Narziß, der eine Weile mit herumgesprungen war, kam auch einmal in
das Zimmer, in dem ich mich befand, und fing, nachdem er sich von
einem Nasenbluten, das ihn beim Tanzen überfiel, erholt hatte, mit mir
über mancherlei zu sprechen an. Binnen einer halben Stunde war der
Diskurs so interessant, ob sich gleich keine Spur von Zärtlichkeit
dreinmischte, daß wir nun beide das Tanzen nicht mehr vertragen
konnten. Wir wurden bald von den andern darüber geneckt, ohne daß wir
uns dadurch irremachen ließen. Den andern Abend konnten wir unser
Gespräch wieder anknüpfen und schonten unsre Gesundheit sehr.
Nun war die Bekanntschaft gemacht. Narziß wartete mir und meinen
Schwestern auf, und nun fing ich erst wieder an gewahr zu werden, was
ich alles wußte, worüber ich gedacht, was ich empfunden hatte und
worüber ich mich im Gespräche auszudrücken verstand. Mein neuer
Freund, der von jeher in der besten Gesellschaft gewesen war, hatte
außer dem historischen und politischen Fache, das er ganz übersah,
sehr ausgebreitete literarische Kenntnisse, und ihm blieb nichts Neues,
besonders was in Frankreich herauskam, unbekannt. Er brachte und
sendete mir manch angenehmes Buch, doch das mußte geheimer als ein
verbotenes Liebesverständnis gehalten werden. Man hatte die gelehrten
Weiber lächerlich gemacht, und man wollte auch die unterrichteten
nicht leiden, wahrscheinlich weil man für unhöflich hielt, so viel
unwissende Männer beschämen zu lassen. Selbst mein Vater, dem diese
neue Gelegenheit, meinen Geist auszubilden, sehr erwünscht war,
verlangte ausdrücklich, daß dieses literarische Kommerz ein Geheimnis
bleiben sollte.
So währte unser Umgang beinahe Jahr und Tag, und ich konnte nicht
sagen, daß Narziß auf irgendeine Weise Liebe oder Zärtlichkeit gegen
mich geäußert hätte. Er blieb artig und verbindlich, aber zeigte
keinen Affekt; vielmehr schien der Reiz meiner jüngsten Schwester, die
damals außerordentlich schön war, ihn nicht gleichgültig zu lassen.
Er gab ihr im Scherze allerlei freundliche Namen aus fremden Sprachen,
deren mehrere er sehr gut sprach und deren eigentümliche Redensarten
er gern ins deutsche Gespräch mischte. Sie erwiderte seine
Artigkeiten nicht sonderlich; sie war von einem andern Fädchen
gebunden, und da sie überhaupt sehr rasch und er empfindlich war, so
wurden sie nicht selten über Kleinigkeiten uneins. Mit der Mutter und
den Tanten wußte er sich gut zu halten, und so war er nach und nach
ein Glied der Familie geworden.
Wer weiß, wie lange wir noch auf diese Weise fortgelebt hätten, wären
durch einen sonderbaren Zufall unsere Verhältnisse nicht auf einmal
verändert worden. Ich ward mit meinen Schwestern in ein gewisses Haus
gebeten, wohin ich nicht gerne ging. Die Gesellschaft war zu gemischt,
und es fanden sich dort oft Menschen, wo nicht vom rohsten, doch vom
plattsten Schlage mit ein. Diesmal war Narziß auch mit geladen, und
um seinetwillen war ich geneigt hinzugehen: denn ich war doch gewiß,
jemanden zu finden, mit dem ich mich auf meine Weise unterhalten
konnte. Schon bei Tafel hatten wir manches auszustehen, denn einige
Männer hatten stark getrunken; nach Tische sollten und mußten Pfänder
gespielt werden. Es ging dabei sehr rauschend und lebhaft zu. Narziß
hatte ein Pfand zu lösen; man gab ihm auf, der ganzen Gesellschaft
etwas ins Ohr zu sagen, das jedermann angenehm wäre. Er mochte sich
bei meiner Nachbarin, der Frau eines Hauptmanns, zu lange verweilen.
Auf einmal gab ihm dieser eine Ohrfeige, daß mir, die ich gleich daran
saß, der Puder in die Augen flog. Als ich die Augen ausgewischt und
mich vom Schrecken einigermaßen erholt hatte, sah ich beide Männer mit
bloßen Degen. Narziß blutete, und der andere, außer sich von Wein,
Zorn und Eifersucht, konnte kaum von der ganzen übrigen Gesellschaft
zurückgehalten werden. Ich nahm Narzissen beim Arm und führte ihn zur
Türe hinaus, eine Treppe hinauf in ein ander Zimmer, und weil ich
meinen Freund vor seinem tollen Gegner nicht sicher glaubte, riegelte
ich die Türe sogleich zu.
Wir hielten beide die Wunde nicht für ernsthaft, denn wir sahen nur
einen leichten Hieb über die Hand; bald aber wurden wir einen Strom
von Blut, der den Rücken hinunterfloß, gewahr, und es zeigte sich eine
große Wunde auf dem Kopfe. Nun ward mir bange. Ich eilte auf den
Vorplatz, um nach Hülfe zu schicken, konnte aber niemand ansichtig
werden, denn alles war unten geblieben, den rasenden Menschen zu
bändigen. Endlich kam eine Tochter des Hauses heraufgesprungen, und
ihre Munterkeit ängstigte mich nicht wenig, da sie sich über den
tollen Spektakel und über die verfluchte Komödie fast zu Tode lachen
wollte. Ich bat sie dringend, mir einen Wundarzt zu schaffen, und sie,
nach ihrer wilden Art, sprang gleich die Treppe hinunter, selbst
einen zu holen.
Ich ging wieder zu meinem Verwundeten, band ihm mein Schnupftuch um
die Hand und ein Handtuch, das an der Türe hing, um den Kopf. Er
blutete noch immer heftig: der Verwundete erblaßte und schien in
Ohnmacht zu sinken. Niemand war in der Nähe, der mir hätte beistehen
können; ich nahm ihn sehr ungezwungen in den Arm und suchte ihn durch
Streicheln und Schmeicheln aufzumuntern. Es schien die Wirkung eines
geistigen Heilmittels zu tun; er blieb bei sich, aber saß totenbleich
da.
Nun kam endlich die tätige Hausfrau, und wie erschrak sie, als sie den
Freund in dieser Gestalt in meinen Armen liegen und uns alle beide mit
Blut überströmt sah: denn niemand hatte sich vorgestellt, daß Narziß
verwundet sei; alle meinten, ich habe ihn glücklich hinausgebracht.
Nun war Wein, wohlriechendes Wasser, und was nur erquicken und
erfrischen konnte, im überfluß da, nun kam auch der Wundarzt, und ich
hätte wohl abtreten können; allein Narziß hielt mich fest bei der Hand,
und ich wäre, ohne gehalten zu werden, stehengeblieben. Ich fuhr
während des Verbandes fort, ihn mit Wein anzustreichen, und achtete es
wenig, daß die ganze Gesellschaft nunmehr umherstand. Der Wundarzt
hatte geendigt, der Verwundete nahm einen stummen, verbindlichen
Abschied von mir und wurde nach Hause getragen.
Nun führte mich die Hausfrau in ihr Schlafzimmer; sie mußte mich ganz
auskleiden, und ich darf nicht verschweigen, daß ich, da man sein Blut
von meinem Körper abwusch, zum erstenmal zufällig im Spiegel gewahr
wurde, daß ich mich auch ohne Hülle für schön halten durfte. Ich
konnte keines meiner Kleidungsstücke wieder anziehn, und da die
Personen im Hause alle kleiner oder stärker waren als ich, so kam ich
in einer seltsamen Verkleidung zum größten Erstaunen meiner Eltern
nach Hause. Sie waren über mein Schrecken, über die Wunden des
Freundes, über den Unsinn des Hauptmanns, über den ganzen Vorfall
äußerst verdrießlich. Wenig fehlte, so hätte mein Vater selbst,
seinen Freund auf der Stelle zu rächen, den Hauptmann herausgefordert.
Er schalt die anwesenden Herren, daß sie ein solches meuchlerisches
Beginnen nicht auf der Stelle geahndet; denn es war nur zu offenbar,
daß der Hauptmann sogleich, nachdem er geschlagen, den Degen gezogen
und Narzissen von hinten verwundet habe; der Hieb über die Hand war
erst geführt worden, als Narziß selbst zum Degen griff. Ich war
unbeschreiblich alteriert und affiziert, oder wie soll ich es
ausdrücken; der Affekt, der im tiefsten Grunde des Herzens ruhte, war
auf einmal losgebrochen wie eine Flamme, welche Luft bekömmt. Und
wenn Lust und Freude sehr geschickt sind, die Liebe zuerst zu erzeugen
und im stillen zu nähren, so wird sie, die von Natur herzhaft ist,
durch den Schrecken am leichtesten angetrieben, sich zu entscheiden
und zu erklären. Man gab dem Töchterchen Arznei ein und legte es zu
Bette. Mit dem frühesten Morgen eilte mein Vater zu dem verwundeten
Freund, der an einem starken Wundfieber recht krank darniederlag.
Mein Vater sagte mir wenig von dem, was er mit ihm geredet hatte, und
suchte mich wegen der Folgen, die dieser Vorfall haben könnte, zu
beruhigen. Es war die Rede, ob man sich mit einer Abbitte begnügen
könne, ob die Sache gerichtlich werden müsse, und was dergleichen mehr
war. Ich kannte meinen Vater zu wohl, als daß ich ihm geglaubt hätte,
daß er diese Sache ohne Zweikampf geendigt zu sehen wünschte; allein
ich blieb still, denn ich hatte von meinem Vater früh gelernt, daß
Weiber in solche Händel sich nicht zu mischen hätten. übrigens schien
es nicht, als wenn zwischen den beiden Freunden etwas vorgefallen wäre,
das mich betroffen hätte; doch bald vertraute mein Vater den Inhalt
seiner weitern Unterredung meiner Mutter. Narziß, sagte er, sei
äußerst gerührt von meinem geleisteten Beistand, habe ihn umarmt, sich
für meinen ewigen Schuldner erklärt, bezeigt, er verlange kein Glück,
wenn er es nicht mit mir teilen sollte; er habe sich die Erlaubnis
ausgebeten, ihn als Vater ansehn zu dürfen. Mama sagte mir das alles
treulich wieder, hängte aber die wohlmeinende Erinnerung daran, auf so
etwas, das in der ersten Bewegung gesagt worden, dürfe man so sehr
nicht achten. "Ja freilich", antwortete ich mit angenommener Kälte
und fühlte der Himmel weiß was und wieviel dabei.
Narziß blieb zwei Monate krank, konnte wegen der Wunde an der rechten
Hand nicht einmal schreiben, bezeigte mir aber inzwischen sein
Andenken durch die verbindlichste Aufmerksamkeit. Alle diese mehr als
gewöhnlichen Höflichkeiten hielt ich mit dem, was ich von der Mutter
erfahren hatte, zusammen, und beständig war mein Kopf voller Grillen.
Die ganze Stadt unterhielt sich von der Begebenheit. Man sprach mit
mir davon in einem besondern Tone, man zog Folgerungen daraus, die,
sosehr ich sie abzulehnen suchte, mir immer sehr nahegingen. Was
vorher Tändelei und Gewohnheit gewesen war, ward nun Ernst und Neigung.
Die Unruhe, in der ich lebte, war um so heftiger, je sorgfältiger
ich sie vor allen Menschen zu verbergen suchte. Der Gedanke, ihn zu
verlieren, erschreckte mich, und die Möglichkeit einer nähern
Verbindung machte mich zittern. Der Gedanke des Ehestandes hat für
ein halbkluges Mädchen gewiß etwas Schreckhaftes.
Durch diese heftigen Erschütterungen ward ich wieder an mich selbst
erinnert. Die bunten Bilder eines zerstreuten Lebens, die mir sonst
Tag und Nacht vor den Augen schwebten, waren auf einmal weggeblasen.
Meine Seele fing wieder an, sich zu regen; allein die sehr
unterbrochene Bekanntschaft mit dem unsichtbaren Freunde war so leicht
nicht wiederhergestellt. Wir blieben noch immer in ziemlicher
Entfernung; es war wieder etwas, aber gegen sonst ein großer
Unterschied.
Ein Zweikampf, worin der Hauptmann stark verwundet wurde, war vorüber,
ohne daß ich etwas davon erfahren hatte, und die öffentliche Meinung
war in jedem Sinne auf der Seite meines Geliebten, der endlich wieder
auf dem Schauplatze erschien. Vor allen Dingen ließ er sich mit
verbundnem Haupt und eingewickelter Hand in unser Haus tragen. Wie
klopfte mir das Herz bei diesem Besuche! Die ganze Familie war
gegenwärtig; es blieb auf beiden Seiten nur bei allgemeinen
Danksagungen und Höflichkeiten; doch fand er Gelegenheit, mir einige
geheime Zeichen seiner Zärtlichkeit zu geben, wodurch meine Unruhe nur
zu sehr vermehrt ward. Nachdem er sich völlig wieder erholt, besuchte
er uns den ganzen Winter auf ebendem Fuß wie ehemals, und bei allen
leisen Zeichen von Empfindung und Liebe, die er mir gab, blieb alles
unerörtert.
Auf diese Weise ward ich in steter übung gehalten. Ich konnte mich
keinem Menschen vertrauen, und von Gott war ich zu weit entfernt. Ich
hatte diesen während vier wilder Jahre ganz vergessen; nun dachte ich
dann und wann wieder an ihn, aber die Bekanntschaft war erkaltet; es
waren nur Zeremonienvisiten, die ich ihm machte, und da ich überdies,
wenn ich vor ihm erschien, immer schöne Kleider anlegte, meine Tugend,
Ehrbarkeit und Vorzüge, die ich vor andern zu haben glaubte, ihm mit
Zufriedenheit vorwies, so schien er mich in dem Schmucke gar nicht zu
bemerken.
Ein Höfling würde, wenn sein Fürst, von dem er sein Glück erwartet,
sich so gegen ihn betrüge, sehr beunruhigt werden; mir aber war nicht
übel dabei zumute. Ich hatte, was ich brauchte, Gesundheit und
Bequemlichkeit; wollte sich Gott mein Andenken gefallen lassen, so war
es gut; wo nicht, so glaubte ich doch meine Schuldigkeit getan zu
haben.
So dachte ich freilich damals nicht von mir; aber es war doch die
wahrhafte Gestalt meiner Seele. Meine Gesinnungen zu ändern und zu
reinigen, waren aber auch schon Anstalten gemacht.
Der Frühling kam heran, und Narziß besuchte mich unangemeldet zu einer
Zeit, da ich ganz allein zu Hause war. Nun erschien er als Liebhaber
und fragte mich, ob ich ihm mein Herz und, wenn er eine ehrenvolle,
wohlbesoldete Stelle erhielte, auch dereinst meine Hand schenken
wollte.
Man hatte ihn zwar in unsre Dienste genommen; allein anfangs hielt man
ihn, weil man sich vor seinem Ehrgeiz fürchtete, mehr zurück, als daß
man ihn schnell emporgehoben hätte, und ließ ihn, weil er eignes
Vermögen hatte, bei einer kleinen Besoldung.
Bei aller meiner Neigung zu ihm wußte ich, daß er der Mann nicht war,
mit dem man ganz gerade handeln konnte. Ich nahm mich daher zusammen
und verwies ihn an meinen Vater, an dessen Einwilligung er nicht zu
zweifeln schien und mit mir erst auf der Stelle einig sein wollte.
Endlich sagte ich ja, indem ich die Beistimmung meiner Eltern zur
notwendigen Bedingung machte. Er sprach alsdann mit beiden förmlich;
sie zeigten ihre Zufriedenheit, man gab sich das Wort auf den bald zu
hoffenden Fall, daß man ihn weiter avancieren werde. Schwestern und
Tanten wurden davon benachrichtigt und ihnen das Geheimnis auf das
strengste anbefohlen.
Nun war aus einem Liebhaber ein Bräutigam geworden. Die
Verschiedenheit zwischen beiden zeigte sich sehr groß. Könnte jemand
die Liebhaber aller wohldenkenden Mädchen in Bräutigame verwandeln, so
wäre es eine große Wohltat für unser Geschlecht, selbst wenn auf
dieses Verhältnis keine Ehe erfolgen sollte. Die Liebe zwischen
beiden Personen nimmt dadurch nicht ab, aber sie wird vernünftiger.
Unzählige kleine Torheiten, alle Koketterien und Launen fallen gleich
hinweg. äußert uns der Bräutigam, daß wir ihm in einer Morgenhaube
besser als in dem schönsten Aufsatze gefallen, dann wird einem
wohldenkenden Mädchen gewiß die Frisur gleichgültig, und es ist nichts
natürlicher, als daß er auch solid denkt und lieber sich eine Hausfrau
als der Welt eine Putzdocke zu bilden wünscht. Und so geht es durch
alle Fächer durch.
Hat ein solches Mädchen dabei das Glück, daß ihr Bräutigam Verstand
und Kenntnisse besitzt, so lernt sie mehr, als hohe Schulen und fremde
Länder geben können. Sie nimmt nicht nur alle Bildung gern an, die er
ihr gibt, sondern sie sucht sich auch auf diesem Wege so immer
weiterzubringen. Die Liebe macht vieles Unmögliche möglich, und
endlich geht die dem weiblichen Geschlecht so nötige und anständige
Unterwerfung sogleich an; der Bräutigam herrscht nicht wie der Ehemann;
er bittet nur, und seine Geliebte sucht ihm abzumerken, was er
wünscht, um es noch eher zu vollbringen, als er bittet.
So hat mich die Erfahrung gelehrt, was ich nicht um vieles missen
möchte. Ich war glücklich, wahrhaft glücklich, wie man es in der Welt
sein kann, das heißt auf kurze Zeit.
Ein Sommer ging unter diesen stillen Freuden hin. Narziß gab mir
nicht die mindeste Gelegenheit zu Beschwerden; er ward mir immer
lieber, meine ganze Seele hing an ihm, das wußte er wohl und wußte es
zu schätzen. Inzwischen entspann sich aus anscheinenden Kleinigkeiten
etwas, das unserm Verhältnisse nach und nach schädlich wurde.
Narziß ging als Bräutigam mit mir um, und nie wagte er es, das von mir
zu begehren, was uns noch verboten war. Allein über die Grenzen der
Tugend und Sittsamkeit waren wir sehr verschiedener Meinung. Ich
wollte sichergehen und erlaubte durchaus keine Freiheit, als welche
allenfalls die ganze Welt hätte wissen dürfen. Er, an Näschereien
gewöhnt, fand diese Diät sehr streng; hier setzte es nun beständigen
Widerspruch; er lobte mein Verhalten und suchte meinen Entschluß zu
untergraben.
Mir fiel das "ernsthaft" meines alten Sprachmeisters wieder ein und
zugleich das Hülfsmittel, das ich damals dagegen angegeben hatte.
Mit Gott war ich wieder ein wenig bekannter geworden. Er hatte mir so
einen lieben Bräutigam gegeben, und dafür wußte ich ihm Dank. Die
irdische Liebe selbst konzentrierte meinen Geist und setzte ihn in
Bewegung, und meine Beschäftigung mit Gott widersprach ihr nicht.
Ganz natürlich klagte ich ihm, was mich bange machte, und bemerkte
nicht, daß ich selbst das, was mich bange machte, wünschte und
begehrte. Ich kam mir sehr stark vor und betete nicht etwa: "Bewahre
mich vor Versuchung!" über die Versuchung war ich meinen Gedanken nach
weit hinaus. In diesem losen Flitterschmuck eigner Tugend erschien
ich dreist vor Gott; er stieß mich nicht weg; auf die geringste
Bewegung zu ihm hinterließ er einen sanften Eindruck in meiner Seele,
und dieser Eindruck bewegte mich, ihn immer wieder aufzusuchen.