Meine Schwester ward wieder guter Hoffnung. Mancherlei Sorgen, die
in solchen Fällen der Mutter anvertraut werden, wurden mir mitgeteilt;
sie lebte nicht ganz glücklich mit ihrem Manne, das sollte dem Vater
verborgen bleiben; ich mußte Schiedsrichter sein und konnte es um so
eher, da mein Schwager Zutrauen zu mir hatte und beide wirklich gute
Menschen waren, nur daß beide, anstatt einander nachzusehen,
miteinander rechteten und aus Begierde, völlig miteinander überein zu
leben, niemals einig werden konnten. Nun lernte ich auch die
weltlichen Dinge mit Ernst angreifen und das ausüben, was ich sonst
nur gesungen hatte.
Meine Schwester gebar einen Sohn; die Unpäßlichkeit meines Vaters
verhinderte ihn nicht, zu ihr zu reisen. Beim Anblick des Kindes war
er unglaublich heiter und froh, und bei der Taufe erschien er mir
gegen seine Art wie begeistert, ja ich möchte sagen, als ein Genius
mit zwei Gesichtern. Mit dem einen blickte er freudig vorwärts in
jene Regionen, in die er bald einzugehen hoffte, mit dem andern auf
das neue, hoffnungsvolle irdische Leben, das in dem Knaben entsprungen
war, der von ihm abstammte. Er ward nicht müde, auf dem Rückwege mich
von dem Kinde zu unterhalten, von seiner Gestalt, seiner Gesundheit
und dem Wunsche, daß die Anlagen dieses neuen Weltbürgers glücklich
ausgebildet werden möchten. Seine Betrachtungen hierüber dauerten
fort, als wir zu Hause anlangten, und erst nach einigen Tagen bemerkte
man eine Art Fieber, das sich nach Tisch ohne Frost durch eine etwas
ermattende Hitze äußerte. Er legte sich jedoch nicht nieder, fuhr des
Morgens aus und versah treulich seine Amtsgeschäfte, bis ihn endlich
anhaltende, ernsthafte Symptome davon abhielten.
Nie werde ich die Ruhe des Geistes, die Klarheit und Deutlichkeit
vergessen, womit er die Angelegenheiten seines Hauses, die Besorgung
seines Begräbnisses, als wie das Geschäft eines andern, mit der
größten Ordnung vornahm.
Mit einer Heiterkeit, die ihm sonst nicht eigen war und die bis zu
einer lebhaften Freude stieg, sagte er zu mir: "Wo ist die Todesfurcht
hingekommen, die ich sonst noch wohl empfand? Sollt ich zu sterben
scheuen? Ich habe einen gnädigen Gott, das Grab erweckt mir kein
Grauen, ich habe ein ewiges Leben."
Mir die Umstände seines Todes zurückzurufen, der bald darauf erfolgte,
ist in meiner Einsamkeit eine meiner angenehmsten Unterhaltungen, und
die sichtbaren Wirkungen einer höhern Kraft dabei wird mir niemand
wegräsonieren.
Der Tod meines lieben Vaters veränderte meine bisherige Lebensart.
Aus dem strengsten Gehorsam, aus der größten Einschränkung kam ich in
die größte Freiheit, und ich genoß ihrer wie einer Speise, die man
lange entbehrt hat. Sonst war ich selten zwei Stunden außer dem Hause;
nun verlebte ich kaum einen Tag in meinem Zimmer. Meine Freunde, bei
denen ich sonst nur abgerissene Besuche machen konnte, wollten sich
meines anhaltenden Umgangs sowie ich mich des ihrigen erfreuen; öfters
wurde ich zu Tische geladen, Spazierfahrten und kleine Lustreisen
kamen hinzu, und ich blieb nirgends zurück. Als aber der Zirkel
durchlaufen war, sah ich, daß das unschätzbare Glück der Freiheit
nicht darin besteht, daß man alles tut, was man tun mag und wozu uns
die Umstände einladen, sondern daß man das ohne Hindernis und Rückhalt
auf dem geraden Wege tun kann, was man für recht und schicklich hält,
und ich war alt genug, in diesem Falle ohne Lehrgeld zu der schönen
überzeugung zu gelangen.
Was ich mir nicht versagen konnte, war, so bald als nur möglich den
Umgang mit den Gliedern der herrnhutischen Gemeine fortzusetzen und
fester zu knüpfen, und ich eilte, eine ihrer nächsten Einrichtungen zu
besuchen: aber auch da fand ich keinesweges, was ich mir vorgestellt
hatte. Ich war ehrlich genug, meine Meinung merken zu lassen, und man
suchte mir hinwieder beizubringen: diese Verfassung sei gar nichts
gegen eine ordentlich eingerichtete Gemeine. Ich konnte mir das
gefallen lassen; doch hätte nach meiner überzeugung der wahre Geist
aus einer kleinen so gut als aus einer großen Anstalt hervorblicken
sollen.
Einer ihrer Bischöfe, der gegenwärtig war, ein unmittelbarer Schüler
des Grafen, beschäftigte sich viel mit mir; er sprach vollkommen
Englisch, und weil ich es ein wenig verstand, meinte er, es sei ein
Wink, daß wir zusammengehörten; ich meinte es aber ganz und gar nicht;
sein Umgang konnte mir nicht im geringsten gefallen. Er war ein
Messerschmied, ein geborner Mähre; seine Art zu denken konnte das
Handwerksmäßige nicht verleugnen. Besser verstand ich mich mit dem
Herrn von L***, der Major in französischen Diensten gewesen war; aber
zu der Untertänigkeit, die er gegen seine Vorgesetzten bezeigte,
fühlte ich mich niemals fähig; ja es war mir, als wenn man mir eine
Ohrfeige gäbe, wenn ich die Majorin und andere mehr oder weniger
angesehene Frauen dem Bischof die Hand küssen sah. Indessen wurde
doch eine Reise nach Holland verabredet, die aber, und gewiß zu meinem
Besten, niemals zustande kam.
Meine Schwester war mit einer Tochter niedergekommen, und nun war die
Reihe an uns Frauen, zufrieden zu sein und zu denken, wie sie dereinst
uns ähnlich erzogen werden sollte. Mein Schwager war dagegen sehr
unzufrieden, als in dem Jahr darauf abermals eine Tochter erfolgte; er
wünschte bei seinen großen Gütern Knaben um sich zu sehen, die ihm
einst in der Verwaltung beistehen könnten.
Ich hielt mich bei meiner schwachen Gesundheit still und bei einer
ruhigen Lebensart ziemlich im Gleichgewicht; ich fürchtete den Tod
nicht, ja ich wünschte zu sterben, aber ich fühlte in der Stille, daß
mir Gott Zeit gebe, meine Seele zu untersuchen und ihm immer
näherzukommen. In den vielen schlaflosen Nächten habe ich besonders
etwas empfunden, das ich eben nicht deutlich beschreiben kann.
Es war, als wenn meine Seele ohne Gesellschaft des Körpers dächte; sie
sah den Körper selbst als ein ihr fremdes Wesen an, wie man etwa ein
Kleid ansieht. Sie stellte sich mit einer außerordentlichen
Lebhaftigkeit die vergangenen Zeiten und Begebenheiten vor und fühlte
daraus, was folgen werde. Alle diese Zeiten sind dahin; was folgt,
wird auch dahingehen: der Körper wird wie ein Kleid zerreißen, aber
ich, das wohlbekannte Ich, ich bin.
Diesem großen, erhabenen und tröstlichen Gefühle sowenig als nur
möglich nachzuhängen, lehrte mich ein edler Freund, der sich mir immer
näher verband; es war der Arzt, den ich in dem Hause meines Oheims
hatte kennenlernen und der sich von der Verfassung meines Körpers und
meines Geistes sehr gut unterrichtet hatte; er zeigte mir, wie sehr
diese Empfindungen, wenn wir sie unabhängig von äußern Gegenständen in
uns nähren, uns gewissermaßen aushöhlen und den Grund unseres Daseins
untergraben. "Tätig zu sein", sagte er, "ist des Menschen erste
Bestimmung, und alle Zwischenzeiten, in denen er auszuruhen genötiget
ist, sollte er anwenden, eine deutliche Erkenntnis der äußerlichen
Dinge zu erlangen, die ihm in der Folge abermals seine Tätigkeit
erleichtert."
Da der Freund meine Gewohnheit kannte, meinen eigenen Körper als einen
äußern Gegenstand anzusehn, und da er wußte, daß ich meine
Konstitution, mein übel und die medizinischen Hülfsmittel ziemlich
kannte und ich wirklich durch anhaltende eigene und fremde Leiden ein
halber Arzt geworden war, so leitete er meine Aufmerksamkeit von der
Kenntnis des menschlichen Körpers und der Spezereien auf die übrigen
nachbarlichen Gegenstände der Schöpfung und führte mich wie im
Paradiese umher, und nur zuletzt, wenn ich mein Gleichnis fortsetzen
darf, ließ er mich den in der Abendkühle im Garten wandelnden Schöpfer
aus der Entfernung ahnen.
Wie gerne sah ich nunmehr Gott in der Natur, da ich ihn mit solcher
Gewißheit im Herzen trug; wie interessant war mir das Werk seiner
Hände, und wie dankbar war ich, daß er mich mit dem Atem seines Mundes
hatte beleben wollen! Wir hofften aufs neue mit meiner Schwester auf
einen Knaben, dem mein Schwager so sehnlich entgegensah und dessen
Geburt er leider nicht erlebte. Der wackere Mann starb an den Folgen
eines unglücklichen Sturzes vom Pferde, und meine Schwester folgte ihm,
nachdem sie der Welt einen schönen Knaben gegeben hatte. Ihre vier
hinterlassenen Kinder konnte ich nur mit Wehmut ansehn. So manche
gesunde Person war vor mir, der Kranken, hingegangen; sollte ich nicht
vielleicht von diesen hoffnungsvollen Blüten manche abfallen sehen?
Ich kannte die Welt genug, um zu wissen, unter wie vielen Gefahren ein
Kind, besonders in dem höheren Stande, heraufwächst, und es schien mir,
als wenn sie seit der Zeit meiner Jugend sich für die gegenwärtige
Welt noch vermehrt hätten. Ich fühlte, daß ich bei meiner Schwäche
wenig oder nichts für die Kinder zu tun imstande sei; um desto
erwünschter war mir des Oheims Entschluß, der natürlich aus seiner
Denkungsart entsprang, seine ganze Aufmerksamkeit auf die Erziehung
dieser liebenswürdigen Geschöpfe zu verwenden. Und gewiß, sie
verdienten es in jedem Sinne, sie waren wohlgebildet und versprachen
bei ihrer großen Verschiedenheit sämtlich gutartige und verständige
Menschen zu werden.
Seitdem mein guter Arzt mich aufmerksam gemacht hatte, betrachtete ich
gern die Familienähnlichkeit in Kindern und Verwandten. Mein Vater
hatte sorgfältig die Bilder seiner Vorfahren aufbewahrt, sich selbst
und seine Kinder von leidlichen Meistern malen lassen, auch war meine
Mutter und ihre Verwandten nicht vergessen worden. Wir kannten die
Charaktere der ganzen Familie genau, und da wir sie oft untereinander
verglichen hatten, so suchten wir nun bei den Kindern die
ähnlichkeiten des äußern und Innern wieder auf. Der älteste Sohn
meiner Schwester schien seinem Großvater väterlicher Seite zu gleichen,
von dem ein jugendliches Bild, sehr gut gemalt, in der Sammlung
unseres Oheims aufgestellt war; auch liebte er wie jener, der sich
immer als ein braver Offizier gezeigt hatte, nichts so sehr als das
Gewehr, womit er sich immer, sooft er mich besuchte, beschäftigte.
Denn mein Vater hatte einen sehr schönen Gewehrschrank hinterlassen,
und der Kleine hatte nicht eher Ruhe, bis ich ihm ein paar Pistolen
und eine Jagdflinte schenkte und bis er herausgebracht hatte, wie ein
deutsches Schloß aufzuziehen sei. übrigens war er in seinen Handlungen
und seinem ganzen Wesen nichts weniger als rauh, sondern vielmehr
sanft und verständig.
Die älteste Tochter hatte meine ganze Neigung gefesselt, und es mochte
wohl daher kommen, weil sie mir ähnlich sah und weil sie sich von
allen vieren am meisten zu mir hielt. Aber ich kann wohl sagen, je
genauer ich sie beobachtete, da sie heranwuchs, desto mehr beschämte
sie mich, und ich konnte das Kind nicht ohne Bewunderung, ja ich darf
beinahe sagen, nicht ohne Verehrung ansehn. Man sah nicht leicht eine
edlere Gestalt, ein ruhiger Gemüt und eine immer gleiche, auf keinen
Gegenstand eingeschränkte Tätigkeit. Sie war keinen Augenblick ihres
Lebens unbeschäftigt, und jedes Geschäft ward unter ihren Händen zur
würdigen Handlung. Alles schien ihr gleich, wenn sie nur das
verrichten konnte, was in der Zeit und am Platz war, und ebenso konnte
sie ruhig, ohne Ungeduld bleiben, wenn sich nichts zu tun fand. Diese
Tätigkeit ohne Bedürfnis einer Beschäftigung habe ich in meinem Leben
nicht wieder gesehen. Unnachahmlich war von Jugend auf ihr Betragen
gegen Notleidende und Hülfsbedürftige. Ich gestehe gern, daß ich
niemals das Talent hatte, mir aus der Wohltätigkeit ein Geschäft zu
machen; ich war nicht karg gegen Arme, ja ich gab oft in meinem
Verhältnisse zuviel dahin, aber gewissermaßen kaufte ich mich nur los,
und es mußte mir jemand angeboren sein, wenn er mir meine Sorgfalt
abgewinnen wollte. Gerade das Gegenteil lobe ich an meiner Nichte.
Ich habe sie niemals einem Armen Geld geben sehen, und was sie von mir
zu diesem Endzweck erhielt, verwandelte sie immer erst in das nächste
Bedürfnis. Niemals erschien sie mir liebenswürdiger, als wenn sie
meine Kleider- und Wäschschränke plünderte; immer fand sie etwas, das
ich nicht trug und nicht brauchte, und diese alten Sachen
zusammenzuschneiden und sie irgendeinem zerlumpten Kinde anzupassen
war ihre größte Glückseligkeit.
Die Gesinnungen ihrer Schwester zeigten sich schon anders; sie hatte
vieles von der Mutter, versprach schon frühe sehr zierlich und reizend
zu werden und scheint ihr Versprechen halten zu wollen; sie ist sehr
mit ihrem äußern beschäftigt und wußte sich von früher Zeit an auf
eine in die Augen fallende Weise zu putzen und zu tragen. Ich
erinnere mich noch immer, mit welchem Entzücken sie sich als ein
kleines Kind im Spiegel besah, als ich ihr die schönen Perlen, die mir
meine Mutter hinterlassen hatte und die sie von ungefähr bei mir fand,
umbinden mußte.
Wenn ich diese verschiedenen Neigungen betrachtete, war es mir
angenehm zu denken, wie meine Besitzungen nach meinem Tode unter sie
zerfallen und durch sie wieder lebendig werden würden. Ich sah die
Jagdflinten meines Vaters schon wieder auf dem Rücken des Neffen im
Felde herumwandeln und aus seiner Jagdtasche schon wieder Hühner
herausfallen; ich sah meine sämtliche Garderobe bei der
Osterkonfirmation, lauter kleinen Mädchen angepaßt, aus der Kirche
herauskommen und mit meinen besten Stoffen ein sittsames Bürgermädchen
an ihrem Brauttage geschmückt: denn zu Ausstattung solcher Kinder und
ehrbarer armer Mädchen hatte Natalie eine besondere Neigung, ob sie
gleich, wie ich hier bemerken muß, selbst keine Art von Liebe und,
wenn ich so sagen darf, kein Bedürfnis einer Anhänglichkeit an ein
sichtbares oder unsichtbares Wesen, wie es sich bei mir in meiner
Jugend so lebhaft gezeigt hatte, auf irgendeine Weise merken ließ.
Wenn ich nun dachte, daß die Jüngste an ebendemselben Tage meine
Perlen und Juwelen nach Hofe tragen werde, so sah ich mit Ruhe meine
Besitzungen wie meinen Körper den Elementen wiedergegeben.
Die Kinder wuchsen heran und sind zu meiner Zufriedenheit gesunde,
schöne und wackre Geschöpfe. Ich ertrage es mit Geduld, daß der Oheim
sie von mir entfernt hält, und sehe sie, wenn sie in der Nähe oder
auch wohl gar in der Stadt sind, selten.
Ein wunderbarer Mann, den man für einen französischen Geistlichen hält,
ohne daß man recht von seiner Herkunft unterrichtet ist, hat die
Aufsicht über die sämtlichen Kinder, welche an verschiedenen Orten
erzogen werden und bald hier, bald da in der Kost sind.
Ich konnte anfangs keinen Plan in dieser Erziehung sehn, bis mir mein
Arzt zuletzt eröffnete: der Oheim habe sich durch den Abbe überzeugen
lassen, daß, wenn man an der Erziehung des Menschen etwas tun wolle,
müsse man sehen, wohin seine Neigungen und Wünsche gehen. Sodann
müsse man ihn in die Lage versetzen, jene so bald als möglich zu
befriedigen, diese so bald als möglich zu erreichen, damit der Mensch,
wenn er sich geirret habe, früh genug seinen Irrtum gewahr werde, und
wenn er das getroffen hat, was für ihn paßt, desto eifriger daran
halte und sich desto emsiger fortbilde. Ich wünsche, daß dieser
sonderbare Versuch gelingen möge; bei so guten Naturen ist es
vielleicht möglich.
Aber das, was ich nicht an diesen Erziehern billigen kann, ist, daß
sie alles von den Kindern zu entfernen suchen, was sie zu dem Umgange
mit sich selbst und mit dem unsichtbaren, einzigen treuen Freunde
führen könne. Ja, es verdrießt mich oft von dem Oheim, daß er mich
deshalb für die Kinder für gefährlich hält. Im Praktischen ist doch
kein Mensch tolerant! Denn wer auch versichert, daß er jedem seine
Art und Wesen gerne lassen wolle, sucht doch immer diejenigen von der
Tätigkeit auszuschließen, die nicht so denken wie er.
Diese Art, die Kinder von mir zu entfernen, betrübt mich desto mehr,
je mehr ich von der Realität meines Glaubens überzeugt sein kann.
Warum sollte er nicht einen göttlichen Ursprung, nicht einen
wirklichen Gegenstand haben, da er sich im Praktischen so wirksam
erweiset? Werden wir durchs Praktische doch unseres eigenen Daseins
selbst erst recht gewiß, warum sollten wir uns nicht auch auf ebendem
Wege von jenem Wesen überzeugen können, das uns zu allem Guten die
Hand reicht?
Daß ich immer vorwärts, nie rückwärts gehe, daß meine Handlungen immer
mehr der Idee ähnlich werden, die ich mir von der Vollkommenheit
gemacht habe, daß ich täglich mehr Leichtigkeit fühle, das zu tun, was
ich für recht halte, selbst bei der Schwäche meines Körpers, der mir
so manchen Dienst versagt; läßt sich das alles aus der menschlichen
Natur, deren Verderben ich so tief eingesehen habe, erklären? Für
mich nun einmal nicht.
Ich erinnere mich kaum eines Gebotes; nichts erscheint mir in Gestalt
eines Gesetzes; es ist ein Trieb, der mich leitet und mich immer recht
führet; ich folge mit Freiheit meinen Gesinnungen und weiß sowenig von
Einschränkung als von Reue. Gott sei Dank, daß ich erkenne, wem ich
dieses Glück schuldig bin und daß ich an diese Vorzüge nur mit Demut
denken darf. Denn niemals werde ich in Gefahr kommen, auf mein eignes
Können und Vermögen stolz zu werden, da ich so deutlich erkannt habe,
welch Ungeheuer in jedem menschlichen Busen, wenn eine höhere Kraft
uns nicht bewahrt, sich erzeugen und nähren könne.
Ende dieses Project Gutenberg Etextes "Wilhelm Meisters Lehrjahre--Buch 6"
von Johann Wolfgang von Goethe.
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