Als sie wieder auf dem Newskij Prospekt angelangt waren, ließ Herr
Goljädkin vor dem Gostinnyj Dworr[10] halten, stieg aus, trat in
Begleitung Petruschkas schnell unter die Arkaden und begab sich
unverzüglich zum Juwelierladen. Schon an der Miene Herrn Goljädkins
konnte man erkennen, daß er an diesem Morgen unendlich viele Gänge
vorhatte. Nachdem er bei dem Juwelier ein ganzes Teebesteck zum Preise
von tausendfünfhundert Rubeln, ein Zigarettenetui von sehr origineller
Form und ein vollständiges Rasierzeug in Silber, ferner noch dies und
jenes, kleine, nette und auch nützliche Sächelchen ausgesucht und von
allen diesen Dingen im Preise mehr oder weniger abgehandelt hatte,
schloß er seinen Kauf damit, daß er sich an den Juwelier wandte und
versprach, am nächsten Tage wiederzukommen oder vielleicht auch noch an
diesem selben Tage die Sachen abholen zu lassen. Er notierte sich die
Nummer des Juwelierladens, hörte höflich den Juwelier an, dem es sehr um
eine „kleine Anzahlung“ zu tun war, versprach auch eine solche,
verabschiedete sich von dem etwas betreten dreinschauenden Manne, als
wäre nichts geschehen, worauf er unter den Arkaden weiterging, begleitet
von einem ganzen Schwarm von Straßenhändlern, die alle etwas feilboten,
und begab sich, immer gefolgt von Petruschka, nach dem er sich übrigens
fortwährend umsah, in einen anderen Laden. Unterwegs trat er auch noch
in eine Wechselbude und wechselte seine sämtlichen größeren Geldscheine
gegen kleinere ein, obgleich er dabei verlor – doch wurde seine
Brieftasche dadurch bedeutend dicker, was Herrn Goljädkin
augenscheinlich sehr angenehm war. Dann suchte er einen anderen Laden
auf, in dem er, wieder für eine ansehnliche Summe, Damenstoffe
auswählte. Auch hier versprach er dem Kaufmann, am nächsten Tage
wiederzukommen, notierte sich die Nummer des Geschäfts, und auf die
Frage nach der Anzahlung versprach er, sie schon rechtzeitig zu leisten.
Darauf trat er noch in verschiedene andere Läden ein, wählte aus,
handelte, stritt oft lange mit den Verkäufern, ging sogar zwei- bis
dreimal fort, um dann doch zurückzukehren, – kurz, er entfaltete eine
ungeheure Tätigkeit. Vom Gostinnyj Dworr begab sich unser Held nach
einem bekannten Möbelmagazin, wo er Möbel für sechs Zimmer bestellte. Er
begutachtete auch noch verschiedene Modeartikel, versicherte dem
betreffenden Kaufmann, daß er unbedingt noch an diesem Tage nach den
Sachen schicken werde, und verließ das Geschäft wieder mit dem
Versprechen, einen Teil anzuzahlen. Und so besuchte er noch ein paar
andere Handlungen, in denen sich dasselbe wiederholte. Mit einem Wort,
das Ende seiner Besorgungen war gar nicht abzusehen. Endlich aber schien
diese Art von Beschäftigung Herrn Goljädkin selbst langweilig zu werden.
Ja, plötzlich stellten sich bei ihm, Gott weiß weshalb, Gewissensbisse
ein. Um keinen Preis würde er eingewilligt haben, wenn ihm jemand den
Vorschlag gemacht hätte, ihm jetzt z. B. Andrej Philippowitsch in den
Weg zu führen, oder auch nur Krestjan Iwanowitsch. Endlich schlug die
Uhr vom Rathausturm drei und nun setzte sich Herr Goljädkin endgültig in
seine Equipage, d. h. er gab alle weiteren Einkäufe auf. Aus denen, die
er bereits gemacht, befanden sich wirklich in seinem Besitz nur ein Paar
Handschuhe und ein Fläschchen Parfüm, das er für einen Rubel
fünfundfünfzig Kopeken erstanden hatte. Da drei Uhr nachmittags immerhin
noch ziemlich früh für ihn war, so ließ er sich zu einem bekannten
Restaurant am Newskij fahren, das er selbst freilich nur vom Hörensagen
kannte, stieg aus und trat ein, um einen kleinen Imbiß zu nehmen, sich
etwas zu erholen und so die Zeit bis zur bestimmten Stunde zu
verbringen.
Er aß nur ein belegtes Brötchen, also wie einer, dem ein reiches Diner
bevorsteht, d. h. er aß nur, um sich, wie man zu sagen pflegt, gegen
Magenknurren zu sichern, kippte auch nur ein einziges Gläschen dazu,
setzte sich dann in einen der bequemen Sessel und nahm nach einem etwas
unsicheren Blick auf seine Umgebung ein Zeitungsblatt zur Hand. Er las
zwei Zeilen, stand dann wieder auf, blickte in den Spiegel, rückte an
seinen Kleidern, strich sich über das Haar; trat darauf zum Fenster und
sah, daß seine Equipage noch dort stand ... kehrte dann wieder zu seinem
Sessel zurück, griff wieder nach der Zeitung ... Kurz, man sah es ihm
an, daß er aufgeregt und ungeduldig zugleich war. Er sah nach der Uhr,
sah, daß es erst ein Viertel nach drei war und daß er folglich noch
ziemlich lange zu warten habe, sagte sich gleichzeitig, daß es nicht
angehe, so lange hier zu sitzen, ohne etwas zu genießen, und bestellte
eine Tasse Schokolade, nach der er im Augenblick gar kein Verlangen
verspürte. Als er dann die Schokolade ausgetrunken und zugleich
festgestellt hatte, daß die Zeit ein wenig vorgerückt war, brach er auf,
ging zur Kasse und wollte bezahlen. Plötzlich schlug ihn jemand auf die
Schulter.
Er sah sich um und erblickte zwei seiner Kollegen – dieselben, denen er
am Morgen an der Straßenecke begegnet war, – zwei junge Leute, die ihm
sowohl an Jahren wie an Rang bedeutend nachstanden, und mit denen unser
Held weder besonders befreundet, noch offen verfeindet war.
Selbstverständlich wurde von beiden Seiten eine gewisse Stellung und
Haltung gewahrt, doch an ein Sichnähertreten hatte noch niemals jemand
von ihnen gedacht. Jedenfalls war diese überraschende Begegnung hier im
Restaurant Herrn Goljädkin äußerst unangenehm.
„Jakoff Petrowitsch, Jakoff Petrowitsch!“ riefen beide wie aus einem
Munde, „Sie hier? – aber was in aller Welt ...“
„Ah, Sie sind es, meine Herren!“ unterbrach sie Herr Goljädkin etwas
verwirrt und verletzt durch die Verwunderung der jungen, dem Range nach
unter ihm stehenden Beamten. Innerlich war er fast empört über ihren
ungenierten Ton, spielte aber äußerlich – übrigens notgedrungen – den
Harmlosen und bemühte sich tapfer, seinen Mann zu stellen. „Also
desertiert, meine Herren, hehehe! ...“ Und um seine Überlegenheit dieser
Kanzleijugend gegenüber zu bewahren, mit der er sich sonst nie
eingelassen hatte, wollte er einem von ihnen gönnerhaft auf die Schulter
klopfen; zum Unglück aber mißriet seine Herablassung gänzlich und aus
der jovial herablassend gedachten Geste wurde etwas ganz anderes.
„Nun, und was macht denn unser Bär, – der sitzt wohl noch? ...“
„Wer das? Wen meinen Sie?“
„Mit dem Bären? Als ob Sie nicht wüßten, wen wir den Bären nennen? ...“
Herr Goljädkin wandte sich lachend wieder zur Kasse, um das
zurückgegebene Geld in Empfang zu nehmen. „Ich rede von Andrej
Philippowitsch, meine Herren,“ fuhr er fort, sich wieder ihnen
zuwendend, doch jetzt mit sehr ernstem Gesicht. Die beiden jungen
Beamten tauschten untereinander einen Blick aus.
„Der sitzt natürlich noch, hat sich aber nach Ihnen erkundigt, Jakoff
Petrowitsch,“ antwortete einer von ihnen.
„Also er sitzt noch, ah! In dem Fall – lassen wir ihn sitzen, meine
Herren. Und er hat sich nach mir erkundigt, sagen Sie?“
„Ja, ausdrücklich, Jakoff Petrowitsch. Aber was ist denn heute mit Ihnen
los?! Parfümiert, geschniegelt und gestriegelt, – Sie sind ja ein ganzer
Stutzer geworden?! ...“
„Ja, meine Herren, wie Sie sehen.“ – Herr Goljädkin blickte zur Seite
und lächelte gezwungen. Als die anderen sein Lächeln bemerkten, brachen
sie in lautes Lachen aus. Herr Goljädkin fühlte sich gekränkt und setzte
eine hochmütige Miene auf.
„Ich will Ihnen etwas sagen, meine Herren,“ begann unser Held nach
kurzem Schweigen, als habe er sich entschlossen – „mochte es denn so
sein!“ – sie über etwas Wichtiges aufzuklären. „Sie, meine Herren,
kennen mich alle, doch bisher haben Sie mich nur von der einen Seite
gekannt. Einen Vorwurf kann man deshalb niemandem machen, zum Teil, das
gebe ich selbst zu, war es meine eigene Schuld.“
Herr Goljädkin preßte die Lippen zusammen und sah die beiden bedeutsam
an. Jene tauschten wieder einen Blick aus.
„Bisher, meine Herren, haben Sie mich nicht gekannt. Es ist hier weder
der richtige Ort noch die richtige Zeit zu ausführlichen Erklärungen.
Deshalb will ich Ihnen nur ein paar kurze Worte sagen. Es gibt Menschen,
meine Herren, die Umwege und Schliche nicht lieben, und die sich
wirklich nur zum Maskenball maskieren. Es gibt Menschen, die in der
Geschicklichkeit, das Parkett mit den Stiefeln zu polieren, nicht den
einzigen Lebenszweck und die Bestimmung der Menschheit sehen. Es gibt
auch solche Menschen, meine Herren, die sich nicht für restlos glücklich
und ihr Leben schon für ausgefüllt halten, wenn zum Beispiel das
Beinkleid ihnen gut sitzt. Und es gibt schließlich auch Menschen, die
sich nicht gern ohne jeden Grund ducken und müßigerweise scharwenzeln,
sich einschmeicheln und den Leuten um den Mund reden, und die, was die
Hauptsache ist, meine Herren, ihre Nase nicht dorthin stecken, wohin man
Sie die Nase zu stecken nicht gebeten hat ... So, meine Herren, jetzt
habe ich alles gesagt – erlauben Sie mir daher, mich Ihnen zu empfehlen
...“
Herr Goljädkin stockte. Da die beiden jungen Beamten in ihrer Wißbegier
jetzt vollkommen befriedigt waren, brachen sie höchst unhöflich in
schallendes Gelächter aus.
Herr Goljädkin wurde feuerrot vor Empörung.
„Lachen Sie nur, meine Herren, lachen Sie nur – vorläufig! Leben Sie
erst etwas länger in der Welt, dann werden Sie schon sehen!“ sagte er
mit gekränkter Würde, nahm seinen Hut und ging bereits zur Tür.
„Doch eins will ich Ihnen noch sagen, meine Herren,“ fuhr er fort, sich
zum letztenmal zu den beiden Herren zurückwendend, „wir sind jetzt hier
gewissermaßen unter vier Augen. Also vernehmen Sie meine Grundsätze,
meine Herren: mißlingt es, so werde ich mich trotzdem zusammennehmen –
gelingt es aber, so habe ich gesiegt, doch in keinem Fall will ich die
Stellung eines anderen untergraben. Ich bin kein Ränkeschmied, und bin
stolz darauf, daß ich es nicht bin. Zum Diplomaten würde ich nicht
taugen. Man sagt, meine Herren, daß der Vogel von selbst auf den Jäger
fliege. Das ist wahr, ich geb es zu: doch wer ist hier der Jäger, und
wer der Vogel? Das ist die Frage, meine Herren!“
Herr Goljädkin verstummte beredt und mit dem vielsagendsten
Gesichtsausdruck, d. h. indem er die Brauen hochzog und die Lippen
zusammenpreßte, beides bis zur äußersten Möglichkeit – verbeugte sich
und trat hinaus, die anderen in höchster Verwunderung zurücklassend.
„Wohin jetzt?“ fragte Petruschka ziemlich unwirsch, da es ihn offenbar
schon langweilte, in der Kälte zu warten und sich von Ort zu Ort
schleppen zu lassen. „Wohin befehlen?“ fragte er kleinlauter, als er den
fürchterlichen, alles vernichtenden Blick auffing, mit dem unser Held
sich an diesem Morgen schon zweimal versehen hatte und mit dem er sich
jetzt beim Verlassen des Restaurants zum drittenmal waffnete.
„Zur Ismailoffbrücke.“
„Zur Ismailoffbrücke!“ rief Petruschka dem Kutscher zu.
„Das Diner ist bei ihnen erst nach vier angesagt, oder sogar erst um
fünf,“ dachte Herr Goljädkin, „wird es jetzt nicht noch zu früh sein?
Übrigens kann ich ja ganz gut auch etwas früher erscheinen. Außerdem ist
es nur ein Familiendiner. Da kann man also ganz _sans façon_ ... wie
feine Leute zu sagen pflegen. – Weshalb sollte ich denn nicht _sans
façon_ erscheinen können? Unser Bär sagte ja auch, daß alles ganz _sans
façon_ sein werde, da kann doch auch ich ...“
So dachte Herr Goljädkin, doch dessen ungeachtet wuchs seine Aufregung
und wurde mit jedem Augenblick größer. Man merkte es ihm an, daß er sich
zu etwas äußerst Mühevollem – um nicht mehr zu sagen – vorbereitete: er
flüsterte leise vor sich hin, gestikulierte mit der rechten Hand,
blickte in einem fort zu den Fenstern hinaus, kurz, man hätte wahrlich
alles eher vermuten können, als daß er sich zu einer guten Mahlzeit
begab, die noch dazu „im Familienkreise“ eingenommen werden sollte, ganz
_sans façon_, wie feine Leute zu sagen pflegen. Kurz vor der
Ismailoffbrücke wies Herr Goljädkin dem Kutscher das Haus, zu dem er ihn
fahren sollte. Die Equipage rollte wieder mit ohrenbetäubendem Getöse
unter den Torbogen und weiter auf den Hof, wo sie vor dem Portal des
rechten Flügels hielt. Im selben Augenblick bemerkte Herr Goljädkin an
einem Fenster des zweiten Stockwerkes eine junge Dame, der er, kaum daß
er sie erblickt, eine Kußhand zuwarf. Übrigens wußte er selbst nicht,
was er tat, zumal er in dieser Minute entschieden mehr tot als lebendig
war. Beim Aussteigen war er bleich und unsicher. Er trat ein, nahm den
Hut ab, rückte mechanisch an seinen Kleidern und begann – mit einem
sonderbaren Schwächegefühl in den Knien: es war, als zitterten sie – die
Treppe hinaufzusteigen.
„Olssuph Iwanowitsch?“ fragte er den Bedienten, der ihm die Tür öffnete.
„Zu Haus ... das heißt nein, der Herr sind nicht zu Haus.“
„Wie? Was sagst du, mein Lieber? Ich – ich bin eingeladen, mein Bester.
Du kennst mich doch?“
„Wie denn nicht! Aber ich habe Befehl, den Herrn nicht zu empfangen.“
„Wie ... mein Bester ... du irrst dich gewiß. Ich bin es. Und ich bin
doch eingeladen, ich ... ich komme zum Diner, mein Bester,“ sagte Herr
Goljädkin und warf schnell seinen Paletot ab, in der deutlichen Absicht,
sogleich die Zimmer zu betreten.
„Verzeihen der Herr, das geht nicht. Ich habe Befehl, den Herrn nicht
eintreten zu lassen, man will den Herrn nicht empfangen. Ich habe
Befehl!“
Herr Goljädkin erbleichte. Da ging eine Tür auf und Gerassimowitsch, der
alte Diener Olssuph Iwanowitschs, erschien.
„Da sehen Sie, Jemeljan Gerassimowitsch, der Herr will eintreten, ich
aber ...“
„Sie aber sind ein Dummkopf, Alexejewitsch. Gehen Sie und schicken Sie
den Schuft Ssemjonytsch her. – Entschuldigen Sie,“ wandte er sich darauf
höflich, doch in sehr bestimmtem Tone an Herrn Goljädkin, „es geht
nicht. Es ist ganz unmöglich. Man läßt sich entschuldigen, man kann
nicht empfangen.“
„Ist Ihnen das gesagt worden, daß man nicht empfangen kann?“ fragte Herr
Goljädkin unentschlossen. „Verzeihen Sie, Gerassimowitsch, aber weshalb
kann man denn nicht?“
„Es geht nicht. Ich habe angemeldet; darauf wurde mir gesagt: bitte, zu
entschuldigen. Es ist unmöglich.“
„Aber weshalb denn? Wie ist denn das? Wie ...“
„Erlauben Sie, erlauben Sie ...“
„Aber weshalb, warum denn nicht? Das geht doch nicht so! Melden Sie ...
Was soll denn das heißen! Ich bin zum Diner ...“
„Erlauben Sie, erlauben Sie! ...“
„Nun ja, freilich, das ist eine andere Sache – wenn man zu entschuldigen
bittet. Aber wie ist denn das, Gerassimowitsch, das ... so erklären Sie
mir doch! ...“
„Erlauben Sie, erlauben Sie!“ unterbrach ihn wieder Gerassimowitsch,
indem er ihn recht nachdrücklich mit dem Arm zur Seite schob, um zwei
Herren eintreten zu lassen. Die Eintretenden waren: Andrej
Philippowitsch und sein Neffe Wladimir Ssemjonowitsch. Beide blickten
sehr verwundert Herrn Goljädkin an.
Andrej Philippowitsch machte bereits Miene, ihn anzureden, doch Herr
Goljädkin hatte seinen Entschluß schon gefaßt: er trat schnell aus dem
Vorzimmer und sagte gesenkten Blicks, rot und mit einem Lächeln in dem
verwirrten Gesicht:
„Ich komme später, Gerassimowitsch, ich werde ... ich hoffe, daß alles
sich bald aufklären wird,“ sagte er vom Treppenflur aus ...
„Jakoff Petrowitsch, Jakoff Petrowitsch ...“ ertönte die Stimme Andrej
Philippowitschs.
Herr Goljädkin hatte schon den ersten Treppenabsatz erreicht. Er wandte
sich schnell zurück und sah hinauf zu Andrej Philippowitsch.
„Was wünschen Sie, Andrej Philippowitsch?“ fragte er ziemlich scharf.
„Was ist das mit Ihnen, Jakoff Petrowitsch? Was ist hier ...“
„Nichts, Andrej Philippowitsch. Ich gehe hier niemanden etwas an. Das
ist meine Privatangelegenheit, Andrej Philippowitsch.“
„Wa–as?“
„Ich sage Ihnen, Andrej Philippowitsch, daß das mein Privatleben ist,
und daß man, wie mir scheint, hinsichtlich meiner offiziellen
Beziehungen hier, nichts Tadelnswertes finden kann.“
„Was! Was reden Sie da ... hinsichtlich Ihrer offiziellen ... Was ist
mit Ihnen geschehen, mein Herr?“
„Nichts, Andrej Philippowitsch, ganz und gar nichts ... ein verzogenes
Mädchen, nichts weiter ...“
„Was ... Was?“ Andrej Philippowitsch wußte nicht, was er vor lauter
Verwunderung denken sollte.
Herr Goljädkin, der, während er mit Andrej Philippowitsch sprach, auf
dem Treppenabsatz von unten nach oben blickte und so aussah, als wolle
er seinem Abteilungschef jeden Augenblick ins Gesicht springen, trat,
als er dessen Verwirrung gewahrte, eine Stufe höher. Andrej
Philippowitsch wich etwas zurück. Herr Goljädkin stieg wieder eine und
dann noch eine Stufe höher – Andrej Philippowitsch blickte sich unruhig
um. Da sprang Herr Goljädkin plötzlich schnell noch über die anderen
Stufen hinauf – doch noch schneller sprang Andrej Philippowitsch zurück
ins Vorzimmer und schlug die Tür hinter sich zu. Herr Goljädkin sah sich
allein im Treppenhaus. Es wurde ihm dunkel vor den Augen. Ohne einen
Gedanken im Kopf, stand er, scheinbar in Nachdenken versunken,
regungslos auf einem Fleck. Oder vielleicht dachte er doch an eine
ähnliche Situation, in der er sich vor kurzer Zeit befunden hatte?
Er flüsterte dann etwas vor sich hin, das halbwegs wie ein Seufzer
klang, und zwang sich zu einem schmerzlichen Lächeln. Da vernahm er
plötzlich Stimmen und Schritte, unten auf der Treppe – Gäste, die
Olssuph Iwanowitsch eingeladen hatte. Herr Goljädkin kam wieder zu sich,
klappte schnell den Waschbärkragen an seinem Herbstpaletot auf, um nicht
erkannt zu werden, und begann, stolpernd, unsicher, zitternd und bebend
die Treppe hinabzusteigen. Er fühlte eine große Schwäche in sich, eine
gewisse Abgetaubtheit in allen Gliedern. Er wäre nicht imstande gewesen,
ein lautes Wort zu sprechen. Als er hinaustrat, war er noch so verwirrt,
daß er nicht wartete, bis seine Equipage vorfuhr, sondern selbst über
den schmutzigen Hof zu ihr hin ging. Im Begriff, einzusteigen, empfand
Herr Goljädkin plötzlich den größten Wunsch, in die Erde zu versinken
oder mitsamt der Equipage in ein Mauseloch zu verschwinden, denn es
schien ihm, oder richtiger, er fühlte und wußte plötzlich mit tödlicher
Sicherheit, daß jetzt alles, was es an Lebewesen in der Wohnung Olssuph
Iwanowitschs gab, an den Fenstern stand und ihn mit den Blicken
verfolgte. Und er wußte auch, daß er auf der Stelle tot hinfallen würde,
wenn er sich jetzt nach diesen Fenstern umsehen würde.
„Was lachst du, Tölpel?“ fuhr er Petruschka an, der ihm beim Einsteigen
helfen wollte.
„Worüber soll ich denn lachen? Wohin jetzt?“
„Nach Hause, sofort ...“
„Zurück nach Hause!“ rief Petruschka dem Kutscher zu und kletterte auf
seinen Dienersitz.
„Wie der Kerl krähen kann!“ dachte Herr Goljädkin wütend.
Die Equipage hatte inzwischen schon die Ismailoffbrücke erreicht.
Plötzlich griff unser Held nach der Schnur, riß an ihr wie ein
Verzweifelter und schrie seinem Kutscher zu, daß er wieder umkehren
solle. Der Kutscher wendete die Pferde und nach kaum zwei Minuten fuhr
die Equipage wieder auf den Hof zu Olssuph Iwanowitsch.
„Nicht, nicht, zurück, Esel, zurück!“ schrie plötzlich Herr Goljädkin,
der Kutscher aber schien diesen Gegenbefehl schon vorausgesehen zu
haben: denn ohne ein Wort des Widerspruchs und ohne vor dem Portal
anzuhalten, fuhr er rund um den Hof und wieder hinaus auf die Straße.
Herr Goljädkin aber fuhr nicht nach Hause, sondern befahl, nicht weit
von der Ssemjonoffbrücke, in eine kleine Querstraße einzubiegen und vor
einem Restaurant von recht unansehnlichem Aussehen zu halten. Dort stieg
er aus, bezahlte den Kutscher und wurde auf diese Weise seine Equipage
los. Petruschka schickte er nach Hause, wo er ihn erwarten sollte. Dann
trat er ins Restaurant, wünschte ein Zimmer für sich und bestellte ein
Mittagessen. Er fühlte sich sehr schlecht. In seinem Kopf war ein
einziges Chaos. Lange ging er im Zimmer erregt auf und ab: endlich
setzte er sich auf einen Stuhl, stützte den Kopf in die Hände und nahm
sich mit aller Gewalt zusammen, um über seine gegenwärtige Situation
nachzudenken und irgendeinen Entschluß zu fassen.