der Menschen geheiligt hat? Aber ich werde mich keinesweges so
herabwürdigen, Sie wegen Ihres Meineids vor den Gerichten Ihres Landes
zu belangen, sondern besser thun, mich bei dem unbestechlichen Wesen zu
beklagen, das nicht über Worte richtet, sondern über Thaten. Zittern
Sie, Unglücklicher, vor der Strafe, die Sie erwartet. Kennen Sie alle
Mittel, deren sich der Allmächtige bedienen kann, um Sie in Ihrem
Innersten zu verwunden? --
»Unglückliche Lodoiska, sein Sie ruhiger, ereifern Sie sich nicht! Da
ich Ihnen jetzt nicht mehr meine Hand anbieten kann, so erlauben Sie,
daß die reinste Freundschaft eine heftige Leidenschaft ersetze.«
-- Die Freundschaft! nichts als die kalte Freundschaft bietet mir also
Alfred an, für so viele Jahre voll Zärtlichkeit und Schmerz! Ich soll
mich also entweder von ihm entfernen, um von Zeit zu Zeit einen Brief zu
erhalten, dessen Kälte mich zur Verzweiflung bringen würde; oder mit ihm
unter einem Dache bleiben, und dort Zeugin von dem Glücke einer Andern
sein, mich einer beständigen Marter überliefern! Ach, wie unverständig
war ich noch vor wenigen Augenblicken, als ich dort hinter jenen Bäumen
Worte hörte, die mir in's Innerste drangen, und die ich noch nicht
vergessen habe! --
»Sie mußten Ihnen einen Beweis geben, daß Sie mir oft im Herzen
gegenwärtig sind, und daß ich mich mit Kummer jener Zeiten erinnere, die
für mich so glücklich waren. Aber ich beschwöre Sie, Lodoiska, retten
Sie mich und sich vor der Verzweiflung; suchen Sie sich zu beherrschen,
und sich nicht zu rächen, wie Sie es mich in Ihrem letzten heftigen
Briefe fürchten ließen.«
-- Sein Sie ruhig Alfred; seit jener Zeit haben meine Gedanken eine
andere Richtung erhalten. Nicht durch menschliche Mittel will ich mich
zu rächen suchen, sondern durch eine höhere Macht, die mich wider meinen
Willen zum Ziele treibt. Gerne wünschte ich den mir vorgeschriebenen
Gang zu ändern, aber es ist unmöglich! --
Der feierliche Ton, mit welchem das junge Mädchen diese Worte aussprach,
flößte dem Obersten eine Art von Schrecken ein; doch faßte er sich bald,
und sagte, Lodoiska'n die Hand reichend:
»Ich hoffe, daß unser Schöpfer mir mein begangenes Unrecht verzeihen
wird, wenn Sie großmüthig genug sind, es zuerst zu vergessen. Weisen Sie
meine Hand nicht so verächtlich von sich. Schließen wir einen
Friedensvertrag, und versprechen Sie mir, daß Sie die Ruhe meiner Frau
nicht stören wollen.«
-- Warum sollte ich großmüthiger sein als Sie? Was geht mich die Ruhe
Ihrer Frau an? Haben Sie nicht die meinige unwiederbringlich
aufgeopfert? Doch ich will suchen, Sie in allen Dingen zu übertreffen;
nur Sie will ich quälen, und wenn ich mich nicht selbst beherrschen
kann, so werde ich ohne Mitleid gegen Sie sein, wie Sie es gegen mich
gewesen sind. --
Die Bitterkeit dieser Antwort schlug den Obersten völlig zu Boden. Er
dachte in seiner Verzweiflung nicht daran, daß es Zeit sei, sich zum
Mittagsessen nach Hause zu begeben; aber Lodoiska war vorsichtiger.
»Es ist Mittagszeit, sagte sie, und Sie können Ihre Jagd nicht noch
länger fortsetzen, ohne diejenige in die größte Angst zu setzen, deren
Ruhe Ihnen so theuer ist. Schlagen Sie jenen Weg dort ein, er führt Sie
gerade nach dem Schlosse; ich werde über diese Anhöhe hier zurückgehen.
Weiter habe ich Ihnen nichts zu sagen, Alfred, aber ich fürchte für Sie
den Zorn des Himmels.«
Mit diesen Worten wendete sich Lodoiska rasch um, erstieg den Hügel, und
verschwand vor den Augen des Obersten, der noch lange Zeit brauchte, ehe
er sich erholte und auf den Weg begab. Als er in's Schloß zurückkam,
sahe er, wie Lodoiska neben seiner Frau saß, so ruhig, als wenn durchaus
nichts vorgefallen wäre.
Der Nachmittag verstrich fast unter stetem Schweigen. Die Zeit hatte
noch nichts über den Schmerz der Oberstin vermocht; fast beständig saß
sie unbeweglich, ein aufgeschlagenes Buch in der Hand, in welchem sie
nicht las, oder an einem Stickrahmen, den sie mit ihren Thränen
benetzte. Eine tiefe Schwermuth hatte sich ihrer bemächtigt, und nur in
seltenen Augenblicken, wo ihr Geist etwas heiterer war, zeigte sie ihrem
Gatten, daß sie ihn noch liebe. Ihrer Tochter erlaubte sie niemals, sich
von ihr zu entfernen, und wenn öfters Julie, durch ihre Lebhaftigkeit
hingerissen, den Befehl ihrer Mutter vergaß, sprang Letztere fast außer
sich aus dem Zimmer, rief sie mit lauter Stimme, und war nicht eher
ruhig, als bis das Kind wieder bei ihr war. Stundenlang betrachtete sie
Juliens lächelndes Gesicht; es schien ihr, als wenn das kleine Mädchen
schon ebenfalls von der Krankheit befallen wäre, die ihren Bruder in's
Grab gebracht hatte; dann kannte ihre Verzweiflung keine Grenzen.
Vergebens versicherte der Arzt, daß ihre Tochter völlig gesund sei; sie
konnte nur unvollkommen ihre Angst unterdrücken, die sich bei der
geringsten Veranlassung erneuerte.
Als Alfred diese beständige Traurigkeit sahe, welche die seinige noch
verdoppelte, fürchtete er, seine Frau einen Augenblick lang allein zu
lassen. Er bemerkte, daß Helene ihre eigene Gesundheit untergrub, indem
sie so eifrig über die Gesundheit der kleinen Julie wachte; schon waren
ihre Wangen blaß und eingefallen, ihre Augen wurden hohl, und aus ihrer
Brust kamen oft rauhe Töne hervor, als wenn sie von der abzehrenden
Krankheit befallen wäre.
Am folgenden Tage stattete der alte Herr von Krauthof einen Besuch im
Schlosse ab. Fast mit ihm zugleich kam Wildenau. Der Erstere hatte schon
lange mit großer Ungeduld den Augenblick erwartet, wo er die
geheimnißvolle Fremde zu Gesicht bekommen würde. Oft war er deßhalb
schon vergebens im Schlosse gewesen; aber heute war er glücklicher, und
mit welcher Freude sahe er Lodoiska'n, welche die kleine Julie auf dem
Schooße hatte, am Fenster sitzen. Durch seinen feinen Anstand zeichnete
sich Herr von Krauthof eben nicht aus; an das Leben auf dem Lande
gewöhnt, wo er größtentheils nur mit Bauern zusammenkam, über die er
sich hoch erhaben glaubte, legte er sich in Gesellschaften eben keinen
Zwang an. Sobald er sich daher gesetzt und der Oberstin die gewöhnlichen
Komplimente gemacht hatte, wendete er sich an die junge Lodoiska:
»Madame, vielleicht kommt Ihnen dieser Titel nicht zu; denn es ist
möglich, daß Sie noch nicht verheirathet sind; aber glauben Sie mir, es
ist nicht meine Schuld, wenn ich Ihnen nicht schon früher meine
Aufwartung gemacht habe. Vor einiger Zeit fand ich mich an Ihrer Thüre
ein; allein Ihr Kammerdiener weigerte sich mit außerordentlicher
Grobheit, der Himmel mag sie ihm verzeihen, mich bei Ihnen vorzulassen.
Wahrhaftig, ich möchte mich beinahe über die Feuersbrunst freuen, die
Ihr Häuschen in Asche gelegt hat, weil ich dieser Begebenheit die Ehre
verdanke, Ihnen meine Aufwartung zu machen.«
Diese seltsame Art sich auszudrücken mißfiel der ganzen Gesellschaft.
Lodoiska, welche darin nicht geradezu eine Frage sahe, schwieg, während
der Arzt, der sie aus einer Verlegenheit zu ziehen glaubte, sich nach
dem Zustande ihrer Gesundheit erkundigte. Hierauf antwortete sie mit
wenigen Worten. Herr von Krauthof, der sich durch die Unzufriedenheit,
die er auf allen Gesichtern lesen konnte, wenn er gewollt hätte, nicht
irre machen ließ, wendete sich nun an den Arzt.
»Zum Teufel, mein gelehrter Herr Doktor, Sie sind mit einem Vorrechte
begabt, das ich nicht besitze, nämlich diese schöne Dame zum Sprechen zu
bringen.«
-- Allerdings hat sie mir geantwortet, Herr Ober-Land-Jägermeister; aber
dieß verdanke ich meiner Frage, der einzigen, welche wohlerzogene Leute
an Jemanden richten können, den sie nicht kennen. --
»Aha! ich höre es, mein Lieber, wie man mir schon früher gesagt hat, daß
Sie auch zu der Klasse der jetzigen Aufgeklärten gehören. Was können
denn das für wohlerzogene Leute sein, wenn ich nicht dazu gehöre?«
Ungeachtet der ernsten über Lodoiska's Gesicht verbreiteten Kälte und
ihrer gewöhnlichen Gleichgültigkeit, konnte sie doch nicht ein Lächeln
über diese Worte unterdrücken, während die Oberstin die Achseln zuckte
und Lobenthal aus Klugheit die Antwort unterdrückte, die ihm schon auf
den Lippen schwebte. Indessen suchte er die Unterhaltung auf einen
andern Gegenstand zu bringen, und fragte, ob es wahr sei, daß endlich
das Kirchspiel einen eigenen Pfarrer erhalten würde?
»Ja, Herr Oberst, so viel ich weiß, ist es wahr, und mir dauert schon
die Zeit lang, ehe wir ihn hier haben; denn ich hoffe, daß er durch
seine Predigten dem Bauervolk mehr Gehorsam und Unterwürfigkeit gegen
uns beibringen, und ihnen beweisen wird, wie sehr unser Einer über sie
erhaben ist. Vorzüglich aber muß er suchen, den Aberglauben zu
verbannen, der unter dem Volke immer mehr Wurzel schlägt, je mehr auf
der anderen Seite seine Ungläubigkeit zunimmt.«
-- Ich erstaune! sagte der Arzt. Wie können Sie so sprechen! Sie, ein
Feind des Aberglaubens! Ich hielt diesen sehr nahe verwandt mit der
großen Masse der Vorurtheile. --
»Ich weiß nicht, was Sie damit sagen wollen, mein Lieber; aber ich liebe
den Aberglauben nicht, weil er die Bauern von ihrer Pflicht abhält.
Seitdem diese Elenden sich in den Kopf gesetzt haben, daß es _Vampyre_
im Kirchspiele gebe, wollen sie keinen Schritt mehr aus dem Hause gehen,
sobald es finster ist.«
-- Vampyre! Hier sollen Vampyre sein? rief der Oberst. Wer kann die
scheußlichen Mährchen Ungarns und Griechenlands hierher verbreitet
haben? --
Bei diesen Worten konnte der Oberst sich nicht enthalten, seinen Blick
auf Lodoiska zu richten. Er sahe, daß sie außer aller Fassung war. Ihre
Gesichtszüge drückten den höchsten Schrecken aus, ihr Mund stand halb
geöffnet, ihre Augen waren unbeweglich, und mit einer schnellen
Bewegung, die sie aber wieder unterdrückte, schien sie im Begriff
gewesen zu sein, sich zu entfernen.
Der Oberst erklärte sich mit Leichtigkeit diesen Schrecken Lodoiska's.
Es war fast unmöglich, daß ein Mädchen aus der Wallachei nicht an die
Vampyre glaubte, und sehr häufig hatte sie mit ihm darüber gesprochen,
ihm die seltsamsten Geschichten über diesen Gegenstand erzählt. Konnte
er sich also wundern, daß sie außer sich gerieth, als so unerwartet die
Rede auf die fürchterlichen Vampyre kam? Aus Rücksicht für sie hätte er
gern dem Gespräche abermals eine andere Wendung gegeben; aber es war zu
spät. Herr von Krauthof beantwortete die an ihn gerichtete Frage.
»Einem Unglücklichen, der nicht mehr am Leben ist, verdanken wir den in
dieser Gegend verbreiteten Schrecken. Ihr Bedienter Werner erzählte
seinen Freunden die Geschichte von diesen Unholden, welche nach dem
menschlichen Blute dürsten, bei Gelegenheit des sonderbaren Todes einer
jungen Bäuerin aus dem Dorfe. Aber mein Gott, fuhr er fort, sich an
Lodoiska wendend, Madame, fürchten Sie sich denn auch vor solchen
Narrheiten? Sie haben ohne Zweifel zu viel Verstand, als daß Sie an
diese Unholde, diese Vampyre glauben könnten, die ohne Zweifel nur in
dem Gehirn desjenigen ihr Dasein hatten, der zuerst von ihnen sprach.«
Hier warf die Fremde einen so finsteren Blick auf den Herrn von
Krauthof, von einem so scheußlichen Lächeln begleitet, daß er ungeachtet
seiner Zuversichtlichkeit ganz erschrocken in seiner Rede inne hielt,
und mit der Sprache zugleich die Lust zum Plaudern verlor, die ihn sonst
nie verließ.
Der Arzt glaubte nun gleichfalls über diesen Gegenstand sprechen zu
müssen, und scherzte über diese abscheulichen Mährchen. Er forderte die
Vampyre heraus, den Schlaf eines muthigen Mannes zu stören, und hätte
noch lange so fortgefahren, wenn ihn nicht die wiederholten Winke des
Obersten davon abgehalten hätten. Hierauf folgte ein Augenblick des
Stillschweigens, als plötzlich auch Helene das Wort nahm:
»Warum, sagte sie, wollen wir so hartnäckig diese Geheimnisse
bestreiten? Wie abscheulich sie auch sein mögen, kennen wir alle Mittel
der Vorsehung, wodurch sie uns zu betrüben im Stande ist? Ich glaube an
die Möglichkeit, daß es Vampyre geben kann, und vielleicht habe ich gar
einem Ungeheuer dieser Art den unerwarteten Tod meines Sohns zu
verdanken .....«
Die Fremde stößt bei diesen Worten einen lauten durchdringenden Schrei
aus. Sie steht mit Heftigkeit auf, will einen Schritt vorwärts thun, und
fällt ohne Bewußtsein auf den Fußboden nieder. --
Siebenzehntes Kapitel.
Während der gefühllose Herr von Krauthof sich vergebens in allerhand
Vermuthungen verlor, durch welche Ursache die Ohnmacht der schönen
Fremden hervorgebracht sein könnte, waren Helene, ihr Mann und der Arzt
eifrig beschäftigt, Lodoiska'n in's Leben zurückzurufen. Aber ihre
Bemühungen waren fruchtlos, und der Oberst benutzte diese Augenblicke,
den lächerlichen Edelmann zurechtzuweisen.
»Ich habe mit den russischen Heeren, sagte er, einen großen Theil von
Europa durchzogen, und dabei Gegenden gesehen, welche sonst von unsern
Reisenden nur selten besucht werden. Ich müßte mich sehr irren, wenn
diese fremde Dame, nach ihrer Aussprache und ihrem ganzen Wesen zu
urtheilen, nicht im östlichen Ungarn oder in der Wallachei geboren ist;
in diesem Falle muß auch sie von den in ihrem Vaterlande herrschenden
abergläubischen Meinungen durchdrungen sein, und da die Unterhaltung auf
einen für ihre Landsleute so furchtbaren Gegenstand kam, so wird dieß,
verbunden mit ihrer noch schwachen Gesundheit, ihren jetzigen Zustand
hervorgebracht haben, dem wir sie mit aller Mühe noch nicht entreißen
können.«
Diese Erklärung schien allen Anwesenden hinreichend zu sein. Der Herr
von Krauthof bemerkte, daß die Fremde, wenn sie in Ungarn geboren wäre,
gewiß mit der Art bekannt sei, wie man den Tokaier Wein behandeln müsse,
und er nahm sich vor, sie über diesen Gegenstand um Auskunft zu bitten,
da er mehrere Weinstöcke aus jener Gegend in seinem Garten habe. Niemand
antwortete auf diese Lächerlichkeit. Da Lodoiska nicht wieder zu sich
kam, so machte Wildenau den Vorschlag, sie in ihr Zimmer zu tragen, was
auch geschahe; aber sie lag noch lange Zeit auf ihrem Bette völlig kalt
und unbeweglich. Endlich stieß sie einen tiefen Seufzer aus, schlug die
Augen auf, und die Umstehenden der Reihe nach ansehend, fragte sie mit
leiser Stimme, warum sie sich in diesem Zustand befände?
»Der außerordentliche Blutverlust, welchen Sie erlitten haben,
antwortete Wildenau, wird Ihnen noch häufig dergleichen Zufälle
zuziehen. Sie nehmen Ihre Gesundheit nicht genug in Acht, und rechnen zu
sehr auf Ihre gute Natur, ohne auf meine Warnungen zu hören.«
-- Ist dieß wirklich die Ursache meiner Ohnmacht? Hat man nicht von
Vampyren gesprochen? Wer hat es gewagt, den geheimnißvollen Schleier zu
lüften, mit welchem der Himmel die Erfüllung seines schrecklichen
Willens bedeckt? --
»O, denken Sie nicht mehr an diesen traurigen Gegenstand, sagte der
Oberst; das Gespräch kam nur aus Unvorsichtigkeit darauf, und es soll
nicht wieder geschehen. Aber vergessen Sie wo möglich jene Schrecknisse,
vor welchen Sie hier in Deutschland sicher sind.«
Lodoiska antwortete nicht hierauf, sondern bat nur um Erlaubniß, allein
bleiben zu dürfen, um sich auszuruhen. Man verließ sie also, und begab
sich in das Gesellschaftszimmer zurück, wo der Herr von Krauthof noch
wartete, und eine Menge Fragen that, die man kaum beantwortete. Endlich
entfernte er sich, zufrieden, endlich das Vaterland der Fremden erfahren
zu haben, und mit dem Vorsatze, diese wichtige Entdeckung in der
möglichst kürzesten Zeit allen Nachbarn mitzutheilen.
Als er fort war, nahm Wildenau das Wort, und machte dem Obersten und
seiner Gemahlin folgende Erklärung: »Ich weiß nicht recht, fing er an,
wie ich es machen soll, Ihnen die Gefühle mitzutheilen, die meine ganze
Seele beherrschen. Aber die Güte, die Sie bisher für mich gezeigt haben,
giebt mir Muth, und ich schmeichele mir mit Ihrer Unterstützung zur
Erreichung meiner Wünsche. Ich bin vier und dreißig Jahre alt, besitze
ein anständiges Vermögen, und habe eine Praxis, die meine Wohlhabenheit
noch vermehrt. Die Ehelosigkeit ist mir noch weit lästiger geworden,
seitdem ich die reizende Person gesehen, der Sie einen Zufluchtsort
gewährt haben. Sie ist eine Fremde; große Unglücksfälle, vielleicht ein
Fehler, den sie durch freiwillige Verbannung büßt, haben sie hierher
geführt. Ich wünschte ihr Schicksal zu verbessern, indem ich ihr meine
Hand anbiete, wenn sie sie annehmen wollte; ehe ich aber das Geringste
zur Erreichung meiner Absicht unternehmen wollte, glaubte ich, mich
Ihnen freimüthig entdecken zu müssen, in der Hoffnung, daß die Frau
Oberstin, um mir einen Korb zu ersparen, die Güte haben würde, die
Gesinnungen dieser schönen Person auszuforschen.«
Lobenthal war zu sehr bewegt durch das, was er jetzt hörte, als daß er
hätte darauf antworten können, und er überließ daher diese Sorge seiner
Frau. Diese billigte Wildenau's Wahl, nur rieth sie ihm, sich nicht
früher bestimmt zu erklären, ehe er nicht die Geschichte der Fremden
genau erfahren habe, damit späterhin ihm nicht die Reue sein Leben
verbittere.
»Glauben Sie mir, Frau Oberstin, entgegnete der Arzt, daß ich dieß
ebenfalls schon überlegt habe. Durch den ehemaligen Eigenthümer des
abgebrannten Hauses bin ich unterrichtet worden, daß er dasselbe mit den
dazu gehörigen Ländereien für funfzehntausend Thaler an die Fremde
verkauft hat, welche ihm sogleich ausgezahlt worden sind. Das Haus ist
verloren; aber die Ländereien sind noch da, und Sie wissen, daß man bei
den Güterkäufen hier zu Lande die letzteren für Alles, die Gebäude fast
für nichts rechnet. Sie selbst haben mir auch gesagt, daß diese Dame
reiche Kleinodien besitzt, und man hat eine bedeutende Summe in baarem
Golde aus der Feuersbrunst gerettet, welche Sie einige Zeit lang in
Verwahrung hatten. Diese Reichthümer, die Talente, welche die Fremde
besitzt, ihr edler Anstand, obgleich damit einige Sonderbarkeiten
verknüpft sind, scheinen mir zu beweisen, daß sie nicht zu jener
verworfenen Klasse von Frauenzimmern gehört, die mit ihren Reizen Wucher
treiben. Seitdem sie hier ist, hat sie stets in der größten
Zurückgezogenheit gelebt, was sie gewiß nicht gethan haben würde, wenn
sie auf Abentheuer ausginge. Unsern Vermuthungen bleibt also nur noch
übrig, daß sie vielleicht das Opfer einer unvorsichtigen Leidenschaft
ist, oder vielleicht weit von ihrem Vaterlande einen Jugendfehler in
Vergessenheit bringen will. Dieß kann ich nicht geradezu bestreiten.
Aber die ohne Zweifel seitdem verstrichene Zeit, ihr jetziges Betragen
müssen ihr zur Entschuldigung dienen. Ich will mich durchaus nicht
darauf einlassen, was geschehen ist, und wenn sie Ihnen darüber ein
offenes Geständniß macht, so will ich noch weiter gehen: ich will nicht
ein Wort davon wissen; sobald Sie mich versichern, Frau Oberstin, daß
sie meiner nicht unwürdig ist, so führe ich sie zum Altare.«
Helene, von Wildenau's Freimüthigkeit und Vertrauen gerührt, versprach
ihm, nichts zu vernachlässigen, um seinen Wünschen nachzukommen. Da der
Oberst die Nothwendigkeit fühlte, daß auch er ein Wort hierzu sagen
müsse, so brachte er mit Mühe einige unzusammenhängende Redensarten
hervor, und schwieg dann wieder. Es war schon ziemlich spät, als diese
Unterhaltung endete, und da der Arzt am andern Morgen in ziemlicher
Entfernung einen Kranken zu besuchen hatte, so trennte man sich.
Der Oberst war weit entfernt, in dieser Nacht zu schlafen; seine innere
Bewegung war zu heftig. Er glaubte fast gewiß zu sein, daß Lodoiska den
Heirathsantrag von sich weisen würde; aber er fürchtete, daß dieses
junge Mädchen ihrer Heftigkeit freien Lauf lassen, und einige Worte
sagen möchte, die die Ruhe des Hauses stören könnten.
Während er sich diesen Gedanken überließ, glaubte er in dem Zimmer
seiner Frau, das sich dicht neben dem seinigen befand, ein leises
Geräusch zu hören. Er horchte genau auf, um gewiß zu sein, daß er sich
nicht täuschte; da aber das Geräusch anhielt, so fürchtete er, daß
Helene unwohl sein möchte. Daher stand er rasch auf, und ging leise auf
die Thür des Nebengemaches zu. Er war im Begriff sie zu öffnen, als er
plötzlich von einer Hand, die er nicht sahe, einen so heftigen Schlag
in's Gesicht erhielt, daß er auf sein Bett zurückfiel, und einige
Minuten fast ohne Besinnung darauf liegen blieb.
Sobald er sich erholt hatte, eilte er zu seinem Degen, zündete mit einem
chemischen Feuerzeuge ein Licht an, und untersuchte nun sorgfältig das
ganze Zimmer, in der Hoffnung, den kühnen Urheber des höchst unsanften
Schlags zu entdecken. Aber alle seine Nachsuchungen waren vergebens. Die
äußere Zimmerthür war sorgfältig von innen verschlossen, eben so
befanden sich alle Riegel vor den unversehrten Fenstern, und als er in
das Zimmer seiner Gattin kam, sahe er, daß sie in einen festen, obgleich
ängstlichen Schlaf versunken lag. Auch hier suchte er Alles genau durch,
und da er nichts entdeckte, so sahe er sich gezwungen zu glauben, daß
seine Phantasie oder die Unruhe seines Blutes ihn getäuscht habe.
Er kehrte in sein Zimmer zurück, wo die anbrechende Morgenröthe ihn noch
wachend fand. Der Tag schien vortrefflich zu werden, und um nicht Zeuge
der Unterhaltung seiner Frau mit Lodoiska zu sein, entschloß er sich auf
die Jagd zu gehen, ehe noch Jemand im Hause aufgestanden war.
Erst zur Frühstückszeit erfuhr Helene, daß ihr Gatte nicht erscheinen
würde, und dieß war ihr gewissermaßen lieb, weil sie neugierig war, die
Gesinnungen der Fremden über den ihr zu machenden Antrag zu erfahren.
Lodoiska trat in's Zimmer, sobald die Frühstücksglocke ertönte. Ueber
ihr Gesicht war finstere Schwermuth verbreitet; allein sie war nicht so
blaß als gewöhnlich; sehr bewegt bedankte sie sich für die Sorgfalt, die
man ihr am vorigen Tage erwiesen hatte.
Da Helene das beabsichtigte Gespräch nicht in Juliens Gegenwart anfangen
wollte, so wartete sie das Ende der Mahlzeit ab, und befahl dann
Lisetten, die Kleine mit sich zu nehmen, und nicht eher wieder
hereinzukommen, bis sie gerufen würde. Lodoiska setzte sich gleich
darauf an ihren Stickrahmen, und Helene, um nicht in Verlegenheit zu
gerathen, nahm ein Buch, in welchem sie aufmerksam zu lesen schien. Nach
langem Zögern fing sie endlich das Gespräch folgendermaßen an. --
»Nun, liebe Lodoiska, werden Sie denn immer das beste, aber auch das
geheimnißvollste Wesen auf der Welt bleiben? Sollen wir denn nie
erfahren, durch welche wichtige Ursachen Sie aus Ihrem Vaterlande
entfernt worden sind? Sie sehen mich voll Erstaunen an; sollten meine
Fragen Sie beleidigen? Glauben Sie mir, nur meine Theilnahme für Sie hat
sie mir eingegeben.«
-- Ich glaube es, Frau Oberstin, und ich entschuldige Sie, weil ich Sie
kenne; da Sie mir aber bis jetzt Ihr Wohlwollen geschenkt haben, ohne
nach meinen näheren Verhältnissen zu forschen, warum sollte ich dieses
Vertrauen von Ihrer Seite nicht noch länger verdienen? Habe ich mich
seit Kurzem vielleicht in einem unvortheilhafteren Lichte gezeigt?
Sollte ich der Verläumdung preisgegeben sein? --
»Von allem Diesem ist durchaus nicht die Rede; aber glauben Sie denn,
daß Sie ungestraft so hübsch sein dürfen? Niemand wird sich um die
Verhältnisse eines gewöhnlichen Frauenzimmers bekümmern. Man geht an ihr
vorüber, ohne sie zu bemerken; aber Sie, Lodoiska, fallen zu sehr in die
Augen, als daß man Sie mit Gleichgültigkeit ansehen könnte. Sie setzen
ohne Zweifel mehr als ein Herz in Bewegung, von denen einige sich Ihnen
nähern möchten, um auch das Ihrige zu rühren; und diese haben einiges
Interesse dabei, zu wissen, wer Sie sind, ob Sie noch frei sind, ob
keine frühere Verbindung Ihnen im Wege ist; kurz, ob Sie über Ihre Hand
verfügen können?«
Ein melancholisches Lächeln ging der Antwort voraus, die Lodoiska
hierauf zu geben im Begriff stand. Sie schien einen Augenblick darüber
nachzudenken, richtete dann ihren Kopf, den sie über den Stickrahmen
gebeugt hatte, in die Höhe, und sagte, Helenen mit einem Blick der
vollkommensten Gleichgültigkeit ansehend: