-- Mein äußeres Ansehen, erwiederte die Fremde, setzt Sie in Irrthum.

Meine Gesundheitsumstände sind dieselben, wie vor einem oder zwei

Monaten, und es ist schwer, mich besser oder schlechter zu befinden.

Wenn Ihnen meine Züge entstellt erscheinen, die Blässe meines Gesichts

Sie erschreckt, so setzen Sie dieß auf Rechnung der Verwirrung, in die

ich durch Ihren Brief und den darin enthaltenen Befehl gerathen bin. Sie

wissen, wie nothwendig mir die Einsamkeit ist, und ich habe mich nur

schwer ihr entreißen können; aber, wenn man mich auf eine gewisse Art

bittet, so habe ich nicht das Recht, mich zu weigern. Sie wollen mich

haben, und ich bin hier; glauben Sie, durch mich den nöthigen Beistand

zu finden? --

Diese eben nicht höfliche Rede machte einen unangenehmen Eindruck auf

Helenen, die den wahren Sinn derselben nicht errathen konnte. Nach

einigem Nachdenken fiel ihr indessen der seltsame Charakter der Fremden

ein, und daß man bei ihr nichts beleidigend finden müsse, weil ihr

Betragen ganz abweichend von allen übrigen Menschen war. Helene bedurfte

der Gesellschaft, und hatte sich an Lodoiska gewöhnt; konnte sie sich

also über deren Sonderbarkeit beklagen?

Ungeachtet ihrer anscheinend übeln Laune liebkosete Lodoiska doch die

kleine Julie, welche kam, um ihr gute Nacht zu wünschen. Sie nahm das

Kind mit so vieler Zärtlichkeit in ihre Arme, daß sie sich dadurch die

Gewogenheit der Mutter in einem Augenblicke wieder erwarb. Der Oberst

stand dabei, in Träumereien versunken, unfähig ein Wort hervorzubringen;

er wagte es nicht, weder seine Frau noch Lodoiska anzusehen, und die

Zukunft stellte sich ihm in einem schauerlichen Dunkel dar.

Am andern Morgen erklärte die Oberstin, daß sie heute eine

schrecklichere Nacht als je gehabt habe. Dieß war auch leicht an dem

matten und schmerzhaften Ausdrucke ihres abgemagerten Gesichts zu sehen;

es war augenscheinlich, daß ihre Schwäche mit jeder Minute zunahm, und

daß ihr Leben vielleicht bald entfliehen würde. Da der erwartete

Geistliche sich noch immer nicht blicken ließ, obgleich es schon nach

neun Uhr des Morgens war, so gerieth Helene darüber in Unruhe; bald

darauf meldete indessen Lisette seine Ankunft an. Der Oberst ging ins

Nebenzimmer, um ihn zu empfangen; aber Lodoiska stieß einen Schrei des

Entsetzens aus, und floh eilig in das ihr angewiesene Zimmer.

Die tröstende Ueberredungskraft des würdigen Geistlichen, der Helenen

neben der Aussicht auf ein künftiges, besseres Leben auch die Hoffnung

zu ihrer Genesung zeigte, machte einen so guten Eindruck auf sie, daß

sie sich ruhiger fühlte, als der Prediger sie verließ; er versprach ihr,

am Abend und, wenn sie es wünsche, auch am folgenden Morgen

wiederzukommen.

Nach seiner Entfernung kehrte der Oberst ins Zimmer seiner Frau zurück,

wo auch bald darauf der Arzt erschien, welchen man in Prag angenommen

hatte. Dieser fand sie nicht schwächer, als bei seinem letzten Besuche,

und verschrieb ihr einen stärkenden Trank, wovon er sich die beste

Wirkung versprach. Da der Oberst bemerkte, daß Lodoiska noch nicht

wieder gegenwärtig war, begab er sich nach ihrem Zimmer, und klopfte

leise an die Thür.

»Wer ist da? sagte Lodoiska; was soll ich?«

-- Ich wollte Sie bitten, zu meiner Frau zurückzukehren. --

»Ist sie allein? Ist er nicht mehr da, der furchtbare Mann, dessen

Anblick ich nicht mehr ertragen kann?«

Mit diesen Worten öffnete sie die Thür.

»Aber von wem sprechen Sie denn?« fragte der Oberst.

-- Von wem ich spreche? Von dem Geistlichen! Seitdem ich mein Vaterland

verlassen habe, ist es mir unmöglich, in der Gegenwart von seines

Gleichen auszuhalten; denn ich bin auf ewig von ihnen geschieden. --

Gerührt von dem Aberglauben dieser Unglücklichen, den er ihrem Versuche

zuschrieb, sich das Leben zu nehmen, setzte der Oberst dieses Gespräch

nicht fort, und sagte nur noch, daß kein Fremder im Zimmer sei.

»Dann will ich Ihnen folgen, fuhr Lodoiska fort; aber versprechen Sie

mir, Alfred, wenn Sie nicht Zeuge des schrecklichsten Auftritts sein

wollen, mich vor jedem Zusammentreffen mit einem Geistlichen zu

bewahren. Ach, dieß ist wahrlich das Geringste, was Sie für mich thun

können!«

Voller Mitleiden versprach der Oberst, was sie wünschte, und kehrte dann

mit ihr zu Helenen zurück, die schon nach ihrem Anblick verlangte.

»Der Arzt, sagte sie, hat mir so eben neue Hoffnung zu meiner Genesung

gemacht, und ich würde mich selbst über meinen Zustand täuschen, so

lange es Tag ist; aber die schreckliche Nacht ist die gewisse Ursache

meines Todes. (Lodoiska bebte unwillkührlich zusammen). Ich weiß am

besten, daß es mit meinem Leben bald zu Ende sein wird; vorher aber habe

ich noch einige Bitten, deren Erfüllung allein mich mit Ruhe sterben

lassen kann.«

-- Ach, theure Helene! rief der Oberst lebhaft, ohne sich durch

Lodoiska's Gegenwart stören zu lassen; gieb dich doch nicht so schwarzen

Gedanken hin. Du wirst noch lange zum Glück deiner Familie leben, und

deine Wünsche selbst erfüllen können. --

»Der eine meiner Wünsche, lieber Alfred, kann nicht durch mich selbst

erfüllt werden, weil er mein Begräbniß betrifft. Ich will nach meinem

Tode neben meinem Sohne, auf dem Kirchhofe zu R...., ruhen; jede andere

Erde würde mir fremd sein, und nur dort soll man mich begraben.«

Seufzer und aufrichtige Thränen verhinderten den Obersten, zu antworten;

aber er drückte die Hand seiner Frau in die seinigen, und gab ihr durch

dieses stumme Zeugniß die Versicherung, daß er sich in ihren Willen

füge. Sie bestand also nicht weiter darauf, und wandte sich nun an

Lodoiska, die leichenblaß und mit stierem Blicke schweigend da saß.

-- Was Sie betrifft, meine Freundin, fuhr die Oberstin fort, so bitte

ich Sie, auf einige Zeit die Obhut über meine Tochter zu übernehmen. Sie

haben sie bisher immer mit Zuneigung behandelt, und ich nehme daher die

süße Ueberzeugung mit ins Grab, daß Sie ihr eine zweite Mutter sein

werden, bis Ihre Angelegenheiten Sie aus dieser Gegend abrufen. --

Lodoiska stieß bei diesen Worten ein lautes, unbeschreibliches

Angstgeschrei aus. Ihr Gesicht mit beiden Händen bedeckend, sank sie in

den Lehnstuhl zurück, auf welchem sie saß, und schien einem lebhaften

Schmerze zu erliegen, ohne eine Antwort ertheilen zu können. Auch der

Oberst erstarrte, als er hörte, daß seine Frau ihrer heimlichen

Nebenbuhlerin empfahl, ihre Stelle zu vertreten; und er wagte es nicht,

Lodoiska'n zu Hülfe zu eilen, aus Furcht, seine Gefühle zu verrathen.

Da die Fremde immer noch schwieg, so glaubte Helene, ihre Bitte

wiederholen zu müssen. Jetzt stand Lodoiska schnell auf, richtete ihre

dunkelflammenden Augen gen Himmel, und rief: »Du willst es, allmächtige

Vorsehung! Wie könnte ich mich gegen deinen Willen sträuben! Ja, ich

nehme es an, was du mir durch diese Unglückliche befiehlst; ja, ich will

die Wärterin ihrer Tochter sein bis an ihren Tod!«

Der bittere Ton, mit welchem Lodoiska diese Worte aussprach, war für die

arme Helene gleichsam ein Dolchstoß in's Herz; doch wagte sie nicht,

ihre Gefühle zu erkennen zu geben, und sagte nur: »Verlassen Sie

wenigstens meine Tochter nicht eher, als bis Sie sie dem Gatten

überliefern können, den ihr Vater für sie wählen wird.«

Ein verächtliches Lächeln war der Fremden ganze Antwort, und bald darauf

entfernte sie sich aus dem Zimmer.

Fünf oder sechs Tage vergingen, während welcher Helene immer schwächer

wurde. Vergebens verschwendete man an ihr alle Mittel der Arzneikunst:

sie vermochten nichts gegen die fürchterliche, geheime Ursache, welche

allmählich ihren Tod herbeiführte. Jede Nacht wachte der Oberst bei ihr

in Gesellschaft einer an dergleichen Dienst gewöhnten Frau; aber durch

ein seltsames Zusammentreffen verfielen Beide in jeder Nacht zu

derselben Zeit in einen festen, todtenähnlichen Schlaf. Jeden Morgen

beklagte sich Helene über ihre außerordentliche Erschöpfung, und im

Geheimen bei ihrem Gatten über den unersättlichen Dämon, der ihr das

Blut tropfenweis aussaugte. Alfred wußte am Ende hierauf nichts zu

antworten, weil er glaubte, daß ihr Verstand immer mehr durch nächtliche

Phantasien zerrüttet würde.

Während dieser ganzen Zeit gab Lodoiska ihrem ehemaligen Liebhaber weder

durch ein Wort noch durch einen Blick ihre geheimen Empfindungen zu

erkennen; sie betrug sich gegen ihn, als wenn sie ihn nie gekannt hätte.

Für Helenen zeigte sie jetzt während des Tages die größte Sorgfalt; aber

mit Anbruch der Nacht begab sie sich in ihr Zimmer, das sie des Morgens

erst spät wieder verließ.

Wildenau, der Freund der Familie, kam von Zeit zu Zeit nach Prag; er

belästigte die spröde Lodoiska durchaus nicht mit seinen Seufzern,

sondern schenkte seine ganze Aufmerksamkeit der Krankheit Helenens,

deren Tod er bei seinem Besuche in der nächsten Nacht vorhersagte.

Wirklich wurde auch sein Urtheil bestätigt; denn mit dem Anbruch des

Tages war der letzte Hauch ihres Lebens aus ihrem Körper entflohen.

Wir versuchen es nicht, den Schmerz zu beschreiben, welchem der Oberst

sich ergab; zu verschiedenen Malen mußte ihn Wildenau mit Gewalt von dem

Leichname Helenens fortführen. Lodoiska ließ sich den ganzen Tag über

nirgends blicken, so daß endlich der Arzt das Recht zu haben glaubte,

sich gegen Abend nach ihrem Zimmer zu begeben, weil er fürchtete, daß

auch sie der Hülfe bedürftig sein könnte. Nachdem er an die Thür

geklopft hatte, erhielt er die Einladung einzutreten.

Lodoiska, den Kopf auf einen Tisch gestützt, saß in ihrem Lehnstuhle,

ganz in ihren schwarzen Schleier verhüllt. Sie hörte den Worten

Wildenau's zu, ohne ihn anzusehen, und antwortete ihm mit schwachem,

aber ruhigem Tone, daß sie keiner Hülfe bedürfe, daß sie aber nach dem

Tode ihrer Freundin ihre Einsamkeit nicht verlassen wolle. Uebrigens

würde sie ihr gegebenes Versprechen erfüllen, und sich daher morgen ganz

allein nach dem Schlosse R.... begeben, wo sie die Ankunft des ihrer

Obhut anvertrauten Kindes erwarte.

Wildenau, der auf eine ganz andere Antwort gefaßt war, indem er glaubte,

daß Lodoiska doch wenigstens dem Leichenbegängniß der Oberstin beiwohnen

werde, behielt seine Gedanken hierüber bei sich, und fragte nur, ob man

ihr einen Wagen zur Reise bestellen solle?

»Ich danke Ihnen, erwiederte Lodoiska, immer noch ohne ihn anzusehen;

ich selbst habe schon deßhalb die nöthigen Maßregeln getroffen. Ich

werde ganz früh abreisen, weil es mir unmöglich ist, dem traurigen

Leichenbegängniß beizuwohnen.«

Sie schwieg. Ihre fortwährende Unbeweglichkeit veranlaßte endlich den

Arzt, sich voll Verwunderung über die Seltsamkeit dieser jungen Person

zu entfernen. Er benachrichtigte den Obersten von ihrem Entschlusse, und

dieser war insgeheim entzückt, daß Lodoiska ihn durch ihre Gegenwart

nicht in der vollkommenen Erfüllung seiner Pflichten stören würde. Am

folgenden Tage brachte man den Leichnam Helenens nach dem Schlosse

R...., wo diese unglückliche Mutter neben dem Grabe ihres Sohnes ihre

Ruhestätte fand.

Zwei und zwanzigstes Kapitel.

Ein Monat war verflossen, und Lodoiska beobachtete immer noch im

Schlosse die völlige Zurückgezogenheit, wie sie es schon früher gewohnt

gewesen war, als sie sich in ihrem Hause im Walde aufhielt. Ihr Zimmer

war jedem Andern als ihrer Bedienung unzugänglich, und nur Julie hatte

darin Zutritt, obgleich dieses Kind weit lieber im Garten unter

Lisettens Aufsicht umherlief.

Der Oberst, welcher anfangs den Augenblick gefürchtet hatte, wo er nach

dem Tode seiner Gattin zum ersten Male wieder mit seiner ehemaligen

Geliebten zusammentreffen würde, fing jetzt nach und nach an, sich über

Lodoiska's hartnäckige Einsamkeit insgeheim zu ärgern, und jemehr sie

ihn zu vermeiden schien, desto ungeduldiger wurde er am Ende, sie zu

sehen. Doch wagte er noch nicht, seinen Wunsch laut werden zu lassen; er

verlebte seine Tage traurig und einförmig, theils sich mit Lesen

beschäftigend, theils Wald und Feld in der Umgegend durchstreichend.

Wildenau, der Arzt, war ebenfalls ungeduldig, daß er die Fremde nicht

mehr zu sehen bekam, und nahm sich nun fest vor, sich freimüthig mit dem

Obersten zu erklären, dessen Empfindungen für den Gegenstand seiner

Zärtlichkeit er schon seit längerer Zeit in Verdacht hatte. Er wollte

sich von den Verhältnissen beider zu einander genau überzeugen, um

danach sein Betragen für die Zukunft einzurichten. Aber verschiedene

Male ward er durch besondere Umstände von der Ausführung seines

Entschlusses abgehalten, indem er theils nicht nach dem Schlosse kommen

konnte, wenn er es sich vorgenommen hatte, theils daselbst mit

besuchenden Nachbarn zusammentraf, in deren Gegenwart er die

beabsichtigte Unterredung mit dem Obersten nicht anfangen konnte.

Lobenthal, ohne diesen Entschluß des Arztes zu ahnen, fand sich dennoch

in dem Umgange mit seinem Freunde nicht mehr so ungezwungen, seitdem

sein Verhältniß zu Lodoiska durch den Tod seiner Gattin verändert worden

war. Wildenau war nun sein Nebenbuhler -- -- was er selbst sich nur

erröthend gestanden haben würde; und dennoch beschäftigte sich sein Herz

wider seinen Willen mit diesem Gedanken. Sehr häufig floh ihn der Schlaf

bis spät in die Nacht hinein, und wenn die übrigen Bewohner des

Schlosses schon längst sich der süßen Ruhe überlassen hatten, war Alfred

noch in seinem Zimmer wach, wo er durch Lesen seine mancherlei ihn

peinigenden Gedanken zu verscheuchen suchte. Aber dieses Mittel blieb

gewöhnlich vergeblich; Lodoiska's Bild, das Andenken an Helenen zogen

seine Aufmerksamkeit von dem Buche ab, und maschinenmäßig überflogen

seine Augen die Buchstaben, ohne ihren Sinn zu erfassen.

In einer Nacht, als der Oberst sich unruhiger fühlte als je, wollte er

durch Auf- und Niedergehen in dem großen Saale des Schlosses seinen

Unmuth zu verscheuchen suchen; er nahm daher sein Licht, und ging mit

demselben durch mehrere Zimmer, bis er in den erwähnten Saal gelangte.

Hier setzte er das Licht auf das Gesimse eines alterthümlichen Kamins,

und bei dem schwachen Scheine, der nicht im Stande war, den weiten Raum

zu erleuchten, ging er mit großen Schritten durch die wenig geminderte

Finsterniß.

Ungefähr seit einer Viertelstunde setzte er diese Bewegung fort, als er

die Flügelthür, welche nach der Haupttreppe des Schlosses führte,

knarren hörte .... der Oberst stand still .... die Thür öffnete sich,

und Lodoiska trat herein ..... Kaum konnte er sie erkennen, so sehr

verschwand sie durch die Einhüllung in ihren schwarzen Shawl in der

Finsterniß, die das Licht nicht verscheuchen konnte; doch bemerkte er

bei dem schwachen Schimmer desto besser die Leichenblässe ihres

Gesichts. Sie schien kein menschliches Wesen zu sein, und gleich einer

überirdischen Erscheinung durch den dunkeln Raum einherzuschweben; ja

die Einbildungskraft Alfred's stellte sie ihm auf einen Augenblick

beflügelt und von Blute triefend vor; aber dieser Anblick ging mit der

Schnelligkeit des Blitzes vorüber, obgleich der Oberst darüber fast

erstarrte. Lodoiska, ohne das geringste Erstaunen über den Anblick ihres

Geliebten zu zeigen, den sie sogleich erkannte, stand still, und stützte

sich auf einen alten Lehnstuhl, als wenn sie sich von einer langen

Anstrengung einen Augenblick lang hätte erholen wollen.

Jetzt näherte sich Alfred, obgleich nicht ohne heftige innere Bewegung,

der jungen Fremden.

»Endlich, sagte er, sehe ich Sie wieder, und zwar an demselben Orte, und

in derselben Stunde, wo Sie mir vor einiger Zeit Ihre Entfernung von

hier ankündigten. Wie seltsam ist dieses Zusammentreffen! Ich mußte es

also dem bloßen Zufalle verdanken?«

-- Es ist möglich, antwortete Lodoiska mit ihrem gewöhnlichen

schwermüthigen Tone, daß in Absicht auf Sie der Zufall hier sein Spiel

treibt; was aber mich betrifft, da ich in jeder Nacht mich in diesem

Saale zu erholen pflege, so sehe ich in diesem Zusammentreffen nur

Etwas, das auf jeden Fall früher oder später Statt finden mußte. --

»Wie! Lodoiska, in jeder Nacht, sagen Sie, kommen Sie hier her? Welchen

Reiz kann dieser weite und verfallene Saal für Sie haben, wo man nur

unangenehmen Vorstellungen ausgesetzt ist, sobald das Licht des Tages

nicht mehr leuchtet?«

-- Ich mache mir wenig aus dem Glanz der Sonne oder aus dem

schauerlichen Anblick der Finsterniß. Ich lache über Alles, was Andere

meines Geschlechts in Furcht setzt; ich verspotte das Schrecklichste,

und durch ein trauriges Schicksal gefalle ich mir am besten in der Mitte

des Fürchterlichsten und Verabscheuungswürdigsten für alle übrige

Menschen. --

»Ach, werden Sie denn nie Ihre Gesinnungen ändern? Werden Sie nie zu

fröhlichen Vorstellungen zurückkehren? Die Vergangenheit, deren Andenken

anfangs so peinlich ist, verliert durch die Länge der Zeit den

unangenehmen Eindruck auf uns, ja öfters verwandelt der Lauf der Dinge

das heftigste Leid in Freude. Sollte Ihr Herz dieser Wirkungen nicht

empfänglich sein?«

-- Nein! sie gleiten eindruckslos an mir vorüber. Sie sprechen von der

Vergangenheit; ich kenne sie nicht mehr; für mich ist die Gegenwart

Alles, da ich weder rückwärts noch vorwärts gehen kann. Ich bin nur an

_einen_ festen Punkt gebannt, und die Hoffnung, welche selbst der

Elendeste der Menschen noch in seinem Herzen nährt, sie ist mir völlig

fremd. Was wollen Sie dagegen thun, Alfred? Sie selbst haben Lodoiska's

Schicksal bestimmt; wundern Sie sich also nicht, wenn es unveränderlich

bleibt. --

»Je mehr ich Sie reden höre, grausame Freundin, desto mehr zerreißen mir

Ihre unerklärbaren Worte das Herz. Was ist es für eine grenzenlose

Verzweiflung, der Sie sich überlassen? Sind Sie die Einzige, die nicht

mehr auf die Zukunft hoffen darf? Ach, kehren Sie zu sich selbst zurück,

überzeugen Sie sich, daß Ihre Lage sich noch ändern kann; das Glück wird

Ihnen nicht stets entgegen sein.«

-- Kann es machen, Alfred, erwiederte Lodoiska lebhaft, daß Ihr

Versprechen wieder aus dem Grabe ersteht, wo ich es auf ewig verborgen

habe? --

»Mein Versprechen, sagen Sie?«

-- Ja, Ihr Versprechen, das Sie mit Ihrem Blute unterzeichneten, und das

Sie unwiderruflich an mich fesselt. --

»Ist dieß der Augenblick, mich daran zu erinnern? Und wie auch meine

geheimen Empfindungen sein mögen, sehen Sie nicht, daß ich Trauerkleider

trage? Denken Sie nicht an die schmerzliche Begebenheit, die vor Kurzem

Statt fand?«

-- Ich weiß, daß Sie, obgleich Sie behaupten, nichts als mein Glück zu

wünschen, noch nie angestanden haben, meinem Herzen eine neue Wunde zu

schlagen. Ich weiß, daß Sie mich schändlich betrogen haben; dieß ist der

einzige Umstand aus der Vergangenheit, dessen ich mich noch erinnere,

der Sie vernichten muß, und über den Sie auf ewig seufzen werden! --

»Ich wünschte, Sie wieder zu sehen, Lodoiska; aber ich wußte nicht

vorher, daß dieß nur geschehen würde, um Ihre Vorwürfe anzuhören. Wie

ungerecht sind Sie, und wie wenig kennen Sie mich!«

Ein Strahl von Freude glänzte in den Augen der Fremden, und ihre Lippen

verschlangen einige Worte, die sie auszusprechen im Begriff war. Es

folgte ein Augenblick des Schweigens, der nicht ohne Süßigkeit für sie

war, und schon erschien eine gewisse Heiterkeit auf ihrer Stirn, die

seit langer Zeit davon verscheucht gewesen war, als ein bitterer Gedanke

Alles wieder zerstörte. Lodoiska's Blick wurde wilder, und sie legte

ihre Hand auf ihr Herz, gleichsam um dessen schmerzliches Klopfen zu

unterdrücken.

»Auch ich wünschte Sie wiederzusehen, Alfred, sagte sie, weil es mir

schien, als wenn Sie noch derselbe sein könnten, wie früher; aber ich

besitze jetzt keinen von den Reizen mehr, die Sie vormals entzückten.«

-- Ich liebte damals die vortrefflichen Eigenschaften Ihres Herzens eben

so sehr, als Ihre Reize. Die Zeit konnte Ihnen einen kleinen Theil der

letzteren rauben; aber vermochte sie etwas gegen die inneren Vorzüge

Ihrer Seele? --

»Ich kann Ihnen nichts darauf antworten, Alfred. Unsere Unterhaltung,

die uns nur Kummer verursacht, hat schon viel zu lange gedauert. Leben

Sie wohl, ich muß mich entfernen. Erwarten Sie, was die Vorsehung

entscheiden wird. Ach, wie schrecklich ist das Schicksal, womit mich ihr

Zorn belastet hat!«

-- Ja, lassen wir die Zeit ruhig verstreichen; wir werden uns einst

wieder vereinigen, und dann .... --

»Und dann gehen wir beide gerade dem Grabe zu, das uns als Hochzeitbett

dienen wird!«

-- Welche schreckliche Vorhersagung! Lodoiska, wie können Sie so grausam

sein? Sehen Sie denn nichts als einen Sarg in der Zukunft? --

Lodoiska antwortete nicht, sondern entfernte sich mit größter Eile. Als

sie sich auf der Treppe befand, ließ sie ein lautes Gelächter

erschallen, welches einen so schrecklichen Eindruck auf den Obersten

machte, daß er wie erstarrt dastand, und das Hohngelächter eines

höllischen Wesens gehört zu haben glaubte.

»Armes Mädchen, sagte er endlich, dein Unglück hat dich eines Theils

deiner Verstandeskräfte beraubt und deinen liebenswürdigen Charakter

völlig entartet. Aber dennoch bleibt sie immer höchst interessant, und

vielleicht kehrt sie zu andern Vorstellungen zurück, wenn die Ursache

ihres Unglücks aufgehört hat.«

Während er diese Worte ziemlich lebhaft und laut aussprach, glaubte er

hinter sich einen tiefen Seufzer zu hören. Er drehte sich schnell um,

und erblickte nun in dem finsteren Theile des Saales eine weiße Gestalt,

die ein Kind an der Hand führte, und mit ihm aus dem Saale in das

anstoßende Zimmer ging. Ungeachtet seines Muthes erbebte der Oberst bei

diesem Anblicke. Seine Einbildungskraft gab der Gestalt Gesichtszüge,

die ihm ein theures Andenken hervorriefen. Anfangs wußte er nicht, was

er thun sollte; dann aber ergriff er das Licht, und folgte den

Erscheinungen in's anstoßende Zimmer. Er fand es einsam und leer; nur

seine eigenen Schritte unterbrachen das tiefe Schweigen der Nacht ....

und doch hatte er mit eigenen Augen gesehen. Von Angst gefoltert und mit

großen Schweißtropfen bedeckt, kehrte er endlich in sein Schlafzimmer

zurück.

Drei und zwanzigstes Kapitel.

Der Oberst fand in dieser Nacht keine Ruhe. In angstvollen Gedanken

versunken ging er mit heftigen Schritten auf und nieder, bis endlich die

Morgenröthe anbrach, und mit ihr die Ruhe in seine stürmisch bewegten

Adern zurückkehrte.

Die kleine Julie pflegte jeden Morgen in das Zimmer ihres Vaters zu

kommen, um ihm einen Kuß zu bringen; auch heute erschien sie zur

gewöhnlichen Zeit, aber ihre sonst immer lachende Physiognomie war

traurig, und man bemerkte eine auffallende Blässe in ihren

Gesichtszügen.

»Bist du krank, mein Kind?« fragte ihr Vater sie beunruhigt.

-- Nein, lieber Vater; aber ich habe schlecht geschlafen.

»Wer hat dich denn daran verhindert? Lisette sagt ja, daß du sonst ganz

vortrefflich schläfst.«

-- O, lieber Vater, ich wollte es dir wohl sagen, wenn es mir Lisette

nicht verboten hätte. --

»So muß ich wohl alle weitere Fragen einstellen? Dennoch bin ich sehr

neugierig, die Ursache deiner Schlaflosigkeit zu wissen; sie muß sehr

böse sein, da du plötzlich deine frische Gesichtsfarbe dadurch verloren

hast.«

-- Weinst du auch nicht, Väterchen, wenn ich dir die Wahrheit sage? --

»Ich hoffe so viel Gewalt über mich zu besitzen, daß ich meine ersten

Gefühle überwinde, wenn deine Erzählung traurig ist.« Der Oberst sagte

dieß, sich zum Lächeln zwingend, obgleich eine böse Ahnung sein Inneres

schon mit Schrecken erfüllte.

-- Nun, so will ich dir Alles erzählen. Wilhelm und meine gute Mutter

haben mich heute Nacht besucht. Sie blieben fast die ganze Nacht zu

beiden Seiten meines Bettes sitzen, um, wie sie sagten, mich gegen den

Dämon zu vertheidigen, der ihnen den Tod gegeben hat, und der sich auch

an meinem Blute sättigen will. Anfangs fürchtete ich mich sehr, ward

aber nachher vollkommen beruhigt. Wilhelm sahe so glücklich und selig

aus! Meine Mutter blickte mich mit so großer Zärtlichkeit an! Sie haben

mir versprochen, mich nicht mehr aus den Augen zu verlieren, und mit

Anbruch des Morgens verließen sie mich erst, indem sie versicherten, daß

ich bei Tage nichts zu fürchten hätte. Sie sprachen mit mir von vielen

Dingen; aber glaubst du wohl, lieber Vater, daß sie dich mit keiner

Silbe erwähnten? Ich sagte ihnen, wie sehr du über ihren Verlust

weintest; aber sie schüttelten den Kopf, und lächelten, ohne mir zu

antworten. --

Der Vampyr, oder: Die Todtenbraut. Zweiter Theil. Ein Roman nach neugriechischen Volkssagen · 第 5 / 7 段