VI. Buch--8

Meine Schwester ward wieder guter Hoffnung. Mancherlei Sorgen, die

in solchen Fällen der Mutter anvertraut werden, wurden mir mitgeteilt;

sie lebte nicht ganz glücklich mit ihrem Manne, das sollte dem Vater

verborgen bleiben; ich mußte Schiedsrichter sein und konnte es um so

eher, da mein Schwager Zutrauen zu mir hatte und beide wirklich gute

Menschen waren, nur daß beide, anstatt einander nachzusehen,

miteinander rechteten und aus Begierde, völlig miteinander überein zu

leben, niemals einig werden konnten. Nun lernte ich auch die

weltlichen Dinge mit Ernst angreifen und das ausüben, was ich sonst

nur gesungen hatte.

Meine Schwester gebar einen Sohn; die Unpäßlichkeit meines Vaters

verhinderte ihn nicht, zu ihr zu reisen. Beim Anblick des Kindes war

er unglaublich heiter und froh, und bei der Taufe erschien er mir

gegen seine Art wie begeistert, ja ich möchte sagen, als ein Genius

mit zwei Gesichtern. Mit dem einen blickte er freudig vorwärts in

jene Regionen, in die er bald einzugehen hoffte, mit dem andern auf

das neue, hoffnungsvolle irdische Leben, das in dem Knaben entsprungen

war, der von ihm abstammte. Er ward nicht müde, auf dem Rückwege mich

von dem Kinde zu unterhalten, von seiner Gestalt, seiner Gesundheit

und dem Wunsche, daß die Anlagen dieses neuen Weltbürgers glücklich

ausgebildet werden möchten. Seine Betrachtungen hierüber dauerten

fort, als wir zu Hause anlangten, und erst nach einigen Tagen bemerkte

man eine Art Fieber, das sich nach Tisch ohne Frost durch eine etwas

ermattende Hitze äußerte. Er legte sich jedoch nicht nieder, fuhr des

Morgens aus und versah treulich seine Amtsgeschäfte, bis ihn endlich

anhaltende, ernsthafte Symptome davon abhielten.

Nie werde ich die Ruhe des Geistes, die Klarheit und Deutlichkeit

vergessen, womit er die Angelegenheiten seines Hauses, die Besorgung

seines Begräbnisses, als wie das Geschäft eines andern, mit der

größten Ordnung vornahm.

Mit einer Heiterkeit, die ihm sonst nicht eigen war und die bis zu

einer lebhaften Freude stieg, sagte er zu mir: "Wo ist die Todesfurcht

hingekommen, die ich sonst noch wohl empfand? Sollt ich zu sterben

scheuen? Ich habe einen gnädigen Gott, das Grab erweckt mir kein

Grauen, ich habe ein ewiges Leben."

Mir die Umstände seines Todes zurückzurufen, der bald darauf erfolgte,

ist in meiner Einsamkeit eine meiner angenehmsten Unterhaltungen, und

die sichtbaren Wirkungen einer höhern Kraft dabei wird mir niemand

wegräsonieren.

Der Tod meines lieben Vaters veränderte meine bisherige Lebensart.

Aus dem strengsten Gehorsam, aus der größten Einschränkung kam ich in

die größte Freiheit, und ich genoß ihrer wie einer Speise, die man

lange entbehrt hat. Sonst war ich selten zwei Stunden außer dem Hause;

nun verlebte ich kaum einen Tag in meinem Zimmer. Meine Freunde, bei

denen ich sonst nur abgerissene Besuche machen konnte, wollten sich

meines anhaltenden Umgangs sowie ich mich des ihrigen erfreuen; öfters

wurde ich zu Tische geladen, Spazierfahrten und kleine Lustreisen

kamen hinzu, und ich blieb nirgends zurück. Als aber der Zirkel

durchlaufen war, sah ich, daß das unschätzbare Glück der Freiheit

nicht darin besteht, daß man alles tut, was man tun mag und wozu uns

die Umstände einladen, sondern daß man das ohne Hindernis und Rückhalt

auf dem geraden Wege tun kann, was man für recht und schicklich hält,

und ich war alt genug, in diesem Falle ohne Lehrgeld zu der schönen

überzeugung zu gelangen.

Was ich mir nicht versagen konnte, war, so bald als nur möglich den

Umgang mit den Gliedern der herrnhutischen Gemeine fortzusetzen und

fester zu knüpfen, und ich eilte, eine ihrer nächsten Einrichtungen zu

besuchen: aber auch da fand ich keinesweges, was ich mir vorgestellt

hatte. Ich war ehrlich genug, meine Meinung merken zu lassen, und man

suchte mir hinwieder beizubringen: diese Verfassung sei gar nichts

gegen eine ordentlich eingerichtete Gemeine. Ich konnte mir das

gefallen lassen; doch hätte nach meiner überzeugung der wahre Geist

aus einer kleinen so gut als aus einer großen Anstalt hervorblicken

sollen.

Einer ihrer Bischöfe, der gegenwärtig war, ein unmittelbarer Schüler

des Grafen, beschäftigte sich viel mit mir; er sprach vollkommen

Englisch, und weil ich es ein wenig verstand, meinte er, es sei ein

Wink, daß wir zusammengehörten; ich meinte es aber ganz und gar nicht;

sein Umgang konnte mir nicht im geringsten gefallen. Er war ein

Messerschmied, ein geborner Mähre; seine Art zu denken konnte das

Handwerksmäßige nicht verleugnen. Besser verstand ich mich mit dem

Herrn von L***, der Major in französischen Diensten gewesen war; aber

zu der Untertänigkeit, die er gegen seine Vorgesetzten bezeigte,

fühlte ich mich niemals fähig; ja es war mir, als wenn man mir eine

Ohrfeige gäbe, wenn ich die Majorin und andere mehr oder weniger

angesehene Frauen dem Bischof die Hand küssen sah. Indessen wurde

doch eine Reise nach Holland verabredet, die aber, und gewiß zu meinem

Besten, niemals zustande kam.

Meine Schwester war mit einer Tochter niedergekommen, und nun war die

Reihe an uns Frauen, zufrieden zu sein und zu denken, wie sie dereinst

uns ähnlich erzogen werden sollte. Mein Schwager war dagegen sehr

unzufrieden, als in dem Jahr darauf abermals eine Tochter erfolgte; er

wünschte bei seinen großen Gütern Knaben um sich zu sehen, die ihm

einst in der Verwaltung beistehen könnten.

Ich hielt mich bei meiner schwachen Gesundheit still und bei einer

ruhigen Lebensart ziemlich im Gleichgewicht; ich fürchtete den Tod

nicht, ja ich wünschte zu sterben, aber ich fühlte in der Stille, daß

mir Gott Zeit gebe, meine Seele zu untersuchen und ihm immer

näherzukommen. In den vielen schlaflosen Nächten habe ich besonders

etwas empfunden, das ich eben nicht deutlich beschreiben kann.

Es war, als wenn meine Seele ohne Gesellschaft des Körpers dächte; sie

sah den Körper selbst als ein ihr fremdes Wesen an, wie man etwa ein

Kleid ansieht. Sie stellte sich mit einer außerordentlichen

Lebhaftigkeit die vergangenen Zeiten und Begebenheiten vor und fühlte

daraus, was folgen werde. Alle diese Zeiten sind dahin; was folgt,

wird auch dahingehen: der Körper wird wie ein Kleid zerreißen, aber

ich, das wohlbekannte Ich, ich bin.

Diesem großen, erhabenen und tröstlichen Gefühle sowenig als nur

möglich nachzuhängen, lehrte mich ein edler Freund, der sich mir immer

näher verband; es war der Arzt, den ich in dem Hause meines Oheims

hatte kennenlernen und der sich von der Verfassung meines Körpers und

meines Geistes sehr gut unterrichtet hatte; er zeigte mir, wie sehr

diese Empfindungen, wenn wir sie unabhängig von äußern Gegenständen in

uns nähren, uns gewissermaßen aushöhlen und den Grund unseres Daseins

untergraben. "Tätig zu sein", sagte er, "ist des Menschen erste

Bestimmung, und alle Zwischenzeiten, in denen er auszuruhen genötiget

ist, sollte er anwenden, eine deutliche Erkenntnis der äußerlichen

Dinge zu erlangen, die ihm in der Folge abermals seine Tätigkeit

erleichtert."

Da der Freund meine Gewohnheit kannte, meinen eigenen Körper als einen

äußern Gegenstand anzusehn, und da er wußte, daß ich meine

Konstitution, mein übel und die medizinischen Hülfsmittel ziemlich

kannte und ich wirklich durch anhaltende eigene und fremde Leiden ein

halber Arzt geworden war, so leitete er meine Aufmerksamkeit von der

Kenntnis des menschlichen Körpers und der Spezereien auf die übrigen

nachbarlichen Gegenstände der Schöpfung und führte mich wie im

Paradiese umher, und nur zuletzt, wenn ich mein Gleichnis fortsetzen

darf, ließ er mich den in der Abendkühle im Garten wandelnden Schöpfer

aus der Entfernung ahnen.

Wie gerne sah ich nunmehr Gott in der Natur, da ich ihn mit solcher

Gewißheit im Herzen trug; wie interessant war mir das Werk seiner

Hände, und wie dankbar war ich, daß er mich mit dem Atem seines Mundes

hatte beleben wollen! Wir hofften aufs neue mit meiner Schwester auf

einen Knaben, dem mein Schwager so sehnlich entgegensah und dessen

Geburt er leider nicht erlebte. Der wackere Mann starb an den Folgen

eines unglücklichen Sturzes vom Pferde, und meine Schwester folgte ihm,

nachdem sie der Welt einen schönen Knaben gegeben hatte. Ihre vier

hinterlassenen Kinder konnte ich nur mit Wehmut ansehn. So manche

gesunde Person war vor mir, der Kranken, hingegangen; sollte ich nicht

vielleicht von diesen hoffnungsvollen Blüten manche abfallen sehen?

Ich kannte die Welt genug, um zu wissen, unter wie vielen Gefahren ein

Kind, besonders in dem höheren Stande, heraufwächst, und es schien mir,

als wenn sie seit der Zeit meiner Jugend sich für die gegenwärtige

Welt noch vermehrt hätten. Ich fühlte, daß ich bei meiner Schwäche

wenig oder nichts für die Kinder zu tun imstande sei; um desto

erwünschter war mir des Oheims Entschluß, der natürlich aus seiner

Denkungsart entsprang, seine ganze Aufmerksamkeit auf die Erziehung

dieser liebenswürdigen Geschöpfe zu verwenden. Und gewiß, sie

verdienten es in jedem Sinne, sie waren wohlgebildet und versprachen

bei ihrer großen Verschiedenheit sämtlich gutartige und verständige

Menschen zu werden.

Seitdem mein guter Arzt mich aufmerksam gemacht hatte, betrachtete ich

gern die Familienähnlichkeit in Kindern und Verwandten. Mein Vater

hatte sorgfältig die Bilder seiner Vorfahren aufbewahrt, sich selbst

und seine Kinder von leidlichen Meistern malen lassen, auch war meine

Mutter und ihre Verwandten nicht vergessen worden. Wir kannten die

Charaktere der ganzen Familie genau, und da wir sie oft untereinander

verglichen hatten, so suchten wir nun bei den Kindern die

ähnlichkeiten des äußern und Innern wieder auf. Der älteste Sohn

meiner Schwester schien seinem Großvater väterlicher Seite zu gleichen,

von dem ein jugendliches Bild, sehr gut gemalt, in der Sammlung

unseres Oheims aufgestellt war; auch liebte er wie jener, der sich

immer als ein braver Offizier gezeigt hatte, nichts so sehr als das

Gewehr, womit er sich immer, sooft er mich besuchte, beschäftigte.

Denn mein Vater hatte einen sehr schönen Gewehrschrank hinterlassen,

und der Kleine hatte nicht eher Ruhe, bis ich ihm ein paar Pistolen

und eine Jagdflinte schenkte und bis er herausgebracht hatte, wie ein

deutsches Schloß aufzuziehen sei. übrigens war er in seinen Handlungen

und seinem ganzen Wesen nichts weniger als rauh, sondern vielmehr

sanft und verständig.

Die älteste Tochter hatte meine ganze Neigung gefesselt, und es mochte

wohl daher kommen, weil sie mir ähnlich sah und weil sie sich von

allen vieren am meisten zu mir hielt. Aber ich kann wohl sagen, je

genauer ich sie beobachtete, da sie heranwuchs, desto mehr beschämte

sie mich, und ich konnte das Kind nicht ohne Bewunderung, ja ich darf

beinahe sagen, nicht ohne Verehrung ansehn. Man sah nicht leicht eine

edlere Gestalt, ein ruhiger Gemüt und eine immer gleiche, auf keinen

Gegenstand eingeschränkte Tätigkeit. Sie war keinen Augenblick ihres

Lebens unbeschäftigt, und jedes Geschäft ward unter ihren Händen zur

würdigen Handlung. Alles schien ihr gleich, wenn sie nur das

verrichten konnte, was in der Zeit und am Platz war, und ebenso konnte

sie ruhig, ohne Ungeduld bleiben, wenn sich nichts zu tun fand. Diese

Tätigkeit ohne Bedürfnis einer Beschäftigung habe ich in meinem Leben

nicht wieder gesehen. Unnachahmlich war von Jugend auf ihr Betragen

gegen Notleidende und Hülfsbedürftige. Ich gestehe gern, daß ich

niemals das Talent hatte, mir aus der Wohltätigkeit ein Geschäft zu

machen; ich war nicht karg gegen Arme, ja ich gab oft in meinem

Verhältnisse zuviel dahin, aber gewissermaßen kaufte ich mich nur los,

und es mußte mir jemand angeboren sein, wenn er mir meine Sorgfalt

abgewinnen wollte. Gerade das Gegenteil lobe ich an meiner Nichte.

Ich habe sie niemals einem Armen Geld geben sehen, und was sie von mir

zu diesem Endzweck erhielt, verwandelte sie immer erst in das nächste

Bedürfnis. Niemals erschien sie mir liebenswürdiger, als wenn sie

meine Kleider- und Wäschschränke plünderte; immer fand sie etwas, das

ich nicht trug und nicht brauchte, und diese alten Sachen

zusammenzuschneiden und sie irgendeinem zerlumpten Kinde anzupassen

war ihre größte Glückseligkeit.

Die Gesinnungen ihrer Schwester zeigten sich schon anders; sie hatte

vieles von der Mutter, versprach schon frühe sehr zierlich und reizend

zu werden und scheint ihr Versprechen halten zu wollen; sie ist sehr

mit ihrem äußern beschäftigt und wußte sich von früher Zeit an auf

eine in die Augen fallende Weise zu putzen und zu tragen. Ich

erinnere mich noch immer, mit welchem Entzücken sie sich als ein

kleines Kind im Spiegel besah, als ich ihr die schönen Perlen, die mir

meine Mutter hinterlassen hatte und die sie von ungefähr bei mir fand,

umbinden mußte.

Wenn ich diese verschiedenen Neigungen betrachtete, war es mir

angenehm zu denken, wie meine Besitzungen nach meinem Tode unter sie

zerfallen und durch sie wieder lebendig werden würden. Ich sah die

Jagdflinten meines Vaters schon wieder auf dem Rücken des Neffen im

Felde herumwandeln und aus seiner Jagdtasche schon wieder Hühner

herausfallen; ich sah meine sämtliche Garderobe bei der

Osterkonfirmation, lauter kleinen Mädchen angepaßt, aus der Kirche

herauskommen und mit meinen besten Stoffen ein sittsames Bürgermädchen

an ihrem Brauttage geschmückt: denn zu Ausstattung solcher Kinder und

ehrbarer armer Mädchen hatte Natalie eine besondere Neigung, ob sie

gleich, wie ich hier bemerken muß, selbst keine Art von Liebe und,

wenn ich so sagen darf, kein Bedürfnis einer Anhänglichkeit an ein

sichtbares oder unsichtbares Wesen, wie es sich bei mir in meiner

Jugend so lebhaft gezeigt hatte, auf irgendeine Weise merken ließ.

Wenn ich nun dachte, daß die Jüngste an ebendemselben Tage meine

Perlen und Juwelen nach Hofe tragen werde, so sah ich mit Ruhe meine

Besitzungen wie meinen Körper den Elementen wiedergegeben.

Die Kinder wuchsen heran und sind zu meiner Zufriedenheit gesunde,

schöne und wackre Geschöpfe. Ich ertrage es mit Geduld, daß der Oheim

sie von mir entfernt hält, und sehe sie, wenn sie in der Nähe oder

auch wohl gar in der Stadt sind, selten.

Ein wunderbarer Mann, den man für einen französischen Geistlichen hält,

ohne daß man recht von seiner Herkunft unterrichtet ist, hat die

Aufsicht über die sämtlichen Kinder, welche an verschiedenen Orten

erzogen werden und bald hier, bald da in der Kost sind.

Ich konnte anfangs keinen Plan in dieser Erziehung sehn, bis mir mein

Arzt zuletzt eröffnete: der Oheim habe sich durch den Abbe überzeugen

lassen, daß, wenn man an der Erziehung des Menschen etwas tun wolle,

müsse man sehen, wohin seine Neigungen und Wünsche gehen. Sodann

müsse man ihn in die Lage versetzen, jene so bald als möglich zu

befriedigen, diese so bald als möglich zu erreichen, damit der Mensch,

wenn er sich geirret habe, früh genug seinen Irrtum gewahr werde, und

wenn er das getroffen hat, was für ihn paßt, desto eifriger daran

halte und sich desto emsiger fortbilde. Ich wünsche, daß dieser

sonderbare Versuch gelingen möge; bei so guten Naturen ist es

vielleicht möglich.

Aber das, was ich nicht an diesen Erziehern billigen kann, ist, daß

sie alles von den Kindern zu entfernen suchen, was sie zu dem Umgange

mit sich selbst und mit dem unsichtbaren, einzigen treuen Freunde

führen könne. Ja, es verdrießt mich oft von dem Oheim, daß er mich

deshalb für die Kinder für gefährlich hält. Im Praktischen ist doch

kein Mensch tolerant! Denn wer auch versichert, daß er jedem seine

Art und Wesen gerne lassen wolle, sucht doch immer diejenigen von der

Tätigkeit auszuschließen, die nicht so denken wie er.

Diese Art, die Kinder von mir zu entfernen, betrübt mich desto mehr,

je mehr ich von der Realität meines Glaubens überzeugt sein kann.

Warum sollte er nicht einen göttlichen Ursprung, nicht einen

wirklichen Gegenstand haben, da er sich im Praktischen so wirksam

erweiset? Werden wir durchs Praktische doch unseres eigenen Daseins

selbst erst recht gewiß, warum sollten wir uns nicht auch auf ebendem

Wege von jenem Wesen überzeugen können, das uns zu allem Guten die

Hand reicht?

Daß ich immer vorwärts, nie rückwärts gehe, daß meine Handlungen immer

mehr der Idee ähnlich werden, die ich mir von der Vollkommenheit

gemacht habe, daß ich täglich mehr Leichtigkeit fühle, das zu tun, was

ich für recht halte, selbst bei der Schwäche meines Körpers, der mir

so manchen Dienst versagt; läßt sich das alles aus der menschlichen

Natur, deren Verderben ich so tief eingesehen habe, erklären? Für

mich nun einmal nicht.

Ich erinnere mich kaum eines Gebotes; nichts erscheint mir in Gestalt

eines Gesetzes; es ist ein Trieb, der mich leitet und mich immer recht

führet; ich folge mit Freiheit meinen Gesinnungen und weiß sowenig von

Einschränkung als von Reue. Gott sei Dank, daß ich erkenne, wem ich

dieses Glück schuldig bin und daß ich an diese Vorzüge nur mit Demut

denken darf. Denn niemals werde ich in Gefahr kommen, auf mein eignes

Können und Vermögen stolz zu werden, da ich so deutlich erkannt habe,

welch Ungeheuer in jedem menschlichen Busen, wenn eine höhere Kraft

uns nicht bewahrt, sich erzeugen und nähren könne.

Ende dieses Project Gutenberg Etextes "Wilhelm Meisters Lehrjahre--Buch 6"

von Johann Wolfgang von Goethe.

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Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 6 · 第 11 / 11 题