Neugierde der Nachbarn neue Nahrung. Herr von Krauthof, der diesem
schönen Frauenzimmer nicht gewogen war, verbreitete zuerst die
boshaftesten Gerüchte über die Nothwendigkeit dieser schnellen
Veränderung der Wohnung, und bald erzählte man sich allgemein in der
Umgegend, daß die Eifersucht der Oberstin sie verursacht habe.
Glücklicherweise kamen diese Gerüchte den betheiligten Personen nicht
selbst zu Ohren; aber der Arzt erfuhr sie ebenfalls, und nahm sie nicht
mit völliger Gleichgültigkeit auf. Er erinnerte sich einer Menge
Umstände, die er in dem Augenblicke selbst nicht beachtet hatte, die ihm
aber jetzt als ein Lichtstrahl zu sein schienen; doch hütete er sich,
von seinen Entdeckungen irgend Jemanden etwas mitzutheilen, und zog es
vor, sich mit dem Obersten selbst darüber freimüthig zu erklären, sobald
er die Gelegenheit dazu finden würde.
Zu dieser Zeit wurden Helenens Gesundheitsumstände immer bedenklicher.
Vorzüglich empfand sie eine große Schwierigkeit, Athem zu holen; sie
verlor ihre Kräfte, und verfiel allmählich in eine Abzehrung, die sie
zum Grabe führen konnte.
Wildenau, der wirklich ein Arzt von großen Verdiensten war, studirte mit
der größten Genauigkeit alle Symptome dieser Krankheit, welche dieselbe
zu sein schien, wodurch der kleine Wilhelm dem Leben entrissen worden
war. Eine außerordentliche Abspannung und Schwäche, ein beständiges
Bedürfniß zu essen, ein anhaltender Schweiß; alle Zeichen waren
dieselben. Helene ward still und schwermüthig, ohne die Gefahr zu
kennen, die ihr drohte; ihren Gatten schien sie mehr als je zu lieben,
und dieser war weit entfernt, an ihren nahen Tod zu glauben.
Seit der Flucht Lodoiska's bemerkte der Oberst mit Schrecken, daß dieses
junge Mädchen immer mehr die Oberhand in seinem Herzen gewann, und aus
Furcht vor den Folgen dieser zunehmenden Neigung hätte er vor sich
selbst fliehen mögen. Bald war er froh darüber, daß Lodoiska sich aus
dem Schlosse entfernt hatte, indem er sich schmeichelte, daß dadurch die
Ruhe seines Lebens gesichert worden sei; bald seufzte er nach der
Rückkehr der Fremden, und es schien ihm, daß das Schloß jetzt nichts als
eine große Einöde sei. Oft ging er in das Zimmer, welches sie bewohnt
hatte, und bildete sich ein, sie dort wiederzusehen; er setzte sich in
ihren Lehnstuhl, oder auf ihr Bett, und wer ihm zugesehen hätte, würde
geglaubt haben, daß er wahnsinnig geworden sei.
Oefters führte ihn ein edles Gefühl zu seiner Pflicht zurück, und voller
Scham über seine Schwäche, über den ihn entehrenden Wahnsinn, suchte er
in Gesellschaft seiner Frau, seiner Tochter, reinere Gedanken zu
sammeln. In diesen Augenblicken verschwand das Bild Lodoiska's
allmählich aus seinem Herzen, und die tugendhafte Helene nahm alle ihre
Rechte wieder ein; aber leider dauerten diese Augenblicke nicht lange:
Lodoiska, mit dem mächtigen Reiz eines Gegenstandes, in dessen Besitz
man noch nicht gewesen ist, kehrte siegreich in sein Herz zurück.
Mehrere Tage vergingen, während der Oberst fast beständig unter diesen
Kämpfen mit seinem Innern zubrachte, seine Gattin aber immer schwächer
wurde. Sie war nicht im Stande, wie sie es wünschte, Lodoiska'n in ihrer
neuen Wohnung einen Besuch abzustatten, und diese ließ sich vor
Niemandem blicken. Sie begnügte sich damit, sich von Zeit zu Zeit durch
einen Bauer nach dem Gesundheitszustande Helenens erkundigen zu lassen.
Wildenau fand sich täglich im Schlosse ein, um der Oberstin seine ganze
Kunst zu widmen. Er vervielfältigte seine Fragen, um die erste Ursache
ihrer Krankheit kennen zu lernen, aber die Antworten, die er erhielt,
waren weit entfernt, ihn zu befriedigen.
»Ich erinnere mich durchaus keines Umstandes, sagte sie, der meinen
jetzigen Zustand verursacht haben könnte, und Sie werden sehen, daß ich
eben so wie mein Sohn, unter gleichen Umständen, sterben werde.«
-- Um Gottes willen! unterbrach sie der Arzt, glauben Sie so etwas
nicht! Schon dieser Gedanke allein ist im Stande, Ihren Zustand zu
verschlimmern, und überdieß sind Sie weit entfernt von der Krankheit
ihres Kindes. --
Helene erwiederte mit einem schwermüthigen Lächeln: »Ich weiß, daß man
mich in dieser Hinsicht täuschen will; wenn ich alle meine Gedanken
offenbaren wollte, so würde man mich für kindisch halten; allein ich bin
überzeugt, daß ich mich nicht irre, und ich weiß am besten, welches
Uebel mich peinigt.«
-- Diese Worte, erwiederte Wildenau, beweisen, daß Sie uns irgend Etwas
verschweigen wollen. Aber das ist nicht gut, es könnte die
gefährlichsten Folgen haben. Scheuen Sie sich nicht, uns Ihr Geheimniß
zu entdecken, was es auch sei; Sie leiten mich dadurch vielleicht auf
die richtige Spur, Ihnen Ihre Gesundheit wiederzugeben. --
Helene weigerte sich lange hartnäckig, die Meinung, welche sie von ihrem
Zustande hatte, zu entdecken, bis sich der Oberst mit dem Arzte
vereinigte, und sie so dringend bat, daß sie endlich erklärte: sie wolle
ihr Geheimniß ihrem Manne mittheilen, aber unter der ausdrücklichen
Bedingung, daß dieser es gänzlich für sich behalten wolle. Dieß war zwar
nicht das, was Wildenau wünschte, allein er mußte sich darein fügen, und
entfernte sich augenblicklich, mit dem Versprechen, morgen
wiederzukommen.
Als Helene sich mit ihrem Manne allein befand, verbarg sie ihr Gesicht
in ihren Händen, gleichsam aus Furcht, befragt zu werden. Auch Alfred
fürchtete, sie zu fragen, weil er glaubte, daß seine Frau vielleicht von
seinen früheren Verhältnissen zu Lodoiska Kenntniß erhalten habe, und
daß der Kummer darüber die Ursache ihres langsamen Dahinschmachtens sei.
Indessen mußte er sich doch endlich entschließen, das Wort zu nehmen,
und er fragte daher Helenen, ob sie ihm nun ihr Geheimniß anvertrauen
wolle.
»Ach Alfred! wie kann ich mich entschließen, dir meine Gedanken
mitzutheilen? Was wirst du von mir denken, wenn du erst meinen Wahnsinn
kennst?«
-- Wie so, liebe Helene? Ich hoffe doch nicht, daß du an meiner Liebe zu
dir zweifelst? --
»Nein, Alfred, warum sollte ich dieß thun? Es ist keinesweges bei meinen
Träumereien von ähnlichen Gegenständen die Rede, sondern ich werde von
einer schrecklichen Erscheinung verfolgt ..... O, wie lächerlich werde
ich dir vorkommen!«
-- Nein, nein, Helene! fürchte nichts, sagte der Oberst mit der
äußersten Zufriedenheit, da er gewiß war, daß sie gegen ihn keinen
Verdacht geschöpft habe. --
»Nun wohlan! Sei es nun Schwäche, oder Aberglauben, oder irgend eine
andere Ursache, genug, es scheint mir, als wenn ich alle Nächte von
einem schrecklichen Ungeheuer verfolgt werde, das sich über mich
hinlegt, mit seinem häßlichen stinkenden Munde den meinigen berührt, und
mir so das Blut aus den Adern saugt. Kurz, ich werde von einem _Vampyre_
gequält. Glaube es mir sicher, derselbe Dämon hat schon den Tod unseres
Sohnes, so wie einer jungen Bäuerin aus dem Dorfe verursacht, obgleich
bei der letztern auf eine plötzliche und gewaltsame Weise.«
-- Sprichst du wirklich im Ernst, Helene? Suchst du nicht vielleicht mit
mir durch eine solche Entdeckung zu scherzen? --
»Ich wußte es wohl, daß du über mich spotten würdest; allein dem sei,
wie ihm wolle, ich habe die schreckliche Gewißheit von meinen
nächtlichen Qualen. Es ist nicht eben ein bloßer Traum, der alle Nächte
wiederkehrt; nein, der Schmerz, den ich empfinde, das Gewicht des
Wesens, das mich fast erdrückt, entreißt mich meinem Schlafe. Aber eine
höhere Macht hemmt alle meine Bewegungen, schließt mir die Augenlieder,
und überwältigt meine Anstrengungen, mich von meinem Verfolger
loszumachen. Vergebens suche ich zu schreien, die Töne ersterben in
meiner Brust; ich fühle die auf mir liegende Last und das Verschwinden
meines Blutes aus den Adern.«
-- Du setzest mich in Erstaunen, Helene, und ich weiß nicht mehr, was
ich dir antworten soll. Fühlst du nicht, daß du bloß das Spiel einer
traurigen Täuschung bist, die nur durch deine Krankheit verursacht wird,
die sie verschlimmert, aber nicht hervorbringt? Ich will nicht
versuchen, dir die Unmöglichkeit zu beweisen, daß ein solches Wesen, wie
du es fürchtest, existiren kann; nie wird die Vorsehung erlauben, daß
die Gesetze der Natur auf eine so schreckliche Weise verletzt werden.
Aber du hast Zerstreuung nöthig; unser jetziger Aufenthalt taugt nicht
mehr für uns, und mit dem morgenden Tage wollen wir nach Prag reisen, um
dort deine völlige Genesung abzuwarten. --
»Nein, Alfred, ich kann nicht einwilligen, dieses Schloß zu verlassen.
Ich bitte dich, hier zu bleiben, weil eine allzutheure Ursache mich hier
fesselt.«
-- Diese Ursache kann dir nur traurige Erinnerungen bringen. Wenn du
willst, so wollen wir nach Dresden, deiner Vaterstadt, reisen, oder
wohin du sonst wünschest. Aber der Anblick neuer Gegenstände muß dich
diejenigen vergessen machen, die deine Schwermuth verursacht haben. --
»Ich will mich nicht von hier entfernen, weil ich sonst nicht neben dem
Grabe meines armen Wilhelm würde ruhen können.«
Diese rührende Antwort, mit einem Strom von Thränen begleitet, drohte
Alfreds Herz zu brechen. Er vermischte seine Thränen mit denen seiner
Frau, aber gab dessenungeachtet ihren Wünschen nicht nach, sondern
stellte ihr die wichtigsten Gründe vor, um sie zur Veränderung ihres
Aufenthalts zu überreden. Nach vielen Bitten mußte sie endlich
nachgeben, und sie ertheilte ihre Einwilligung zu einem vierzehntägigen
Aufenthalte in Prag.
Zwanzigstes Kapitel.
Als Helene am andern Morgen die Anstalten zur Abreise sahe, schien ihr
Versprechen ihr wieder leid zu werden, und sie bat ihren Mann, seinen
Entschluß aufzugeben. Allein ihre Bitten waren vergebens; der Oberst
blieb fest bei seinem Willen. Vor der Abreise schrieb Helene noch einige
Zeilen an Lodoiska, um sie zu benachrichtigen, daß sie auf vierzehn Tage
mit ihrem Gatten und ihrer Tochter nach Prag reisen würde; zugleich
sprach sie den Wunsch aus, wie angenehm es ihr sein würde, einen Besuch
von ihr in dieser Stadt zu erhalten, weßhalb auch ein Zimmer für sie in
der Wohnung, die man wählen würde, bereit gehalten werden sollte.
Wildenau, der durch einen Boten herbeigeholt worden war, kam in dem
Augenblicke an, wo die Familie sich in den Wagen setzen wollte. Kaum
hatte der Oberst, ihn bei Seite nehmend, noch Zeit genug, ihm im
Allgemeinen zu sagen, daß die Einbildungskraft seiner Frau durch
schreckliche Vorstellungen angegriffen werde, weßhalb er es für nöthig
gehalten habe, sie zu zerstreuen, und sie zu diesem Zwecke mitten in den
Tumult einer großen Stadt zu führen. Der Arzt konnte diesen Plan nur
billigen, und er versprach, die Familie in der Stadt öfters zu besuchen.
Der Wagen, mit vier raschen Pferden bespannt, eilte pfeilschnell auf der
Landstraße, die nach der Stadt führte, fort, und nach zwei Stunden
befand sich die Familie bereits in Prag, im Gasthofe zum Kaiser. Sie
trat hier so lange ab, bis gegen Abend der Oberst, welcher die ganze
Stadt durchlaufen hatte, zurückkehrte, mit der Nachricht, eine sehr
bequeme Wohnung, ganz wie er sie wünschte, gefunden zu haben. Noch in
dieser Nacht schlief die Familie in ihrer neuen Behausung, wo der Oberst
sein Bett in das Schlafzimmer seiner Frau hatte setzen lassen.
»Du siehst nun, sagte er lächelnd zu ihr, was ich für Anstalten zu
deiner Beschützung gemacht habe; ich bin hier mit Degen und Pistolen, um
den Dämon mit Vortheil zu bekämpfen. Doch hoffe ich, nicht wirklich mit
ihm ins Handgemenge zu gerathen, weil er uns wahrscheinlich nicht bis
hierher folgen wird; denn die Gespenster und bösen Geister haben nur
selten Erlaubniß in großen Städten umherzuwandeln; nur in den alten
Schlössern vermögen sie zu spuken.«
Es war Alles vergebens, Helenen aufzuheitern; sie blieb stets schweigend
und tiefsinnig, denn das Uebel, von welchem sie befallen war, hatte
schon zu große Fortschritte gemacht. Sie legte sich zeitig schlafen,
während ihr Mann noch lange wachte; aber als auch er endlich das Bett
suchte, erstaunte er über die außerordentliche Müdigkeit, die ihn
befiel, und kaum hatte er sich niedergelegt, so schloß der Schlummer
seine Augen. Mit anbrechendem Tage erwachte er wieder, und da er hörte,
daß seine Frau sich im Bette umwendete, um eine andere Lage zu suchen,
fragte er sie, wie sie die Nacht zugebracht habe?
»Ganz so wie gewöhnlich, antwortete sie; meinen Aufenthalt habe ich
verändert, aber meine Marter ist geblieben. Fahre immer fort zu lächeln;
der Vampyr hat mich dessen ungeachtet nicht verlassen, ja er hat sich
heute schrecklicher und blutgieriger als sonst gezeigt.«
Diese Antwort war für Alfred äußerst niederschlagend; denn da er an die
Wirklichkeit ihrer Träume nicht glauben konnte, so mußte er annehmen,
daß wohl gar ihr Verstand angefangen habe zu leiden. Er beschloß daher,
sie auf alle Weise zu zerstreuen, sie in Gesellschaften, in's Theater zu
führen, und noch an demselben Morgen beredete er sie, sich mit ihm in
den Wagen zu setzen, um in der Stadt umher zu fahren, und die
Merkwürdigkeiten derselben zu besehen.
Helene ward wider ihren Willen durch die Menge und Verschiedenheit der
Dinge, die sie zu sehen bekam, belustigt, und schien beim Mittagessen,
wo sie mit vielem Appetit aß, sich sehr wohl zu befinden. Der Oberst sah
sogar auf ihren blassen Wangen einen Anschein von Farbe, und fühlte sich
von neuer Hoffnung erfüllt. Ganz seiner Pflicht lebend, entfernte er
jeden Gedanken von sich, der ihm verbrecherisch scheinen konnte, und
suchte die Erinnerung an Lodoiska völlig aus seinem Herzen zu verbannen.
Die Nacht kam heran. Um einen Versuch zu machen, ob seine Frau dadurch
mehr ermuthigt werden könnte, bat er sie um Erlaubniß, sich neben ihr
ins Bett zu legen, und Helene willigte ein. Er versprach ihr, so lange
als möglich wach zu bleiben, um durch seine Gegenwart das gefürchtete
Ungeheuer abzuhalten; aber er hatte sein Wort allzuverwegen gegeben. Es
dauerte nicht lange, so befiel ihn der Schlaf mit solcher Gewalt, daß er
vergebens dagegen kämpfte, und wider seinen Willen die Augen schloß.
Als er wieder erwachte, fühlte er auf der Stelle seines Herzens einen
lebhaften Schmerz, und als er mit der Hand dahin tastete, wurde derselbe
noch stärker. Er wendete sich gegen die neben dem Bett stehende
Nachtlampe, und sein Erstaunen übertraf jede Vorstellung, als er auf
seiner Haut den Abdruck von fünf Fingern, in gelben und schwärzlichen
Flecken, erblickte! Er urtheilte sogleich, daß Helenens Hand diesen
Druck hervorgebracht habe, aber schloß auch daraus, daß sein Schlaf
außerordentlich fest gewesen sein müsse, weil er nichts davon gefühlt
hatte.
Helene erwachte bald darauf ebenfalls; ihr Stillschweigen sagte
hinreichend, daß ihr Zustand in dieser Nacht nicht besser gewesen sei,
als sonst, und es war also dringender als je, ernstlich an ihrer
Genesung zu arbeiten. Der Oberst fuhr heute wieder vor Tische mit
Helenen spazieren, und benutzte diese Gelegenheit, zugleich dem
berühmtesten Arzte in der Stadt seine Aufwartung zu machen. Er bat
denselben dringend, Alles zur Herstellung seiner Frau anzuwenden, was
der Arzt auch versprach; aber indem er diesen Trost gab, hatte er schon
gesehen, daß Helenens Lebenskräfte auf dem Punkt waren, zu erlöschen.
Am folgenden Morgen war die Oberstin so schwach, daß sie nicht im Stande
war, das Zimmer zu verlassen; sie empfing den Besuch Wildenau's, der
bloß nach Prag gekommen war, um einen Tag mit der Familie zu verleben;
aber der erste Blick überzeugte ihn schon, daß die Kranke von einem
Augenblicke zum andern in ein anderes Leben hinüberschlummern könne.
Bald darauf trat sein geschickter Amtsbruder ein, und beide beobachteten
nun lange Zeit die Symptome des Uebels, das mit so fürchterlicher
Schnelle wuchs; ihr Urtheil fiel völlig gleich aus. Sie sahen, daß die
Oberstin höchstens noch eine Woche lang leben konnte, und hielten es für
angemessen, ihren Gatten von dem ihm bevorstehenden Verluste in Kenntniß
zu setzen.
Dieser unangenehme Auftrag mußte natürlich auf Wildenau fallen, weil
derselbe mit dem Obersten schon länger in freundschaftlichen
Verhältnissen stand; er bat ihn also einige Augenblicke mit ihm allein
sein zu dürfen, und machte ihn nun mit der schrecklichen Wahrheit
bekannt. Der Oberst überließ sich seinem aufrichtigen Schmerze; er
wollte anfangs an der Wahrscheinlichkeit der ärztlichen Behauptung
zweifeln, und auf dem Punkt, von seiner Gattin getrennt zu werden,
fühlte er seine frühere Liebe zu ihr sich in ihrer ganzen Kraft erneuen.
Es schien ihm grausam, Helenen von ihrem bevorstehenden Ende in Kenntniß
zu setzen, und da er nicht wußte, wozu er sich entschließen sollte,
kehrte er mit dem Arzte in Helenens Zimmer zurück, wo er sich dergestalt
setzte, daß seine Frau ihn und seinen Kummer nicht sehen konnte.
Die Oberstin fragte den Arzt mit schwacher Stimme, ob er Lodoiska
gesehen, oder Nachricht von ihr habe?
»Sie zu sehen, Frau Oberstin, antwortete Wildenau, ist unmöglich, denn
sie kommt nie aus ihrem Hause, das beständig verschlossen ist. Können
Sie wohl glauben, daß Herr von Krauthof den Muth gehabt hat, sich
abermals bei ihr zu zeigen, ungeachtet der früher gemachten üblen
Erfahrung?«
-- Er ist also bei seinem zweiten Versuche nicht glücklicher gewesen? --
»Der Ausgang war ganz derselbe, wie das erste Mal, und er ist nun so
entmuthigt, daß er geschworen hat, nie wieder einen Fuß in die Nähe des
Hauses zu setzen.«
-- So sind wir doch glücklicher gewesen, fuhr Helene fort, denn sie hat
sich öfters sehr artig nach uns erkundigt. Das sonderbare Wesen! Was
führt sie bei ihrer Jugend und Schönheit für eine Lebensart! Dabei
bleibt sie stets kalt und gleichgültig, und erscheint mehr als eine
Maschine, deren Räderwerk in Bewegung gesetzt worden ist, als wie ein
menschliches Geschöpf. Indessen kann ich mir nicht erklären, welche
Gewalt sie über mich erlangt hat. Seitdem wir von einander getrennt
sind, vermisse ich sie beständig, und es scheint mir, als wenn ich sie
in den letzten Stunden meines Lebens bei mir haben müßte; auch wünschte
ich ihr nach meinem Tode die Aufsicht über meine Tochter anzuvertrauen.
--
Diese mit schwacher Stimme ausgesprochenen Worte setzten die beiden
Zuhörer in Schrecken. Der Oberst sprang heftig vom Stuhle auf, ergriff
Helenens Hand, und stammelte einige Worte des Trostes und der Hoffnung.
Wildenau, der mehr an dergleichen Szenen gewöhnt war, benutzte diese
Gelegenheit, um die Oberstin aufzufordern, einen Geistlichen kommen zu
lassen.
»Sie thun sich großen Schaden, Frau Oberstin, sagte er, daß Sie sich mit
so düsteren Gedanken quälen. Ich wünschte, daß Sie Zutrauen genug in
mich setzten, um mir die Mittel zu erleichtern, Ihren Gesundheitszustand
zu verbessern; da Sie mir dieß aber verweigern, warum fragen Sie nicht
einen jener frommen Geistlichen um Rath, die gewohnt sind, an dem Bette
der Leidenden Trost zu ertheilen? Vielleicht würde dieß Ihrem Zustande
am zuträglichsten sein.«
Ein schmerzliches Lächeln ging der Antwort Helenens vorher. »Sie kommen
meinen Wünschen zuvor, sagte sie; ich war schon im Begriff, meinen Mann
zu bitten, daß er einen Geistlichen kommen ließe. Zugleich komme ich
aber auf meinen vorher erwähnten Wunsch zurück: ich sehne mich, die
junge Fremde wiederzusehen, und sie einige Zeit bei mir zu haben.«
Der Ton, womit dieser Wunsch ausgedrückt wurde, bewies, wie sehr Helene
an dessen Erfüllung hing, und die beiden Zuhörer wurden davon
überrascht, am meisten aber der Oberst, der die Gefahr fühlte, welche
für ihn aus Lodoiska's Gegenwart entstehen mußte. Allein er wußte nicht,
wie er diesem Wunsche seiner sterbenden Frau ausweichen sollte, und
seine Verlegenheit hinderte ihn anfangs, eine Antwort zu geben. Helene,
über sein Stillschweigen verwundert, fragte ihn daher, ob ihr Verlangen
tadelnswürdig sei, und ob der Erfüllung desselben große Hindernisse
entgegenständen?
Diese Frage weckte den Obersten aus seinen Träumereien, und er
antwortete, daß er sich nur deßhalb nicht gleich erklärt habe, weil er
fürchtete, daß die seltsame Fremde die Bitte abschlagen würde. »Da du
aber auf ihrer Gegenwart bestehst, fuhr er fort, so versuche, ihr einige
Zeilen zu schreiben, denen ich meine Bitten noch hinzufügen werde, und
unser Bediente soll augenblicklich mit unserm Wagen nach R**** fahren.
Ich hoffe dann, daß er sie mitbringen wird.«
Helene versuchte, den verlangten Brief zu schreiben, wozu sie fast eine
Stunde gebrauchte. Der Oberst setzte dann folgende Worte hinzu:
»Ja, Madame, wir bitten Sie um die gütige Erfüllung unserer
Wünsche. Wie strenge auch Ihre früheren Entschlüsse sein
mögen, Sie dürfen sich jetzt dem Verlangen meiner Frau nicht
weigern, die Ihre Gegenwart so sehnlich wünscht. Kehren Sie
daher in unsere Gesellschaft zurück, ich wiederhole Ihnen
nochmals meine Bitte; geben Sie uns diesen Beweis Ihres
Wohlwollens.«
Während der Oberst schrieb, war Wildenau, der Prag genau kannte,
fortgegangen, um einen Geistlichen herbeizuholen, der die Oberstin auf
dem ihr noch übrigen kurzen Lebenswege geleiten und trösten möchte. Es
gelang ihm, einen der würdigsten ausfindig zu machen, der ihm versprach,
am folgenden Morgen sich einzufinden, worauf der Arzt zu seinen Freunden
zurückkehrte. Da seine Geschäfte ihn auf das Land zurückriefen, so nahm
er bald darauf von dem Obersten und dessen Frau den rührendsten
Abschied.
Ein und zwanzigstes Kapitel.
Es war acht Uhr des Abends, als der Wagen, welcher um Mittag abgefahren
war, vor dem Hause still hielt. Bei dem dadurch verursachten Geräusch
erbebte der Oberst; er nahm rasch ein Licht, und eilte die Treppe hinab,
weniger um der Fremden entgegenzugehen, wenn sie wirklich angekommen
wäre, als um seine innere heftige Bewegung vor seiner Frau zu verbergen.
Als er auf den Hausflur gelangte, sahe er eine weibliche Gestalt, in
einen großen schwarzen Shawl verhüllt, ernsten, langsamen Schrittes auf
sich zukommen, so daß er sich über ihren Anblick überrascht fühlte, als
wenn er eine übernatürliche Erscheinung gesehen hätte. Aber wie sehr
vermehrte sich seine Verwirrung, sobald er beim Scheine des Lichts die
Leichenblässe auf Lodoiska's Gesichte wahrnahm. Sie schien ein Gespenst
zu sein, so stier waren ihre Augen, so eingefallen ihre Wangen; man
mußte glauben, daß sie dem Grabe hundert Mal näher sei, als die
Oberstin, welche stündlich ihrem Ende entgegen sahe.
Der Oberst, voll Entsetzen über diesen Anblick, konnte kein Wort
hervorbringen, um die Forderungen, welche Höflichkeit und Anstand an ihn
machten, zu erfüllen. Unbeweglich stand er da, und betrachtete die
Zerstörungen, welche ein so kurzer Zeitraum in den Gesichtszügen
Lodoiska's hervorgebracht hatte. Diese bemerkte sein Erstaunen, und mit
einem wilden Lachen hob sie an:
»Hier bin ich! Sie haben mich gerufen. Schmeicheln Sie sich aber nicht,
mich nun wieder zur Entfernung zu zwingen, wenn Sie es wünschen werden.«
Glücklicherweise wurden diese lebhaft ausgesprochenen Worte von
Niemanden weiter gehört. Er erschrak über den Sinn derselben, suchte
sich jedoch zu fassen, und antwortete ihr mit einem Anschein von
Galanterie, wofür sie ihm einen fürchterlichen Blick zuwarf. --
Als Beide in das Zimmer der Oberstin traten, brach diese beim Anblick
der Fremden, die so krank zu sein schien, wie sie selbst, in Thränen
aus, und reichte ihr freundschaftlich die Hand entgegen.
»Ach, wie gut sind Sie, meine Bitte erfüllt zu haben! Aber Sie selbst
scheinen der Hülfe eines Arztes zu bedürfen. Warum kamen Sie nicht
früher nach der Stadt?«