VII.

Er kam erst wieder zu sich, als er sich bereits auf der Treppe zu seiner

Wohnung befand. „Ach ich Schafskopf, ich!“ schimpfte er sich selbst in

Gedanken, „wohin führe ich ihn jetzt? Ich lege ja selbst meinen Kopf in

die Schlinge. Was wird Petruschka sagen, wenn er uns beide zusammen

sieht. Was wird dieser Schuft zu denken wagen – und er ist sowieso schon

so mißtrauisch ...“

Doch zur Reue war es bereits zu spät. Herr Goljädkin klopfte, die Tür

wurde geöffnet und Petruschka nahm seinem Herrn sowie dem Gast die

Mäntel ab. Herr Goljädkin schielte mit einem Blick nach Petruschka hin,

um in seine Physiognomie einzudringen und womöglich hinter seine

Gedanken zu kommen. Doch zu seiner großen Verwunderung sah er, daß sein

Diener auch nicht daran dachte, sich zu wundern, sogar im Gegenteil,

etwas Derartiges, wie diesen seltsamen Besuch erwartet zu haben schien.

Freilich sah er auch jetzt noch recht wie ein Wolf aus, der sich

anschickte, jemanden zu fressen. „Sind sie heute nicht alle irgendwie

verhext,“ dachte unser Held, „ist es nicht ganz so, als wären sie alle

von Dämonen besessen! Etwas Besonderes muß vorgehen oder in der Luft

liegen. Zum Teufel, was ist das für eine Qual!“

Mit solchen Gedanken führte Herr Goljädkin seinen Gast ins Zimmer und

forderte ihn höflichst auf, sich zu setzen.

Der Gast befand sich offenbar in höchster Verwirrung, war sehr

schüchtern und folgte gehorsam allen Bewegungen seines Wirtes, fing

dessen Blicke auf und bemühte sich scheinbar, seine Gedanken zu erraten.

Etwas Gedrücktes, Erniedrigtes und Erschrockenes lag in all seinen

Gebärden, so daß er, wenn ein solcher Vergleich gestattet ist, in diesem

Augenblick einem Menschen ähnlich sah, der aus Mangel an eigenen

Kleidern sich fremder bedient. Die Ärmel sind zu kurz, die Taille sitzt

fast unter den Achseln und jeden Augenblick zieht er sich seine zu kurze

Weste zurecht: bald dreht er sich zur Seite und scheint sich verstecken

zu wollen, bald sieht er wieder allen in die Augen und horcht, ob die

Leute nicht über ihn sprechen, über ihn lachen, sich seiner schämen –

und der Arme errötet, windet sich in fürchterlichster Verlegenheit, und

Ehrgeiz und Selbstgefühl leiden maßlos.

Herr Goljädkin legte seinen Hut aufs Fenster – durch eine unvorsichtige

Bewegung fiel er auf den Boden. Der Gast stürzte sofort herbei, um ihn

aufzuheben, den Staub abzuwischen und ihn auf den früheren Platz zu

legen. Seinen eigenen Hut legte er aber neben sich auf den Fußboden und

selbst nahm er nur auf dem Rande des Stuhles Platz. Dieser kleine

Umstand öffnete Herrn Goljädkin sofort die Augen über ihn. Er begriff,

daß der andere großen Mangel litt, und nun wußte er mit einem Mal, wie

er das Gespräch mit ihm beginnen sollte.

Der Gast seinerseits schwieg immer noch, er wartete scheinbar, sei es

nun aus Schüchternheit oder Ehrfurcht, daß der Wirt den Anfang machte –

übrigens, mit Bestimmtheit ließ es sich nicht sagen, das war schwer zu

entscheiden.

In diesem Augenblick trat Petruschka ein, blieb an der Tür stehen, sah

aber weder seinen Herrn noch den Gast an, sondern blickte auf die

entgegengesetzte Seite.

„Befehlen Sie zwei Portionen Mittag zu bringen?“ fragte er nachlässig,

mit barscher Stimme.

„Ich, ich weiß nicht ... Sie – ja, mein Sohn, bringe zwei Portionen.“

Petruschka ging. Herr Goljädkin blickte seinen Gast an. Dieser errötete

bis über die Ohren. Herr Goljädkin war ein guter Mensch, und deshalb,

aus Seelengüte, stellte er folgende Theorie auf:

„Armer Mensch,“ dachte er, „in seiner Stellung ist er erst einen Tag.

Wahrscheinlich hat er in seinem Leben viel gelitten, vielleicht ist das

bißchen saubere Kleidung alles was er besitzt und zum Essen reicht es

nicht mehr. Wie erbärmlich er aussieht! Nun, tut nichts: das ist

einesteils sogar besser so ...“

„Entschuldigen Sie, daß ich ...“ begann Herr Goljädkin, „übrigens,

erlauben Sie, zu fragen, wie ich Sie nennen soll?“

„Mich? ... ich heiße ... Jakoff Petrowitsch,“ sagte fast flüsternd der

Gast, als hätte er ein schlechtes Gewissen, als schäme er sich, als bäte

er um Entschuldigung, daß auch _er_ Jakoff Petrowitsch heiße.

„Jakoff Petrowitsch,“ wiederholte unser Held, außerstande, seine

Erregung zu verbergen.

„Ja, genau so ist es ... Ich bin ein Namensvetter von Ihnen,“ antwortete

bescheiden der Gast und wagte schüchtern zu lächeln. Er wollte noch

etwas Scherzhaftes sagen, doch unterbrach er sich sofort, nahm eine

ernste und unterwürfige Miene an, als er bemerkte, daß sein Wirt nicht

zu Scherzen aufgelegt war.

„Sie ... erlauben Sie zu fragen, was verschafft mir die Ehre? ...“

„Da ich Ihre Großmütigkeit und Wohltätigkeit kenne,“ unterbrach ihn

eilig, doch mit schüchterner Stimme sein Gast und erhob sich ein wenig

vom Stuhl, „wagte ich mich an Sie zu wenden und um Ihre Bekanntschaft

und Gönnerschaft zu bitten ...“ Er suchte seine Worte stockend zusammen

und bemühte sich, nicht allzu schmeichelhafte Ausdrücke zu wählen, wohl

um sich vor seinem eigenen Ehrgefühl nicht herabzusetzen – aber auch, um

allzu kühne Worte, die eine Gleichstellung beansprucht hätten, zu

vermeiden. Überhaupt konnte man sagen, daß sich der Gast des Herrn

Goljädkin wie ein wohlanständiger Bettler mit geflicktem Frack und guten

Papieren in der Tasche benahm – gleich einem, der noch nicht geübt war,

die Hand so auszustrecken, wie es sich vielleicht empfahl.

„Sie setzen mich in Verwunderung,“ sagte Herr Goljädkin, sich umsehend,

betrachtete dann die Wände und schließlich wieder den Gast. „Worin

könnte ich Ihnen ... ich, das heißt ich wollte nur sagen, in welcher

Beziehung und womit könnte ich Ihnen nützlich sein?“

„Ich, Jakoff Petrowitsch, ich fühlte mich auf den ersten Blick zu Ihnen

hingezogen und: verzeihen Sie mir großmütig, ich hoffte auf Sie – ich

wagte zu hoffen, Jakoff Petrowitsch. Ich ... ich bin ein ganz hilfloser

Mensch, Jakoff Petrowitsch, ich habe viel durchgemacht, Jakoff

Petrowitsch, und will nun wieder von neuem ... Da ich aber erfahren

habe, daß Sie – nicht nur diese schönen Seeleneigenschaften besitzen,

sondern außerdem noch ein Namensvetter von mir sind ...“

Herr Goljädkin runzelte die Stirn.

„... Mein Namensvetter sind und aus derselben Stadt wie ich gebürtig, so

beschloß ich, mich an Sie zu wenden und Ihnen meine schwierige Lage

vorzustellen.“

„Schön, schön! Ich weiß nur wirklich nicht, was ich Ihnen sagen soll,“

antwortete etwas betroffen Herr Goljädkin. „Nach dem Essen wollen wir

sehen ...“

Der Gast verbeugte sich. Man brachte das Mittagessen. Petruschka deckte

den Tisch und trug auf. Gast und Wirt begannen es zu verzehren. Das

Essen dauerte nicht lange, denn beide beeilten sich. Der Wirt beeilte

sich, weil er nicht bei Laune war und obendrein fand, daß das Essen

schlecht sei – er fand es zum Teil deshalb, weil er seinen Gast gut

bewirten wollte, und zum Teil auch deshalb, weil er ihm zu zeigen

gedachte, daß er nicht wie ein Bettler lebte. Und der Gast wiederum

befand sich in großer Verlegenheit und Erregung. Nachdem er Brot

genommen und ein Stück Fleisch gegessen hatte, fürchtete er sich, die

Hand nach einem zweiten und besseren Stück auszustrecken. Er versicherte

darum unaufhörlich, daß er durchaus nicht hungrig und daß das Essen sehr

gut sei, und daß er sich bis zu seinem Tode daran erinnern werde. Nach

dem Essen zündete sich Herr Goljädkin eine Pfeife an und reichte seinem

Freunde und Gast eine andere. Beide setzten sich einander gegenüber und

der Gast begann seine Erzählung.

Die Erzählung des zweiten Herrn Goljädkin dauerte drei bis vier Stunden.

Es war die Geschichte seiner Wirrnisse, die sich aus den unbedeutendsten

und kläglichsten Umständen zusammensetzte. Es handelte sich um den

Dienst bei irgendeiner Behörde in einem Gouvernement, um Staatsanwälte

und Präsidenten, es handelte sich um Kanzleiintrigen, handelte von der

Verworfenheit eines der Beamten, von einem Revisor und dem plötzlichen

Wechsel des Vorgesetzten und davon, wie Herr Goljädkin der Jüngere unter

alledem ganz unschuldig zu leiden gehabt hätte. Ferner von seiner alten

Tante Pelageja Ssemjonowna, und wie er durch die Intrigen seiner Feinde

seine gute Stellung verlor und zu Fuß nach Petersburg kam, wie er hier

in Petersburg in Not geriet, lange Zeit hindurch vergeblich eine

Stellung suchte, immer mehr und mehr verarmte und zuletzt auf der Straße

lebte, hartes Brot aß, das er mit seinen Tränen aufweichte, und nachts

auf der Erde schlief. Wie dann endlich ein guter Mensch sich seiner

annahm, ihm eine Empfehlung gab und in großmütiger Weise zu der neuen

Stellung verhalf. Der Gast weinte bei dieser Erzählung und wischte sich

mit einem karierten Taschentuch, das wie ein Wachstuch aussah, in einem

fort die Tränen aus den Augen. Er schloß damit, daß er Herrn Goljädkin

alles offen mitgeteilt und sich ihm ganz anvertraut habe, weil er nichts

zum Leben besitze, noch um sich anständig einzurichten, und nicht einmal

eine Uniform anschaffen könne. Auf seine Stiefel dürfe er sich auch

nicht mehr verlassen. Die Uniform, die er trage, habe er nur auf Zeit

geliehen.

Herr Goljädkin war wirklich aufrichtig gerührt. Und obwohl die

Geschichte seines Gastes eine ganz gewöhnliche war, legten sich dessen

Worte doch wie himmlisches Manna auf seine Seele. Die Sache war nämlich

die: Herr Goljädkin verlor durch die Erzählung seine letzten Zweifel, er

gab seinem Herzen die Freiheit wieder und nannte sich selbst in Gedanken

einen Dummkopf.

Alles war ja so natürlich! Wozu hatte er sich so beunruhigt, sich so

aufgeregt! Zwar gab es da noch einen peinlichen Umstand, aber auch der

war nicht gar so schlimm: er konnte doch den Menschen nicht zugrunde

richten und seine Karriere zerstören, wenn der Mensch unschuldig war und

die Natur selbst sich hier eingemischt hatte! Außerdem bat ihn der Gast

um seinen Schutz, er weinte und klagte sein Schicksal an, er schien so

harmlos, ohne Bosheit und Hinterlist und war so erbärmlich und nichtig

vor ihm. Er machte sich vielleicht im geheimen selbst Vorwürfe über die

Ähnlichkeit seines Gesichtes mit dem seines Wirtes. Er führte sich so

vorzüglich auf und suchte seinem Wirte zu gefallen und sah ganz so drein

wie ein Mensch, der sich Gewissensbisse macht und sich vor dem anderen

schuldig fühlt. Kam die Rede zum Beispiel auf einen strittigen Punkt, so

stimmte der Gast sofort der Meinung Herrn Goljädkins bei. Wenn irgendwie

aus Versehen seine Meinung von der Meinung Herrn Goljädkins abwich und

er es bemerkte, so verbesserte er sich sofort und erklärte alsbald, daß

er ganz derselben Meinung sei wie sein Wirt, daß er ganz so denke wie

dieser und alles mit denselben Augen ansähe. Kurz, der Gast gab sich die

größte Mühe, Herrn Goljädkin zu gefallen, sozusagen in ihm aufzugehen,

und Herr Goljädkin wiederum überzeugte sich davon, daß sein Gast in

jeder Beziehung ein liebenswürdiger Mensch sei. Es wurde inzwischen Tee

gereicht. Es war neun Uhr. Herr Goljädkin war in sehr angenehmer

Stimmung, heiter und angeregt, und ließ sich nun in ein sehr lebhaftes

und bemerkenswertes Gespräch mit seinem Gast ein. Herr Goljädkin liebte

es manchmal, bei heiterer Stimmung etwas Interessantes zu erzählen. So

auch jetzt: er erzählte seinem Gast viel aus dem Petersburger Leben, von

dessen Schönheit und seinen Vergnügungen, vom Theater, von den Klubs und

den schönen Bildern, auch davon, wie zwei Engländer aus England nach

Petersburg gekommen seien, nur um sich das Gitter des Sommergartens

anzusehen und dann gleich wieder fortzufahren. Auch vom Dienst erzählte

er, von Olssuph Iwanowitsch und Andrej Philippowitsch, und davon, daß

Rußland von Stunde zu Stunde seiner Größe entgegengehe, daß „die Künste

in ihm blühten“; von einer Anekdote, die er neulich in der „Biene“

gelesen, und von den Schlangen Indiens, die außergewöhnliche Kraft

hätten; und noch von vielem anderen. Kurz Herr Goljädkin war vollkommen

zufrieden. Erstens, weil er jetzt vollkommen ruhig sein konnte; zweitens

weil er seine Feinde nun nicht mehr fürchtete, sondern sie am liebsten

gleich zum entscheidenden Zweikampf herausgefordert hätte; drittens,

weil er selbst als Gönner auftrat und endlich, weil er ein gutes Werk

tat.

Im Innersten gestand er sich übrigens ein, daß er in diesem Augenblick

doch noch nicht ganz glücklich sein konnte, daß in ihm immer noch ein

Würmchen steckte, wenn es auch nur ein ganz kleines war, das aber

nichtsdestoweniger noch an seinem Herzen nagte.

Es quälte ihn auch die Erinnerung an den gestrigen Abend bei Olssuph

Iwanowitsch. Er hätte jetzt viel darum gegeben, wenn – dieses Gestern

nicht gewesen wäre.

„Übrigens, es tut gar nichts!“ schloß endlich unser Held und gab sich

das feste Versprechen, sich in Zukunft immer gut aufzuführen und sich

nicht mehr selbst in solche Verlegenheiten zu bringen.

Da Herr Goljädkin jetzt ganz aus sich herausgegangen war und sich fast

glücklich fühlte, so stieg auch in ihm der Wunsch auf, sein Leben zu

genießen. Petruschka mußte also einen Rum bringen und Punsch bereiten.

Der Gast und der Wirt leerten darauf ein, zwei Gläschen. Der Gast wurde

jetzt noch liebenswürdiger als zuvor und zeigte seinerseits nicht nur

einen gefälligen und offenen Charakter, sondern ging ganz auf die

Stimmung des Herrn Goljädkin ein, freute sich über seine Freude und sah

auf ihn, wie auf seinen einzigen und aufrichtigen Wohltäter.

Er ergriff die Feder und ein Stück Papier und bat Herrn Goljädkin, nicht

zu sehen, was er schreiben werde, und als er darauf geendet hatte,

überreichte er dem Gastgeber feierlich das Geschriebene. Es war ein sehr

gefühlvoller Vierzeiler, mit schöner Handschrift geschrieben und, wie es

schien, vom Gast selbst verfaßt. Er lautete folgendermaßen:

Wenn auch du mich je vergißt,

Ich vergeß dich nicht;

Wechselvoll ist alles Leben,

Drum vergiß mich nicht!

Mit Tränen in den Augen umarmte Herr Goljädkin seinen Gast und voll von

Mitgefühl und Überschwang weihte er ihn in seine verschiedenen großen

und kleinen Geheimnisse ein, in denen besonders von Andrej

Philippowitsch und Klara Olssuphjewna die Rede war.

„Nun, wir beide, Jakoff Petrowitsch, werden uns schon gegenseitig

verstehen,“ beteuerte unser Held seinem Gast. „Wir werden miteinander,

Jakoff Petrowitsch, wie zwei leibliche Brüder leben, wie zwei Fische im

Wasser! Wir, Freundchen, wollen schon schlau sein und ihnen eine Intrige

drehen ... und sie ordentlich an der Nase herumführen. Sage aber

niemandem etwas davon. Ich kenne ja, Jakoff Petrowitsch, deinen

Charakter: du wirst natürlich sofort alles erzählen müssen, du

aufrichtige Seele, du! Doch, Brüderchen, halte dich lieber fern von

ihnen!“

Der Gast stimmte ihm in allem bei, dankte Herrn Goljädkin und zerfloß in

Tränen.

„Weißt du, Jascha,“ fuhr Herr Goljädkin mit schwacher, zitternder Stimme

fort, „du, Jascha, bleibe jetzt bei mir, wenn du willst – auf immer. Wir

werden uns zusammen einleben. Was meinst du, Bruder? Du brauchst dich

nicht zu beunruhigen, klage auch nicht, daß zwischen uns ein so

sonderbares Verhältnis besteht: zu murren, Freund, ist Sünde; die Natur

hat’s so gewollt! Die Mutter Natur ist weise, siehst du, so ist es,

Jascha! Ich liebe, ich liebe dich, liebe dich brüderlich, sage ich dir.

Aber zusammen, Jascha, da wollen wir ihnen einen Streich spielen.“

So waren sie beim dritten und vierten Glase Punsch und bei der

Brüderschaft angelangt, als Herr Goljädkin sich von zwei Empfindungen

beherrscht fühlte: die eine war, daß er außergewöhnlich glücklich sei,

und die andere – daß er schon nicht mehr auf den Beinen stehen konnte.

Der Gast wurde natürlich aufgefordert, bei ihm zu übernachten. Das Bett

wurde irgendwie aus zwei Reihen Stühlen hergestellt. Herr Goljädkin der

Jüngere erklärte, unter so freundschaftlichem Schutz sei auch auf dem

härtesten Lager weich zu schlafen; er befinde sich jetzt wie im

Paradiese, zumal er in seinem Leben schon viel Ungemach und Kummer

ertragen habe und man auch nicht wissen könne, was ihm noch in Zukunft

alles bevorstehe! ...

Herr Goljädkin der Ältere protestierte dagegen und fing an, ihm

darzulegen, wie man in Zukunft seine Hoffnung auf Gott setzen müsse. Der

Gast war natürlich vollkommen mit allem einverstanden: auch damit, daß

es nichts Höheres und Größeres gebe als Gott. Darauf bemerkte Goljädkin

der Ältere, daß die Türken in mancher Beziehung durchaus recht hätten,

mitten im Schlaf sogar den Namen Gottes anzurufen. Im übrigen

verteidigte er den türkischen Propheten Mohammed gegen die Verleumdungen

mancher Gelehrten und erkannte in ihm einen großen Politiker, bei

welcher Gelegenheit er auf einen algerischen Barbier zu sprechen kam,

eine Figur aus einem Witzblatt. Wirt und Gast lachten anhaltend über die

Gutmütigkeit dieses Türken und konnten sich andererseits nicht genug

über den vom Opium erzeugten Fanatismus der Türken wundern.

Endlich begann der Gast sich zu entkleiden und Herr Goljädkin begab sich

hinter den Verschlag, zum Teil aus Gutmütigkeit, um seinen Gast, diesen

vom Unglück verfolgten Menschen, nicht in Verlegenheit zu setzen, im

Falle er nicht im Besitze eines ordentlichen Hemdes sein sollte – zum

Teil auch, um mit Petruschka zu sprechen, ihn aufzumuntern und auch ihm

womöglich etwas von seinem Glück mitzuteilen.

Es muß gesagt werden, daß Petruschka ihn immer noch beunruhigte.

„Du, Pjotr, lege dich schlafen!“ sagte Herr Goljädkin milde, als er in

den Verschlag seines Dieners eintrat, „du lege dich jetzt schlafen,

morgen aber um acht Uhr mußt du mich wecken. Hast du verstanden,

Petruschka?“

Herr Goljädkin sprach ungemein zärtlich und milde zu ihm, aber

Petruschka schwieg. Er machte sich an seinem Bett zu schaffen und wandte

sich nicht einmal nach seinem Herrn um, wie es sich doch gehört hätte.

„Hast du gehört, Pjotr?“ fuhr Herr Goljädkin fort. „Du legst dich jetzt

zu Bett und morgen, Petruschka, wirst du mich um acht Uhr wecken; hast

du mich verstanden?“

„Schon gut, schon gut!“ antwortete Petruschka.

„Nun, nun, Petruschka, ich sage ja nur so, damit du ruhig und zufrieden

bist. Denn, sieh, wir sind jetzt alle miteinander glücklich und ich

wünsche, daß du es auch sein mögest. Ich wünsche dir jetzt eine gute

Nacht, schlafe wohl, Petruschka, schlafe wohl. Wir alle müssen arbeiten.

Du, Freund, denke nicht etwa, daß ich ...“

Herr Goljädkin brach plötzlich ab. „Bin ich nicht zu weit gegangen?“

dachte er. „So ist es immer, ich gehe immer zu weit.“

Unser Held verließ Petruschka sehr unzufrieden mit sich selbst. Die

Grobheit und Ungezogenheit Petruschkas hatten ihn beleidigt. „Dieser

Schelm, sein Herr erweist ihm solche Ehre und er empfindet das nicht

einmal,“ dachte Herr Goljädkin. „Übrigens ist das bei dieser Sorte immer

so!“

Er wankte ein wenig, als er ins Zimmer zurückkehrte, und da er sah, daß

der Gast sich bereits hingelegt hatte, setzte er sich auf einen

Augenblick zu ihm aufs Bett.

„Gestehe es doch ein, Jascha,“ begann er flüsternd mit wackelndem Kopf:

„Du bist doch ein Taugenichts! Du bist ein Namensdieb, weißt du das

auch? ... Das bist du mir schuldig!“ fuhr er in familiärem Tone fort,

sich mit seinem Gast zu unterhalten.

Schließlich verabschiedete er sich freundschaftlich von ihm, um selbst

auch schlafen zu gehen. Der Gast hatte mittlerweile bereits zu

schnarchen begonnen. Herr Goljädkin legte sich lächelnd ins Bett und

murmelte vor sich hin: „Nun, heute bist du betrunken, mein Täubchen,

Jakoff Petrowitsch, ein Taugenichts bist du, ein Hungerleider – dein

Name sagt es schon!! Worüber hast du dich denn so zu freuen? Morgen

wirst du dafür weinen, du Affe: was ist mit dir denn zu machen?“

Nun aber überkam ihn ein ganz sonderbares Gefühl, ähnlich wie Zweifel

und Bedauern. „Bist zu weit gegangen,“ dachte er, „jetzt brummt mir der

Kopf und ich bin betrunken ... und konntest nicht an dich halten, du

Dummkopf, und hast drei Körbe voll Blech geredet, und dabei willst du

noch feine Intrigen spinnen, du Esel! Freilich, Großmut und Vergeben ist

eine Tugend, doch immerhin: es steht schlimm mit dir! Da liegt er nun!“

Und Herr Goljädkin stand auf, nahm das Licht in die Hand und ging auf

den Fußspitzen noch einmal an das Bett, um seinen schlafenden Gast zu

betrachten. Lange stand er da, in tiefes Nachdenken versunken: „Ein

unangenehmes Bild das! Geradezu ein Pasquill! Ein leibhaftiges Pasquill!

Oh, die Sache hat einen Haken!“

Doch endlich legte sich auch Herr Goljädkin schlafen. In seinem Kopf

rumorte es. Seine Sinne schwanden ihm, er bemühte sich, noch an etwas

sehr Interessantes zu denken, etwas sehr Wichtiges zu entscheiden, über

eine sehr kitzliche Sache zu einem Urteil zu gelangen – aber er konnte

nicht mehr. Der Schlaf nahm sein Haupt, und so schlief er denn fest ein,

wie gewöhnlich Leute schlafen, die zu trinken nicht gewohnt sind und

plötzlich fünf Gläser Punsch in angenehmer Gesellschaft getrunken haben.

Sämtliche Werke 14 · 第 86 / 102 题