VI. Buch--2

Narziß, der eine Weile mit herumgesprungen war, kam auch einmal in

das Zimmer, in dem ich mich befand, und fing, nachdem er sich von

einem Nasenbluten, das ihn beim Tanzen überfiel, erholt hatte, mit mir

über mancherlei zu sprechen an. Binnen einer halben Stunde war der

Diskurs so interessant, ob sich gleich keine Spur von Zärtlichkeit

dreinmischte, daß wir nun beide das Tanzen nicht mehr vertragen

konnten. Wir wurden bald von den andern darüber geneckt, ohne daß wir

uns dadurch irremachen ließen. Den andern Abend konnten wir unser

Gespräch wieder anknüpfen und schonten unsre Gesundheit sehr.

Nun war die Bekanntschaft gemacht. Narziß wartete mir und meinen

Schwestern auf, und nun fing ich erst wieder an gewahr zu werden, was

ich alles wußte, worüber ich gedacht, was ich empfunden hatte und

worüber ich mich im Gespräche auszudrücken verstand. Mein neuer

Freund, der von jeher in der besten Gesellschaft gewesen war, hatte

außer dem historischen und politischen Fache, das er ganz übersah,

sehr ausgebreitete literarische Kenntnisse, und ihm blieb nichts Neues,

besonders was in Frankreich herauskam, unbekannt. Er brachte und

sendete mir manch angenehmes Buch, doch das mußte geheimer als ein

verbotenes Liebesverständnis gehalten werden. Man hatte die gelehrten

Weiber lächerlich gemacht, und man wollte auch die unterrichteten

nicht leiden, wahrscheinlich weil man für unhöflich hielt, so viel

unwissende Männer beschämen zu lassen. Selbst mein Vater, dem diese

neue Gelegenheit, meinen Geist auszubilden, sehr erwünscht war,

verlangte ausdrücklich, daß dieses literarische Kommerz ein Geheimnis

bleiben sollte.

So währte unser Umgang beinahe Jahr und Tag, und ich konnte nicht

sagen, daß Narziß auf irgendeine Weise Liebe oder Zärtlichkeit gegen

mich geäußert hätte. Er blieb artig und verbindlich, aber zeigte

keinen Affekt; vielmehr schien der Reiz meiner jüngsten Schwester, die

damals außerordentlich schön war, ihn nicht gleichgültig zu lassen.

Er gab ihr im Scherze allerlei freundliche Namen aus fremden Sprachen,

deren mehrere er sehr gut sprach und deren eigentümliche Redensarten

er gern ins deutsche Gespräch mischte. Sie erwiderte seine

Artigkeiten nicht sonderlich; sie war von einem andern Fädchen

gebunden, und da sie überhaupt sehr rasch und er empfindlich war, so

wurden sie nicht selten über Kleinigkeiten uneins. Mit der Mutter und

den Tanten wußte er sich gut zu halten, und so war er nach und nach

ein Glied der Familie geworden.

Wer weiß, wie lange wir noch auf diese Weise fortgelebt hätten, wären

durch einen sonderbaren Zufall unsere Verhältnisse nicht auf einmal

verändert worden. Ich ward mit meinen Schwestern in ein gewisses Haus

gebeten, wohin ich nicht gerne ging. Die Gesellschaft war zu gemischt,

und es fanden sich dort oft Menschen, wo nicht vom rohsten, doch vom

plattsten Schlage mit ein. Diesmal war Narziß auch mit geladen, und

um seinetwillen war ich geneigt hinzugehen: denn ich war doch gewiß,

jemanden zu finden, mit dem ich mich auf meine Weise unterhalten

konnte. Schon bei Tafel hatten wir manches auszustehen, denn einige

Männer hatten stark getrunken; nach Tische sollten und mußten Pfänder

gespielt werden. Es ging dabei sehr rauschend und lebhaft zu. Narziß

hatte ein Pfand zu lösen; man gab ihm auf, der ganzen Gesellschaft

etwas ins Ohr zu sagen, das jedermann angenehm wäre. Er mochte sich

bei meiner Nachbarin, der Frau eines Hauptmanns, zu lange verweilen.

Auf einmal gab ihm dieser eine Ohrfeige, daß mir, die ich gleich daran

saß, der Puder in die Augen flog. Als ich die Augen ausgewischt und

mich vom Schrecken einigermaßen erholt hatte, sah ich beide Männer mit

bloßen Degen. Narziß blutete, und der andere, außer sich von Wein,

Zorn und Eifersucht, konnte kaum von der ganzen übrigen Gesellschaft

zurückgehalten werden. Ich nahm Narzissen beim Arm und führte ihn zur

Türe hinaus, eine Treppe hinauf in ein ander Zimmer, und weil ich

meinen Freund vor seinem tollen Gegner nicht sicher glaubte, riegelte

ich die Türe sogleich zu.

Wir hielten beide die Wunde nicht für ernsthaft, denn wir sahen nur

einen leichten Hieb über die Hand; bald aber wurden wir einen Strom

von Blut, der den Rücken hinunterfloß, gewahr, und es zeigte sich eine

große Wunde auf dem Kopfe. Nun ward mir bange. Ich eilte auf den

Vorplatz, um nach Hülfe zu schicken, konnte aber niemand ansichtig

werden, denn alles war unten geblieben, den rasenden Menschen zu

bändigen. Endlich kam eine Tochter des Hauses heraufgesprungen, und

ihre Munterkeit ängstigte mich nicht wenig, da sie sich über den

tollen Spektakel und über die verfluchte Komödie fast zu Tode lachen

wollte. Ich bat sie dringend, mir einen Wundarzt zu schaffen, und sie,

nach ihrer wilden Art, sprang gleich die Treppe hinunter, selbst

einen zu holen.

Ich ging wieder zu meinem Verwundeten, band ihm mein Schnupftuch um

die Hand und ein Handtuch, das an der Türe hing, um den Kopf. Er

blutete noch immer heftig: der Verwundete erblaßte und schien in

Ohnmacht zu sinken. Niemand war in der Nähe, der mir hätte beistehen

können; ich nahm ihn sehr ungezwungen in den Arm und suchte ihn durch

Streicheln und Schmeicheln aufzumuntern. Es schien die Wirkung eines

geistigen Heilmittels zu tun; er blieb bei sich, aber saß totenbleich

da.

Nun kam endlich die tätige Hausfrau, und wie erschrak sie, als sie den

Freund in dieser Gestalt in meinen Armen liegen und uns alle beide mit

Blut überströmt sah: denn niemand hatte sich vorgestellt, daß Narziß

verwundet sei; alle meinten, ich habe ihn glücklich hinausgebracht.

Nun war Wein, wohlriechendes Wasser, und was nur erquicken und

erfrischen konnte, im überfluß da, nun kam auch der Wundarzt, und ich

hätte wohl abtreten können; allein Narziß hielt mich fest bei der Hand,

und ich wäre, ohne gehalten zu werden, stehengeblieben. Ich fuhr

während des Verbandes fort, ihn mit Wein anzustreichen, und achtete es

wenig, daß die ganze Gesellschaft nunmehr umherstand. Der Wundarzt

hatte geendigt, der Verwundete nahm einen stummen, verbindlichen

Abschied von mir und wurde nach Hause getragen.

Nun führte mich die Hausfrau in ihr Schlafzimmer; sie mußte mich ganz

auskleiden, und ich darf nicht verschweigen, daß ich, da man sein Blut

von meinem Körper abwusch, zum erstenmal zufällig im Spiegel gewahr

wurde, daß ich mich auch ohne Hülle für schön halten durfte. Ich

konnte keines meiner Kleidungsstücke wieder anziehn, und da die

Personen im Hause alle kleiner oder stärker waren als ich, so kam ich

in einer seltsamen Verkleidung zum größten Erstaunen meiner Eltern

nach Hause. Sie waren über mein Schrecken, über die Wunden des

Freundes, über den Unsinn des Hauptmanns, über den ganzen Vorfall

äußerst verdrießlich. Wenig fehlte, so hätte mein Vater selbst,

seinen Freund auf der Stelle zu rächen, den Hauptmann herausgefordert.

Er schalt die anwesenden Herren, daß sie ein solches meuchlerisches

Beginnen nicht auf der Stelle geahndet; denn es war nur zu offenbar,

daß der Hauptmann sogleich, nachdem er geschlagen, den Degen gezogen

und Narzissen von hinten verwundet habe; der Hieb über die Hand war

erst geführt worden, als Narziß selbst zum Degen griff. Ich war

unbeschreiblich alteriert und affiziert, oder wie soll ich es

ausdrücken; der Affekt, der im tiefsten Grunde des Herzens ruhte, war

auf einmal losgebrochen wie eine Flamme, welche Luft bekömmt. Und

wenn Lust und Freude sehr geschickt sind, die Liebe zuerst zu erzeugen

und im stillen zu nähren, so wird sie, die von Natur herzhaft ist,

durch den Schrecken am leichtesten angetrieben, sich zu entscheiden

und zu erklären. Man gab dem Töchterchen Arznei ein und legte es zu

Bette. Mit dem frühesten Morgen eilte mein Vater zu dem verwundeten

Freund, der an einem starken Wundfieber recht krank darniederlag.

Mein Vater sagte mir wenig von dem, was er mit ihm geredet hatte, und

suchte mich wegen der Folgen, die dieser Vorfall haben könnte, zu

beruhigen. Es war die Rede, ob man sich mit einer Abbitte begnügen

könne, ob die Sache gerichtlich werden müsse, und was dergleichen mehr

war. Ich kannte meinen Vater zu wohl, als daß ich ihm geglaubt hätte,

daß er diese Sache ohne Zweikampf geendigt zu sehen wünschte; allein

ich blieb still, denn ich hatte von meinem Vater früh gelernt, daß

Weiber in solche Händel sich nicht zu mischen hätten. übrigens schien

es nicht, als wenn zwischen den beiden Freunden etwas vorgefallen wäre,

das mich betroffen hätte; doch bald vertraute mein Vater den Inhalt

seiner weitern Unterredung meiner Mutter. Narziß, sagte er, sei

äußerst gerührt von meinem geleisteten Beistand, habe ihn umarmt, sich

für meinen ewigen Schuldner erklärt, bezeigt, er verlange kein Glück,

wenn er es nicht mit mir teilen sollte; er habe sich die Erlaubnis

ausgebeten, ihn als Vater ansehn zu dürfen. Mama sagte mir das alles

treulich wieder, hängte aber die wohlmeinende Erinnerung daran, auf so

etwas, das in der ersten Bewegung gesagt worden, dürfe man so sehr

nicht achten. "Ja freilich", antwortete ich mit angenommener Kälte

und fühlte der Himmel weiß was und wieviel dabei.

Narziß blieb zwei Monate krank, konnte wegen der Wunde an der rechten

Hand nicht einmal schreiben, bezeigte mir aber inzwischen sein

Andenken durch die verbindlichste Aufmerksamkeit. Alle diese mehr als

gewöhnlichen Höflichkeiten hielt ich mit dem, was ich von der Mutter

erfahren hatte, zusammen, und beständig war mein Kopf voller Grillen.

Die ganze Stadt unterhielt sich von der Begebenheit. Man sprach mit

mir davon in einem besondern Tone, man zog Folgerungen daraus, die,

sosehr ich sie abzulehnen suchte, mir immer sehr nahegingen. Was

vorher Tändelei und Gewohnheit gewesen war, ward nun Ernst und Neigung.

Die Unruhe, in der ich lebte, war um so heftiger, je sorgfältiger

ich sie vor allen Menschen zu verbergen suchte. Der Gedanke, ihn zu

verlieren, erschreckte mich, und die Möglichkeit einer nähern

Verbindung machte mich zittern. Der Gedanke des Ehestandes hat für

ein halbkluges Mädchen gewiß etwas Schreckhaftes.

Durch diese heftigen Erschütterungen ward ich wieder an mich selbst

erinnert. Die bunten Bilder eines zerstreuten Lebens, die mir sonst

Tag und Nacht vor den Augen schwebten, waren auf einmal weggeblasen.

Meine Seele fing wieder an, sich zu regen; allein die sehr

unterbrochene Bekanntschaft mit dem unsichtbaren Freunde war so leicht

nicht wiederhergestellt. Wir blieben noch immer in ziemlicher

Entfernung; es war wieder etwas, aber gegen sonst ein großer

Unterschied.

Ein Zweikampf, worin der Hauptmann stark verwundet wurde, war vorüber,

ohne daß ich etwas davon erfahren hatte, und die öffentliche Meinung

war in jedem Sinne auf der Seite meines Geliebten, der endlich wieder

auf dem Schauplatze erschien. Vor allen Dingen ließ er sich mit

verbundnem Haupt und eingewickelter Hand in unser Haus tragen. Wie

klopfte mir das Herz bei diesem Besuche! Die ganze Familie war

gegenwärtig; es blieb auf beiden Seiten nur bei allgemeinen

Danksagungen und Höflichkeiten; doch fand er Gelegenheit, mir einige

geheime Zeichen seiner Zärtlichkeit zu geben, wodurch meine Unruhe nur

zu sehr vermehrt ward. Nachdem er sich völlig wieder erholt, besuchte

er uns den ganzen Winter auf ebendem Fuß wie ehemals, und bei allen

leisen Zeichen von Empfindung und Liebe, die er mir gab, blieb alles

unerörtert.

Auf diese Weise ward ich in steter übung gehalten. Ich konnte mich

keinem Menschen vertrauen, und von Gott war ich zu weit entfernt. Ich

hatte diesen während vier wilder Jahre ganz vergessen; nun dachte ich

dann und wann wieder an ihn, aber die Bekanntschaft war erkaltet; es

waren nur Zeremonienvisiten, die ich ihm machte, und da ich überdies,

wenn ich vor ihm erschien, immer schöne Kleider anlegte, meine Tugend,

Ehrbarkeit und Vorzüge, die ich vor andern zu haben glaubte, ihm mit

Zufriedenheit vorwies, so schien er mich in dem Schmucke gar nicht zu

bemerken.

Ein Höfling würde, wenn sein Fürst, von dem er sein Glück erwartet,

sich so gegen ihn betrüge, sehr beunruhigt werden; mir aber war nicht

übel dabei zumute. Ich hatte, was ich brauchte, Gesundheit und

Bequemlichkeit; wollte sich Gott mein Andenken gefallen lassen, so war

es gut; wo nicht, so glaubte ich doch meine Schuldigkeit getan zu

haben.

So dachte ich freilich damals nicht von mir; aber es war doch die

wahrhafte Gestalt meiner Seele. Meine Gesinnungen zu ändern und zu

reinigen, waren aber auch schon Anstalten gemacht.

Der Frühling kam heran, und Narziß besuchte mich unangemeldet zu einer

Zeit, da ich ganz allein zu Hause war. Nun erschien er als Liebhaber

und fragte mich, ob ich ihm mein Herz und, wenn er eine ehrenvolle,

wohlbesoldete Stelle erhielte, auch dereinst meine Hand schenken

wollte.

Man hatte ihn zwar in unsre Dienste genommen; allein anfangs hielt man

ihn, weil man sich vor seinem Ehrgeiz fürchtete, mehr zurück, als daß

man ihn schnell emporgehoben hätte, und ließ ihn, weil er eignes

Vermögen hatte, bei einer kleinen Besoldung.

Bei aller meiner Neigung zu ihm wußte ich, daß er der Mann nicht war,

mit dem man ganz gerade handeln konnte. Ich nahm mich daher zusammen

und verwies ihn an meinen Vater, an dessen Einwilligung er nicht zu

zweifeln schien und mit mir erst auf der Stelle einig sein wollte.

Endlich sagte ich ja, indem ich die Beistimmung meiner Eltern zur

notwendigen Bedingung machte. Er sprach alsdann mit beiden förmlich;

sie zeigten ihre Zufriedenheit, man gab sich das Wort auf den bald zu

hoffenden Fall, daß man ihn weiter avancieren werde. Schwestern und

Tanten wurden davon benachrichtigt und ihnen das Geheimnis auf das

strengste anbefohlen.

Nun war aus einem Liebhaber ein Bräutigam geworden. Die

Verschiedenheit zwischen beiden zeigte sich sehr groß. Könnte jemand

die Liebhaber aller wohldenkenden Mädchen in Bräutigame verwandeln, so

wäre es eine große Wohltat für unser Geschlecht, selbst wenn auf

dieses Verhältnis keine Ehe erfolgen sollte. Die Liebe zwischen

beiden Personen nimmt dadurch nicht ab, aber sie wird vernünftiger.

Unzählige kleine Torheiten, alle Koketterien und Launen fallen gleich

hinweg. äußert uns der Bräutigam, daß wir ihm in einer Morgenhaube

besser als in dem schönsten Aufsatze gefallen, dann wird einem

wohldenkenden Mädchen gewiß die Frisur gleichgültig, und es ist nichts

natürlicher, als daß er auch solid denkt und lieber sich eine Hausfrau

als der Welt eine Putzdocke zu bilden wünscht. Und so geht es durch

alle Fächer durch.

Hat ein solches Mädchen dabei das Glück, daß ihr Bräutigam Verstand

und Kenntnisse besitzt, so lernt sie mehr, als hohe Schulen und fremde

Länder geben können. Sie nimmt nicht nur alle Bildung gern an, die er

ihr gibt, sondern sie sucht sich auch auf diesem Wege so immer

weiterzubringen. Die Liebe macht vieles Unmögliche möglich, und

endlich geht die dem weiblichen Geschlecht so nötige und anständige

Unterwerfung sogleich an; der Bräutigam herrscht nicht wie der Ehemann;

er bittet nur, und seine Geliebte sucht ihm abzumerken, was er

wünscht, um es noch eher zu vollbringen, als er bittet.

So hat mich die Erfahrung gelehrt, was ich nicht um vieles missen

möchte. Ich war glücklich, wahrhaft glücklich, wie man es in der Welt

sein kann, das heißt auf kurze Zeit.

Ein Sommer ging unter diesen stillen Freuden hin. Narziß gab mir

nicht die mindeste Gelegenheit zu Beschwerden; er ward mir immer

lieber, meine ganze Seele hing an ihm, das wußte er wohl und wußte es

zu schätzen. Inzwischen entspann sich aus anscheinenden Kleinigkeiten

etwas, das unserm Verhältnisse nach und nach schädlich wurde.

Narziß ging als Bräutigam mit mir um, und nie wagte er es, das von mir

zu begehren, was uns noch verboten war. Allein über die Grenzen der

Tugend und Sittsamkeit waren wir sehr verschiedener Meinung. Ich

wollte sichergehen und erlaubte durchaus keine Freiheit, als welche

allenfalls die ganze Welt hätte wissen dürfen. Er, an Näschereien

gewöhnt, fand diese Diät sehr streng; hier setzte es nun beständigen

Widerspruch; er lobte mein Verhalten und suchte meinen Entschluß zu

untergraben.

Mir fiel das "ernsthaft" meines alten Sprachmeisters wieder ein und

zugleich das Hülfsmittel, das ich damals dagegen angegeben hatte.

Mit Gott war ich wieder ein wenig bekannter geworden. Er hatte mir so

einen lieben Bräutigam gegeben, und dafür wußte ich ihm Dank. Die

irdische Liebe selbst konzentrierte meinen Geist und setzte ihn in

Bewegung, und meine Beschäftigung mit Gott widersprach ihr nicht.

Ganz natürlich klagte ich ihm, was mich bange machte, und bemerkte

nicht, daß ich selbst das, was mich bange machte, wünschte und

begehrte. Ich kam mir sehr stark vor und betete nicht etwa: "Bewahre

mich vor Versuchung!" über die Versuchung war ich meinen Gedanken nach

weit hinaus. In diesem losen Flitterschmuck eigner Tugend erschien

ich dreist vor Gott; er stieß mich nicht weg; auf die geringste

Bewegung zu ihm hinterließ er einen sanften Eindruck in meiner Seele,

und dieser Eindruck bewegte mich, ihn immer wieder aufzusuchen.

Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 6 · 第 5 / 11 题