Dagegen versagte ich mir nicht, meiner Neigung zu Narzissen
nachzuhängen. Er war mir unsichtbar geworden, und mein Herz hatte
sich nicht gegen ihn geändert. Ich liebte ihn zärtlich, gleichsam auf
das neue und viel gesetzter als vorher. Wollte er meine überzeugung
nicht stören, so war ich die Seine; ohne diese Bedingung hätte ich ein
Königreich mit ihm ausgeschlagen. Mehrere Monate lang trug ich diese
Empfindungen und Gedanken mit mir herum, und da ich mich endlich still
und stark genug fühlte, um ruhig und gesetzt zu Werke zu gehen, so
schrieb ich ihm ein höfliches, nicht zärtliches Billett und fragte ihn,
warum er nicht mehr zu mir komme.
Da ich seine Art kannte, sich selbst in geringern Dingen nicht gern zu
erklären, sondern stillschweigend zu tun, was ihm gut deuchte, so
drang ich gegenwärtig mit Vorsatz in ihn. Ich erhielt eine lange und,
wie mir schien, abgeschmackte Antwort in einem weitläufigen Stil und
unbedeutenden Phrasen: daß er ohne bessere Stellen sich nicht
einrichten und mir seine Hand anbieten könne, daß ich am besten wisse,
wie hinderlich es ihm bisher gegangen, daß er glaube, ein so lang
fortgesetzter fruchtloser Umgang könne meiner Renommee schaden, ich
würde ihm erlauben, sich in der bisherigen Entfernung zu halten;
sobald er imstande wäre, mich glücklich zu machen, würde ihm das Wort,
das er mir gegeben, heilig sein.
Ich antwortete ihm auf der Stelle: da die Sache aller Welt bekannt sei,
möge es zu spät sein, meine Renommee zu menagieren, und für diese
wären mir mein Gewissen und meine Unschuld die sichersten Bürgen; ihm
aber gäbe ich hiermit sein Wort ohne Bedenken zurück und wünschte, daß
er dabei sein Glück finden möchte. In ebender Stunde erhielt ich eine
kurze Antwort, die im wesentlichen mit der ersten völlig gleichlautend
war. Er blieb dabei, daß er nach erhaltener Stelle bei mir anfragen
würde, ob ich sein Glück mit ihm teilen wollte.
Mir hieß das nun soviel als nichts gesagt. Ich erklärte meinen
Verwandten und Bekannten, die Sache sei abgetan, und sie war es auch
wirklich. Denn als er neun Monate hernach auf das erwünschteste
befördert wurde, ließ er mir seine Hand nochmals antragen, freilich
mit der Bedingung, daß ich als Gattin eines Mannes, der ein Haus
machen müßte, meine Gesinnungen würde zu ändern haben. Ich dankte
höflich und eilte mit Herz und Sinn von dieser Geschichte weg, wie man
sich aus dem Schauspielhause heraussehnt, wenn der Vorhang gefallen
ist. Und da er kurze Zeit darauf, wie es ihm nun sehr leicht war,
eine reiche und ansehnliche Partie gefunden hatte und ich ihn nach
seiner Art glücklich wußte, so war meine Beruhigung ganz vollkommen.
Ich darf nicht mit Stillschweigen übergehen, daß einigemal, noch eh er
eine Bedienung erhielt, auch nachher, ansehnliche Heiratsanträge an
mich getan wurden, die ich aber ganz ohne Bedenken ausschlug, sosehr
Vater und Mutter mehr Nachgiebigkeit von meiner Seite gewünscht hätten.
Nun schien mir nach einem stürmischen März und April das schönste
Maiwetter beschert zu sein. Ich genoß bei einer guten Gesundheit eine
unbeschreibliche Gemütsruhe; ich mochte mich umsehen, wie ich wollte,
so hatte ich bei meinem Verluste noch gewonnen. Jung und voll
Empfindung, wie ich war, deuchte mir die Schöpfung tausendmal schöner
als vorher, da ich Gesellschaften und Spiele haben mußte, damit mir
die Weile in dem schönen Garten nicht zu lang wurde. Da ich mich
einmal meiner Frömmigkeit nicht schämte, so hatte ich Herz, meine
Liebe zu Künsten und Wissenschaften nicht zu verbergen. Ich zeichnete,
malte, las und fand Menschen genug, die mich unterstützten; statt der
großen Welt, die ich verlassen hatte, oder vielmehr die mich verließ,
bildete sich eine kleinere um mich her, die weit reicher und
unterhaltender war. Ich hatte eine Neigung zum gesellschaftlichen
Leben, und ich leugne nicht, daß mir, als ich meine ältern
Bekanntschaften aufgab, vor der Einsamkeit grauete. Nun fand ich mich
hinlänglich, ja vielleicht zu sehr entschädigt. Meine Bekanntschaften
wurden erst recht weitläufig, nicht nur mit Einheimischen, deren
Gesinnungen mit den meinigen übereinstimmten, sondern auch mit Fremden.
Meine Geschichte war ruchtbar geworden, und es waren viele Menschen
neugierig, das Mädchen zu sehen, die Gott mehr schätzte als ihren
Bräutigam. Es war damals überhaupt eine gewisse religiöse Stimmung in
Deutschland bemerkbar. In mehreren fürstlichen und gräflichen Häusern
war eine Sorge für das Heil der Seele lebendig. Es fehlte nicht an
Edelleuten, die gleiche Aufmerksamkeit hegten, und in den geringern
Ständen war durchaus diese Gesinnung verbreitet.
Die gräfliche Familie, deren ich oben erwähnt, zog mich nun näher an
sich. Sie hatte sich indessen verstärkt, indem sich einige Verwandte
in die Stadt gewendet hatten. Diese schätzbaren Personen suchten
meinen Umgang wie ich den ihrigen. Sie hatten große Verwandtschaft,
und ich lernte in diesem Hause einen großen Teil der Fürsten, Grafen
und Herren des Reichs kennen. Meine Gesinnungen waren niemanden ein
Geheimnis, und man mochte sie ehren oder auch nur schonen, so erlangte
ich doch meinen Zweck und blieb ohne Anfechtung.
Noch auf eine andere Weise sollte ich wieder in die Welt geführt
werden. Zu eben der Zeit verweilte ein Stiefbruder meines Vaters, der
uns sonst nur im Vorbeigehn besucht hatte, länger bei uns. Er hatte
die Dienste seines Hofes, wo er geehrt und von Einfluß war, nur
deswegen verlassen, weil nicht alles nach seinem Sinne ging. Sein
Verstand war richtig und sein Charakter streng, und er war darin
meinem Vater sehr ähnlich; nur hatte dieser dabei einen gewissen Grad
von Weichheit, wodurch ihm leichter ward, in Geschäften nachzugeben
und etwas gegen seine überzeugung nicht zu tun, aber geschehen zu
lassen und den Unwillen darüber alsdann entweder in der Stille für
sich oder vertraulich mit seiner Familie zu verkochen. Mein Oheim war
um vieles jünger, und seine Selbständigkeit ward durch seine äußern
Umstände nicht wenig bestätigt. Er hatte eine sehr reiche Mutter
gehabt und hatte von ihren nahen und fernen Verwandten noch ein großes
Vermögen zu hoffen; er bedurfte keines fremden Zuschusses, anstatt daß
mein Vater bei seinem mäßigen Vermögen durch Besoldung an den Dienst
fest geknüpft war.
Noch unbiegsamer war mein Oheim durch häusliches Unglück geworden. Er
hatte eine liebenswürdige Frau und einen hoffnungsvollen Sohn früh
verloren, und er schien von der Zeit an alles von sich entfernen zu
wollen, was nicht von seinem Willen abhing.
In der Familie sagte man sich gelegentlich mit einiger
Selbstgefälligkeit in die Ohren, daß er wahrscheinlich nicht wieder
heiraten werde und daß wir Kinder uns schon als Erben seines großen
Vermögens ansehen könnten. Ich achtete nicht weiter darauf; allein
das Betragen der übrigen ward nach diesen Hoffnungen nicht wenig
gestimmt. Bei der Festigkeit seines Charakters hatte er sich gewöhnt,
in der Unterredung niemand zu widersprechen, vielmehr die Meinung
eines jeden freundlich anzuhören und die Art, wie sich jeder eine
Sache dachte, noch selbst durch Argumente und Beispiele zu erheben.
Wer ihn nicht kannte, glaubte stets mit ihm einerlei Meinung zu sein;
denn er hatte einen überwiegenden Verstand und konnte sich in alle
Vorstellungsarten versetzen. Mit mir ging es ihm nicht so glücklich,
denn hier war von Empfindungen die Rede, von denen er gar keine Ahnung
hatte, und so schonend, teilnehmend und verständig er mit mir über
meine Gesinnungen sprach, so war es mir doch auffallend, daß er von
dem, worin der Grund aller meiner Handlungen lag, offenbar keinen
Begriff hatte.
So geheim er übrigens war, entdeckte sich doch der Endzweck seines
ungewöhnlichen Aufenthalts bei uns nach einiger Zeit. Er hatte, wie
man endlich bemerken konnte, sich unter uns die jüngste Schwester
ausersehen, um sie nach seinem Sinne zu verheiraten und glücklich zu
machen; und gewiß, sie konnte nach ihren körperlichen und geistigen
Gaben, besonders wenn sich ein ansehnliches Vermögen noch mit auf die
Schale legte, auf die ersten Partien Anspruch machen. Seine
Gesinnungen gegen mich gab er gleichfalls pantomimisch zu erkennen,
indem er mir den Platz einer Stiftsdame verschaffte, wovon ich sehr
bald auch die Einkünfte zog.
Meine Schwester war mit seiner Fürsorge nicht so zufrieden und nicht
so dankbar wie ich. Sie entdeckte mir eine Herzensangelegenheit, die
sie bisher sehr weislich verborgen hatte: denn sie fürchtete wohl, was
auch wirklich geschah, daß ich ihr auf alle mögliche Weise die
Verbindung mit einem Manne, der ihr nicht hätte gefallen sollen,
widerraten würde. Ich tat mein möglichstes, und es gelang mir. Die
Absichten des Oheims waren zu ernsthaft und zu deutlich und die
Aussicht für meine Schwester bei ihrem Weltsinne zu reizend, als daß
sie nicht eine Neigung, die ihr Verstand selbst mißbilligte,
aufzugeben Kraft hätte haben sollen.
Da sie nun den sanften Leitungen des Oheims nicht mehr wie bisher
auswich, so war der Grund zu seinem Plane bald gelegt. Sie ward
Hofdame an einem benachbarten Hofe, wo er sie einer Freundin, die als
Oberhofmeisterin in großem Ansehn stand, zur Aufsicht und Ausbildung
übergeben konnte. Ich begleitete sie zu dem Ort ihres neuen
Aufenthaltes. Wir konnten beide mit der Aufnahme, die wir erfuhren,
sehr zufrieden sein, und manchmal mußte ich über die Person, die ich
nun als Stiftsdame, als junge und fromme Stiftsdame, in der Welt
spielte, heimlich lächeln.
In frühern Zeiten würde ein solches Verhältnis mich sehr verwirrt, ja
mir vielleicht den Kopf verrückt haben; nun aber war ich bei allem,
was mich umgab, sehr gelassen. Ich ließ mich in großer Stille ein
paar Stunden frisieren, putzte mich und dachte nichts dabei, als daß
ich in meinem Verhältnisse diese Galalivree anzuziehen schuldig sei.
In den angefüllten Sälen sprach ich mit allen und jeden, ohne daß mir
irgendeine Gestalt oder ein Wesen einen starken Eindruck
zurückgelassen hätte. Wenn ich wieder nach Hause kam, waren müde
Beine meist alles Gefühl, was ich mit zurückbrachte. Meinem Verstande
nützten die vielen Menschen, die ich sah; und als Muster aller
menschlichen Tugenden, eines guten und edlen Betragens lernte ich
einige Frauen, besonders die Oberhofmeisterin, kennen, unter der meine
Schwester sich zu bilden das Glück hatte.
Doch fühlte ich bei meiner Rückkunft nicht so glückliche körperliche
Folgen von dieser Reise. Bei der größten Enthaltsamkeit und der
genausten Diät war ich doch nicht wie sonst Herr von meiner Zeit und
meinen Kräften. Nahrung, Bewegung, Aufstehn und Schlafengehn,
Ankleiden und Ausfahren hing nicht wie zu Hause von meinem Willen und
meinem Empfinden ab. Im Laufe des geselligen Kreises darf man nicht
stocken, ohne unhöflich zu sein, und alles, was nötig war, leistete
ich gern, weil ich es für Pflicht hielt, weil ich wußte, daß es bald
vorübergehen würde, und weil ich mich gesunder als jemals fühlte.
Dessenungeachtet mußte dieses fremde, unruhige Leben auf mich stärker,
als ich fühlte, gewirkt haben. Denn kaum war ich zu Hause angekommen
und hatte meine Eltern mit einer befriedigenden Erzählung erfreut, so
überfiel mich ein Blutsturz, der, ob er gleich nicht gefährlich war
und schnell vorüberging, doch lange Zeit eine merkliche Schwachheit
hinterließ.
Hier hatte ich nun wieder eine neue Lektion aufzusagen. Ich tat es
freudig. Nichts fesselte mich an die Welt, und ich war überzeugt, daß
ich hier das Rechte niemals finden würde, und so war ich in dem
heitersten und ruhigsten Zustande und ward, indem ich Verzicht aufs
Leben getan hatte, beim Leben erhalten.
Eine neue Prüfung hatte ich auszustehen, da meine Mutter mit einer
drückenden Beschwerde überfallen wurde, die sie noch fünf Jahre trug,
ehe sie die Schuld der Natur bezahlte. In dieser Zeit gab es manche
übung. Oft, wenn ihr die Bangigkeit zu stark wurde, ließ sie uns des
Nachts alle vor ihr Bette rufen, um wenigstens durch unsre Gegenwart
zerstreut, wo nicht gebessert zu werden. Schwerer, ja kaum zu tragen
war der Druck, als mein Vater auch elend zu werden anfing. Von Jugend
auf hatte er öfters heftige Kopfschmerzen, die aber aufs längste nur
sechsunddreißig Stunden anhielten. Nun aber wurden sie bleibend, und
wenn sie auf einen hohen Grad stiegen, so zerriß der Jammer mir das
Herz. Bei diesen Stürmen fühlte ich meine körperliche Schwäche am
meisten, weil sie mich hinderte, meine heiligsten, liebsten Pflichten
zu erfüllen, oder mir doch ihre Ausübung äußerst beschwerlich machte.
Nun konnte ich mich prüfen, ob auf dem Wege, den ich eingeschlagen,
Wahrheit oder Phantasie sei, ob ich vielleicht nur nach andern gedacht
oder ob der Gegenstand meines Glaubens eine Realität habe, und zu
meiner größten Unterstützung fand ich immer das letztere. Die gerade
Richtung meines Herzens zu Gott, den Umgang mit den "beloved ones"
hatte ich gesucht und gefunden, und das war, was mir alles
erleichterte. Wie der Wanderer in den Schatten, so eilte meine Seele
nach diesem Schutzort, wenn mich alles von außen drückte, und kam
niemals leer zurück.
In der neuern Zeit haben einige Verfechter der Religion, die mehr
Eifer als Gefühl für dieselbe zu haben scheinen, ihre Mitgläubigen
aufgefordert, Beispiele von wirklichen Gebetserhörungen
bekanntzumachen, wahrscheinlich weil sie sich Brief und Siegel
wünschten, um ihren Gegnern recht diplomatisch und juristisch zu Leibe
zu gehen. Wie unbekannt muß ihnen das wahre Gefühl sein, und wie
wenig echte Erfahrungen mögen sie selbst gemacht haben!
Ich darf sagen, ich kam nie leer zurück, wenn ich unter Druck und Not
Gott gesucht hatte. Es ist unendlich viel gesagt, und doch kann und
darf ich nicht mehr sagen. So wichtig jede Erfahrung in dem
kritischen Augenblicke für mich war, so matt, so unbedeutend,
unwahrscheinlich würde die Erzählung werden, wenn ich einzelne Fälle
anführen wollte. Wie glücklich war ich, daß tausend kleine Vorgänge
zusammen, so gewiß als das Atemholen Zeichen meines Lebens ist, mir
bewiesen, daß ich nicht ohne Gott auf der Welt sei. Er war mir nahe,
ich war vor ihm. Das ist's, was ich mit geflissentlicher Vermeidung
aller theologischen Systemsprache mit größter Wahrheit sagen kann.
Wie sehr wünschte ich, daß ich mich auch damals ganz ohne System
befunden hätte; aber wer kommt früh zu dem Glücke, sich seines eignen
Selbsts, ohne fremde Formen, in reinem Zusammenhang bewußt zu sein?
Mir war es Ernst mit meiner Seligkeit. Bescheiden vertraute ich
fremdem Ansehn; ich ergab mich völlig dem Hallischen Bekehrungssystem,
und mein ganzes Wesen wollte auf keine Wege hineinpassen.
Nach diesem Lehrplan muß die Veränderung des Herzens mit einem tiefen
Schrecken über die Sünde anfangen; das Herz muß in dieser Not bald
mehr, bald weniger die verschuldete Strafe erkennen und den Vorschmack
der Hölle kosten, der die Lust der Sünde verbittert. Endlich muß man
eine sehr merkliche Versicherung der Gnade fühlen, die aber im
Fortgange sich oft versteckt und mit Ernst wieder gesucht werden muß.
Das alles traf bei mir weder nahe noch ferne zu. Wenn ich Gott
aufrichtig suchte, so ließ er sich finden und hielt mir von
vergangenen Dingen nichts vor. Ich sah hintennach wohl ein, wo ich
unwürdig gewesen, und wußte auch, wo ich es noch war; aber die
Erkenntnis meiner Gebrechen war ohne alle Angst. Nicht einen
Augenblick ist mir eine Furcht vor der Hölle angekommen, ja die Idee
eines bösen Geistes und eines Straf- und Quälortes nach dem Tode
konnte keinesweges in dem Kreise meiner Ideen Platz finden. Ich fand
die Menschen, die ohne Gott lebten, deren Herz dem Vertrauen und der
Liebe gegen den Unsichtbaren zugeschlossen war, schon so unglücklich,
daß eine Hölle und äußere Strafen mir eher für sie eine Linderung zu
versprechen als eine Schärfung der Strafe zu drohen schienen. Ich
durfte nur Menschen auf dieser Welt ansehen, die gehässigen Gefühlen
in ihrem Busen Raum geben, die sich gegen das Gute von irgendeiner Art
verstecken und sich und andern das Schlechte aufdringen wollen, die
lieber bei Tage die Augen zuschließen, um nur behaupten zu können, die
Sonne gebe keinen Schein von sich--wie über allen Ausdruck schienen
mir diese Menschen elend! Wer hätte eine Hölle schaffen können, um
ihren Zustand zu verschlimmern!
Diese Gemütsbeschaffenheit blieb mir, einen Tag wie den andern, zehn
Jahre lang. Sie erhielt sich durch viele Proben, auch am
schmerzhaften Sterbebette meiner geliebten Mutter. Ich war offen
genug, um bei dieser Gelegenheit meine heitere Gemütsverfassung
frommen, aber ganz schulgerechten Leuten nicht zu verbergen, und ich
mußte darüber manchen freundschaftlichen Verweis erdulden. Man meinte
mir eben zur rechten Zeit vorzustellen, welchen Ernst man anzuwenden
hätte, um in gesunden Tagen einen guten Grund zu legen.
An Ernst wollte ich es auch nicht fehlen lassen. Ich ließ mich für
den Augenblick überzeugen und wäre um mein Leben gern traurig und voll
Schrecken gewesen. Wie verwundert war ich aber, da es ein für allemal
nicht möglich war. Wenn ich an Gott dachte, war ich heiter und
vergnügt; auch bei meiner lieben Mutter schmerzensvollem Ende graute
mir vor dem Tode nicht. Doch lernte ich vieles und ganz andere Sachen,
als meine unberufenen Lehrmeister glaubten, in diesen großen Stunden.