VI. Buch--3

Die ganze Welt war mir außer Narzissen tot, nichts hatte außer ihm

einen Reiz für mich. Selbst meine Liebe zum Putz hatte nur den Zweck,

ihm zu gefallen; wußte ich, daß er mich nicht sah, so konnte ich keine

Sorgfalt darauf wenden. Ich tanzte gern; wenn er aber nicht dabei war,

so schien mir, als wenn ich die Bewegung nicht vertragen könnte. Auf

ein brillantes Fest, bei dem er nicht zugegen war, konnte ich mir

weder etwas Neues anschaffen noch das Alte der Mode gemäß aufstutzen.

Einer war mir so lieb als der andere, doch möchte ich lieber sagen:

einer so lästig als der andere. Ich glaubte meinen Abend recht gut

zugebracht zu haben, wenn ich mir mit ältern Personen ein Spiel

ausmachen konnte, wozu ich sonst nicht die mindeste Lust hatte, und

wenn ein alter, guter Freund mich etwa scherzhaft darüber aufzog,

lächelte ich vielleicht das erstemal den ganzen Abend. So ging es mit

Promenaden und allen gesellschaftlichen Vergnügungen, die sich nur

denken lassen:

Ich hatt ihn einzig mir erkoren; Ich schien mir nur für ihn geboren,

Begehrte nichts als seine Gunst.

So war ich oft in der Gesellschaft einsam, und die völlige Einsamkeit

war mir meistens lieber. Allein mein geschäftiger Geist konnte weder

schlafen noch träumen; ich fühlte und dachte und erlangte nach und

nach eine Fertigkeit, von meinen Empfindungen und Gedanken mit Gott zu

reden. Da entwickelten sich Empfindungen anderer Art in meiner Seele,

die jenen nicht widersprachen. Denn meine Liebe zu Narziß war dem

ganzen Schöpfungsplane gemäß und stieß nirgend gegen meine Pflichten

an. Sie widersprachen sich nicht und waren doch unendlich verschieden.

Narziß war das einzige Bild, das mir vorschwebte, auf das sich meine

ganze Liebe bezog; aber das andere Gefühl bezog sich auf kein Bild und

war unaussprechlich angenehm. Ich habe es nicht mehr und kann es mir

nicht mehr geben.

Mein Geliebter, der sonst alle meine Geheimnisse wußte, erfuhr nichts

hiervon. Ich merkte bald, daß er anders dachte; er gab mir öfters

Schriften, die alles, was man Zusammenhang mit dem Unsichtbaren heißen

kann, mit leichten und schweren Waffen bestritten. Ich las die Bücher,

weil sie von ihm kamen, und wußte am Ende kein Wort von allem dem,

was darin gestanden hatte.

über Wissenschaften und Kenntnisse ging es auch nicht ohne Widerspruch

ab; er machte es wie alle Männer, spottete über gelehrte Frauen und

bildete unaufhörlich an mir. über alle Gegenstände, die

Rechtsgelehrsamkeit ausgenommen, pflegte er mit mir zu sprechen, und

indem er mir Schriften von allerlei Art beständig zubrachte,

wiederholte er oft die bedenkliche Lehre: daß ein Frauenzimmer sein

Wissen heimlicher halten müsse als der Kalvinist seinen Glauben im

katholischen Lande; und indem ich wirklich auf eine ganz natürliche

Weise vor der Welt mich nicht klüger und unterrichteter als sonst zu

zeigen pflegte, war er der erste, der gelegentlich der Eitelkeit nicht

widerstehen konnte, von meinen Vorzügen zu sprechen.

Ein berühmter und damals wegen seines Einflusses, seiner Talente und

seines Geistes sehr geschätzter Weltmann fand an unserm Hofe großen

Beifall. Er zeichnete Narzissen besonders aus und hatte ihn beständig

um sich. Sie stritten auch über die Tugend der Frauen. Narziß

vertraute mir weitläufig ihre Unterredung; ich blieb mit meinen

Anmerkungen nicht dahinten, und mein Freund verlangte von mir einen

schriftlichen Aufsatz. Ich schrieb ziemlich geläufig Französisch: ich

hatte bei meinem Alten einen guten Grund gelegt. Die Korrespondenz

mit meinem Freunde war in dieser Sprache geführt, und eine feinere

Bildung konnte man überhaupt damals nur aus französischen Büchern

nehmen. Mein Aufsatz hatte dem Grafen gefallen; ich mußte einige

kleine Lieder hergeben, die ich vor kurzem gedichtet hatte. Genug,

Narziß schien sich auf seine Geliebte ohne Rückhalt etwas zugute zu

tun, und die Geschichte endigte zu seiner großen Zufriedenheit mit

einer geistreichen Epistel in französischen Versen, die ihm der Graf

bei seiner Abreise zusandte, worin ihres freundschaftlichen Streites

gedacht war und mein Freund am Ende glücklich gepriesen wurde, daß er,

nach so manchen Zweifeln und Irrtümern, in den Armen einer reizenden

und tugendhaften Gattin, was Tugend sei, am sichersten erfahren würde.

Dieses Gedicht ward mir vor allen und dann aber auch fast jedermann

gezeigt, und jeder dachte dabei, was er wollte. So ging es in

mehreren Fällen, und so mußten alle Fremden, die er schätzte, in

unserm Hause bekannt werden.

Eine gräfliche Familie hielt sich wegen unsres geschickten Arztes eine

Zeitlang hier auf. Auch in diesem Hause war Narziß wie ein Sohn

gehalten; er führte mich daselbst ein, man fand bei diesen würdigen

Personen eine angenehme Unterhaltung für Geist und Herz, und selbst

die gewöhnlichen Zeitvertreibe der Gesellschaft schienen in diesem

Hause nicht so leer wie anderwärts. Jedermann wußte, wie wir zusammen

standen; man behandelte uns, wie es die Umstände mit sich brachten,

und ließ das Hauptverhältnis unberührt. Ich erwähne dieser einen

Bekanntschaft, weil sie in der Folge meines Lebens manchen Einfluß auf

mich hatte.

Nun war fast ein Jahr unserer Verbindung verstrichen, und mit ihm war

auch unser Frühling dahin. Der Sommer kam, und alles wurde

ernsthafter und heißer.

Durch einige unerwartete Todesfälle waren ämter erledigt, auf die

Narziß Anspruch machen konnte. Der Augenblick war nahe, in dem sich

mein ganzes Schicksal entscheiden sollte, und indes Narziß und alle

Freunde sich bei Hofe die möglichste Mühe gaben, gewisse Eindrücke,

die ihm ungünstig waren, zu vertilgen und ihm den erwünschten Platz zu

verschaffen, wendete ich mich mit meinem Anliegen zu dem unsichtbaren

Freunde. Ich ward so freundlich aufgenommen, daß ich gern wiederkam.

Ganz frei gestand ich meinen Wunsch, Narziß möchte zu der Stelle

gelangen; allein meine Bitte war nicht ungestüm, und ich forderte

nicht, daß es um meines Gebets willen geschehen sollte.

Die Stelle ward durch einen viel geringern Konkurrenten besetzt. Ich

erschrak heftig über die Zeitung und eilte in mein Zimmer, das ich

fest hinter mir zumachte. Der erste Schmerz löste sich in Tränen auf;

der nächste Gedanke war: Es ist aber doch nicht von ungefähr geschehen,

und sogleich folgte die Entschließung, es mir recht wohl gefallen zu

lassen, weil auch dieses anscheinende übel zu meinem wahren Besten

gereichen würde. Nun drangen die sanftesten Empfindungen, die alle

Wolken des Kummers zerteilten, herbei; ich fühlte, daß sich mit dieser

Hülfe alles ausstehen ließ. Ich ging heiter zu Tische, zum Erstaunen

meiner Hausgenossen.

Narziß hatte weniger Kraft als ich, und ich mußte ihn trösten. Auch

in seiner Familie begegneten ihm Widerwärtigkeiten, die ihn sehr

drückten, und bei dem wahren Vertrauen, das unter uns statthatte,

vertraute er mir alles. Seine Negoziationen, in fremde Dienste zu

gehen, waren auch nicht glücklicher; alles fühlte ich tief um seinet-

und meinetwillen, und alles trug ich zuletzt an den Ort, wo mein

Anliegen so wohl aufgenommen wurde.

Je sanfter diese Erfahrungen waren, desto öfter suchte ich sie zu

erneuern und den Trost immer da, wo ich ihn so oft gefunden hatte;

allein ich fand ihn nicht immer: es war mir wie einem, der sich an der

Sonne wärmen will und dem etwas im Wege steht, das Schatten macht.

"Was ist das?" fragte ich mich selbst. Ich spürte der Sache eifrig

nach und bemerkte deutlich, daß alles von der Beschaffenheit meiner

Seele abhing; wenn die nicht ganz in der geradesten Richtung zu Gott

gekehrt war, so blieb ich kalt; ich fühlte seine Rückwirkung nicht und

konnte seine Antwort nicht vernehmen. Nun war die zweite Frage: Was

verhindert diese Richtung? Hier war ich in einem weiten Feld und

verwickelte mich in eine Untersuchung, die beinahe das ganze zweite

Jahr meiner Liebesgeschichte fortdauerte. Ich hätte sie früher

endigen können, denn ich kam bald auf die Spur; aber ich wollte es

nicht gestehen und suchte tausend Ausflüchte.

Ich fand sehr bald, daß die gerade Richtung meiner Seele durch

törichte Zerstreuung und Beschäftigung mit unwürdigen Sachen gestört

werde; das Wie und Wo war mir bald klar genug. Nun aber wie

herauskommen in einer Welt, wo alles gleichgültig oder toll ist? Gern

hätte ich die Sache an ihren Ort gestellt sein lassen und hätte auf

Geratewohl hingelebt wie andere Leute auch, die ich ganz wohlauf sah;

allein ich durfte nicht: mein Inneres widersprach mir zu oft. Wollte

ich mich der Gesellschaft entziehen und meine Verhältnisse verändern,

so konnte ich nicht. Ich war nun einmal in einen Kreis hineingesperrt;

gewisse Verbindungen konnte ich nicht loswerden, und in der mir so

angelegenen Sache drängten und häuften sich die Fatalitäten. Ich

legte mich oft mit Tränen zu Bette und stand nach einer schlaflosen

Nacht auch wieder so auf; ich bedurfte einer kräftigen Unterstützung,

und die verlieh mir Gott nicht, wenn ich mit der Schellenkappe

herumlief.

Nun ging es an ein Abwiegen aller und jeder Handlungen; Tanzen und

Spielen wurden am ersten in Untersuchung genommen. Nie ist etwas für

oder gegen diese Dinge geredet, gedacht oder geschrieben worden, das

ich nicht aufsuchte, besprach, las, erwog, vermehrte, verwarf und mich

unerhört herumplagte. Unterließ ich diese Dinge, so war ich gewiß,

Narzissen zu beleidigen; denn er fürchtete sich äußerst vor dem

Lächerlichen, das uns der Anschein ängstlicher Gewissenhaftigkeit vor

der Welt gibt. Weil ich nun das, was ich für Torheit, für schädliche

Torheit hielt, nicht einmal aus Geschmack, sondern bloß um

seinetwillen tat, so wurde mir alles entsetzlich schwer.

Ohne unangenehme Weitläufigkeiten und Wiederholungen würde ich die

Bemühungen nicht darstellen können, welche ich anwendete, um jene

Handlungen, die mich nun einmal zerstreuten und meinen innern Frieden

störten, so zu verrichten, daß dabei mein Herz für die Einwirkungen

des unsichtbaren Wesens offenblieben und wie schmerzlich ich empfinden

mußte, daß der Streit auf diese Weise nicht beigelegt werden könne.

Denn sobald ich mich in das Gewand der Torheit kleidete, blieb es

nicht bloß bei der Maske, sondern die Narrheit durchdrang mich

sogleich durch und durch.

Darf ich hier das Gesetz einer bloß historischen Darstellung

überschreiten und einige Betrachtungen über dasjenige machen, was in

mir vorging? Was konnte das sein, das meinen Geschmack und meine

Sinnesart so änderte, daß ich im zweiundzwanzigsten Jahre, ja früher,

kein Vergnügen an Dingen fand, die Leute von diesem Alter unschuldig

belustigen können? Warum waren sie mir nicht unschuldig? Ich darf

wohl antworten: eben weil sie mir nicht unschuldig waren, weil ich

nicht wie andre meinesgleichen unbekannt mit meiner Seele war. Nein,

ich wußte aus Erfahrungen, die ich ungesucht erlangt hatte, daß es

höhere Empfindungen gebe, die uns ein Vergnügen wahrhaftig gewährten,

das man vergebens bei Lustbarkeiten sucht, und daß in diesen höhern

Freuden zugleich ein geheimer Schatz zur Stärkung im Unglück

aufbewahrt sei.

Aber die geselligen Vergnügungen und Zerstreuungen der Jugend mußten

doch notwendig einen starken Reiz für mich haben, weil es mir nicht

möglich war, sie zu tun, als täte ich sie nicht. Wie manches könnte

ich jetzt mit großer Kälte tun, wenn ich nur wollte, was mich damals

irremachte, ja Meister über mich zu werden drohte. Hier konnte kein

Mittelweg gehalten werden: ich mußte entweder die reizenden

Vergnügungen oder die erquickenden innerlichen Empfindungen entbehren.

Aber schon war der Streit in meiner Seele ohne mein eigentliches

Bewußtsein entschieden. Wenn auch etwas in mir war, das sich nach den

sinnlichen Freuden hinsehnte, so konnte ich sie doch nicht mehr

genießen. Wer den Wein noch so sehr liebt, dem wird alle Lust zum

Trinken vergehen, wenn er sich bei vollen Fässern in einem Keller

befände, in welchem die verdorbene Luft ihn zu ersticken drohte.

Reine Luft ist mehr als Wein, das fühlte ich nur zu lebhaft, und es

hätte gleich von Anfang an wenig überlegung bei mir gekostet, das Gute

dem Reizenden vorzuziehen, wenn mich die Furcht, Narzissens Gunst zu

verlieren, nicht abgehalten hätte. Aber da ich endlich nach

tausendfältigem Streit, nach immer wiederholter Betrachtung auch

scharfe Blicke auf das Band warf, das mich an ihm festhielt, entdeckte

ich, daß es nur schwach war, daß es sich zerreißen lasse. Ich

erkannte auf einmal, daß es nur eine Glasglocke sei, die mich in den

luftleeren Raum sperrte; nur noch so viel Kraft, sie entzweizuschlagen,

und du bist gerettet!

Gedacht, gewagt. Ich zog die Maske ab und handelte jedesmal, wie

mir's ums Herz war. Narzissen hatte ich immer zärtlich lieb; aber das

Thermometer, das vorher im heißen Wasser gestanden, hing nun an der

natürlichen Luft; es konnte nicht höher steigen, als die Atmosphäre

warm war.

Unglücklicherweise erkältete sie sich sehr. Narziß fing an, sich

zurückzuziehen und fremd zu tun; das stand ihm frei; aber mein

Thermometer fiel, so wie er sich zurückzog. Meine Familie bemerkte es,

man befragte mich, man wollte sich verwundern. Ich erklärte mit

männlichem Trotz, daß ich mich bisher genug aufgeopfert habe, daß ich

bereit sei, noch ferner und bis ans Ende meines Lebens alle

Widerwärtigkeiten mit ihm zu teilen; daß ich aber für meine Handlungen

völlige Freiheit verlange, daß mein Tun und Lassen von meiner

überzeugung abhängen müsse; daß ich zwar niemals eigensinnig auf

meiner Meinung beharren, vielmehr jede Gründe gerne anhören wolle,

aber da es mein eignes Glück betreffe, müsse die Entscheidung von mir

abhängen, und keine Art von Zwang würde ich dulden. Sowenig das

Räsonnement des größten Arztes mich bewegen würde, eine sonst

vielleicht ganz gesunde und von vielen sehr geliebte Speise zu mir zu

nehmen, sobald mir meine Erfahrung bewiesen daß sie mir jederzeit

schädlich sei, wie ich den Gebrauch des Kaffees zum Beispiel anführen

könnte, sowenig und noch viel weniger würde ich mir irgend eine

Handlung, die mich verwirrte, als für mich moralisch zuträglich

aufdemonstrieren lassen.

Da ich mich so lange im stillen vorbereitet hatte, so waren mir die

Debatten hierüber eher angenehm als verdrießlich. Ich machte meinem

Herzen Luft und fühlte den ganzen Wert meines Entschlusses. Ich wich

nicht ein Haar breit, und wem ich nicht kindlichen Respekt schuldig

war, der wurde derb abgefertigt. In meinem Hause siegte ich bald.

Meine Mutter hatte von Jugend auf ähnliche Gesinnungen, nur waren sie

bei ihr nicht zur Reife gediehen; keine Not hatte sie gedrängt und den

Mut, ihre überzeugung durchzusetzen, erhöht. Sie freute sich, durch

mich ihre stillen Wünsche erfüllt zu sehen. Die jüngere Schwester

schien sich an mich anzuschließen; die zweite war aufmerksam und still.

Die Tante hatte am meisten einzuwenden. Die Gründe, die sie

vorbrachte, schienen ihr unwiderleglich und waren es auch, weil sie

ganz gemein waren. Ich war endlich genötigt, ihr zu zeigen, daß sie

in keinem Sinne eine Stimme in dieser Sache habe, und sie ließ nur

selten merken, daß sie auf ihrem Sinne verharre. Auch war sie die

einzige, die diese Begebenheit von nahem ansah und ganz ohne

Empfindung blieb. Ich tue ihr nicht zuviel, wenn ich sage, daß sie

kein Gemüt und die eingeschränktesten Begriffe hatte.

Der Vater benahm sich ganz seiner Denkart gemäß. Er sprach weniges,

aber öfter mit mir über die Sache, und seine Gründe waren verständig

und als seine Gründe unwiderleglich; nur das tiefe Gefühl meines

Rechts gab mir Stärke, gegen ihn zu disputieren. Aber bald

veränderten sich die Szenen; ich mußte an sein Herz Anspruch machen.

Gedrängt von seinem Verstande, brach ich in die affektvollsten

Vorstellungen aus. Ich ließ meiner Zunge und meinen Tränen freien

Lauf. Ich zeigte ihm, wie sehr ich Narzissen liebte und welchen Zwang

ich mir seit zwei Jahren angetan hatte, wie gewiß ich sei, daß ich

recht handle, daß ich bereit sei, diese Gewißheit mit dem Verlust des

geliebten Bräutigams und anscheinenden Glücks, ja wenn es nötig wäre,

mit Hab und Gut zu versiegeln; daß ich lieber mein Vaterland, Eltern

und Freunde verlassen und mein Brot in der Fremde verdienen als gegen

meine Einsichten handeln wolle. Er verbarg seine Rührung, schwieg

einige Zeit stille und erklärte sich endlich öffentlich für mich.

Narziß vermied seit jener Zeit unser Haus, und nun gab mein Vater die

wöchentliche Gesellschaft auf, in der sich dieser befand. Die Sache

machte Aufsehn bei Hofe und in der Stadt. Man sprach darüber wie

gewöhnlich in solchen Fällen, an denen das Publikum heftigen Teil zu

nehmen pflegt, weil es verwöhnt ist, auf die Entschließungen schwacher

Gemüter einigen Einfluß zu haben. Ich kannte die Welt genug und wußte,

daß man oft von ebenden Personen über das getadelt wird, wozu man

sich durch sie hat bereden lassen, und auch ohne das würden mir bei

meiner innern Verfassung alle solche vorübergehende Meinungen weniger

als nichts gewesen sein.

Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 6 · 第 6 / 11 题