt
sich, die Mittel zu benutzen, die ihm gleich zur Hand sind; sobald er
aber ins Weite kommt, weiß er weder, was er will noch was er soll, und
es ist ganz einerlei, ob er durch die Menge der Gegenstände zerstreut
oder ob er durch die Höhe und Würde derselben außer sich gesetzt werde.
Es ist immer sein Unglück, wenn er veranlaßt wird, nach etwas zu
streben, mit dem er sich durch eine regelmäßige Selbsttätigkeit nicht
verbinden kann.
Fürwahr", fuhr er fort, "ohne Ernst ist in der Welt nichts möglich,
und unter denen, die wir gebildete Menschen nennen, ist eigentlich
wenig Ernst zu finden; sie gehen, ich möchte sagen, gegen Arbeiten und
Geschäfte, gegen Künste, ja gegen Vergnügungen nur mit einer Art von
Selbstverteidigung zu Werke; man lebt, wie man ein Pack Zeitungen
liest, nur damit man sie loswerde, und es fällt mir dabei jener junge
Engländer in Rom ein, der abends in einer Gesellschaft sehr zufrieden
erzählte: daß er doch heute sechs Kirchen und zwei Galerien beiseite
gebracht habe. Man will mancherlei wissen und kennen, und gerade das,
was einen am wenigsten angeht, und man bemerkt nicht, daß kein Hunger
dadurch gestillt wird, wenn man nach der Luft schnappt. Wenn ich
einen Menschen kennenlerne, frage ich sogleich: womit beschäftigt er
sich? und wie? und in welcher Folge? und mit der Beantwortung der
Frage ist auch mein Interesse an ihm auf zeitlebens entschieden."
"Sie sind, lieber Oheim", versetzte ich darauf, "vielleicht zu strenge
und entziehen manchem guten Menschen, dem Sie nützlich sein könnten,
Ihre hülfreiche Hand."
"Ist es dem zu verdenken", antwortete er, "der so lange vergebens an
ihnen und um sie gearbeitet hat? Wie sehr leidet man nicht in der
Jugend von Menschen, die uns zu einer angenehmen Lustpartie einzuladen
glauben, wenn sie uns in die Gesellschaft der Danaiden oder des
Sisyphus zu bringen versprechen. Gott sei Dank, ich habe mich von
ihnen losgemacht, und wenn einer unglücklicherweise in meinen Kreis
kommt, suche ich ihn auf die höflichste Art hinauszukomplimentieren:
denn gerade von diesen Leuten hört man die bittersten Klagen über den
verworrenen Lauf der Welthändel, über die Seichtigkeit der
Wissenschaften, über den Leichtsinn der Künstler, über die Leerheit
der Dichter und was alles noch mehr ist. Sie bedenken am wenigsten,
daß eben sie selbst und die Menge, die ihnen gleich ist, gerade das
Buch nicht lesen würden, das geschrieben wäre, wie sie es fordern, daß
ihnen die echte Dichtung fremd sei und daß selbst ein gutes Kunstwerk
nur durch Vorurteil ihren Beifall erlangen könne. Doch lassen Sie uns
abbrechen, es ist hier keine Zeit zu schelten noch zu klagen."
Er leitete meine Aufmerksamkeit auf die verschiedenen Gemälde, die an
der Wand aufgehängt waren; mein Auge hielt sich an die, deren Anblick
reizend oder deren Gegenstand bedeutend war; er ließ es eine Weile
geschehen, dann sagte er: "Gönnen Sie nun auch dem Genius, der diese
Werke hervorgebracht hat, einige Aufmerksamkeit. Gute Gemüter sehen
so gerne den Finger Gottes in der Natur; warum sollte man nicht auch
der Hand seines Nachahmers einige Betrachtung schenken?" Er machte
mich sodann auf unscheinbare Bilder aufmerksam und suchte mir
begreiflich zu machen, daß eigentlich die Geschichte der Kunst allein
uns den Begriff von dem Wert und der Würde eines Kunstwerks geben
könne, daß man erst die beschwerlichen Stufen des Mechanismus und des
Handwerks, an denen der fähige Mensch sich jahrhundertelang
hinaufarbeitet, kennen müsse, um zu begreifen, wie es möglich sei, daß
das Genie auf dem Gipfel, bei dessen bloßem Anblick uns schwindelt,
sich frei und fröhlich bewege.
Er hatte in diesem Sinne eine schöne Reihe zusammengebracht, und ich
konnte mich nicht enthalten, als er mir sie auslegte, die moralische
Bildung hier wie im Gleichnisse vor mir zu sehen. Als ich ihm meine
Gedanken äußerte, versetzte er: "Sie haben vollkommen recht, und wir
sehen daraus, daß man nicht wohltut, der sittlichen Bildung einsam, in
sich selbst verschlossen nachzuhängen; vielmehr wird man finden, daß
derjenige, dessen Geist nach einer moralischen Kultur strebt, alle
Ursache hat, seine feinere Sinnlichkeit zugleich mit auszubilden,
damit er nicht in Gefahr komme, von seiner moralischen Höhe
herabzugleiten, indem er sich den Lockungen einer regellosen Phantasie
übergibt und in den Fall kommt, seine edlere Natur durch Vergnügen an
geschmacklosen Tändeleien, wo nicht an etwas Schlimmerem
herabzuwürdigen."
Ich hatte ihn nicht im Verdacht, daß er auf mich ziele, aber ich
fühlte mich getroffen, wenn ich zurückdachte, daß unter den Liedern,
die mich erbauet hatten, manches abgeschmackte mochte gewesen sein und
daß die Bildchen, die sich an meine geistlichen Ideen anschlossen,
wohl schwerlich vor den Augen des Oheims würden Gnade gefunden haben.
Philo hatte sich indessen öfters in der Bibliothek aufgehalten und
führte mich nunmehr auch in selbiger ein. Wir bewunderten die Auswahl
und dabei die Menge der Bücher. Sie waren in jenem Sinne gesammelt:
denn es waren beinahe auch nur solche darin zu finden, die uns zur
deutlichen Erkenntnis führen oder uns zur rechten Ordnung anweisen,
die uns entweder rechte Materialien geben oder uns von der Einheit
unsers Geistes überzeugen.
Ich hatte in meinem Leben unsäglich gelesen, und in gewissen Fächern
war mir fast kein Buch unbekannt; um desto angenehmer war mir's, hier
von der übersicht des Ganzen zu sprechen und Lücken zu bemerken, wo
ich sonst nur eine beschränkte Verwirrung oder eine unendliche
Ausdehnung gesehen hatte.
Zugleich machten wir die Bekanntschaft eines sehr interessanten,
stillen Mannes. Er war Arzt und Naturforscher und schien mehr zu den
Penaten als zu den Bewohnern des Hauses zu gehören. Er zeigte uns das
Naturalienkabinett, das, wie die Bibliothek, in verschlossenen
Glasschränken zugleich die Wände der Zimmer verzierte und den Raum
veredelte, ohne ihn zu verengen. Hier erinnerte ich mich mit Freuden
meiner Jugend und zeigte meinem Vater mehrere Gegenstände, die er
ehemals auf das Krankenbette seines kaum in die Welt blickenden Kindes
gebracht hatte. Dabei verhehlte der Arzt so wenig als bei folgenden
Unterredungen, daß er sich mir in Absicht auf religiöse Gesinnungen
nähere, lobte dabei den Oheim außerordentlich wegen seiner Toleranz
und Schätzung von allem, was den Wert und die Einheit der menschlichen
Natur anzeige und befördere, nur verlange er freilich von allen andern
Menschen ein Gleiches und pflege nichts so sehr als individuellen
Dünkel und ausschließende Beschränktheit zu verdammen oder zu fliehen.
Seit der Trauung meiner Schwester sah dem Oheim die Freude aus den
Augen, und er sprach verschiedenemal mit mir über das, was er für sie
und ihre Kinder zu tun denke. Er hatte schöne Güter, die er selbst
bewirtschaftete und die er in dem besten Zustande seinen Neffen zu
übergeben hoffte. Wegen des kleinen Gutes, auf dem wir uns befanden,
schien er besondere Gedanken zu hegen: "Ich werde es", sagte er, "nur
einer Person überlassen, die zu kennen, zu schätzen und zu genießen
weiß, was es enthält, und die einsieht, wie sehr ein Reicher und
Vornehmer, besonders in Deutschland, Ursache habe, etwas Mustermäßiges
aufzustellen."
Schon war der größte Teil der Gäste nach und nach verflogen; wir
bereiteten uns zum Abschied und glaubten die letzte Szene der
Feierlichkeit erlebt zu haben, als wir aufs neue durch seine
Aufmerksamkeit, uns ein würdiges Vergnügen zu machen, überrascht
wurden. Wir hatten ihm das Entzücken nicht verbergen können, das wir
fühlten, als bei meiner Schwester Trauung ein Chor Menschenstimmen
sich ohne alle Begleitung irgendeines Instruments hören ließ. Wir
legten es ihm nahe genug, uns das Vergnügen noch einmal zu verschaffen;
er schien nicht darauf zu merken. Wie überrascht waren wir daher,
als er eines Abends zu uns sagte: "Die Tanzmusik hat sich entfernt;
die jungen, flüchtigen Freunde haben uns verlassen; das Ehepaar selbst
sieht schon ernsthafter aus als vor einigen Tagen, und in einer
solchen Epoche voneinander zu scheiden, da wir uns vielleicht nie,
wenigstens anders wiedersehen, regt uns zu einer feierlichen Stimmung,
die ich nicht edler nähren kann als durch eine Musik, deren
Wiederholung Sie schon früher zu wünschen schienen."
Er ließ durch das indes verstärkte und im stillen noch mehr geübte
Chor uns vierund achtstimmige Gesänge vortragen, die uns, ich darf
wohl sagen, wirklich einen Vorschmack der Seligkeit gaben. Ich hatte
bisher nur den frommen Gesang gekannt, in welchem gute Seelen oft mit
heiserer Kehle wie die Waldvögelein Gott zu loben glauben, weil sie
sich selbst eine angenehme Empfindung machen; dann die eitle Musik der
Konzerte, in denen man allenfalls zur Bewunderung eines Talents,
selten aber auch nur zu einem vorübergehenden Vergnügen hingerissen
wird. Nun vernahm ich eine Musik, aus dem tiefsten Sinne der
trefflichsten menschlichen Naturen entsprungen, die durch bestimmte
und geübte Organe in harmonischer Einheit wieder zum tiefsten, besten
Sinne des Menschen sprach und ihn wirklich in diesem Augenblicke seine
Gottähnlichkeit lebhaft empfinden ließ. Alles waren lateinische
geistliche Gesänge, die sich wie Juwelen in dem goldnen Ringe einer
gesitteten weltlichen Gesellschaft ausnahmen und mich ohne Anforderung
einer sogenannten Erbauung auf das geistigste erhoben und glücklich
machten.
Bei unserer Abreise wurden wir alle auf das edelste beschenkt. Mir
überreichte er das Ordenskreuz meines Stiftes, kunstmäßiger und
schöner gearbeitet und emailliert, als man es sonst zu sehen gewohnt
war. Es hing an einem großen Brillanten, wodurch es zugleich an das
Band befestigt wurde, und den er als den edelsten Stein einer
Naturaliensammlung anzusehen bat.
Meine Schwester zog nun mit ihrem Gemahl auf seine Güter, wir andern
kehrten alle nach unsern Wohnungen zurück und schienen uns, was unsere
äußren Umstände anbetraf, in ein ganz gemeines Leben zurückgekehrt zu
sein. Wir waren wie aus einem Feenschloß auf die platte Erde gesetzt
und mußten uns wieder nach unsrer Weise benehmen und behelfen.
Die sonderbaren Erfahrungen, die ich in jenem neuen Kreise gemacht
hatte, ließen einen schönen Eindruck bei mir zurück; doch blieb er
nicht lange in seiner ganzen Lebhaftigkeit, obgleich der Oheim ihn zu
unterhalten und zu erneuern suchte, indem er mir von Zeit zu Zeit von
seinen besten und gefälligsten Kunstwerken zusandte und, wenn ich sie
lange genug genossen hatte, wieder mit andern vertauschte.
Ich war zu sehr gewohnt, mich mit mir selbst zu beschäftigen, die
Angelegenheiten meines Herzens und meines Gemütes in Ordnung zu
bringen und mich davon mit ähnlich gesinnten Personen zu unterhalten,
als daß ich mit Aufmerksamkeit ein Kunstwerk hätte betrachten sollen,
ohne bald auf mich selbst zurückzukehren. Ich war gewohnt, ein
Gemälde und einen Kupferstich nur anzusehen wie die Buchstaben eines
Buchs. Ein schöner Druck gefällt wohl; aber wer wird ein Buch des
Druckes wegen in die Hand nehmen? So sollte mir auch eine bildliche
Darstellung etwas sagen, sie sollte mich belehren, rühren, bessern;
und der Oheim mochte in seinen Briefen, mit denen er seine Kunstwerke
erläuterte, reden, was er wollte, so blieb es mit mir doch immer beim
alten.
Doch mehr als meine eigene Natur zogen mich äußere Begebenheiten, die
Veränderungen in meiner Familie von solchen Betrachtungen, ja eine
Weile von mir selbst ab; ich mußte dulden und wirken, mehr, als meine
schwachen Kräfte zu ertragen schienen.
Meine ledige Schwester war bisher mein rechter Arm gewesen; gesund,
stark und unbeschreiblich gütig hatte sie die Besorgung der
Haushaltung über sich genommen, wie mich die persönliche Pflege des
alten Vaters beschäftigte. Es überfällt sie ein Katarrh, woraus eine
Brustkrankheit wird, und in drei Wochen liegt sie auf der Bahre; ihr
Tod schlug mir Wunden, deren Narben ich jetzt noch nicht gerne ansehe.
Ich lag krank zu Bette, ehe sie noch beerdiget war; der alte Schaden
auf meiner Brust schien aufzuwachen, ich hustete heftig und war so
heiser, daß ich keinen lauten Ton hervorbringen konnte.
Die verheiratete Schwester kam vor Schrecken und Betrübnis zu früh in
die Wochen. Mein alter Vater fürchtete, seine Kinder und die Hoffnung
seiner Nachkommenschaft auf einmal zu verlieren; seine gerechten
Tränen vermehrten meinen Jammer; ich flehte zu Gott um Herstellung
einer leidlichen Gesundheit und bat ihn nur, mein Leben bis nach dem
Tode des Vaters zu fristen. Ich genas und war nach meiner Art wohl,
konnte wieder meine Pflichten, obgleich nur auf eine kümmerliche Weise,
erfüllen.