ankommt, so kann ich mich über diese erklären, ohne zu erzählen, was mir
früher begegnete. Ich bin frei, völlig frei, und dennoch gehöre ich mir
selbst nicht an. Ich habe mein Herz verschenkt, und nicht das Recht, es
wieder zurückzufordern; durch ein ganzes Leben bin ich von demjenigen
getrennt, den ich bis zum Uebermaß liebe; meine Seele steht unter der
Abhängigkeit einer höheren Macht, und ich habe kein Vaterland mehr, ich
gehöre der ganzen Erde an. Fragen Sie mich nicht weiter; Sie haben jetzt
Alles gehört, was ich Ihnen sagen kann .... suchen Sie es zu vergessen.«
-- Ich würde mich ohne Zweifel mit einer solchen Erklärung begnügen, so
dunkel sie mir auch ist, aber ich kann Sie versichern, daß Andere nicht
damit zufrieden sein werden. Und nun erlauben Sie, daß ich mit Ihnen ein
Wort der Vernunft spreche. Sie sind hier weit von Ihrem Vaterlande
entfernt, allein und unabhängig; Sie können nicht hoffen, sagen Sie,
demjenigen jemals anzugehören, den Ihr Herz ausgewählt hat: was wollen
Sie aber dann in einem fremden Lande machen? Wird nicht eine Zeit
kommen, wo Sie, unter der Last des Alters gebeugt, das Bedürfniß eines
Freundes fühlen werden? Wollen Sie denn vielleicht in Ihr Vaterland
zurückkehren? Das Schicksal könnte Ihnen unübersteigliche Hindernisse in
den Weg legen. Kurz, Sie werden es dann bereuen, etwas ausgeschlagen zu
haben, was Sie jetzt vielleicht verschmähen. --
»Ich fühle es, Frau Oberstin, wie schrecklich meine jetzige Lage für
jedes andere Frauenzimmer sein würde, das sich in einem der gewöhnlichen
Verhältnisse des menschlichen Lebens befindet. Aber meine Verhältnisse
sind ganz besonderer Art! Ich scheine Ihnen verlassen zu sein? Wohl! so
glauben Sie, daß ich nicht Ursach habe, mich über meine Zukunft zu
beunruhigen; sie ist schon seit mehreren Jahren fest bestimmt, und kann
sich nicht mehr ändern. Ich drehe mich um einen Kreis, den ein
allmächtiges Wesen mir vorgeschrieben hat, und von dem ich mich nicht
entfernen kann. Sie glauben, daß mir eine Stütze, ein Freund nöthig
werden möchte? Enttäuschen Sie sich; ich werde nie darein willigen, eine
solche Stütze anzunehmen. Sagen Sie demjenigen, der Ihnen aufgetragen
hat, mit mir hierüber zu sprechen, er möge alle Hoffnung aufgeben,
vorzüglich aber eine Liebe zu unterdrücken suchen, die für ihn
gefährlich werden könnte. Der Unverständige! Er weiß nicht, daß Jeder,
welcher mich liebt, dem Tode verfallen ist! .... Sie erbeben, Frau
Oberstin! Ach, warum ist es mir nicht erlaubt, Ihnen meine traurige
Geschichte zu erzählen! Meine Lage würde Ihnen dann den schrecklichsten
Abscheu einflößen .... und dennoch -- ich nehme Gott zum Zeugen, den ich
fürchte -- habe ich über keine meiner Handlungen zu erröthen. Sie waren
stets übereinstimmend mit der Tugend, und wenn ich mir selbst Böses
anthat, so ist mir wenigstens bis dahin kein Vorwurf zu machen. Hören
Sie auf, ich beschwöre Sie, weiter in mich zu dringen, und lassen Sie
mich in der Hülle meiner Geheimnisse. Ich verlange nichts von den
Menschen; gern wünschte ich mir auf der Erde die Ruhe des Grabes, aber
sie ist mir versagt!«
Bei diesen Worten drückte Lodoiska ihre ganze Verzweiflung durch einen
sonderbaren, fürchterlichen Blick aus, stand von ihrem Stuhle auf,
beurlaubte sich bei Helenen, und begab sich in ihr Zimmer.
»Außerordentliches Geschöpf! sagte Helene zu sich selbst, als sie sie
fortgehen sahe; unbegreifliches Wesen! Wer ist sie? Was hat sie gethan?
Warum kam sie hierher? Ihre Geschichte muß äußerst anziehend sein, und
gewiß hat sie den Becher des Unglücks mit vollen Zügen geleert.«
Sie blieb bis zur Rückkehr des Obersten und des Arztes, welche beide
zugleich kamen, in das tiefste Nachdenken versunken. »Armer Freund! rief
sie dem Letztern entgegen; man giebt Ihnen den Korb, ohne Ihnen die
geringste Hoffnung zu lassen. Erlassen Sie mir aber, ich bitte, die
weitere Auseinandersetzung meiner Unterhaltung mit der Fremden, und
begnügen Sie sich damit, zu wissen, daß sie mir nichts von ihren
Schicksalen erzählt hat, und daß Sie nicht glücklich sind.«
Weit entfernt, sich mit diesen Worten zu befriedigen, verlangte Wildenau
eine ausführlichere Erklärung, und Helene sträubte sich vergebens: sie
mußte Alles genau wieder erzählen, was gesprochen worden war. Es läßt
sich denken, mit welcher geheimen Theilnahme der Oberst zuhörte.
»Meine Eigenliebe, sagte endlich der Arzt, ist bei dieser Gelegenheit
durchaus unverletzt geblieben; ich sehe ein, daß die Grausame eine Liebe
fühlt, welcher nicht Genüge geleistet werden kann. Ohne Zweifel hat sie
ihr Vaterland aus beleidigter Liebe verlassen; dieß ist eine zu heftige
Maßregel, die ich nicht nachahmen will, und da sie sich weigert, meine
Frau zu werden, so bleibe ich wenigstens ihr treuer Freund.«
-- Das heißt vernünftig gesprochen! sagte der Oberst, sein langes
Stillschweigen brechend. Nur keine Seufzer, glauben Sie mir; stellen Sie
sich völlig gleichgültig, und vielleicht gerade, wenn Sie am wenigsten
daran denken, werden Sie dieses stolze Herz sich geöffnet sehen. --
Obgleich Wildenau innerlich tief bekümmert war, so wußte er doch sehr
gut seinen wahren Zustand zu verbergen; aber er gab seine Liebe noch
nicht auf, denn auch er kannte den Werth und Einfluß der Zeit, welche
allen Dingen nach und nach eine veränderte Gestalt giebt.
Lodoiska erschien heute nicht zum Mittagessen, indem sie sagen ließ, daß
sie unpäßlich sei, und in ihrem Zimmer essen würde. Man glaubte anfangs,
daß sie bloß nicht mit dem Arzte zusammentreffen wolle; aber Lisette
berichtete, daß sie außerordentlich blaß sei, und in der heftigsten
Unruhe zu sein scheine.
Achtzehntes Kapitel.
Am folgenden Tage, wo Lodoiska sich wieder blicken ließ, schien sie gar
nicht mehr an die mit der Oberstin gehabte Unterhaltung zu denken.
Wildenau befand sich noch im Schlosse. Sie behandelte ihn wie
gewöhnlich, und war vollkommen gleichgültig gegen ihn; allein gegen den
Obersten hatte sich ihr Betragen völlig geändert. Sie richtete häufig
ihre Blicke auf ihn, mit einem Ausdruck von Unzufriedenheit und selbst
Zorn, der ihn beinahe in Schrecken setzte; sie war gegen ihn so trotzend
und zu gleicher Zeit vertraulich, daß man leicht ihre frühere
Bekanntschaft mit einander errathen haben würde, wenn man nicht
überzeugt gewesen wäre, daß der Verstand der Fremden in manchen
Augenblicken völlig zerrüttet sei.
Der Oberst, dem die Wahrheit wohl bekannt war, bebte über die Folgen,
welche diese üble Laune Lodoiska's haben könnte. Jemehr sie ihm nach und
nach wieder theuer wurde, je lieber hätte er es gesehen, daß man es
nicht bemerkte, und vorzüglich fürchtete er, daß eine Unvorsichtigkeit
die Eifersucht seiner Frau wecken möchte. Er suchte sich Lodoiska'n
verständlich zu machen, indem er sie durch Blicke bat, ihn zu schonen,
und ihres Versprechens eingedenk zu sein; aber seine Bemühungen waren
vergeblich, und sie fuhr in ihrem Betragen fort. Unterdessen kam ein
Eilbote, der den Arzt zu einem Nachbar holte, welchen ein Schlagfluß
befallen hatte; zu gleicher Zeit wollte Helene ein Geschäft in ihrem
Zimmer besorgen, und die beiden Feinde befanden sich nun allein einander
gegenüber.
»Sie erinnern sich also nicht mehr an Ihr mir gegebenes Versprechen?«
sagte Alfred schnell.
-- Sie haben ja auch vergessen, daß Sie mir Ihr Herz versprochen hatten!
Noch einmal sage ich es Ihnen, betrügerischer Mann, können Sie mir
vorwerfen, daß ich meine Schwüre gebrochen? Ich betrage mich gegen Sie,
wie es mich gut dünkt; aber dieß ist hier nicht der Ort, uns einander
Vorwürfe zu machen. Ich muß Sie sprechen, durchaus allein sprechen. --
»Wann?«
-- Heute um Mitternacht. --
»Wo?«
-- Im großen Saale; dort wird uns Niemand stören. --
»Was wollen Sie von mir?«
-- Sie werden es erfahren. --
»Aber wenn man uns überrascht?«
-- Sein Sie ohne Sorgen. --
»Es wird einen üblen Ausgang nehmen.«
-- Werden Sie kommen? --
»Ich fürchte ....«
-- Zittern Sie, wenn ich vergebens auf Sie warten muß. --
Helenens Rückkehr in's Zimmer machte dieser Unterhaltung ein Ende, die
nur halb laut geführt worden war. Sie kam so plötzlich, daß ihr Gatte in
Verlegenheit gerieth, und sie überraschte ihn bei einer Bewegung, die
ihr so manche Dinge hätte erklären können, wenn sie nicht in
vollkommener Sicherheit gewesen wäre. Lodoiska war seit der Zeit ihres
Aufenthalts im Schlosse noch nie so guter Laune gewesen, als heute. Sie
vergaß ihre gewöhnliche Schwermuth, ja sie wurde sogar lustig, und es
gelang ihr, Helenen ein Lächeln abzugewinnen, das erste seit dem
Verluste ihres Sohnes.
Alfred, weit entfernt, Lodoiska's Frohsinn zu theilen, wurde immer
tiefsinniger und trauriger, jemehr sich der Abend näherte. Kaum öffnete
er den Mund zum Sprechen; eine ihm unerklärbare Unruhe bewegte sein
Inneres, und er wagte es nicht, weder Lodoiska'n noch seine Frau
anzublicken. Vorzüglich fürchtete er, bei der bevorstehenden
Zusammenkunft mit der Erstern, mitten in der Nacht überrascht zu werden,
da hiervon seine ganze häusliche Ruhe abhing.
Endlich begab sich ein Jeder in sein Zimmer. Die Oberstin, die sich seit
einiger Zeit über eine allgemeine Schwäche in allen Gliedern beklagte,
legte sich zuerst zu Bett, und schickte bald darauf auch Lisetten fort.
Der Oberst setzte sich in seinem Zimmer auf einen Lehnstuhl, und
erwartete so, völlig angezogen, aber ohne Ungeduld, sondern zitternd,
die Mitternachtszeit. Als endlich der letzte Schlag der zwölften Stunde
erschallte, stand er seufzend auf, und ging mit leisen Tritten nach dem
großen Saale, ohne ein Licht mit sich zu nehmen.
Die undurchdringliche Finsterniß in diesem weiten Saale, die schneidende
Kälte, welche durch die schlecht geschlossenen Fensterscheiben eindrang,
die Furcht, überrascht zu werden: alles dieß vereinigte sich, um dem
Obersten ein solches Beben zu verursachen, wie er noch nie empfunden
hatte, selbst als er früher, hundert Feuerschlünden gegenüber, den Tod
in der ihm angewiesenen Position erwarten mußte. Aber damals lebte er
mit seinem Herzen in Frieden, und sein Gewissen war ruhig; jetzt befand
er sich mit sich selbst im Widerspruch. Er war auf den Befehl eines
Frauenzimmers hierhergekommen, das zu seinem Glücke nichts mehr
beitragen, wohl aber es zerstören konnte. Aber konnte er ihr ungehorsam
sein? Mußte er nicht fürchten, daß sie, bei ihrem heftigen Charakter,
seine ehemaligen Verhältnisse zu ihr öffentlich bekannt machte? Alfred
glaubte, Alles thun zu müssen, um eine fast wahnsinnige Liebende in
Schranken zu halten.
Sie ließ nicht lange auf sich warten. Sie trat durch die Thür ein,
welche von der Haupttreppe in den Saal führte, mit einem weißen Kleide
angethan, und halb in einen großen schwarzen Schleier verhüllt, der ihr
das furchtbare Ansehen eines Gespenstes gab, das sie auch durch ihren
leblosen Blick, durch die Leichenblässe ihres Gesichts nicht
verläugnete. In der Hand trug sie ein Licht, das sie schnell auf den
Fußboden setzte, als sie den Obersten erblickte; dann trat sie auf ihn
zu, und gab ihm ihre Zufriedenheit über sein pünktliches Erscheinen zu
erkennen.
»Ich werde stets gern erscheinen, wenn Lodoiska mich sehen will,
vorzüglich seitdem sie mich versichert hat ....«
-- Alfred, ich bitte Sie, rufen Sie mir ein Versprechen nicht mehr in's
Gedächtniß zurück, dessen Erfüllung mir zu viel kostet. Wie! soll ich
mich denn unaufhörlich verstellen? Soll ich es ruhig mit ansehen, daß
Sie alle Mittel aufsuchen, mich von hier zu entfernen, und daß Sie
dergleichen Anträge unterstützen, wie man mir gestern mitgetheilt hat?
--
»Glauben Sie mir, Lodoiska, daß ich dabei so viel gelitten habe, als Sie
selbst, sobald man mich davon in Kenntniß setzte? Ja, es war mir schon
unerträglich, es nur zu vermuthen; aber was konnte ich dagegen thun?
Schweigen und das Weitere Ihnen überlassen. Ich hoffte .... ich wußte,
wollte ich sagen, daß Ihre Antwort verneinend sei, und daß man Sie dann
nicht weiter verfolgen würde.«
Ein Strahl von Freude blitzte bei diesen Worten in Lodoiska's Augen auf.
»Sie hofften, sagen Sie. Ach, warum kann ich meinerseits nicht mehr
hoffen! Ich bin die Zeugin eines Glücks, das mir über Alles verhaßt ist,
und das ich niemals selbst schmecken werde. Jetzt muß ich mich einem
Orte entreißen, der mir unerträglich wird. Ich habe Sie wiedergesehen;
mein Unglück ist vollendet, und es bleibt mir nichts mehr übrig, als
mich zu entfernen.«
-- Sie wollen fort? Lodoiska, bedenken Sie unsere Freundschaft! --
»Unsere Freundschaft! Alfred, ich mache mir nichts daraus, und wenn Sie
mir dieselbe auch ganz aufrichtig anbieten, ich nehme sie nicht an. Mein
Loos ist gefallen, und ich weiß mich dabei zu erhalten! setzte sie mit
einem boshaften Lächeln hinzu. Indem ich Sie durch meine Abreise von
meiner Gegenwart befreie, gebe ich Ihnen zugleich Ihre Ruhe zurück. Sie
werden nicht mehr zittern, wenn ich mich Ihnen zeige oder mit Ihnen
spreche, und von der Liebe zu derjenigen, die Sie mir vorziehen, nicht
mehr zerstreut werden.«
-- Es steht Ihnen frei, zu bleiben oder abzureisen; ja ich weiß nicht,
ob ich selbst Sie nicht zum Letzteren auffordern sollte. Aber sein Sie
überzeugt, daß mein Herz Ihre Entfernung nicht wünscht; es würde
zufrieden in Ihrer Nähe sein, wenn es Sie nicht mehr zu fürchten hätte,
und es fühlt mehr als je, wie verführerisch Sie sind. --
»Nun? Und welchen Platz wollten Sie mir denn neben sich anweisen? Sie
antworten nicht; was soll ich daraus schließen?«
-- Daß ich höchst verlegen bin; denn was soll ich Ihnen antworten, um
Sie zu befriedigen? Die Bande, welche mich an Helenen fesseln sind
unauflöslich. --
»Ja unauflöslich, wie alles Uebrige bei den Menschen, bis zum Tode
.....«
In dem Tone, mit welchem diese Worte ausgesprochen wurden, lag ein so
geheimnißvoller Sinn und ein so boshafter Ausdruck, daß der Oberst
schaudernd einen Schritt zurücktrat, und Lodoiska'n erstaunt ansah;
allein er bemerkte, daß ihre Augen von der gewöhnlichen
außerordentlichen Gleichgültigkeit erfüllt waren, und ihr unbefangenes
Wesen stand so sehr in Widerspruch mit dem, was schon der bloße Ton
ihrer Stimme ausgedrückt hatte, daß Alfred glauben mußte, er habe sich
geirrt. Es folgte ein langes Stillschweigen, wobei der Oberst in's
tiefste Nachdenken versunken war, bis endlich Lodoiska wieder das Wort
nahm.
»Sie denken sehr ernsthaft nach, Alfred; beschäftigen Sie sich mit der
Vergangenheit oder mit der Zukunft?«
-- Nein, nur mit der Gegenwart, die mich in die unbeschreiblichste
Verwirrung setzt. --
»Sein Sie nicht böse, wenn ich Ihnen sage, daß ich Ihre Schwäche kenne.
Sie sind nicht im Stande, einen bestimmten Entschluß zu fassen, und Sie
wissen selbst kaum, was Sie wollen.«
-- Ach, Lodoiska, könnten Sie in mein Herz sehen! Aber ich möchte wohl
wissen, wie Sie sich benehmen würden, wenn Sie sich in meiner Lage
befänden. --
»Nach reiflicher Ueberlegung aller Gründe würde mein Entschluß sehr bald
gefaßt sein, und den einmal eingeschlagenen Weg würde ich dann mit Muth
und Dreistigkeit betreten.«
-- Wenn aber dieser Weg Sie zum Irrthume, oder gar zum Verbrechen
führte? --
»Auch dann würde ich ihn verfolgen, denn von allen Uebeln ist das
schlimmste die Unschlüssigkeit. Aber haben Sie sich auch recht davon
überzeugt, worin eigentlich die Verlegenheit in Ihrer Lage besteht?
Wissen Sie denn bestimmt, wo das Böse und wo das Gute anzutreffen ist?
Und seit wann ist es Sitte, daß neuere Rechte die ältern verdrängen
können?«
-- Lodoiska, was würden Sie also von mir fordern? --
»Alles oder Nichts, Alfred! Sie schaudern? O, dann sind Sie nicht würdig
mich weiter anzuhören.«
-- Wie könnte ich eine Gattin verlassen, der ich durchaus keinen Vorwurf
zu machen habe! mich von einem Kinde trennen ..... --
»Alles oder Nichts, ich wiederhole es Ihnen. Worüber können Sie sich
beklagen, da Sie völlig freie Wahl haben, und ich Ihnen deutlich zwei
Wege zeige, aus Ihrer Verlegenheit zu kommen?«
-- Wohl, Lodoiska! Aber so groß auch meine Anhänglichkeit an meine erste
Liebe sein mag, so werde ich doch nie meinen Ruf so beflecken, eine
tugendhafte Gattin, die ich freiwillig gewählt habe, wieder zu
verlassen. --
»Allerdings! das können Sie auch nicht, ohne Ihrem Rufe, Ihrer Ehre zu
schaden, die mir theuer sind. Aber wenn man Sie sprechen hört, sollte
man glauben, daß diese Gattin unsterblich ist, oder einen Bund mit der
Ewigkeit geschlossen hat.«
-- Sie flößen mir Entsetzen ein, Lodoiska, und ich will Sie nicht
verstanden haben; ja vielleicht verstehen Sie sich selbst nicht. --
Ein schauerliches Lächeln war die Antwort der Fremden, und in ihren
Augen las der Oberst völlig klar ihre Gedanken, so daß ihm kein Zweifel
mehr übrig bleiben konnte.
»Nein, nein, tausend Mal nein! Nie werde ich mich mit einem Verbrechen
besudeln! Grausames Weib, ich verabscheue Sie!«
-- Ja, ich weiß es, Sie waren ein geringerer Verbrecher, als Sie mein
Herz zerfleischten, als Ihr Betragen, Ihre Briefe meinem Dolche den Weg
zeigten. -- Bei diesen Worten schlug sie ihren Schleier zurück, und
zeigte dem erstarrenden Alfred die offene, noch blutende Wunde, welche
mitten in's Herz ging. -- Auch mein Vater, meine Mutter, fuhr sie fort,
fanden ihre letzte Zuflucht nur durch den Tod! Nein, damals war Alfred
kein Verbrecher, und noch jetzt ist er der unschuldigste, der
tugendhafteste der Männer! --
»O, Lodoiska! welche Verzweiflung! Welche schreckliche That haben Sie
vollbracht! Wie, Ihr Blut ist geflossen, und Sie legten Hand an sich
selbst? Und dadurch haben Sie auch Ihren ehrwürdigen Aeltern das Leben
geraubt?«
-- Nicht ich, Alfred! Nicht ich, sondern Sie, Sie allein sind an Allem
Schuld. Ich war nur das Werkzeug, dessen Sie sich bedienten, eine ganze
Familie von der Erde zu vertilgen. Und dennoch werden Sie ruhig
schlafen, oder Ihr Schlaf wird bloß durch den Schrecken beunruhigt
werden, den ich Ihnen verursache. Auf Wiedersehen! Urheber alles meines
Elendes, der Sie meine ewige Verbannung aus dem Himmel verursacht haben!
--
»Sie vernichten mich durch Ihre Vorwürfe! Aber wozu wollen Sie
verzweifeln? Mein Vergehen war groß; doch ich hoffe Gnade vor Gott zu
finden, und Sie, glauben Sie mir, daß Sie noch durch aufrichtige Reue
.....«
-- Reue! rief die Fremde mit einem lauten schrecklichen Lachen, daß der
Saal davon erschallte; Reue giebt es nicht mehr für mich; ich habe sie
sammt meinen übrigen menschlichen Empfindungen in meiner Hütte
zurückgelassen. Mein Weg ist mir vorgeschrieben, ich kann nichts mehr
thun, als ihn genau befolgen! --
Der Oberst erstarrte über diese Worte; aber als er bedachte, welche
Vorurtheile Lodoiska in ihrem Vaterlande seit ihrer frühen Jugend
eingesogen haben müsse, und daß ihr Unglück ohne Zweifel einen
nachtheiligen Einfluß auf ihren Verstand gehabt habe, ward er von
zärtlichem Mitleiden ergriffen; er suchte sie zu trösten und zu
beruhigen, indem er sich ihr näherte, um die Hand Lodoiska's zu
ergreifen, über welche sie stets einen Handschuh trug. Allein sie
errieth den Zweck seiner Bewegung, und trat erschrocken einen Schritt
zurück.
»Nein, nein, Alfred! Geben Sie Ihre Versuche auf, mich anderes Sinnes zu
machen. Ich wiederhole Ihnen nochmals, daß ich nicht länger hier bleiben
kann, und das Schloß mit dem morgenden Tage verlassen muß. Ich habe mein
abgebranntes Haus wieder aufbauen lassen, und vorgestern die Nachricht
erhalten, daß es zu meiner Aufnahme bereit ist. Fürchten Sie nun nicht
mehr, daß ich Ihnen durch meinen Anblick lästig fallen werde.«
-- Ich kann die Ausführung Ihres Entschlusses nicht zugeben, Lodoiska.
Warten Sie noch einige Zeit, ehe Sie uns verlassen; denn wie können Sie
mitten im Winter in ein neu erbautes Haus einziehen? Wissen Sie nicht,
wie schädlich die Feuchtigkeit der Mauern auf die Gesundheit wirkt? --
»O, mir schadet sie nichts; denn in einer andern Wohnung fand ich eine
weit größere Feuchtigkeit, und doch sehen Sie mich noch hier. Mein
Entschluß ist unabänderlich, und Niemand wird mehr an mich denken, wenn
ich mich entfernt habe.«
Nach diesen Worten eilte Lodoiska auf ihr Licht zu, nahm es in die Höhe,
und ging fort, ohne auf Alfred's wiederholte und dringende Bitten zu
hören. Da er sie verschwunden sahe, kehrte er in sein Zimmer zurück, wo
er die Nacht unter den peinlichsten Gedanken schlaflos zubrachte.
Neunzehntes Kapitel.
Zur Frühstückszeit erschien Lodoiska am folgenden Tage wie gewöhnlich.
Ihre ruhige Haltung und die Gleichgültigkeit in ihren Blicken verriethen
Helenen im Geringsten nicht, welchen Entschluß sie gefaßt habe, und
selbst der Oberst wurde einigermaßen irre an ihr. Nach dem Frühstück
setzte sie sich an ihren Stickrahmen, wie sie es immer gethan hatte, und
arbeitete mit ungetheilter Aufmerksamkeit. Als der Oberst sich aber aus
dem Zimmer entfernte, weil ein Bauer ihn einiger Geschäfte halber zu
sprechen verlangte, stand Lodoiska auf, und ging zur Thür hinaus, als
wenn sie sich bloß in ihr Zimmer begeben wollte. Da Helene wußte, wie
sehr ihr oft die geringsten Fragen lästig waren, so fragte sie auch
nicht nach der Ursache ihrer plötzlichen Entfernung, die überdieß nur
auf einige Minuten zu geschehen schien.
Eine Stunde ging vorüber, und die Fremde ließ sich noch nicht blicken.
Der Oberst bemerkte bei seiner Rückkehr sogleich ihre Abwesenheit, und
fragte seine Frau nach ihr.
»Sie hat sich, kurz nachdem du das Zimmer verlassen hast, entfernt, und
ich glaubte bloß, daß sie sich Wolle zum Sticken holen wollte; allein
jetzt sehe ich ein, daß sie wohl eine andere Absicht haben mußte.«
Der Oberst vermuthete sogleich die Wahrheit, suchte jedoch seine innere
Bewegung zu verbergen, und stellte sich völlig gleichgültig. Bald darauf
trat der neue Bediente ein, welcher Werners Stelle ersetzte, und übergab
der Oberstin einen Brief von Lodoiska.
»Ich muß mich, schrieb dieses unglückliche Mädchen, bei Ihnen
über die Art entschuldigen, wie ich mich von ihnen trenne. Ich
bin in meine frühere Wohnung zurückgekehrt, und bedaure, Ihnen so
viel Last verursacht zu haben; aber die innigste Dankbarkeit
erfüllt mich für Ihre mir erwiesene Güte. Warum darf ich Ihnen
keinen Beweis von dieser Gesinnung geben! Ein schreckliches
Schicksal zwingt mich, stets gegen meinen eigenen Willen zu
handeln! Ich habe bei Ihnen die größte Zuvorkommenheit
gefunden, und dennoch werde ich ... Verzeihen Sie meinen Wahnsinn
.... Ich weiß selbst nicht, was ich will, aber ich traure
darüber, daß ich weiß, was ich kann. Gern wäre ich in Ihrem
Schlosse geblieben; aber dann hätte ich mich entschließen
müssen, öfters einen Mann zu sehen, dessen Zuneigung zu mir mich
zwingt, ihn zu meiden. Sie seiner Besuche zu berauben, wäre
ungerecht gewesen, und es war also nothwendig, daß ich mich
entfernte. Ich befinde mich jetzt wieder in meinem Hause, und
habe meinen ganzen Geschmack für die ungestörteste Einsamkeit
dahin zurückgebracht; diese werde ich nur dann auf einige
Augenblicke verlassen, wenn ich Ihnen, ohne Furcht vor einem
unangenehmen Zusammentreffen, persönlich Alles das versichern
kann, was ich jetzt nur mit schwachen Worten ausdrücke.«
Unter der Unterschrift, welche bloß aus dem Namen Lodoiska bestand,
befanden sich noch einige Höflichkeitsformeln für den Obersten.
»Wahrhaftig, sagte Helene, nachdem sie den Brief mit lauter Stimme
vorgelesen, eine sonderbare Art uns zu verlassen. Und wie ist es
möglich, daß sie mitten im Winter in ein neu erbautes Haus einziehen
kann, bloß um einen Mann zu fliehen, den ein einziges Wort von ihr
zurückgehalten haben würde! Wir wollen ihr aber sogleich ihre Sachen
schicken, von denen sie ohne Zweifel nichts mitgenommen hat.«
Der Oberst suchte eine Antwort hervorzubringen, welche gleichgültig sein
sollte; zu seinem Glücke achtete aber Helene nicht auf ihn, sondern
ging, um Lisetten zu klingeln, welche mit der Nachricht eintrat, daß
zugleich mit dem Briefe auch ein Wagen angekommen sei, der die Sachen
der Fremden abholen sollte. Dadurch fand der Oberst einen Vorwand, sich
aus dem Zimmer zu entfernen, um Befehl zum Aufladen dieser Sachen zu
geben, in der That aber, um wieder freien Athem zu schöpfen; und während
sein Körper sich im Schlosse befand, irrten seine Gedanken in ungeheuren
Räumen umher.