IV.

Das Fest, das feierliche Fest, das zu Ehren des Geburtstages Klara

Olssuphjewnas, der einzigen Tochter des Staatsrats Berendejeff, der

seinerzeit Herrn Goljädkins Gönner gewesen war, stattfand und durch ein

glänzendes Diner eröffnet wurde, – ein Diner, wie es die Wände der

Beamtenwohnungen an der Ismailoffbrücke und im näheren Umkreise daselbst

noch nicht gesehen hatten, das eher an ein Krönungsmahl Belsazars als an

ein Diner zu Ehren eines einzelnen Geburtstagskindes erinnerte – zumal

ihm hinsichtlich des Glanzes, der Pracht und der Delikatessen, unter

denen sich Champagner, Austern und Früchte von Jekissejeff und

Miljutin[11] befanden, entschieden etwas Babylonisches anhaftete, –

dieses feierliche Fest, das durch ein so feierliches Diner eröffnet

wurde, sollte seinen Abschluß finden in einem glänzenden Ball, der nach

Zahl und Rang der Tanzenden zwar nur ein kleiner Familienball war, zu

dem man noch die nächsten Bekannten hinzugezogen hatte, der aber nach

dem Geschmack, der bei ihm entwickelt wurde, immerhin als glänzend

bezeichnet werden mußte.

Ich gebe natürlich ohne weiteres zu, daß solche Bälle auch anderweitig

gegeben werden, jedoch – selten. Solche Bälle, die eher einem

Familienfreudenfeste gleichen, als dem, was man so Bälle nennt, können

nur in solchen Häusern gegeben werden, wie es das Haus des Staatsrats

Berendejeff ist. Ja, ich bezweifle sogar sehr, daß alle Staatsräte sich

solche Bälle leisten können. O, wäre ich doch ein Dichter! – doch,

versteht sich, mindestens einer wie Homer oder Puschkin, denn mit einer

geringeren Begabung dürfte man sich an diese Aufgabe gar nicht

heranwagen – also: wäre ich ein Dichter, dann, meine verehrten Leser!

dann würde ich Ihnen in leuchtenden Farben mit kühnem Pinsel diesen

ganzen hochfeierlichen Tag zu schildern versuchen. Oder nein, ich würde

meine Schilderung mit dem Diner beginnen, und zwar gerade mit jenem

weihevollen Augenblick, in dem das erste Glas auf das Wohl der Königin

des Festes geleert wurde. Ich würde Ihnen diese Gäste schildern, die in

andächtigem Schweigen erwartungsvoll verharrten, in einem Schweigen, das

mehr der Beredsamkeit eines Demosthenes glich, als – nun, als einem

Schweigen. Ich würde Ihnen diesen Andrej Philippowitsch schildern, der

als ältester unter den Gästen ein gewisses Recht auf den Vorrang hatte,

wie er sich im Schmuck seines Silberhaares und der entsprechenden Orden

auf der Brust von seinem Platze erhob und zum Kelch mit dem funkelnden

Weine griff – mit dem Weine, der aus einem fernen Königreich

herbeigeschafft war, um so erhabenen Augenblicken erst die rechte Weihe

zu verleihen, – mit dem Weine, der eher dem Nektar der Götter gleicht,

als irdischem Rebensaft. Ich würde Ihnen die glücklichen Eltern der

Königin des Festes und die Schar ihrer Gäste schildern, die, dem

Beispiel Andrej Philippowitschs folgend, gleichfalls zu ihren Gläsern

griffen und die erwartungsvollen Blicke auf den Redner hefteten. Ich

würde Ihnen schildern, wie dieser oft genannte Andrej Philippowitsch mit

geradezu tränenfeuchten Augen toastete und auf das Wohl des

Geburtstagskindes trank ... Doch, wäre ich auch der größte Dichter, nie

würde meine Kunst ausreichen, um die ganze Weihe dieses Augenblicks zu

geben, als die Königin des Festes, Klara Olssuphjewna selbst, mit dem

Rosenhauch der Seligkeit und jungfräulichen Verschämtheit auf dem

lieblichen Antlitz, der Mutter im Überschwang der Gefühle in die Arme

sank, wie die zärtliche Mutter vor Rührung leise zu weinen begann und

wie bei der Gelegenheit dem Vater und Herrn des Hauses, dem ehrwürdigen

Greise und Staatsrat Olssuph Iwanowitsch, den der langjährige Dienst der

Gehfähigkeit beraubt und den dafür das Schicksal mit einem Vermögen,

einem großen Hause, mehreren Gütern und einer so schönen Tochter belohnt

hatte – wie diesem ehrwürdigen Greise, sage ich, vor lauter

Ergriffenheit die Tränen über die Wangen rollten, und wie er mit

zitternder Stimme stammelte, Seine Exzellenz sei ein guter Mensch. Ich

brächte es nicht fertig, Ihnen die diesem Anblick unverzüglich folgende

allgemeine Herzerhebung wahrheitsgetreu zu schildern, – diese

eigenartige Stimmung, die sich sogar in dem Benehmen eines jungen

Registrators äußerte, der – obschon er in diesem Augenblick mehr wie ein

Staatsrat als wie ein Registrator aussah – gleichfalls seine Rührung

nicht zu unterdrücken vermochte und seine Augen feucht werden fühlte.

Andrej Philippowitsch dagegen sah in seiner Ergriffenheit keineswegs

nach einem Staatsrat und Abteilungschef aus, sondern nach ganz etwas

anderem ... nur vermag ich nicht zu sagen, wonach eigentlich – aber

jedenfalls nicht nach einem Staatsrat. Er war etwas Höheres! Und dann

... O! Mir fehlen all die großen, feierlichen Worte, deren man in erster

Linie bedarf, um jene wundervollen erhebenden Augenblicke wiederzugeben,

die gleichsam zum Beweise dessen geschaffen sind, daß und wie mitunter

die Tugend über jede Art von Schlechtigkeit, Freidenkerei, Laster und

Neid den Sieg davonträgt! Ich will nichts weiter darüber sagen, und nur

schweigend – das sagt mehr, als es Worte vermöchten – auf jenen

glücklichen Jüngling hinweisen, der sechsundzwanzig Lenze zählt, auf

jenen Neffen Andrej Philippowitschs, den jungen Wladimir Ssemjonowitsch,

der sich nun gleichfalls erhob und gleichfalls toastete, während auf ihm

die tränenfeuchten Blicke der Eltern des Geburtstagskindes ruhten, die

stolzen Blicke Andrej Philippowitschs, die verschämten der Königin des

Festes, die begeisterten der Gäste und die noch in bescheidenen Grenzen

zurückgehalten neidischen Blicke einiger jungen Kollegen dieses

ausgezeichneten Jünglings. Ich will nichts weiter sagen, obwohl ich

nicht umhin kann, zu bemerken, daß in besagtem Jüngling, – der übrigens

eher an einen Greis erinnerte, als an einen Jüngling, wenn auch in einem

für ihn vorteilhaften Sinne des Wortes – in dieser feierlichen Minute

alles, von seinen blühenden Wangen bis zu seinem jüngst erworbenen

Assessortitel, förmlich vernehmbar sprach: seht, bis zu welch einer Höhe

Tüchtigkeit, Ordentlichkeit, Sittsamkeit einen Menschen emporheben

können! Ich will nicht weiter beschreiben, wie zu guter Letzt Anton

Antonowitsch Ssjetotschkin, ein Kollege Andrej Philippowitschs und einst

auch Olssuph Iwanowitschs, der außerdem ein alter Hausfreund und

Taufvater Klara Olssuphjewnas war, – ein Greis mit weichem Silberhaar –

nun auch seinerseits eine Rede halten wollte und mit einer Stimme wie

ein krähender Hahn fröhliche Knüttelverse vorbrachte; wie er dadurch,

daß er, wenn man sich so ausdrücken darf, anständiger Weise jeden

Anstand vergaß, die ganze Gesellschaft bis zu Tränen erheiterte, und wie

Klara Olssuphjewna ihn zum Dank für diesen liebenswürdigen Beitrag auf

Wunsch der Eltern einen Kuß gab. Ich begnüge mich damit, nur anzudeuten,

daß die Gäste, die sich nach einem solchen Mahle naturgemäß einander

nahestehend und verbrüdert fühlen mußten, zum Schluß doch vom Tisch

aufstanden, daß die älteren Jahrgänge und solideren Leute sich nach

kurzem Herumstehen in plaudernden Gruppen in ein anderes Zimmer

zurückzogen, wo sie, um die kostbare Zeit nicht zu verlieren, sogleich

an den Spieltischen Platz nahmen und würdevoll die Karten zu mischen

begannen; daß die Damen, die sich im Saal versammelt hatten, alle

ungeheuer liebenswürdig waren und sich alsbald lebhaft über die

verschiedensten Dinge unterhielten; daß endlich der hochverehrte

Gastgeber unter Zuhilfenahme von Krücken und auf Wladimir Ssemjonowitsch

und Klara Olssuphjewna gestützt, im Saal unter den Damen erschien, und,

da Liebenswürdigkeit ansteckend ist, gleichfalls sehr liebenswürdig

wurde und sich entschloß, einen bescheidenen, kleinen Ball zu

improvisieren, trotz der Unkosten, die ein solcher verursacht; daß zu

diesem Zweck ein gewandter Jüngling, nämlich derselbe Wladimir

Ssemjonowitsch, persönlich nach Musikanten geschickt wurde, und wie

dann, als diese – ganze elf an der Zahl – erschienen waren, um halb neun

Uhr abends die erste Aufforderung zum Tanz in den lockenden Tönen einer

französischen Quadrille erklang, der die weiteren Tänze folgten ... Es

versteht sich wohl von selbst, daß meine Feder zu schwach und zu stumpf

ist, um, wie es sich gehört, diesen durch die Liebenswürdigkeit des

greisen Gastgebers veranstalteten Ball zu schildern. Ja, und wie könnte

ich, frage ich, wie könnte ich, der bescheidene Erzähler der in ihrer

Art gewiß sehr beachtenswerten Erlebnisse Herrn Goljädkins, – wie könnte

ich diese außergewöhnliche Mischung von Schönheit, Vornehmheit und

Heiterkeit, von liebenswürdiger Solidität und solider Liebenswürdigkeit,

von Schelmerei und Freude, alle die Reize dieser Beamtendamen, die eher

Feen als Damen glichen – mit ihren rosa angehauchten Lilienschultern und

Gesichtchen, mit ihren himmlischen Gestalten und reizend hervorlugenden

Füßchen –: ja, wie könnte ich alles das schildern? Wie könnte ich diese

glänzenden Kavaliere schildern, wie sie heiter und wohlerzogen, gesetzt,

gutmütig, aufgeräumt und anstandsvoll, ein wenig benebelt dastanden, in

den Tanzpausen rauchten, oder auch nicht rauchten, und sich in ein

fernes grünes Zimmerchen zurückzogen, – wie diese Herren Beamten, die

alle, ausnahmslos, einen Rang und zumeist auch eine Familie besaßen, –

wie diese jungen Offiziere, die von den Begriffen der Eleganz und den

Gefühlen des Selbstbewußtseins tief durchdrungen waren, die mit ihren

Damen größtenteils nur Französisch sprachen, oder, falls es Russisch

war, dann doch nur in den höchsten Ausdrücken, so wie sich das bei

Komplimenten und tiefsinnigen gesellschaftlichen Phrasen von selbst

versteht, – wie diese Dandys, die sich nur im Rauchzimmer einige

liebenswürdige Abweichungen von besagtem hohen Tone erlaubten und sich

in freundschaftlicher Kürze ausdrückten, in Redewendungen, wie z. B.:

„Eh, du Petjka, hast ja den Walzer wie geschmiert getanzt!“ oder: „Na,

du, Wassjä, scheinst ja bei deiner Dame großartig abgeschnitten zu

haben!“ Alles das zu schildern, meine verehrten Leser, dazu reicht, wie

gesagt, meine Begabung nicht aus, und deshalb schweige ich lieber.

Wenden wir uns daher wieder Herrn Goljädkin zu, dem wirklichen und

einzigen Helden unserer durchaus wahrheitsgetreuen Erzählung.

Herr Goljädkin befand sich währenddessen in einer, sagen wir kurz, sehr

seltsamen Lage. Er hielt sich nämlich gleichfalls dort auf, d. h. er war

nicht gerade auf dem Ball, aber genau genommen doch so gut wie auf dem

Ball. Er war wie immer ein freier Mensch, ein Mensch für sich, und ging

niemanden etwas an. Nur stand er, während man dort oben tanzte, nicht –

wie soll ich sagen – nicht ganz gerade. Er stand nämlich – es ist etwas

peinlich, das zu sagen – er stand nämlich währenddessen im Flur der

Küchentreppe des Hauses. Es hatte das nichts weiter auf sich, daß er

dort stand: er war auch dort ein freier Mensch, ein Mensch für sich, wie

immer. Er stand, meine verehrten Leser, er stand in einem Winkel, in dem

es zwar nicht gerade wärmer, doch dafür etwas dunkler war, stand

halbwegs verborgen hinter einem großen Schrank und einem alten

Wandschirm, stand zwischen verschiedenem Gerümpel, Hausgerät und anderem

Kram, und wartete vorläufig nur die Zeit ab, gewissermaßen wie ein

müßiger Zuschauer, dem das Schauspiel selbst nicht sichtbar ist. Er

wartete und beobachtete – ja, meine verehrten Leser – er wartete und

beobachtete vorläufig nur. Übrigens konnte er jeden Augenblick

gleichfalls eintreten ... warum auch nicht? Er brauchte nur aus seinem

Versteck hervorzukommen und weiterzugehen: und er kam wie jeder andere

in den Saal, mit der größten Leichtigkeit. Indessen aber – während er

dort schon die dritte Stunde in der Kälte stand, eingekeilt zwischen der

Wand, dem Schrank und dem Schirm und neben verschiedenem Gerümpel,

Hausgerät und anderen Sachen – zitierte er in einem fort, wenn auch bloß

in Gedanken, sich zum Trost und zur Rechtfertigung seiner

Handlungsweise, einen Ausspruch des französischen Ministers Villèle

seligen Angedenkens, daß nämlich „alles zu seiner Zeit an die Reihe

komme, wenn man nur die Geduld zum Abwarten habe“. Diesen Ausspruch

hatte Herr Goljädkin einst in einem übrigens ganz belanglosen Buch

gelesen und sich gemerkt, weshalb er ihn sich denn jetzt, und zwar sehr

zur rechten Zeit, wieder ins Gedächtnis rufen konnte. Erstens paßte

dieser Ausspruch ganz vortrefflich zu seiner augenblicklichen Lage, und

zweitens, was kommt einem Menschen schließlich nicht in den Sinn, wenn

er in einem Treppenflur, in Dunkelheit und Kälte, drei Stunden lang auf

den glücklichen Ausgang seines Vorhabens wartet?

Während Herr Goljädkin, wie gesagt, sehr zur rechten Zeit den passenden

Ausspruch zitierte, fiel ihm gleichzeitig aus einem unbekannten Grunde

die Lebensgeschichte des einstigen türkischen Wesirs Marzimiris ein, und

gleich darauf diejenige der schönen Markgräfin Louise, deren Biographie

er gleichfalls einmal gelesen hatte. Dann fiel ihm auch noch ein, daß

die Jesuiten nach dem Grundsatz zu handeln pflegten, daß jedes Mittel

durch den Zweck geheiligt werde, daß man also jedes Mittel anwenden

könne, wenn man damit nur das Ziel erreiche. Diese historische Tatsache

flößte Herrn Goljädkin eine gewisse Hoffnung ein, doch schon im nächsten

Augenblick meinte er – „Ach was, Jesuiten!“ – die Jesuiten, die könne er

allesamt ins Bockshorn jagen, die seien dümmer als dumm. Wenn sich nur

das Büfettzimmer auf einen Augenblick leeren wollte (das Zimmer, von dem

aus eine kleine Tür unmittelbar nach dem Flur führte, in dem Herr

Goljädkin sich aufhielt), dann würde er ganz ohne alle Jesuiten, nämlich

ohne weiteres – dort eintreten und schnurstracks durch das Büfettzimmer

ins Teezimmer gehen und von dort durch das Zimmer, in dem man Karten

spielte, und von dort weiter in den Saal, in dem getanzt wurde. Und er

würde hindurch gehen, würde tatsächlich und ohne jede Rücksicht oder

irgendwelche Bedenken, ungeachtet aller Hindernisse, hindurchgehen –

würde einfach so durchschlüpfen, im Handumdrehen, und, noch eh’ ihn

jemand bemerkte, mitten im Saal stehen! Dort aber – o! was er dann dort

zu machen hatte, das wußte er selbst schon ganz genau.

Also in einem solchen Zustande befand sich unser Held, obschon es

übrigens schwer zu erklären wäre, was alles während des Wartens in ihm

vorging. Die Sache war nämlich die, daß er bis zum Hause und bis in den

Treppenflur den Weg glücklich gefunden hatte: weshalb, fragte er sich,

sollte er ihn auch nicht finden? – weshalb sollte er nicht eintreten,

wenn doch alle anderen eintraten? So kam er bis in den Flur, doch weiter

wagte er nicht vorzudringen, wagte es wenigstens nicht offen und allen

sichtbar ... aber das nicht etwa deshalb, weil er es nicht _wagte_,

sondern so, weil er es eben selbst nicht wollte, weil er lieber kein

Aufsehen erregte – nur das war der Grund. Und da wartete er eben,

wartete ganz mäuschenstill geschlagene drei Stunden. Weshalb sollte er

auch nicht warten? Hat doch auch Villèle gewartet!

„Ach was, Villèle!“ dachte Herr Goljädkin, „was hat Villèle damit zu

schaffen! Aber wie könnte ich jetzt ... einfach dort eintreten? ... Ach

du Eckensteher, du vermaledeiter!“ verwünschte er sich selbst, samt

seinem Kleinmut, und kniff sich vor Wut mit der steifgefrorenen Hand in

die steifgefrorene Wange, „du Narr, der du bist, du elender

Goljädka[12], da hat dich das Schicksal grad’ richtig benannt, indem es

dir einen solchen Namen gab! ...“

Übrigens waren diese Schmeicheleien, mit denen er sich plötzlich selbst

bedachte, nur so eine zeitweilige kleine Gedankenverirrung, ohne jeden

sichtbaren Zweck oder besonderen Grund.

Dann wagte er sich ein wenig aus seinem Versteck hervor und schlich zur

Tür: der Augenblick war günstig – im Büfettzimmer war kein Mensch. Herr

Goljädkin sah das alles durch das kleine Fenster der Tür. Schon legte er

die Hand auf die Klinke, um zu öffnen und schnell hineinzuschlüpfen –

doch plötzlich fragte er sich:

„Soll ich? ... Soll ich eintreten oder lieber nicht? ... Ach was, ich

trete ein! ... weshalb sollte ich denn nicht? Dem Mutigen gehört die

Welt!“

Doch als er sich damit schon angefeuert und ermuntert hatte – flüchtete

er plötzlich, für ihn selbst ganz unerwartet, wieder hinter den Schirm

zurück.

„Nein,“ dachte er, „wenn nun jemand in das Zimmer kommt? Da haben wir’s!

– da sind richtig welche eingetreten. Worauf wartete ich denn, als

niemand dort war? Warum trat ich nicht ein? Wenn man doch so ... ganz

einfach sich ein Herz fassen und ohne weiteres und geradezu

hineindringen könnte! ... Ja, schön gesagt, wenn der Mensch nun einmal

solch einen Charakter hat! Daß es doch solch eine Veranlagung geben muß!

Da ist dir das Herz wieder gleich in die Hühnerbeine gefallen! Ja, den

Mut verlieren, das ist eben alles, was unsereiner kann. Nichts

ausrichten oder alles verpfuschen – das einzig Mögliche! Das können wir!

Jetzt steh’ hier wie ein Tölpel und sieh zu, was aus dir wird! Zu Haus

könnte man jetzt ein Täßchen Tee trinken ... Das wäre eigentlich ganz

angenehm. So aber – spät zurückkehren? ... Petruschka würde brummen ...

Soll ich nicht einfach jetzt gleich nach Haus gehen? Der Teufel hole die

ganze Geschichte! Ich gehe nach Haus und damit basta!“

Doch kaum hatte Herr Goljädkin diesen Entschluß gefaßt, als er plötzlich

schon an der Tür stand, mit zwei Schritten in das Büfettzimmer

schlüpfte, Paletot und Hut abwarf und beides schnell irgendwohin in

einen Winkel stopfte, schnell an seinen Kleidern rückte und sich umsah:

dann ... dann schlich er leise in das Teezimmer, von dort schlüpfte er

fast unbemerkt durch das Spielzimmer – es gingen gerade ein paar andere

Herren an den Tischen vorüber, – und dann ... dann ... ja dann vergaß

Herr Goljädkin alles, was ringsum war oder geschah, und befand sich im

Saal.

Zum Unglück wurde in dem Augenblick gerade nicht getanzt. Die Damen

saßen oder gingen umher in malerischen Gruppen. Die Herren standen hier

und dort in leiser Unterhaltung beisammen oder forderten Damen zum

nächsten Tanz auf. Herr Goljädkin bemerkte jedoch nichts davon. Er sah

nur Klara Olssuphjewna, neben ihr Andrej Philippowitsch und Wladimir

Ssemjonowitsch, dann noch zwei oder drei Offiziere – und vielleicht ein

paar junge Beamte, die alle, wie man auf den ersten Blick erkennen

konnte, hinsichtlich ihrer Laufbahn zu den verschiedensten Hoffnungen

berechtigten ... Vielleicht sah er auch noch ein paar andere Gestalten.

Oder nein: er sah eigentlich nichts, oder doch so gut wie nichts,

wenigstens sah er niemanden an, und bewegte sich nicht aus eigener

Kraft, sondern gleichsam einer fremden folgend, die ihn, ohne nach

seinem Willen zu fragen, obschon er ganz entschieden keinen eigenen mehr

besaß, immer weiter schob, immer weiter, und durch die er, indem er ihr

folgte, auf diese Weise unaufgefordert in einem fremden Ballsaal

erschien. Da ihm aber alle Sinne zu vergehen drohten, oder vielleicht

auch schon mehr oder weniger vergangen waren, trat er versehentlich

einem Geheimrat auf den Fuß, trat auf die Schleppe einer ehrwürdigen

Matrone, verwickelte sich mit den Füßen in einer Spitzengarnitur, der er

etliche Risse beibrachte, stieß stolpernd an einen Diener, der mit einem

Präsentierteller an ihm vorüberging, stieß vielleicht noch jemanden,

ohne es selbst zu gewahren, oder richtiger, ohne alle die einzelnen

Unglücksfälle noch auseinanderhalten zu können, – bis er plötzlich nur

eines begriff: daß er vor Klara Olssuphjewna stand. Zweifellos wäre er

in diesem Augenblick mit der größten Bereitwilligkeit in den Boden

versunken: doch was nicht geht, das geht nun einmal nicht, ebensowenig

wie Geschehenes sich ungeschehen machen läßt. Was sollte er tun?

Mißlingt es, dann ... – Wo waren seine Grundsätze? Wie waren sie?

Jedenfalls war Herr Goljädkin – darin hatte er vollkommen recht – kein

Meister in der Kunst, das Parkett mit den Stiefelsohlen zu polieren ...

Möglich, daß er daran dachte ... vielleicht kamen ihm auch die Jesuiten

in den Sinn ...

Alles, was dort ringsum ging und stand und plauderte und lachte –

verstummte plötzlich wie durch einen Zauberschlag. Man sah sich um, man

fragte sich mit den Blicken, aller Augen richteten sich auf ihn, und

allmählich drängte man sich näher. Herr Goljädkin sah und hörte selbst

nichts davon – er stand und sah zu Boden und gab sich sein Ehrenwort,

daß er sich noch in dieser Nacht erschießen werde. Und nachdem er sich

sein Ehrenwort gegeben, dachte er: „Nun komme, was wolle!“ Doch

plötzlich vernahm er zu seiner eigenen größten Verwunderung, daß er zu

sprechen begann.

Er begann mit der üblichen Gratulation und dann folgten einige sogar

sehr geschickte und vernünftige Worte, mit denen er ihr Glück und alles

Gute wünschte. Die Gratulation ging tadellos vonstatten, doch bei den

Wünschen wurde er unsicher – wurde er unsicher und fühlte, daß er,

sobald er nur einmal stockte, dann überhaupt nicht weiter können würde,

und ... und so stockte er denn auch und konnte – konnte in der Tat nicht

mehr weiter ... und alles ging zum Teufel. Er stand ... und errötete!

Hochrot stand er da und wußte sich nicht zu helfen ... und in seiner

Hilflosigkeit sah er plötzlich auf und sah und – erstarrte ... Alles

stand, alles schwieg, alles wartete: unter den Fernerstehenden erhob

sich ein Geflüster, unter den Näherstehenden leises Gelächter. Herr

Goljädkin warf einen verlorenen Blick auf Andrej Philippowitsch, doch

der Blick, der ihn aus dessen Augen traf, war derart, daß er unseren

Helden, wenn er nicht ohnehin schon tot, vollkommen tot gewesen wäre,

auf der Stelle getötet hätte. Alles schwieg.

„Das ... das gehört zu meinen persönlichen Angelegenheiten und fällt in

mein Privatleben, Andrej Philippowitsch,“ brachte Herr Goljädkin kaum

hörbar hervor, „das ist kein dienstliches Erlebnis, Andrej

Philippowitsch ...“

„Schämen Sie sich, mein Herr, schämen Sie sich!“ sagte Andrej

Philippowitsch halblaut mit einem unbeschreiblichen Ausdruck des

Unwillens, – sagte es, reichte Klara Olssuphjewna den Arm und führte sie

fort von Herrn Goljädkin.

„Ich brauche mich nicht zu schämen, Andrej Philippowitsch,“ erwiderte

Herr Goljädkin leise, sah auf und ließ seinen unglücklichen Blick über

die Umgebung irren, als wolle er sich zunächst über seine eigentliche

Stellung inmitten dieser verwunderten Gesellschaft klar werden.

„Das ... das hat doch nichts zu sagen, meine Herren! Was ist denn dabei?

Nun was, das kann doch einem jeden zustoßen,“ murmelte Herr Goljädkin

kaum verständlich, schüchtern ein wenig zur Seite tretend, um sich der

ihn umringenden Schar zu entziehen.

Man trat vor ihm zurück und gab ihm den Weg frei. So schob sich unser

Held denn zwischen zwei Reihen neugieriger und verwunderter Beobachter

weiter. Das Verhängnis leitete ihn. Herr Goljädkin fühlte es selbst, daß

er dem Verhängnis preisgegeben war. Natürlich hätte er viel darum

gegeben, wenn er jetzt wieder im Flur hinter dem Schrank hätte stehen,

wenn er sich „ohne Verletzung des gesellschaftlichen Anstandes“

unbemerkt wieder dorthin hätte zurückziehen können! Doch da das leider

ausgeschlossen war, so sah er sich nach einer Möglichkeit um, sich

wenigstens im Saal irgendwo zu verstecken oder in einem möglichst

unbeachteten Winkel zu verbergen, um dann dort meinetwegen bis zum

Morgen auszuharren, bescheiden, anständig, ganz für sich, ohne die

geringste Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, ohne jemanden anzurühren,

um auf diese Weise gleichzeitig das Wohlwollen der Gäste wie die

Verzeihung des Hausherrn zu erwerben.

Er hatte übrigens die Empfindung, als untergrübe irgend etwas den Boden,

auf dem er stand, als wanke dieser Boden bereits, als müsse er selbst

sogleich fallen. Endlich erreichte er einen stillen Winkel, in den er

sich zurückzog, worauf er sich bemühte, wie ein fremder Zuschauer

auszusehen, der niemanden etwas anging und der selbst mit ziemlichem

Gleichmut dem Treiben zusah, indem er sich auf die Lehnen zweier Stühle

stützte, die er gewissermaßen wie eine schützende Barrikade festhielt,

während er sich ehrlich bemühte, mit möglichst heiterem Blick die ihn

immer noch anschauenden Gäste Olssuph Iwanowitschs zu betrachten. Von

allen am nächsten stand ihm ein junger, schlanker Offizier, vor dem Herr

Goljädkin sich wie ein richtiger Käfer vorkam.

„Diese beiden Stühle, Herr Leutnant, diese beiden Stühle sind für zwei

Damen bestimmt: der eine für Klara Olssuphjewna, der andere für die

Prinzessin Tschewtschechanowa, – ich stehe hier nur, damit sie nicht von

anderen fortgenommen werden,“ stammelte Herr Goljädkin unter

Herzklopfen, indem er seinen flehenden Blick auf den jungen Leutnant

richtete. Statt einer Antwort wandte sich dieser schweigend mit einem

wahrhaft vernichtenden Lächeln von ihm ab.

Nach dieser verletzenden Zurückweisung auf der einen Seite wollte Herr

Goljädkin auf der anderen Seite sein Glück versuchen, und wandte sich

mit irgendeiner Bemerkung an einen überaus würdevollen Rat, dessen Brust

einer unserer höchsten Orden schmückte. Doch der Herr Rat maß ihn mit

einem Blick, daß Herr Goljädkin glaubte, ihm sei eiskaltes Wasser über

den Rücken gegossen worden. Er verstummte und beschloß, lieber zu

schweigen, um kein weiteres Ärgernis hervorzurufen und mit seinem

Schweigen zu sagen, daß er ein Mensch für sich sei, ein Mensch wie alle

anderen, und daß er sich seiner Meinung nach nichts zuschulden kommen

lasse. Zu diesem Zweck, das heißt um diese Gedanken wortlos

auszudrücken, heftete er seine Blicke auf den Aufschlag seines

Uniformrockes, doch nach einiger Zeit sah er wieder auf und heftete sie

auf einen Herrn von überaus ehrwürdigem Äußeren.

„Dieser Herr trägt eine Perücke,“ dachte Herr Goljädkin, „und wenn man

ihm diese Perücke abnähme, würde man einen vollständig kahlen Kopf

sehen.“

Bei dieser Beobachtung erinnerte sich Herr Goljädkin alles dessen, was

er über die arabischen Emire gelesen hatte: daß sie zum Zeichen ihrer

Verwandtschaft mit Mohammed gleichfalls einen grünen Turban trügen,

unter dem auch nur ein nackter, das heißt haarloser Kopf sichtbar wurde.

Von den Köpfen der Emire sprangen seine Gedanken auf türkische

Pantoffeln über, und bei der Gelegenheit erinnerte er sich noch, daß

Andrej Philippowitsch gewöhnlich Stiefel trug, die mehr bequemen

Pantoffeln glichen, als Stiefeln. Doch allmählich wurde er mit seiner

Umgebung vertrauter und begann, weniger ängstlich, hierhin und dorthin

zu schauen.

„Wenn zum Beispiel dieser Kandelaber plötzlich herabfiele, gerade auf

die versammelte Gesellschaft, so würde ich sogleich zu Klara

Olssuphjewna stürzen und sie retten. Und wenn sie dann in Sicherheit

wäre, würde ich zu ihr sagen: ‚Beunruhigen Sie sich nicht, gnädiges

Fräulein, das hatte nichts auf sich, ich aber bin Ihr Retter.‘ Und dann

...“

Hier blickte Herr Goljädkin nach jener Richtung, in der er Klara

Olssuphjewna zuletzt gesehen hatte, und da erblickte er plötzlich

Gerassimowitsch, den alten Diener Olssuph Iwanowitschs. Gerassimowitsch

kam mit einer besorgten und gewissermaßen offiziell-feierlichen Miene

gerade auf ihn zu. Herr Goljädkin zuckte zusammen und runzelte die Stirn

unter dem jähen Eindruck einer unbestimmten und gleichzeitig sehr

unangenehmen Empfindung. Ganz mechanisch blickte er sich nach beiden

Seiten um: ihm kam nämlich plötzlich der Gedanke, daß es vielleicht sehr

gut und ratsam wäre, sich jetzt schnell und geschickt irgendwie – so ...

zu drücken, daß niemand es bemerkte, – ganz einfach zu verschwinden, als

hätte er nie hier gestanden. Doch noch bevor unser Held sich zu irgend

etwas entschließen oder gar etwas tun konnte, stand dieser

Gerassimowitsch schon vor ihm.

„Sehen Sie dort, Gerassimowitsch,“ wandte sich unser Held mit einem

Lächeln an den alten Diener, „sagen Sie einem von den Dienstboten –

sehen Sie dort die Kerze im Kandelaber? Sie wird sogleich fallen, sie

steht schon ganz schief. Sagen Sie nur schnell, daß man sie wieder

gerade einsetzt – sie wird wirklich sogleich fallen, Gerassimowitsch

...“

„Die Kerze? Nein, die Kerze steht ganz gerade, aber es ist dort jemand,

der Sie sprechen will.“

„Wer ist denn das, Gerassimowitsch?“

„Ja, das weiß ich nicht zu sagen, wer er ist. Ein Mensch, den irgend

jemand geschickt hat. Er fragte, ob Jakoff Petrowitsch Goljädkin hier

sei. So rufen Sie ihn, bat er mich, er müsse Sie in einer sehr wichtigen

und unaufschiebbaren Angelegenheit sprechen ... so sagte er ...“

„Nein, Gerassimowitsch, Sie täuschen sich. Sie werden sich verhört

haben, Gerassimowitsch.“

„Schwerlich ...“

„Nein, Gerassimowitsch, nicht ‚schwerlich‘, in diesem Falle kann es

nicht ‚schwerlich‘ der Fall sein, Gerassimowitsch. Niemand kann hier

nach mir fragen, Gerassimowitsch, niemand kann mich hier sprechen

wollen, ich bin hier ganz allein und für mich, das heißt, ich gehe hier

keinen Menschen etwas an, Gerassimowitsch.“

Herr Goljädkin holte tief Atem und sah sich um. Natürlich! Alles, was im

Saale war, alles hatte sich mit Augen und Ohren ihm zugewandt und

schwieg in nahezu feierlicher Erwartung. Die Herren standen etwas näher

und horchten gespannt, die Damen im Hintergrunde schienen erregt zu

tuscheln. Sogar der Hausherr erschien in Herrn Goljädkins nächster Nähe,

und obschon er äußerlich durch nichts verriet, daß er an den Erlebnissen

Herrn Goljädkins lebhaften und unmittelbaren Anteil nahm, zumal in

dieser Angelegenheit die äußerste Haltung gewahrt werden mußte, so

fühlte und sagte sich unser Held doch unverzüglich, daß der

entscheidende Augenblick für ihn herangekommen war. Herr Goljädkin sah

es deutlich, daß sich ihm jetzt oder nie die Gelegenheit zu einem kühnen

Handstreich bot, die Gelegenheit zur Beschämung und Vernichtung seiner

Feinde. Herr Goljädkin war erregt. Herr Goljädkin empfand plötzlich eine

gewisse Begeisterung und wandte sich wieder an den wartenden

Gerassimowitsch und begann mit zitternder, doch feierlicher Stimme:

„Nein, mein Freund, mich will niemand sprechen. Du irrst dich. Ja, ich

sage noch mehr: du hast dich auch heute vormittag geirrt, als du mir zu

versichern suchtest ... als du es wagtest, mir zu versichern, sage ich“

– Herr Goljädkin erhob die Stimme – „daß Olssuph Iwanowitsch, mein

Wohltäter seit undenklichen Zeiten, der mir in gewissem Sinne den Vater

ersetzt hat, mir in der Stunde der feierlichsten Freude seines

Vaterherzens die Tür habe weisen lassen.“ Herr Goljädkin sah sich

selbstzufrieden, doch mit tiefem Gefühl im Kreise um. In seinen Augen

erglänzten Tränen. „Ich wiederhole es, mein Freund, du hast dich geirrt,

hast dich grausam und unverzeihlich geirrt ...“

Der Augenblick war in der Tat feierlich. Herr Goljädkin fühlte es, daß

seine Rede einen Eindruck, einen großen Eindruck gemacht hatte. Herr

Goljädkin stand, bescheiden den Blick zu Boden gesenkt, und erwartete

die Umarmung Olssuph Iwanowitschs. Unter den Gästen machte sich eine

gewisse Aufregung und Verwunderung bemerkbar, und selbst der

unerschütterliche Gerassimowitsch, der im Begriff war, wieder

„schwerlich“ zu sagen, stockte, noch bevor er es aussprach, und blieb

stumm ... Da setzte plötzlich das Orchester ein und spielte eine

rauschende Polka. Alles zerstob! Herr Goljädkin zuckte zusammen,

Gerassimowitsch zog sich schleunigst zurück, und alles, was im Saal war,

geriet wie ein Meer ins Wogen: da schwebte bereits das erste Paar,

Wladimir Ssemjonowitsch mit Klara Olssuphjewna im Arm, und als zweites

der Leutnant mit Prinzeß Tschewtschechanowa. Die Zuschauer drängten sich

entzückt und begeistert herbei und lächelten vor Lust beim Anblick des

neuen Tanzes – der rauschenden und alle Köpfe verdrehenden Polka.

Herr Goljädkin war vollständig vergessen. Doch nach einiger Zeit geriet

wieder alles durcheinander, der Rhythmus der allgemeinen Bewegung setzte

aus, die Musik verstummte ... Klara Olssuphjewna war atemlos, mit

geröteten Wangen und ganz erschöpft auf einen Stuhl gesunken. Alle

Herzen flogen der bezaubernden Königin des Festes zu, alle eilten zu

ihr, um ihr Komplimente zu sagen und für das Vergnügen, das man beim

Anblick ihres Tanzes empfunden, zu danken, und – da stand auch schon

Herr Goljädkin vor ihr. Er war bleich und sah aus, als wisse er selbst

nicht, was er tat. Er lächelte aus irgendeinem Grunde und schob bittend

den Arm vor, sie zum Tanze auffordernd. Klara Olssuphjewna sah zwar sehr

verwundert zu ihm auf, erhob sich aber ganz mechanisch und legte ebenso

mechanisch die Hand auf seinen Arm. Herr Goljädkin beugte sich nach

vorn, zuerst einmal, dann zum zweiten Male, erhob gleichzeitig einen

Fuß, mit dem er irgendwie nach hinten ausschlug, dann stampfte er

plötzlich auf, und dann ... ja, dann stolperte er über seine eigenen

Beine ... Er hatte gleichfalls mit ihr tanzen wollen! Klara Olssuphjewna

kam plötzlich zu sich und schrie leise auf: im Nu stürzten alle herbei,

um sie von Herrn Goljädkin zu befreien, und im Augenblick sah sich unser

Held mindestens schon zehn Schritte weit von ihr fortgedrängt, sah sich

von einem empörten Kreise umgeben, vernahm das Gekreisch und die Klagen

von zwei alten Damen, die er während seines Rückzuges gestoßen oder

getreten hatte – er wußte es selbst nicht. Die Aufregung war

unbeschreiblich: alles rief, schrie, sprach durcheinander. Das Orchester

verstummte. Unser Held drehte sich im Kreise und lächelte und murmelte

halb bewußtlos allerlei vor sich hin: daß er doch gleichfalls ...

weshalb denn nicht ... die Polka sei ein neuer Tanz und er könne nichts

dafür ... ein Tanz, erfunden zur Unterhaltung und zur Zerstreuung der

Damen ... doch wenn es mit dem Tanzen nun einmal nicht ginge, so sei er

ja bereit, zurückzutreten ... Leider schien sich aber niemand um seine

Bereitwilligkeit zu kümmern. Unser Held fühlte nur, daß eine Hand sich

um seinen Oberarm legte und eine andere kräftig gegen seinen Rücken

drückte und daß man ihn in irgendeiner Richtung weiterschob. Und diese

Richtung war – das sah er plötzlich – die Tür. Herr Goljädkin wollte

irgend etwas sagen, irgend etwas tun ... oder nein, er wollte gar nichts

mehr. Er lächelte nur, lächelte unbewußt. Seine nächste Empfindung war

dann, daß man ihm den Mantel anzog und den Hut auf den Kopf drückte,

irgendwie schief auf die Stirn und in die Augen. Dann befand er sich,

wie ihm schien, einen Moment im Treppenflur, in der Dunkelheit und

Kälte, dann auf der Treppe. Plötzlich stolperte er und glaubte, in einen

Abgrund zu fallen: er wollte gerade aufschreien – doch da stand er schon

auf dem Hof. Die frische Nachtluft wehte ihn an, er stand und fühlte nur

ein Drehen im Kopf. Da vernahm er mit einem Male die gedämpften Klänge

der Musik, die wieder einsetzte. Er zuckte zusammen und plötzlich

erinnerte er sich an alles! Seine Kräfte, die ihn völlig verlassen

hatten, waren wie mit einem Schlage wieder da. Er fuhr auf, griff sich

an den Kopf und stürzte fort, gleichviel wohin, in die Luft, in die

Freiheit, geradeaus – wohin ihn nur die Füße trugen.

Sämtliche Werke 14 · 第 83 / 102 题