VI.

Am anderen Morgen, genau um acht Uhr, erwachte Herr Goljädkin in seinem

Bett. Sofort erschienen mit erschreckender Deutlichkeit vor seinen

erregten Sinnen und in seinem Gedächtnis alle die außergewöhnlichen

Ereignisse, die er gestern gehabt, erschien die ganze wilde und

unwahrscheinliche Nacht mit ihren fast mysteriösen Ereignissen. Eine so

grausame, eine so höllische Bosheit von seiten seiner Feinde und

besonders dieser letzte Beweis ihrer Bosheit ließ Herrn Goljädkins Herz

zu Eis erstarren. Dazu schien alles das so sonderbar unverständlich und

wüst, schien so sinnlos und ganz und gar unglaubhaft, daß es ihm

wirklich schwer wurde, daran zu glauben. Herr Goljädkin wäre sogar sehr

geneigt gewesen, das alles einfach für einen Traum, für eine

augenblickliche Verwirrung seiner Phantasie, für eine vorübergehende

Umnachtung seines Geistes anzusehen, wenn er nicht zu seinem Glück und

aus seiner bitteren Lebenserfahrung heraus gewußt hätte, bis wohin die

Bosheit bereits manchen Menschen gebracht hat, wie weit die Grausamkeit

eines Feindes gehen kann, der sich für seine verletzte Ehre rächen

mochte. Obendrein legten die zerschlagenen Glieder Herrn Goljädkins,

sein schmerzender Kopf, sein verstauchtes Kreuz, sein bösartiger

Schnupfen um so fühlbarer Zeugnis ab und bestanden unabweislich auf der

Wirklichkeit des nächtlichen Spazierganges samt allen Abenteuern, die

mit ihm verbunden gewesen waren. Und schließlich wußte ja Herr Goljädkin

schon längst, daß sie da etwas gegen ihn vorbereiteten, daß noch etwas

anderes dahintersteckte!

Aber was denn? Nach reiflicher Überlegung beschloß Herr Goljädkin zu

schweigen, sich zu fügen und in der Sache fürs erste nichts zu tun.

„So haben sie mich vielleicht nur erschrecken wollen, und wenn sie

sehen, daß ich nichts tue, nicht protestiere und mich in alles füge,

dann werden sie vielleicht zurücktreten, von selbst zurücktreten, als

erste zurücktreten.“

Das waren die Gedanken, die im Kopfe Herrn Goljädkins umgingen, als er

sich im Bette ausstreckte, um seine zerschlagenen Glieder zu fühlen, und

auf das gewohnte Erscheinen Petruschkas im Zimmer wartete. Er wartete

bereits eine ganze Viertelstunde und hörte, wie der Faulpelz Petruschka

hinter dem Verschlag den Samowar anmachte, aber er konnte sich nicht

entschließen, ihn zu rufen. Sagen wir offen: Herr Goljädkin fürchtete

sich ein wenig, Petruschka Aug’ in Aug’ gegenüberzustehen.

„Denn, weiß Gott –,“ dachte er, „weiß Gott, wie der Schuft diese ganze

Sache ansieht. Er schweigt und schweigt und macht sich dabei seine

eigenen Gedanken.“

Endlich knarrte die Tür und Petruschka erschien mit dem Teebrett in

beiden Händen. Herr Goljädkin schielte schüchtern nach ihm hin und

wartete ungeduldig, was nun geschehen – wartete, ob er nicht endlich

über den Vorfall wenigstens etwas sagen würde. Doch Petruschka sagte

nichts, im Gegenteil, er war noch schweigsamer, finsterer und erboster

als gewöhnlich und warf unter seinen zusammengezogenen Brauen hervor nur

mürrische Blicke ins Zimmer. Man konnte daraus entnehmen, daß er äußerst

unzufrieden war. Nicht ein einziges Mal sah er seinen Herrn an, was,

nebenbei gesagt, Herrn Goljädkin sehr unangenehm berührte. Er stellte

alles, was er gebracht hatte, auf den Tisch, kehrte um und ging

schweigend hinter seinen Verschlag.

„Er weiß, er weiß alles, der Taugenichts!“ murmelte Herr Goljädkin,

während er seinen Tee einnahm. Unser Held jedoch richtete keine Frage an

seinen Diener, obgleich dieser noch einige Male, aus verschiedenen

Anlässen, ins Zimmer kam.

Herr Goljädkin war in einer sehr bewegten Gemütsverfassung. Peinlich war

es ihm vor allem, in die Kanzlei zu gehen. Er hatte ein starkes

Vorgefühl, daß dort irgend etwas nicht ganz richtig sein würde.

„Wenn du da hingehst,“ dachte er, „kannst du über irgend etwas stolpern!

Ist es nicht besser, hier noch etwas abzuwarten? Mögen sie da tun – was

sie wollen: ich werde heute hierbleiben und Kräfte sammeln, werde meine

Gedanken über die Sache in Ordnung bringen, um dann den günstigen

Augenblick zu erhaschen und, wie so ein Guß kalten Wassers über den

Kopf, ohne selbst mit der Wimper zu zucken, vor ihnen auftauchen.“

Während Herr Goljädkin so über die Sache nachdachte, rauchte er eine

Pfeife nach der anderen. Die Zeit verging indessen schnell – es war

bereits fast halb zehn geworden.

„Siehe da, es ist schon halb zehn Uhr,“ dachte Herr Goljädkin, „es ist

jetzt wirklich zu spät geworden. Dazu bin ich krank, versteht sich,

krank, durchaus krank – wer sagt, daß es nicht so ist? Was geht es mich

an! Und wenn man jemanden schickt, der hier nachsehen soll – ja, was

geht das mich an? Mir tut der Rücken weh, ich habe Husten, Schnupfen,

und schließlich darf ich bei diesem Wetter gar nicht ausgehen, ich kann

mich ernstlich erkälten und sogar sterben – die Sterblichkeit ist ja

zurzeit so groß ...“

Mit solchen Gründen beruhigte Herr Goljädkin schließlich sein Gewissen

vollkommen und rechtfertigte sich so im voraus vor dem Verweis, der ihm

von Andrej Philippowitsch bevorstand – „wegen Vernachlässigung des

Dienstes“. Überhaupt liebte es unser Held bei allen ähnlichen

Gelegenheiten, sich vor sich selbst durch die verschiedensten

Vernunftgründe zu verteidigen und auf diese Weise sein Gewissen

vollkommen zu beruhigen. So hatte er denn auch jetzt sein Gewissen

vollkommen beruhigt, griff nach der Pfeife, klopfte sie aus: doch kaum

hatte er ordentlich zu rauchen begonnen – als er plötzlich vom Diwan

sprang, seine Pfeife fortwarf, sich lebhaft wusch, rasierte und

frisierte, seine Uniform und alles Übrige anzog, einige Papiere ergriff

und in die Kanzlei davoneilte.

Herr Goljädkin trat schüchtern in seine Bureauabteilung ein, in

zitternder Erwartung von etwas sehr Unangenehmem, in einer Erwartung,

die unklar und dunkel und daher um so unangenehmer war. Schüchtern

setzte er sich auf seinen Platz neben seinem Bureauvorsteher Anton

Antonowitsch Ssjetotschkin. Ohne sich umzublicken oder sich durch etwas

ablenken zu lassen, vertiefte er sich in den Inhalt seiner vor ihm

liegenden Papiere. Er hatte beschlossen und sich das Wort gegeben, sich

so wenig wie möglich einer Herausforderung auszusetzen und sich vor

allem, was ihn kompromittieren könnte, vor unbescheidenen Fragen, vor

allerlei Scherzen und Anspielungen auf den gestrigen Abend möglichst

weit weg zu halten. Er beschloß sogar, von den gewöhnlichen

Höflichkeiten im Verkehr mit seinen Kollegen abzusehen, und zum Beispiel

Fragen nach dem Befinden usw. zu unterlassen.

Doch andererseits war es ganz unmöglich, daß es dabei bleiben konnte.

Unruhe und Ungewißheit über etwas ihm nahe Bevorstehendes waren für ihn

viel quälender, als das Bevorstehende selbst. Und daher, trotz des

Versprechens, das er sich gegeben hatte, auf nichts einzugehen, was es

auch sei, und sich von allem fernzuhalten, erhob Herr Goljädkin doch

zuweilen den Kopf und sah heimlich und verstohlen zur Seite nach rechts

und links, und beobachtete die Gesichter seiner Mitarbeiter, um aus

ihren Mienen zu schließen, ob etwas Neues und Besonderes bevorstehe und

aus irgendwelchen Absichten vor ihm verborgen werde. Er setzte ohne

weiteres voraus, daß eine Verbindung zwischen den gestrigen Vorfällen

und allem bestand, was um ihn her vorging. Aus diesen Nöten heraus

wünschte er schließlich, und Gott weiß wie er es wünschte, daß sich

alles nur so schnell wie möglich entscheiden möge, wenn es dabei auch

ein Unglück gäbe!

Doch wie schnell Herrn Goljädkin das Schicksal auch ereilte: kaum hatte

er dies zu wünschen gewagt, als seine Zweifel plötzlich gelöst wurden,

und zwar auf die allersonderbarste und unerwartetste Weise.

Die Tür aus dem anderen Zimmer knarrte plötzlich leise und schüchtern,

als wollte sie damit vorausschicken, daß die eintretende Person herzlich

unbedeutend sei, und eine Gestalt, die Herrn Goljädkin sehr bekannt

vorkam, tauchte auf und näherte sich schüchtern dem Tisch, an dem unser

Held saß. Unser Held wagte seinen Kopf nicht zu erheben, er streifte die

Gestalt nur flüchtig mit einem kurzen Blick, doch er erkannte alles,

begriff alles bis in die kleinsten Einzelheiten. Er entbrannte vor Scham

und steckte seinen armen Kopf in die Papiere mit der gleichen Absicht,

wie der Vogel Strauß seinen Kopf in den Sand steckt, wenn er vom Jäger

verfolgt wird.

Der Neuangekommene verneigte sich vor Andrej Philippowitsch und man

hörte darauf dessen förmliche, höfliche Stimme, mit der die Vorgesetzten

in allen Kanzleien die neueingetretenen Untergebenen empfangen.

„Setzen Sie sich hierher,“ wandte sich Andrej Philippowitsch an ihn und

wies den Neuling an den Tisch Anton Antonowitschs, „setzen Sie sich

Herrn Goljädkin gegenüber, Sie werden gleich beschäftigt werden.“

Andrej Philippowitsch schloß damit, daß er den Neuangekommenen mit einer

höflich einladenden Gebärde sich selbst überließ und sich sofort wieder

in seine Papiere vertiefte, die in ganzen Haufen vor ihm lagen.

Herr Goljädkin erhob endlich seine Augen, und wenn er nicht in Ohnmacht

fiel, so geschah es nur deshalb nicht, weil er schon vorher alles das

vorausgefühlt hatte, weil er schon im voraus von allem unterrichtet war

und die Ankunft des Neulings bereits in seiner Seele geahnt hatte. Die

erste Bewegung Herrn Goljädkins war, sich rasch umzublicken, ob sich

nicht ein Flüstern ringsum erhob, ob nicht irgendein Kanzleiwitz

vernehmbar wurde, oder sich ein Gesicht vor Erstaunen verzog und

schließlich nicht irgend jemand vor Schreck vom Stuhle fiel. Doch zur

größten Verwunderung Herrn Goljädkins ereignete sich nichts Ähnliches.

Das Benehmen der Herren Mitarbeiter und Kollegen setzte ihn in Erstaunen

und schien ihm vollständig unerklärlich. Herr Goljädkin erschrak fast

vor diesem ungewöhnlichen Schweigen. Die Tatsache sprach für sich

selbst. Die Sache war sonderbar, sinnlos, ohnegleichen. Es mußte einen

verwundern.

Alles das ging Herrn Goljädkin selbstverständlich durch den Kopf. Er

fühlte sich wie auf einem kleinen Feuer gebraten. Und wahrlich: es hatte

seinen Grund. Derjenige, welcher Herrn Goljädkin gegenüber saß, war –

der Schrecken Herrn Goljädkins, war – die Schande Herrn Goljädkins, war

– der gestrige Albdruck Herrn Goljädkins, kurz, war Herr Goljädkin

selbst. Doch nicht dieser Herr Goljädkin, der mit aufgerissenem Munde

und mit der Feder in der Hand auf dem Stuhle dasaß, nicht dieser, der

als Gehilfe seines Bureauvorstehers seinen Dienst ausübte, nicht dieser,

der sich in der Menge zu vergraben und zu verstecken liebte, nicht der

schließlich, dessen Verhalten deutlich aussprach: „Rühre mich nicht an

und auch ich werde dich nicht anrühren,“ oder: „Rührt mich nicht an,

denn ich rühre euch auch nicht an ...“ Nein, das war ein anderer Herr

Goljädkin, ein vollkommen anderer, und zugleich doch einer, der

vollkommen ähnlich dem ersteren war. Von gleichem Wuchs, derselben

Gestalt und Haltung, ebenso gekleidet, ebenso kahlköpfig – kurz, es war

nichts, aber auch nichts zur vollkommenen Ähnlichkeit vergessen worden,

so daß, wenn man die beiden nebeneinander aufgestellt hätte, niemand,

aber auch wirklich niemand hätte sagen können, wer der wirkliche Herr

Goljädkin und wer der nachgemachte sei, wer der alte und wer der neue,

wer das Original und wer die Kopie.

Unser Held war jetzt in der Lage eines Menschen, über den, wenn der

Vergleich möglich ist, jemand zum Spaß ein Brennglas hält.

„Ist es ein Traum oder ist es keiner,“ dachte er, „ist es die Gegenwart

oder die Fortsetzung von gestern. Wie kommt das, mit welchem Recht geht

das alles hier vor? Wer hat diesen Beamten hier hingesetzt, und wer gab

ihm das Recht, sich zu setzen? Schlafe ich? Träumt es mir?“

Herr Goljädkin betastete sich selbst, betastete auch noch einen anderen

... Nein, es war nicht nur ein Traum. Herr Goljädkin fühlte, wie ihm der

Schweiß in Strömen herunterrann, fühlte, daß sich mit ihm noch etwas nie

Dagewesenes und nie Gesehenes ereignete: und zur Vollendung des Unglücks

begriff und fühlte Herr Goljädkin selbst das Fatale, das darin lag, in

einer so verwickelten Sache das Urbild und Beispiel zu sein.

Er begann an seiner eigenen Existenz zu zweifeln, und obgleich er vorher

auf alles vorbereitet gewesen war und selbst gewünscht hatte, daß sich

seine Zweifel irgendwie lösen möchten, so war für ihn diese Tatsache

doch ganz unerwartet eingetreten.

Die Angst drückte ihn nieder und quälte ihn. Vorübergehend war er seiner

Gedanken und seines Gedächtnisses vollständig beraubt. Wenn er nach

solchen Augenblicken wieder zu sich kam, so bemerkte er, daß er ganz

mechanisch und unbewußt seine Feder über das Papier führte. Da er sich

selbst nicht mehr trauen konnte, fing er an, alles Geschriebene

nachzuprüfen, und siehe da, – er begriff nichts davon. Endlich stand der

andere Herr Goljädkin auf, der bis dahin ruhig und ehrbar dagesessen

hatte, und verschwand mit seiner Arbeit durch die Tür, in die andere

Abteilung. Herr Goljädkin blickte sich um, – nichts, alles war still: zu

hören war nur das Kratzen der Federn, das Geräusch beim Umwenden der

Blätter und das Geflüster in denjenigen Ecken, die am weitesten von dem

Platz Andrej Philippowitschs ablagen.

Herr Goljädkin sah Anton Antonowitsch, den Bureauvorsteher, an, und da

der Gesichtsausdruck unseres Helden durchaus mit seinen gegenwärtigen

Gedanken übereinstimmte, folglich in mancher Beziehung sehr auffallend

war, so legte der gute Anton Antonowitsch die Feder beiseite und

erkundigte sich mit außergewöhnlicher Teilnahme nach der Gesundheit

Herrn Goljädkins.

„Ich bin, Anton Antonowitsch ... ich bin ... Gott sei Dank,“ antwortete

stotternd Herr Goljädkin, „ich, Anton Antonowitsch ... bin vollkommen

gesund. Mir fehlt ... Anton Antonowitsch – gar nichts,“ fügte er

entschlossen hinzu, da er offenbar Anton Antonowitsch nicht ganz zu

überzeugen vermochte.

„Aber, aber mir scheint es, daß Sie doch nicht so ganz gesund sind:

übrigens, es wäre kein Wunder! Besonders jetzt bei diesem Wetter! Wissen

Sie ...“

„Ja, Anton Antonowitsch, ich weiß, daß das Wetter schlecht ist ... Ich,

Anton Antonowitsch, ich ... spreche nicht davon,“ fuhr Herr Goljädkin

fort, indem er Anton Antonowitsch durchdringend ansah. „Ich, sehen Sie,

Anton Antonowitsch, ich weiß eigentlich nicht, ... das heißt, ich möchte

sagen ... wie Sie die Sache auffassen, Anton Antonowitsch ...“

„Was? Ich habe Sie ... wissen Sie ... ich muß gestehen, nicht ganz

verstanden; Sie ... wissen Sie ... erklären Sie sich deutlicher, woran

Sie sich hierbei stoßen,“ sagte Anton Antonowitsch, der sich nicht wenig

betroffen fühlte, da er sah, daß Herrn Goljädkin die Tränen in die Augen

traten.

„Ich weiß wirklich nicht ... hier, Anton Antonowitsch ... hier ist – ein

Beamter, Anton Antonowitsch ...“

„Nun! Ich verstehe noch immer nichts.“

„Ich möchte sagen, Anton Antonowitsch, daß hier ein neueingetretener

Beamter ist.“

„Ja, stimmt; er heißt auch wie Sie.“

„Was?“ rief Herr Goljädkin aus.

„Ich sage: er trägt denselben Namen. Er heißt auch Goljädkin. Ist es

nicht Ihr Bruder?“

„Nein, Anton Antonowitsch, ich ...“

„Hm! sagen Sie bitte, – mir schien es, daß es sogar ein sehr naher

Verwandter von Ihnen sein müßte. Wissen Sie, es ist da eine

Familienähnlichkeit vorhanden.“

Herr Goljädkin erstarrte vor Verwunderung und die Zunge versagte ihm

zeitweise ihren Dienst. So einfach über eine so unerhörte, noch

nie dagewesene Sache zu sprechen, eine Sache, die jeden

interessierten Beobachter in Erstaunen versetzt hätte, und von einer

Familienähnlichkeit zu reden, wo es sich um ein Spiegelbild handelte!

„Ich, wissen Sie, was ich Ihnen raten möchte, Jakoff Petrowitsch,“ fuhr

Anton Antonowitsch fort. „Gehen Sie doch zum Doktor und sprechen Sie mit

ihm. Wissen Sie, Sie sehen durchaus krank aus. Ihre Augen sind so

sonderbar ... wissen Sie, so einen besonderen Ausdruck haben sie ...“

„Nein, Anton Antonowitsch, ich fühle freilich, das heißt, ich möchte

fragen, wie dieser Beamte? ...“

„Nun?“

„Das heißt, haben Sie nicht bemerkt, Anton Antonowitsch, haben Sie nicht

an ihm etwas Besonderes bemerkt ... etwas – Unverkennbares?“

„Das heißt?“

„Das heißt, ich möchte sagen, Anton Antonowitsch, eine erstaunliche

Ähnlichkeit mit irgend jemandem, das heißt zum Beispiel mit mir. Sie

sprachen soeben, Anton Antonowitsch, von einer Familienähnlichkeit, Sie

machten so eine beiläufige Bemerkung ... Wissen Sie, daß es Zwillinge

gibt, die sich wie zwei Tropfen Wasser gleichen, so daß man sie nicht

voneinander unterscheiden kann? Nun, sehen Sie, das meinte ich –“

„Ja,“ sagte Anton Antonowitsch, ein wenig nachdenklich – als ob er jetzt

zum erstenmal über die Sache wirklich erstaunt wäre. „Ja, Sie haben

recht, die Ähnlichkeit ist tatsächlich erstaunlich und man könnte

wirklich den einen für den andern nehmen,“ fügte er hinzu und riß die

Augen immer weiter auf. „Und, wissen Sie, Jakoff Petrowitsch, es ist

sogar eine ganz sonderbare phantastische Ähnlichkeit, wie man zu sagen

pflegt, das heißt, genau so wie Sie ... Haben Sie bemerkt, Jakoff

Petrowitsch? Ich wollte Sie sogar selbst danach fragen. Ja, ich gestehe,

anfangs habe ich zu wenig darauf geachtet. Ein Wunder, ein wirkliches

Wunder, das! Und wissen Sie, Jakoff Petrowitsch, Sie sind doch kein

Hiesiger? Ich meine nur ...“

„Nein.“

„Er ist auch kein Hiesiger. Vielleicht ist er aus demselben Orte, wo Sie

her sind. Ich wage nur zu fragen, wo hat sich Ihre Mutter zuletzt

dauernd aufgehalten?“

„Sie sagten ... Sie sagten, Anton Antonowitsch, daß er kein Hiesiger

ist?“

„Ja, er ist nicht von hier. Wirklich, wie das sonderbar ist,“ fuhr der

gesprächige Anton Antonowitsch fort, für den es ein rechter Feiertag

war, wenn er einmal tüchtig schwatzen konnte, „es kann wirklich Anteil

erregen! Wie oft geht man an so etwas vorüber, ohne es zu bemerken!

Übrigens, regen Sie sich nicht darüber auf. Das pflegt vorzukommen.

Wissen Sie – ich werde Ihnen was erzählen, dasselbe passierte meiner

Tante, mütterlicherseits; sie hat sich auch einmal, es war kurz vor dem

Tode, doppelt gesehen ...“

„Nein, ich ... entschuldigen Sie, daß ich Sie unterbreche, Anton

Antonowitsch, – ich, Anton Antonowitsch, wollte wissen, wie es mit

diesem Beamten steht, das heißt, welche Stellung er hier einnimmt.“

„Er kam an die Stelle des kürzlich verstorbenen Ssemjon Iwanowitsch.

Dessen Posten war frei geworden, und so wurde er angestellt. Nein,

wirklich, dieser gute Ssemjon Iwanowitsch, drei Kinder hat er

hinterlassen, sagt man, eines kleiner als das andere. Die Witwe ist

seiner Exzellenz zu Füßen gefallen. Man sagt übrigens, sie habe Geld,

sie verheimliche es nur.“

„Nein, Anton Antonowitsch, ich meine den Umstand ...“

„Das heißt, nun, ja! Warum beschäftigt Sie denn das so sehr? Ich sage

Ihnen doch: regen Sie sich nicht auf. Das ist schon so der Wille Gottes,

und es ist Sünde, gegen ihn zu murren. Darin sieht man Gottes Weisheit.

Und Sie, Jakoff Petrowitsch, sind doch nicht schuld daran. Als ob es

keine Wunder auf der Welt gäbe! Die Mutter Erde ist freigebig, und Sie

werden doch nicht dafür zur Verantwortung gezogen. Um Ihnen ein Beispiel

zu geben: ich denke, Sie haben doch gehört, wie die siamesischen

Zwillinge mit dem Rücken aneinander gewachsen sind, sie leben, essen und

schlafen zusammen und verdienen viel Geld, sagt man.“

„Erlauben Sie, Anton Antonowitsch ...“

„Ich verstehe Sie, ich verstehe! Ja! nun, ja, was? Tut nichts! Ich sage

Ihnen doch, nach meiner persönlichen Überzeugung haben Sie sich

keineswegs aufzuregen. Was ist denn darüber zu sagen? Er ist doch ein

Beamter wie sie alle, und als Beamter, offenbar, ein tüchtiger Mensch.

Er sagt, er heiße Goljädkin, sei nicht von hier und führe den Titel

Titularrat. Er hat selbst mit Seiner Exzellenz gesprochen.“

„Und was hat er gesagt?“

„Nichts Besonderes, sagt man, er habe genügende Erklärungen gegeben und

die Gründe dargelegt, sagt man, so und so: Ew. Exzellenz, ich habe kein

Vermögen, ich wünsche zu dienen, und besonders unter Ihrer

schmeichelhaften Leitung ... nun, und wie sich das so gehört ... er hat

sich, wissen Sie, sehr geschickt ausgedrückt. Ein kluger Mensch muß er

sein. Nun, versteht sich, er kam ja auch mit einer Empfehlung, ohne die

geht’s doch nicht ...“

„So!? von wem denn? ... Das heißt, ich wollte sagen, wer hat denn in

diese schmutzige Angelegenheit seine Hand gesteckt?“

„Ja! Es muß eine gute Empfehlung gewesen sein, Seine Exzellenz, sagt

man, und Andrej Philippowitsch hätten gelacht.“

„Gelacht, Exzellenz und Andrej Philippowitsch?“

„Ja, sie hätten gelacht und gesagt: nun gut! und sie hätten nichts

dagegen, wenn er nur seine Pflicht tue!“

„Nun, und weiter. Das belebt mich wieder, Anton Antonowitsch, ich flehe

Sie an – und weiter.“

„Erlauben Sie, nun, ja, nun, es hat doch nichts zu bedeuten, ich sage

Ihnen, regen Sie sich nicht auf, die Sache hat nichts Bedenkliches.“

„Nein? Ich, das heißt – ich wollte Sie fragen, Anton Antonowitsch, ob

Seine Exzellenz nichts mehr hinzugefügt hat ... über mich, zum

Beispiel?“

„Das heißt, wie denn? Ach so! Nein, nichts, nichts, Sie können ganz

ruhig sein. Wissen Sie, natürlich ist der Umstand sehr sonderbar ...

aber ich selbst – ich habe mir anfangs überhaupt nichts dabei gedacht.

Ich weiß wirklich nicht, warum ich mir nichts dabei dachte, bis Sie, Sie

selbst, mich darauf aufmerksam gemacht haben. Seine Exzellenz hat nichts

gesagt,“ fügte der gute Anton Antonowitsch hinzu und erhob sich vom

Stuhl.

„Sehen Sie, ich ... Anton Antonowitsch ...“

„Ach, Sie entschuldigen mich, bitte, ich schwatze hier von Nichtigkeiten

und da ist eine wichtige Sache zu erledigen. Ich muß mich beeilen.“

„Anton Antonowitsch,“ hörte man soeben die klangvolle Stimme Andrej

Philippowitschs, „Seine Exzellenz fragt nach Ihnen.“

„Sofort, sofort Andrej Philippowitsch, sofort, ich komme schon.“ Und

Anton Antonowitsch griff nach einem Pack Papiere, lief zuerst zu Andrej

Philippowitsch und darauf ins Kabinett Seiner Exzellenz.

„Wie ist denn das nun?“ dachte Herr Goljädkin bei sich. „So ist also das

Spiel jetzt bei uns? Von daher weht der Wind? ... Das ist nicht übel,

die Dinge haben so die beste Wendung genommen,“ sagte sich unser Held,

rieb sich die Hände und fühlte vor Freude kaum den Stuhl unter sich.

„Unsere Sache ist also eine gewöhnliche Sache und erweist sich als etwas

ganz Nichtiges. In der Tat, es kümmert sich niemand darum, sie sitzen

alle, diese Räuber, und arbeiten: das ist nett, wirklich nett! Einen

guten Menschen liebe ich, habe ich geliebt und werde ihn immer lieben

... Doch, wenn man denkt, diesem Anton Antonowitsch ist schwer ... zu

trauen! Er ist bereits sehr alt und vergißt den Zusammenhang. Eine

vorzügliche, eine großartige Sache ist es, daß Seine Exzellenz nichts

gesagt hat und ihn so zuließ. Das ist gut, das gefällt mir! Was hat nur

dieser Andrej Philippowitsch sich mit seinem Lachen da einzumischen? Was

geht es ihn an? Du alter Strick! Immer läufst du mir über den Weg, wie

eine schwarze Katze! Immer kommt er den Menschen in die Quere, immer den

Menschen in die Quere ...“

Herr Goljädkin blickte sich wieder um und wieder belebte sich seine

Hoffnung. Er fühlte sich aber doch noch von gewissen vagen Gedanken, und

von nicht gerade guten Gedanken, sehr beunruhigt. Es kam ihm sogar in

den Sinn, mit den Beamten anzubändeln, den Hasen sozusagen zu stellen,

vielleicht am Schluß der Kanzleistunde oder in Dienstangelegenheiten mit

ihnen anzubändeln und zwischendurch im Gespräche zu bemerken: „meine

Herren, so und so, ob da nicht eine erstaunliche Ähnlichkeit, ein

sonderbarer Umstand, eine witzige Komödie?“, – um auf diese Weise die

Tiefe der Gefahr zu sondieren. „Denn in einem tiefen Abgrund hausen die

Teufel,“ schloß in Gedanken unser Held. Übrigens war das nur ein

flüchtiger Gedanke von Herrn Goljädkin, denn er bedachte sich noch

beizeiten. Er begriff, daß es ihn zu weit führen konnte.

„So ist nun einmal deine Natur!“ sagte er zu sich selbst, und schlug

sich leicht mit der Hand vor die Stirn. „Gleich fängst du wieder an zu

phantasieren und dich zu freuen, du ehrliche Seele, du! Nein, besser,

wir warten noch ein wenig, Jakoff Petrowitsch, wir halten aus und

warten!“

Nichtsdestoweniger, und wie wir bereits erwähnten, war Herr Goljädkin

voll Hoffnung und wie von den Toten auferstanden.

„Tut nichts,“ dachte er, „mir ist es gerade zumut, als ob mir

fünfhundert Pud vom Herzen gefallen wären! Was ist das für eine Sache!

Er aber – er, – nun möge er nur dienen, möge er nur ruhig und zu seiner

Gesundheit dienen! Wenn er nur niemandem hinderlich wird, wenn er nur

niemanden stört, dann mag er dienen – ich habe nichts dagegen!“

Währenddessen vergingen die Stunden im Fluge und es schlug bereits vier

Uhr. Die Kanzlei wurde geschlossen. Andrej Philippowitsch griff nach

seinem Hut, und wie gewöhnlich folgten alle seinem Beispiel. Herr

Goljädkin verzögerte seinen Aufbruch und ging absichtlich später als die

anderen, er war der Letzte und trat hinaus, als die anderen sich bereits

in die verschiedenen Richtungen zerstreuten. Auf der Straße fühlte er

sich wie im Paradies, so daß in ihm der Wunsch aufstieg, einen Umweg zu

machen und über den Newskij zu gehen.

„Das nenne ich Schicksal!“ sagte unser Held, „diese unerwartete Wendung

der ganzen Sache. Und was für ein Wetterchen, mit Frost und

Schlittenbahn! Das ist was für den Russen, der Frost belebt ihn

ordentlich von neuem, den russischen Menschen. Ich liebe den russischen

Menschen, und Schnee liebe ich und Kälte liebe ich ...“

So äußerte sich bei Herrn Goljädkin das Entzücken, und doch fühlte er

etwas wie Unruhe in seinem Herzen nagen, so daß er nicht wußte, womit er

sich beschwichtigen sollte. „Nun ja, warten wir noch einen Tag – und

dann erst wollen wir uns freuen. Was mag das nur eigentlich sein, was

mich da so beunruhigt!? Nun, denken wir doch nach, sehen wir zu! Denke

nach, junger Freund, denke nach. Also erstens: ein Mensch, der genau so

wie du ist. Nun, was ist weiter dabei? Wenn es solch einen Menschen

gibt, muß ich denn gleich darüber weinen? Was geht’s mich an? Ich halte

mich fern von ihm: ich pfeife auf ihn, und das ist alles! Mag er dienen!

Nun, und was sie da von den siamesischen Zwillingen reden ... wozu

siamesisch? Nehmen wir an, es sind Zwillinge – auch große Menschen haben

ihre Wunderlichkeiten gehabt. Aus der Geschichte ist bekannt, daß der

berühmte Ssuworoff wie ein Hahn krähte ... Nun, das tat er wohl alles

nur aus Politik; und die großen Feldherren ... übrigens, was gehen mich

die Feldherren an? Ich lebe so für mich und will niemanden kennen und im

Gefühl meiner Unschuld verachte ich jeden Feind. Ich bin kein Intrigant

und ich bin stolz darauf. Nein, offenherzig, angenehm, liebenswürdig

...“

Plötzlich verstummte Herr Goljädkin, blieb stehen, zitterte wie ein

Blatt am Baum und schloß auf einen Augenblick seine Augen. In der

Hoffnung jedoch, daß der Gegenstand seines Schreckens nur eine Illusion

sei, öffnete er seine Augen wieder und schielte schüchtern nach rechts.

Nein, es war keine Illusion! ... Neben ihm trippelte sein Bekannter von

heute morgen, lächelte ihm zu, sah ihm ins Gesicht und schien auf die

Gelegenheit zu warten, um mit ihm ein Gespräch anzufangen. Es kam aber

nicht dazu. So gingen sie beide etwa fünfzig Schritte weiter. Das ganze

Bestreben Herrn Goljädkins ging nun dahin, sich immer mehr in seinen

Mantel einzuhüllen und seine Mütze so tief wie möglich über die Augen zu

ziehen. Es erhöhte noch die „Beleidigung“, daß Mantel und Hut seines

Freundes genau den seinen glichen.

„Geehrter Herr,“ sagte endlich unser Held, indem er sich mühte, fast

flüsternd zu sprechen, ohne dabei seinen Freund anzusehen, „mir scheint,

wir haben einen verschiedenen Weg ... Ich bin sogar fest davon

überzeugt,“ sagte er nach einigem Schweigen. „Und schließlich bin ich

auch fest davon überzeugt, daß Sie mich verstanden haben,“ fügte er

ziemlich streng zum Schluß hinzu.

„Ich hätte gewünscht,“ sagte endlich der Freund, „ich hätte gewünscht,

und Sie werden mir großmütig verzeihen ... ich weiß nicht, an wen ich

mich hier wenden soll ... meine Verhältnisse, – ich hoffe Sie verzeihen

mir meine Aufdringlichkeit, – es schien mir sogar, Sie hätten heute

morgen Anteil an mir genommen. Meinerseits fühlte ich auf den ersten

Blick Zuneigung für Sie, ich ...“ Hier wünschte Herr Goljädkin in

Gedanken seinen neuen Kollegen unter die Erde –

„Wenn ich gewagt hätte zu hoffen, daß Sie, Jakoff Petrowitsch, geneigt

wären, mich anzuhören ...“

„Wir ... wir ... wollen lieber zu mir gehen,“ antwortete ihm Herr

Goljädkin. „Wir wollen hinüber auf die andere Seite des Newskij gehen,

dort wird es bequemer für uns sein, und leichter, in die Nebengasse

einzubiegen ... Wir gehen lieber in eine Nebengasse.“

„Schön. Gehen wir in eine Nebengasse,“ sagte schüchtern und bescheiden

Herrn Goljädkins Begleiter, als ob er durch den Ton seiner Antwort

ausdrücken wollte, daß er in seiner Lage auch mit einer Nebengasse

zufrieden sei. Was nun Herrn Goljädkin anbelangt, so begriff er

überhaupt nicht mehr, was mit ihm vorging. Er traute sich selber nicht

und hatte sich von seinem Erstaunen noch nicht erholt.

Sämtliche Werke 14 · 第 85 / 102 题