Nach und nach ward ich an den Einsichten so mancher hochberühmten
Leute zweifelhaft und bewahrte meine Gesinnungen in der Stille. Eine
gewisse Freundin, der ich erst zuviel eingeräumt hatte, wollte sich
immer in meine Angelegenheiten mengen; auch von dieser war ich
genötigt mich loszumachen, und einst sagte ich ihr ganz entschieden,
sie solle ohne Mühe bleiben, ich brauche ihren Rat nicht; ich kenne
meinen Gott und wolle ihn ganz allein zum Führer haben. Sie fand sich
sehr beleidigt, und ich glaube, sie hat mir's nie ganz verziehen.
Dieser Entschluß, mich dem Rate und der Einwirkung meiner Freunde in
geistlichen Sachen zu entziehen, hatte die Folge, daß ich auch in
äußerlichen Verhältnissen meinen eigenen Weg zu gehen Mut gewann.
Ohne den Beistand meines treuen unsichtbaren Führers hätte es mir übel
geraten können, und noch muß ich über diese weise und glückliche
Leitung erstaunen. Niemand wußte eigentlich, worauf es bei mir ankam,
und ich wußte es selbst nicht.
Das Ding, das noch nie erklärte böse Ding, das uns von dem Wesen
trennt, dem wir das Leben verdanken, von dem Wesen, aus dem alles, was
Leben genannt werden soll, sich unterhalten muß, das Ding, das man
Sünde nennt, kannte ich noch gar nicht.
In dem Umgange mit dem unsichtbaren Freunde fühlte ich den süßesten
Genuß aller meiner Lebenskräfte. Das Verlangen, dieses Glück immer zu
genießen, war so groß, daß ich gern unterließ, was diesen Umgang
störte, und hierin war die Erfahrung mein bester Lehrmeister. Allein
es ging mir wie Kranken, die keine Arznei haben und sich mit der Diät
zu helfen suchen. Es tut etwas, aber lange nicht genug.
In der Einsamkeit konnte ich nicht immer bleiben, ob ich gleich in ihr
das beste Mittel gegen die mir so eigene Zerstreuung der Gedanken fand.
Kam ich nachher in Getümmel, so machte es einen desto größern
Eindruck auf mich. Mein eigentlichster Vorteil bestand darin, daß die
Liebe zur Stille herrschend war und ich mich am Ende immer dahin
wieder zurückzog. Ich erkannte, wie in einer Art von Dämmerung, mein
Elend und meine Schwäche, und ich suchte mir dadurch zu helfen, daß
ich mich schonte, daß ich mich nicht aussetzte.
Sieben Jahre lang hatte ich meine diätetische Vorsicht ausgeübt. Ich
hielt mich nicht für schlimm und fand meinen Zustand wünschenswert.
Ohne sonderbare Umstände und Verhältnisse wäre ich auf dieser Stufe
stehengeblieben, und ich kam nur auf einem sonderbaren Wege weiter.
Gegen den Rat aller meiner Freunde knüpfte ich ein neues Verhältnis an.
Ihre Einwendungen machten mich anfangs stutzig. Sogleich wandte ich
mich an meinen unsichtbaren Führer, und da dieser es mir vergönnte,
ging ich ohne Bedenken auf meinem Wege fort.
Ein Mann von Geist, Herz und Talenten hatte sich in der Nachbarschaft
angekauft. Unter den Fremden, die ich kennenlernte, war auch er und
seine Familie. Wir stimmten in unsern Sitten, Hausverfassungen und
Gewohnheiten sehr überein und konnten uns daher bald aneinander
anschließen.
Philo, so will ich ihn nennen, war schon in gewissen Jahren und meinem
Vater, dessen Kräfte abzunehmen anfingen, in gewissen Geschäften von
der größten Beihülfe. Er ward bald der innige Freund unsers Hauses,
und da er, wie er sagte, an mir eine Person fand, die nicht das
Ausschweifende und Leere der großen Welt und nicht das Trockne und
ängstliche der "Stillen im Lande" habe, so waren wir bald vertraute
Freunde. Er war mir sehr angenehm und sehr brauchbar.
Ob ich gleich nicht die mindeste Anlage noch Neigung hatte, mich in
weltliche Geschäfte zu mischen und irgendeinen Einfluß zu suchen, so
hörte ich doch gerne davon und wußte gern, was in der Nähe und Ferne
vorging. Von weltlichen Dingen liebte ich mir eine gefühllose
Deutlichkeit zu verschaffen; Empfindung, Innigkeit, Neigung bewahrte
ich für meinen Gott, für die Meinigen und für meine Freunde.
Diese letzten waren, wenn ich so sagen darf, auf meine neue Verbindung
mit Philo eifersüchtig und hatten dabei von mehr als einer Seite recht,
wenn sie mich hierüber warnten. Ich litt viel in der Stille, denn
ich konnte selbst ihre Einwendungen nicht ganz für leer oder
eigennützig halten. Ich war von jeher gewohnt, meine Einsichten
unterzuordnen, und doch wollte diesmal meine überzeugung nicht nach.
Ich flehte zu meinem Gott, auch hier mich zu warnen, zu hindern, zu
leiten, und da mich hierauf mein Herz nicht abmahnte, so ging ich
meinen Pfad getrost fort.
Philo hatte im ganzen eine entfernte ähnlichkeit mit Narzissen; nur
hatte eine fromme Erziehung sein Gefühl mehr zusammengehalten und
belebt. Er hatte weniger Eitelkeit, mehr Charakter, und wenn jener in
weltlichen Geschäften fein, genau, anhaltend und unermüdlich war, so
war dieser klar, scharf, schnell und arbeitete mit einer unglaublichen
Leichtigkeit. Durch ihn erfuhr ich die innersten Verhältnisse fast
aller der vornehmen Personen, deren äußeres ich in der Gesellschaft
hatte kennenlernen, und ich war froh, von meiner Warte dem Getümmel
von weiten zuzusehen. Philo konnte mir nichts mehr verhehlen: er
vertraute mir nach und nach seine äußern und innern Verbindungen. Ich
fürchtete für ihn, denn ich sah gewisse Umstände und Verwickelungen
voraus, und das übel kam schneller, als ich vermutet hatte; denn er
hatte mit gewissen Bekenntnissen immer zurückgehalten, und auch
zuletzt entdeckte er mir nur so viel, daß ich das Schlimmste vermuten
konnte.
Welche Wirkung hatte das auf mein Herz! Ich gelangte zu Erfahrungen,
die mir ganz neu waren. Ich sah mit unbeschreiblicher Wehmut einen
Agathon, der, in den Hainen von Delphi erzogen, das Lehrgeld noch
schuldig war und es nun mit schweren, rückständigen Zinsen abzahlte,
und dieser Agathon war mein genau verbundener Freund. Meine Teilnahme
war lebhaft und vollkommen; ich litt mit ihm, und wir befanden uns
beide in dem sonderbarsten Zustande.
Nachdem ich mich lange mit seiner Gemütsverfassung beschäftigt hatte,
wendete sich meine Betrachtung auf mich selbst. Der Gedanke: "Du bist
nicht besser als er", stieg wie eine kleine Wolke vor mir auf,
breitete sich nach und nach aus und verfinsterte meine ganze Seele.
Nun dachte ich nicht mehr bloß: "Du bist nicht besser als er"; ich
fühlte es und fühlte es so, daß ich es nicht noch einmal fühlen möchte:
und es war kein schneller übergang. Mehr als ein Jahr mußte ich
empfinden, daß, wenn mich eine unsichtbare Hand nicht umschränkt hätte,
ich ein Girard, ein Cartouche, ein Damiens, und welches Ungeheuer man
nennen will, hätte werden können: die Anlage dazu fühlte ich deutlich
in meinem Herzen. Gott, welche Entdeckung!
Hatte ich nun bisher die Wirklichkeit der Sünde in mir durch die
Erfahrung nicht einmal auf das leiseste gewahr werden können, so war
mir jetzt die Möglichkeit derselben in der Ahnung aufs schrecklichste
deutlich geworden, und doch kannte ich das übel nicht, ich fürchtete
es nur; ich fühlte, daß ich schuldig sein könnte, und hatte mich nicht
anzuklagen.
So tief ich überzeugt war, daß eine solche Geistesbeschaffenheit,
wofür ich die meinige anerkennen mußte, sich nicht zu einer
Vereinigung mit dem höchsten Wesen, die ich nach dem Tode hoffte,
schicken könne, so wenig fürchtete ich, in eine solche Trennung zu
geraten. Bei allem Bösen, das ich in mir entdeckte, hatte ich ihn
lieb und haßte, was ich fühlte, ja ich wünschte es noch ernstlicher zu
hassen, und mein ganzer Wunsch war, von dieser Krankheit und dieser
Anlage zur Krankheit erlöst zu werden, und ich war gewiß, daß mir der
große Arzt seine Hülfe nicht versagen würde.
Die einzige Frage war: Was heilt diesen Schaden? Tugendübungen? An
die konnte ich nicht einmal denken; denn zehn Jahre hatte ich schon
mehr als nur bloße Tugend geübt, und die nun erkannten Greuel hatten
dabei tief in meiner Seele verborgen gelegen. Hätten sie nicht auch
wie bei David losbrechen können, als er Bathseba erblickte, und war er
nicht auch ein Freund Gottes, und war ich nicht im Innersten überzeugt,
daß Gott mein Freund sei?
Sollte es also wohl eine unvermeidliche Schwäche der Menschheit sein?
Müssen wir uns nun gefallen lassen, daß wir irgendeinmal die
Herrschaft unsrer Neigung empfinden, und bleibt uns bei dem besten
Willen nichts andres übrig, als den Fall, den wir getan, zu
verabscheuen und bei einer ähnlichen Gelegenheit wieder zu fallen?
Aus der Sittenlehre konnte ich keinen Trost schöpfen. Weder ihre
Strenge, wodurch sie unsre Neigung meistern will, noch ihre
Gefälligkeit, mit der sie unsre Neigungen zu Tugenden machen möchte,
konnte mir genügen. Die Grundbegriffe, die mir der Umgang mit dem
unsichtbaren Freunde eingeflößt hatte, hatten für mich schon einen
viel entschiedenern Wert.
Indem ich einst die Lieder studierte, welche David nach jener
häßlichen Katastrophe gedichtet hatte, war mir sehr auffallend, daß er
das in ihm wohnende Böse schon in dem Stoff, woraus er geworden war,
erblickte, daß er aber entsündigt sein wollte und daß er auf das
dringendste um ein reines Herz flehte.
Wie nun aber dazu zu gelangen? Die Antwort aus den symbolischen
Büchern wußte ich wohl: es war mir auch eine Bibelwahrheit, daß das
Blut Jesu Christi uns von allen Sünden reinige. Nun aber bemerkte ich
erst, daß ich diesen so oft wiederholten Spruch noch nie verstanden
hatte. Die Fragen: Was heißt das? Wie soll das zugehen? arbeiteten
Tag und Nacht in mir sich durch. Endlich glaubte ich bei einem
Schimmer zu sehen, daß das, was ich suchte, in der Menschwerdung des
ewigen Worts, durch das alles und auch wir erschaffen sind, zu suchen
sei. Daß der Uranfängliche sich in die Tiefen, in denen wir stecken,
die er durchschaut und umfaßt, einstmal als Bewohner begeben habe,
durch unser Verhältnis von Stufe zu Stufe, von der Empfängnis und
Geburt bis zu dem Grabe, durchgegangen sei, daß er durch diesen
sonderbaren Umweg wieder zu den lichten Höhen aufgestiegen, wo wir
auch wohnen sollten, um glücklich zu sein: das ward mir, wie in einer
dämmernden Ferne, offenbart.
O warum müssen wir, um von solchen Dingen zu reden, Bilder gebrauchen,
die nur äußere Zustände anzeigen! Wo ist vor ihm etwas Hohes oder
Tiefes, etwas Dunkles oder Helles? Wir nur haben ein Oben und Unten,
einen Tag und eine Nacht. Und eben darum ist er uns ähnlich geworden,
weil wir sonst keinen Teil an ihm haben könnten.
Wie können wir aber an dieser unschätzbaren Wohltat teilnehmen?
"Durch den Glauben", antwortet uns die Schrift. Was ist denn Glauben?
Die Erzählung einer Begebenheit für wahr halten, was kann mir das
helfen? Ich muß mir ihre Wirkungen, ihre Folgen zueignen können.
Dieser zueignende Glaube muß ein eigener, dem natürlichen Menschen
ungewöhnlicher Zustand des Gemüts sein.
"Nun, Allmächtiger! so schenke mir Glauben!" flehte ich einst in dem
größten Druck des Herzens. Ich lehnte mich auf einen kleinen Tisch,
an dem ich saß, und verbarg mein beträntes Gesicht in meinen Händen.
Hier war ich in der Lage, in der man sein muß, wenn Gott auf unser
Gebet achten soll, und in der man selten ist.
Ja, wer nur schildern könnte, was ich da fühlte! Ein Zug brachte
meine Seele nach dem Kreuze hin, an dem Jesus einst erblaßte; ein Zug
war es, ich kann es nicht anders nennen, demjenigen völlig gleich,
wodurch unsre Seele zu einem abwesenden Geliebten geführt wird, ein
Zunahen, das vermutlich viel wesentlicher und wahrhafter ist, als wir
vermuten. So nahte meine Seele dem Menschgewordnen und am Kreuz
Gestorbenen, und in dem Augenblicke wußte ich, was Glauben war.
"Das ist Glauben!" sagte ich und sprang wie halb erschreckt in die
Höhe. Ich suchte nun, meiner Empfindung, meines Anschauens gewiß zu
werden, und in kurzem war ich überzeugt, daß mein Geist eine Fähigkeit
sich aufzuschwingen erhalten habe, die ihm ganz neu war.
Bei diesen Empfindungen verlassen uns die Worte. Ich konnte sie ganz
deutlich von aller Phantasie unterscheiden; sie waren ganz ohne
Phantasie, ohne Bild, und gaben doch ebendie Gewißheit eines
Gegenstandes, auf den sie sich bezogen, als die Einbildungskraft,
indem sie uns die Züge eines abwesenden Geliebten vormalt.
Als das erste Entzücken vorüber war, bemerkte ich, daß mir dieser
Zustand der Seele schon vorher bekannt gewesen; allein ich hatte ihn
nie in dieser Stärke empfunden. Ich hatte ihn niemals festhalten, nie
zu eigen behalten können. Ich glaube überhaupt, daß jede
Menschenseele ein und das andere Mal davon etwas empfunden hat. Ohne
Zweifel ist er das, was einem jeden lehrt, daß ein Gott ist.
Mit dieser mich ehemals von Zeit zu Zeit nur anwandelnden Kraft war
ich bisher sehr zufrieden gewesen, und wäre mir nicht durch sonderbare
Schickung seit Jahr und Tag die unerwartete Plage widerfahren, wäre
nicht dabei mein Können und Vermögen bei mir selbst außer allen Kredit
gekommen, so wäre ich vielleicht mit jenem Zustande immer zufrieden
geblieben.
Nun hatte ich aber seit jenem großen Augenblicke Flügel bekommen. Ich
konnte mich über das, was mich vorher bedrohete, aufschwingen, wie ein
Vogel singend über den schnellsten Strom ohne Mühe fliegt, vor welchem
das Hündchen ängstlich bellend stehenbleibt.
Meine Freude war unbeschreiblich, und ob ich gleich niemand etwas
davon entdeckte, so merkten doch die Meinigen eine ungewöhnliche
Heiterkeit an mir, ohne begreifen zu können, was die Ursache meines
Vergnügens wäre. Hätte ich doch immer geschwiegen und die reine
Stimmung in meiner Seele zu erhalten gesucht! Hätte ich mich doch
nicht durch Umstände verleiten lassen, mit meinem Geheimnisse
hervorzutreten! dann hätte ich mir abermals einen großen Umweg
ersparen können.
Da in meinem vorhergehenden zehnjährigen Christenlauf diese notwendige
Kraft nicht in meiner Seele war, so hatte ich mich in dem Fall anderer
redlichen Leute auch befunden; ich hatte mir dadurch geholfen, daß ich
die Phantasie immer mit Bildern erfüllte, die einen Bezug auf Gott
hatten, und auch dieses ist schon wahrhaft nützlich: denn schädliche
Bilder und ihre bösen Folgen werden dadurch abgehalten. Sodann
ergreift unsre Seele oft ein und das andere von den geistigen Bildern
und schwingt sich ein wenig damit in die Höhe, wie ein junger Vogel
von einem Zweige auf den andern flattert. Solange man nichts Besseres
hat, ist doch diese übung nicht ganz zu verwerfen.
Auf Gott zielende Bilder und Eindrücke verschaffen uns kirchliche
Anstalten, Glocken, Orgeln und Gesänge und besonders die Vorträge
unsrer Lehrer. Auf sie war ich ganz unsäglich begierig; keine
Witterung, keine körperliche Schwäche hielt mich ab, die Kirchen zu
besuchen, und nur das sonntägige Geläute konnte mir auf meinem
Krankenlager einige Ungeduld verursachen. Unsern Oberhofprediger, der
ein trefflicher Mann war, hörte ich mit großer Neigung; auch seine
Kollegen waren mir wert, und ich wußte die goldnen äpfel des
göttlichen Wortes auch aus irdenen Schalen unter gemeinem Obste
herauszufinden. Den öffentlichen übungen wurden alle möglichen
Privaterbauungen, wie man sie nennt, hinzugefügt und auch dadurch nur
Phantasie und feinere Sinnlichkeit genährt. Ich war so an diesen Gang
gewöhnt, ich respektierte ihn so sehr, daß mir auch jetzt nichts
Höheres einfiel. Denn meine Seele hat nur Fühlhörner und keine Augen;
sie tastet nur und sieht nicht; ach! daß sie Augen bekäme und schauen
dürfte!
Auch jetzt ging ich voll Verlangen in die Predigten; aber ach, wie
geschah mir! Ich fand das nicht mehr, was ich sonst gefunden. Diese
Prediger stumpften sich die Zähne an den Schalen ab, indessen ich den
Kern genoß. Ich mußte ihrer nun bald müde werden; aber mich an den
allein zu halten, den ich doch zu finden wußte, dazu war ich zu
verwöhnt. Bilder wollte ich haben, äußere Eindrücke bedurfte ich und
glaubte ein reines geistiges Bedürfnis zu fühlen.