Ach, du mein Gott! Was für ein Unglück das ist! ...“

Mit diesen Gedanken beschäftigt und sich alles hin und her überlegend,

lief Herr Goljädkin immer weiter, ohne auf den Weg zu achten, und ohne

eigentlich zu wissen, wohin? Erst auf dem Newskij Prospekt kam er zu

sich und auch nur dank dem Zufall, daß er mit einem Vorübergehenden so

zusammenstieß, daß vor seinen Augen Funken sprühten. Herr Goljädkin

wagte kaum den Kopf zu erheben und murmelte nur eine Entschuldigung.

Erst als der andere schon in einer bedeutenden Entfernung von ihm war,

wagte er endlich seine Nase zu erheben und sich umzusehen: wie und wo er

sich eigentlich befand? Als er nun bemerkte, daß er gerade vor dem

Restaurant stand, in dem er sich damals erfrischt hatte, bevor er sich

zur Galatafel bei Olssuph Iwanowitsch aufmachte, fühlte unser Held

plötzlich ein mächtiges Kneifen und Rumoren im Magen. Er erinnerte sich,

daß er noch nichts genossen hatte, daß ihm auch kein ähnliches Diner

bevorstand, wie damals, und so lief er denn eilig die Treppe zum

Restaurant hinauf, um so schnell wie möglich und unbemerkt eine

Kleinigkeit zu sich zu nehmen. Obgleich das Restaurant ein wenig teuer

war, beschäftigte dieser kleine Umstand Herrn Goljädkin nicht im

geringsten: sich mit solchen Kleinigkeiten abzugeben, hatte Herr

Goljädkin jetzt keine Zeit. Im hell erleuchteten Raum auf dem Büfett lag

eine große Anzahl Delikatessen aller Art, die dem Geschmack eines

verwöhnten Großstädters entsprachen. Das Büfett war daher ständig von

einer Menge wartender Menschen belagert. Der Kellner konnte kaum mit dem

Eingießen, Geldempfangen und -zurückgeben fertig werden. Auch Herr

Goljädkin mußte seine Zeit abwarten und streckte endlich seine Hand

bescheiden nach einem Teller mit kleinen Pasteten aus. Dann ging er

damit in eine Ecke, wandte den Anwesenden den Rücken zu und aß mit

Appetit. Darauf ging er zum Büfett zurück, legte das Tellerchen auf den

Tisch und da er den Preis kannte, so legte er dafür 10 Kopeken daneben,

machte dem Kellner ein Zeichen, als wollte er sagen: „hier liegt das

Geld für eine Pastete usw.“

„Sie haben einen Rubel und zehn Kopeken zu bezahlen,“ sagte der Kellner.

Herr Goljädkin war nicht wenig erstaunt. „Wie meinen Sie das? – Ich ...

ich ... habe, glaube ich, nur eine Pastete genommen ...“

„Sie haben elf genommen,“ sagte mit der größten Bestimmtheit der

Kellner.

„Wie ... wie mir scheint ... irren Sie sich ... Ich habe, glaube ich,

wirklich nur eine Pastete genommen.“

„Ich habe nachgezählt: Sie nahmen elf Stück. Was Sie genommen haben,

müssen Sie auch bezahlen – bei uns wird nichts umsonst verabfolgt.“

Herr Goljädkin war einfach starr. „Welche Zaubereien gehen mit mir jetzt

wieder vor?“ dachte er. Der Kellner wartete gespannt auf Herrn

Goljädkins Entschluß. Herr Goljädkin lenkte bereits die Aufmerksamkeit

aller auf sich. Er griff daher so schnell wie möglich in die Tasche, um

den Silberrubel sofort zu bezahlen und von der Schuld loszukommen.

„Nun, wenn elf, dann elf,“ dachte er und wurde rot wie ein Krebs, „was

ist denn auch dabei, wenn man elf Pastetchen ißt? Nun, der Mensch war

eben hungrig, und darum aß er elf Pastetchen: nun, er aß sie zu seiner

Gesundheit – da ist doch nichts zu verwundern, dabei ist doch nichts

Lächerliches ...“

Plötzlich gab es Herrn Goljädkin innerlich einen Ruck, er blickte auf

und begriff sofort – das ganze Rätsel, die ganze Zauberei! In der Tür

zum Nebenzimmer, hinter dem Rücken des Kellners, mit dem Gesicht zu

Herrn Goljädkin gewandt, stand in derselben Tür, die unser Held vorhin

als Spiegelglas angesehen, stand ein Mensch, stand er, stand Herr

Goljädkin selbst – nicht der alte Herr Goljädkin, der Held unserer

Erzählung, sondern der andere Herr Goljädkin, der neue Herr Goljädkin.

Dieser andere Herr Goljädkin befand sich offenbar in der allerbesten

Laune. Er lächelte Herrn Goljädkin dem Älteren zu, nickte mit dem Kopf,

zwinkerte mit den Augen, trippelte ein wenig hin und her und sah ganz so

aus, als ob er, wenn man auf ihn zutreten wollte, sofort ins Nebenzimmer

verschwinden und dort durch die Hintertür entwischen würde ... – jede

Verfolgung wäre vergebens gewesen! In seinen Händen befand sich noch das

letzte Stück Pastete, welches er soeben vor den Augen des Herrn

Goljädkin vor Vergnügen schmatzend in seinen Mund steckte.

„Man hat mich mit dem Halunken verwechselt!“ dachte Herr Goljädkin und

fühlte, wie er sich schämte. „Er hat es gewagt mich öffentlich

bloßzustellen! Sieht ihn denn niemand? Nein, es scheint ihn wirklich

niemand zu bemerken ...“

Herr Goljädkin warf den Rubel auf den Tisch, als hätte er sich an ihm

alle Finger verbrannt, und schien das freche Lächeln des Kellners gar

nicht zu bemerken – dieses siegesbewußte Lächeln ruhiger Überlegenheit

und Macht. Er drängte sich durch die Menge und stürzte zur Tür hinaus.

„Gott sei gelobt, daß ich nicht noch ganz anders bloßgestellt wurde!“

dachte Herr Goljädkin der Ältere. „Dank ihm, dem Räuber, und Dank dem

Schicksal, daß diesmal noch alles so gut abging. Nur der Kellner wurde

frech, aber er war doch in seinem Recht! Es kostete doch einen Rubel und

zehn Kopeken, also war er doch im Recht – ... ohne Geld wird niemandem

etwas gegeben! Wenn er auch noch so höflich ...“

Alles das sagte sich Herr Goljädkin, als er die Treppe hinabging. Kaum

aber war er an der letzten Stufe angelangt, als er plötzlich wie

angewurzelt stehen blieb und über und über errötete, daß ihm die Tränen

in die Augen traten. So sehr fühlte er sich nun doch in seiner Eitelkeit

verletzt. Als er eine Minute in dieser Weise unbeweglich dagestanden

hatte, stampfte er plötzlich mit dem Fuße auf, sprang mit einem Satz von

der Treppe auf die Straße und ohne sich umzusehen, ohne seine Müdigkeit

zu fühlen, begab er sich nach Haus, in die Schestilawotschnaja-Straße.

Zu Hause angelangt, nahm er sich nicht einmal die Zeit, seinen Mantel

auszuziehen. Ganz gegen seine sonstige Gewohnheit, sich häuslich

niederzulassen und seine Pfeife zu rauchen, setzte er sich, so wie er

war, auf den Diwan, nahm Tinte und Feder und ein Stück Briefpapier und

begann mit vor innerer Erregung zitternden Händen folgenden Brief zu

schreiben:

„Mein geehrter Herr Jakoff Petrowitsch!

Ich würde nicht zur Feder greifen, wenn nicht die Umstände und Sie,

geehrter Herr, mich dazu nötigten. Glauben Sie mir, daß nur die

Notwendigkeit mich dazu zwingt, in solche Erörterungen mit Ihnen

einzutreten, darum bitte ich Sie im voraus, diese meine Handlung

nicht als eine Absicht zu betrachten, Sie, mein verehrter Herr zu

beleidigen, sondern – sondern als eine unumgängliche Folge der

Umstände, die uns zueinander in Beziehung gebracht haben.“

„So scheint es mir gut, anständig und höflich geschrieben zu sein,

wenn auch nicht ohne Kraft und Bestimmtheit ... Beleidigt kann er

sich dadurch nicht fühlen. Und außerdem, bin ich in meinem Recht,“

dachte Herr Goljädkin beim Durchlesen des Geschriebenen.

„Ihr unerwartetes und seltsames Erscheinen, mein geehrter Herr, in

der stürmischen Nacht, nach einem ausfallenden und rohen Benehmen

meiner Feinde gegen mich, deren Namen ich aus Verachtung derselben

verschweige, war die Ursache aller dieser Mißverständnisse, die in

gegenwärtiger Zeit zwischen uns bestehen. Ihr hartnäckiges

Bestreben, mein geehrter Herr, mit aller Gewalt in mein Sein und in

meinen Lebenskreis einzudringen, übersteigt alle Grenzen der

Höflichkeit und des einfachen Anstandes. Ich denke, es genügt, Sie

daran zu erinnern, mein verehrter Herr, daß Sie sich meiner Papiere

und meines Namens bedient haben, um sich bei der Regierung

einzuschmeicheln – um eine Auszeichnung zu erlangen, die Sie selbst

nicht verdient haben. Auch lohnt es sich nicht, Sie an Ihre

vorbedachte, beleidigende Absicht zu erinnern, der nötigen

Rechtfertigung mir gegenüber aus dem Wege zu gehen. Und zuletzt, um

nicht alles zu sagen, möchte ich noch Ihre sonderbare Handlungsweise

im Restaurant mir gegenüber erwähnen. Weit davon entfernt, etwa die

unnötige Ausgabe eines Rubels zu bedauern, fühle ich doch einen

heftigen Unwillen bei der Erinnerung an Ihre deutliche Absicht, mein

geehrter Herr, meiner Ehre zu schaden, und das noch dazu in

Gegenwart einiger Personen, die mir zwar unbekannt, aber offenbar

aus der guten Gesellschaft waren ...“

„Bin ich nicht zu weit gegangen?“ dachte Herr Goljädkin. „Wird das

nicht zu viel sein? Ist das nicht beleidigend – diese Anspielung auf

die gute Gesellschaft zum Beispiel? Nun, da ist nichts zu wollen!

Man muß ihm Charakter zeigen. Übrigens kann man ihm zur Besänftigung

zum Schluß ein wenig schmeicheln, ihm Butter aufs Brot schmieren.

Wir wollen sehen.“

„Doch ich hätte, verehrter Herr, Sie mit meinem Brief nicht

belästigt, wenn ich nicht davon überzeugt wäre, daß Ihr edles Herz

und Ihr offener und gerader Charakter Ihnen selbst die Mittel zeigen

werden, um alles wieder so gut zu machen, wie es vordem gewesen ist.

In dieser Hoffnung wage ich davon überzeugt zu sein, daß Sie meinen

Brief nicht in beleidigendem Sinne auffassen werden, daß Sie aber

auch nicht verfehlen werden, mir schriftlich eine Erklärung, durch

die Vermittelung meines Dieners, zukommen zu lassen.

In dieser Erwartung habe ich die Ehre zu sein, geehrter Herr, Ihr

gehorsamster Diener.

Sämtliche Werke 14 · 第 89 / 102 题