VI. Buch--4

Dagegen versagte ich mir nicht, meiner Neigung zu Narzissen

nachzuhängen. Er war mir unsichtbar geworden, und mein Herz hatte

sich nicht gegen ihn geändert. Ich liebte ihn zärtlich, gleichsam auf

das neue und viel gesetzter als vorher. Wollte er meine überzeugung

nicht stören, so war ich die Seine; ohne diese Bedingung hätte ich ein

Königreich mit ihm ausgeschlagen. Mehrere Monate lang trug ich diese

Empfindungen und Gedanken mit mir herum, und da ich mich endlich still

und stark genug fühlte, um ruhig und gesetzt zu Werke zu gehen, so

schrieb ich ihm ein höfliches, nicht zärtliches Billett und fragte ihn,

warum er nicht mehr zu mir komme.

Da ich seine Art kannte, sich selbst in geringern Dingen nicht gern zu

erklären, sondern stillschweigend zu tun, was ihm gut deuchte, so

drang ich gegenwärtig mit Vorsatz in ihn. Ich erhielt eine lange und,

wie mir schien, abgeschmackte Antwort in einem weitläufigen Stil und

unbedeutenden Phrasen: daß er ohne bessere Stellen sich nicht

einrichten und mir seine Hand anbieten könne, daß ich am besten wisse,

wie hinderlich es ihm bisher gegangen, daß er glaube, ein so lang

fortgesetzter fruchtloser Umgang könne meiner Renommee schaden, ich

würde ihm erlauben, sich in der bisherigen Entfernung zu halten;

sobald er imstande wäre, mich glücklich zu machen, würde ihm das Wort,

das er mir gegeben, heilig sein.

Ich antwortete ihm auf der Stelle: da die Sache aller Welt bekannt sei,

möge es zu spät sein, meine Renommee zu menagieren, und für diese

wären mir mein Gewissen und meine Unschuld die sichersten Bürgen; ihm

aber gäbe ich hiermit sein Wort ohne Bedenken zurück und wünschte, daß

er dabei sein Glück finden möchte. In ebender Stunde erhielt ich eine

kurze Antwort, die im wesentlichen mit der ersten völlig gleichlautend

war. Er blieb dabei, daß er nach erhaltener Stelle bei mir anfragen

würde, ob ich sein Glück mit ihm teilen wollte.

Mir hieß das nun soviel als nichts gesagt. Ich erklärte meinen

Verwandten und Bekannten, die Sache sei abgetan, und sie war es auch

wirklich. Denn als er neun Monate hernach auf das erwünschteste

befördert wurde, ließ er mir seine Hand nochmals antragen, freilich

mit der Bedingung, daß ich als Gattin eines Mannes, der ein Haus

machen müßte, meine Gesinnungen würde zu ändern haben. Ich dankte

höflich und eilte mit Herz und Sinn von dieser Geschichte weg, wie man

sich aus dem Schauspielhause heraussehnt, wenn der Vorhang gefallen

ist. Und da er kurze Zeit darauf, wie es ihm nun sehr leicht war,

eine reiche und ansehnliche Partie gefunden hatte und ich ihn nach

seiner Art glücklich wußte, so war meine Beruhigung ganz vollkommen.

Ich darf nicht mit Stillschweigen übergehen, daß einigemal, noch eh er

eine Bedienung erhielt, auch nachher, ansehnliche Heiratsanträge an

mich getan wurden, die ich aber ganz ohne Bedenken ausschlug, sosehr

Vater und Mutter mehr Nachgiebigkeit von meiner Seite gewünscht hätten.

Nun schien mir nach einem stürmischen März und April das schönste

Maiwetter beschert zu sein. Ich genoß bei einer guten Gesundheit eine

unbeschreibliche Gemütsruhe; ich mochte mich umsehen, wie ich wollte,

so hatte ich bei meinem Verluste noch gewonnen. Jung und voll

Empfindung, wie ich war, deuchte mir die Schöpfung tausendmal schöner

als vorher, da ich Gesellschaften und Spiele haben mußte, damit mir

die Weile in dem schönen Garten nicht zu lang wurde. Da ich mich

einmal meiner Frömmigkeit nicht schämte, so hatte ich Herz, meine

Liebe zu Künsten und Wissenschaften nicht zu verbergen. Ich zeichnete,

malte, las und fand Menschen genug, die mich unterstützten; statt der

großen Welt, die ich verlassen hatte, oder vielmehr die mich verließ,

bildete sich eine kleinere um mich her, die weit reicher und

unterhaltender war. Ich hatte eine Neigung zum gesellschaftlichen

Leben, und ich leugne nicht, daß mir, als ich meine ältern

Bekanntschaften aufgab, vor der Einsamkeit grauete. Nun fand ich mich

hinlänglich, ja vielleicht zu sehr entschädigt. Meine Bekanntschaften

wurden erst recht weitläufig, nicht nur mit Einheimischen, deren

Gesinnungen mit den meinigen übereinstimmten, sondern auch mit Fremden.

Meine Geschichte war ruchtbar geworden, und es waren viele Menschen

neugierig, das Mädchen zu sehen, die Gott mehr schätzte als ihren

Bräutigam. Es war damals überhaupt eine gewisse religiöse Stimmung in

Deutschland bemerkbar. In mehreren fürstlichen und gräflichen Häusern

war eine Sorge für das Heil der Seele lebendig. Es fehlte nicht an

Edelleuten, die gleiche Aufmerksamkeit hegten, und in den geringern

Ständen war durchaus diese Gesinnung verbreitet.

Die gräfliche Familie, deren ich oben erwähnt, zog mich nun näher an

sich. Sie hatte sich indessen verstärkt, indem sich einige Verwandte

in die Stadt gewendet hatten. Diese schätzbaren Personen suchten

meinen Umgang wie ich den ihrigen. Sie hatten große Verwandtschaft,

und ich lernte in diesem Hause einen großen Teil der Fürsten, Grafen

und Herren des Reichs kennen. Meine Gesinnungen waren niemanden ein

Geheimnis, und man mochte sie ehren oder auch nur schonen, so erlangte

ich doch meinen Zweck und blieb ohne Anfechtung.

Noch auf eine andere Weise sollte ich wieder in die Welt geführt

werden. Zu eben der Zeit verweilte ein Stiefbruder meines Vaters, der

uns sonst nur im Vorbeigehn besucht hatte, länger bei uns. Er hatte

die Dienste seines Hofes, wo er geehrt und von Einfluß war, nur

deswegen verlassen, weil nicht alles nach seinem Sinne ging. Sein

Verstand war richtig und sein Charakter streng, und er war darin

meinem Vater sehr ähnlich; nur hatte dieser dabei einen gewissen Grad

von Weichheit, wodurch ihm leichter ward, in Geschäften nachzugeben

und etwas gegen seine überzeugung nicht zu tun, aber geschehen zu

lassen und den Unwillen darüber alsdann entweder in der Stille für

sich oder vertraulich mit seiner Familie zu verkochen. Mein Oheim war

um vieles jünger, und seine Selbständigkeit ward durch seine äußern

Umstände nicht wenig bestätigt. Er hatte eine sehr reiche Mutter

gehabt und hatte von ihren nahen und fernen Verwandten noch ein großes

Vermögen zu hoffen; er bedurfte keines fremden Zuschusses, anstatt daß

mein Vater bei seinem mäßigen Vermögen durch Besoldung an den Dienst

fest geknüpft war.

Noch unbiegsamer war mein Oheim durch häusliches Unglück geworden. Er

hatte eine liebenswürdige Frau und einen hoffnungsvollen Sohn früh

verloren, und er schien von der Zeit an alles von sich entfernen zu

wollen, was nicht von seinem Willen abhing.

In der Familie sagte man sich gelegentlich mit einiger

Selbstgefälligkeit in die Ohren, daß er wahrscheinlich nicht wieder

heiraten werde und daß wir Kinder uns schon als Erben seines großen

Vermögens ansehen könnten. Ich achtete nicht weiter darauf; allein

das Betragen der übrigen ward nach diesen Hoffnungen nicht wenig

gestimmt. Bei der Festigkeit seines Charakters hatte er sich gewöhnt,

in der Unterredung niemand zu widersprechen, vielmehr die Meinung

eines jeden freundlich anzuhören und die Art, wie sich jeder eine

Sache dachte, noch selbst durch Argumente und Beispiele zu erheben.

Wer ihn nicht kannte, glaubte stets mit ihm einerlei Meinung zu sein;

denn er hatte einen überwiegenden Verstand und konnte sich in alle

Vorstellungsarten versetzen. Mit mir ging es ihm nicht so glücklich,

denn hier war von Empfindungen die Rede, von denen er gar keine Ahnung

hatte, und so schonend, teilnehmend und verständig er mit mir über

meine Gesinnungen sprach, so war es mir doch auffallend, daß er von

dem, worin der Grund aller meiner Handlungen lag, offenbar keinen

Begriff hatte.

So geheim er übrigens war, entdeckte sich doch der Endzweck seines

ungewöhnlichen Aufenthalts bei uns nach einiger Zeit. Er hatte, wie

man endlich bemerken konnte, sich unter uns die jüngste Schwester

ausersehen, um sie nach seinem Sinne zu verheiraten und glücklich zu

machen; und gewiß, sie konnte nach ihren körperlichen und geistigen

Gaben, besonders wenn sich ein ansehnliches Vermögen noch mit auf die

Schale legte, auf die ersten Partien Anspruch machen. Seine

Gesinnungen gegen mich gab er gleichfalls pantomimisch zu erkennen,

indem er mir den Platz einer Stiftsdame verschaffte, wovon ich sehr

bald auch die Einkünfte zog.

Meine Schwester war mit seiner Fürsorge nicht so zufrieden und nicht

so dankbar wie ich. Sie entdeckte mir eine Herzensangelegenheit, die

sie bisher sehr weislich verborgen hatte: denn sie fürchtete wohl, was

auch wirklich geschah, daß ich ihr auf alle mögliche Weise die

Verbindung mit einem Manne, der ihr nicht hätte gefallen sollen,

widerraten würde. Ich tat mein möglichstes, und es gelang mir. Die

Absichten des Oheims waren zu ernsthaft und zu deutlich und die

Aussicht für meine Schwester bei ihrem Weltsinne zu reizend, als daß

sie nicht eine Neigung, die ihr Verstand selbst mißbilligte,

aufzugeben Kraft hätte haben sollen.

Da sie nun den sanften Leitungen des Oheims nicht mehr wie bisher

auswich, so war der Grund zu seinem Plane bald gelegt. Sie ward

Hofdame an einem benachbarten Hofe, wo er sie einer Freundin, die als

Oberhofmeisterin in großem Ansehn stand, zur Aufsicht und Ausbildung

übergeben konnte. Ich begleitete sie zu dem Ort ihres neuen

Aufenthaltes. Wir konnten beide mit der Aufnahme, die wir erfuhren,

sehr zufrieden sein, und manchmal mußte ich über die Person, die ich

nun als Stiftsdame, als junge und fromme Stiftsdame, in der Welt

spielte, heimlich lächeln.

In frühern Zeiten würde ein solches Verhältnis mich sehr verwirrt, ja

mir vielleicht den Kopf verrückt haben; nun aber war ich bei allem,

was mich umgab, sehr gelassen. Ich ließ mich in großer Stille ein

paar Stunden frisieren, putzte mich und dachte nichts dabei, als daß

ich in meinem Verhältnisse diese Galalivree anzuziehen schuldig sei.

In den angefüllten Sälen sprach ich mit allen und jeden, ohne daß mir

irgendeine Gestalt oder ein Wesen einen starken Eindruck

zurückgelassen hätte. Wenn ich wieder nach Hause kam, waren müde

Beine meist alles Gefühl, was ich mit zurückbrachte. Meinem Verstande

nützten die vielen Menschen, die ich sah; und als Muster aller

menschlichen Tugenden, eines guten und edlen Betragens lernte ich

einige Frauen, besonders die Oberhofmeisterin, kennen, unter der meine

Schwester sich zu bilden das Glück hatte.

Doch fühlte ich bei meiner Rückkunft nicht so glückliche körperliche

Folgen von dieser Reise. Bei der größten Enthaltsamkeit und der

genausten Diät war ich doch nicht wie sonst Herr von meiner Zeit und

meinen Kräften. Nahrung, Bewegung, Aufstehn und Schlafengehn,

Ankleiden und Ausfahren hing nicht wie zu Hause von meinem Willen und

meinem Empfinden ab. Im Laufe des geselligen Kreises darf man nicht

stocken, ohne unhöflich zu sein, und alles, was nötig war, leistete

ich gern, weil ich es für Pflicht hielt, weil ich wußte, daß es bald

vorübergehen würde, und weil ich mich gesunder als jemals fühlte.

Dessenungeachtet mußte dieses fremde, unruhige Leben auf mich stärker,

als ich fühlte, gewirkt haben. Denn kaum war ich zu Hause angekommen

und hatte meine Eltern mit einer befriedigenden Erzählung erfreut, so

überfiel mich ein Blutsturz, der, ob er gleich nicht gefährlich war

und schnell vorüberging, doch lange Zeit eine merkliche Schwachheit

hinterließ.

Hier hatte ich nun wieder eine neue Lektion aufzusagen. Ich tat es

freudig. Nichts fesselte mich an die Welt, und ich war überzeugt, daß

ich hier das Rechte niemals finden würde, und so war ich in dem

heitersten und ruhigsten Zustande und ward, indem ich Verzicht aufs

Leben getan hatte, beim Leben erhalten.

Eine neue Prüfung hatte ich auszustehen, da meine Mutter mit einer

drückenden Beschwerde überfallen wurde, die sie noch fünf Jahre trug,

ehe sie die Schuld der Natur bezahlte. In dieser Zeit gab es manche

übung. Oft, wenn ihr die Bangigkeit zu stark wurde, ließ sie uns des

Nachts alle vor ihr Bette rufen, um wenigstens durch unsre Gegenwart

zerstreut, wo nicht gebessert zu werden. Schwerer, ja kaum zu tragen

war der Druck, als mein Vater auch elend zu werden anfing. Von Jugend

auf hatte er öfters heftige Kopfschmerzen, die aber aufs längste nur

sechsunddreißig Stunden anhielten. Nun aber wurden sie bleibend, und

wenn sie auf einen hohen Grad stiegen, so zerriß der Jammer mir das

Herz. Bei diesen Stürmen fühlte ich meine körperliche Schwäche am

meisten, weil sie mich hinderte, meine heiligsten, liebsten Pflichten

zu erfüllen, oder mir doch ihre Ausübung äußerst beschwerlich machte.

Nun konnte ich mich prüfen, ob auf dem Wege, den ich eingeschlagen,

Wahrheit oder Phantasie sei, ob ich vielleicht nur nach andern gedacht

oder ob der Gegenstand meines Glaubens eine Realität habe, und zu

meiner größten Unterstützung fand ich immer das letztere. Die gerade

Richtung meines Herzens zu Gott, den Umgang mit den "beloved ones"

hatte ich gesucht und gefunden, und das war, was mir alles

erleichterte. Wie der Wanderer in den Schatten, so eilte meine Seele

nach diesem Schutzort, wenn mich alles von außen drückte, und kam

niemals leer zurück.

In der neuern Zeit haben einige Verfechter der Religion, die mehr

Eifer als Gefühl für dieselbe zu haben scheinen, ihre Mitgläubigen

aufgefordert, Beispiele von wirklichen Gebetserhörungen

bekanntzumachen, wahrscheinlich weil sie sich Brief und Siegel

wünschten, um ihren Gegnern recht diplomatisch und juristisch zu Leibe

zu gehen. Wie unbekannt muß ihnen das wahre Gefühl sein, und wie

wenig echte Erfahrungen mögen sie selbst gemacht haben!

Ich darf sagen, ich kam nie leer zurück, wenn ich unter Druck und Not

Gott gesucht hatte. Es ist unendlich viel gesagt, und doch kann und

darf ich nicht mehr sagen. So wichtig jede Erfahrung in dem

kritischen Augenblicke für mich war, so matt, so unbedeutend,

unwahrscheinlich würde die Erzählung werden, wenn ich einzelne Fälle

anführen wollte. Wie glücklich war ich, daß tausend kleine Vorgänge

zusammen, so gewiß als das Atemholen Zeichen meines Lebens ist, mir

bewiesen, daß ich nicht ohne Gott auf der Welt sei. Er war mir nahe,

ich war vor ihm. Das ist's, was ich mit geflissentlicher Vermeidung

aller theologischen Systemsprache mit größter Wahrheit sagen kann.

Wie sehr wünschte ich, daß ich mich auch damals ganz ohne System

befunden hätte; aber wer kommt früh zu dem Glücke, sich seines eignen

Selbsts, ohne fremde Formen, in reinem Zusammenhang bewußt zu sein?

Mir war es Ernst mit meiner Seligkeit. Bescheiden vertraute ich

fremdem Ansehn; ich ergab mich völlig dem Hallischen Bekehrungssystem,

und mein ganzes Wesen wollte auf keine Wege hineinpassen.

Nach diesem Lehrplan muß die Veränderung des Herzens mit einem tiefen

Schrecken über die Sünde anfangen; das Herz muß in dieser Not bald

mehr, bald weniger die verschuldete Strafe erkennen und den Vorschmack

der Hölle kosten, der die Lust der Sünde verbittert. Endlich muß man

eine sehr merkliche Versicherung der Gnade fühlen, die aber im

Fortgange sich oft versteckt und mit Ernst wieder gesucht werden muß.

Das alles traf bei mir weder nahe noch ferne zu. Wenn ich Gott

aufrichtig suchte, so ließ er sich finden und hielt mir von

vergangenen Dingen nichts vor. Ich sah hintennach wohl ein, wo ich

unwürdig gewesen, und wußte auch, wo ich es noch war; aber die

Erkenntnis meiner Gebrechen war ohne alle Angst. Nicht einen

Augenblick ist mir eine Furcht vor der Hölle angekommen, ja die Idee

eines bösen Geistes und eines Straf- und Quälortes nach dem Tode

konnte keinesweges in dem Kreise meiner Ideen Platz finden. Ich fand

die Menschen, die ohne Gott lebten, deren Herz dem Vertrauen und der

Liebe gegen den Unsichtbaren zugeschlossen war, schon so unglücklich,

daß eine Hölle und äußere Strafen mir eher für sie eine Linderung zu

versprechen als eine Schärfung der Strafe zu drohen schienen. Ich

durfte nur Menschen auf dieser Welt ansehen, die gehässigen Gefühlen

in ihrem Busen Raum geben, die sich gegen das Gute von irgendeiner Art

verstecken und sich und andern das Schlechte aufdringen wollen, die

lieber bei Tage die Augen zuschließen, um nur behaupten zu können, die

Sonne gebe keinen Schein von sich--wie über allen Ausdruck schienen

mir diese Menschen elend! Wer hätte eine Hölle schaffen können, um

ihren Zustand zu verschlimmern!

Diese Gemütsbeschaffenheit blieb mir, einen Tag wie den andern, zehn

Jahre lang. Sie erhielt sich durch viele Proben, auch am

schmerzhaften Sterbebette meiner geliebten Mutter. Ich war offen

genug, um bei dieser Gelegenheit meine heitere Gemütsverfassung

frommen, aber ganz schulgerechten Leuten nicht zu verbergen, und ich

mußte darüber manchen freundschaftlichen Verweis erdulden. Man meinte

mir eben zur rechten Zeit vorzustellen, welchen Ernst man anzuwenden

hätte, um in gesunden Tagen einen guten Grund zu legen.

An Ernst wollte ich es auch nicht fehlen lassen. Ich ließ mich für

den Augenblick überzeugen und wäre um mein Leben gern traurig und voll

Schrecken gewesen. Wie verwundert war ich aber, da es ein für allemal

nicht möglich war. Wenn ich an Gott dachte, war ich heiter und

vergnügt; auch bei meiner lieben Mutter schmerzensvollem Ende graute

mir vor dem Tode nicht. Doch lernte ich vieles und ganz andere Sachen,

als meine unberufenen Lehrmeister glaubten, in diesen großen Stunden.

Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 6 · 第 7 / 11 题