daß sein Vater daran dachte, es zu unterbrechen. Stumm vor Verwirrung,
durch Schrecken und Verzweiflung im Innersten seines Herzens ergriffen,
saß er unbeweglich in seinem Lehnstuhle da. Die unbegreifliche
Uebereinstimmung zwischen dem, was er selbst gesehen hatte und was seine
Tochter ihm jetzt erzählte, versetzte ihn in einen Wirrwarr von
Gedanken, aus welchem er sich nicht wieder herausfinden konnte. Zum
ersten Male unterlag er einem abergläubischen Schrecken. Indessen stand
Julie noch immer vor ihm, seine Antwort erwartend, und er brach endlich
das Stillschweigen, indem er mit bewegter Stimme ihr für die Mittheilung
der nächtlichen Scene dankte.
»Du mußt, sagte er, diesen Traum als eine Wohlthat Gottes betrachten. Er
hat dich dadurch belehren wollen, daß deine Mutter und dein Bruder vom
Himmel herab dich vor dem Dämon beschützen werden, das heißt, vor der
Sünde; dieß ist der Sinn der Worte, die du gehört hast.«
-- O, lieber Vater, ich schlief nicht, als sie in mein Zimmer kamen. Von
der Sünde haben sie mir nichts gesagt, sondern bloß von einem
abscheulichen Wesen, das uns alle verderben will, und das sie einen
_Vampyr_ nannten. Ich weiß recht gut, was dieß ist; denn der arme Werner
hat uns von diesen bösen Geistern erzählt. Ich habe noch jedes Wort
behalten, denn die Vampyre ... --
»Mein Kind, ich kenne ihre Geschichte besser als du; aber man hätte sie
dir ersparen sollen, weil dadurch deine Einbildungskraft erhitzt wurde,
und dieß vielleicht die Ursache deines Traumes ist. Glaube mir, Julchen,
vergiß ihn gänzlich; denn man würde dich auslachen, wenn du davon
erzähltest; man würde dich für ein kleines furchtsames Mädchen halten,
oder dich wohl gar der Lüge beschuldigen, wenn du behauptest, nicht
geschlafen zu haben. Was mich betrifft, so zweifle ich nicht an deiner
Wahrheitsliebe; du glaubtest wirklich zu sehen, was doch nur Täuschung
war; vor allen Dingen aber bitte ich, gegen Lodoiska darüber das tiefste
Stillschweigen zu beobachten.«
-- O, sei unbesorgt, lieber Vater, ich weiß es schon, daß ich ihr nichts
davon sagen darf. Wilhelm hat es mir sehr dringend anempfohlen; denn er
behauptet, sie sei meine ärgste Todfeindin. --
Dieser neue Schlag verwundete den Obersten mitten im Herzen. Er sprang
heftig auf und entließ seine Tochter, um sich wieder zu sammeln.
Unerklärlich war es ihm, wie so viel Seltsames so genau übereinstimmen,
wie es möglich sei, daß ein Traum eines Kindes so viel Wahres enthalten
könne. Ach, er selbst hatte die Erfahrung gemacht, daß eine Stiefmutter
fast immer die Feindin der Kinder ist, die sie nicht selbst geboren hat.
Sein eigener Vater hatte sich zum zweiten Male verheirathet, und seine
ganze Jugend wurde deßhalb durch täglichen Zank, ungerechte
Beschuldigungen, und Versuche, ihn mit seinem Vater zu entzweien oder
ihm den größten Theil seines Vermögens zu entziehen, vergiftet. Zum
ersten Male dachte er jetzt an das Unrecht, was er seiner Tochter
zufügen würde, wenn er sich jemals wieder vermählte, und die väterliche
Zärtlichkeit erhob einen neuen Kampf in seinem Herzen.
Nicht ohne das größte Erstaunen sahe er zur Frühstückszeit Lodoiska in's
Speisezimmer treten. Sie schien zeigen zu wollen, daß sie jetzt völlig
zufrieden sei, aber dennoch blickte ein tiefer Verdruß durch ihre
verstellte Freude. Die kleine Julie sahe sie mit dem finsteren Ausdruck
des heftigsten Zornes an, aber nur, wenn Alfred's Blicke nicht auf sie
gerichtet waren. Sie scherzte über ihre lange Zurückgezogenheit, und
sagte, daß sie von nun an ihren Schmerz zwar nicht vergessen, aber doch
zerstreuen wolle. Sie ließ ihren Verstand mit so vielem Vortheile
glänzen, und betrug sich so liebenswürdig, daß der Oberst, anfangs auf
seiner Hut, dennoch bald dem Einflusse nachgab, den sie über ihn ausüben
wollte. Die Vergangenheit stellte sich gänzlich in den Hintergrund.
Alfred sah in Lodoiska nur das Mädchen seiner ersten heftigsten Liebe,
und sein Entzücken stieg auf's Höchste, als sie ihre Harfe nahm, und
durch ihre hinreißende Stimme ihn gleichsam aus den Grenzen des
irdischen Daseins hinauszauberte.
In diesem Augenblicke war Wildenau, den man übrigens gar nicht
erwartete, im Schlosse angekommen. Voll Erstaunen, harmonische Töne an
einem Orte zu hören, wo die äußern Zeichen der Trauer noch nicht
verschwunden waren, stand er in dem Vorzimmer still, und ein der offenen
Thür gegenüberhängender Spiegel zeigte ihm, was vorging. Der Arzt kam in
der Absicht, sich mit dem Obersten in Betreff Lodoiska's eine Erklärung
zu verschaffen; was er aber jetzt sahe, überhob ihn jeder weiteren
Unterhaltung über diesen Gegenstand. Das Entzücken des Obersten, die
Blicke Lodoiska's, die so leicht zu erkennende Uebereinstimmung zweier
gleichfühlenden Herzen, Alles gab ihm den Beweis, daß beide schon durch
eine frühere Liebe vereinigt gewesen. Bei diesem Gedanken entstand der
fürchterlichste Verdacht in seinem Herzen; doch unterdrückte er ihn
wieder voller Scham vor sich selbst. An der Rechtschaffenheit des
Obersten konnte er nicht zweifeln; aber die finstere, wilde Lodoiska
flößte ihm nicht ein gleiches Vertrauen ein, und mancherlei Geheimnisse
erklärten sich ihm jetzt so deutlich, daß er davor schauderte.
Lodoiska hörte jetzt auf zu singen, und nun hielt es Wildenau für
passend, sich zu zeigen. Seine Gegenwart schien der Fremden höchst
ungelegen zu sein, daher sie bald darauf die Gesellschaft verließ, und
der Oberst, dadurch gewissermaßen dem Arzte Preis gegeben, fühlte sich
in großer Verlegenheit, so daß er sogleich wünschte, ein neuer Besuch
möchte ihm zu Hülfe kommen. Aber es geschah nicht, und der Arzt, der
seinen Zustand sehr genau beobachtete, fühlte Mitleiden mit ihm, so daß
er seiner Verwirrung ein Ende machen wollte, und ohne weitere Umschweife
seinen Angriff begann:
»Sie sind ein Mann von Ehre, Herr Oberst, und ich glaube einiges Recht
auf Ihre Achtung zu haben. Haben Sie daher die Güte, mir nur eine
einzige Frage zu beantworten; sie enthält nichts Feindseliges, sondern
soll nur dazu dienen, mein künftiges Betragen zu bestimmen. Haben Sie
die schöne Fremde schon gekannt, ehe sie zum ersten Male in dieser
Gegend erschien?«
-- Herr Doktor, antwortete der Oberst sehr bewegt, wenn jeder Andere
mich so fragte, so würde ich gegen ihn ein vollkommenes Stillschweigen
beobachten. Aber ich weiß, wie sehr ich mich gegen Sie vergangen habe,
und ich kann mein Unrecht nur durch meine Aufrichtigkeit wieder gut
machen. Lodoiska war das erste weibliche Wesen, das mir Liebe einflößte.
Ich befand mich damals in ihrem Vaterlande; ich konnte über ihre Tugend
nicht siegen, und dennoch vergaß ich sie, nachdem ich ihr das
feierlichste Versprechen gegeben hatte, sie zur Gattin zu nehmen. Aber
sie leistete nicht auf mich Verzicht, sondern hat mich bis hierher nach
Deutschland verfolgt; so lange indessen meine unglückliche Frau gelebt
hat, ermuthigte ich ihre Leidenschaft auf keine Weise. Dieß, schwöre ich
Ihnen, ist reine Wahrheit. --
»Es ist genug, Herr Oberst, mehr verlange ich nicht; nur hätten Sie
vielleicht mit diesem Geständniß gegen mich nicht so lange zögern
sollen.«
-- Konnte ich anders? Ist das Geheimniß anderer Menschen auch das
unsrige, und konnte ich daher das Geheimniß Lodoiska's wider ihren
Willen entdecken? Jetzt habe ich es nur für Sie allein entschleiert, und
ich hoffe, Sie werden es Niemanden anvertrauen. --
»Leben Sie wohl, Herr Oberst; möchten Sie glücklich sein! Möge die
Zukunft Sie die Vergangenheit nicht vermissen lassen.«
Nach diesen Worten entfernte sich Wildenau, ungeachtet der dringenden
Bitten des Obersten, zum Mittagsessen da zu bleiben.
»Nein! sagte er; erlauben Sie, daß ich mich entferne; denn ich darf
durch meine Gegenwart der Fremden keine unangenehmen Empfindungen
verursachen. Sie würde in meiner Gesellschaft nur verlegen, ich aber
keinesweges bei ihr in guter Laune sein. Nochmals, leben Sie wohl!
Empfangen Sie meine aufrichtigsten Wünsche für Ihr Glück.«
Diese Worte des Arztes waren ohne Zweifel sehr natürlich und der Sache
völlig angemessen; aber dennoch glaubte der Oberst darin eine Art von
Vorwurf zu erblicken, der ihn in Unmuth setzte. Er unterdrückte ihn
indessen, indem er das vermeintliche Bittere in dem Betragen seines
Freundes auf Rechnung seiner verschmäheten Liebe verzeihen zu müssen
glaubte.
Mehrere Wochen vergingen nach dieser Unterhaltung, und Lobenthal, der
sich immer mehr seiner Neigung hingab, machte die jungfräuliche Lodoiska
zum zweiten Male zur Gebieterin seines Herzens. Diese schien bald
überaus glücklich zu sein, bald sich wieder ihrer wilden Schwermuth zu
überlassen; je mehr Gewalt sie über ihren alten Liebhaber erhielt, desto
mehr überließ sie sich den eigensinnigsten Launen. Vorzüglich zeigte sie
eine außerordentliche Abneigung gegen die kleine Julie, so daß schon ihr
bloßer Anblick ihr einen geheimen Unmuth verursachte, den sie vergebens
zu verbergen oder zu unterdrücken suchte. Dem Obersten konnte dieser Haß
nicht lange unbekannt bleiben, und er machte ihr darüber sein Erstaunen,
selbst sein Mißvergnügen bemerklich.
»Ach Alfred, antwortete die Fremde, ich mache mir selbst mehr Vorwürfe
darüber, als du dir vorstellen kannst; ich fühle, wie ungerecht mein Haß
gegen dieses liebenswürdige Geschöpf ist; aber kann man den Empfindungen
seines Herzens befehlen? Ich will allein in dem deinigen herrschen, und
Alles, was dich an eine Andere erinnert, ist mir daher unerträglich. Mit
der Zeit werde ich ohne Zweifel vernünftiger werden, aber jetzt kann ich
den Sieg über mich selbst noch nicht erringen. Indem ich dich mehr liebe
als je, habe ich alle menschliche Schwachheiten wieder angenommen. Habe
Mitleiden mit mir und mit meinem Kummer, der mich schon seit so langer
Zeit, seitdem du mich verlassen, gequält hat.«
Diese Worte und die dazu reichlich vergossenen Thränen beruhigten den
Obersten; er glaubte den Augen der Gebieterin seines Herzens einen
Gegenstand unwillkührlichen Widerwillens entziehen zu müssen, und ohne
Lodoiska vorher davon zu benachrichtigen, fuhr er eines Morgens mit
Julien nach Prag, wo er sie in eine der besten Erziehungsanstalten that.
Die unerklärbare Lodoiska zeigte den größten Kummer, als sie Juliens
Abreise erfuhr. »Wenn Sie Ihre Tochter aus dem Hause schaffen, sagte sie
zum Obersten, so zwingen Sie mich dadurch, mich ebenfalls daraus zu
entfernen. Ihretwegen allein war ich hier: sie ist fort, unter welchem
Titel kann ich nun noch hier verweilen?«
-- Unter dem Titel, der mir der theuerste sein würde, liebe Lodoiska,
erwiederte Alfred voller Zärtlichkeit, und den ich Ihnen schon angeboten
hätte, wenn der äußere Anstand mich nicht abhielte. Es hat der Vorsehung
gefallen, die früheren Hindernisse unserer Vereinigung hinwegzuräumen;
werden Sie mir jetzt abschlagen, was Sie früher vielleicht glücklich
gemacht hätte? --
Lodoiska mußte ohne Zweifel schon lange auf eine solche Erklärung gefaßt
sein; aber dennoch stand sie wie erstarrt, als Lobenthal so zu ihr
sprach. Ihr Inneres ward von verschiedenen Empfindungen bewegt, und sie
fühlte zu gleicher Zeit die höchste Glückseligkeit und die tiefste
Verzweiflung. Sie sahe den entscheidenden Augenblick sich nähern; sie
wußte, welche Grausamkeit ihr noch auszuüben oblag; sie hätte eigentlich
nichts als Rache in ihrem Busen tragen sollen; aber die Alles besiegende
Liebe hatte auch sie unterjocht. Durch ihre Sinne gehörte sie noch der
Erde an, und sie kämpfte daher hartnäckig, obgleich vergebens, gegen die
höhere Macht, die ihre Handlungen gebieterisch leitete. Endlich faßte
sie sich, und rief:
»Nein, Alfred, nein! Reden Sie mir nicht mehr von einer Feierlichkeit,
an welcher ehemals meine ganze Glückseligkeit hing! Kann ich Ihnen jetzt
noch angehören, da ich mir selbst nicht mehr angehöre? Und habe ich
Ihnen nicht schon gesagt, daß ich durch einen fürchterlichen Fluch von
den Tempeln und Dienern des Herrn entfernt bin? Sie lieben mich, sagen
Sie? Wohl, so geben Sie mir den Beweis davon, indem Sie mich nicht
länger mit ihren Wünschen bestürmen.«
-- Grausame! hören Sie doch endlich auf, sich und mich durch nichtige
Truggestalten Ihrer Einbildungskraft zu quälen. Zwar ist schon der
Versuch zum Selbstmorde ohne Zweifel vor dem Angesichte Gottes ein
Verbrechen; aber es giebt ja keine Sünde, welche nicht durch die Reue
getilgt wird, und warum sollten Sie allein mit so unerbittlicher Strenge
verfolgt werden? --
»Armer Sterblicher! Sie wissen nicht, was Sie wünschen! Wenn nun der
Augenblick, wo Sie unsere Glückseligkeit zu befestigen glauben, gerade
der unserer ewigen Trennung würde? Hier können wir noch beisammen
bleiben .... aber dort unten (fuhr sie mit leiser Stimme fort) gehen wir
beide unseren eigenen Gang. Und was würde der Geistliche sagen, dem ich
mich zur Trauung vorstellen wollte!«
-- Kann er allwissend sein? Kann er hier von dem Vergehen wissen, zu
welchem Ihre Liebe Sie in Ihrem entfernten Vaterlande trieb? --
»Alfred! Gott zeichnete die Stirn des Brudermörders Kain mit einem
fürchterlichen Zeichen; auch ich trage ein solches auf der meinigen;
obgleich Sie es nicht sehen, so würde es doch der Geistliche sogleich
erblicken.«
-- Armes Mädchen! Wie sehr muß ich Sie beklagen! So weit können die
Vorurtheile Ihrer Erziehung Sie irre führen! Doch ich will für jetzt
nicht weiter in Sie dringen, und ich hoffe, daß Sie später meinen
Wünschen nachgeben werden. --
Ein schwermüthiges Lächeln, ein leichtes Kopfschütteln waren die ganze
Antwort der Fremden; Alfred schien nicht darauf zu achten, er hoffte
Alles von der Zeit und von der Macht seiner Zärtlichkeit.
Vier und zwanzigstes Kapitel.
Mehrere Monate vergingen, ehe der Oberst weitere Schritte zur Erreichung
seiner Wünsche that, bis er endlich beschloß, Lodoiska'n durch
Ueberraschung dahin zu vermögen, daß sie seine Gattin würde. Ohne ihr
also das Geringste zu sagen, besprach er sich mit dem Pfarrer darüber,
und vertraute ihm freimüthig alle Umstände an, welche seiner Braut eine
so große Furcht vor dem Anblick eines Geistlichen verursachten. Der
Pfarrer war ein vernünftiger Mann, und bedachte, daß er sich leicht von
der strenge vorgeschriebenen Ordnung ein wenig entfernen könne, wenn
dadurch ein unangenehmer Auftritt vermieden würde. Er versprach also, um
Mitternacht, in Gegenwart dreier Zeugen, in der Schloßkapelle, die Ehe
des Obersten mit Lodoiska einzusegnen.
Zufrieden, so weit mit seinen Vorbereitungen gekommen zu sein, sandte er
eiligst seinen Bedienten nach der Stadt, um sogleich einen Notarius
nebst einigen Zeugen mitzubringen. Hierauf begab er sich zu seiner
Geliebten, und sagte ihr, daß er den heutigen Abend dazu festgesetzt
habe, vorläufig einen Ehevertrag mit ihr abzuschließen, und daß schon
alle nöthigen Anstalten dazu getroffen seien.
Eine plötzliche Röthe überflog bei dieser unvermutheten Ankündigung die
Wangen der schönen Fremden; zu gleicher Zeit verbreitete sich aber auch
in ihren Augen eine düstere Traurigkeit; sie zitterte am ganzen Körper,
und war gezwungen, sich an dem neben ihr stehenden Tische zu stützen.
»Schon heute, Alfred? sagte sie; warum eilen Sie so? Können Sie es nicht
länger mit ansehen, daß unser Glück noch einige Zeit dauert?«
-- Zerstören wir es denn, wenn wir es auf immer an uns fesseln? Kann
unsere Vereinigung dadurch an ihrer Süßigkeit verlieren, wenn sie
unauflöslich wird? --
»Sie glauben es, weil Sie nur an die Gegenwart denken, und nicht an die
Zukunft.«
-- O gewiß denke ich an die Zukunft, und male sie mir mit den
freundlichsten Farben aus. Aber warum wollen Sie noch immer bei Ihrer
Schwermuth beharren? Was führte Sie denn anders hierher, als die
Hoffnung, sich mit mir zu vereinigen? Forderten Sie nicht meine Person
als Ihr Eigenthum zurück, und jetzt, da ich Ihre Rechte anerkenne,
wollen Sie mich von sich stoßen? --
»Daß Sie mir angehören, kann mir nicht bestritten werden, denn Ihr mit
Ihrem Blut geschriebenes Versprechen ist mir ein sichreres Unterpfand,
als alle diese Ceremonien, die mir gleichgültig sind. Aber ich bin
zufrieden, Sie nur zu sehen, und ich fürchte den Augenblick, der mir ein
schreckliches Recht über Sie geben wird. Ach, Alfred, glaube mir, ändere
deinen Entschluß, denn du ahnest nicht, welches Unglück dir bevorsteht,
wenn du dich unwiderruflich an mich fesselst.«
Nach diesen Worten eilte sie pfeilschnell aus dem Zimmer, und begab sich
in das ihrige, wo der Oberst sie nicht zu stören wagte. Er erstaunte
über ihre Rede, schob aber Alles auf ihre abergläubische Furcht vor der
Gegenwart eines Geistlichen, und beharrte bei seinem Entschlusse, diese
Furcht mit Gewalt zu überwinden. Zu Zeugen bei der Trauung hatte er
seinen Bedienten und den Verwalter der zum Schlosse gehörigen Ländereien
gewählt, weil ihm beide zu jeder Zeit zu Gebote standen; unmittelbar
nach dieser Ceremonie wollte er sich mit seiner neuen Gemahlin in einen
Wagen setzen, und sich erst nach Prag, dann aber nach Berlin begeben, um
daselbst seinen festen Wohnsitz wieder aufzuschlagen. Der Aufenthalt im
Schlosse R.... schien ihm jetzt unerträglich zu sein, weil er in ihm zu
traurige Erinnerungen hervorrief.
Endlich wurde es Abend. Lodoiska, die noch immer in ihrem Zimmer blieb,
äußerte den Wunsch, dasselbe nicht eher, als bis im letzten Augenblick
zu verlassen. Während dieser Zeit irrte der Oberst in der größten Unruhe
hier und dort umher, und fand nirgends seines Bleibens. Es hatte sich
ein fürchterlicher Sturmwind erhoben, der bis in das Innere des
Schlosses drang, und durch sein Pfeifen bald die Klagen eines Leidenden,
bald ein höllisches Gelächter nachzuahmen schien. Er setzte die
Fensterscheiben in Bewegung, daß sie klirrten, erschütterte selbst die
inneren Thüren in ihren Angeln; kurz, die Wuth dieses Sturmes war so
groß, daß der Oberst sich eines unwillkührlichen Schreckens nicht
erwehren konnte.
Bei seinem Umherirren im Schlosse kam Lobenthal auch zufällig in die
Nähe der Gesindestube, wo die Knechte und Mägde von der Meierei beim
Abendessen versammelt waren. Sie sprachen unter einander von dem
Befehle, den er gegeben hatte, den Reisewagen um Mitternacht fertig zu
halten, und suchten die Absicht dieser plötzlichen Reise zu errathen.
»Ich wundere mich gar nicht darüber, sagte einer der Knechte; denn wir
wissen ja schon seit langer Zeit, daß der Oberst keine ruhigen Nächte
haben kann, und es muß ihm daher angenehmer sein, um diese Zeit zu
reisen, als in seinem Bette den schrecklichen Besuch abzuwarten, den er
dort empfängt.«
-- Was sagst du da, Peter? rief eins der Mädchen mit einer Stimme, die
schon ihr Entsetzen bezeichnete; von was für Besuchen sprichst du denn?
--
»Nun, von den Besuchen, die ihm die verstorbene Oberstin alle Nächte
abstattet! Der Schulze, der Küster und auch die alte Mutter Rieben, die
eben kein Geheimniß daraus macht, haben es ja schon öfters gesehen, wie
unsere verstorbene gnädige Frau aus ihrem Grabe emporsteigt, ihren
kleinen Sohn beim Namen ruft, der dann ebenfalls aufsteht, und mit ihm
nach dem Schlosse geht.«
»Das ist eine abscheuliche Lüge,« sagte Johann, der Bediente des
Obersten, der in einer großen Stadt erzogen war, und daher weniger
Aberglauben besaß.
-- Nun, sei nur nicht böse, Johann, es könnte dir Schaden thun,
erwiderte Peter. Auch du wirst noch zu sehen bekommen, was Andere schon
gesehen haben, und es scheint mir, als wenn das Wunder heute Nacht noch
etwas früher als sonst geschehen werde. Als ich vom Felde hereinkam,
begegnete ich der alten Mutter Rieben. »Höre, Peter, sagte sie zu mir,
du gehst nach dem Schlosse; aber bete vorher ein Vaterunser, wenn du mir
glauben willst; denn es werden sich heute dort seltsame Dinge zutragen.
Die nächtlichen Geister haben sich heute früher als sonst aus ihren
Gräbern erhoben, woran wahrscheinlich der wüthende Sturmwind Schuld ist,
der sie gerufen hat, und ich habe sie so eben vorbeigehen sehen.«
Als der Oberst diese außerordentliche Erzählung mit anhörte, schauderte
er unwillkührlich, und um nicht noch mehr zu erfahren, entfernte er sich
mit langsamen Schritten, und stieg die Treppe hinauf. Eben befand er
sich an der Thür des großen Saales, als er hinter sich ein Geräusch
hörte. Er stand still und blickte sich um .... zwei weiße Gestalten
schwebten schnell bei ihm vorüber und verloren sich dann in der
Finsterniß. Er glaubte, sie zu erkennen .... seine Kniee wankten unter
ihm; es war ihm unmöglich, seines Schreckens Herr zu werden, und an
einen Wandpfeiler hinsinkend, blieb er lange Zeit in einem fast
sinnlosen Zustande.
Mehrere Stimmen, die er unten an der Treppe hörte, weckten ihn aus
seiner Betäubung. Er raffte sich schnell empor, und sahe nun den
Notarius und dessen Zeugen, die von seinem Bedienten mit einem Lichte
begleitet, die Treppe heraufkamen. Kaum hatte er noch so viel Zeit, sich
einigermaßen wieder zu sammeln. Die erste Frage, die der Notarius an ihn
that, war nach seinem Gesundheitszustande, so sehr zerstört sahen seine
Gesichtszüge noch aus. Der Oberst antwortete ihm ausweichend, und führte
ihn in das Gesellschaftszimmer, wo er ihn auf einige Augenblicke
verließ, um Lodoiska'n seine Ankunft anzukündigen.
Lodoiska fuhr zusammen, als sie ihn eintreten sahe, und erbebte, sobald
er sich erklärt hatte. Sie warf einen Blick auf ihn, in welchem sich so
viel verschiedene Empfindungen malten, daß es unmöglich gewesen wäre,
sie zu beschreiben. Ihre Trauerkleidung hatte sie abgelegt; ein weißes,
einfaches Gewand umhüllte ihren prächtigen Wuchs; ein Halsband von
Perlen und ein Kranz in ihrem Haar war der ganze Schmuck, den sie sich
erlaubt hatte.
Der Oberst mußte seine Bitte mehrere Male wiederholen, ehe sie sich
entschloß, ihm zu folgen; man sahe, wie gern sie den Augenblick noch
verzögern wollte, den er so sehnlich herbeiwünschte. Endlich schien sie
alle ihre Kräfte zusammenzunehmen, erhob ihre Arme und Augen gen Himmel,
und schien ihn als Zeugen anzurufen, daß sie gezwungen würde, oder ihn
um Gnade zu bitten, die sie gleichwohl nicht zu erhalten hoffte.
Beim Eintritt in das Gesellschaftszimmer und beim Anblick des Notarius
und der Zeugen gerieth Lodoiska einigermaßen in Verwirrung; doch erholte
sie sich bald wieder, und antwortete mit Bescheidenheit auf die
Komplimente, die der Notarius an sie richtete. Sein Geschäft war bald
abgemacht, worauf er sich wieder entfernte, ungeachtet der Oberst ihn
dringend bat, bis zum andern Tage auf dem Schlosse zu bleiben.
Unterdessen beschäftigte sich Johann, der Bediente des Obersten, mit den
nöthigen Vorbereitungen zu der feierlichen Ceremonie, die nun noch Statt
finden sollte. Er hatte den Auftrag, den Pfarrer in die Schloßkapelle zu
führen, den Verwalter herbeizuholen, und sich dann zu dem Obersten zu
verfügen, unter dem Vorwande, seine etwanigen Befehle zu vernehmen, ehe
er sich niederlegte, in der That aber, um ihm durch seine Gegenwart
anzukündigen, daß Alles bereit sei.
Lodoiska, die nun mit Alfred allein geblieben war, zeigte immer noch die
größte Unruhe. Ihr Busen wogte mit Ungestüm, ihre Blicke irrten unstät
umher, und jedes Mal, wenn ihr Bräutigam sich ihr näherte, ergriff sie
ein krampfartiges Zittern, und sie streckte die Hände vor sich hin,
gleichsam um ihn von sich abzuhalten. Alfred bemerkte den
außerordentlichen Kampf, der in ihrem Innern vorging, und versuchte sie
zu beruhigen; aber vergebens. Sie sprach nichts, als unzusammenhängende
Worte, welche bald die Heftigkeit ihrer Liebe ausdrückten, bald eine
schauerliche Zukunft vorhersagten; sie riefen den Himmel um Mitleiden an
gegen die bevorstehenden Qualen der Hölle.
Es schlug zwölf Uhr, und Johann erschien im Zimmer. Bei seinem Anblick
wandte sich der Oberst an Lodoiska:
»Nur noch ein wenig Muth, Geliebte, sagte er; in einigen Augenblicken
wird Alles vorbei sein. Folge mir jetzt; in Zeit von einer Stunde sitzen
wir schon im Wagen; vorher haben wir aber noch eine Pflicht zu erfüllen,
und wir müssen uns jetzt in ein anderes Zimmer begeben.«
-- Giebt es einen Ort, antwortete Lodoiska mit dumpfem Tone, wo ich Ruhe
finden kann, wo ich von der rachsüchtigen Frau nicht verfolgt werde? --
»Von welcher Frau?« fragte Alfred lebhaft.