Er kam erst wieder zu sich, als er sich bereits auf der Treppe zu seiner
Wohnung befand. „Ach ich Schafskopf, ich!“ schimpfte er sich selbst in
Gedanken, „wohin führe ich ihn jetzt? Ich lege ja selbst meinen Kopf in
die Schlinge. Was wird Petruschka sagen, wenn er uns beide zusammen
sieht. Was wird dieser Schuft zu denken wagen – und er ist sowieso schon
so mißtrauisch ...“
Doch zur Reue war es bereits zu spät. Herr Goljädkin klopfte, die Tür
wurde geöffnet und Petruschka nahm seinem Herrn sowie dem Gast die
Mäntel ab. Herr Goljädkin schielte mit einem Blick nach Petruschka hin,
um in seine Physiognomie einzudringen und womöglich hinter seine
Gedanken zu kommen. Doch zu seiner großen Verwunderung sah er, daß sein
Diener auch nicht daran dachte, sich zu wundern, sogar im Gegenteil,
etwas Derartiges, wie diesen seltsamen Besuch erwartet zu haben schien.
Freilich sah er auch jetzt noch recht wie ein Wolf aus, der sich
anschickte, jemanden zu fressen. „Sind sie heute nicht alle irgendwie
verhext,“ dachte unser Held, „ist es nicht ganz so, als wären sie alle
von Dämonen besessen! Etwas Besonderes muß vorgehen oder in der Luft
liegen. Zum Teufel, was ist das für eine Qual!“
Mit solchen Gedanken führte Herr Goljädkin seinen Gast ins Zimmer und
forderte ihn höflichst auf, sich zu setzen.
Der Gast befand sich offenbar in höchster Verwirrung, war sehr
schüchtern und folgte gehorsam allen Bewegungen seines Wirtes, fing
dessen Blicke auf und bemühte sich scheinbar, seine Gedanken zu erraten.
Etwas Gedrücktes, Erniedrigtes und Erschrockenes lag in all seinen
Gebärden, so daß er, wenn ein solcher Vergleich gestattet ist, in diesem
Augenblick einem Menschen ähnlich sah, der aus Mangel an eigenen
Kleidern sich fremder bedient. Die Ärmel sind zu kurz, die Taille sitzt
fast unter den Achseln und jeden Augenblick zieht er sich seine zu kurze
Weste zurecht: bald dreht er sich zur Seite und scheint sich verstecken
zu wollen, bald sieht er wieder allen in die Augen und horcht, ob die
Leute nicht über ihn sprechen, über ihn lachen, sich seiner schämen –
und der Arme errötet, windet sich in fürchterlichster Verlegenheit, und
Ehrgeiz und Selbstgefühl leiden maßlos.
Herr Goljädkin legte seinen Hut aufs Fenster – durch eine unvorsichtige
Bewegung fiel er auf den Boden. Der Gast stürzte sofort herbei, um ihn
aufzuheben, den Staub abzuwischen und ihn auf den früheren Platz zu
legen. Seinen eigenen Hut legte er aber neben sich auf den Fußboden und
selbst nahm er nur auf dem Rande des Stuhles Platz. Dieser kleine
Umstand öffnete Herrn Goljädkin sofort die Augen über ihn. Er begriff,
daß der andere großen Mangel litt, und nun wußte er mit einem Mal, wie
er das Gespräch mit ihm beginnen sollte.
Der Gast seinerseits schwieg immer noch, er wartete scheinbar, sei es
nun aus Schüchternheit oder Ehrfurcht, daß der Wirt den Anfang machte –
übrigens, mit Bestimmtheit ließ es sich nicht sagen, das war schwer zu
entscheiden.
In diesem Augenblick trat Petruschka ein, blieb an der Tür stehen, sah
aber weder seinen Herrn noch den Gast an, sondern blickte auf die
entgegengesetzte Seite.
„Befehlen Sie zwei Portionen Mittag zu bringen?“ fragte er nachlässig,
mit barscher Stimme.
„Ich, ich weiß nicht ... Sie – ja, mein Sohn, bringe zwei Portionen.“
Petruschka ging. Herr Goljädkin blickte seinen Gast an. Dieser errötete
bis über die Ohren. Herr Goljädkin war ein guter Mensch, und deshalb,
aus Seelengüte, stellte er folgende Theorie auf:
„Armer Mensch,“ dachte er, „in seiner Stellung ist er erst einen Tag.
Wahrscheinlich hat er in seinem Leben viel gelitten, vielleicht ist das
bißchen saubere Kleidung alles was er besitzt und zum Essen reicht es
nicht mehr. Wie erbärmlich er aussieht! Nun, tut nichts: das ist
einesteils sogar besser so ...“
„Entschuldigen Sie, daß ich ...“ begann Herr Goljädkin, „übrigens,
erlauben Sie, zu fragen, wie ich Sie nennen soll?“
„Mich? ... ich heiße ... Jakoff Petrowitsch,“ sagte fast flüsternd der
Gast, als hätte er ein schlechtes Gewissen, als schäme er sich, als bäte
er um Entschuldigung, daß auch _er_ Jakoff Petrowitsch heiße.
„Jakoff Petrowitsch,“ wiederholte unser Held, außerstande, seine
Erregung zu verbergen.
„Ja, genau so ist es ... Ich bin ein Namensvetter von Ihnen,“ antwortete
bescheiden der Gast und wagte schüchtern zu lächeln. Er wollte noch
etwas Scherzhaftes sagen, doch unterbrach er sich sofort, nahm eine
ernste und unterwürfige Miene an, als er bemerkte, daß sein Wirt nicht
zu Scherzen aufgelegt war.
„Sie ... erlauben Sie zu fragen, was verschafft mir die Ehre? ...“
„Da ich Ihre Großmütigkeit und Wohltätigkeit kenne,“ unterbrach ihn
eilig, doch mit schüchterner Stimme sein Gast und erhob sich ein wenig
vom Stuhl, „wagte ich mich an Sie zu wenden und um Ihre Bekanntschaft
und Gönnerschaft zu bitten ...“ Er suchte seine Worte stockend zusammen
und bemühte sich, nicht allzu schmeichelhafte Ausdrücke zu wählen, wohl
um sich vor seinem eigenen Ehrgefühl nicht herabzusetzen – aber auch, um
allzu kühne Worte, die eine Gleichstellung beansprucht hätten, zu
vermeiden. Überhaupt konnte man sagen, daß sich der Gast des Herrn
Goljädkin wie ein wohlanständiger Bettler mit geflicktem Frack und guten
Papieren in der Tasche benahm – gleich einem, der noch nicht geübt war,
die Hand so auszustrecken, wie es sich vielleicht empfahl.
„Sie setzen mich in Verwunderung,“ sagte Herr Goljädkin, sich umsehend,
betrachtete dann die Wände und schließlich wieder den Gast. „Worin
könnte ich Ihnen ... ich, das heißt ich wollte nur sagen, in welcher
Beziehung und womit könnte ich Ihnen nützlich sein?“
„Ich, Jakoff Petrowitsch, ich fühlte mich auf den ersten Blick zu Ihnen
hingezogen und: verzeihen Sie mir großmütig, ich hoffte auf Sie – ich
wagte zu hoffen, Jakoff Petrowitsch. Ich ... ich bin ein ganz hilfloser
Mensch, Jakoff Petrowitsch, ich habe viel durchgemacht, Jakoff
Petrowitsch, und will nun wieder von neuem ... Da ich aber erfahren
habe, daß Sie – nicht nur diese schönen Seeleneigenschaften besitzen,
sondern außerdem noch ein Namensvetter von mir sind ...“
Herr Goljädkin runzelte die Stirn.
„... Mein Namensvetter sind und aus derselben Stadt wie ich gebürtig, so
beschloß ich, mich an Sie zu wenden und Ihnen meine schwierige Lage
vorzustellen.“
„Schön, schön! Ich weiß nur wirklich nicht, was ich Ihnen sagen soll,“
antwortete etwas betroffen Herr Goljädkin. „Nach dem Essen wollen wir
sehen ...“
Der Gast verbeugte sich. Man brachte das Mittagessen. Petruschka deckte
den Tisch und trug auf. Gast und Wirt begannen es zu verzehren. Das
Essen dauerte nicht lange, denn beide beeilten sich. Der Wirt beeilte
sich, weil er nicht bei Laune war und obendrein fand, daß das Essen
schlecht sei – er fand es zum Teil deshalb, weil er seinen Gast gut
bewirten wollte, und zum Teil auch deshalb, weil er ihm zu zeigen
gedachte, daß er nicht wie ein Bettler lebte. Und der Gast wiederum
befand sich in großer Verlegenheit und Erregung. Nachdem er Brot
genommen und ein Stück Fleisch gegessen hatte, fürchtete er sich, die
Hand nach einem zweiten und besseren Stück auszustrecken. Er versicherte
darum unaufhörlich, daß er durchaus nicht hungrig und daß das Essen sehr
gut sei, und daß er sich bis zu seinem Tode daran erinnern werde. Nach
dem Essen zündete sich Herr Goljädkin eine Pfeife an und reichte seinem
Freunde und Gast eine andere. Beide setzten sich einander gegenüber und
der Gast begann seine Erzählung.
Die Erzählung des zweiten Herrn Goljädkin dauerte drei bis vier Stunden.
Es war die Geschichte seiner Wirrnisse, die sich aus den unbedeutendsten
und kläglichsten Umständen zusammensetzte. Es handelte sich um den
Dienst bei irgendeiner Behörde in einem Gouvernement, um Staatsanwälte
und Präsidenten, es handelte sich um Kanzleiintrigen, handelte von der
Verworfenheit eines der Beamten, von einem Revisor und dem plötzlichen
Wechsel des Vorgesetzten und davon, wie Herr Goljädkin der Jüngere unter
alledem ganz unschuldig zu leiden gehabt hätte. Ferner von seiner alten
Tante Pelageja Ssemjonowna, und wie er durch die Intrigen seiner Feinde
seine gute Stellung verlor und zu Fuß nach Petersburg kam, wie er hier
in Petersburg in Not geriet, lange Zeit hindurch vergeblich eine
Stellung suchte, immer mehr und mehr verarmte und zuletzt auf der Straße
lebte, hartes Brot aß, das er mit seinen Tränen aufweichte, und nachts
auf der Erde schlief. Wie dann endlich ein guter Mensch sich seiner
annahm, ihm eine Empfehlung gab und in großmütiger Weise zu der neuen
Stellung verhalf. Der Gast weinte bei dieser Erzählung und wischte sich
mit einem karierten Taschentuch, das wie ein Wachstuch aussah, in einem
fort die Tränen aus den Augen. Er schloß damit, daß er Herrn Goljädkin
alles offen mitgeteilt und sich ihm ganz anvertraut habe, weil er nichts
zum Leben besitze, noch um sich anständig einzurichten, und nicht einmal
eine Uniform anschaffen könne. Auf seine Stiefel dürfe er sich auch
nicht mehr verlassen. Die Uniform, die er trage, habe er nur auf Zeit
geliehen.
Herr Goljädkin war wirklich aufrichtig gerührt. Und obwohl die
Geschichte seines Gastes eine ganz gewöhnliche war, legten sich dessen
Worte doch wie himmlisches Manna auf seine Seele. Die Sache war nämlich
die: Herr Goljädkin verlor durch die Erzählung seine letzten Zweifel, er
gab seinem Herzen die Freiheit wieder und nannte sich selbst in Gedanken
einen Dummkopf.
Alles war ja so natürlich! Wozu hatte er sich so beunruhigt, sich so
aufgeregt! Zwar gab es da noch einen peinlichen Umstand, aber auch der
war nicht gar so schlimm: er konnte doch den Menschen nicht zugrunde
richten und seine Karriere zerstören, wenn der Mensch unschuldig war und
die Natur selbst sich hier eingemischt hatte! Außerdem bat ihn der Gast
um seinen Schutz, er weinte und klagte sein Schicksal an, er schien so
harmlos, ohne Bosheit und Hinterlist und war so erbärmlich und nichtig
vor ihm. Er machte sich vielleicht im geheimen selbst Vorwürfe über die
Ähnlichkeit seines Gesichtes mit dem seines Wirtes. Er führte sich so
vorzüglich auf und suchte seinem Wirte zu gefallen und sah ganz so drein
wie ein Mensch, der sich Gewissensbisse macht und sich vor dem anderen
schuldig fühlt. Kam die Rede zum Beispiel auf einen strittigen Punkt, so
stimmte der Gast sofort der Meinung Herrn Goljädkins bei. Wenn irgendwie
aus Versehen seine Meinung von der Meinung Herrn Goljädkins abwich und
er es bemerkte, so verbesserte er sich sofort und erklärte alsbald, daß
er ganz derselben Meinung sei wie sein Wirt, daß er ganz so denke wie
dieser und alles mit denselben Augen ansähe. Kurz, der Gast gab sich die
größte Mühe, Herrn Goljädkin zu gefallen, sozusagen in ihm aufzugehen,
und Herr Goljädkin wiederum überzeugte sich davon, daß sein Gast in
jeder Beziehung ein liebenswürdiger Mensch sei. Es wurde inzwischen Tee
gereicht. Es war neun Uhr. Herr Goljädkin war in sehr angenehmer
Stimmung, heiter und angeregt, und ließ sich nun in ein sehr lebhaftes
und bemerkenswertes Gespräch mit seinem Gast ein. Herr Goljädkin liebte
es manchmal, bei heiterer Stimmung etwas Interessantes zu erzählen. So
auch jetzt: er erzählte seinem Gast viel aus dem Petersburger Leben, von
dessen Schönheit und seinen Vergnügungen, vom Theater, von den Klubs und
den schönen Bildern, auch davon, wie zwei Engländer aus England nach
Petersburg gekommen seien, nur um sich das Gitter des Sommergartens
anzusehen und dann gleich wieder fortzufahren. Auch vom Dienst erzählte
er, von Olssuph Iwanowitsch und Andrej Philippowitsch, und davon, daß
Rußland von Stunde zu Stunde seiner Größe entgegengehe, daß „die Künste
in ihm blühten“; von einer Anekdote, die er neulich in der „Biene“
gelesen, und von den Schlangen Indiens, die außergewöhnliche Kraft
hätten; und noch von vielem anderen. Kurz Herr Goljädkin war vollkommen
zufrieden. Erstens, weil er jetzt vollkommen ruhig sein konnte; zweitens
weil er seine Feinde nun nicht mehr fürchtete, sondern sie am liebsten
gleich zum entscheidenden Zweikampf herausgefordert hätte; drittens,
weil er selbst als Gönner auftrat und endlich, weil er ein gutes Werk
tat.
Im Innersten gestand er sich übrigens ein, daß er in diesem Augenblick
doch noch nicht ganz glücklich sein konnte, daß in ihm immer noch ein
Würmchen steckte, wenn es auch nur ein ganz kleines war, das aber
nichtsdestoweniger noch an seinem Herzen nagte.
Es quälte ihn auch die Erinnerung an den gestrigen Abend bei Olssuph
Iwanowitsch. Er hätte jetzt viel darum gegeben, wenn – dieses Gestern
nicht gewesen wäre.
„Übrigens, es tut gar nichts!“ schloß endlich unser Held und gab sich
das feste Versprechen, sich in Zukunft immer gut aufzuführen und sich
nicht mehr selbst in solche Verlegenheiten zu bringen.
Da Herr Goljädkin jetzt ganz aus sich herausgegangen war und sich fast
glücklich fühlte, so stieg auch in ihm der Wunsch auf, sein Leben zu
genießen. Petruschka mußte also einen Rum bringen und Punsch bereiten.
Der Gast und der Wirt leerten darauf ein, zwei Gläschen. Der Gast wurde
jetzt noch liebenswürdiger als zuvor und zeigte seinerseits nicht nur
einen gefälligen und offenen Charakter, sondern ging ganz auf die
Stimmung des Herrn Goljädkin ein, freute sich über seine Freude und sah
auf ihn, wie auf seinen einzigen und aufrichtigen Wohltäter.
Er ergriff die Feder und ein Stück Papier und bat Herrn Goljädkin, nicht
zu sehen, was er schreiben werde, und als er darauf geendet hatte,
überreichte er dem Gastgeber feierlich das Geschriebene. Es war ein sehr
gefühlvoller Vierzeiler, mit schöner Handschrift geschrieben und, wie es
schien, vom Gast selbst verfaßt. Er lautete folgendermaßen:
Wenn auch du mich je vergißt,
Ich vergeß dich nicht;
Wechselvoll ist alles Leben,
Drum vergiß mich nicht!
Mit Tränen in den Augen umarmte Herr Goljädkin seinen Gast und voll von
Mitgefühl und Überschwang weihte er ihn in seine verschiedenen großen
und kleinen Geheimnisse ein, in denen besonders von Andrej
Philippowitsch und Klara Olssuphjewna die Rede war.
„Nun, wir beide, Jakoff Petrowitsch, werden uns schon gegenseitig
verstehen,“ beteuerte unser Held seinem Gast. „Wir werden miteinander,
Jakoff Petrowitsch, wie zwei leibliche Brüder leben, wie zwei Fische im
Wasser! Wir, Freundchen, wollen schon schlau sein und ihnen eine Intrige
drehen ... und sie ordentlich an der Nase herumführen. Sage aber
niemandem etwas davon. Ich kenne ja, Jakoff Petrowitsch, deinen
Charakter: du wirst natürlich sofort alles erzählen müssen, du
aufrichtige Seele, du! Doch, Brüderchen, halte dich lieber fern von
ihnen!“
Der Gast stimmte ihm in allem bei, dankte Herrn Goljädkin und zerfloß in
Tränen.
„Weißt du, Jascha,“ fuhr Herr Goljädkin mit schwacher, zitternder Stimme
fort, „du, Jascha, bleibe jetzt bei mir, wenn du willst – auf immer. Wir
werden uns zusammen einleben. Was meinst du, Bruder? Du brauchst dich
nicht zu beunruhigen, klage auch nicht, daß zwischen uns ein so
sonderbares Verhältnis besteht: zu murren, Freund, ist Sünde; die Natur
hat’s so gewollt! Die Mutter Natur ist weise, siehst du, so ist es,
Jascha! Ich liebe, ich liebe dich, liebe dich brüderlich, sage ich dir.
Aber zusammen, Jascha, da wollen wir ihnen einen Streich spielen.“
So waren sie beim dritten und vierten Glase Punsch und bei der
Brüderschaft angelangt, als Herr Goljädkin sich von zwei Empfindungen
beherrscht fühlte: die eine war, daß er außergewöhnlich glücklich sei,
und die andere – daß er schon nicht mehr auf den Beinen stehen konnte.
Der Gast wurde natürlich aufgefordert, bei ihm zu übernachten. Das Bett
wurde irgendwie aus zwei Reihen Stühlen hergestellt. Herr Goljädkin der
Jüngere erklärte, unter so freundschaftlichem Schutz sei auch auf dem
härtesten Lager weich zu schlafen; er befinde sich jetzt wie im
Paradiese, zumal er in seinem Leben schon viel Ungemach und Kummer
ertragen habe und man auch nicht wissen könne, was ihm noch in Zukunft
alles bevorstehe! ...
Herr Goljädkin der Ältere protestierte dagegen und fing an, ihm
darzulegen, wie man in Zukunft seine Hoffnung auf Gott setzen müsse. Der
Gast war natürlich vollkommen mit allem einverstanden: auch damit, daß
es nichts Höheres und Größeres gebe als Gott. Darauf bemerkte Goljädkin
der Ältere, daß die Türken in mancher Beziehung durchaus recht hätten,
mitten im Schlaf sogar den Namen Gottes anzurufen. Im übrigen
verteidigte er den türkischen Propheten Mohammed gegen die Verleumdungen
mancher Gelehrten und erkannte in ihm einen großen Politiker, bei
welcher Gelegenheit er auf einen algerischen Barbier zu sprechen kam,
eine Figur aus einem Witzblatt. Wirt und Gast lachten anhaltend über die
Gutmütigkeit dieses Türken und konnten sich andererseits nicht genug
über den vom Opium erzeugten Fanatismus der Türken wundern.
Endlich begann der Gast sich zu entkleiden und Herr Goljädkin begab sich
hinter den Verschlag, zum Teil aus Gutmütigkeit, um seinen Gast, diesen
vom Unglück verfolgten Menschen, nicht in Verlegenheit zu setzen, im
Falle er nicht im Besitze eines ordentlichen Hemdes sein sollte – zum
Teil auch, um mit Petruschka zu sprechen, ihn aufzumuntern und auch ihm
womöglich etwas von seinem Glück mitzuteilen.
Es muß gesagt werden, daß Petruschka ihn immer noch beunruhigte.
„Du, Pjotr, lege dich schlafen!“ sagte Herr Goljädkin milde, als er in
den Verschlag seines Dieners eintrat, „du lege dich jetzt schlafen,
morgen aber um acht Uhr mußt du mich wecken. Hast du verstanden,
Petruschka?“
Herr Goljädkin sprach ungemein zärtlich und milde zu ihm, aber
Petruschka schwieg. Er machte sich an seinem Bett zu schaffen und wandte
sich nicht einmal nach seinem Herrn um, wie es sich doch gehört hätte.
„Hast du gehört, Pjotr?“ fuhr Herr Goljädkin fort. „Du legst dich jetzt
zu Bett und morgen, Petruschka, wirst du mich um acht Uhr wecken; hast
du mich verstanden?“
„Schon gut, schon gut!“ antwortete Petruschka.
„Nun, nun, Petruschka, ich sage ja nur so, damit du ruhig und zufrieden
bist. Denn, sieh, wir sind jetzt alle miteinander glücklich und ich
wünsche, daß du es auch sein mögest. Ich wünsche dir jetzt eine gute
Nacht, schlafe wohl, Petruschka, schlafe wohl. Wir alle müssen arbeiten.
Du, Freund, denke nicht etwa, daß ich ...“
Herr Goljädkin brach plötzlich ab. „Bin ich nicht zu weit gegangen?“
dachte er. „So ist es immer, ich gehe immer zu weit.“
Unser Held verließ Petruschka sehr unzufrieden mit sich selbst. Die
Grobheit und Ungezogenheit Petruschkas hatten ihn beleidigt. „Dieser
Schelm, sein Herr erweist ihm solche Ehre und er empfindet das nicht
einmal,“ dachte Herr Goljädkin. „Übrigens ist das bei dieser Sorte immer
so!“
Er wankte ein wenig, als er ins Zimmer zurückkehrte, und da er sah, daß
der Gast sich bereits hingelegt hatte, setzte er sich auf einen
Augenblick zu ihm aufs Bett.
„Gestehe es doch ein, Jascha,“ begann er flüsternd mit wackelndem Kopf:
„Du bist doch ein Taugenichts! Du bist ein Namensdieb, weißt du das
auch? ... Das bist du mir schuldig!“ fuhr er in familiärem Tone fort,
sich mit seinem Gast zu unterhalten.
Schließlich verabschiedete er sich freundschaftlich von ihm, um selbst
auch schlafen zu gehen. Der Gast hatte mittlerweile bereits zu
schnarchen begonnen. Herr Goljädkin legte sich lächelnd ins Bett und
murmelte vor sich hin: „Nun, heute bist du betrunken, mein Täubchen,
Jakoff Petrowitsch, ein Taugenichts bist du, ein Hungerleider – dein
Name sagt es schon!! Worüber hast du dich denn so zu freuen? Morgen
wirst du dafür weinen, du Affe: was ist mit dir denn zu machen?“
Nun aber überkam ihn ein ganz sonderbares Gefühl, ähnlich wie Zweifel
und Bedauern. „Bist zu weit gegangen,“ dachte er, „jetzt brummt mir der
Kopf und ich bin betrunken ... und konntest nicht an dich halten, du
Dummkopf, und hast drei Körbe voll Blech geredet, und dabei willst du
noch feine Intrigen spinnen, du Esel! Freilich, Großmut und Vergeben ist
eine Tugend, doch immerhin: es steht schlimm mit dir! Da liegt er nun!“
Und Herr Goljädkin stand auf, nahm das Licht in die Hand und ging auf
den Fußspitzen noch einmal an das Bett, um seinen schlafenden Gast zu
betrachten. Lange stand er da, in tiefes Nachdenken versunken: „Ein
unangenehmes Bild das! Geradezu ein Pasquill! Ein leibhaftiges Pasquill!
Oh, die Sache hat einen Haken!“
Doch endlich legte sich auch Herr Goljädkin schlafen. In seinem Kopf
rumorte es. Seine Sinne schwanden ihm, er bemühte sich, noch an etwas
sehr Interessantes zu denken, etwas sehr Wichtiges zu entscheiden, über
eine sehr kitzliche Sache zu einem Urteil zu gelangen – aber er konnte
nicht mehr. Der Schlaf nahm sein Haupt, und so schlief er denn fest ein,
wie gewöhnlich Leute schlafen, die zu trinken nicht gewohnt sind und
plötzlich fünf Gläser Punsch in angenehmer Gesellschaft getrunken haben.