„Nun, das wäre jetzt alles sehr gut. Die Sache wäre also erledigt: die
Sache ging nun schon bis zu schriftlichen Erklärungen. Aber wer ist
schuld daran? Er selbst ist schuld daran: er bringt einen Menschen so
weit, eine schriftliche Erklärung zu verlangen. Und ich bin in meinem
Recht ...“
Nachdem Herr Goljädkin noch einmal den Brief durchgelesen hatte, faltete
er ihn zusammen, adressierte ihn und rief dann Petruschka. Petruschka
erschien wie immer mit verschlafenen Augen und bei sehr schlechter
Laune.
„Du, mein Lieber, nimm diesen Brief ... verstehst du?“
Petruschka schwieg.
„Du nimmst ihn und bringst ihn ins Departement, dort suchst du den
diensttuenden Beamten auf, den Verwaltungssekretär Wachramejeff.
Wachramejeff hat heute den Tagdienst. Verstehst du das?“
„Verstehe.“
„‚Verstehe!‘ kannst du das nicht höflicher sagen. Du fragst also nach
dem Beamten Wachramejeff und sagst ihm: so und so, der Herr hat
befohlen, Sie von ihm zu grüßen und bittet Sie gefälligst, im
Adressenregister unserer Behörde nachzuschlagen, wo der Titularrat
Goljädkin wohnt?“
Petruschka schwieg, und wie es Herrn Goljädkin schien, lächelte er.
„Nun also, Pjotr, du fragst ihn nach seiner Adresse und wo der
neueingetretene Beamte Goljädkin wohnt: verstehst du?“
„Ich verstehe.“
„Du fragst nach der Adresse und bringst nach dieser Adresse diesen
Brief: verstehst du?“
„Ich verstehe.“
„Wenn du dort bist ... dort, wohin du diesen Brief bringst, so wird
dieser Herr, dem du diesen Brief gibst, Herr Goljädkin also ... Was
lachst du, Schafskopf?“
„Warum soll ich lachen? Was geht’s mich an! Ich habe nichts ...
unsereins hat nichts zu lachen ...“
„Nun also ... wenn dann der Herr dich fragen sollte, wie es mit deinem
Herrn steht ... wenn er dich also irgendwie ausfragen möchte – so
schweigst du und antwortest nur: ‚Meinem Herrn geht es gut, er bittet um
eine schriftliche Antwort auf seinen Brief.‘ Verstehst du?“
„Verstehe.“
„Also, fort mit dir.“
„Da hat man seine Mühe mit solch einem Schafskopf! Er lacht. Warum lacht
er denn? Es wird von Tag zu Tag immer schlimmer mit ihm, wie wird das
schließlich ... Ach, vielleicht wird sich doch noch alles zum Guten
wenden ... Dieser Schuft wird sich sicher jetzt noch zwei Stunden
herumtreiben oder überhaupt nicht mehr zurückkommen ... Man kann ihn ja
nirgendwohin schicken. Welch ein Unglück das ist ... welch ein Unglück!
...“
Unser Held entschloß sich also im Vollgefühl seines ganzen Unglücks, zu
der passiven Rolle einer zweistündigen Erwartung Petruschkas. Eine
Stunde lang ging er im Zimmer auf und ab, rauchte, warf dann wieder
seine Pfeife weg und griff nach einem Buch. Darauf legte er sich auf den
Diwan, griff dann wieder zur Pfeife und lief dann wieder im Zimmer auf
und ab ... Er wollte sich’s überlegen, konnte aber seine Gedanken nicht
zusammenhalten. Endlich ertrug er diesen aufreibenden Zustand nicht
länger, und Herr Goljädkin beschloß bei sich, lieber wieder zu handeln.
„Petruschka wird vor einer Stunde nicht zurückkommen,“ dachte er, „ich
kann also den Schlüssel dem Hausknecht geben – und selbst werde ich
unterdessen ... der Sache auf die Spur kommen und meinerseits etwas für
sie tun.“
Ohne Zeit zu verlieren, griff Herr Goljädkin nach seinem Hut, verließ
das Zimmer, schloß seine Wohnung zu, ging zum Hausknecht, händigte dem
den Schlüssel ein, zusammen mit zehn Kopeken Trinkgeld – Herr Goljädkin
wurde in letzter Zeit ungeheuer freigebig – und ging – ging, wohin ihn
der Weg führte. Er ging zu Fuß in die Richtung der Ismailoffbrücke.
Der Gang dauerte eine halbe Stunde. Als er das Ziel seiner Wanderung
erreicht hatte, ging er geradeaus auf den Hof des ihm bekannten Hauses
und blickte zu den Fenstern der Wohnung des Staatsrats Berendejeff
hinauf. Mit Ausnahme von dreien, mit roten Vorhängen verhangenen
Fenstern waren die übrigen alle dunkel.
„Bei Olssuph Iwanowitsch gibt es heute keine Gäste,“ dachte Herr
Goljädkin, „sie werden wohl jetzt allein zu Hause sitzen.“
Nachdem unser Held einige Zeit auf dem Hof gestanden hatte, wollte er
sich augenscheinlich zu etwas entschließen. Aber es sollte anders
kommen. Herr Goljädkin winkte mit der Hand ab und kehrte zurück auf die
Straße.
„Nein, nicht hierher hatte ich zu gehen! Was soll ich denn hier machen?
... Ich werde besser tun ... selbst die Sache zu untersuchen.“ Mit
diesem Entschluß begab sich Herr Goljädkin in sein Departement. Der Weg
war nicht kurz, dazu war er furchtbar schmutzig und nasser Schnee fiel
in dichten Flocken, doch für unseren Helden schien es keine Hindernisse
mehr zu geben. Er war nicht wenig ermüdet und ganz und gar durchnäßt und
beschmutzt, „wenn schon, denn schon: das heißt, wenn man das Ziel
erreichen will!“ Und Herr Goljädkin näherte sich in der Tat bald seinem
Ziele. Die dunkle Masse eines großen, öffentlichen Gebäudes stieg in der
Ferne vor ihm auf.
„Halt!“ dachte er, „wohin gehe ich und was werde ich hier machen? Nehmen
wir an, ich erfahre, wo er wohnt; unterdessen wird Petruschka bereits
zurückgekehrt sein und mir die Antwort gebracht haben. Ich verliere nur
meine teure Zeit umsonst, ganz umsonst. Nun, tut nichts, man kann alles
wieder gut machen ... Ach, es war überhaupt nicht nötig, auszugehen!
Aber so bin ich nun einmal. Ob es nötig ist oder nicht, ich muß immer
vorauslaufen ... Hm! ... Wieviel Uhr ist es? Sicherlich schon neun Uhr.
Petruschka könnte kommen und mich nicht zu Hause antreffen. Ich habe
wirklich eine Dummheit begangen, daß ich ausging ... Ach, wirklich,
diese Konfusion!“
Nachdem unser Held auf diese Weise zur Überzeugung gekommen war, daß er
eine Dummheit begangen, lief er sofort zurück zu seiner
Schestilawotschnaja-Straße. Erschöpft und durchnäßt kam er dort an und
erfuhr schon vom Hausknecht, daß Petruschka nicht einmal daran gedacht
hatte, wieder auf der Bildfläche zu erscheinen.
„Nun ja, das habe ich ja geahnt –,“ dachte unser Held: „Und dabei ist es
schon neun Uhr! Solch ein Taugenichts! Immer muß er sich betrinken! Herr
du meine Güte! Zum Unglück habe ich ihm schon seinen Lohn bezahlt, damit
er Geld in den Händen hat.“
Mit diesen Gedanken schloß Herr Goljädkin seine Wohnung auf, machte
Licht, kleidete sich aus, steckte seine Pfeife an und müde, zerschlagen,
hungrig, wie er war, legte er sich in Erwartung Petruschkas auf den
Diwan. Düster brannte die Kerze und ihr Licht flackerte an den Wänden
... Herr Goljädkin starrte vor sich hin, dachte und dachte und schlief
endlich ein, wie tot.
Er erwachte sehr spät. Das Licht war ganz niedergebrannt und flammte
noch hin und wieder auf, um dann ganz zu erlöschen. Herr Goljädkin
sprang auf, ihn schauerte, und plötzlich erinnerte er sich an alles, mit
einem Male an alles! Hinter dem Verschlag hörte man Petruschka
schnarchen. Herr Goljädkin stürzte ans Fenster – nirgendwo ein Licht zu
sehen. Er öffnete das Fenster – alles war totenstill. Die Stadt schlief.
Es mußte zwei oder drei Uhr nachts sein ... richtig, die Uhr hinter dem
Verschlag schlug zwei. Herr Goljädkin stürzte in den Verschlag.
Irgendwie, nach langen Anstrengungen, gelang es ihm, Petruschka zu
wecken und ihn im Bett aufzurichten. In diesem Augenblick verlöschte das
Licht vollkommen. Es vergingen zehn Minuten, bis Herr Goljädkin ein
anderes Licht fand und es anzündete. In der Zeit war aber Petruschka von
neuem eingeschlafen.
„Ach, du Halunke, du Taugenichts!“ schimpfte ihn Herr Goljädkin und
rüttelte ihn wieder auf. „Wirst du wohl aufwachen, wirst du wohl
aufstehen!“ Nach halbstündiger Anstrengung gelang es Herrn Goljädkin,
seinen Diener vollständig aufzuwecken und ihn aus dem Verschlag
herauszuziehen. Da erst bemerkte unser Held, daß Petruschka vollkommen
betrunken war und sich kaum auf den Füßen halten konnte.
„Du Taugenichts!“ schrie Herr Goljädkin, „du Lump! Am liebsten würdest
du mir wohl, weiß der Himmel was antun! Gütiger Gott, wo hast du den
Brief gelassen? Ach, du meine Güte, was ist nur aus ihm geworden ... Und
warum habe ich ihn geschrieben? Da stehe ich nun mit meinem Ehrgeiz.
Wozu stecke ich meine Nase da hinein! Das habe ich davon ... Und du, du
Räuber, wohin hast du den Brief gesteckt? Wem hast du ihn abgegeben?
...“
„Ich habe niemandem einen Brief gegeben, und habe überhaupt keinen Brief
gehabt ... so ist’s!“
Herr Goljädkin rang seine Hände vor Verzweiflung.
„Höre, Pjotr ... höre ... höre mich an ...“
„Ich höre ...“
„Wohin bist du gegangen? Antworte ...“
„Wohin ich gegangen ... zu guten Menschen bin ich gegangen! Was ist denn
dabei?“
„Ach, du mein grundgütiger Gott! Wohin gingst du zuerst? Warst du in der
Kanzlei? ... Du, höre mich an, Pjotr: du bist vielleicht betrunken?“
„Ich betrunken? Da soll ich doch gleich auf der Stelle ...“
„Nein, nein, das tut ja nichts, daß du betrunken bist ... Ich fragte ja
nur so ... gut, gut, daß du betrunken bist: ich meinte ja nur,
Petruschka ... Du hast vielleicht vorhin alles vergessen und erinnerst
dich jetzt ... Nun, denke nach, du warst vielleicht bei Wachramejeff –
warst du oder warst du nicht?“
„Ich war nicht und solchen Beamten gibt es gar nicht. Und wenn man mich
auch sogleich ...“
„Nein, nein, Pjotr! Nein, Petruschka, ich sage ja nichts. Du siehst
doch, daß ich nichts ... Nun, was ist denn dabei? Nun, draußen war es
kalt, feucht und der Mensch trinkt ein wenig, nun, und was will denn das
besagen? Ich bin doch nicht böse deshalb. Ich selbst habe heute etwas
getrunken, mein Lieber. Gestehe es nur ein, denke nur nach, mein Lieber,
warst du heute beim Wachramejeff?“
„Nun, wenn es so ist, mein Wort darauf ... ich war da ... und wenn ich
auch sogleich ...“
„Nun, gut, gut, Petruschka, wenn du dagewesen bist. Siehst du, ich
ärgere mich doch nicht ... Nu, nu,“ fuhr unser Held fort, seinen Diener
aufzurütteln, schüttelte ihn an der Schulter, lächelte ihm zu ... „nun,
und da hast du ein Schlückchen getrunken, du Taugenichts, nur ein wenig
... für zehn Kopeken ein Schlückchen? Du Saufbold! Nun, tut nichts.
Siehst du, daß ich nicht böse bin ... Hörst du, ich bin gar nicht böse
darüber, mein Lieber ...“
„Nein, wie Sie wollen, ich bin aber doch kein Saufbold. Bei guten
Menschen bin ich gewesen, denn ich bin kein Säufer, bin niemals ein
Säufer gewesen ...“
„Nun, schön, Petruschka! Höre doch, Pjotr: ich will dich ja auch gar
nicht schimpfen, wenn ich dich einen Säufer nenne. Ich habe dir das nur
zur Beruhigung gesagt, in einem versöhnlichen Sinne habe ich es dir
gesagt. Wenn man einen Menschen in diesem Sinne schimpft, so fühlt er
sich geschmeichelt, Petruschka. Ein anderer liebt es sogar! ... Nun,
Petruschka, sage mir jetzt aufrichtig, wie einem Freunde ... warst du
beim Wachramejeff, und gab er dir die Adresse?“
„Und auch die Adresse gab er, auch die Adresse. Ein guter Beamter ist
er! ‚Und dein Herr,‘ sagte er, ‚auch dein Herr ist ein guter Mensch. Und
also sage ihm ... ich lasse deinen Herrn grüßen,‘ sagte er, ‚und sage
ihm, ich liebe und verehre deinen Herrn, weil dein Herr,‘ sagt er, ‚ein
guter Mensch ist, und du, Petruschka, bist auch ein guter Mensch, siehst
du‘ ...“
„Ach, du mein Gott! Und die Adresse, die Adresse! Judas du!“ Die letzten
Worte sprach Herr Goljädkin fast flüsternd.
„Und die Adresse ... auch die Adresse hat er gegeben.“
„Nun, wo wohnt er denn, der Beamte Goljädkin, der Titularrat Goljädkin?“
„‚Goljädkin wohnt,‘ sagt er, ‚in der Schestilawotschnaja-Straße. So wie
du in die Schestilawotschnaja eintrittst,‘ sagt er, ‚so wohnt er rechts
die Treppe hinauf, im vierten Stock. Dort,‘ sagt er, ‚wohnt Goljädkin
...‘“
„Bandit, du!“ schrie ihn unser Held an, der endlich die Geduld verlor:
„Du Taugenichts! Das bin doch ich, das bin ja ich, von dem du sprichst.
Da ist aber ein anderer Goljädkin, und von diesem anderen spreche ich,
du Räuber, du!“
„Nun, wie Sie wollen! Was geht’s mich an! Wie Sie wollen! ...“
„Aber der Brief, der Brief? ...“
„Welcher Brief? Es war ja gar kein Brief, ich habe keinen Brief
gesehen.“
„Wohin hast du ihn denn gelegt, du Halunke, du!?“
„Ich habe ihn abgegeben, den Brief habe ich abgegeben. ‚Grüße ihn,‘ sagt
er, ‚grüße und danke deinem Herrn. Grüße,‘ sagt er, ‚deinen Herrn ...‘“
„Wer hat denn das gesagt? Hat Goljädkin das gesagt?“
Petruschka schwieg ein wenig, dann grinste er übers ganze Gesicht und
sah seinem Herrn gerade in die Augen.
„Hörst du, du Räuber!“ begann Herr Goljädkin, schnaubend vor Wut, „was
hast du mit mir gemacht? Sage doch, sage, was hast du mit mir gemacht?
Du hast mich vernichtet, du Bösewicht! Hast mir meinen Kopf von den
Schultern gerissen. So ein Judas!“
„Nun, wie Sie wollen! Was geht das mich an?“ sagte in bestimmtem Tone
Petruschka und zog sich hinter seine Scheidewand zurück.
„Komm her, hierher, du Räuber! ...“
„Nun, ich komme jetzt nicht mehr zu Ihnen, überhaupt nicht mehr. Was
geht’s mich an! Ich gehe zu den guten Menschen ... Gute Menschen, die
ehrlich und ohne Falsch leben und niemals doppelt sind ...“ Herrn
Goljädkin erstarrten die Füße und Hände und der Atem ging ihm aus ...
„J–a–a,“ fuhr Petruschka fort, „die sind nicht doppelt und beleidigen
nicht Gott und die Menschen!“
„Du Taugenichts, du bist ja betrunken! Du gehe jetzt lieber schlafen, du
Räuber! Aber morgen werde ich dir schon zeigen! ...“ sagte Herr
Goljädkin mit kaum hörbarer Stimme. Petruschka murmelte auch noch etwas:
dann hörte man nur noch, wie er sich aufs Bett legte, daß es in allen
Fugen krachte, wie er laut gähnte und sich ausstreckte, und dann, wie
man sagt, den Schlaf des Gerechten schlief und mächtig schnarchte.
Herr Goljädkin war mehr tot als lebendig. Das Betragen Petruschkas,
seine sonderbaren, wenn auch sehr entfernten Anspielungen, über die man
sich „folglich nicht zu ärgern braucht“, um so weniger, da er betrunken
war, und schließlich die ganze bösartige Wendung, die die Sache nahm –
alles das erschütterte Herrn Goljädkin bis auf den Grund.
„Und was plagte mich, ihn mitten in der Nacht zu wecken?“ fragte sich
unser Held, am ganzen Körper vor krankhafter Erregung zitternd, „und was
plagte mich, mit einem betrunkenen Menschen anzubändeln! Und was kann
man denn von einem betrunkenen Menschen erwarten? Jedes Wort ist ja
gelogen! Worauf spielte er eigentlich an, dieser Räuber? Mein Gott, mein
Gott! Und wozu habe ich alle diese Briefe geschrieben, ich Selbstmörder,
ich Selbstmörder! Konnte ich denn nicht schweigen?! Mußte es denn
geschehen? Wozu denn? Mein Ehrgeiz wird mich noch umbringen. Wenn aber
meine Ehre leidet – seine Ehre muß man doch retten! Ach, ich
Selbstmörder, ich!“
So sprach Herr Goljädkin, auf seinem Diwan sitzend, und wagte sich vor
Furcht kaum zu bewegen. Plötzlich fielen seine Augen auf einen
Gegenstand, der seine Aufmerksamkeit im höchsten Grade erregte. In der
Furcht, es könnte eine Illusion, eine Täuschung seiner Phantasie sein,
wagte er kaum, vor Hoffnung, Angst und unbeschreiblicher Neugier, seine
Hand danach auszustrecken. Nein, es war keine Täuschung, es war
Wirklichkeit. Keine Illusion! Der Brief war ein Brief, ein wirklich an
ihn adressierter Brief. Herr Goljädkin griff nach dem Brief auf dem
Tisch. Sein Herz schlug heftig.
„Wahrscheinlich hat ihn dieser Schuft gebracht,“ dachte er, „hat ihn
dort hingelegt und ihn dann vergessen; so wird es wohl gewesen sein,
sicher wird es so gewesen sein ...“
Der Brief war von Wachramejeff, jenem Beamten und ehemaligen Freunde
Goljädkins.
„Das habe ich übrigens alles geahnt,“ dachte unser Held, „und alles, was
im Briefe hier stehen wird, habe ich ebenfalls geahnt ...“ Der Brief
lautete folgendermaßen:
„Sehr geehrter Herr Jakoff Petrowitsch!
Ihr Diener ist betrunken und es läßt sich nichts Gescheites aus ihm
herausbringen. Aus dem Grunde ziehe ich es vor, Ihnen schriftlich zu
antworten.
Ich beeile mich, Ihnen mitzuteilen, daß ich bereit bin, Ihren
Auftrag, den mir übergebenen Brief an eine gewisse Person zu
befördern, mit aller Gewissenhaftigkeit und Treue auszuführen. Diese
Person, die Ihnen sehr bekannt ist, und ein mir untreu gewordener
Freund, dessen Namen ich verschweigen will (denn ich möchte nicht
unnütz dem Ruf eines unschuldigen Menschen schaden!) wohnt mit uns
zusammen in der Wohnung Karolina Iwanownas, und zwar in demselben
Zimmer, in dem früher, als Sie noch bei uns waren, der
Infanterieoffizier aus Tamboff lebte. Diese Person gehört zu den
ehrlichen Leuten, zu denen, die ein aufrichtiges Herz haben, was man
bekanntlich nicht bei allen findet. Die Bekanntschaft mit Ihnen
beabsichtige ich von heute ab vollständig abzubrechen, in dem
freundschaftlichen Verhältnis, in dem wir früher miteinander
verkehrten, können wir nicht mehr zueinander stehen, und darum bitte
ich Sie, sehr geehrter Herr, beim Empfang dieses meines aufrichtigen
Briefes, mir unverzüglich die mir zukommenden zwei Rubel für das
Rasiermesser ausländischen Fabrikats, das ich Ihnen verschaffte, zu
schicken. Wie Sie sich erinnern werden, hatte ich es Ihnen bereits
vor sieben Monaten auf Abzahlung überlassen, und zwar noch zu der
Zeit, als Sie mit uns zusammen bei Karolina Iwanowna lebten, die ich
von ganzem Herzen achte und verehre. Ich tue es aus dem Grunde, da
Sie, nach der Behauptung kluger Leute, Ihre Selbstbeherrschung und
Ihren guten Ruf verloren haben und der Verkehr mit Ihnen für junge,
sittsame und unverdorbene Menschen daher sehr gefährlich geworden
ist. Denn manche Leute leben nicht in Ehrbarkeit und dazu sind ihre
Worte falsch und ihre wohlanständige Haltung ist verdächtig. Es wird
immer Leute geben, die sich der Verteidigung von Karolina Iwanowna
annehmen werden, die stets von gutem Betragen und eine ehrbare Dame
gewesen ist und die dazu ein Mädchen, wenn auch nicht von jungen
Jahren, so doch aus anständiger ausländischer Familie ist. Man hat
mich gebeten, Ihnen dieses von mir aus in meinem Briefe beiläufig in
Erinnerung zu bringen. Auf jeden Fall werden Sie schon alles zu
seiner Zeit erfahren, falls Sie es bis jetzt noch nicht erfahren
haben sollten, obgleich Sie nach Aussagen verständiger Leute an
allen Enden der Residenz in schlechtem Rufe stehen, und wenigstens
an vielen Stellen Auskunft über sich selbst, geehrter Herr, erhalten
können.
Zum Schluß teile ich Ihnen noch mit, sehr geehrter Herr, daß die
Ihnen bekannte Person, deren Namen ich aus wohlbegründeten Ursachen
hier nicht erwähnen möchte, von allen wohlgesinnten Menschen sehr
geachtet wird. Überdies ist sie von angenehmem, heiterem Charakter,
in ihrem Beruf wie unter den Menschen sehr beliebt, treu ihrem Wort
und jeder Freundschaft, wie sie denn niemals diejenigen beleidigt
und verleumdet, mit denen sie sich in freundschaftlicher Beziehung
befindet.