VI. Buch--5

Nach und nach ward ich an den Einsichten so mancher hochberühmten

Leute zweifelhaft und bewahrte meine Gesinnungen in der Stille. Eine

gewisse Freundin, der ich erst zuviel eingeräumt hatte, wollte sich

immer in meine Angelegenheiten mengen; auch von dieser war ich

genötigt mich loszumachen, und einst sagte ich ihr ganz entschieden,

sie solle ohne Mühe bleiben, ich brauche ihren Rat nicht; ich kenne

meinen Gott und wolle ihn ganz allein zum Führer haben. Sie fand sich

sehr beleidigt, und ich glaube, sie hat mir's nie ganz verziehen.

Dieser Entschluß, mich dem Rate und der Einwirkung meiner Freunde in

geistlichen Sachen zu entziehen, hatte die Folge, daß ich auch in

äußerlichen Verhältnissen meinen eigenen Weg zu gehen Mut gewann.

Ohne den Beistand meines treuen unsichtbaren Führers hätte es mir übel

geraten können, und noch muß ich über diese weise und glückliche

Leitung erstaunen. Niemand wußte eigentlich, worauf es bei mir ankam,

und ich wußte es selbst nicht.

Das Ding, das noch nie erklärte böse Ding, das uns von dem Wesen

trennt, dem wir das Leben verdanken, von dem Wesen, aus dem alles, was

Leben genannt werden soll, sich unterhalten muß, das Ding, das man

Sünde nennt, kannte ich noch gar nicht.

In dem Umgange mit dem unsichtbaren Freunde fühlte ich den süßesten

Genuß aller meiner Lebenskräfte. Das Verlangen, dieses Glück immer zu

genießen, war so groß, daß ich gern unterließ, was diesen Umgang

störte, und hierin war die Erfahrung mein bester Lehrmeister. Allein

es ging mir wie Kranken, die keine Arznei haben und sich mit der Diät

zu helfen suchen. Es tut etwas, aber lange nicht genug.

In der Einsamkeit konnte ich nicht immer bleiben, ob ich gleich in ihr

das beste Mittel gegen die mir so eigene Zerstreuung der Gedanken fand.

Kam ich nachher in Getümmel, so machte es einen desto größern

Eindruck auf mich. Mein eigentlichster Vorteil bestand darin, daß die

Liebe zur Stille herrschend war und ich mich am Ende immer dahin

wieder zurückzog. Ich erkannte, wie in einer Art von Dämmerung, mein

Elend und meine Schwäche, und ich suchte mir dadurch zu helfen, daß

ich mich schonte, daß ich mich nicht aussetzte.

Sieben Jahre lang hatte ich meine diätetische Vorsicht ausgeübt. Ich

hielt mich nicht für schlimm und fand meinen Zustand wünschenswert.

Ohne sonderbare Umstände und Verhältnisse wäre ich auf dieser Stufe

stehengeblieben, und ich kam nur auf einem sonderbaren Wege weiter.

Gegen den Rat aller meiner Freunde knüpfte ich ein neues Verhältnis an.

Ihre Einwendungen machten mich anfangs stutzig. Sogleich wandte ich

mich an meinen unsichtbaren Führer, und da dieser es mir vergönnte,

ging ich ohne Bedenken auf meinem Wege fort.

Ein Mann von Geist, Herz und Talenten hatte sich in der Nachbarschaft

angekauft. Unter den Fremden, die ich kennenlernte, war auch er und

seine Familie. Wir stimmten in unsern Sitten, Hausverfassungen und

Gewohnheiten sehr überein und konnten uns daher bald aneinander

anschließen.

Philo, so will ich ihn nennen, war schon in gewissen Jahren und meinem

Vater, dessen Kräfte abzunehmen anfingen, in gewissen Geschäften von

der größten Beihülfe. Er ward bald der innige Freund unsers Hauses,

und da er, wie er sagte, an mir eine Person fand, die nicht das

Ausschweifende und Leere der großen Welt und nicht das Trockne und

ängstliche der "Stillen im Lande" habe, so waren wir bald vertraute

Freunde. Er war mir sehr angenehm und sehr brauchbar.

Ob ich gleich nicht die mindeste Anlage noch Neigung hatte, mich in

weltliche Geschäfte zu mischen und irgendeinen Einfluß zu suchen, so

hörte ich doch gerne davon und wußte gern, was in der Nähe und Ferne

vorging. Von weltlichen Dingen liebte ich mir eine gefühllose

Deutlichkeit zu verschaffen; Empfindung, Innigkeit, Neigung bewahrte

ich für meinen Gott, für die Meinigen und für meine Freunde.

Diese letzten waren, wenn ich so sagen darf, auf meine neue Verbindung

mit Philo eifersüchtig und hatten dabei von mehr als einer Seite recht,

wenn sie mich hierüber warnten. Ich litt viel in der Stille, denn

ich konnte selbst ihre Einwendungen nicht ganz für leer oder

eigennützig halten. Ich war von jeher gewohnt, meine Einsichten

unterzuordnen, und doch wollte diesmal meine überzeugung nicht nach.

Ich flehte zu meinem Gott, auch hier mich zu warnen, zu hindern, zu

leiten, und da mich hierauf mein Herz nicht abmahnte, so ging ich

meinen Pfad getrost fort.

Philo hatte im ganzen eine entfernte ähnlichkeit mit Narzissen; nur

hatte eine fromme Erziehung sein Gefühl mehr zusammengehalten und

belebt. Er hatte weniger Eitelkeit, mehr Charakter, und wenn jener in

weltlichen Geschäften fein, genau, anhaltend und unermüdlich war, so

war dieser klar, scharf, schnell und arbeitete mit einer unglaublichen

Leichtigkeit. Durch ihn erfuhr ich die innersten Verhältnisse fast

aller der vornehmen Personen, deren äußeres ich in der Gesellschaft

hatte kennenlernen, und ich war froh, von meiner Warte dem Getümmel

von weiten zuzusehen. Philo konnte mir nichts mehr verhehlen: er

vertraute mir nach und nach seine äußern und innern Verbindungen. Ich

fürchtete für ihn, denn ich sah gewisse Umstände und Verwickelungen

voraus, und das übel kam schneller, als ich vermutet hatte; denn er

hatte mit gewissen Bekenntnissen immer zurückgehalten, und auch

zuletzt entdeckte er mir nur so viel, daß ich das Schlimmste vermuten

konnte.

Welche Wirkung hatte das auf mein Herz! Ich gelangte zu Erfahrungen,

die mir ganz neu waren. Ich sah mit unbeschreiblicher Wehmut einen

Agathon, der, in den Hainen von Delphi erzogen, das Lehrgeld noch

schuldig war und es nun mit schweren, rückständigen Zinsen abzahlte,

und dieser Agathon war mein genau verbundener Freund. Meine Teilnahme

war lebhaft und vollkommen; ich litt mit ihm, und wir befanden uns

beide in dem sonderbarsten Zustande.

Nachdem ich mich lange mit seiner Gemütsverfassung beschäftigt hatte,

wendete sich meine Betrachtung auf mich selbst. Der Gedanke: "Du bist

nicht besser als er", stieg wie eine kleine Wolke vor mir auf,

breitete sich nach und nach aus und verfinsterte meine ganze Seele.

Nun dachte ich nicht mehr bloß: "Du bist nicht besser als er"; ich

fühlte es und fühlte es so, daß ich es nicht noch einmal fühlen möchte:

und es war kein schneller übergang. Mehr als ein Jahr mußte ich

empfinden, daß, wenn mich eine unsichtbare Hand nicht umschränkt hätte,

ich ein Girard, ein Cartouche, ein Damiens, und welches Ungeheuer man

nennen will, hätte werden können: die Anlage dazu fühlte ich deutlich

in meinem Herzen. Gott, welche Entdeckung!

Hatte ich nun bisher die Wirklichkeit der Sünde in mir durch die

Erfahrung nicht einmal auf das leiseste gewahr werden können, so war

mir jetzt die Möglichkeit derselben in der Ahnung aufs schrecklichste

deutlich geworden, und doch kannte ich das übel nicht, ich fürchtete

es nur; ich fühlte, daß ich schuldig sein könnte, und hatte mich nicht

anzuklagen.

So tief ich überzeugt war, daß eine solche Geistesbeschaffenheit,

wofür ich die meinige anerkennen mußte, sich nicht zu einer

Vereinigung mit dem höchsten Wesen, die ich nach dem Tode hoffte,

schicken könne, so wenig fürchtete ich, in eine solche Trennung zu

geraten. Bei allem Bösen, das ich in mir entdeckte, hatte ich ihn

lieb und haßte, was ich fühlte, ja ich wünschte es noch ernstlicher zu

hassen, und mein ganzer Wunsch war, von dieser Krankheit und dieser

Anlage zur Krankheit erlöst zu werden, und ich war gewiß, daß mir der

große Arzt seine Hülfe nicht versagen würde.

Die einzige Frage war: Was heilt diesen Schaden? Tugendübungen? An

die konnte ich nicht einmal denken; denn zehn Jahre hatte ich schon

mehr als nur bloße Tugend geübt, und die nun erkannten Greuel hatten

dabei tief in meiner Seele verborgen gelegen. Hätten sie nicht auch

wie bei David losbrechen können, als er Bathseba erblickte, und war er

nicht auch ein Freund Gottes, und war ich nicht im Innersten überzeugt,

daß Gott mein Freund sei?

Sollte es also wohl eine unvermeidliche Schwäche der Menschheit sein?

Müssen wir uns nun gefallen lassen, daß wir irgendeinmal die

Herrschaft unsrer Neigung empfinden, und bleibt uns bei dem besten

Willen nichts andres übrig, als den Fall, den wir getan, zu

verabscheuen und bei einer ähnlichen Gelegenheit wieder zu fallen?

Aus der Sittenlehre konnte ich keinen Trost schöpfen. Weder ihre

Strenge, wodurch sie unsre Neigung meistern will, noch ihre

Gefälligkeit, mit der sie unsre Neigungen zu Tugenden machen möchte,

konnte mir genügen. Die Grundbegriffe, die mir der Umgang mit dem

unsichtbaren Freunde eingeflößt hatte, hatten für mich schon einen

viel entschiedenern Wert.

Indem ich einst die Lieder studierte, welche David nach jener

häßlichen Katastrophe gedichtet hatte, war mir sehr auffallend, daß er

das in ihm wohnende Böse schon in dem Stoff, woraus er geworden war,

erblickte, daß er aber entsündigt sein wollte und daß er auf das

dringendste um ein reines Herz flehte.

Wie nun aber dazu zu gelangen? Die Antwort aus den symbolischen

Büchern wußte ich wohl: es war mir auch eine Bibelwahrheit, daß das

Blut Jesu Christi uns von allen Sünden reinige. Nun aber bemerkte ich

erst, daß ich diesen so oft wiederholten Spruch noch nie verstanden

hatte. Die Fragen: Was heißt das? Wie soll das zugehen? arbeiteten

Tag und Nacht in mir sich durch. Endlich glaubte ich bei einem

Schimmer zu sehen, daß das, was ich suchte, in der Menschwerdung des

ewigen Worts, durch das alles und auch wir erschaffen sind, zu suchen

sei. Daß der Uranfängliche sich in die Tiefen, in denen wir stecken,

die er durchschaut und umfaßt, einstmal als Bewohner begeben habe,

durch unser Verhältnis von Stufe zu Stufe, von der Empfängnis und

Geburt bis zu dem Grabe, durchgegangen sei, daß er durch diesen

sonderbaren Umweg wieder zu den lichten Höhen aufgestiegen, wo wir

auch wohnen sollten, um glücklich zu sein: das ward mir, wie in einer

dämmernden Ferne, offenbart.

O warum müssen wir, um von solchen Dingen zu reden, Bilder gebrauchen,

die nur äußere Zustände anzeigen! Wo ist vor ihm etwas Hohes oder

Tiefes, etwas Dunkles oder Helles? Wir nur haben ein Oben und Unten,

einen Tag und eine Nacht. Und eben darum ist er uns ähnlich geworden,

weil wir sonst keinen Teil an ihm haben könnten.

Wie können wir aber an dieser unschätzbaren Wohltat teilnehmen?

"Durch den Glauben", antwortet uns die Schrift. Was ist denn Glauben?

Die Erzählung einer Begebenheit für wahr halten, was kann mir das

helfen? Ich muß mir ihre Wirkungen, ihre Folgen zueignen können.

Dieser zueignende Glaube muß ein eigener, dem natürlichen Menschen

ungewöhnlicher Zustand des Gemüts sein.

"Nun, Allmächtiger! so schenke mir Glauben!" flehte ich einst in dem

größten Druck des Herzens. Ich lehnte mich auf einen kleinen Tisch,

an dem ich saß, und verbarg mein beträntes Gesicht in meinen Händen.

Hier war ich in der Lage, in der man sein muß, wenn Gott auf unser

Gebet achten soll, und in der man selten ist.

Ja, wer nur schildern könnte, was ich da fühlte! Ein Zug brachte

meine Seele nach dem Kreuze hin, an dem Jesus einst erblaßte; ein Zug

war es, ich kann es nicht anders nennen, demjenigen völlig gleich,

wodurch unsre Seele zu einem abwesenden Geliebten geführt wird, ein

Zunahen, das vermutlich viel wesentlicher und wahrhafter ist, als wir

vermuten. So nahte meine Seele dem Menschgewordnen und am Kreuz

Gestorbenen, und in dem Augenblicke wußte ich, was Glauben war.

"Das ist Glauben!" sagte ich und sprang wie halb erschreckt in die

Höhe. Ich suchte nun, meiner Empfindung, meines Anschauens gewiß zu

werden, und in kurzem war ich überzeugt, daß mein Geist eine Fähigkeit

sich aufzuschwingen erhalten habe, die ihm ganz neu war.

Bei diesen Empfindungen verlassen uns die Worte. Ich konnte sie ganz

deutlich von aller Phantasie unterscheiden; sie waren ganz ohne

Phantasie, ohne Bild, und gaben doch ebendie Gewißheit eines

Gegenstandes, auf den sie sich bezogen, als die Einbildungskraft,

indem sie uns die Züge eines abwesenden Geliebten vormalt.

Als das erste Entzücken vorüber war, bemerkte ich, daß mir dieser

Zustand der Seele schon vorher bekannt gewesen; allein ich hatte ihn

nie in dieser Stärke empfunden. Ich hatte ihn niemals festhalten, nie

zu eigen behalten können. Ich glaube überhaupt, daß jede

Menschenseele ein und das andere Mal davon etwas empfunden hat. Ohne

Zweifel ist er das, was einem jeden lehrt, daß ein Gott ist.

Mit dieser mich ehemals von Zeit zu Zeit nur anwandelnden Kraft war

ich bisher sehr zufrieden gewesen, und wäre mir nicht durch sonderbare

Schickung seit Jahr und Tag die unerwartete Plage widerfahren, wäre

nicht dabei mein Können und Vermögen bei mir selbst außer allen Kredit

gekommen, so wäre ich vielleicht mit jenem Zustande immer zufrieden

geblieben.

Nun hatte ich aber seit jenem großen Augenblicke Flügel bekommen. Ich

konnte mich über das, was mich vorher bedrohete, aufschwingen, wie ein

Vogel singend über den schnellsten Strom ohne Mühe fliegt, vor welchem

das Hündchen ängstlich bellend stehenbleibt.

Meine Freude war unbeschreiblich, und ob ich gleich niemand etwas

davon entdeckte, so merkten doch die Meinigen eine ungewöhnliche

Heiterkeit an mir, ohne begreifen zu können, was die Ursache meines

Vergnügens wäre. Hätte ich doch immer geschwiegen und die reine

Stimmung in meiner Seele zu erhalten gesucht! Hätte ich mich doch

nicht durch Umstände verleiten lassen, mit meinem Geheimnisse

hervorzutreten! dann hätte ich mir abermals einen großen Umweg

ersparen können.

Da in meinem vorhergehenden zehnjährigen Christenlauf diese notwendige

Kraft nicht in meiner Seele war, so hatte ich mich in dem Fall anderer

redlichen Leute auch befunden; ich hatte mir dadurch geholfen, daß ich

die Phantasie immer mit Bildern erfüllte, die einen Bezug auf Gott

hatten, und auch dieses ist schon wahrhaft nützlich: denn schädliche

Bilder und ihre bösen Folgen werden dadurch abgehalten. Sodann

ergreift unsre Seele oft ein und das andere von den geistigen Bildern

und schwingt sich ein wenig damit in die Höhe, wie ein junger Vogel

von einem Zweige auf den andern flattert. Solange man nichts Besseres

hat, ist doch diese übung nicht ganz zu verwerfen.

Auf Gott zielende Bilder und Eindrücke verschaffen uns kirchliche

Anstalten, Glocken, Orgeln und Gesänge und besonders die Vorträge

unsrer Lehrer. Auf sie war ich ganz unsäglich begierig; keine

Witterung, keine körperliche Schwäche hielt mich ab, die Kirchen zu

besuchen, und nur das sonntägige Geläute konnte mir auf meinem

Krankenlager einige Ungeduld verursachen. Unsern Oberhofprediger, der

ein trefflicher Mann war, hörte ich mit großer Neigung; auch seine

Kollegen waren mir wert, und ich wußte die goldnen äpfel des

göttlichen Wortes auch aus irdenen Schalen unter gemeinem Obste

herauszufinden. Den öffentlichen übungen wurden alle möglichen

Privaterbauungen, wie man sie nennt, hinzugefügt und auch dadurch nur

Phantasie und feinere Sinnlichkeit genährt. Ich war so an diesen Gang

gewöhnt, ich respektierte ihn so sehr, daß mir auch jetzt nichts

Höheres einfiel. Denn meine Seele hat nur Fühlhörner und keine Augen;

sie tastet nur und sieht nicht; ach! daß sie Augen bekäme und schauen

dürfte!

Auch jetzt ging ich voll Verlangen in die Predigten; aber ach, wie

geschah mir! Ich fand das nicht mehr, was ich sonst gefunden. Diese

Prediger stumpften sich die Zähne an den Schalen ab, indessen ich den

Kern genoß. Ich mußte ihrer nun bald müde werden; aber mich an den

allein zu halten, den ich doch zu finden wußte, dazu war ich zu

verwöhnt. Bilder wollte ich haben, äußere Eindrücke bedurfte ich und

glaubte ein reines geistiges Bedürfnis zu fühlen.

Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 6 · 第 8 / 11 题