Alles, offenbar alles, sogar seine eigene Natur, hatte sich gegen Herrn
Goljädkin verschworen: doch war er noch auf den Füßen und unbesiegt! Ja
er fühlte es, noch war er unbesiegt und nach wie vor bereit zu kämpfen.
Er rieb sich mit solchem Gefühl und mit solcher Energie die Hände, als
er nach der ersten Betäubung zu sich kam, daß man schon beim bloßen
Anblick Herrn Goljädkins sofort darauf schließen konnte, daß er nicht
nachgeben würde. Übrigens, die Gefahr lag auf der Hand, war
offensichtlich; Herr Goljädkin fühlte das auch; doch wie sollte er ihr
entgegentreten, sie packen? – das war die Frage. Im Augenblick tauchte
sogar der Gedanke im Kopfe Herrn Goljädkins auf, „wie wenn er einfach
alles so ließe, auf alles verzichtete? Was wäre denn dabei? Nun, einfach
nichts! Ich werde für mich sein, als ob ich’s nicht wäre,“ dachte Herr
Goljädkin, „ich lasse alles so gehen, wie es geht; ich bin einfach nicht
ich, und das ist alles. Er ist auch für sich, mag er auch verzichten, er
schwänzelt herum und dreht sich, der Schelm – mag er doch nachgeben! Ja,
das ist es! Ich werde ihn mit Güte fangen. Und wo ist die Gefahr? Nun,
was für eine Gefahr denn? Ich wünschte, es zeigte mir jemand, worin denn
die Gefahr liegt? Eine einfache Sache! Eine ganz einfache Sache! ...“
Hier verstummte Herr Goljädkin. Die Worte erstarben ihm auf der Zunge;
er machte sich sogar Vorwürfe über diese Gedanken, er schalt sich feig
und niedrig; indessen, die Sache rührte sich nicht von der Stelle.
Er fühlte dabei, daß es für ihn von großer Notwendigkeit sei, sich für
etwas zu entschließen; ja, er hätte viel darum gegeben, wenn ihm jemand
gesagt, wozu er sich entschließen sollte. Wie sollte er das aber wissen!
Übrigens, da war ja auch gar nichts zu wissen! Auf jeden Fall und um
keine Zeit zu verlieren nahm er sich eine Droschke und fuhr so schnell
wie möglich nach Haus.
„Nun, wie fühlst du dich denn jetzt?“ dachte er bei sich, „wie erlauben
Sie sich jetzt zu fühlen, Jakoff Petrowitsch? Was tust du jetzt? Was
tust du jetzt, du Feigling, du Schurke, du! Hast dich selbst bis zum
letzten gebracht, jetzt heulst du und klagst du!“
So verspottete sich Herr Goljädkin selbst, als er in eine alte klapprige
Droschke stieg. Sich selbst zu verspotten und seine Wunde aufzureißen,
bereitete nämlich Herrn Goljädkin augenblicklich ein großes Vergnügen,
fast eine Genugtuung.
„Nun, wenn jetzt,“ dachte er, „irgendein Zauberer käme, oder wenn man
mir offiziell erklärte: gib, Goljädkin, einen Finger deiner rechten Hand
– und wir sind quitt; es wird keinen anderen Goljädkin geben und du
wirst wieder glücklich sein, nur deinen Finger wirst du nicht mehr haben
– so würde ich den Finger geben, würde ihn bestimmt geben, ohne auch nur
eine Miene zu verziehen. Zum Teufel mit alledem!“ schrie endlich der
Titularrat außer sich, „nun, wozu das alles? wozu ist das alles nötig
gewesen, warum mußte denn das gerade mir passieren und keinem anderen!
Und alles war so gut zu Anfang, alle waren zufrieden und glücklich: wozu
war denn gerade das jetzt nötig! Übrigens mit Worten wird hier nichts
erreicht, hier muß gehandelt werden.“
Und somit wäre Herr Goljädkin beinahe zu einem Entschluß gekommen, als
er in seine Wohnung trat. Er griff sofort nach der Pfeife, zog an ihr
aus allen Kräften und stieß nach rechts und links dicke Rauchwolken aus,
wobei er in außerordentlicher Erregung im Zimmer auf und ab lief.
Unterdessen begann Petruschka den Tisch zu decken. Endlich hatte Herr
Goljädkin seinen Entschluß gefaßt: er warf plötzlich seine Pfeife hin,
nahm den Mantel um, sagte, er werde nicht zu Hause speisen und lief
hinaus. Auf der Treppe holte ihn Petruschka keuchend ein und übergab ihm
den vergessenen Hut. Herr Goljädkin nahm den Hut und wollte sich noch
irgendwie, so nebenbei, vor den Augen Petruschkas rechtfertigen, damit
Petruschka sich nur nicht wegen dieses sonderbaren Umstandes, daß er den
Hut vergessen, seine Gedanken machte. Da Petruschka ihn aber nicht
einmal ansah und sofort zurückging, setzte auch Herr Goljädkin ohne
weitere Erklärungen seinen Hut auf, lief die Treppe hinunter und redete
sich Mut ein: daß sich alles vielleicht noch zum besten kehren werde und
die Sache sich noch beilegen ließe ... Doch Schüttelfrost packte ihn. Er
trat auf die Straße hinaus, nahm eine Droschke und fuhr zu Andrej
Philippowitsch.
„Übrigens, wäre es morgen nicht besser?“ dachte Herr Goljädkin, als er
die Klingel zur Wohnung Andrej Philippowitschs zog – „ja, und was hätte
ich ihm auch Besonderes zu sagen? Wirklich, nichts Besonderes. Die Sache
ist ja so erbärmlich, so miserabel, einfach zum Ausspeien! ... Was doch
nicht alles die Umstände machen ...“ und Herr Goljädkin zog plötzlich an
der Glocke; die Glocke ertönte, und von innen hörte man Schritte
nahen ... Jetzt verwünschte sich Herr Goljädkin selbst wegen
seiner Übereiltheit und Unverfrorenheit. Die jüngst erlebten
Unannehmlichkeiten, die Herr Goljädkin wohl kaum vergessen hatte, und
der Zusammenstoß mit Andrej Philippowitsch, – alles fiel ihm mit einem
Male wieder ein. Doch zum Fortlaufen war es nun bereits zu spät: die Tür
wurde geöffnet. Zum großen Glück des Herrn Goljädkin antwortete man ihm,
Andrej Philippowitsch sei von der Kanzlei nicht nach Hause zurückgekehrt
und werde auch außer dem Hause speisen.
„Ich weiß, wo er speist: bei der Ismailoffbrücke speist er,“ dachte bei
sich unser Held und war außer sich vor Freude. Auf die Anfrage des
Dieners, wen er melden solle, sagte er, Herr Goljädkin, schon gut, mein
Freund, schon gut, ich werde schon später wiederkommen, mein Freund, –
und er eilte darauf mit einer gewissen Freudigkeit und Behendigkeit die
Treppe hinab. Auf der Straße beschloß er, seine Droschke zu entlassen
und den Kutscher zu bezahlen. Als der Kutscher ihn noch um ein Trinkgeld
anging: „habe gewartet, Herr, lange gewartet, und meinen Gaul vorhin
nicht geschont ...“ da gab er ihm, und sogar mit großem Vergnügen, fünf
Kopeken Trinkgeld und ging zu Fuß weiter.
„Die Sache ist nämlich die,“ dachte Herr Goljädkin, „daß sie in
Wirklichkeit so nicht bleiben kann; wenn man’s sich aber überlegt, und
vernünftig überlegt – was ist denn eigentlich dabei zu machen? Man muß
sich unwillkürlich fragen, wozu sich quälen, wozu sich hier
herumschlagen? Die Sache ist nun einmal geschehen und nicht mehr
rückgängig zu machen! Überlegen wir uns einmal: es erscheint ein Mensch
– ein Mensch erscheint mit genügenden Empfehlungen, das heißt, ein
fähiger Beamter mit gutem Betragen, nur daß er arm ist und
Unannehmlichkeiten erlebt hat ... Aber, Armut ist kein Laster: ich muß
also abtreten. Nun, in der Tat, was ist das für ein Unsinn? Es hat sich
so gemacht, die Natur hat’s gewollt, daß ein Mensch dem andern, wie ein
Wassertropfen dem andern ähnlich sieht, der eine die vollendete Kopie
des anderen ist: sollte man ihn deshalb etwa _nicht_ anstellen, wenn das
Schicksal allein, wenn das blinde Glück allein daran schuld ist? Soll
man ihn deshalb wie einen Verworfenen behandeln und ihn nicht zum Dienst
zulassen? Wo bliebe denn da die Gerechtigkeit? So ein armer, verlorener
und geängstigter Mensch: da muß einem ja das Herz wehtun und das Mitleid
einen packen! Ja! Das wäre wohl eine schöne Obrigkeit, wenn sie so
gedacht hätte, wie ich es tue, ich Dummkopf! Nein, nein, und sie hat gut
getan, daß sie den armen Menschen versorgte ...“
„Nun, schön,“ fuhr Herr Goljädkin fort, „nehmen wir an, zum Beispiel,
wir seien Zwillinge, von der Natur so geschaffen, wie wir sind, nun ja,
und – das wäre einfach alles. Ja, das wäre alles! Nun, und was wäre denn
dabei? Einfach, nichts! Man könnte es ja allen Beamten mitteilen ...
und, wenn ein Fremder in unsere Abteilung käme, der würde auch sicher
nichts Unpassendes oder gar Beleidigendes in diesem Umstand sehen. Es
liegt darin sogar etwas Rührendes, der Gedanke, daß Gott dort zwei
Zwillinge geschaffen und die edle Obrigkeit, die das Gebot Gottes
achtet, sie beide versorgt hat. Freilich, freilich,“ und Herr Goljädkin
hielt den Atem an und senkte ein wenig seine Stimme, „freilich, freilich
wäre es besser, wenn all dies Rührende lieber nicht wäre und es lieber
überhaupt keine Zwillinge gäbe ... Der Teufel möge das alles holen! Wozu
war das alles nötig? Warum konnte es wenigstens nicht aufgeschoben
werden? Herr du meine Güte! Da hat der Teufel etwas Schönes eingebrockt!
Er hat einmal schon so einen Charakter, schlechte, verlogene Manieren, –
so ein Schuft, so ein Lump, so ein Schmeichler und Schmarotzer, so ein
Goljädkin! Er wird sich noch am Ende schlecht aufführen und meinen Namen
schänden, der Taugenichts, jetzt habe ich das Vergnügen, auf ihn
aufzupassen. Welch eine Strafe ist das! Übrigens, wozu habe ich das
nötig! Nun, er ist ein Taugenichts, ein Schuft ... mag er es sein, der
andere ist dafür ein – Ehrenmann. Er ist also der Schuft, ich aber bin
der Anständige! Nun, dann werden sie sagen: – dieser Goljädkin ist ein
Schuft, auf den achtet nicht und verwechselt ihn nicht mit dem anderen;
der andere aber ist ehrlich und tugendhaft, bescheiden und nicht
boshaft, sehr gut im Dienste und würdig einer Rangerhöhung: so ist’s!
Nun gut ... aber wie haben sie ihn denn da ... so verwechselt!