IX.

Alles, offenbar alles, sogar seine eigene Natur, hatte sich gegen Herrn

Goljädkin verschworen: doch war er noch auf den Füßen und unbesiegt! Ja

er fühlte es, noch war er unbesiegt und nach wie vor bereit zu kämpfen.

Er rieb sich mit solchem Gefühl und mit solcher Energie die Hände, als

er nach der ersten Betäubung zu sich kam, daß man schon beim bloßen

Anblick Herrn Goljädkins sofort darauf schließen konnte, daß er nicht

nachgeben würde. Übrigens, die Gefahr lag auf der Hand, war

offensichtlich; Herr Goljädkin fühlte das auch; doch wie sollte er ihr

entgegentreten, sie packen? – das war die Frage. Im Augenblick tauchte

sogar der Gedanke im Kopfe Herrn Goljädkins auf, „wie wenn er einfach

alles so ließe, auf alles verzichtete? Was wäre denn dabei? Nun, einfach

nichts! Ich werde für mich sein, als ob ich’s nicht wäre,“ dachte Herr

Goljädkin, „ich lasse alles so gehen, wie es geht; ich bin einfach nicht

ich, und das ist alles. Er ist auch für sich, mag er auch verzichten, er

schwänzelt herum und dreht sich, der Schelm – mag er doch nachgeben! Ja,

das ist es! Ich werde ihn mit Güte fangen. Und wo ist die Gefahr? Nun,

was für eine Gefahr denn? Ich wünschte, es zeigte mir jemand, worin denn

die Gefahr liegt? Eine einfache Sache! Eine ganz einfache Sache! ...“

Hier verstummte Herr Goljädkin. Die Worte erstarben ihm auf der Zunge;

er machte sich sogar Vorwürfe über diese Gedanken, er schalt sich feig

und niedrig; indessen, die Sache rührte sich nicht von der Stelle.

Er fühlte dabei, daß es für ihn von großer Notwendigkeit sei, sich für

etwas zu entschließen; ja, er hätte viel darum gegeben, wenn ihm jemand

gesagt, wozu er sich entschließen sollte. Wie sollte er das aber wissen!

Übrigens, da war ja auch gar nichts zu wissen! Auf jeden Fall und um

keine Zeit zu verlieren nahm er sich eine Droschke und fuhr so schnell

wie möglich nach Haus.

„Nun, wie fühlst du dich denn jetzt?“ dachte er bei sich, „wie erlauben

Sie sich jetzt zu fühlen, Jakoff Petrowitsch? Was tust du jetzt? Was

tust du jetzt, du Feigling, du Schurke, du! Hast dich selbst bis zum

letzten gebracht, jetzt heulst du und klagst du!“

So verspottete sich Herr Goljädkin selbst, als er in eine alte klapprige

Droschke stieg. Sich selbst zu verspotten und seine Wunde aufzureißen,

bereitete nämlich Herrn Goljädkin augenblicklich ein großes Vergnügen,

fast eine Genugtuung.

„Nun, wenn jetzt,“ dachte er, „irgendein Zauberer käme, oder wenn man

mir offiziell erklärte: gib, Goljädkin, einen Finger deiner rechten Hand

– und wir sind quitt; es wird keinen anderen Goljädkin geben und du

wirst wieder glücklich sein, nur deinen Finger wirst du nicht mehr haben

– so würde ich den Finger geben, würde ihn bestimmt geben, ohne auch nur

eine Miene zu verziehen. Zum Teufel mit alledem!“ schrie endlich der

Titularrat außer sich, „nun, wozu das alles? wozu ist das alles nötig

gewesen, warum mußte denn das gerade mir passieren und keinem anderen!

Und alles war so gut zu Anfang, alle waren zufrieden und glücklich: wozu

war denn gerade das jetzt nötig! Übrigens mit Worten wird hier nichts

erreicht, hier muß gehandelt werden.“

Und somit wäre Herr Goljädkin beinahe zu einem Entschluß gekommen, als

er in seine Wohnung trat. Er griff sofort nach der Pfeife, zog an ihr

aus allen Kräften und stieß nach rechts und links dicke Rauchwolken aus,

wobei er in außerordentlicher Erregung im Zimmer auf und ab lief.

Unterdessen begann Petruschka den Tisch zu decken. Endlich hatte Herr

Goljädkin seinen Entschluß gefaßt: er warf plötzlich seine Pfeife hin,

nahm den Mantel um, sagte, er werde nicht zu Hause speisen und lief

hinaus. Auf der Treppe holte ihn Petruschka keuchend ein und übergab ihm

den vergessenen Hut. Herr Goljädkin nahm den Hut und wollte sich noch

irgendwie, so nebenbei, vor den Augen Petruschkas rechtfertigen, damit

Petruschka sich nur nicht wegen dieses sonderbaren Umstandes, daß er den

Hut vergessen, seine Gedanken machte. Da Petruschka ihn aber nicht

einmal ansah und sofort zurückging, setzte auch Herr Goljädkin ohne

weitere Erklärungen seinen Hut auf, lief die Treppe hinunter und redete

sich Mut ein: daß sich alles vielleicht noch zum besten kehren werde und

die Sache sich noch beilegen ließe ... Doch Schüttelfrost packte ihn. Er

trat auf die Straße hinaus, nahm eine Droschke und fuhr zu Andrej

Philippowitsch.

„Übrigens, wäre es morgen nicht besser?“ dachte Herr Goljädkin, als er

die Klingel zur Wohnung Andrej Philippowitschs zog – „ja, und was hätte

ich ihm auch Besonderes zu sagen? Wirklich, nichts Besonderes. Die Sache

ist ja so erbärmlich, so miserabel, einfach zum Ausspeien! ... Was doch

nicht alles die Umstände machen ...“ und Herr Goljädkin zog plötzlich an

der Glocke; die Glocke ertönte, und von innen hörte man Schritte

nahen ... Jetzt verwünschte sich Herr Goljädkin selbst wegen

seiner Übereiltheit und Unverfrorenheit. Die jüngst erlebten

Unannehmlichkeiten, die Herr Goljädkin wohl kaum vergessen hatte, und

der Zusammenstoß mit Andrej Philippowitsch, – alles fiel ihm mit einem

Male wieder ein. Doch zum Fortlaufen war es nun bereits zu spät: die Tür

wurde geöffnet. Zum großen Glück des Herrn Goljädkin antwortete man ihm,

Andrej Philippowitsch sei von der Kanzlei nicht nach Hause zurückgekehrt

und werde auch außer dem Hause speisen.

„Ich weiß, wo er speist: bei der Ismailoffbrücke speist er,“ dachte bei

sich unser Held und war außer sich vor Freude. Auf die Anfrage des

Dieners, wen er melden solle, sagte er, Herr Goljädkin, schon gut, mein

Freund, schon gut, ich werde schon später wiederkommen, mein Freund, –

und er eilte darauf mit einer gewissen Freudigkeit und Behendigkeit die

Treppe hinab. Auf der Straße beschloß er, seine Droschke zu entlassen

und den Kutscher zu bezahlen. Als der Kutscher ihn noch um ein Trinkgeld

anging: „habe gewartet, Herr, lange gewartet, und meinen Gaul vorhin

nicht geschont ...“ da gab er ihm, und sogar mit großem Vergnügen, fünf

Kopeken Trinkgeld und ging zu Fuß weiter.

„Die Sache ist nämlich die,“ dachte Herr Goljädkin, „daß sie in

Wirklichkeit so nicht bleiben kann; wenn man’s sich aber überlegt, und

vernünftig überlegt – was ist denn eigentlich dabei zu machen? Man muß

sich unwillkürlich fragen, wozu sich quälen, wozu sich hier

herumschlagen? Die Sache ist nun einmal geschehen und nicht mehr

rückgängig zu machen! Überlegen wir uns einmal: es erscheint ein Mensch

– ein Mensch erscheint mit genügenden Empfehlungen, das heißt, ein

fähiger Beamter mit gutem Betragen, nur daß er arm ist und

Unannehmlichkeiten erlebt hat ... Aber, Armut ist kein Laster: ich muß

also abtreten. Nun, in der Tat, was ist das für ein Unsinn? Es hat sich

so gemacht, die Natur hat’s gewollt, daß ein Mensch dem andern, wie ein

Wassertropfen dem andern ähnlich sieht, der eine die vollendete Kopie

des anderen ist: sollte man ihn deshalb etwa _nicht_ anstellen, wenn das

Schicksal allein, wenn das blinde Glück allein daran schuld ist? Soll

man ihn deshalb wie einen Verworfenen behandeln und ihn nicht zum Dienst

zulassen? Wo bliebe denn da die Gerechtigkeit? So ein armer, verlorener

und geängstigter Mensch: da muß einem ja das Herz wehtun und das Mitleid

einen packen! Ja! Das wäre wohl eine schöne Obrigkeit, wenn sie so

gedacht hätte, wie ich es tue, ich Dummkopf! Nein, nein, und sie hat gut

getan, daß sie den armen Menschen versorgte ...“

„Nun, schön,“ fuhr Herr Goljädkin fort, „nehmen wir an, zum Beispiel,

wir seien Zwillinge, von der Natur so geschaffen, wie wir sind, nun ja,

und – das wäre einfach alles. Ja, das wäre alles! Nun, und was wäre denn

dabei? Einfach, nichts! Man könnte es ja allen Beamten mitteilen ...

und, wenn ein Fremder in unsere Abteilung käme, der würde auch sicher

nichts Unpassendes oder gar Beleidigendes in diesem Umstand sehen. Es

liegt darin sogar etwas Rührendes, der Gedanke, daß Gott dort zwei

Zwillinge geschaffen und die edle Obrigkeit, die das Gebot Gottes

achtet, sie beide versorgt hat. Freilich, freilich,“ und Herr Goljädkin

hielt den Atem an und senkte ein wenig seine Stimme, „freilich, freilich

wäre es besser, wenn all dies Rührende lieber nicht wäre und es lieber

überhaupt keine Zwillinge gäbe ... Der Teufel möge das alles holen! Wozu

war das alles nötig? Warum konnte es wenigstens nicht aufgeschoben

werden? Herr du meine Güte! Da hat der Teufel etwas Schönes eingebrockt!

Er hat einmal schon so einen Charakter, schlechte, verlogene Manieren, –

so ein Schuft, so ein Lump, so ein Schmeichler und Schmarotzer, so ein

Goljädkin! Er wird sich noch am Ende schlecht aufführen und meinen Namen

schänden, der Taugenichts, jetzt habe ich das Vergnügen, auf ihn

aufzupassen. Welch eine Strafe ist das! Übrigens, wozu habe ich das

nötig! Nun, er ist ein Taugenichts, ein Schuft ... mag er es sein, der

andere ist dafür ein – Ehrenmann. Er ist also der Schuft, ich aber bin

der Anständige! Nun, dann werden sie sagen: – dieser Goljädkin ist ein

Schuft, auf den achtet nicht und verwechselt ihn nicht mit dem anderen;

der andere aber ist ehrlich und tugendhaft, bescheiden und nicht

boshaft, sehr gut im Dienste und würdig einer Rangerhöhung: so ist’s!

Nun gut ... aber wie haben sie ihn denn da ... so verwechselt!

Sämtliche Werke 14 · 第 88 / 102 题